In der islamischen Welt wird oft von einer Trennung der Gesellschaft in einen männlichen und einen weiblichen Teil gesprochen. Auf religiöser Ebene entspricht dies dem Gegensatz zwischen „offiziellem“ und „volkstümlichem“ Islam (vgl. Welte, S. 29), dessen Träger zum größten Teil Frauen und männliche Randgruppen, wie Homosexuelle oder Transvestiten, sind. Im Rahmen des volkstümlichen Islam gibt es eine Reihe von Besessenheitskulten und Zeremonien, in deren Mittelpunkt der Glaube an verschiedene Geister steht, von denen die Anhänger des Kultes überzeugt sind „besessen“ zu sein. Diese Besessenheit zeigt sich durch ganz verschiedene „Krankheiten“ des Betroffenen wie zum Beispiel psychische Probleme, physische Krankheiten oder Kinderlosigkeit.
Besessenheitskulte enthalten viele Elemente des Islam, sind aber auch geprägt von Bräuchen vorislamischer Religionen, wie den Naturreligionen der schwarzafrikanischen Bevölkerung, dem Christentum oder dem Judentum.
Da die volkstümlichen Kulte so verschieden sind wie die islamische Lebenswelt selbst, beschränkt sich diese Hausarbeit auf zwei Ausprägungen, die zwar sehr unterschiedlich sind, sich jedoch in ihren Grundzügen ähneln: den Gnawa – Kult in Marokko und die Zar – Zeremonie in Ägypten.
Ersteres bezeichnet eine volkstümliche Bruderschaft, die sich aus Nachfahren westafrikanischer Sklaven zusammensetzt. Sie sind besonders für ihre zwölf – stündigen nächtlichen Geisterbeschwörungen und ihre ganz einzigartige Musik bekannt, die auch von marokkanischen Popgruppen immer wieder imitiert wird.
Der Zar ist ein ägyptisches Frauenheilungsritual. Zar ist dabei der Name der gesamten Zeremonie, steht aber auch für den Geist, von dem der Erkrankte befallen ist.
Zwar ist Musik im Islam umstritten, jedoch spielt sie für die meisten Kulte eine ganz zentrale Rolle, da durch ihren Einsatz die Teilnehmer eines Kultes in einen tranceartigen Zustand verfallen können. Dieser scheint es ihnen zu ermöglichen, mit den Geistern zu kommunizieren, von denen sie sich besessen fühlen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Krankheit und Besessenheit im volkstümlichen Islam
2.1. Definition von Krankheit im allgemeinen Sprachgebrauch
2.2. Phänomen der Besessenheit – Besessenheitstrance
III. Der Gnawa – Kult in Marokko
3.1. Hintergründe – historische Herkunft und Legenden
3.2. Die Gnawa – Musikanten
3.2.1. Die Wirkungsbereiche und die Hierarchie der Musiker
3.2.2. Der Tagesablauf und die Kleidung
3.2.3. Imitation der Gnawa – Rhythmen durch moderne marokkanische Popgruppen
3.3. Die Musikinstrumente
3.3.1. Die traditionellen Instrumente der Gnawa
3.3.2. Die gunbri als „beseeltes“ und wichtigstes Kultinstrument
3.4. Die Anhänger des Besessenheitskultes
3.4.1. Die Einteilung der Anhänger der Gnawa – Musikanten
3.4.2. Die haddamat – die Dienerinnen
3.4.3. Die ‘abid – die männlichen Verehrer der Gnawa
3.4.4. Die bnat gnawiya, die Gnawa – Töchter
3.5. Die Wahrsager/innen des Gnawa – Kultes
3.5.1. Funktionen der šuwafa
3.5.2. Funktionen des šuwaf
3.6. Die hadra – die nächtliche Geisterbeschwörung als bedeutendste Zeremonie der Gnawa
3.6.1. Die hadra
3.6.2. Der Verlauf einer hadra sgira - der kleinen Geisterbeschwörung
IV. Die Zar – Zeremonie in Ägypten
4.1. Hintergründe des Zar
4.1.1. Historische Herkunft des Zar
4.1.2. Der Zar als Frauenheilungsritual
4.2. Die Schecha - Priesterin und Heilerin
4.3. Die Musiker der Zar- Zeremonie und ihre Instrumente
4.3.1. Die drei verschiedenen Arten von Musikgruppen
4.4. Die Zar – Geister „djinn“
4.4.1. Die verschiedenen Geister
4.4.2. Der Geisterglaube im offiziellen Islam
4.5. Der kleine Zar
4.5.1. Die Sucht nach Trance und Besessenheit
4.6. Der große Zar
4.6.1. Verlauf einer großen Zar – Zeremonie
4.7. Der Zar als Mittel weiblicher Emanzipation
V. Gnawa – Kult und Zar – Zeremonie - ein zusammenfassender Vergleich
5.1. Die Volksreligion als Mittel weiblicher Emanzipation
5.2. Gunbri und Tumbura – die Kultinstrumente im Vergleich
5.3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Phänomene der Besessenheit und Trance im volkstümlichen Islam, wobei der Fokus auf dem Vergleich zwischen dem Gnawa-Kult in Marokko und der Zar-Zeremonie in Ägypten liegt. Ziel ist es, die Funktionen dieser Riten als "Sicherheitsventile" der Gesellschaft und als Mittel der Emanzipation für sozial unterdrückte Schichten, insbesondere Frauen, herauszuarbeiten.
