Entwicklungs- und Kolonialdiskurse in Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" (1855)


Masterarbeit, 2012

162 Seiten, Note: 15.5/20


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

WIDMUNG

VORWORT

DANKSAGUNG

EINLEITUNG

KAPITEL 1 : THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN
1-1: Zum Stand der Diskussion um den Begriff „Entwicklung“
1-1-1: Die Modernisierungstheorie
1-1-2: Zur Dependenztheorie
1-1-3: Zu den postmodernen Entwicklungsansätzen
1-2: Zum Begriff „Kolonisation“
1-3: Zu den Begriffen „Entwicklungsdiskurs“ und „Kolonialdiskurs“
1-4: Zur diskursanalytischen Literaturwissenschaft
1-4-1: Zum Stand der diskursanalytischen Richtungen in der Literaturwissenschaft
1-4-2: Zum theoretischen Modell der Arbeit

KAPITEL 2: ZUR DISKURSIVEN KONSTRUKTION DES BÜRGERLICHEN ENTWICKLUNGSMODELLS
2-1: Zur Romanumwelt
2-1-1: Zur soziokulturellen Umwelt der Romanhandlung
2-1-2: Zur Erzählstruktur des Romans „Soll und Haben“
2-2: Das bürgerliche Entwicklungsmodell als kultureller Modernisierungsprozess
2-2-1: Globalisierung als kultureller Prozess
2-2-2: Zur Konstruktion einer bürgerlichen Modernisierungskultur
2-2-3: Der bürgerliche Arbeitsdiskurs als Konstruktion eines kulturellen und nationalistischen Bewusstseins
2-2-4: Bildung und kulturelle Modernisierung
2-2-5: Zur Funktion von Ethik und Humanismus im bürgerlichen Kapitalismusdiskurs

KAPITEL 3: ZUR ANALYSE DES ADLIGEN GESELLSCHAFTSMODELLS UND DES DISKURSES DER BÜRGERLICHEN ENTWICKLUNGSMISSION
3-1: Zur Analyse des adligen Gesellschaftsmodells
3-1-1: Zur hedonistischen Denkweise im Adelsdiskurs
3-1-2: Die idealistische Weltsicht im Diskurs des Adels
3-1-3: Die ökonomische Irrationalität im Denksystem des Adels
3-2: Zur Analyse der bürgerlichen Entwicklungsmission
3-2-1: Die Kulturenbegegnung zwischen dem Bürgertum und der Adelsklasse im Spannungsverhältnis Realismus – Idealismus
3-2-2: Zum diskursiven Konstrukt des Bürgerstandes über die Rückwärtsorientierung der adligen Kultur
3-2-3: Das Streben nach kultureller Hegemonie im bürgerlichen Entwicklungsdiskurs

KAPITEL 4: ZUR ANALYSE DES JÜDISCHEN ENTWICKLUNGSMODELLS
4-1: Die ökonomische Pragmatik und Rationalität im Judendiskurs
4-1-1: Zur Bedeutsamkeit des merkantilen Scharfsinnes und ökonomischen Wachstums im Diskurs Itzigs
4-2: Zur kapitalistischen Weltsicht im Judendiskurs
4-3: Zur Analyse des jüdischen Arbeitsdiskurses

KAPITEL 5 : ZUR DISKURSANALYTISCHEN UNTERSUCHUNG DER BÜRGERLICHEN KOLONIALMISSION BEI DEN SLAWEN
5-1: Zur Konstruktion des wilden und inferioren polnischen Fremden
5-1-1: Zur Konstruktion einer wilden und chaotischen Topographie des Fremden
5-1-2: Zu den Repräsentationssystemen des kolonisierenden Eigenen und des kolonisierten Fremden
5-1-3: Der West und der Ost und der kulturelle „Diffusionismus“
5-2: Zum Stellenwert von „Soll und Haben“ in der Kolonialdiskussion der Wilhelminischen Ära
5-2-1: Die Kolonialdiskussion in der Wilhelminischen Ära
5-2-2: Der Kolonialroman „Soll und Haben“ als Beitrag zur indirekten Kolonisation im vorkolonialen Deutschland

SCHLUSSBETRACHTUNGEN

BIBLIOGRAPHISCHE ANGABEN

WIDMUNG

Meiner Frau und meinen Kindern

VORWORT

Diese Arbeit, die als mein zweiter Schritt in die Literaturwissenschaft gilt. Erfolgt nach meiner zur Erlangung der Maitrise im Jahre 2000 verfassten ersten Forschungsarbeit. Der sehr große Zeitabstand zwischen den beiden Diplomarbeiten lässt selbstverständlich die Frage nach meiner Motivation stellen, zwölf Jahre nachher eine zweite Diplomarbeit zu erstellen. Vor anderthalb Jahren und nach elf Jahren als Deutschlehrer im Hinterland bin ich nach Jaunde versetzt worden. Dabei empfand ich einen starken inneren Drang, meine veralteten Kenntnisse in Literaturwissenschaft wiederaufzufrischen und zu verbessern. Diese Herausforderung war umso grösser, als ich Prof. Dr. Simo traf und ihm meine Absicht mitteilte. Seine Reaktion zeigte jedoch, dass er ein bisschen skeptisch war. Diese Skepsis, die ich selbst zu jener Zeit zum Teil teilte, entschwand aber kurz nach den ersten Vorlesungen von Master II, denn ich konnte den Schritt halten, obwohl vieles mir neu vorkam.

Den Roman Freytags „Soll und Haben“ hatte ich 1999 in Saarbrücken zufällig auf einem Flohmarkt gekauft und 2003 in Abong-Mbang vor allem aus Zeitvertreib gelesen: Mein wissenschaftliches Interesse an diesem Roman des bürgerlichen Realismus wuchs, als ich nach meiner Versetzung entschloss, akademische Studien wiederaufzunehmen. Meine Motivation war noch grösser, nachdem mir Prof. Dr. Simo seine Betreuung zusagte.

Beim Verfassen dieser Diplomarbeit habe ich einen unbeschreiblichen Spaß gehabt, denn die Themen „Entwicklung“ und „Kolonisation“ weisen auf Diskussionen hin, die in Afrika weiterhin von großer Brisanz sind. Es scheint mir infolgedessen überaus interessant, die Aussagen der Figuren und des Erzählers über derartige Problematiken auch in fiktiven Rekonstruktionen mancher europäischen Autoren zu analysieren. Somit beabsichtige ich, einen afrikanischen Blick in die europäische Literatur zu werfen.

Meine Entschlossenheit und Motivation haben mir geholfen, über alle Hindernisse wie etwa die Knappheit der verfügbaren Sekundärliteratur über Freytag an der Universität Yaoundé I und meine Aufgaben sowohl als Familienchef als auch als Beamte (Deutschlehrer) hinwegzukommen. Diese Arbeit mag gewisse Unzulänglichkeiten aufweisen, die daher rühren, dass ich für sehr lange Zeit keine literaturwissenschaftliche Tätigkeit ausgeübt habe.

DANKSAGUNG

Hiermit möchte ich mich zunächst einmal bei allen Personen bedanken, die mich bei der Erstellung dieser Arbeit psychologisch und wissenschaftlich unterstützt haben.

Ein besonderer Dank gilt meinem Betreuer Prof. Dr. David Simo für die Betreuung dieser Diplomarbeit sowie für eine Vielzahl anregender Ratschläge und konstruktiver Änderungsvorschläge.

Ich danke ebenfalls Prof. Dr. Alioune Sow für seine aufheiternden Aufforderungen, die mir Mut und Selbstvertrauen eingeflößt haben.

Nicht zuletzt möchte ich mich bei meinen Kindern und meiner Frau für ihre Toleranz und wohlgemeinten Scherze mir gegenüber bedanken.

EINLEITUNG

a. Zur Forschungsmotivation

Es mag verwundern, dass sich ein afrikanischer Germanist an einem Autor wie Gustav Freytag, dessen Werk „Soll und Haben“ wegen nicht unbegründeten Verdachts von Antisemitismus und Diskriminierungsapologie nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Kanon heraustritt und demzufolge in Vergessenheit geriet, interessiert. In der Tat werden im Zuge der neueren Paradigmen wie etwa der cultural studies manche als nicht mehr interessant gesehenen Werke mit ganz neuen Blicken wieder gelesen. So kann der Leser anhand mancher damit verbundenen spezifischen Theorieansätze und Lektüremodelle ein neues Licht auf solche Werke werfen. Diese Arbeit verschreibt sich demzufolge der Tendenz, in alten und als vergriffen betrachteten Texten ganz aktuelle Forschungsgegenstände mit ganz neuen Analyseperspektiven herauszuarbeiten.

b. Zum Forschungsgegenstand

Die Problematiken „Entwicklung“ und „Kolonisation“, die den Forschungsgegenstand der vorliegenden Studie bilden, stellen aktuelle Themenschwerpunkte dar, die den aktuellen gesellschaftlichen, medialen, politischen, ökonomischen und literarischen Raum in Afrika weiterhin besetzen. Es ist demzufolge interessant zu sehen, wie sie in einem Werk der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einer Epoche tiefergehender sozialer Umgestaltungen und sprunghaften ökonomischen Fortschritts im Zuge der Industriellen Revolution, literarisiert werden. Diese Problematiken in ihren sozialgeschichtlichen Kontext des Wilhelminischen Zeitalters zu setzen und sie einer diskursanalytischen Perspektive zu unterziehen, stellen deutlich den Vorteil dar, nicht nur die inszenierten Diskurse herauszustellen, sondern auch und vor allem zu untersuchen, welcher Diskurs von den jeweils handelnden gesellschaftlichen Akteuren vertreten wird.

c. Forschungsproblematik und –ziel

Diese Untersuchung wird auf der folgenden Leitfrage aufgebaut: welche ideologischen Denksysteme und kulturellen Ideologeme liegen den jeweiligen inszenierten Diskursen der dargestellten Sozialgruppen zugrunde? Diese Studie setzt sich als Ziel, im Roman Freytags „Soll und Haben“ die jeweiligen inszenierten diskursiven Konstruktionen über die Problematiken „Entwicklung“ und „Kolonisation“ zu analysieren. Darüber hinaus gehören die Diskursstrategien, die Positionierungen und die Modalitäten der Konstitution der jeweiligen Diskurse sowie die Beziehungen zwischen den dargestellten gesellschaftlichen Akteuren zu meinen Erkenntnisinteressen.

d. Fragestellungen

Folgende Fragestellungen werden uns behilflich sein, das Ziel der vorliegenden Untersuchung zu erreichen sowie der oben formulierten Problematik gerecht zu werden. Unter anderem wird danach gefragt, mit welchen gesellschaftlich-politischen Argumentationssystemen, kulturellen Ordnungssystemen und Denkschemata über Entwicklung von jeder Sozialgruppe reflektiert wird? Überdies werden den diskursiven Strategien nachgegangen, auf welche der Kolonisator in „Soll und Haben“ rekurriert, um sein „zivilisatorisches Unternehmen“ zu legitimieren. Welche ideologischen Überschneidungen liegen vor zwischen den inszenierten Entwicklungs- und Kolonialdiskursen, ist ebenfalls eine forschungswürdige Frage.

e. Zur Methodik

Die hier anzuwendenden methodischen Ansätze, auf die im ersten Kapitel der vorliegenden Studie mit dem Titel „Theoretischer Bezugsrahmen“ ausführlich eingegangen wird, sind vornehmlich die Diskursanalyse und der Postkolonialismus

f. Forschungshypothesen

In dieser Studie lassen sich zwei Haupthypothesen aufstellen. Die erste ist, dass in dieser ästhetischen Konstruktion Freytags die Aussagen und Gedanken der jeweiligen Sozialgruppen über Entwicklungs- und Gesellschaftsmodelle im Kontext sozialer und ökonomischer Umgestaltungen konkurrierenden und gegensätzlichen oder ideologisch benachbarten Denksystemen sowie sozioökonomischen Argumentationssystemen zugeordnet sind. Die zweite ist, dass der Entwicklungsdiskurs zu den Legitimationsargumenten des Kolonialdiskurses gehört und dass beiden Diskursen dasselbe Denksystem zugrunde liegt

g. Struktur der Arbeit

Diese Arbeit lässt sich in fünf Kapitel aufteilen. Im ersten Kapitel, das „theoretischer Bezugsrahmen“ lautet, wird der theoretische Rahmen der Arbeit abgesteckt. In diesem Kapitel zeige ich den Stand der Diskussion über die zwei Problematiken der vorliegenden Studie auf. Was die „Entwicklung“ angeht, werden die verschiedenen Denkrichtungen mit deren Grundvorstellungen dargeboten. Was die Modernisierungstheorie, die Dependenztheorie und die postmodernen Ansätze voneinander unterscheidet, bildet den Kern der Ausführungen hier. Was den Begriff „Kolonisation“ anbelangt, wird zwischen klassischen und postkolonialen Annäherungsweisen differenziert. Bezüglich des theoretischen Unterteils steige ich in die theoretische Diskussion über meinen übergeordneten methodischen Ansatz, nämlich die Diskursanalyse, ein. An dieser Stelle werden die psychologische, die semiotische und die philologische Variante mit ihren jeweiligen schwerpunktmäßigen Herangehensweisen ausdifferenziert.

