Japans Weg in den Revisionismus von 1919 bis 1934

Analyse aus der Perspektive der Theorie der sozialen Identität und der Balance-of-Threat-Theorie


Bachelorarbeit, 2015
68 Seiten, Note: 1,3
Constantin Wacker (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Gliederung

2. Theorie und Vorgehensweise
2.1 Balance-of-Threat-Theorie (BOT)
2.2 Theorie der sozialen Identität (SIT)
2.3 Vorgehensweise
2.3.1 Abh ä ngige Variable: Revisionismus in den internationalen Beziehungen
2.3.2 Unabh ä ngige Variablen: Statusimmobilit ä t und Bedrohungsperzeption

3. Japans Weg in den Revisionismus 1919-1934
3.1 Exkurs: Japan vor dem Ersten Weltkrieg
3.2 Ambivalente Nachkriegsphase 1919-1921/22
3.3 Kooperationsphase 1922-1931
3.4 Phase des Abgleitens in den Revisionismus 1931-1934

4. Analyse aus Perspektive der BOT und der SIT
4.1 Analyse aus Perspektive der Balance-of-Threat-Theorie (BOT)
4.1.1 Exkurs: Japan vor dem Ersten Weltkrieg
4.1.2 Affirmative Phase 1919-1931
4.1.3 Revisionistische Phase 1931-1934
4.2 Analyse aus Perspektive der Theorie der sozialen Identität (SIT)
4.2.1 Exkurs: Japan vor dem Ersten Weltkrieg
4.2.2 Affirmative Phase 1919-1931
4.2.3 Revisionistische Phase 1931-1934

5. Resümee

6. Anhang
6.1 Karte des imperialen Japans der Meiji-Zeit, 1895
6.2 Karte der Großmächte im Fernen Osten, 1941
6.3 Zeittafel - Japanisches Kaiserreich in der Zwischenkriegszeit

7. Literaturverzeichnis

„ Balance-of-power theory predicts that states will ally against the strongest state in the system, but balance-of-threat theory predicts they will tend to ally against the most threatening. “

Stephen M. Walt, 1997

Walt, Stephen M. 1997: Why Alliances Endure or Collapse, in: Survival: Global Politics and Strategy, Vol. 39, No. 1 (Spring 1997), 156- 179.

„ Thucydides found that people go to war out of “ honor, fear, and interest. “ ... If we take honor to mean fame, glory, renown, or splendor, it may appear applicable only to an earlier time. If, however, we understand its significance as deference, esteem, just due, regard, respect, or prestige, we will find it an important motive of nations in the modern world as well. ”

Donald Kagan, 1995

Kagan, Donald 1995: On the Origins of War and the Preservation of Peace, New York, NY: Doubleday, 5.

1. Einleitung

In den frühen Morgenstunden des 7. Dezembers 1941 attackierten 183 Maschinen der Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräfte den US-amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor auf Hawaiʻi und hinterließen eine Spur der Verwüstung (Prange et al. 1988, 517-528). Beinahe zeitgleich wurde die japanische Offensive gegen die amerikanischen Besitzungen im Pazifik, die Philippinen und Guam, gegen die britischen Kolonien Hongkong, Singapur und Malaysia sowie gegen Niederländisch-Indien in Gang gesetzt (Costello 1982, 32 ff.). Am Folgetag erklärte das Kaiserreich Japan den Vereinigten Staaten und dem Britischen Empire den Krieg und stürzte den ostasiatisch-pazifischen Raum in die Wirren des Zweiten Weltkrieges, der Europa bereits seit September 1939 im Griff hatte.

