Als Herta Müller 2009 mit dem Nobelpreis der Literatur für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet wurde, war die Freude in Deutschland verständlicherweise groß. Dass Günther Grass diese Ehrung erst zehn Jahre zuvor erhielt, tat dem keinen Abbruch.
Die Begründung der Auswahl der Preisträgerin, dass sie „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichnet “, konnte sie auch dem Buchmarkt in ihrer Heimat unter Beweis stellen: Erst zwei Monate zuvor erschien ihr neuster Roman, „Atemschaukel“, der es einen Monat zuvor in die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hatte.
Dennoch wäre er wohl schwerlich ein Bestseller geworden, hätte ihm der Nobelpreis nicht zu unverhoffter Berühmtheit verholfen. Nicht etwa, dass es ihm an literarischen Wert mangelt – im Gegenteil, er zeugt von höchster Kunstfertigkeit. Es liegt am zentralen Thema: der Deportation der Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion am Ende des Zweiten Weltkrieges. Dieses traurige Kapitel der Geschichte wurde stets totgeschwiegen, Werke dazu ignoriert. Dies liegt wohl einerseits am Historikerstreit und der steten Präsenz des Holocaust, anderseits wohl an der traumatischen Aufladung dieses Themas. Dazu trägt auch die nachlässige Behandlung des Themas in Rumänien selbst bei, da „es an die faschistische Vergangenheit Rumäniens erinnerte, war das Thema Deportation tabu“.
Deshalb kann man die Vergabe des Nobelpreises an Herta Müller in diesem Jahr als Befreiungsschlag für dieses Thema sehen, wurde doch das Werk dadurch zu einem Bestseller und Aushängeschild deutscher Literatur. Ohne die Ehrung wäre es wohl nicht im geringsten so bekannt und gefeiert, wie es jetzt ist.
Dennoch lassen sich noch auffällige Defizite bei der Rezeption von „Atemschaukel“ feststellen, und zwar umso stärker, je mehr man sich an den kritischen Bereich, den historischen Begebenheiten, nähert. So konnte ich bei meiner Recherche zahlreiche Arbeiten zu anderen Werken von Herta Müller finden, sowie Texte, in denen „Atemschaukel“ als Werk eines weiblichen Autors betrachtet wurde, jedoch gab es kaum Sekundärliteratur, die sich mit der Beziehung zu den historischen Begebenheiten und damit mit der Bedeutung dieses Werkes zur Erinnerungskultur beschäftigt. Um diese zu betrachten, müssen wir zuerst definieren, was Erinnerungskultur ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Nobelpreis der Literatur 2009 im Zeichen der Erinnerung
2. Herta Müllers „Atemschaukel“ und die Bedeutung der Literatur für die Erinnerungskultur
2.1 Analyse des Inhalts, des Vorgehens der Autorin und der Relevanz für die Erinnerungskultur
2.1.1 Historische Einführung in das Schicksal der Siebenbürger Sachsen am Ende des Zweiten Weltkriegs
2.1.2 Knappe Zusammenfassung des Inhalts
2.1.3 Besondere Merkmale des Werkes
2.1.4 Relevanz des Romans für die Erinnerungskultur
2.2 Kritik der Rolle der Literatur in der Erinnerungskultur
2.2.1 Zusammenfassung der Kritikpunkte und Gegenargumente
2.2.2 Prüfung anhand von Atemschaukel
3. Besondere Stellung der Literatur unter den Medien des Erinnerns
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ zur Erinnerungskultur beiträgt und welche besondere Rolle Literatur als Medium des Erinnerns einnimmt, wobei auch kritische Aspekte der literarischen Aufarbeitung historischer Traumata beleuchtet werden.
- Analyse der historischen Hintergründe der Deportation der Siebenbürger Sachsen.
- Untersuchung der sprachlichen und stilistischen Mittel des Romans.
- Diskussion der Rolle der Literatur innerhalb der Erinnerungskultur im Vergleich zu anderen Medien.
- Kritische Auseinandersetzung mit der fiktionalen Verarbeitung traumatischer historischer Ereignisse.