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „zur diskursiven Konstruktion des bürgerlichen Entwicklungsmodells“ wird analysiert, woran Entwicklung aus der Sicht des Bürgertums ermessen wird. Poetisierung der Geschäftswelt und ästhetischer Umgang mit den Waren, Konstruktion einer nationalistisch angelegten bürgerlichen Kultur um Grundprinzipien wie etwa Arbeitsethos, Bildung und Ethik. Hiermit wird der bürgerliche Entwicklungsdiskurs weitgehend kulturalisiert und demzufolge die angestrebte wirtschaftliche Leistung eher in eine kulturelle Sphäre überführt. Aus der Sicht des Bürgertums spielen wirtschaftliche Erträge in diesem Zusammenhang eine geringe Rolle.

Das dritte Kapitel mit der Überschrift „Zur Analyse des adligen Gesellschaftsmodells und des Diskurses der bürgerlichen Entwicklungsmission“ wird einerseits der Untersuchung des Gesellschaftsmodells des Adels und der Analyse der Legitimationsstrategien der bürgerlichen Entwicklungsmission bei dem Adel gewidmet. Daraus ergibt sich, dass sich die Denkschemata des Adels von denen des Bürgertums eindeutig abheben. Im Gegensatz zum Bürgertum, das die Arbeit und eine kulturelle Prägung des wirtschaftlichen Aufstiegs in den Mittelpunkt seines Entwicklungsmodells stellt, zeichnet sich die Aristokratie durch ihre hedonistische Denkweise, idealistische Weltsicht und ökonomische Irrationalität aus. Überdies zeigt die diskursive Analyse der bürgerlichen Entwicklungsmission, dass letztere vor dem Hintergrund einer spannungsreichen Beziehung zwischen der bürgerlichen und der adligen Kultur stattfindet. Diese Entwicklungsmission, die letztendlich in eine kulturelle Hegemonie des Bürgertums umschlägt, lässt sich durch die vorgeblich rückwärtsorientierte Kultur des Adels rechtfertigen.

Das vierte Kapitel mit dem Titel „Zur Analyse des jüdischen Entwicklungsmodells“ setzt sich zum Ziel, die Denk- und Handlungsmuster des Judentums herauszuarbeiten, um somit sein Entwicklungsmodell zu skizzieren. Daraus resultiert, dass das Judentum im Gegensatz zum Bürgertum nach rein ökonomischen Akkumulationsgrundsätzen des Kapitalismus denkt und handelt. Bei ihm wird das ökonomische Wachstum und demzufolge der Aufstieg des Pro-Kopf-Einkommens zum Lebensgrundsatz erhoben.

Das fünfte und letzte Kapitel mit der Überschrift „Zur diskursanalytischen Untersuchung der bürgerlichen Kolonialmission bei den Slawen“ setzt sich zum Ziel, die kolonisatorische Mission des Bürgertums einer diskursanalytischen Untersuchung zu unterziehen. Chaotische Topographie und Abgrenzung zwischen dem kulturellen Eigenen und Fremden, sind unter einige Charakteristiken des Diskurses des bürgerlichen Kolonisten. In seinem Diskurs oder seinen Praktiken lassen sich auch einerserits einen kulturellen „Diffusionismus“ und anderseits Mimikry-Phänomene aufdecken.

KAPITEL 1 : THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN

In diesem Teil haben wir vor, zuerst die Schlüsselbegriffe des Forschungsgegenstandes zu bestimmen und danach den theoretischen Rahmen der vorliegenden Arbeit abzustecken. Im ersten Unterteil wird versucht, den Stand der Diskussion um Begriffe „Entwicklung“ und „Kolonisation“ eingehend darzustellen. Im zweiten werden die diskursanalytischen Varianten der Literaturwissenschaft dargelegt und davon ausgehend wird das diskursanalytische Modell der vorliegenden Arbeit skizziert.

1-1: Zum Stand der Diskussion um den Begriff „Entwicklung“

Der Begriff „Entwicklung“ kann überhaupt nicht mit einem kurzen, zusammenfassenden Text als allgemeingültiges Erklärungsangebot erfasst werden, zumal es über den Inhalt des Entwicklungsbegriffes kein definitorischer Konsens herrscht. Es liegt vielmehr verschiedenartige Vorstellungen von „Entwicklung“ vor, die von entsprechenden Entwicklungstheorien ausgearbeitet werden. In diesem Zusammenhang lassen sich hauptsächlich drei Grundansätze herausstellen, auf die im Folgenden eingegangen wird.

1-1-1: Die Modernisierungstheorie

Im Verständnis dieses in den 1950er Jahren einsetzenden und in den 1970er Jahren ausgehenden Entwicklungsansatzes wird Entwicklung mit Modernisierung gleichgesetzt . Modernisierung wird hier verstanden als ein umfassender Prozess der Transformation von traditionellen Institutionen, Verhaltensgewohnheiten, kulturellen Strukturen und Vorstellungs-, bzw. Handlungsmustern in ihre modernen Ausprägungen am Beispiel der Modelle der westlichen Industrieländer.

Die Modernisierung von traditionellen Strukturen schlägt sich im Sinne Schraders in „Bürokratisierung1, wirtschaftlicher Entwicklung, Urbanisierung, Säkularisierung der Kultur2, Positivierung des Rechts und zahlreichen anderen Prozessen“3, wie etwa Demokratisierung und Bildungsexpansion nieder. Diesen allumfassenden Prozess, wobei alle traditionell geprägten soziokulturellen und mentalen Strukturen durch die modernen abgelöst werden, haben einige Modernisierungstheoretiker in vier kleinere Prozesse aufgeteilt, nämlich, so Schrader, die Individualisierung, die Differenzierung, eine Modernisierung der Kultur und eine materiale Modernisierung.

Unter Individualisierung wird der mit der Industrialisierung und Modernisierung der westlichen Gesellschaften einhergehende Prozess bezeichnet, der auf einen Übergang des Individuums von Fremd- zur Selbstbestimmung hinweist. Diese Individualisierung, deren philosophische Grundlage der Individualismus ist, erfolgt mit der Zunahme von ökonomisch und utilitarisch geprägten Beziehungen einerseits und dem damit einhergehenden Rückzug der Großfamilie und dem Zerfall der dörflichen Gemeinschaften4.

Differenzierung bezeichnet „einen Prozess, in dem soziale Aktivitäten, die vormals von einer sozialen Institution verrichtet wurden, nun verschiedenen Institutionen zugeteilt werden. [Sie] repräsentiert eine zunehmende Spezialisierung der Teile der Gesellschaft, die zu größerer Heterogenität und Interdependenz der Teile führt“5.

Die Modernisierung der Kultur weist im Sinne der Modernisierungstheoretiker auf eine Rationalisierung der Kultur, das heißt eine starke Prägung der Vorstellungs- bzw. Handlungsmuster und Verhaltensgewohnheiten sowie Wissen eines Volkes durch wissenschaftliches Denken und Handeln hin. Die materiale Modernisierung verweist hier auf eine notwendige Domestizierung einerseits der natürlichen Umwelt mittels der durch den rationalen Menschen wissenschaftlich gewonnenen Verfahren hinsichtlich einer industriellen Modernisierung und andererseits eine Domestizierung der inneren Natur des Menschen, wobei der einzelne seine natürlichen Triebe loswerden soll, um rational zu denken und zu handeln.

Den Modernisierungstheoretikern zufolge wird Unterentwicklung „als Mangel an Modernität interpretiert und ihre Ursachen dementsprechend in endogenen Faktoren verortet.“6 Unter endogenen Faktoren meinen die Vertreter der Modernisierungstheorie genau die internen politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Strukturen der Entwicklungsgesellschaften, die meistens an einem dualistischen Zusammenhang zwischen Tradition und Moderne leiden würden. Laut der Modernisierungstheoretiker führe dieser Dualismus zu einer strukturellen Heterogenität, was den Strukturproblemen der Entwicklungsgesellschaften zugrunde läge. Dieses Dualismusmodell lässt sich dadurch erklären, dass „Entwicklungsgesellschaften in einen modernen, dynamischen und in den Weltmarkt integrierten Sektor einerseits und in einen traditionalen stagnierenden und nicht mit den höher entwickelten Wachstumspolen verbundenen Sektor andererseits geteilt“7 seien.

Die Modernisierungstheoretiker, laut derer Entwicklung wesentlich durch Einrichtung der modernen Strukturen und dementsprechend durch Abschaffung der traditionalen erfolgen kann, stimmen der Entwicklungshilfe der entwickelten Gesellschaften zugunsten der Entwicklungsgesellschaften weitgehend bei. Dieser Vorstellung liegt ideengeschichtlich das Konzept der „Treuhandschaft“8 der Saint-Simonisten zugrunde. Die modernen Gesellschaften, so die Saint-Simonisten, sind moralisch dazu beauftragt, den Entwicklungsgesellschaften die Modernität zu bringen, was zudem als eine der Legitimationsstrategien von bestimmten Kolonial- und Entwicklungsdiskursen betrachtet werden kann.

Über die oben aufgezeigten Grundannahmen der Modernisierungstheorie hinaus ist es festzustellen, dass es keine einzige Modernisierungstheorie, sondern eine Pluralität von Modernisierungstheorien gibt. In diesem Zusammenhang lassen sich hauptsächlich zwei Denkrichtungen herausstellen, nämlich die ökonomisch argumentierende Wachstumstheorie einerseits und der soziologisch argumentierende Ansatz des sozialen Wandels andererseits.

1-1-1-1: Die wachstumstheoretische Denkrichtung

In der Wachstumstheorie, die eigentlich den ökonomischen Flügel der Modernisierungstheorie repräsentiert, lautet die Kernaussage ihres Entwicklungsansatzes, dass der Weg aus der Unterentwicklung nur durch ein verstärktes wirtschaftliches Wachstum möglich sei, denn „wirtschaftliches Wachstum, so die Annahme, ziehe technologische Ausdifferenzierung, Urbanisierung und höhere Konsumtionsraten nach sich und könne daher mittelfristig zu einer selbst tragenden Entwicklung führen“9. Laut dieses entwicklungsökonomischen Ansatzes sei das angestrebte Wachstum grundsätzlich mittels einer Intensivierung der Kapitalakkumulation, der Produktivität und der wachsenden Industrialisierung realisierbar.

Das Kapital10 stellt im Sinne dieser ausschließlich ökonomisch argumentierenden Denkrichtung der Modernisierungstheorie die entscheidende Triebkraft des angestrebten wirtschaftlichen Aufstiegs. Unter Produktivität wird der historische Prozess gemeint, der von den traditionellen Produktionsverhältnissen über die Aufstiegsphasen zu den modernen Produktionsverhältnissen mit deren Fließbandarbeit und Massenkonsum als Endpunkt in den Industrieländern abgelaufen ist. Den Wachstumstheoretikern zufolge sei das vorbildhafte Wachstum eigentlich die historischen „Erfahrungen mit ökonomischen Wachstumsprozessen in Industrieländern“11 des Westens und Nordens, die in extenso in die Entwicklungsgesellschaften übertragen werden sollten zur Überwindung der Unterentwicklung.

Entwicklung wird demgemäß an rein ökonomischen Indikatoren, wie etwa dem Brutto-Sozialprodukt und logischerweise dem Pro-Kopf-Einkommen gemessen. Diese Indikatoren, die auf das materielle Wohlergehen der Gesellschaft einerseits und des Individuums andererseits hinweisen, seien überzeugende Entwicklungsindizien, die eng mit dem wirtschaftlichen Wachstum verbunden sind. Somit wird das „Problem der Armutsüberwindung zu einer abhängigen Variable von wirtschaftlichem Wachstum.“12 Ohne ökonomischen Aufstieg sei laut der Anhänger der Wachstumstheorie die Armut in den Entwicklungsgesellschaften unüberwindbar. Einstellungen wie „harte Arbeit“, „sparen/investieren“, „Hab- und Profitgier“ und „Zweckrationalität“13 unter anderem prägen weitgehend die Denkweise der Wachstumstheoretiker.

Die hartnäckige Fixierung des wachstumstheoretischen Ansatzes auf die rein ökonomische Dimension der Entwicklung und die feststellbaren Misserfolge der entwicklungspolitischen, bzw. -praktischen Erfahrungen bei den Entwicklungsmissionen in den Entwicklungsländern haben mehrere Kritiken gegen diese Denkrichtung hervorgerufen.