Zwar hatte sich die Ausweitung des Pazifikkrieges zu einem Hegemonialkrieg in den Augen der japanischen Generalität vor dem Hintergrund des amerikanischen Ölembargos und der gescheiterten Verhandlungen im selben Jahr durchaus als eine veritable, vermeintlich alternativlose Option zur Überwindung der misslichen außenpolitischen Lage präsentiert (Feis 1950, 236-242, 307-319). Rückblickend kann aber mitnichten davon die Rede sein, dass die Pearl Harbor vorausgehende Expansions- und Revisionspolitik Japans insgesamt eine histo- rische Zwangläufigkeit besessen habe: Noch in den 1920er-Jahren war die Regionalmacht Japan, der es innerhalb der vorangegangenen 60 Jahren als erste nicht-westliche Nation gelungen war, in den Kreis der modernen Industrienationen aufzusteigen (Ikeda 2008, 28), eine der tragenden Säulen der ostasiatischen Sicherheitsarchitektur und darüber hinaus institutionell in das sogenannte „Washingtoner System“ sowie den Völkerbund eingebunden (Wolf 2001, 141 ff.). Fernerhin kooperierte das japanische Kaiserreich unter der Ägide des Außenministers Shidehara Kijūrō (1924-1927, 1929-1931) nicht nur im Rahmen der „Open Door“-Politik in China mit den westlichen Playern, den USA und Großbritannien, sondern auch auf militärischem und ökonomischem Terrain (DeVere Brown 1974, 201-226).

Angesichts dessen gibt die spätestens ab 1934 in zunehmenden Maße revisionistische1, letztlich im Pazifikkrieg resultierende Außenpolitik Japans Politologen und Historikern bis zum heutigen Tag Rätsel auf: Warum beschritt die Status-quo-Macht Japan - dasjenige Land, das augenscheinlich wie kein Zweites von den Konditionen des internationalen Systems profitierte - im Laufe der Zwischenkriegszeit den Weg der Konfrontation und Aggression?

Die zeitgenössische Forschung führt eine Vielzahl von Ursachen für den japanischen Expansionismus und Imperialismus der 1930er- und 1940er-Jahre ins Feld: Machtstreben, Wachstumsbarrieren bzw. lateraler Druck, Ideologie sowie innerstaatliche Partikular- interessen (s. 1.1). Die aufgeführten Erklärungsansätze haben indes gemein, Japans Übergang von einer affirmativen zu einer revisionistischen Politik nicht adäquat und präzise explizieren zu können (q.e.d.).

Zwei additionale Schlüssel zum Verständnis vermögen möglicherweise die Balance-of- Threat-Theorie (BOT) (Walt 1985, 1987) und die sozialpsychologische Theorie der sozialen Identität (SIT) (Tajfel/Turner 1986) zu liefern. Stephen M. Walts Balance-of-Threat-Theorie zufolge richten die nach Sicherheit strebenden Staaten ihre ggf. kriegerischen Balancing- Aktivitäten lediglich gegen diejenigen Mitbewerber im internationalen System, vor denen sie sich aufgrund derer materiellen Machtressourcen oder deren aggressiven Auftretens in der internationalen Politik am meisten zu fürchten haben. Kontrastiert werden soll die Sicher- heitsperspektive durch die Heranziehung von Henri Tajfels und John C. Turners Theorie der sozialen Identität, die in der vergangenen Dekade auch in der politologischen Subdisziplin der Internationalen Beziehungen (IB) an Prominenz erlangt hat. Ursprünglich auf die Inter- aktionsmechanismen von sozialen Gruppen bezogen, attestiert sie Individuen, Kleingruppen, Gesellschaften und Staaten ein auf das intrinsische Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild zurückzuführendes Streben nach Status - das Streben nach einem höheren Rang bzw. einer höheren Positionierung in einer sozialen Hierarchie (Wolf 2014a, 3). Unweigerlich verbunden mit dem Umstand, dass es sich bei Status um eine knappe und umkämpfte Ressource handelt, sind enttäuschte Statusbedürfnisse einzelner Beteiligter, die etwa aus Missachtungserfah- rungen, Kränkungen oder perzipierten Statusinkonsistenzen2 hervorgehen können und denen mit entsprechenden Identitätsinstandhaltungstrategien begegnet werden vermag (Larson/ Shevchenko 2010, 66 f.). In Fällen empfundener Statusimmobilität - dem (Irr-) Glauben, dass die gegebene Statushierarchie unter keinen Umständen den Statusambitionen des Einzelnen Rechnung trägt (Ward 2013, 614) - erwartet die SIT hingegen Unterminierungsversuche des Ist-Zustandes seitens der Betroffenen. Auch die Anwendung physischer Gewalt sei nicht auszuschließen.

