Brautwerbungsdichtungen lassen sich in den Literaturen aller Völker wiederfinden. So zeigen sie auch in der mittelhochdeutschen Ependichtung eine Tendenz zum Schematismus. Traditionelle Erzählschemata, wie z.B. Sprachformeln, bestimmte Handlungsmuster und Motive finden hierin Gebrauch.
Minnesänger tragen Liebeslieder mit vergleichbaren klagenden Worten vor, Ritter erleben Abenteuer in ähnlicher Weise oder Könige reisen in ferne Länder, um ihre Braut für sich zu gewinnen.
Aufmerksamkeit erhielt ein mittelhochdeutscher Dichter durch absichtliches Missachten der traditionellen Handlungsmuster. Dies führte zum gezielten Schemabruch, der wiederum auf ein spezifisches Ereignis hinwies ohne es zunächst zu benennen.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich zunächst mit dem Brautwerbungsschema als Erzählstruktur von Schmid-Cadalbert.
Dargestellt werden die Handlungsstruktur sowie die Handlungsrollen. Der Unterschied zwischen der ungefährlichen und gefährlichen Brautwerbung wird im Anschluss daran kurz erläutert.
Anhand des Nibelungenlieds und Gottfrieds von Straßburg Tristan soll geprüft werden, in wie weit die einzelnen Handlungsfiguren ihre Handlungsrollen innerhalb der gegebenen Handlungsstruktur erfüllen. Eventuelle Besonderheiten sollen dabei unter Berücksichtigung der gegebenen Literatur herausgestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Brautwerbungschema in der mittelalterlichen Literatur
2. Handlungsstruktur und –rollen
3. Ungefährliche Brautwerbung
4. Gefährliche Brautwerbung
5. Brautwerbungsschema im Nibelungenlied und Tristan
5.1 Gunthers Werbung um Brünhild im Nibelungenlied
5.2 Markes Werbung um Isolde im Tristan
6. Abschließende Erläuterungen im Vergleich
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Brautwerbungsschema in der mittelalterlichen Ependichtung anhand von zwei zentralen Beispielen. Ziel ist es, mittels einer strukturanalytischen Betrachtung zu prüfen, inwieweit die Handlungsfiguren im Nibelungenlied und in Gottfrieds von Straßburg Tristan ihre Rollen innerhalb der vorgegebenen Erzählstruktur erfüllen oder durch bewusste Schemabrüche neue Bedeutungsebenen erzeugen.
- Analyse der theoretischen Grundlagen des Brautwerbungsschemas nach Schmid-Cadalbert.
- Unterscheidung zwischen ungefährlicher und gefährlicher Brautwerbung.
- Vergleichende Untersuchung der Werbung Gunthers um Brünhild sowie der Werbung Markes um Isolde.
- Rollenkompetenz und Handlungsrollen der beteiligten Akteure (Werber, Braut, Helfer).
- Identifikation von Schemabrüchen und deren Auswirkungen auf die Erzählhandlung.
Auszug aus dem Buch
5.1 Gunthers Werbung um Brünhild im Nibelungenlied (vgl. NL: V. 324 – 686)
Über König Gunther verliert der Erzähler im Gegensatz zu der eingangs ausführlichen Beschreibung Siegfrieds, die ihn sehr früh als Helden herausbildet (vgl. NL: Aventiure 2), nur wenige Worte. Er ist lediglich bekannt als Herrscher (vgl. NL: V.4,2; 53,4; 77,1-2; 140,3). Mit der Beschreibung Gunthers Schwester, der schönen Kriemhild (vgl. NL: V. 2; 3,3; 281-283), und der schönen und überstarken Brünhild (vgl. NL: V. 326-327), wird bereits ein späterer Konflikt angedeutet. Brünhild ist zum einen minneclich (vgl. NL: V. 425,4), zum anderen aber auch daz vreislîche wîp (vgl. NL: V. 655,4), die zugleich mit „riesenhafter Stärke“ ihre eigene Hüterin ist. Sie wird, wie sich im weiteren Verlauf herausstellen wird, daher als Spezialfall innerhalb der schemagebundenen Werbung betrachtet.