Die bedeutendsten Unzulänglichkeiten, die der wachstumstheoretischen Denkrichtung entgegengehalten werden, sind unter anderem die Reduzierung ihrer Entwicklungskonzeption auf rein ökonomische Faktoren und dementsprechend die Auslassung von kulturellen und sozialen Faktoren, zumal das angestrebte Wachstum angesichts der historischen Erfahrungen in Entwicklungsländern vielmehr kleineren privilegierten Bevölkerungsteilen zugute käme und somit eher zur Ausbreitung der zu überwindenden Armut beitrüge. Der Argentinier Antonio Garcia fasst die Kritikpunkte gegen diesen ökonomischen Flügel der Modernisierungstheorie folgendermaßen zusammen:

It is mechanistic because it is based on the theoretical assumption that development is an effect induced by certain technological innovations and by certain mechanisms that accelerate the equation savings/investment. It is compartmentalizing because it is built on a view of social life as the arithmetic sum of compartments (economic, political, cultural, ethical) that can be isolated at will and treated accordingly14.

Hiermit weist Garcia deutlich darauf hin, dass die wachstumstheoretische Annahme, Entwicklung sei allein durch technologische Innovationen und rein kapitalistische Strategien wie „sparen/investieren“ realisierbar, gänzlich unhaltbar ist. Zugleich an dieser ökonomisch argumentierenden Modernisierungstheorie kritisiert Garcia, dass sie von der ihm zufolge abwegigen Annahme ausgeht, die vom englischen Soziologen Parsons in seiner Systemtheorie15 ausgearbeiteten vier Teilsysteme, die das Gesellschaftssystem zusammenbilden, unabhängig voneinander funktionieren würden. Dieser Konzeption von einer Gesellschaft mit selbständig funktionierenden Teilsystemen stellt Garcia die Interdependenz und Verflechtung derselben gegenüber. Angesichts all dieser Unzulänglichkeiten und Misserfolge der wachstumstheoretischen Ansätze flammt eine soziologisch argumentierende Theorie auf, die andersartige modernisierungstheoretische Gesichtspunkte vertritt.

1-1-1-2: Die Denkrichtung des sozialen Wandels

Die Kernaussage dieses theoretischen Ansatzes, den viele Entwicklungstheoretiker als Theorie des sozialen Wandels bezeichnen, lautet, dass Entwicklung vielmehr ein Prozess soziokultureller Modernisierung sei. Die Vertreter dieses soziokulturellen Flügels der Modernisierungstheorie plädieren in diesem Sinne für eine „soziokulturelle Enttraditionalisierung“16 der rückständigen und traditionalen Gesellschaften.

Laut der Vertreter der Theorie des sozialen Wandels stellen die Veränderung des Bewusstseins, Herausbildung rationaler Denkweise, Einführung neuer Werte und ökonomischer Verhaltensweisen die entscheidenden Triebkräfte der Entwicklungsprozesse dar17, denn im Gegensatz zur ökonomischen Modernisierungstheorie, die Entwicklung mit Beseitigung der traditionalen und wachstumswidrigen ökonomischen Verhältnisse verbindet, konzipiert die soziologische Modernisierungstheorie Entwicklung als Beseitigung kultureller, religiöser, psychologischer und auch politisch-institutioneller Entwicklungshemmnisse18, die ihnen zufolge in den traditionalen Strukturen der Entwicklungsgesellschaften vorzufinden sind. Modernisierung im Sinne dieser Denkrichtung impliziert demzufolge eine Schaffung von neuen soziokulturellen Faktoren und sozialökonomischen Strukturen.

Lerner, einer der wichtigsten Vertreter der soziologischen Denkrichtung in der Modernisierungstheorie, sieht Faktoren wie etwa „Ausbreitung säkularer Normen in der Kultur“, „Steigerung räumlicher und sozialer Mobilität“, „Erhöhung von Leistungsorientierung“ und „Empathie“ als entscheidende Voraussetzungen für Modernisierung. Manche religiösen Grundsätze wie etwa Ethik und Arbeit sollen in diesem Zusammenhang entsakralisiert und demgemäß handlungsorientiert in gängige kulturelle Werte eingebettet werden. Unter Empathie meint Lerner die Fähigkeit, bestehende dualistische Strukturen, das heißt, „village versus town, land versus cash, illiteracy versus enlightment, resignation versus ambition“19 zu überwinden. Über psychische Mobilität sagt Lerner: „mobility is the initial mechanism: people must be ready, willing and able to move from where they are to what they are“.20

Diese Vorstellung von Mobilität21 gründet auf die Annahme der Modernisierungstheorie, der gemäß sich jede gesellschaftliche Struktur oder jeder Einzelne von der traditionalen zur modernen Phase natürlicherweise hin entwickelt. Diese das Handeln und Denken des Einzelnen bestimmende und die gesellschaftlichen Transformationen bewirkende Dynamik ist ein bedeutender Indikator der Modernisierung. Ein postmoderner und weiterhin postkolonialer Blick auf die Grundannahmen der Modernisierungstheorie würde offensichtlich mehrere Kritikpunkte ergeben. Als postmoderne Kritiken lassen sich Universalisierung und Verabsolutierung des westlichen Entwicklungsmodells ans Licht bringen. Somit lässt sich die Modernisierungstheorie in die Globaltheorien einschreiben, die absolute Wahrheiten über bestimmte Gegenstände konstruieren. Dass die Modernisierungstheorie das historische, soziokulturelle Entwicklungsmodell des Westens und Nordens als die absolute und demzufolge universalisierbare Modernität schlechthin vorgibt, ist unter einem postmodernen Blickwinkel unhaltbar.

Von der postkolonialen Perspektive her lassen sich im Modernisierungsdiskurs verwerfliche eurozentrische Sichtweisen und hegemoniale Denkmuster aufdecken, denn das Entwicklungsmodell der Industrieländer wird den Entwicklungsgesellschaften aufgezwungen, ohne den spezifischen Realitäten der letzteren Rechnung zu tragen. Somit weist der Entwicklungsdiskurs der Modernisierungstheorie dieselben Mechanismen wie der Kolonialdiskurs auf.

Angesichts dieser Kritikpunkte und des im Sinne mancher Beobachter weniger überzeugenden Erklärungsangebots der Modernisierungstheorie tritt die Dependenztheorie in die Entwicklungsdiskussion mit entgegensetzten Stellungnahmen.

1-1-2: Zur Dependenztheorie

Auf dem Feld der Entwicklungsdiskussion positioniert sich die Dependenztheorie ideologisch im Gegenpol zur Modernisierungstheorie, denn im Gegensatz zur Modernisierungstheorie, die die Ursachen der Unterentwicklung wesentlich in endogenen Faktoren verortet, sehen die Dependenztheoretiker die Gründe der Unterentwicklung grundsätzlich in exogenen Faktoren. Die Kernaussage der Dependenztheorie lautet, dass die Entwicklungsgesellschaften deshalb unterentwickelt wären und es langfristig und gar unumkehrbar bleiben würden, weil sich die Industrieländer entwickeln. Diesem Ansatz liegt die Denkweise zugrunde, der Entwicklungsprozess im Zentrum und der Unterentwicklungsprozess in der Peripherie ein einem Abhängigkeitsverhältnis stünden. Da die Entwicklung der Metropole die Unterentwicklung der Satelliten zur Folge habe, heißt es auch umgekehrt, dass die Unterentwicklung der Peripherie mit der Entwicklung des Zentrums zusammenhänge. Sunkel ist in diesem Zusammenhang der Meinung, „dass Unterentwicklung ein integraler Bestandteil des historischen Prozesses des internationalen Systems ist und dass Unterentwicklung und Entwicklung daher nur die zwei Seiten eines gemeinsamen, universellen Prozesses darstellen.“22 Sunkel macht hiermit deutlich darauf aufmerksam, dass der Unterentwicklung der Peripherie liegen extrinsische Verhältnisse zugrunde, nämlich das seit der Kolonisation bestehende und wesentlich durch Ausbeutung geprägte internationale System, in dem sich die Ausbeuter langfristig entwickeln und die Ausgebeuteten unumkehrbar in Unterentwicklung versinken. Von dieser Stellungnahme der Dependenztheoretiker ausgehend sei die von dem Modernisierungsdiskurs nachdrücklich verteidigte „nachholende Entwicklung“ der Entwicklungsländer unweigerlich auszuschließen.

Im Verständnis der Dependenztheorie, deren Paradigma die Entwicklungsdiskussion in den 1970er und 1980er Jahren bestimmte, sei die Unterentwicklung der Peripherie als das Ergebnis einer Zusammenwirkung von exogenen Faktoren zu verstehen, die meistens von den durch die Kolonisation geschaffenen ökonomischen, politischen und soziokulturellen Abhängigkeitsstrukturen herrühren. In diesem Zusammenhang orientiert die Dependenztheorie ihren Entwicklungsdiskurs an zwei Achsen, nämlich einer Handelstheorie einerseits und einer Klassenanalyse andererseits.

Die Dependenztheoretiker vertreten die Ansicht, dass das vom Zentrum maßgeblich beherrschte bestehende Weltmarktsystem entwicklungshemmend für die Peripherie ist, denn es weist asymmetrische Beziehungen zwischen der entscheidungstragenden Metropole und den diesen Entscheidungen unterworfenen Satelliten auf. In diesem Zusammenhang wird die von dem Südamerikaner Raul Prebisch geprägte „Verschlechterung der terms of trade“23 von zentraler Bedeutung in der Kritik der Dependenztheorie am bestehenden Weltmarktsystem, das im Sinne ihrer Anhänger Ausbeutungsverhältnisse in sich birgt.

Die Dependenztheoretiker gehen von der Grundannahme aus, dass Entwicklung, zumindest in ihrer heutigen Ausprägung, eine unmittelbare Folge der kolonialistisch und kapitalistisch angelegten Modernisierungsstrukturen ist, an die sich die wirtschaftlichen Strukturen der Peripherie nicht ohne weiteres angleichen lassen. Eine Übernahme solcher Konsumgüter würde seitens der Peripherie sehr zerstörerisch, deshalb plädieren die Vertreter dieser Theorie für eine radikale Abkoppelung der Peripherie von dem vom Zentrum beherrschten Welthandelssystem und eine Einrichtung einer kulturell autonomen, ökonomisch bedürfnisorientierten und politisch selbst bestimmten Entwicklung.

Der Schwerpunkt bei den Dependenztheoretikern ist die „autozentrierte Entwicklung“. Diese autozentrierte Entwicklung impliziert eine Binnenmarktorientierung an lokalen Konsumbedürfnissen, eine eigenständige und bedürfnisorientierte Industrialisierung, eine Dissoziation von den neokolonialistischen und imperialistisch angelegten Abhängigkeitsstrukturen des Internationalen Weltmarktes. Innerhalb der bestehenden Abhängigkeitsstrukturen erweist sich Entwicklung als ein illusionärer Vorsatz. Die Autonomie sei dementsprechend eine Grundvoraussetzung der Entwicklung, denn jeder Akteur auf dem Entwicklungsfeld kann die Mittel, den Inhalt und die Ziele seiner Entwicklung selbst bestimmen, um somit die entwicklungshemmende „strukturelle Abhängigkeit“ zu überwinden.

In seiner Klassenanalyse geht die Dependenztheorie von der Erkenntnis aus, dass die „strukturelle Heterogenität“24 die Effizienz des vom Modernisierungsdiskurs getragenen Entwicklungsmodells des Zentrums grundlegend in Frage stellt. Das soziale Gebilde des Zentrums ist sehr unterschiedlich von dem der Peripherie und darüber hinaus weist das periphere Sozialgebilde auch viele Binnenunterschiede auf, was der modernisierungstheoretischen Annahme widerspricht, das Modernisierungsmodell der Industrieländer sei zunutze der ganzen Peripherie, als ob ihr Sozialgebilde homogen wäre. Die Dependenztheoretiker kritisieren an der Modernisierung die aus ihrem Modell erfolgenden Desintegration, Verarmung und Marginalität. In diesem Zusammenhang spricht Amin von einer Marginalisierung der Massen und dem Entstehen einer privilegierten Minorität von Eliten als unmittelbare Folge des Modernisierungsmodells, deshalb wird es aus dependenztheoretischer Perspektive als Fehlentwicklung kritisiert.

Wie es sich in der Darstellung der Dependenztheorie feststellen lässt, konzentrieren sich ihre Ansätze auf die Kritikpunkte der Modernisierungstheorie. Ihr Erklärungsangebot über die Entwicklungsstrategien ist trotzdem spärlich und ihr Diskurs arm an Kategorien. Außerdem zeigt ein postmoderner, bzw. postkolonialer Blick auf die Dependenztheorie viele Kritikpunkte, unter anderem ihre binäre Denkweise, die sie dazu führt, die Welt in Metropole und Satelliten, entwickelt und unterentwickelt aufzuteilen. Einige dieser Kritikpunkte werden in den folgenden Ansätzen, nämlich den postmodernen verdeutlicht.

1-1-3: Zu den postmodernen Entwicklungsansätzen

Wie die Bezeichnung offensichtlich andeutet, lassen sich diese Entwicklungsansätze in die allgemeine postmoderne Bewegung einschreiben, die sich seit den 1990er Jahren großer Wirkung erfreut. Diese postmodernen Ansätze stellen keine in sich geschlossene Theorie mit einheitlichem Diskurs über Entwicklungsstrategien dar, sondern fokussieren vielmehr kritisch die Diskurse der beiden vorher dargestellten Entwicklungstheorien, die von der postmodernen Perspektive her als Globaltheorien der Moderne hingestellt werden, deren Ziel die Konstruktion von „großen Erzählungen“ mit ihrem universalistischen und absoluten Wissen sei.