Bezogen auf Japan in der Zwischenkriegszeit - einem prima-facie-Fall zur Demonstration gradueller Transition von affirmativem3 zu revisionistischem Verhalten in der Außenpolitik eines aufsteigenden Staates -, würden die Befunde der BOT nahelegen, dass die Aushebelung des Washingtoner Systems ab 1931 als Reaktion auf eine Bedrohung der territiorialen Integrität respektive vitaler Interessen Japans erfolgte. Demgegenüber lässt die SIT-Per- spektive vermuten, dass das japanische Statusstreben vis-à-vis der westlich dominierten internationalen Gemeinschaft im Allgemeinen und der beiden pazifischen Hegemonialmächte, den USA und Großbritannien, im Speziellen, eine größere Rolle als bisher angenommen gespielt hat. Für den Zeitraum 1919-1934 lassen sich zahlreiche Kränkungen durch den „Westen“4 identifizieren, die aus der Perspektive der SIT Anlass zu Japans Revisionismus in den 1930er-Jahren gegeben haben könnten.

In Anbetracht des potenziellen Mehrwerts der BOT- respektive SIT-Analyse besteht das zentrale Anliegen der vorliegenden Bachelorarbeit in der empirischen Aufarbeitung der Bedrohungsperzeptionen sowie der enttäuschten Statusbedürfnisse des japanischen Kaiserreichs und derer Rückwirkungen auf Japans außenpolitisches Agieren in der Zwischenkriegszeit (1919-1934). Folglich lautet die übergeordnete Frage dieser Aus-arbeitung:

Ist die zunehmend revisionistische Gro ß machtpolitik des Kaiserreiches Japan im Zeitraum 1919-1934 auf die fortdauernde Zur ü ckweisung japanischer Statusambitionen durch die internationale Gemeinschaft zur ü ckzuf ü hren?

Alleinig in dem Fall, in dem Japans revisionistisches Verhalten zweifelsfrei auf das Streben nach Status zurückgeführt werden kann und Sicherheitsstreben auszuschließen ist, kann die Forschungsfrage positiv beschieden werden. Vice versa ist dem Erklärungsansatz der BOT Vorzug zu geben, wenn ein kausaler Zusammenhang zwischen Sicherheitsstreben und japanischem Revisionismus sustanziiert nachgewiesen werden kann.

Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit ist insoweit für die Fachdisziplin Politikwissen- schaft als auch für die praktische Politik von großer Relevanz, als sie möglicherweise Rückschlüsse auf den gegenwärtigen Umgang mit aufsteigenden Mächten wie China, Indien, Brasilien oder der Türkei zulässt (Larson/Shevchenko 2010; dies. 2014; Pu/Schweller 2014; Paul/Shankar 2014). Unbeschadet des Dogmas „Geschichte wiederholt sich nicht“ bezweckt die Betrachtung der westlich-japanischen Beziehungen 1919-1934 die Sensibilisierung von Forschung und Praxis in Hinblick auf die Relevanz des Status- bzw. des Sicherheitsaspekts für die Stabilität der internationalen Ordnung.5 Der Autor dieser Arbeit erhofft sich des Wei- teren, Anstoßgeber für eine tiefergehende historiographische Aufarbeitung der Entstehungs- bedingungen für den japanischen Revisionismus der 1930er-Jahre zu sein.

1.1 Forschungsstand

Die Literaturlage zur unilateralistischen Expansionspolitik Japans in der Zwischenkriegszeit kann im Allgemeinen als umfangreich bezeichnet werden, wobei eine Fokussierung auf die Entstehungsursachen des Pazifikkrieges zu konstatieren ist. Aus politologischer Sicht lassen sich im Wesentlichen fünf in der Forschung prävalente Erklärungsmuster - teils systemischer und teils akteursspezifischer Natur - für den japanischen Revisionismus identifizieren: Macht- streben, Wachstumsbarrieren, Ideologie, innergesellschaftliche sowie sozial-psychologische Prozesse.

