Die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Spannungsfeld von Pädagogik und Therapie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Einleitung

Pädagogik und Therapie
Sozialpädagogik
Sonderpädagogik als Teilgebiet der Sozialpädagogik
Verhaltensauffälligenpädagogik
EXKURS: Verhaltensstörungen
Begriffsbestimmung
Formen der Verhaltensstörung
Die Therapie
Psychotherapie
Verhaltenstherapie

Pädagogik vs. Therapie
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Unterschiede zwischen Therapie und Pädagogik
Gemeinsamkeiten von Pädagogik und Therapie
Spannungsfelder zwischen den Disziplinen (allgemein)
Vermeidung von Spannungsfeldern durch eine systemische Personalstruktur – ein praktischer Vorschlag, ein Theorem
Case-work – Einzelfallhilfe
Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung
Der Pädagoge als Kommunikator
Einstellungsänderung durch Kommunikation
Aspekte des Kommunikators

Psychopathologie für Pädagogen in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie
Entwicklung und Störung
Hyperkinetisches Syndrom
Aggression
Depressionen

Fazit

O dementiam nescientem dirigere homines humaniter!

O stultum hominem immoderate humana patientem!

O Irrwahn der Menschen nicht menschlich zu lieben versteht!

O törichter Mensch, der Menschliches maßlos leidet!

AURELIUS AUGUSTINUS, ca. 397

Einleitung

Mit dieser Arbeit wende ich mich nicht gegen Therapie, sondern an die Pädagogik. In der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik Weimar wurden wesentliche pädagogische Aufgaben bisher nicht erkannt, aufgenommen und bewältigt. Zu oft wird Pädagogik auf Didaktik oder Erziehung reduziert, und Therapie übernimmt eine kompensatorische Funktion für ureigentliche pädagogische Aufgaben.

Diese Projektstudie will aufzeigen, worin diese Diskrepanz ihren Ursprung, historisch wie aktuell, hat. Ferner soll dargelegt und bewiesen werden, dass es sich hierbei um eine untrennbare Einheit in der Psychiatrie, speziell in der Kinder- und Jugendpsychiatrie handelt.

Es soll somit erläutert werden, dass die derzeitige Trennung nicht nur ineffektiv, sondern auch absurd, wenn nicht sogar schädlich für das Klientel aber auch für das Personal einer solchen Station ist.

Psychische Erkrankungen haben selten nur eine Ursache, sondern sind zumeist multifaktoriell bedingt. Das erfordert multimodale und interdisziplinäre Behandlungsstrategien, die in der Regel medizinische und pflegerische und soziotherapeutische und psychotherapeutische Maßnahmen beinhaltet.

Um die Unerlässlichkeit eines übergreifenden Konzeptes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzuzeigen erscheint es zunächst als sinnvoll, wenn auch etwas paradox, ihre Unterschiede anzumahnen. Denn nach meiner Meinung gibt es nichts schlimmeres als eine unkontrollierte Durchmischung der einzelnen Fachgebiete.

In dessen Anschluss sollen natürlich auch ihre Gemeinsamkeiten und Konkruenzien herausgearbeitet werden, welche den Unterschieden natürlich überlegen sind, bzw. sein sollten.

Die Psychiatrie als medizinische Wissenschaft versteht sich immer auch als Sozialwissenschaft. Psychiatrie von heute muss biologische und soziale Psychiatrie sein. Für psychosozial Tätige bedeutet dies im Umkehrschluss natürlich, dass sie sich mit psychischen Störungen auseinanderzusetzen haben, wollen sie den Menschen in ihren bio-psycho-sozialen Krisen verstehen und professionell und kompetent mit ihnen umgehen und arbeiten. Insofern wird auch in dieser Arbeit auf speziell ausgewählte Krankheitsbilder eingegangen, welche von der Pädagogik besonders kompetent begleitet werden können.

Diese Arbeit wird nichts neues hervorbringen, dass Rad nicht neu erfinden – sie wird aber die Misszustände in Kinder -und Jugendpsychiatrie aus pädagogischer Sicht auswerten und Vorschläge für Verbesserungen bringen.