Die postmodernen Entwicklungsansätze, die einige Forscher auch als „post-development-Ansätze“ bezeichnen, gehen meistens diskursanalytisch vor und die konstruierten Entwicklungsdiskurse der beiden vorher dargestellten Theorien bilden dabei ihr Untersuchungsobjekt. In den Ausführungen der postmodernen Entwicklungsansätze lassen sich hauptsächlich zwei Thesen herausstellen.

Die erste lautet, dass die Denkfigur Entwicklung aus eurozentrierter Sicht konstruiert werde. Hiermit wird die Kritik zum Ausdruck gebracht, dass die spezifisch historischen Prozesse sozialen Wandels im Westen und Norden als „Entwicklung“ schlechthin betrachtet werden. Demzufolge erhält diese westliche Entwicklungskonzeption eine normative Funktion, von der aus eine Gesellschaft als entwickelt oder unterentwickelt gesehen wird. Dazu sagt Ziai, einer der Vertreter dieser Denkrichtung, folgendes:

Diese Zweiteilung geht von einer universellen Entwicklungsskala aus und begreift die historischen Prozesse sozialen Wandels in Westeuropa und Nordamerika (und Japan) als menschheitsgeschichtlichen Fortschritt. ‚Entwicklung’ ist hierbei normativ positiv konnotiert25.

Hier lässt sich dieselbe Struktur in den Denksystemen von Kolonisation und Entwicklung herausstellen, denn wie im kolonialen Diskurs das Eigene als „zivilisiert“ und das Andere als „unzivilisiert“ gesehen werden, impliziert diese Denkfigur von Entwicklung, dass die eigene Gesellschaft „entwickelt“ und die andere „unterentwickelt“ sei. Diese Kontinuität des kolonialen hegemonialen Denkens im Diskurs der Globaltheorien der Moderne und weiterhin der laufenden Entwicklungspolitik, bzw. –praxis nennt Melber die „Verzeitlichung des räumlichen Nebeneinander“26

Die zweite These der postmodernen Ansätze heißt, dass Entwicklung eine schwerwiegende politische Dimension habe. Im Gegensatz zu den Diskursen der beiden Globaltheorien, die ihre Entwicklungsdiskurse vielmehr technisieren und entpolitisieren, weisen die Anhänger der postmodernen Theorien der Politik eine durchaus bedeutende Rolle zu, denn ihnen zufolge sei Entwicklung vielmehr eine politische als eine ökonomische Aufgabe. Dieser Zusammenhang zwischen Entwicklung und politischen Rahmenbedingungen wird im nachfolgenden unter dem Begriff „good governance“ verdeutlicht.

Mit diesen postmodernen Entwicklungsansätzen erlebt man einen Paradigmenwechsel in der Entwicklungsdiskussion. Entwicklung wird nicht mehr allein mit Argumenten wie ökonomischem Wachstum, gesellschaftlicher Modernisierung, starker Integration in das Welthandelssystem einerseits und andererseits autozentrierter Entwicklung oder gar radikaler Abkoppelung von dem vom Westen beherrschten kapitalistischen Welthandelssystem erklärt. In den Mittelpunkt ihrer Diskurse stellen die postmodernen Ansätze historische, soziokulturelle und politische Besonderheiten der Entwicklungsgesellschaften im Gegensatz zu den universalistischen Ansätzen der Modernisierungs- und Dependenztheorien, die meistens ein eurozentriertes Wissen von Entwicklung konstruieren und, so die Vertreter der postmodernen Ansätze, es den Entwicklungsgesellschaften diktieren wollen.

Im Zuge der Diskreditierung der beiden großen Globaltheorien, denen die Vorstellung der „nachholenden Entwicklung“ gemeinsam ist –trotz ihrer unterschiedlichen Wege, Strategien und Mittel- entsteht der Ansatz des „sustainable development“ als eine Richtung der postmodernen Entwicklungsansätze. Die Idee der „nachholenden Entwicklung“ wurde hiermit durch die Vorstellung der „nachhaltigen Entwicklung“ abgelöst. Unter „nachhaltiger Entwicklung“ wird eine Entwicklung verstanden, „die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“27 Angesichts der Misserfolge des Entwicklungsmodells der Industriegesellschaften, das den Massenkonsum und hohen Ressourcenverbrauch in den Vordergrund rückt, plädieren die Vertreter des nachhaltigen Entwicklungsmodells dafür, dass sozialpolitischen und ökologischen Komponenten mehr Beachtung geschenkt wird. Laut der Anhänger der nachhaltigen Entwicklung ist eine umweltzerstörende oder ressourcenverschwendende Entwicklung eine Fehlentwicklung, denn die Nachhaltigkeit ist eine Grundvoraussetzung einer gelungenen Entwicklung, die auch unter anderem durch das Aufrechterhalten der natürlichen Ressourcen und des natürlichen Milieus erreichbar ist. Über den ökologischen Diskurs hinaus, der im postmodernen Entwicklungsansatz von zentraler Bedeutung ist, wird auch der Fokus auf die politische Dimension gerichtet.

Wie vorhin darauf hingewiesen prägt die politische Dimension die Entwicklungsdiskussion unter dem Begriff „good governance“. In diesem Sinne stellen politische Rahmenbedingungen wie Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Beachtung der Menschenrechte, Eindämmung der Korruption, verantwortungsbewusstes Management der verfügbaren Ressourcen durch politische Behörden entwicklungsfördernde Faktoren dar. Demzufolge werden menschenrechtsverletzende, korrupte und ressourcenverschwendende Diktatorregimes als entwicklungshemmende Faktoren dargestellt. Die Unterentwicklung ist somit weder allein durch einen Mangel an innovativen und modern ausgerichteten Strukturen noch durch die Folgen der Kolonisation erklärbar, sondern auch durch die Mitschuld der lokalen politischen Behörden.

Wie es sich in den vorliegenden Ausführungen herausstellen lässt, ist die Definition des Entwicklungsbegriffes eng mit dem Wie und Wozu der Entwicklung verbunden. Die Entwicklungsstrategien, bzw. –ziele sind demzufolge durchaus bestimmend für den Inhalt der Entwicklung, der seinerseits mit dem theoretischen Ansatz zusammenhängt.

1-2: Zum Begriff „Kolonisation“

Den Ausführungen in diesem Abschnitt schicken wir die Anmerkung vor, dass es schwer fällt, den Begriff „Kolonisation“ mit einem allgemeingültigen definitorischen Umriss zu bestimmen, denn das Begreifen der Kolonisation hängt mit den Ursachen, Zielen und eingesetzten Mitteln zusammen.

Etymologisch gesehen stammt der Begriff „Kolonisation“ aus dem Lateinischen und primär bedeutetet sie Niederlassung, Ansiedlung. Ein Volk besiedelt fremde Territorien hinsichtlich deren Urbarmachung, Rodung, Bebauung und wirtschaftliche Erschließung. In diesem Sinne lässt sich feststellten, dass die Vorstellung der Entwicklung bereits im Kolonisationsprozess stark präsent ist, denn kolonisieren bedeutet „ein Gebiet bewohnbar machen und wirtschaftlich erschließen.“28 Dies weist darauf hin, dass die ursprüngliche Intention der in der Antike einsetzenden Kolonisation die Entwicklung der anzusetzenden Territorien ist. Diese Vorstellung impliziert logischerweise, dass die Ansiedler, das heißt die Kolonisten „entwickelt“ und die Besiedelten, das heißt die Kolonisierten „unterentwickelt“ seien. Somit besteht eine inhaltliche Annäherung zwischen dem ausdrücklichen Kolonisationsvorsatz der „Zivilisierung der Unzivilisierten“ und der im Entwicklungsdiskurs vermittelten Vorstellung der „Entwicklung der Unterentwickelten“. In diesem Zusammenhang lässt sich also im Kolonialdiskurs bereits ein Entwicklungsdiskurs wahrnehmen.

Mit diesen inhaltlich eindeutigen etymologischen Hinweisen dürfen wir uns darüber nicht hinwegtäuschen, dass „Kolonisation“ unterschiedliche Ursachen, Ziele und demzufolge verschiedene Formen hat. Von dem Entfernungsparameter zwischen dem Mutterland und der Kolonie gesehen unterscheidet man die überseeische von der Grenzkolonisation. Die überseeische oder äußere Kolonisation verweist hier auf die Ansiedlung fremder und weit liegender Territorien, etwa die Kolonisation gewisser afrikanischer Länder durch Frankreich oder Großbritannien. Die Grenzkolonisation (auch innere oder Binnenkolonisation genannt), die in der Freytags Konstruktion als eines der Handlungsmotive verarbeitet wird, ist die Ansetzung einer im Sinne der Kolonialherren wirtschaftlich, kulturell und sozial rückständigen Bevölkerung im Inland entweder aus sozialpolitischen oder aus nationalistischen Gründen. Das Beispiel von diesem Kolonisationstyp in der deutschen Geschichte stellt die in dem zu analysierenden Roman verarbeitete Ostkolonisation durch Preußen dar.

Wie oben darauf hingewiesen, sind die Ursachen, Ziele und Mittel dieser herrschaftlichen Besetzung und Regierung einer fremden Region durch ein Mutterland durchaus bestimmend für das Begreifen des Kolonisationsbegriffes. Von diesen Faktoren ausgehend lassen sich verschiedene Kolonisationsformen unterscheiden. Dabei hat man Siedlungskolonien, Handels- oder militärische Stützpunkte und Kolonien aus nationalistischem oder missionarischem Expansionsstreben.

Siedlungskolonien zielen darauf ab, unterbewohnte oder unbewohnte fremde Gegenden anzusiedeln. Diese können von Motiven wie Überbevölkerung, politischer Unterdrückung oder religiöser Verfolgung veranlasst werden.29

Handelsstützpunkte verfolgen meist wirtschaftliche Ziele. Dabei werden die Handels- und Wirtschaftsinteressen des Mutterlandes in den Mittelpunkt des Siedlungsprozesses gestellt, indem die besetzten Gegenden einerseits den an Ressourcenknappheit leidenden Mutterländern die erforderlichen Rohstoffressourcen zur Verfügung stellen oder andererseits Zugang zu größeren Wirtschaftsräumen, bzw. Absatzmärkten in anderen geographisch entfernten Industrieländern gewährleisten. Militärische Stützpunkte können geschaffen werden, um bereits bestehende ökonomische und politische Interessen des Mutterlandes in einem geographischen Raum abzusichern. Kolonien aus Expansionsstreben zielen darauf ab, aus geopolitischen Gründen das Prestige und die weltpolitische Position des Mutterlandes zu stärken, indem sein Einflussraum entweder in ideologischer oder nationalistischer Hinsicht ausgeweitet wird. In diesem Zusammenhang tritt die imperialistische Dimension des Erwerbs von Kolonien an den Tag. Kolonien aus missionarischen Gründen erzielen die Bekehrung von „wilden“, von den Segnungen der europäischen Kultur „zurückgebliebenen“ und deswegen als „unzivilisiert“ hingestellten Völkern zum Christentum.

Entweder als Siedlungskolonie, Stützpunkte oder als Herrschaftskolonie sind allen drei Kolonietypen die politische Unterwerfung der Kolonisierten und die wirtschaftliche Ausbeutung der besetzten Gegenden gemeinsam. Zum Begriff „Kolonie“ skizziert Osterhammel die folgende Definition, die einige ihrer Hauptmerkmale ans Licht treten lässt. Er bestimmt Kolonie als ein durch Invasion (Eroberung und /oder Siedlungskolonisation) in Anknüpfung an vorkoloniale Zustände neugeschaffenes politisches Gebilde, dessen landfremde Herrschaftsträger in dauerhaften Abhängigkeitsbeziehungen zu einem räumlich entfernten „Mutterland“ oder imperialen Zentrum stehen, welches exklusive „Besitz“-Ansprüche auf die Kolonie erhebt30.

Osterhammel beschreibt hiermit die Herrschaftsmechanismen, die von dem Mutterland umgesetzt werden hinsichtlich der Unterwerfung der Kolonisierten. Dabei fokussiert er wie viele andere Geschichtswissenschaftler vielmehr die politische Domination, die ihrer Ansicht nach der Schwerpunkt der Unterwerfungsstrategien der Kolonisierten darstelle. Da die politische Führung in den Kolonien wesentlich die Vorstellung des Mutterlandes repräsentiert und dementsprechend ein die Kolonisierten entfremdendes politisches Gebildes schafft, werden die Kolonialherren als Herrscher und die Kolonisierten als Beherrschten verstanden. Diese Definition steht paradigmatisch für die klassische Vorstellung von Kolonisation, die sehr lange die Kolonisationsdiskussion geprägt hat. Mit dem Aufkommen des postkolonialen Ansatzes wird der Fokus vielmehr auf die kulturelle Domination gerichtet. In diesem Zusammenhang definiert Surynt Kolonisation folgenderweise:

it is the exercise of foreign rule over a territory that has been conquered, or in some other way incorporated/annexed, or -despite considerable geographical distance- attached to the colonial power. Characteristically, the colonial power makes use of cultural difference to legitimate political inequality […] Colonialism is thus, above all, a relation of power between two groups, one of which is a culturally distinct minority of colonizers who resist assimilation and make all the crucial decisions affecting the colonized population which is entirely dependent on the external political, economic, social, and other interests of the colonial power […] which the indigenous population does not share31.