Eine nicht unbeachtliche Anzahl an Forschern interpretiert Japans Verhalten in der Zwischen- kriegszeit auf Grundlage neorealistischer, strukturalistisch-materialistischer Prämissen. Namentlich John J. Mearsheimer, einer der bedeutendsten Exponenten des offensiven Realismus, sieht im rigorosen, intrinsischen Machtstreben Japans „grand strategy“ nach der erzwungenen Öffnung von 1853. Bis in die 1930er-Jahre habe sich das japanische Kaiserreich indes außer Stande gesehen, seine hegemonialen Ambitionen gewaltsam durchzusetzen, was sich freilich mit Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa und der damit einhergehenden Distraktion Frankreichs, Großbritanniens und der Sowjetunion fundamental ändern sollte (Mearsheimer 2001, 172-181).

Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass Japans Entscheidungsträger in der Mandschurei- und Chinafrage von Sicherheitserwägungen geleitet waren (Snyder 1991, 120), dennoch vermag der offensive Realismus kein überzeugendes Bild von Japans Transformation zu einem Herausfordererstaat der internationalen Ordnung zeichnen.6 Zum einen bietet er keine befrie- digende Antwort auf die engmaschige Sicherheitskooperation mit den westlichen Seemächten in den 1920er-Jahren, zum anderen würde die der neorealistischen Perspektiven inhärente Balance-of-Power-Logik für denselben Betrachtungszeitraum zur Wahrung des Macht- gleichgewichts vielmehr ein britisch-japanisches Bündnis gegen die übermächtigen USA nahelegen. Mit der Dissolution der anglo-japanischen Allianz 1923 trat jedoch das Gegenteil ein (Wolf 2001, 162-165). Auch der für den japanischen Revisionismus bedeutsame Schritt, infolge des Lytton-Reports 1933 aus dem Völkerbund auszutreten, kann mit dem simplen Verweis auf Machtstreben kaum expliziert werden (Ward 2012, 187-190). Nach dem neorealistischen Theorien zugrunde liegenden Rational-Choice-Paradigma hätten Japans Militärs und Politiker, die sich über Japans ressourceninduzierte Verletzlichkeit und militärische und wirtschaftliche Schwäche stets im vollen Bewusstsein waren (Snyder 2001, 116-120), viel eher eine Rückversicherungspolitik gegenüber letzteren verfolgen müssen: „Rising powers should generally prefer to bid their time and lay low rather than run high risks, provoke opposition, and invite major war“ (Ward 2013, 610).

Demgegenüber könnte der Mehrwert von Stephen M. Walts Balance-of-Threat-Theorie in ihrer akteursspezifischen Akzentuierung des auf Bedrohungspotenziale reagierende Sicher- heitsstreben liegen, wodurch die oben vorgebrachten Einwände ein Stück weit entkräftet werden könnten (s. 2.1). Peattie argumentiert beispielsweise: „[S]ecurity - or rather insecurity - in relation to the advance of Western power in Asia seems to have been the dominant concern of the Japanese empire“ (Peattie 1984, 9). Crowley hebt darüber hinaus hervor, dass Japans Expansionismus auf die „disintegration of the security system that provided by Washington Conference“ sowie das daraus resultierende Machtvakuum in Ostasien zurückzuführen sei (Crowley 1966, 389). Berger zufolge korreliere Japans Autonomiestreben nach 1931 mit der Perzeption, dass nationale Eigenständigkeit von lebensnotwendiger Bedeutung für Japans Sicherheit sei (Berger 1977, 354; vgl. auch Barnhart 1987).7

