Menschen wünschen sich, die eigenen oder auch fremde Geschicke selbst lenken zu können. Dies gilt insbesondere bei schwierigen Entscheidungen mit gewisser Zukunftsbedeutung. Damit einher geht auch seit jeher der Wunsch nach Prognosen (z.B. das Orakel von Delphi).
Prognosen über zukünftige Kursverläufe bspw. von Wertpapieren dienen heute etwa der kurzfristigen Gewinnerzielung und -maximierung durch den Handel entsprechender Positionen.
Fehlen solche Prognosen, so mag der Eindruck fehlender Sicherheit entstehen. Eine Sicherheit, mit der ein Teil der eigenen Zukunft selbstständig gestaltet werden könnte.
Prognosen werden befolgt, um die Ungewissheit über den Erfolg von Entscheidungen, ob monetärer oder mentaler Natur, zu beseitigen.
Tatsächlich ist es schwierig, dauerhaft fundierte Prognosen zu erstellen. Da von Analysten eine möglichst hohe Trefferquote hinsichtlich des Eintritts von Prognosen gefordert wird, behelfen sich diese mitunter mit „unscharfen“ Prognosen (z. B. Eintrittswahrscheinlichkeit 70 %).
Wenn Prognosen doch nicht eintreffen, wissen Marktteilnehmer vielfach nicht, was zum Scheitern der Prognose geführt hat. Besonders problematisch ist dies, wenn durch das Befolgen der falschen Prognose etwa aus einem Absicherungsmotiv heraus angelegtes Kapital eingebüßt wurde.
Die vorliegende Seminararbeit soll exemplarisch aufzeigen, warum Menschen an den Finanzmärkten bestimmte, mitunter fehlerhafte Entscheidungen treffen und diese ggf. nicht korrigieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Problemstellung
3. Inhalte der Behavioral Finance
3.1. Charakteristika und Entwicklung der Behavioral Finance
3.2. Erkenntnisse der Behavioral Finance
3.2.1. Die Prospect Theory
3.2.2. Die fünf Rationalitätsfallen
4. Bewertung der Behavioral Finance
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Bedeutung der Behavioral Finance für die Finanzwissenschaften und zeigt auf, warum Anleger an den Finanzmärkten häufig irrationale oder fehlerhafte Entscheidungen treffen. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der klassischen Kapitalmarkttheorie und realem, psychologisch beeinflusstem Anlegerverhalten zu analysieren sowie Handlungsempfehlungen zur Fehlervermeidung abzuleiten.
- Grundlagen der klassischen Kapitalmarkttheorie versus Behavioral Finance
- Analyse psychologischer Einflussfaktoren auf das Anlegerverhalten
- Die Prospect Theory als zentrales Erklärungsmodell für Entscheidungsanomalien
- Identifikation und Kategorisierung von Anlegerfehlern (Rationalitätsfallen)
- Bewertung der Anwendbarkeit von Behavioral Finance in der Praxis
Auszug aus dem Buch
3.2.2. Die fünf Rationalitätsfallen
Im Rahmen der empirischen Untersuchungen ließen sich vielfältige Abweichungen von den als rational geltenden Verhaltensweisen feststellen. Verkürzende kognitive Prozesse führen zu Verzerrungen in der Erwartungsbildung („behavioral biases“), welche ökonomisch ineffiziente Entscheidungen nach sich ziehen können. Die Einteilung dieser Verhaltensanomalien soll in dieser Arbeit analog der zusammenfassenden Darstellung gemäß Goldberg / von Nitzsch (2000) erfolgen und weitgehend mit Handlungsempfehlungen abgeschlossen werden.
Heuristiken: Zur Bewältigung der unter 2. beschriebenen Komplexität von Entscheidungssituationen werden Vereinfachungen angewendet, indem die Wahrnehmung auf das Wesentliche beschränkt wird. Der Entscheider gewichtet dabei auffällig präsentierte und leicht verfügbare Informationen (Verfügbarkeitsheuristik) oder zuerst bzw. zuletzt erhaltene Informationen (Primacy- bzw. Recency-Effekt) ggf. zu stark. Des weiteren bewertet er verschiedene Anlagen bspw. entsprechend abweichender Risikopräferenzen separat und ordnet sie fiktiven Konten zu („mental accounting“), die er jeweils positiv abzuschließen anstrebt. Dies widerspricht der Portfolio Theory, die jedem Investor rät, sein Gesamtvermögen als ein einziges Portfolio mit gering positiv oder z. T. negativ korrelierten Positionen aufzufassen und somit nur ein Gesamtrisiko zu steuern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wunsch nach Prognosesicherheit an den Finanzmärkten und führt in die Fragestellung ein, warum Marktteilnehmer fehlerhafte Entscheidungen treffen.