Im Gegensatz zu den antiimperialistischen Ansätzen (Dekolonisations- und Dependenztheorie), die Kolonisation vielmehr mit politischer Domination, militärischer Unterwerfung und ökonomischer Ausbeutung assoziieren, verstehen die Anhänger der postkolonialen Theorie die Kolonisation als einen Prozess, im Laufe dessen die Minorität der Kolonisatoren intellektuelle und diskursive Strategien entwickelt, um einerseits ihre kolonialen Unternehmen zu legitimieren und andererseits der Assimilation zu widerstehen. In diesem Zusammenhang hat Osterhammel eine pointierte Definition vom Kolonialismus herausgearbeitet. Dazu schreibt er:

Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen32.

Unter „sendungsideologische[n]Rechtfertigungsdoktrinen“ versteht Osterhammel die in den meisten Kolonialdiskursen konstruierten Differenzen, die grundsätzlich auf die eurozentrische Überzeugung gründen, dass die europäisch-bürgerliche Kultur den außereuropäischen Kulturen bei weitem überlegen sei. Diese angebliche kulturelle Höherwertigkeit des Westens gegenüber dem Nicht-Westen tritt in den Kolonialdiskursen meistens in Form von binären Oppositionen auf, die Aram Ziai folgendermaßen zum Ausdruck bringt:

Der Kolonialdiskurs konstruiert ein Ensemble von Differenzen: höherwertig/minderwertig, zivilisiert/unzivilisiert, rational/emotional, vernunftgeleitet/instinktgeleitet, fähig zu Herrschaft, souverän/abhängig, kolonisierend/kolonisiert usw33.

Diese „sendungsideologischen Rechtfertigungsdoktrinen“ streben demzufolge danach, die Kolonisierten zu unterjochen, indem sie intentional in bestimmten minderwertigen Denkfiguren umschlossen werden. In diesem Sinne schreibt Hall, dass Kolonisation nicht nur ein „Herrschafts-, Macht- und Ausbeutungssystem“34, sondern zugleich ein „Erkenntnis- und Repräsentationssystem“35 ist. Dabei konstruieren die Kolonisatoren mittels bestimmter Denk- und Repräsentationssysteme koloniale Identitäten, die Grenzen zwischen den vermeintlich überlegenen Kolonisatoren und den als unterlegen hingestellten Kolonisierten ziehen. Laut der Vertreter der postkolonialen Theorie sei es diese wesentlich auf diskursiver Ebene erfolgende kulturelle Hegemonie, die die politische, ökonomische und soziale Herrschaft der Kolonisatoren abgesichert habe.

Die Vertreter des postkolonialen Ansatzes setzen sich mit den Beziehungen zwischen dem Kolonisator und dem Kolonisierten auseinander und versuchen diese im Zuge der Institutionalisierung der cultural studies in den englischen und amerikanischen akademischen Institutionen vielmehr von einer kulturalistischen Warte aus zu analysieren. Zum Erfassen der aus diesen Beziehungen entstandenen neuen kulturellen und sozialen Realitäten erarbeitet der

Inder Homi Bhabha, einer der bekanntesten Theoretiker des postkolonialen Ansatzes, Konzepte wie etwa Mimikry36

1-3: Zu den Begriffen „Entwicklungsdiskurs“ und „Kolonialdiskurs“

Nach den Bestimmungen der Begriffe „Entwicklung“ und „Kolonisation“ wird in diesem Abschnitt der Diskursbegriff definiert, um die Schlüsselbegriffe der vorliegenden Arbeit näher zu beleuchten.

Foucault zufolge ist ein Diskurs „eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören“37. Jürgen Link und Rolf Parr knüpfen an diese Diskursdefinition an und erweitern jedoch das Wirkungsfeld von diesem Foucaultschen Diskursbegriff. In diesem Zusammenhang definieren sie den Diskurs als das geregelte Ensemble von Redeformen, Genres, Ritualen usw. innerhalb einer historisch ausdifferenzierten und institutionalisierten Praxisart […] wie z.B. der klinische, der medizinische Diskurs, die einzelnen naturwissenschaftlichen Diskurse, der moderne juristische Diskurs38.

Diskurs lässt sich demzufolge nicht allein als sprachliche, sondern auch als praxisorientierte Handlungen auffassen, die sich durch ihre Regularität und ihre Einschreibung in eine institutionalisierte Diskursordnung kennzeichnen. Um diese Definition Foucaults näher zu beleuchten darf hinzugefügt werden, dass ein Diskurs aus Komplexen von Aussagen besteht, deren Formation bestimmten Regeln zugeordnet ist.39 Diese Regeln, die das zu behandelnde Thema, die anwendbaren Begriffe, die gültige Aussageform und die zugelassene Person festlegen, bestimmen „Möglichkeiten und Beschränkungen, Aussagen zu formieren.“40 Der Diskurs ist demnach ein „System des Denkens und des Argumentierens“41, das meistens real gesellschaftshistorischen und kulturgeschichtlichen Faktoren unterliegen kann. Bei einer diskursanalytischen Untersuchung, geht es dementsprechend unter anderem darum, die expliziten und impliziten sozialhistorischen, ideologiekritischen und begriffsgeschichtlichen Regeln, denen die Formation von einem Diskurs untergeordnet ist, herauszuarbeiten und zu analysieren. Es ist demnach bestimmend bei diesem methodischen Verfahren, das „kognitive Ordnungsschema“, das heißt die epistemologischen Denkschemata und die kulturellen Ideologeme, mittels derer das in einem Diskurs zur Sprache gebrachte Wissen konstruiert wird, aufzudecken und zu analysieren.

Bei näherem Hinsehen des Foucaultschen Diskursbegriffs zielt ausgerechnet die Produktion von Diskursen auf eine Konstruktion von Wissen über einen bestimmten Gegenstand in einem Spezialbereich ab. Dieses Wissen hat Rück-Wirkungen sowohl auf die Sichtweise der Diskursteilnehmer als auch auf die Selbstrepräsentationen des Subjekts, das den Diskursgegenstand bildet, deshalb sagt Stuart Hall: „A discourse is a way of talking about or representing something. It produces knowledge that shapes perceptions and practice. It is part of the way in which power operates. Therefore, it has consequences for both those who employ it and those who are "subjected" to it”42. Diese Wissenskonstruktion, bzw. –formation läuft jedoch keinesfalls unter beliebigen Rahmenbedingungen ab, denn sie wird wie vorher darauf hingewiesen, „von vorgängigen symbolischen Ordnungen bestimmt.“43 Wer zur Konstruktion von einem Wissen in welcher Institution fähig ist, wie strukturiert er sein Wissen, zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Begriffen wird es zur Sprache gebracht sind dementsprechend Modalitäten, die von dieser „symbolischen Ordnung“ vorher bestimmt werden. Unter „symbolischer Ordnung“ werden alle von den Diskursteilnehmern bewusst oder unbewusst internalisierten, von keiner identifizierten Person oder Instanz festgelegten internen Regeln oder Zwänge verstanden, deren strikte Beachtung die Aufnahme in eine Diskursgemeinschaft und weiterhin die Stabilität und Position darin bestimmt. Die sich aus den Aussagen des Redenden oder Schreibenden ergebenden „Weltdeutung und Erkenntnis sind auf diesem Wege immer schon vorgeprägt, ohne dass sich andererseits verantwortliche Urheber für diese Prägungen ermitteln ließen.“44 Dem Foucaultschen Verständnis zufolge sind Diskurse Wissensformationen, die auch Auskünfte über wirkende Kräfteverhältnisse und historisierbare Sachverhalte vermitteln. In diesem Sinne lassen sich Diskurse, so Winko, in die „Praktiken der Macht“ einschreiben. Jürgen Link stimmt ihr bei, wenn er den Diskursbegriff als eine „institutionell verfestigte Redeweise, insofern eine solche Redeweise schon handelt, bestimmt und verfestigt und also schon Macht ausübt und verfestigt“45, definiert.

Beim Konstruieren eines Wissens beansprucht ein Redender oder Schreibender eine Machtposition innerhalb seiner Diskursgemeinschaft und in seinem Spezialbereich. Anhand seiner Diskurse kämpft der Diskursteilnehmer um Anerkennung in seiner Spezialität. Indem die Diskursordnung der Spezialität durch alle Redenden oder Schreibenden strikt beachtet wird, wird die Macht eines Spezialdiskurses gegenüber den anderen durchaus verstärkt. Es leuchtet ein, dass es bestimmte Themen oder Diskursgegenstände gibt, die als Berührungspunkte zwischen mehreren Spezialdiskursen gelten, etwa den „Tod“, der den Spezialdiskursen Theologie und Philosophie gemeinsam ist. Jeder Spezialdiskurs konstruiert jedoch sein Wissen über das Thema „Tod“ auf seine eigene Weise, mit seinen eigenen Begriffen, Kategorien und Erkenntnissen. Somit erhebt jeder Spezialdiskurs Anspruch auf die bessere Machtposition über den angeführten Diskursgegenstand in den Humanwissenschaften.

Von diesen Erläuterungen ausgehend lassen sich Entwicklungs- und Kolonialdiskurse verstehen als ein Ensemble von Aussagen und Schreiben über die entsprechenden Gegenstände. Dabei werden die Argumentations- und Denksysteme, die das Sprechen und Handeln von Figuren über die Themen „Entwicklung“ und „Kolonisation“ prägen, in den Vordergrund gestellt. Unter „Entwicklungs- und Kolonialdiskursen“ versteht man demzufolge die in den Äußerungen und Verhaltensweisen der Figuren erzeugten Gegenstände oder konstruierten Denkfiguren, das produzierte Wissen, die dazu verwendeten Begriffe, rhetorischen Schemen und diskursiven Strategien.

1-4: Zur diskursanalytischen Literaturwissenschaft

Genau so wie die Diskurstheorie Foucaults ursprünglich für die historische Konstruktion von Wissen in Humanwissenschaften ausgearbeitet wird, wird demnach die genuine Diskursanalyse, d.h. das von Foucault selbst konzipierte methodische Verfahren, Diskurse Untersuchungen zu unterziehen, primär sozialwissenschaftlichen Disziplinen gewidmet.

Der Großteil von Analytikern der Foucaultschen Schriften knüpft weniger an seine knappen Äußerungen zur Literatur als vielmehr an seine erarbeiteten Kategorien und Gedanken zur Analyse von Diskursen in Humanwissenschaften an, um die Diskursanalyse auf geisteswissenschaftliche Disziplinen etwa die Literaturwissenschaft anzuwenden, denn „eine Diskursanalyse der Literatur ist in Foucaults Werk nirgends systematisch begründet.“46 Daraus ergibt sich eine zwar uneinheitliche diskursanalytische Literaturwissenschaft ungeachtet mancher gedanklichen Grundannahmen, die von der größten Mehrheit jener Theoretiker vertreten werden, die sich mit der diskursanalytischen Literaturwissenschaft auseinandersetzen.

Da die Diskursanalyse bei der Annäherung an einen Text überhaupt nicht wie die traditionellen hermeneutischen Theorien einen literarischen Text als ein kohärentes Ganzes mit einem verborgenen Sinn betrachten, das mit der Intention seines Schöpfers, d.h. seines Autors zusammenhängt, ordnen die meisten Beobachter die Diskursanalyse in den vom Formalismus und Strukturalismus eingeführten antihermeneutischen Einschnitt in die Literaturwissenschaft ein mit dessen „deskriptiven“ Methoden, die den „interpretierenden“ gegenübergestellt werden.

Dem diskursanalytischen Ansatz geht es allgemein darum, die in einem literarischen Text artikulierten Diskurse herauszuarbeiten und deskriptiv zu analysieren. Dementsprechend wird danach gefragt, welchen kulturellen, kognitiven, politischen oder ökonomischen Vorstellungsmustern bzw. Denksystemen, welchen sprachlich-begrifflichen Strukturen die identifizierten Diskurse zugeordnet sind. Die diskursanalytische Literaturwissenschaft untersucht ebenso mehr oder weniger, ob die in einem Text auftretenden Diskurse klassenspezifisch seien und vergleicht diese mit den mitwirkenden Diskursen der Entstehungszeit des Textes. In einer diskursanalytischen Literaturwissenschaft spielt der Autor des Textes eine weniger wichtige Rolle, denn die auftretenden Diskurse werden als Widerspiegelung der historisch bestehenden Aussagen, Praktiken und Handlungsmuster betrachtet, die im Text nur reproduziert werden.