Neben dem Faktor Macht werden Wirtschaftsinteressen - vor allen Dingen das in militä- rischen Kreisen als „vital“ erachtete Interesse an ökonomischer Autarkie (Patrick 1971, 263) - von der Forschung als Impulsgeber für den japanischen Revisionismus der 1930er-Jahre ins Feld geführt, so auch u.a. bei Copeland (Copeland 1996, 19, 26), wobei nicht zuletzt auf die sich wirtschaftlicher Argumentionslinien bedienende Propaganda im Kontext der Errichtung Mandschukuos verwiesen wird (Beasley 1987, 190; Iriye 1974, 265; Iriye 1989, 38 f.). Im Ergebnis messen aber sowohl Thöne (1974) als auch Nakamura (1983) wirtschaftlichen Ambitionen eine eher untergeordnete Rolle zu. Es habe zwar insoweit eine Verbindung zwischen der Wirtschaft und der militärischen Expansion gegeben, als militärische und teilweise politische Akteure wirtschaftliche Interessen und Gruppen instrumentalisiert hätten, um „wirtschaftliche Kräfte im Sinne nationaler Machtpolitik einzusetzen“ (Thöne 1983, 40), die Landnahmen in der Mandschurei, Jehol, Hopei und Chakar nach 1931 seien indes von der führenden Industriellenschicht, den Zaibatsu, als geschäftsschädigend wahrgenommen worden (Nakamura 1983, 40).8 Selbst Choucri, North und Yamakage (1992), Begründer der Theorie des Lateralen Drucks, kommen zu dem Schluss, dass die Handelsbeschränkungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und einer Vielzahl anderer westlicher Staaten japanischer Ressourcenhunger sowie der Suche nach neuen Absatzmärkten nicht als alleinige Ursachen für den Ausbruch des Pazifikkrieges in Frage kommen: „[T]hey [...] did contribute in major ways to an overall process that made the outbreak of that war increasingly probable (Chourci/North/Yamakage 1992, 20; Herv. d. Verf.).9 10

Als eine weitere in der Forschung herangezogene Erklärung ist das Auftreten ideologischer Strömungen zu nennen, die eine Unvereinbarkeit zwischen innerer und internationaler Ord- nung suggeriere und somit dem Revisionismus zuträglich sei. Nach dem in Mark Haas Monographie „The Ideological Origins of Great Power Politics“ (2005) dargelegten Konzept der „ideologischen Distanz“ besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sich ein von den Status-quo-Mächten ideologisch divergenter Staat den bestehenden systemischen Machtver- hältnissen widersetzt.

Haas’ Ursachenanalyse des Zweiten Weltkrieges 1939-1945 beschränkt sich indes weitest- gehend auf den europäischen Schauplatz und sieht in der Kontestation der Staatsideologien des Dritten Reiches und der Sowjetunion - Nationalsozialismus auf der einen und Mar- xismus-Leninismus auf der anderen Seite - den ausschlaggebenden Faktor für den Zweiten Weltkrieg (Haas 2005, 105-145). Demgegenüber nehmen die ideologischen Differenzen zwischen dem Kaiserreich Japan und dem Westen eine vergleichsweise untergeordnete Rolle in Haas’ Monographie ein, sodass sich grundsätzlich die Frage stellt, worin ebenjene vor dem Hintergrund der partiellen japanischen Adaption westlicher Institutionen und Werte liegen sollen. Aufgrund seiner Emphase auf die ideengeschichtliche Prozessualität des politischen Diskurses verkennt Haas’ empirisch kaum zu überprüfender Ansatz fernerhin die Inter- subjektivität von Vorstellungen, Ideen und Leitbildern (Ward 2013, 611 f.), weshalb Haas’ akteursspezifische Analyse nur dann als adäquate Erklärung fungieren kann, wenn die inner- gesellschaftliche Dynamik von unterschiedlichen, mit einer Sprachrohrfunktion ausgestatteten

Gruppierungen einbezogen wird. Denn erst durch letztere gewinnen ideologische Vorstel- lungen an gesellschaftlicher Bedeutung.

