Die Goldfunde in den Prunkgräbern von Leubingen und Helmsdorf. Unterschiede und Gemeinsamkeiten


Hausarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Prunkgrab von Leubingen

3. Das Goldinventar von Leubingen

4. Das Prunkgrab von Helmsdorf

5. Das Goldinventar von Helmsdorf

6. Vergleich zwischen den Befunden von Leubingen und Helmsdorf

7. Der regionale und überregionale Kontext

8. Die soziologische Interpretation der mitteldeutschen „Fürstengräber“

9. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Abbildungsteil

1. Einleitung

„Denn da sie aus zwar sehr zierlichen, aber billigen tönernen und irdenen Gefäßen essen und trinken, so verfertigen sie aus Gold und Silber Nachtgeschirre und andere zu niedrigstem Gebrauche bestimmte Gefäße für die gemeinschaftlichen Hallen sowohl als für Privathäuser. Überdies werden Ketten und dicke Fesseln für die Sklaven aus diesen Metallen gefertigt. Endlich werden all denen, die durch ein Verbrechen ehrlos geworden sind, goldene Ringe in die Ohren gehenkt, goldene Fingerringe angesteckt, eine goldene Kette um den Hals getan und um den Kopf wird ihnen eine goldene Schnur gebunden. So sorgen sie auf alle Weise dafür, dass Gold und Silber bei ihnen eine schimpfliche Rolle spielen […].“1

Was der englische Humanist Thomas Morus Anfang des 16. Jahrhunderts über das imaginäre Volk der Utopier geschrieben hat, dürfte schon den damaligen Lesern unglaubwürdig erschienen sein. Noch mehr ist das in unserem heutigen, aufgeklärten Zeitalter der Fall, hat uns doch jahrhundertelange ethnologische und historische Forschung den Blick dafür geschärft, welche Beschreibungen fremder Völker als authentisch, und welche als fragwürdig zu kennzeichnen sind. So wissen wir heute, dass die Einstellung zu Edelmetallen, wie sie laut Morus in Utopia vorherrscht, in keinem realen Volk anzutreffen ist. Insbesondere Gold hatte überall, wo Zugang zu diesem Metall bestand, höchsten materiellen und ideellen Wert.

Dass dies nicht nur für die historischen Gesellschaften gilt, sondern auch für die vorgeschichtlichen, dafür sprechen eine Reihe von Befunden. Zunächst einmal ist auffällig, dass Gold schon sehr früh abgebaut und verarbeitet wurde, obwohl es wegen seiner geringen Härte funktional kaum zu gebrauchen ist. Die vorgeschichtlichen Menschen müssen diesem Metall einen nicht-funktionalen Wert zugesprochen haben. Doch worin bestand dieser? Eine Antwort darauf muss natürlich an die Untersuchung konkreter Funde und Befunde geknüpft sein, um nicht in reine Spekulationen zu verfallen.

In der folgenden Arbeit sollen zwei Befunde vorgestellt werden, in denen Erzeugnisse aus Gold eine besondere Rolle gespielt haben, und zwar die sogenannten „Fürstengräber“ von Leubingen und Helmsdorf, die beide in die Frühbronzezeit datieren. Diese Grabbefunde sind wegen vielerlei Aspekte interessant - hier soll sich vor allem auf den jeweils beigegebenen Goldschmuck konzentriert werden.

Nach einer allgemeinen Einführung zum Prunkgrab von Leubingen (Kap. 2) mitsamt seines Goldinventars (Kap. 3) soll ebenso die Bestattung von Helmsdorf (Kap. 4) sowie der darin enthaltene Goldschmuck (Kap. 5) vorgestellt werden. Anschließend sollen beide Befunde systematisch hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede verglichen werden (Kap. 6). Als nächstes wird der Blickwinkel erweitert, und die beiden „Fürstengräber“ in einen regionalen und überregionalen Kontext ähnlicher Funde und Befunde gestellt (Kap. 7). Abschließend wird der Frage nachgegangen, wie sich der Reichtum der beiden frühbronzezeitlichen Bestattungen soziologisch deuten lässt (Kap. 8).