Ungeachtet der oben angeführten methodischen Grundannahmen darf es hier darauf hingewiesen werden, dass es kein einheitliches Modell diskursanalytischer Literaturwissenschaft, sondern mehrere Varianten derselben gibt, auf die im folgenden eingegangen wird.

1-4-1: Zum Stand der diskursanalytischen Richtungen in der Literaturwissenschaft

Wie es bereits im vorliegenden Abschnitt nachdrücklich darauf hingewiesen wird, ist die Diskursanalyse ein durchaus disziplinübergreifendes methodisches Verfahren zur Analyse von allen Aussagen, Verhaltensweisen und Praktiken, die einen diskursiven Charakter aufweisen. Als methodisches Verfahren zur Analyse von literarischen Texten zeichnet sich die Diskursanalyse durch eine Vielfalt von Modellen aus, die ihrerseits bei näherem Hinsehen mit der Unschlüssigkeit der genuinen Foucaultschen Diskursanalyse zusammenhängt. In diesem Zusammenhang haben manche Literaturwissenschaftler entsprechend entweder divergierende oder sich ergänzende Modelle diskursanalytischer Literaturwissenschaft aufgearbeitet. In diesem Abschnitt stütze ich mich hauptsächlich deshalb auf die von Simone Winko in ihrem Aufsatz „Diskursanalyse, Diskursgeschichte“ und Peter Tepe in seinem e-Buch „Literaturtheorien/Methoden der Textanalyse und –interpretation. Teil II“ aufgearbeiteten Modelle, weil sie sich durch ihre ausgeprägte Klarheit und starke Prägnanz auszeichnen. Simone Winko arbeitet drei Hauptmodelle diskursanalytischer Literaturwissenschaft auf, die sich in einem psychologischen, semiotischen und philologischen Zugang unterscheiden lassen. Außerdem bestehen manche zurzeit marginalen Varianten, etwa die feministische, auf die ich in der vorliegenden Arbeit nicht eingehen werde.

1-4-1-1: Zur psychologischen Orientierung

Die psychologische Orientierung der diskursanalytischen Literaturwissenschaft, die die einen als historisch-psychoanalytische und die anderen als linguistisch-psychoanalytische Richtung bezeichnen, wird einerseits von der von Lacan ausgearbeiteten strukturalen Psychoanalyse und andererseits von der Foucaultschen Diskurstheorie geprägt. Lacan stützt sich auf Saussures Zeichentheorie, radikalisiert jedenfalls deren Vorstellungen, indem er die Sprache ins Zentrum jeder Erkenntnis oder Wirklichkeitserfahrung stellt.47 Daraus ergibt sich, dass es keine Erkenntnis oder Wirklichkeit außerhalb der Sprache gebe, die sie konstruiere. Der Knotenpunkt zwischen beiden Vorgehensweisen lässt sich dadurch herausstreichen, dass sich die strukturalistische Psychoanalyse Lacans „auf die Analyse literarischer Figuren und die Herausarbeitung des prototypischen psychologischen Gehalts im Text beschränkt und eine Analyse des Autors [genau so wie bei der Diskursanalyse] ablehnt.“48 Lacan zufolge sei die Sprache eines der bestimmenden Elemente zur psychologischen Profilierung einer Figur und dabei erweisen sich die Erkenntnisse der Foucaultschen Diskursanalyse durchaus als schwerwiegend. Demzufolge werden Grundideen Foucaultscher Diskursanalyse in enge Verbindung mit Konzepten und Kategorien der Psychoanalyse und Linguistik gesetzt.

Die psychoanalytische Diskursanalyse geht demzufolge von dem Postulat aus, dass jede Gesellschaft von kulturellen Verboten geregelt wird, die von jedem Einzelnen meistens unbewusst internalisiert werden und „die dessen Sprechen steuern.“49 Die Möglichkeit sich über dieses oder jenes zu äußern, wird dementsprechend von diesen „unbewussten kulturellen Verboten“50 bestimmt. Diese symbolische Ordnung des Diskurses kann deskriptiv analysiert werden. Dabei kann der Literaturwissenschaftler eine kulturalistische Analyse des artikulierten Diskurses vornehmen, wobei danach gefragt wird, welche historischen kulturellen Strukturen die Aussagen von Figuren in begrifflicher, rhetorischer und gar stilistischer Hinsicht steuern?

Über diese kulturellen Verbote hinaus, gebe es im Verständnis von diesem psychologischen Zugang diskursanalytischer Literaturwissenschaft auch „Mythen“, welche dem einzelnen bestimmte Sprechweisen einprägen, die er meistens unbewusst reproduziert. Eine Beziehung zwischen dem Prägungsgrad des einzelnen durch die identifizierten „Mythen“ und seinem Diskurs herzustellen und zu analysieren, gehört unter anderem zur Aufgabe dieser Richtung.

In dieser linguistisch-psychoanalytischen Richtung diskursanalytischer Literaturwissenschaft können literarische Texte in Beziehung zu anderen Texten, etwa philosophischen, medizinischen, pädagogischen oder theologischen Diskursen derselben Epoche gesetzt werden. Diese Vorgehensweise, die darin besteht, die im literarischen Text verarbeitete Thematik gleichsam in anderen Diskursen desselben Zeitabschnittes herauszustellen und zu analysieren, stellt den Vorteil dar, dass dadurch gründlich untersucht wird, ob all diesen Texten bestimmte Denksysteme, kulturelle Vorstellungsmuster, rhetorische Strukturen, typisch-begriffliche Sprechweisen gemeinsam seien oder ob sie eher manche sprachlich-strukturellen Unterschiede aufweisen. Bei einer derartigen Untersuchung sind dementsprechend sozial- und begriffsgeschichtliche Vorgehensweisen schwerwiegend. Diese Richtung diskursanalytischer Literaturwissenschaft schafft auch den kulturalistischen Zugängen zur Literatur höchst versprechende Perspektiven, denn von dem Sprechen eines einzelnen ausgehend können die kulturellen Dispositive aufgedeckt werden, die sein Sprechen und Handeln durchaus prägen und steuern.

Dieser psychoanalytischen Variante zufolge lassen sich die im traditionellen, etwa hermeneutischen Sinne als Kommentare verstandenen Interpretationen gleichsam auf die gleiche Diskursebene wie die Primärdiskurse stellen. In diesem Zusammenhang liegen diesen Kommentaren „Verbote“ und „Mythen“ zugrunde, die gleichfalls der Literaturwissenschaftler aufzudecken hat, denn Kommentare zu literarischen Texten seien lediglich Diskurse, die den primären, d.h. den literarischen Text eher verdoppeln51, denn analysieren. Infolgedessen sind Interpretationen auch einer diskursanalytischen Untersuchung wert, die etwa aufzeigen soll, welcher rhetorischen Logik, begrifflichen Struktur und welchen kulturellen Denksystemen sie sich zuordnen lassen.

Das psychoanalytische Modell diskursanalytischer Literaturwissenschaft haben wir versucht, mit der unten liegenden Skizze zusammenzufassen:

1-4-1-2: Zur semiotischen Richtung

Diese vom Literaturwissenschaftler Jürgen Link stark geprägte Richtung diskursanalytischer Literaturwissenschaft ruht auf einer Kombination der aus der Semiotik gewonnenen Kategorien und Vorgehensweisen mit dem von ihm selbst ausgearbeiteten Begriff „Interdiskursanalyse“ mit deren theoretischen Implikationen. In diesem Zusammenhang sagen Jürgen Link und Rolf Parr folgendes:

Eine semiotische Analyse des literarischen Diskurses rekurriert auf zwei nicht notwendigerweise miteinander verbundene Theoriekonzepte: das der Semiotik, deren Objekt in der Regel die Strukturen sprachlicher, aber auch nicht-sprachlicher Zeichensysteme gelten und das der Interdiskursanalyse, die kulturell vermittelte und institutionalisierte Formen der „Rede“ in verschiedenen gesellschaftlichen Praxisbereichen sowie deren Beziehungen untereinander zu ihrem Gegenstand macht52.

Wie in der oben angeführten Aussage Links und Parrs angedeutet setzt sich die Semiotik mit sprachlichen und nicht-sprachlichen Zeichen menschlicher Kommunikation auseinander. Hier werden die Zeichenkodes und –systeme, sowie ihre Funktion und ihre Voraussetzungen im Kommunikationsprozess analysiert. Bei einer semiotischen Untersuchung werden Aspekte der Semantik (Lehre von den Verhältnissen der Zeichen, bzw. Zeichenfolgen zu ihrer jeweiligen Bedeutung, d.h. den durch sie vermittelten Informationen über Gegenstände und Erscheinungen der äußeren Welt), der Syntax (Lehre von den Beziehungen zwischen den einzelnen sprachlichen Zeichen und deren mögliche Verknüpfungen) und der Pragmatik (Lehre von den Beziehungen zwischen den produzierten Zeichen und ihren Benutzern) herangezogen. Eine semiotische Analyse des literarischen Diskurses kann demzufolge den Zeichenkomplex, bzw. das Sprachsystem aus dem der literarische Text besteht, in pragmatischer, syntaktischer und semantischer Hinsicht untersuchen.

Im semiotischen Verständnis sei Literatur ein Diskurs „ohne reale, bzw. mit fiktiver oder imaginärer Referenz“53, deshalb ist die Literarizität des literarischen Diskurses eines der Haupterkenntnisinteressen dieser Richtung. Im strikt semiotischen Sinne lässt sich die Literarizität als die Gesamtheit der Beziehungen zwischen den semiotischen Strukturen eines literarischen Diskurses verstehen. Dabei wird auf die Analyse der Signifikantenstruktur eingegangen, wobei danach gefragt wird, wie die Laute miteinander verknüpft sind, welcher Rhythmus den Text durchzieht, welche stilistischen Beziehungen die einzelnen Zeichen verbindet, welche lexikalischen und semantischen Strukturen sich im Text aufdecken lassen. Jedoch werden in diskursanalytischer Hinsicht diese Elemente der Selbstreferenz des literarischen Diskurses in Verknüpfung mit realen, außerliterarischen Faktoren diskursiver Praxis gebracht; in diesem Zusammenhang sagen Jürgen Link und Rolf Parr, dass sich Literarizität im Sinne der semiotischen Richtung diskursanalytischer Literaturwissenschaft „in Kombination von (externer) diskursiver Institutionalisierung und immanenten semiotischen Strukturen definieren“54 lässt.

Die semiotische Diskursanalyse legt gleichsam großen Schwerpunkt auf die semantische Struktur des literarischen Textes. Bei dieser Analyse der semantischen Struktur des literarischen Diskurses wird hauptsächlich die Seite von konnotativen Bedeutungen des sprachlichen Zeichens in den Vordergrund gerückt und demgegenüber wird die denotative Seite nur andeutungsweise, wenn gar nicht mitberücksichtigt. Im Gegensatz zu Spezialdiskursen und weiterhin zur natürlichen Sprache, in denen den Denotaten mehr Interesse geschenkt und die Konnotate eingeschränkt werden, dominiert im Sinne der semiotischen Diskursanalyse in literarischen Diskursen die Tendenz, den konnotativen Reichtum in den Vordergrund zu stellen. Dazu sagen Link und Parr: „Die Semantisierung der Signifikanten und die Übersemantisierung der Signifikate sind die Ursachen dafür, dass literarische Texte in der Regel außer der Ebene der Denotation mehrere Ebenen konnotativer Signifikate besitzen.“55 Es gehöre demzufolge zur Aufgabe des Literaturwissenschaftlers, alle möglichen Konnotate im literarischen Diskurs hervorzuheben, wobei die positiven Konnotationen einerseits und negativen andererseits die Bedeutungsstruktur des literarischen Diskurses bestimmen. Link und Parr knüpfen dabei an Roland Barthes an, der Literatur allein als „konnotative Semiotik“ versteht, um die Charakteristika des literarischen Diskurses folgenderweise resümierend zu formulieren: „Kennzeichen literarischer Diskurse unter dieser Perspektive ist dann ihre Tendenz zur Multiplikation konnotativer Signifikate (d.h. zur Polysemie bzw. Polyisotopie.“56

Unter Polysemien, bzw. Polyisotopien werden Serien von Konnotaten unter einem Signifikanten oder einem Ensemble von Signifikanten verstanden, die sich aus der semantischen Struktur eines literarischen Diskurses ergeben. Dabei unterscheidet Michail Bachtin harmonische und widerspruchsfreie, d.h. auf dieselbe Bedeutungsstruktur hindeutende Konnotate, die er „monologische Polysemien“ bezeichnet von disharmonischen und widersprüchlichen, d.h. auf divergierende Bedeutungsstrukturen hinweisende Serien von Konnotaten, die er „dialogische Polysemien“ bezeichnet. Diese divergierenden Bedeutungsstrukturen können daher rühren, dass jedes Zeichen vor dem kulturellen, ideologischen und ästhetischen Hintergrund des Redenden artikuliert wird, wobei die jeweiligen Sinnstiftungen mit den entsprechenden kulturellen Ideologemen zusammenhängen, denn „bestimmte semantische Komplexe konnotieren […] kulturell stereotype Symbole“57 und lassen eine kulturelle oder ästhetische Dialogizität im literarischen Diskurs zum Vorschein treten, die ihrerseits dadurch in Erscheinung tritt, wenn dieselben kulturellen, bzw. politischen Elemente in mehreren literarischen und nicht-literarischen Diskursen zugleich verwendet und verarbeitet werden.