- Reflektion über die Verantwortung von Autor und Leser im Umgang mit Literatur als Erinnerungsmedium.
Auszug aus dem Buch
2.1.3 Besondere Merkmale des Werkes
Ein Roman, der zur Erinnerungskultur beitragen will – und dies ist bei dem oben zusammengefassten Inhalt zu unterstellen, da Wert auf die Empfindungen der Hauptfigur angesichts dieser historischen Ereignisse gelegt wird –, tut dies stets mit bestimmten sprachlichen und inhaltlichen Mittel, um dem Leser Erfahrungen näher zu bringen, die außerhalb seiner Erfahrung liegen.
Es gibt verschiedene Formen von Romanen, die Vergangenes dem Leser näherbringen: Erinnerungsromane, Gedächtnisromane und Autobiografien.
Jedoch lässt sich „Atemschaukel“ in keine dieser Formen einfügen, sondern vereinigt Elemente aller dieser drei Varianten.
Am Nächsten kommt der Gedächtnisroman, dessen meiste Merkmale auch in „Atemschaukel“ auftreten: der Ich-Erzähler, das Vorherrschen von Analepsen und damit die Marginalisierung der Basiserzählung (also die Gegenwart) sowie das Abwechseln von reflektierter und unreflektierter Erinnerung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Nobelpreis der Literatur 2009 im Zeichen der Erinnerung: Dieses Kapitel erläutert die Bedeutung der Auszeichnung für die Rezeption des Romans und bettet das Werk in den Kontext des historischen Schweigens über die Deportationen ein.
2. Herta Müllers „Atemschaukel“ und die Bedeutung der Literatur für die Erinnerungskultur: Hier erfolgt eine detaillierte inhaltliche und stilistische Analyse des Romans sowie eine Untersuchung dessen Relevanz für kollektive Erinnerungsprozesse.
3. Besondere Stellung der Literatur unter den Medien des Erinnerns: Das Kapitel schließt mit einer Betrachtung der Literatur im Vergleich zu anderen Erinnerungsmedien wie Denkmälern oder historischen Objekten ab.
Schlüsselwörter
Herta Müller, Atemschaukel, Erinnerungskultur, Deportation, Siebenbürger Sachsen, Hunger, Trauma, Literatur, Gedächtnisroman, Sprachohnmacht, Identität, Zweiter Weltkrieg, Zeitzeugen, Fiktion, Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ hinsichtlich seines Beitrags zur Erinnerungskultur und der besonderen Rolle der Literatur bei der Aufarbeitung traumatischer Geschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Deportation der Siebenbürger Sachsen, die ästhetische Darstellung von Hunger und Trauma sowie die Frage nach der Legitimität von Fiktion im Umgang mit historischen Ereignissen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Müller durch Sprache und Genremischung zur Erinnerungskultur beiträgt und inwiefern der Roman trotz seiner Fiktionalität eine wichtige historische Reflexion ermöglicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine eigene Textanalyse des Werkes, kombiniert mit einem Abgleich theoretischer Prinzipien der Erinnerungskultur und einer Fallbeispiel-Kritik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die inhaltliche/stilistische Analyse des Romans, die Diskussion der Kritik an Erinnerungsliteratur und die komparative Betrachtung der Literatur gegenüber anderen Erinnerungsmedien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Erinnerungskultur, Identität, Trauma, literarische Sprachmittel und die historische Einordnung der sowjetischen Arbeitslager.
Wie geht die Autorin mit dem Thema Hunger um?
Herta Müller nutzt den Neologismus „Hungerengel“ sowie Metaphern und Personifikationen, um den identitätsraubenden Effekt des Hungers auf eine Ebene zu heben, die über bloße Beschreibung hinausgeht.
Warum wird die Literatur als besonderes Medium hervorgehoben?
Im Gegensatz zu statischen Objekten oder Denkmälern kann Literatur durch narrative Inszenierung tiefgreifende, lang anhaltende emotionale Impressionen vermitteln und vielfältige Facetten eines historischen Erlebnisses abdecken.
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- Niklas Götz (Author), 2014, Herta Müllers "Atemschaukel" und die Bedeutung der Literatur für die Erinnerungskultur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300576