- Vergleichende Analyse von Besessenheitskulten in Marokko und Ägypten
- Die Rolle von Musik und Trance in rituellen Heilungsprozessen
- Soziokulturelle Hintergründe und Hierarchien innerhalb der Bruderschaften
- Symbolik und Bedeutung der zentralen Kultinstrumente (Gunbri und Tumbura)
- Volksreligion als Bewältigungsstrategie für soziale und psychische Notlagen
Auszug aus dem Buch
Die hadra – die nächtliche Geisterbeschwörung als bedeutendste Zeremonie der Gnawa
Die bekannteste Zeremonie der Gnawa ist die hadra, eine zwölfstündige nächtliche Geisterbeschwörung, die je nach Familientradition und Anlass in ganz unterschiedlicher Weise stattfindet. Auch in der Literatur gibt es große Abweichungen und oft wird die Zeremonie auch mit dem Wort „Lila“ benannt.
Der Begriff hadra stammt ursprünglich aus der islamischen Mystik und heißt übersetzt Anwesenheit oder Gegenwart. Im islamischen Kontext bedeutet hadra die Gegenwart Gottes. Für die Gnawa bezeichnet es jedoch die Anwesenheit und Gegenwart der Geister und ihrer Ansicht nach ist man den Geistern im Zustand der Trance am nächsten. Diese Trance versuchen die Gnawa während der hadra zu erreichen, wobei die verschiedenen Tänze, Rhythmen und Düfte ihnen als Hilfsmittel dienen.
Jedoch hat die Zeremonie auch andere Aufgaben zu erfüllen. Eine der wichtigsten ist hier die Tradierung des Erbes der westafrikanischen Sklaven in Marokko und damit die Manifestierung ihrer eigenen Kultur in der marokkanischen Gesellschaft. Das Trancespiel bietet den Gnawa die Möglichkeit, fremde Einflüsse zu verarbeiten und den westafrikanischen Geisterglauben in den Islam und den marokkanischen Heiligenkult zu integrieren.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik der Besessenheitskulte im volkstümlichen Islam und Begründung der Auswahl des Gnawa-Kultes und der Zar-Zeremonie als Vergleichsobjekte.
II. Krankheit und Besessenheit im volkstümlichen Islam: Theoretische Definition von Krankheitsverständnissen und die psychologischen sowie soziologischen Hintergründe von Besessenheitstrance.
III. Der Gnawa – Kult in Marokko: Detaillierte Darstellung der historischen Wurzeln, der Musikanten, Instrumente, Anhängerschaft und der rituellen Abläufe der Geisterbeschwörungen.
IV. Die Zar – Zeremonie in Ägypten: Analyse der ägyptischen Frauenheilungsrituale, ihrer Dämonologie, der Rolle der Schecha und des Ablaufs der Zar-Zeremonien.
V. Gnawa – Kult und Zar – Zeremonie - ein zusammenfassender Vergleich: Synthese der Erkenntnisse durch einen direkten Vergleich der Kulte hinsichtlich ihrer Emanzipationsfunktion und instrumentellen Ähnlichkeiten.
Schlüsselwörter
Besessenheit, Trance, Gnawa, Zar, Volksislam, Geisterbeschwörung, Heilungsritual, Musikethnologie, Marokko, Ägypten, Gunbri, Tumbura, Emanzipation, Mluk, Dschinn
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Hauptanliegen dieser wissenschaftlichen Hausarbeit?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Ausprägung von Besessenheitskulten im volkstümlichen Islam am Beispiel des Gnawa-Kultes in Marokko und der Zar-Zeremonie in Ägypten.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die soziologische Funktion der Kulte als Ventil für unterdrückte Gruppen, die Rolle von Trance und Musik, sowie die Identifizierung und Verehrung der Geister.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese volksreligiösen Praktiken es den Betroffenen – primär Frauen – ermöglichen, soziale Nöte zu bewältigen und sich innerhalb ihrer kulturellen Grenzen einen Freiraum zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine vergleichende kulturwissenschaftliche Analyse, die auf Literaturrecherche und der Auswertung bestehender ethnologischer Studien basiert.
Was deckt der Hauptteil der Arbeit ab?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Beschreibung der spezifischen Riten, der beteiligten Personen, der Instrumente und der geisterweltlichen Hierarchien beider Kulturen.
Welche Schlüsselbegriffe sind für die Arbeit prägend?
Die Arbeit definiert sich über Begriffe wie Besessenheitstrance, Mluk/Dschinn, Heilungsritual und den soziologischen Aspekt der weiblichen Emanzipation.
Welche Rolle spielt die Musik konkret in der Zar-Zeremonie?
Musik dient in der Zar-Zeremonie als unverzichtbares Mittel, um die Teilnehmer in einen tranceartigen Zustand zu versetzen, der eine Kommunikation mit den Geistern ermöglicht.
Warum wird die "Gunbri" im Gnawa-Kult als beseelt betrachtet?
Die Gunbri wird als ein lebendiges Wesen verstanden, das von einem Geist bewohnt wird; sie bildet die direkte Verbindung zwischen dem Menschen und der spirituellen Welt.
- Citation du texte
- Katja Schirmer (Auteur), 2003, Musik, Krankheit und Besessenheit - Trancekulte im Rahmen des volkstümlichen Islam am Beispiel des Gnawa-Kultes in Marokko und der Zar-Zeremonie in Ägypten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30062