Pädagogik und Therapie

Da es sich bei dem Arbeitsfeld in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie um eine nahezu durchgehend praktische Tätigkeit handelt soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf den Begriff der Erziehungswissenschaft zugunsten der Pädagogik-Terminologie verzichtet werden.

Zunächst erscheint es als sinnvoll, die in der Thematik vorgegebenen Aspekte „Pädagogik“ und „Therapie“ näher zu definieren. Jedoch zeigt sich bereits an dieser Stelle wie verzweigt diese beiden Themen durch Subterminologien sind. Sprechen wir also von Pädagogik, so meinen wir in diesem Arbeitsfeld explizit die Sozial- und Sonderpädagogik. Während beim Therapiebegriff die Psychotherapie, als weit gefasstes Feld, sich offenbart. In Folge dessen sollen zunächst diese Aspekte näher erläutert werden.

Sozialpädagogik

Sozialpädagogik ist die Praxis und Theorie einer Erziehung bzw. eines pädagogischen Bereichs[1]. Aus der Sicht der traditionellen Pädagogik kam ihr vor allem die Aufgabe zu, sich um die sozialen Störfaktoren einer bürgerlichen Erziehung zu kümmern. Die pädagogisch nicht kontrollierbaren Einflüsse seitens der sozialen Herkunftsmilieus, der Straßen und Jugendkulturen galten (und gelten) als sozialpädagogische Arbeitsbezüge. Neben der Idee der Selbsterziehung gehört auch die Erziehung zur Gemeinschaft zum Aufgabenfeld der Sozialarbeit[2].

Sonderpädagogik als Teilgebiet der Sozialpädagogik

Personen mit psychischen Störungen waren vor der Entstehung der modernen Gesellschaft nur in begrenztem Maße ein relevantes soziales Problem. Erst allmählich entstanden spezifische Einrichtungen für Behinderte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, geschaffen und getragen wurden diese Einrichtungen von einzelnen lokalen Institutionen oder karitativen Vereinigungen (z.B. evangelische Rettunghausbewegung).

Eine systematische Behindertenfürsorge unter staatlicher Regie für alle Personen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen konnte sich trotz dieser Ansätze nur mühsam entwickeln und somit als eigenständiger Aufgabenbereich ausdifferenzieren und etablieren[3].

Zum Begriff und zum Umfang der Sonderpädagogik stellt BACH eine zusammenfassende Definition auf:

Sonderpädagogik ist die Theorie und Praxis der gesamten erzieherischen Förderung von Menschen mit Beeinträchtigungen aller Altersstufen. Das Besondere der Sonderpädagogik besteht darin, dass sie es mit Unregelhaften und in diesem Sinne erschwerenden Gegebenheiten zu tun hat, für die sie ein über das Übliche Hinausgehendes an Konzepten und Kompetenzen anbietet[4].

Hauptzielrichtungen der Sonderpädagogik sind eine Reduzierung oder Behebung vorliegender Störungen, ein Abbau vorliegender Benachteiligungen, eine Korrektur von Belastungen durch unangemessene Umfeldanforderungen und damit die Herstellung der Balance auf möglichst hohem Niveau für die Betroffenen[5].

Für die Pädagogik gilt, dass sie sich mit den benachbarten Wissenschaften auseinandersetzen muss; gemeint sind Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Soziologie und Philosophie. Die verschiedenen Disziplinen berühren und überschneiden mit ihren Fragestellungen und Maßnahmen die Pädagogik, wie sie miteinander verflochten sind. Ziel dieser Kreuzungen muß also eine qualifizierte Partnerschaft sein.

Unter diesem Aspekt trifft die Kinder- und Jugendpsychiatrie schwerpunktmäßig mit der Bezugswissenschaft der Verhaltensgestörten-/ Verhaltensauffälligenpädagogik zusammen, welche im folgenden näher erläutert werden soll.