2. Das Prunkgrab von Leubingen

Leubingen liegt heute im Landkreis Sömmerda in Thüringen. Der dortige bronzezeitliche Grabhügel, der noch heute besichtigt werden kann, wurde 1877 durch den Archäologen F. Klopfleisch ausgegraben. Obwohl sich der Ausgräber entschlossen hatte, die Ergebnisse der Ausgrabung selbst zu publizieren, konnte er dieses Vorhaben bis zu seinem Tod 1898 nicht durchführen.2 Erst 1906 veröffentlichte P. Höfer unter Heranziehung der originalen Aufzeichnungen Klopfleischs einen Grabungsbericht.

Zum Zeitpunkt der Ausgrabung 1877 hatte der Hügel von Leubingen eine Höhe von 8,50 m und einen Durchmesser von 34 m.3 Die Schichtung des Hügels4 (Abb. 1) weist an oberster Stelle eine 2 m hohe Begräbnisschicht mit ca. 70 Skeletten auf, die aber im vorliegenden Zusammenhang bedeutungslos ist, da sie erst in slawischer Zeit angelegt worden ist. Es folgt eine 4,5 m starke Erdschicht. Unter dieser beginnt eine 2 m hohe Steinpackung, innerhalb derer sich der eigentlich interessante Befund im Leubinger Grabhügel befindet, nämlich ein hölzerner Grabbau, der die Bestattung einer oder zweier Personen mit einem überaus reichen Beigabeninventar enthält. Dendrochronologisch konnte der Holzbau auf 1942 ± 10 v. Chr. datiert werden.5 Relativchronologisch gehört er damit in die frühe Bronzezeit bzw. in die Aunjetitzer Kultur.

Das Grab hat eine Länge von 3,90 m und eine Breite von 2,10 m6 (Abb. 2). Der Bestattete ist ein Mann senilen Alters. Über ihm befindet sich laut Klopfleisch und Höfer das Skelett eines ca. 10 Jahre alten Mädchens, und zwar liegt es im rechten Winkel zum Skelett des senilen Mannes, wobei sich beide Skelette in der Hüftgegend schneiden.7 Inzwischen wird bezweifelt,

dass dieses zweite Skelett tatsächlich dort aufgefunden wurde.8 Letztlich dürfte aber am wahrscheinlichsten sein, dass der primär Bestattete, dem auch die Beigaben gelten, der senile Mann ist. Im vorliegenden Zusammenhang ist es daher relativ unwichtig, ob es ein zweites Skelett tatsächlich gegeben hat oder nicht.

Neben der eindrucksvollen Grabanlage ist es auch die Totenlage, welche die Bestattung als überaus exzeptionell kennzeichnet. Der Tote ist in Rückenlage bestattet, mit dem Kopf im Süden und den Beinen im Norden, was der üblichen Bestattungsweise in der Aunjetitzer Kultur widerspricht.9

Eine dritte Kategorie, die das Leubinger Grab als außergewöhnlich kennzeichnet, ist die Qualität und Quantität der Grabbeigaben. In der Hüftgegend des Skeletts10 - in den publizierten Zeichnungen fälschlicherweise neben den Skeletten abgebildet - fand sich laut Klopfleisch der Goldschmuck, der später näher betrachtet werden soll. Weiter unten, links von den Beinen des Bestatteten, befanden sich Werkzeuge und Waffen (Abb. 3), nämlich eine Stabdolchklinge11, drei Dolchklingen12, drei Meißel13 und zwei Randleistenbeile.14 Noch weiter unten fanden sich zwei schwere Werkzeuge, nämlich einerseits ein Amboss und andererseits eine neolithiche Steinaxt15, die zum Zeitpunkt der Grablege bereits 2000 Jahre alt war. In der nordwestlichen Ecke des Grabes befand sich außerdem ein großes keramisches Grabgefäß.16

Quantitativ fällt das Beigabenspektrum im Leubinger Grabhügel aus dem Rahmen des in der Aunjetitzer Kultur Üblichen. Wenn man bedenkt, dass sich neben dem Stabdolch und den drei Dolchen auch die drei Meißel, die zwei Randleistenbeile und die Steinaxt als Waffen verwenden ließen, kann man hier durchaus von einer „Überausstattung“17 an Waffen sprechen. Weiterhin exzeptionell ist die Qualität des Goldschmucks, der dem Toten beigegeben wurde. Dieser soll im Folgenden näher vorgestellt werden.