Infolgedessen erscheint Jack Snyders Position - die Akzentuierung des Präferenzenwandels tonangebender innenpolitischer Gruppen - als ein vielversprechenderes Erklärungsmodell. Nach Snyder wurde der Übergang zu einer revisionistischen Politik Anfang der 1930er-Jahre maßgeblich von bestimmten Interessengruppen in Armee und Flotte vorangetrieben, die zur Überzeugung gelangten, dass Expansionismus und Autarkiestreben im asiatisch-pazifischen Raum Japans einzig verbliebener gangbarer Weg sei (Snyder 1991, 112-151). Aufgrund der spezifischen politischen Verfasstheit des Nachzüglerstaates Japan sei das Militär mit weitreichenden Autonomierechten ausgestattet gewesen, wodurch es den revisionistischen Militärcliquen ein Leichtes gewesen sei, sich zur Durchsetzung ihrer Partikularinteressen zu „logrolling coalitions“ mit den „Erneuerungsbürokraten“ gegen das zivile Establishment zu formieren und die liberale Parteiendemokratie auszuschalten: „In short, [...] a powerful explanation for Japanese overexpansion is the straightforward hijacking of the state by a concentrated militarist interest group“ (Snyder 1991, 142).11

Snyders „coalition politics and ideology theory of overexpansion“ (Snyder 1991, 31 ff.) ist allerdings nicht gänzlich im Stande offenzulegen, was Anfang der 1930er-Jahre zum Erstarken der militaristischen und nationalistischen Interessensgruppen geführt hat und was die japanische Bevölkerung so anfällig für die Rhetorik der Militärs gemacht hat.12

In exakt diese Forschungslücke stößt Steven Wards erst kürzlich erschienene Dissertation „Status Immobility and Systemic Revisions in Rising Great Powers“ (2012), dessen heraus- ragende Leistung darin besteht, erstmalig Status als erklärenden Faktor des japanischen Revisionismus in den Forschungsdiskurs einzuführen (vgl. auch Ward 2013). In Wards Verständnis könne die konsequente Anwendung der Statusperspektive - anders als der materialistische Realismus und Snyders „logrolling“-Theorie (Ward 2012, 192) - zur Klärung der Frage beitragen, was den plötzlichen „shift“ zum Revisionismus in weiten Teilen der japanischen Gesellschaft 1930/1931 ausgelöst habe: Erst die Perzeption der eigenen, ver- meintlich in Stein gemeißelten Statusinkonsistenz Japans (Fn. 2) hätten revisionistische Ansichten und Interessensgruppen in der Führungselite salonfähig gemacht. Sich u.a. auf Naoko Shimazus Werk „Japan, Race, and Equality“ (1998) berufend, habe dabei insbesondere die japanische Wahrnehmung, aufgrund von niederen rassistischen Vorurteilen einen inferioren Status von den Westmächten zugewiesen zu bekommen, eine entscheidende Rolle gespielt (Ward 2013, 625 ff.).13 Die Anwendung seines Konzeptes der Statusimmobilität (S. 5) auf den Fall Japan in der Zwischenkriegszeit ist insoweit richtungsweisend, als von ihm neue Impulse für weitergehende Forschungsprojekte ausgehen.

Es ist die Intention der vorliegenden Bachelorarbeit, hieran - wenn auch mit weitaus bescheidenerer Zielsetzung - anzuknüpfen.

1.2 Gliederung

Bevor sich in dieser Bachelorarbeit der Besprechung der Forschungsfrage zugewandt werden kann, ist in einem ersten Schritt die eingehende Besprechung der dieser Arbeit zugrunde liegenden theoretischen und konzeptionellen Grundlagen voranzustellen. Zunächst werden die Grundlinien der BOT und der SIT anhand der einschlägigen Literatur herausgearbeitet, woraufhin die Vorgehensweise festgelegt sowie die abhängige Variable (AV) - Revisionismus in den internationalen Beziehungen - und die unabhängigen Variablen (UV) - Sicherheitsstreben und Statusambition - operationalisiert werden (Kapitel 1).