2. Problemstellung: Dieses Kapitel erläutert das Postulat des rationalen „Homo oeconomicus“ in der klassischen Kapitalmarkttheorie und zeigt auf, warum dieses in der Realität aufgrund von Komplexität und begrenzter Informationsverarbeitung scheitert.
3. Inhalte der Behavioral Finance: Hier werden die historische Entwicklung des Forschungsfeldes sowie zentrale psychologische Theorien behandelt, die erklären, wie Emotionen und kognitive Verzerrungen das Handeln beeinflussen.
3.1. Charakteristika und Entwicklung der Behavioral Finance: Das Kapitel definiert Behavioral Finance als Disziplin, die das Anlegerverhalten empirisch untersucht und das Modell der „Bounded Rationality“ (beschränkte Rationalität) in den Vordergrund stellt.
3.2. Erkenntnisse der Behavioral Finance: Hier werden konkrete wissenschaftliche Erkenntnisse vorgestellt, die als Gegenstück zur klassischen Nutzenmaximierung dienen.
3.2.1. Die Prospect Theory: Das Kapitel beschreibt die Wertfunktion von Kahneman und Tversky sowie den „Reflection Effect“, um Risikoverhalten bei Gewinnen und Verlusten zu erklären.
3.2.2. Die fünf Rationalitätsfallen: Eine detaillierte Aufarbeitung kognitiver Fehler wie Heuristiken, relative Bewertungen, Dissonanzfreiheit, Kontrollillusion und Kontrollverlustphänomene.
4. Bewertung der Behavioral Finance: Es findet eine kritische Reflexion des Paradigmenwechsels statt, wobei sowohl die Stärken bei der Fehleranalyse als auch methodische Schwächen der Experimente diskutiert werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, betont die Notwendigkeit, psychologische Aspekte bei der Portfolioverwaltung stärker zu berücksichtigen, und gibt einen Ausblick auf die Evolutionäre Finanzmarkttheorie.
Schlüsselwörter
Behavioral Finance, Kapitalmarkttheorie, Prospect Theory, Homo oeconomicus, Anlegerpsychologie, Heuristiken, Verlustaversion, Rationalitätsfallen, Portfolio Theory, Marktteilnehmer, Behavioral Biases, Anlegerfehler, Psychologie, Entscheidungsverhalten, Risikoeinstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Behavioral Finance als einen Forschungsansatz, der erklärt, warum Anleger an Finanzmärkten oft nicht rational handeln und welche psychologischen Faktoren ihre Entscheidungen beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zu den Kernbereichen gehören die Kritik am „Homo oeconomicus“, die Beschreibung der Prospect Theory und die Analyse spezifischer Verhaltensanomalien, die als „Rationalitätsfallen“ bezeichnet werden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum Menschen an den Finanzmärkten systematische Fehler begehen, und diese Erkenntnisse in den Kontext der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und einer deskriptiven Aufarbeitung empirischer Forschungsergebnisse der Behavioral Finance, insbesondere von Kahneman, Tversky und dem Standardwerk von Goldberg/von Nitzsch.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Abgrenzung zur klassischen Kapitalmarkttheorie, die Darstellung der Prospect Theory und die detaillierte Analyse fünf spezifischer psychologischer Phänomene, die Anleger in ineffizientes Verhalten treiben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Die Arbeit ist maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Behavioral Finance, Prospect Theory, Verlustaversion, Heuristiken und kognitive Verzerrungen.
Was genau ist der „Reflection Effect“ im Kontext der Prospect Theory?
Der Reflection Effect beschreibt das Phänomen, dass Anleger ihr Risikoverhalten ändern, wenn sie von Gewinn- in Verlustsituationen übergehen, was oft zu irrationalen Entscheidungen führt.
Wie unterscheidet sich die „Evolutionary Finance“ von der klassischen Behavioral Finance?
Während die Behavioral Finance primär psychologische Anomalien des Einzelnen untersucht, betrachtet die Evolutionary Finance die Kapitalmärkte als dynamisches System, in dem nach dem Vorbild der Evolution nur erfolgreiche Strategien langfristig bestehen.
- Arbeit zitieren
- Nils Franke (Autor:in), 2011, Gegenstand und zentrale Erkenntnisse des "Behavioral Finance", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300560