In semiotischer Diskursanalyse ist es höchst empfehlenswert, so Link, jene Elemente, die in einem einzigen Diskurs von denjenigen, die in mehreren Diskursen vorkommen, zu unterscheiden. Die letzteren, die Link „interdiskursive Elemente“ nennt, können Metaphern, Mythen und vor allem Symbole sein, deshalb wird ihm zufolge Literatur „als Spezialdiskurs aufgefasst, der eben solche interdiskursiven Elemente, vor allem ‚Kollektivsymbole’“58 umfasst. Diese Kollektivsymbole lassen sich als anschauliche „Sinn-Bilder“ definieren, „die zeitgleich in verschiedenen diskursiven Zusammenhängen einer Kultur verwendet und jeweils mit unterschiedlichen Wertungen versehen werden.“59

Eine diskursive Analyse von Kollektivsymbolen, die meistens zuerst imaginierte und dann kulturell vermittelte Konzepte sind, vermittelt aufschlussreiche Informationen über ihren historischen und kommunikativen Wert für ein bestimmtes Kulturvolk. Dementsprechend kann der historische Stellenwert von Konzepten wie etwa Arbeit und Brüderlichkeit in der Herausbildung von nationalen Identitäten im 18. und 19. Jahrhundert in Europa oder der kommunikative Wert von Erzeugnissen menschlicher Tätigkeit, etwa dem „Auto“ oder dem Computer in der modernen Gesellschaft des Westens ermittelt werden. „Als ‚kollektiv’ können diese Symbole bezeichnet werden, da sie allen Menschen eines kulturellen Zusammenhangs oder eines geographischen Raums unmittelbar einleuchten.“60 Eine semiotische Diskursanalyse kann Erkenntnisse über den kommunikativen Wert und die kulturelle Funktion solcher Kollektivsymbole erteilen. Kollektivsymbole sind also entweder abstrakte oder Dingsymbole, die gleichzeitig in verschiedenen, wenn nicht allen Praxisbereichen, etwa dem gesellschaftlichen, dem ökonomischen, dem kulturellen oder dem politischen derselben Epoche verarbeitet werden. Da das in einem literarischen Diskurs verarbeitete Kollektivsymbol in anderen literarischen oder nicht-literarischen Diskursen desselben Zeitabschnitts auch verwendet wird, lässt sich demzufolge ein Netzwerk von Beziehungen aufbauen, das man einer interdiskursiven Analyse unterziehen kann. In einer solchen interdiskursiven Studie kann ein literarischer Diskurs in Beziehung zu anderen Diskursen gesetzt werden, wobei das Interesse der semiotischen Literaturwissenschaft auf das gemeinsam verarbeitete Kollektivsymbol mit seinen jeweiligen kulturellen Wertungen gelenkt wird.

Im folgenden Schema wird versucht, das semiotische Modell diskursanalytischer Literaturwissenschaft zu veranschaulichen.

1-4-1-3: Zur philologischen Variante

Von den meisten Literaturwissenschaftlern als historisch-philologische Diskursanalyse bezeichnet, knüpft diese Richtung diskursanalytischer Literaturwissenschaft an philologische Grundannahmen an. Diese beiden theoretischen Ansätze sind für die einen gegensätzliche aber für die anderen in vielerlei Hinsicht Gemeinsamkeiten aufweisende Herangehensweisen an literarische Texte.

Die Philologie ist bekanntlich die älteste umfangreichste aber keine strikt homogene Theorie zur Auslegung von literarischen Texten, die den Schwerpunkt auf deren ästhetische, historische und gar kulturelle Deutung legt. Denn in den literarischen Texten ist der Philologe meistens daran interessiert, ein enges Verhältnis zwischen dem Autor, dem Text und dem Kontext herzustellen. In ästhetischer Hinsicht werden etwa nach rhetorischen, poetischen, metrischen, stilistischen und grammatischen Einflüssen des Textes durch den vorherrschenden ästhetischen Kontext gefragt. In historischer Hinsicht besteht die Aufgabe der Philologie darin, die einzelnen Elemente eines literarischen Textes in ihrer Herkunft und weiterhin geschichtlichen Entwicklung zu untersuchen und in kultureller Hinsicht wird der literarische Text als unmittelbares kulturelles Erzeugnis eines bestimmten kulturgeschichtlichen Kontextes aufgefasst. Die Philologie stellt sich ursprünglich hauptsächlich als Aufgabe, rätselhafte, ehrwürdige, geschlossene und gar codifizierte Texte aus Großerzählungen vom Mittelalter bis zur Aufklärung durch eine prägnante Dechiffrierkunst zu deuten und sie somit vor dem Vergessen und dem Verfall zu bewahren.61

Von diesen zusammenfassenden Vorbemerkungen über die Philologie ausgehend lässt sich demzufolge die Frage nach dem Rückgriff auf philologische methodologische Verfahren in einer diskursanalytischen Literaturwissenschaft stellen. In diesem Sinne wirft der Franzose Maingueneau interessante Fragen über einen eventuellen Knotenpunkt zwischen Philologie und Diskursanalyse auf in seinem Aufsatz „philologie et analyse du discours“. Dabei geht er von der Feststellung aus, dass sich Diskursanalyse sehr selten über Philologie mit deren Vorgehensweisen geäußert hat und daraufhin stellt er die Frage, ob die Diskursanalyse keinesfalls als Erweiterung, bzw. Erneuerung der traditionellen Philologie oder besser als „nouvelle philologie“ aufgefasst werden darf. Nachdem Maingueneau gegensätzliche Grundvorstellungen, Instrumentarien und Ziele beider Theorien aufgedeckt hat, kommt er zur Schlussfolgerung, dass diese Hypothese verneint werden darf. Maingueneau zufolge sei die Kluft zwischen Philologie und Diskursanalyse deshalb unüberbrückbar, weil sich die philologische Vorgehensweise vielmehr für eine ästhetisch-historische Interpretation von literarischen Texten interessiere im Gegensatz zu diskursanalytischen methodischen Verfahren, die epistemologische Analysen in den Vordergrund rücken. Daraus ergibt sich, dass die Philologie an einem epistemologischen Defizit leide, das dazu führt, dass ihr Untersuchungsfeld meist für eingeweihte Interpreten oder in philologische Methoden weit eingeschulte Leser vorgesehen und somit den Laien unzugänglich zu sein scheint. Darüber hinaus sagen Jean Michel Adam und Ute Heidmann über das Verhältnis Philologie-Diskursanalyse folgendes:

Au delà de ce déficit scientifique qui fait fi de l’apport saussurien et des sciences du langage, la philologie s’est consacrée aux textes –aux rares souvent sacrés, prémodernes, -lorsque l’analyse du discours entend se consacrer aux discours, -aux discours souvent profanes et contemporains62

Ausgehend von dem epistemologischen Defizit der Philologie und offenkundig ästhetischen Defizit der Diskursanalyse lässt sich dementsprechend die Frage aufwerfen, ob ein Zusammenstellen beider methodischen Verfahren nicht sehr aufschlussreich wäre für die Literaturwissenschaft, zumal das oben Angeführte gewisse Gemeinsamkeiten zutage treten lässt und ob dadurch sie ihre gegenseitigen Defizite ergänzen könnten. Die Gemeinsamkeiten zwischen Philologie und Diskursanalyse bringen Adam und Heidmann folgenderweise ans Licht:

Philologie et analyse du discours partagent une certaine ‚plasticité’ ou autrement dit qu’on retrouve dans la philologie comme dans l’analyse du discours la duplicité d’une discipline polymorphe qui, à la fois, construit un savoir positif et constitue une zone d’interaction forte entre plusieurs espaces de savoir.63

Adam und Heidmann zufolge hätten Philologie und Diskursanalyse einiges Gemeinsame, nämlich dass sie sich durch ihren interdisziplinären Charakter und ihre flexiblen methodischen Verfahren kennzeichnen, was dazu führt, dass ihnen ein plastischer und vielgestaltiger Charakter unterstellt werden könnte. In diesem Sinne seien sie schlechthin passende methodische Verfahren für interdiskursive Texte, die meistens verschiedene Spezialwissen umfassen.

Der Knotenpunkt zwischen Philologie und Diskursanalyse kann man in der Lexikologie eines literarischen Diskurses finden, indem die Etymologie, die semantische Entwicklung und die historische Bildung der spezifisch wiederkehrenden Wörter untersucht werden, um aufschlussreiche Hinweise über eine ästhetische Auslegung des literarischen Diskurses ebenso wie die spezifische diskursive Position des Redenden oder Schreibenden gewinnen.

Das philologische Modell diskursanalytischer Literaturwissenschaft legt den Fokus auf ein historisches Herangehen an literarische Diskurse. Ihm geht es unter anderen darum, manche ästhetisch-künstlerischen Elemente, bzw. Normen, die zur literarhistorischen Einordnung von gewissen literarischen Diskursen in bestimmte Literaturperioden, bzw. Kunstrichtungen bestimmend sind, und somit den Eindruck von einer einheitlichen Literaturperiode oder Kunstrichtung erwecken, zu analysieren, revidieren und weiterhin in Frage zu stellen. Hier wird durchaus gegen die Stellungnahme vertreten, dass es einheitliche und allgemeingültige Schreibweisen, bzw. Konstruktionstechniken innerhalb einer Literaturperiode oder einer Kunstrichtung bestehe, die die Strukturen von all diesen literarischen Diskursen bestimmen. In diesem Zusammenhang sagt Winko:

Das Vorgehen traditioneller Literaturwissenschaft, nur bestimmte Typen von Kontextwissen zu berücksichtigen, also stark auszuwählen und so ein einheitliches Bild der Epoche zu entwerfen, wird abgelehnt. Statt dessen soll nach den [eigentlichen] diversen Diskursen [derselben Epoche oder Kunstrichtung]gefragt werden64,

die Winko zufolge, miteinander übereinstimmen oder einander ergänzen sowie widersprechen.

In der philologischen Variante diskursanalytischer Literaturwissenschaft können demzufolge manche aus der Sicht traditioneller Literaturwissenschaft künstlerischen Selbstverständnisse weitgehend hinterfragt und gar in Frage gestellt werden mittels einer überwiegenden Konzentration auf die Schriften selbst, wobei den die literarischen Diskurse übergreifenden künstlerischen Programmen wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dabei wird etwa untersucht, wie „Gefühl“ oder „Liebe“ in literarischen Diskursen der Literaturepoche Empfindsamkeit, wie „Natur“ oder „Gott“ in Texten des „Sturm und Drang“ sowie „Industrie“ oder „Entwicklung“ in Texten des bürgerlichen Realismus historisch konstruiert werden. Das Interesse des Literaturwissenschaftlers wird in diesem Sinne darauf gelenkt, welche semantischen, kulturellen und begriffsgeschichtlichen Entwicklungen sich in literarischen Diskursen eines Autors oder verschiedener Autoren derselben Epoche oder Kunstrichtung herausarbeiten lassen. Die exklusive Konzentration auf die Schriften selbst stellt dementsprechend den Vorteil dar, zu untersuchen, ob es eine typische Sprechweise oder Schreibtechnik über ein bestimmtes Thema in mehreren literarischen Diskursen eines Autors oder verschiedener Autoren derselben Literaturepoche bestehe oder ob sich eine historische Entwicklung derselben in vielerlei Aspekten entwerfen lassen.

Das philologische Modell diskursanalytischer Literaturwissenschaft kann man folgenderweise schematisch veranschaulichen:

[...]


1 Bürokratisierung bezeichnet hier den Vorgang der Regelung der Arbeitsverhältnisse in einer Gesellschaft durch strikt zu beachtende amtliche Prozeduren wie etwa Vorschriften, Dienstwege und Funktionsteilungen

2 Mit dem Begriff ‚Säkularisierung der Kultur’ weist Schrader auf eine hinsichtlich der Modernisierung notwendige Transformation einer traditionalen Kultur in ihre moderne Ausprägung hin, indem religiöse, dogmatische, sakrale und mystische Ideologeme der traditionalen Denksysteme durch wissenschaftliches, entzaubertes, aufgeklärtes und rationales Denken abgelöst werden.