Gunther ist ohne Frau. Er hat zwar Brüder, aber keine Erben. Als er von Brünhild hört, will er sogleich um sie werben (vgl. NL: V. 326, 1-3). In der Ratszene (vgl. NL: V. 329-331) wird der Entschluss zu Gunthers Werbung um die ferne und schwer zu erringende Königstochter Brünhild gefasst. „Siegfried kennt die ´vreislîche sit` Brünhilds, dass der Werber bei Nichtbestehen des Kampfes das Leben lassen muss, und rät deswegen dringend davon ab.“ Als starker Sîfrit (vgl. NL: V. 416,2) ist er derjenige, der „mit einem Drachensieg sich die Hornhaut erkämpft, mit dem Sieg über die Nibelungenbrüder die Tarnkappe, das Schwert der Balmung, den Nibelungenhort und die Wünschelrute“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Brautwerbungschema in der mittelalterlichen Literatur: Einführung in die Tendenz zum Schematismus in der mittelhochdeutschen Ependichtung und Vorstellung des Brautwerbungsschemas als Erzählstruktur.
2. Handlungsstruktur und –rollen: Erläuterung der Raumstruktur und der wesentlichen Rollenträger innerhalb des Schemas, wie Werber, Braut, Helfer und Bote.
3. Ungefährliche Brautwerbung: Definition der ungefährlichen Brautwerbung als konfliktloser, staatsorientierter Vorgang ohne Fokus auf die gegenseitige Minne.
4. Gefährliche Brautwerbung: Beschreibung der gefährlichen Brautwerbung, die durch Konflikte, Gewalt oder List gekennzeichnet ist und oft einen außergewöhnlichen Helfer erfordert.
5. Brautwerbungsschema im Nibelungenlied und Tristan: Anwendung der theoretischen Schemata auf die konkreten Beispiele der Brautwerbung von Gunther und Marke.
5.1 Gunthers Werbung um Brünhild im Nibelungenlied: Detaillierte Analyse der Werbung um Brünhild, insbesondere unter Berücksichtigung der Rolle Siegfrieds und der Tarnkappe.
5.2 Markes Werbung um Isolde im Tristan: Untersuchung der Werbung um Isolde im Tristan-Roman unter Einbezug von Tristans Rolle als Werbungshelfer und der Konsequenzen der Botenfahrt.
6. Abschließende Erläuterungen im Vergleich: Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der Rollenkonflikte und der Bedeutung der Helferrolle im Vergleich der beiden Werke.
7. Zusammenfassung: Abschließende Betrachtung, die festhält, dass beide analysierten Fälle Abwandlungen der gefährlichen Brautwerbung darstellen und eine komplexe Rollenverteilung aufweisen.
Schlüsselwörter
Brautwerbungsschema, Nibelungenlied, Tristan, Mittelalterliche Literatur, Handlungsstruktur, Heldenrolle, Minne, Schemabruch, Siegfried, Brünhild, Marke, Isolde, Brautwerbungsdichtung, Erzählstruktur, Rollenverteilung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das literarische "Brautwerbungsschema" in der mittelalterlichen Ependichtung und analysiert, wie zwei berühmte Texte dieses Schema anwenden oder variieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Handlungsstrukturen, die Rollen der Akteure (Werber, Braut, Helfer) sowie die theoretische Unterscheidung zwischen ungefährlicher und gefährlicher Brautwerbung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, durch einen Vergleich von Gunthers Werbung um Brünhild und Markes Werbung um Isolde aufzuzeigen, wie die Handlungsfiguren ihre Rollen innerhalb des Schemas ausfüllen oder durch bewusste Abweichungen den Erzählverlauf prägen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine strukturanalytische Untersuchung, die sich auf theoretische Modelle zur Erzählliteratur stützt und diese auf die Primärtexte anwendet.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die spezifische Analyse des Nibelungenlieds und des Tristan-Romans, wobei die Rollen von Siegfried und Tristan als Helfer besonders detailliert betrachtet werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Brautwerbungsschema, Handlungsrolle, Schemabruch, Minne und die spezifischen Protagonisten der Werke definiert.
Welche Rolle spielt die "Standeslüge" im Nibelungenlied?
Die Standeslüge ist laut der Analyse ein entscheidender Faktor, um die Rolle Siegfrieds als Helfer zu legitimieren und Gunthers Erfolg im Wettkampf zu ermöglichen, was wiederum den späteren Konflikt vorantreibt.
Warum wird im Tristan von einer "Minneehe" gesprochen?
Die Autorin hebt hervor, dass die Minnebeziehung zwischen Tristan und Isolde das klassische Brautwerbungsdreieck in eine Ehebruchs-Situation überführt, was den Tristan-Roman von einem einfachen Brautfahrts-Schema abhebt.
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- Erla Schweitzer (Author), 2012, Das Brautwerbungsschema in der mittelalterlichen Literatur. Das "Nibelungenlied" und "Tristan" im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300451