Verhaltensauffälligenpädagogik

„Die Begriffe „verhaltensgestört/verhaltensauffällig/abweichendes Verhalten“ sind hinreichend exakt nicht zu definieren.“[6] Daher lässt sich wohl leicht die Aussage treffen, dass eine verhaltenspädagogische Definition in einer solchen Form nicht existieren kann, sondern sich vielmehr aus einer Situation heraus extrahiert. Nach ATZESBERGER handelt es sich im pädagogischen Sinne um eine Verhaltensstörung, wenn das delinquente Verhalten nicht nur sporadisch oder vorübergehend in Erscheinung tritt, sondern sich eine Kontinuität, eine permanente Unbalance abzeichnet. Diese Form der Abweichung vom Regelverhalten ist derart gravierend für das Normenverständnis der Umwelt, dass eine pädagogische Maßnahme notwendig scheint um eine soziale Isolierung abzuwenden.[7]

EXKURS: Verhaltensstörungen

Eine Auseinandersetzung mit der Thematik gestörten Verhaltens verdeutlicht, wie weit und dehnbar sich dieser Begriff in der Fachliteratur darstellt. Um ein Verständnis bezüglich Verhaltensstörungen zu entwickeln, erscheint es als notwendig, einen allgemeinen Einblick durch den Exkurs zu gewähren.

Begriffsbestimmung

Wie erwähnt handelt es sich bei der exakten Begriffsbestimmung um ein weites Feld an Interpretationsmöglichkeiten. Es ist zu vermuten, dass jeder Verhaltensforscher wohl seine eigene, auf Erfahrung basierende Definition von Verhaltensstörung aufzeigen kann. Allein eine Auswertung dieser Vielzahl von Terminierungen rechtfertigt eine eigenständige Semesterarbeit.

Seit 1950[8] gilt eine Verhaltensstörung als Oberbegriff für die unterschiedlichsten Erscheinungen, wie Verwahrlosung oder Schwererziehbarkeit, aber auch für konkrete psychische Störungen wie Psychosen, Neurosen, Psychopathien, Intelligenzstörungen und organischen Abbauprozessen. In jüngerer Vergangenheit ordnete die Wissenschaft sozial abweichendes Verhalten diesem Oberbegriff ebenfalls mit unter.[9] Ein Begriff der so viele unterschiedliche Erscheinungsformen abzudecken hat ist naturgemäß nicht sehr exakt. Verallgemeinert lässt sich hieraus ableiten, dass es sich bei Verhaltensstörungen um eine Gruppe persönlichkeitsspezifischer, psychophysischer Störungen handelt, die zu einer Beeinträchtigung im Leistungs- und Sozialbereich führen.

Die Verhaltensstörung ist somit zwischen Devianz, einem Terminus für jede allgemeine Auffälligkeit, und Behinderung, der Abweichung eines Individuums von funktionalen und körperlichen Normen, im Begriffskatalog einzuordnen.

Formen der Verhaltensstörung

Um in Formen bzw. Arten oder Variationen von Verhaltensstörungen zu unterscheiden ist es notwendig ihre Ursachen zu klassifizieren. Diese Ursachen können zum einen exogener Natur, d.h. von der Umwelt bedingte Faktoren sein, welche auf ein Kind einwirken. Hierbei sind die Familienkonstellationen, der Erziehungsstil, sozioökonomische Verhältnisse und nicht zuletzt auch die gesamte Gesellschaftsstruktur zu nennen.[10] Exogene Ursachen können, müssen aber nicht, Auslöser von Verhaltensstörungen sein. Zum anderen sind endogene Faktoren zu nennen, welche ihre Ursache bereits im Erbmaterial oder in der Entwicklung haben und so zum Beispiel Neuropathie oder Autismus zur Folge bedingen[11]. Die Mehrzahl aller Verhaltensstörungen dürften jedoch auf eine Kombination von exogener und endogener Ursachen zurückzuführen sein, da wohl exogene Faktoren bei einer Prädispositionierung durch die Erbmasse die Wahrscheinlichkeit eines Auftretens erhöhen. Im allgemeinen basiert dies auf einem Anlagen-Umweltmodell, welches eine differenzierte Kausalität ausdrückt.[12]