3 Heiko Schrader: Geschichte der Soziologie gesellschaftlicher Entwicklung. Aus http://www.isoz.ovgu.de/isoz_media/downloads/schrader/gesellschaftliche_entwicklung/BASozWandelfolien%5B1%5D.pdf zugriff am 22.07.2011

4 Vgl. http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Individualisierung.html Zugriff am 23.08.2012

5 Heiko Schrader: Geschichte der Soziologie gesellschaftlicher Entwicklung. (Wie Anm. 3)

6 Entwicklung und Unterentwicklung: Theorien und Diskussionen. Aus: http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000003080/06_Kap_III.pdf?hosts= Zugriff am 25.07.2012

7 Ebd.

8 Die Kernaussage des von den Saint-Simonisten erarbeiteten „Treuhandschaft“- Konzeptes lautet, dass eine bestimmte soziale Gruppe durch ihr überlegenes Wissen dazu legitimiert ist, Maßnahmen zur Verbesserung der Gesellschaft zu konzipieren und in die Tat zu setzen.

9 Entwicklung und Unterentwicklung: Theorien und Diskussionen. Wie Anm. 6

10 Unter dem Kapitalbegriff verstehen die Wachstumstheoretiker die beiden Kapitaltypen, d.h. das Sachkapital einerseits, das auf finanzielle Ressourcen verweist, welche zur schnelleren industriellen Entwicklung und dementsprechend zu höheren Investitionsraten führen können und das Humankapital, das auf die Leistungsfähigkeit, die Ausbildung und das technologische Know-how des Menschen als entwicklungstragenden Akteurs hindeutet.

11 Entwicklung und Unterentwicklung: Theorien und Diskussionen. (Wie Anm. 6)

12 Ebd.

13 Heiko Schrader knüpft an Max Weber an, um Zweckrationalität als das Denken oder Handeln zu definieren, das durch eine Abwägung zwischen den einzusetzenden Mitteln und den erstrebten Zielen gesteuert wird, wobei hier wissenschaftliches Reflektieren im Mittelpunkt steht hinsichtlich des Erreichens von festgelegten Zielen oder Ergebnissen. Ergebnis-, profit-, und gewinnorientierten Handlungen und Vorstellungen liegt meistens die Zweckrationalität zugrunde. Demgegenüber steht das dogmatische Denken, das vor allem durch „affektuales“, traditionales und routineförmiges Handeln zutage tritt.

14 Antonio Carcia. Zit. nach Entwicklung und Unterentwicklung: Theorien und Diskussionen. (Wie Anm. 6)

15 In seiner Systemtheorie fasst Parsons die Gesellschaft als ein Gesamtsystem auf, das sich in Teilsysteme aufteilen lasse und demgemäß funktioniere. Dabei identifiziert er vier Teilsysteme, denen jeweils eine bestimmte Funktion zugeordnet ist. Dem Teilsystem „Wirtschaft“ weist er die Funktion der adaptation, das heißt der Anpassung zu. Dem Teilsystem „Politik“ kommt die Funktion goal attainment, das heißt Zielverwirklichung zu. Dem Teilsystem „Kultur“ gehört die Funktion latent pattern maintenance, das heißt Systemerhaltung. Dem Teilsystem „Institutionen“ wird die Integrationsfunktion zugeordnet. Es liege eine Interdependenz zwischen diesen Teilsystemen vor, die das Funktionieren der Gesellschaft bestimme.

16 Goetze. Zit. nach Entwicklung und Unterentwicklung: Theorien und Diskussionen. (Wie Anm. 6)

17 Vgl. Entwicklung und Unterentwicklung: Theorien und Diskussionen. (Wie Anm. 6)

18 Vgl. Ebd.

19 Lerner. Zit. nach ebd.

20 Ebd

21 Mobilität wird verstanden als Vermögen des Einzelnen oder eines Gesellschaftsgebildes, soziale, kulturelle und geographische Beweglichkeit erfahrbar zu machen. Die soziale Mobilität verweist auf die Änderungen von sozialen Status im Sinne von sozialem Auf- oder Abstieg innerhalb von einer in Klassen strukturierten Gesellschaft. Dass Leute innerhalb einer Generation oder über mehrere Generationen hindurch anhand Parameter wie etwa Beruf, Ausbildung, symbolisches und ökonomisches Kapital einen sozialen Aufstieg oder Abstieg erfahren, weist darauf hin, dass die betreffende soziale Struktur dynamisch ist. Die kulturelle Mobilität bezeichnet das Vermögen eines Volkes, seine kulturellen Werte all ihrer traditionalen Prägungen zu berauben und unwiderruflich auf die Modernität hin zu entwickeln. Die geographische oder räumliche Mobilität indiziert eine physische Beweglichkeit und infolgedessen eine Dynamik. All diese Mobilitätssorten sind Indikatoren der Modernisierungsfähigkeit des Einzelnen oder eines Gesellschaftsgebildes.

22 Sunkel. Zit. nach Entwicklung und Unterentwicklung: Theorien und Diskussionen. (Wie Anm. 6)

23 Unter „Verschlechterung der terms of trade“ meinen die Dependenztheoretiker die für die Peripherie sehr ungünstigen Handelsbeziehungen mit dem Zentrum, denn mehrere Länder produzieren Rohstoffe und Konsumgüter, welche an den Bedürfnissen der Industrieländer orientiert sind. Es sind demzufolge die letzteren, die über die Preise und Qualität entscheiden. Dieser Sachverhalt führt dazu, dass das Zentrum natürlich die für seine Wirtschaft günstigen Entscheidungen trifft ungeachtet der schweren Produktionsverhältnisse solcher Rohstoffe in der Peripherie. Die Lage ist im Sinne der Dependenztheoretiker umso entwicklungshemmend, als manche Rohstoffe, die preisgünstig ins Zentrum exportiert werden, gewöhnlich vielfach teurer nach deren Transformation in die Peripherie als Fertigprodukte zurückgeschickt werden. Dieses Asymmetrie aufweisende und Hegemonie schaffende Welthandelssystem habe zur Folge, dass das Rohstoffe importierende Zentrum zum Wohl seiner Ökonomie wesentlich für die Peripherie beeinträchtigende Handelspraktiken, wie etwa Preisverfall und Kapitaltransfers der in der Peripherie angesiedelten transnationalen Konzerne vornimmt.

24 Der Begriff der „strukturellen Heterogenität“ verweist hier auf die feststellbaren strukturellen Unterschiede im sozialen, politischen, technologischen und kulturellen Bereich einerseits zwischen der Peripherie und dem Zentrum aber auch andererseits innerhalb der peripheren Gesellschaft selbst.

25 Aram Ziai: Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses. Aus : www.bpb.de/.../zur-kritik-des-entwicklu... Zugriff am 01.12.2011

26 Henning Melber. Zit. nach ebd.

27 Auszug des Brundlandt-Berichtes. Zit nach Entwicklung und Unterentwicklung: Theorien und Diskussionen. (Wie Anm. 6)

28 Aus : http://de.thefreedictionary.com/kolonisieren. Zugriff am 01.01.2012

29 Vgl. Kolonialismus bis 1850. Anfänge einer Globalisierung. Aus:www.d-ammermann.eu/Kolonialismusbis1850.ppt Zugriff am 03.05.2012

30 Jürgen Osterhammel. Zit. Nach Brockhaus. Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk. Aus: http://www.gipfel-und-grenzen.de/was_ist_eine_kolonie_.php Zugriff am 11.07.2012

31 Izabela Surynt : Postcolonial studies and the ‘Second World’ : Twentieth-Century German Nationalist-Colonial Constructs. Aus: http://ifa.amu.edu.pl/werkwinkel/pdfs/werkwinkel/3/06-surynt-k.pdf. Zugriff am 22.11.2011

32 Osterhammel. Zitiert nach Johannes Feichtinger: Habsburg (post)-colonial. Anmerkungen zur Inneren Kolonisierung in Zentraleuropa. Aus: www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/JFeichtinger1.pdf. Zugriff am 02.12.2011

33 Aram Ziai. Zit nach ebd.

34 Stuart Hall. Zit. nach Heike Niedrig: Multikulturelle Bildungsforschung 5: Sprache-Macht-Kultur. Multilinguale Erziehung im Post-Apartheid-Südafrika. Aus: books.google.com/books?isbn=3893258418... Zugriff am 22.11.2011

35 Ebd.

36 Der Terminus Mimikry stammt aus der Biologie und bezeichnet ursprünglich die Eigenart bestimmter Spezies, Merkmale anderer Arten zu imitieren. Hier geht es um Tier- und Pflanzenarten, die die ästhetischen Merkmale und das Verhalten anderer Arten kopieren. Die Biologen schreiben diese Anpassungsleistung in Überlebenstechniken oder Selektionsmechanismen hinein. In kulturwissenschaftlichen Analysen bezeichnet die kulturelle Mimikry in Analogie zur ursprünglichen Bedeutung die Tatsache, dass ein Individuum oder eine Gruppe gewisse Verhaltensgewohnheiten oder Handlungs- und Vorstellungsmuster anderer kopieren, sodass man meistens eine vorgetäuschte Identität hat. In den postkolonialen Ansätzen wird Mimikry zusammenfassend gebraucht, um auf das kulturelle und soziale Verhalten des Kolonisierten hinzuweisen, die vielmehr als eine imperfekte und blasse Kopie der kulturellen Werte des Kolonisators auftreten. Im postkolonialen Paradigma wird Mimikry hauptsächlich im Spannungsfeld von Unterdrückung, Subversion und Wiederaneignung erörtert. Manche Beobachter sehen die Mimikry als Instrument der kulturellen Unterjochung des Kolonisierten. Einige betrachten sie eher als Widerstandsstrategie des Kolonisierten. Andere sehen die Mimikry aber auch als eine Anpassungsleistung des kolonialen Subjekts an die neuen kulturellen Realitäten.

37 Michel Foucault. Zit. nach Peter Tepe: Literaturtheorien/Methoden der Textanalyse und –interpretation. Teil II. www.mythos-magazin.de/methodenforschung/pt_literaturtheorien2.pdf Zugriff am 25.9.2011

38 Jürgen Link und Rolf Parr : „Semiotik und Interdiskursanalyse“. In: Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. Hrsg. von K-M. Bogdal. Westdeutscher Verlag. Opladen, 1997. S. 108-133. Zitat S.123.

39 Vgl. Simone Winko :„Diskursanalyse, Diskursgeschichte“. In: Grundzüge der deutschen Literatur. 4. Auflage. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold und Heinrich Detering. dtv. München, 1996. S. 463-478. Zitat S. 465.

40 Ebd.

41 Titzmann. Zit. nach ebd. S.464.

42 Stuart Hall: The West and the Rest. Discourse and Power. Aus: www.jonnyfarrow.net/WestRestHall001.pdf Zugriff am 14.12.2011

43 Simone Winko. Zitiert nach Peter Tepe: Literaturtheorien. (Wie Amn. 37)

44 Baasner. Zit nach ebd.

45 Jürgen Link. Zitiert nach Michael Imhof: „Diskursanalyse als methodischer Ansatz“. Aus : oops.uni-oldenburg.de/volltexte/1999/.../kap1.pdf Zugriff am 26.11.2011

46 Geisenhanslücke. Zitiert nach Peter Tepe: Literaturtheorien (Wie Anm. 37)

47 Vgl. Lutz Rühling : „psychologische Zugänge“. In :Grundzüge der Literaturwissenschaft. (Wie Anm. 39) S.479-497. Zitat S.496.

48 Ebd. S.494.

49 Peter Tepe: Literaturtheorien (Wie Anm. 37)

50 Ebd.

51 Vgl. Ebd.

52 Jürgen Link und Rolf Parr : „ Semiotik und Interdiskursanalyse“. (Wie Anm. 38). Zitat S.108.

53 Ebd. S.110.

54 Ebd. S.125.

55 Ebd. S.121.

56 Ebd. S.115.

57 Ebd. S.117.

58 Jürgen Link. Zit. nach Simone Winko: „Diskursanalyse, Diskursgeschichte“. (Wie Anm. 39) Zitat S.475.

59 Ebd.

60 Michael Imhof: „Diskursanalyse als methodischer Ansatz“. (Wie Anm. 45)

61 Vgl. http://www.gs.uni-hd.de/institut/ndl.html Zugriff am 25.03.2011

62 Jean –Michel Adam et Ute Heidmann: Sciences du texte et analyse de discours. Enjeux d’une interdisciplinarité. Aus : mots.revues.org › ... › Comptes rendus de lecture Zugriff am 12.06.2011

63 Ebd.

64 Simone Winko : „Diskursanalyse, Diskursgeschichte“. (Wie Anm. 39) Zitat S. 474.

Ende der Leseprobe aus 162 Seiten

Details

Titel
Entwicklungs- und Kolonialdiskurse in Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" (1855)
Note
15.5/20
Autor
Jahr
2012
Seiten
162
Katalognummer
V300654
ISBN (eBook)
9783656967149
ISBN (Buch)
9783656967156
Dateigröße
1144 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Autor kein Muttersprachler [Anm. der Red.]
Schlagworte
entwicklungs-, kolonialdiskurse, gustav, freytags, roman, soll, haben
Arbeit zitieren
Vincent de Paul Kemeugne (Autor), 2012, Entwicklungs- und Kolonialdiskurse in Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" (1855), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300654

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