3. Das Goldinventar von Leubingen

Zunächst sollen die zwei Nadeln in dem Leubinger Fürstengrab besprochen werden18 (Abb. 4,1.3). Beide bestehen aus massivem Gold. Sie sind unten säbelförmig gebogen, weswegen man sie auch als Säbelnadeln bezeichnet. An der Oberseite befindet sich jeweils ein 8 mm breiter Knauf mit einer runden Öse - das kennzeichnet die beiden Stücke als Ösenkopfnadeln, wie sie in frühbronzezeitlichen Kontexten häufig vorkommen. Unterhalb des Knaufes befindet sich jeweils eine Verzierung aus 30 untereinander gestellten eingeritzten Zickzacklinien. Die Maße beider Nadeln sind, ebenso wie die anderen formalen Merkmale, fast identisch: Die längere ist 10,1 cm lang, die kürzere 9,8 cm. Unterhalb des Knaufes weisen sie jeweils eine Dicke von 4 mm auf. Die beiden Nadeln wurden von Klopfleisch noch als Haarnadeln gedeutet - eine Ansicht, die aber schon bald obsolet wurde, da festgestellt wurde, dass sich diese Objekte häufig im Hüft- und Brustbereich von Bestatteten befinden. Deshalb geht Höfer, in Übereinstimmung mit der heutigen Forschungsmeinung, von einer funktionellen Bestimmung als Gewandnadeln aus.

Ein weiteres Objekt des Goldinventars aus Leubingen ist das goldene Spiralröllchen19 (Abb. 4,5). Es besteht aus einem 0,8 mm starken Golddraht, der in 25 Windungen20 auf eine Länge von 2,4 cm gewickelt wurde. Das Spiralröllchen besitzt einen äußeren Durchmesser von 2,8 mm. Höfer vermutet, dass dieses Stück an einer Schnur um den Hals getragen wurde. Die beiden Spiralringe in dem Grab21 (Abb. 4,4.6) bestehen aus einem 2,5 mm dicken Golddraht. Dieser wurde auf eine spezielle Weise gewunden: Vor der Vollendung des ersten Umlaufs wird er zurückgebogen und windet sich in der anderen Richtung nach oben, um schließlich nach einem kompletten Umlauf direkt oberhalb des Anfangspunkts zu enden. Diese Windungstechnik hat den Effekt, dass der Draht auf einer Seite nur einmal umherläuft, auf der anderen Seite aber dreimal. Die Ringe haben einen äußeren Durchmesser von 20 mm. Höfer vermutet eine Verwendung der Ringe als Fingerringe. Diese Interpretation ist inzwischen revidiert worden, da festgestellt wurde, dass sich diese als „Noppenringe“ bekannten Objekte vornehmlich im Kopfbereich von Skeletten finden.22 Man kann sich also z.B. eine Verwendung als Haarschmuck oder als Teil einer Kopftracht vorstellen.23

Das aus heutiger, und wohl auch prähistorischer Sicht prächtigste Objekt des Goldinventars von Leubingen ist der massive Goldarmreif24 (Abb. 4,2). Der Ring hat eine leicht ovale Form, sodass sein äußerer Durchmesser zwischen 7,1 bis 8,45 cm beträgt. Auch die Stärke des Ringes ist nicht einheitlich, sie beträgt 8 bis 9,5 mm. Die Enden des Ringes sind verdickt. Verziert ist der Ring durch tief eingekehlte Längsfurchen, welche die Oberfläche in fünf Leisten einteilen, von denen drei schräg gekerbt sind und zwei glatt. Der beim Tragen des Ringes nicht sichtbare Teil im Inneren ist unverziert. Es konnte festgestellt werden, dass sich einer der Meißel aus dem Leubinger Grabinventar hervorragend dazu eignet, die Verzierung auf dem Goldarmring herzustellen.25