Die Therapie

Der Begriff der Therapie ist im Gegensatz zum pädagogischen Terminus, zum einen bekannter und zum anderen auch in der normalen, nicht wissenschaftlich tätigen Bevölkerung mit diversen, oftmals überbewerteten, Vorstellungen behaftet. „Therapie meint [...] die weitgehende Erzielung von Symptomfreiheit durch Einsatz einer Reihe als wirksam anerkannter Verfahrensweisen; wobei Therapie immer unvollkommen bleibt, wenn sie nicht auch Maßnahmen der Rehabilitation und Prävention berücksichtigt.“[13] Diese Definition erscheint zwar im ersten Moment als etwas weit gefasst und somit unexakt, jedoch sei an dieser Stelle ergänzend hierzu vermerkt, dass es sich in dieser Arbeit um einen Begriff aus der Psychologie handelt und angrenzende Disziplinen, wie etwa die reine Medizin mit ihren Therapieformen (z.B. Pharmakologie etc.) nicht mehr gemeint ist.

Im folgenden sollen die für eine Kinder- und Jugendpsychiatrie notwendigsten Therapiesysteme kurz aufgezeigt werden, zu welchem die Psychotherapie zählt.

Psychotherapie

„Eine Psychotherapie kann definiert werden als eine korrektive Erfahrung, die Menschen hilft, sich sozial angemessener zu verhalten.“[15] Diese Form der Therapie ist auf FREUD zurückzuführen und hat sich seit dem sprunghaft entwickelt. Psychotherapien lassen sich in 4 Grundrichtungen zusammenfassen:[14]

1. psychoanalytische Therapien,
2. humanistische Therapien,
3. interpersonelle Therapien und
4. Verhaltenstherapien.[16]

Da es in dieser Arbeit um das Verhältnis zwischen Psychologie und Pädagogik in der kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis geht, soll an dieser Stelle die für beide Fachrichtungen relevante Therapieform näher vorgestellt werden – die Verhaltenstherapie.[17]

[...]


[1] Mollenhauer 1988, S. 19.

[2] Böhnisch 1999, S. 13 f.

[3] Mair 1998, S. 37 f.

[4] Bach 1999, S.4.

[5] ders. S. 73.

[6] Zitat: Mörtl 1989 S. 32

[7] Vgl.: Mörtl 1989 S. 34

[8] 1. Weltkongress für Psychiatrie

[9] Vgl.: Atzesberger S.12

[10] Vgl.: Atzesberger S. 15-33

[11] Vgl.: Atzesberger S. 15-33

[12] Vgl.: Atzesberger S. 17

[13] Zitat: Mörtl 1989 S. 79

[14] In der Fachliteratur wird häufig zwischen Psychotherapie und Verhaltenszherpie unterschieden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit soll in dieser Arbeit darauf verzichtet werden.

[15] Zitat: Bourne/Ekstrand 1997 s. 487

[16] Vgl.. Lackinger-Karger 1999 S.331 ff.

[17] Sich auf diese Therapieform zu beschränken ist zwar sehr fragwürdig, da Psychologen wie auch Pädagogen in der Lage sind Willenstherapien, Gesprächspsychotherapien (nach Rogers),Gestalttherapien oder verschiedenste interpersonelle Therapien durchzuführen, jedoch würde eine Erläuterung der jeweiligen Aspekte den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Spannungsfeld von Pädagogik und Therapie
Hochschule
Universität Erfurt  (Sozialpädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
36
Katalognummer
V30065
ISBN (eBook)
9783638314176
ISBN (Buch)
9783638650588
Dateigröße
819 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder-, Jugendpsychiatrie, Spannungsfeld, Pädagogik, Therapie
Arbeit zitieren
Stephan Zein (Autor), 2003, Die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Spannungsfeld von Pädagogik und Therapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30065

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