4. Das Prunkgrab von Helmsdorf

Helmsdorf liegt nur etwa 60 Kilometer nordöstlich von Leubingen. Heute gehört der Ort zum Landkreis Mansfeld-Südhart in Sachsen-Anhalt. Der dortige frühbronzezeitliche Grabhügel wurde 1906-1907 durch H. Größler ausgegraben26, der den Grabungsbericht 1907 publiziert hat.

Der Helmsdorfer Hügel hatte eine Höhe von 6,82 m und einen mittleren Durchmesser von 34 m.27 Es ist interessant, diese Maße mit denjenigen des Hügels von Leubingen zu vergleichen. Der Leubinger Grabhügel wies eine Höhe von 8,50 m auf - davon müssen jedoch 2 m abgezogen werden, welche durch die slawische Bestattungsschicht eingenommen wird. Es ergibt sich also, dass der Helmsdorfer Hügel nur 32 cm höher war als der Leubinger. Überraschend ist, dass die publizierten Durchmesser beider Hügel mit 34 m exakt übereinstimmen.

Auch der innere Aufbau der Hügel ähnelt sich (Abb. 5). In Helmsdorf folgte auf eine Erdschicht von 3,37 m Höhe eine Steinpackung mit einem Durchmesser von 13,5 m und einer Höhe von 3,45 m.28 Innerhalb der Steinpackung fand sich, ebenso wie in Leubingen, ein „hüttenähnlicher Holzbau“29, in dem sich die eigentliche Bestattung befand. Dendrochronologisch konnte die Grabkammer auf 1840 ± 10 v. Chr. datiert werden30, d.h. etwa 100 Jahre jünger als das Prunkgrab von Leubingen.

Die hölzerne Grabkammer hatte eine Länge von 6,80 m, eine Breite von 5 m und eine Höhe von 1,60 m.31 Der Tote - in Helmsdorf war es sicher nur einer - lag nicht, wie in Leubingen, auf dem Boden, sondern war auf einer Totenlade aus Eichenholz gebettet.32 Vom eigentlichen

[...]


1 Morus 2011 1516, 94f.

2 Höfer 1906, 1f.

3 Höfer 1906, 6.

4 Höfer 1906, 8ff.

5 Becker u.a. 1989.

6 Höfer 1906, 16.

7 Ebd.

8 Bertemes 2010, 154.

9 Knapp 1999, 262; Bertemes 2006b, 153.

10 Höfer 1906, 24.

11 Höfer 1906, 18ff.

12 Höfer 1906, 20f.

13 Höfer 1906, 22ff.

14 Höfer 1906, 21f.

15 Höfer 1906, 18.

16 Höfer 1906, 16ff.

17 Hansen 2002, 151f.

18 Höfer 1906, 24f.

19 Höfer 1906, 25f.

20 Meller 2014, 647.

21 Höfer 1906, 27f.

22 Kraus 2006, 37f.

23 Lauermann 1995, 86.

24 Höfer 1906, 26f.

25 Bertemes 2006a, 148.

26 Größler 1907, 4ff.

27 Größler 1907, 3f.

28 Größler 1907, 5.

29 Größler 1907, 13.

30 Becker u.a. 1989.

31 Größler 1907, 13.

32 Größler 1907, 19ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Goldfunde in den Prunkgräbern von Leubingen und Helmsdorf. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V300504
ISBN (eBook)
9783656969402
ISBN (Buch)
9783656969419
Dateigröße
1565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leubingen, Helmsdorf, Fürstengräber, Prunkgräber, Goldschmuck, Goldfunde, Frühbronzezeit
Arbeit zitieren
Dennis Hogger (Autor), 2015, Die Goldfunde in den Prunkgräbern von Leubingen und Helmsdorf. Unterschiede und Gemeinsamkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300504

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