Im darauffolgenden Kapitel erfolgt die Analyse von Japans Weg in den Revisionismus in den Jahren 1919-1934, was eine Einteilung des Betrachtungszeitraums in drei Analysephasen - 1919-1921/22, 1922-1931, 1931-1934 - notwendig macht und die isolierte Untersuchung der historischen Ereignisse auf den Grad ihres Revisionismus inkludiert (Kapitel 2). Anhand der in Kapitel 2 vorgenommenen Phaseneinteilung wird sich Japans außenpolitischem Agieren in der Zwischenkrieg ein zweites Mal zugewandt; diesmal wird die Untersuchung aus Perspektive der BOT und der SIT erfolgen, was mit der Akzentuierung der Sicherheits- und Statusfrage einhergehen wird. Statements führender japanischer Politiker, Diplomaten, Intel- lektueller sowie Militärs werden Prüfungsmaßstab für die in Kapitel 2 aufgestellten Hypo- thesen sein. Es gilt zu überprüfen, ob eine Kausalität zwischen abhängiger Variable und den unabhängigen Variablen besteht; also inwieweit eine Verbindung zwischen revisionistischer Haltung und enttäuschter Bedrohungsperzeptionen respektive Statusambitionen zu ziehen ist (Kapitel 3).

Am Ende der Bachelorarbeit steht ein Resümee, in welchem abschließende Betrachtungen zu der vorgenommenen Ausarbeitung formuliert und ein Ausblick auf die Implikationen der Er- gebnisse für die weitere Forschung in der Fachdisziplin der Internationalen Beziehungen ge- geben wird (Kapitel 4).

2. Theorie und Vorgehensweise

Bevor eine Analyse von Japans zunehmend revisionistischer Großmachtpolitik in der Zwischenkriegszeit aus der Perspektive der BOT und der SIT erfolgen kann, ist es unabding- bar, in einem ersten Schritt deren theoretischen und konzeptionellen Grundlagen offenzulegen und in einem zweiten Schritt die dieser Arbeit zugrunde liegende Vorgehensweise en détail zu erläutern.

2.1 Balance-of-Threat-Theorie (BOT)

Im Kontrast zum anthropologisch fundierten klassischen Realismus Hans Morgenthaus (1948), Edward H. Carrs (1939; 1946) und Henry Kissingers (1957) beruht das neorealistische Theoriespektrum, zu dem auch die defensive Balance-of-Threat-Variante (BOT) des amerikanischen Politologen Stephen M. Walt gezählt wird (Rohde 2004, 31), in seinen Grundzügen auf strukturalistischen Annahmen. Konsequenterweise verlagert der Neorealismus den Analysefokus von der Ebene außenpolitischen staatlichen Agierens auf die Ebene des internationalen Systems (Schörnig 2006, 66 ff.).

Als Ausgangspunkt der in „The Origins of Alliances“ (1987) dargelegten Balance-of-Threat- Theorie Walts fungiert die den Neorealismus begründende „Theory of International Politics“ (1979) von Kenneth N. Waltz. Vor dem realhistorischen Entstehungskontext des Ost-West- Konflikts der 1970er-Jahre war Waltz’ Theorie des strukturellen Realismus explizit aus einer szientistischen Morgenthau-Kritik hervorgegangen, die das deduktive Erklären allgemeiner Muster der internationalen Beziehungen auf der Basis weniger zentraler Prämissen in den Vordergrund rückt (Schörnig 2006, 66f.). Macht und Machtstreben werden in Waltz’ Arbeit als primäre Analysekategorien von der Struktur des internationalen Systems abgelöst. Dabei wendet sich Waltz explizit gegen die Forderung „nach möglichst vollständiger Berück- sichtigung empirischer Daten“ (Hellmann 1994, 73, Fn. 14) und entwickelt eine „schlanke“, reduktionistische Theorie mit hohem Abstraktionsgrad (Scherrer 1994, 304 f.) unter Ver- wendung lediglich dreier Variablen: Ordnungsprinzip, Ressourcen- bzw. Machtverteilung und Funktionsspezifizierungen der „like-units“-Akteure (Waltz 1996, 54). In Abwesenheit einer autoritativen Instanz herrsche das anarchische Ordnungsprinzip qua definitionem im inter- nationalen System vor (Waltz 1979, 114 ff.), weshalb unter den uniformen Akteuren - ratio- nale auf Grundlage eines Kosten-Nutzen-Kalküls operierende Staaten,14 die über offensives Militärpotenzial verfügen - große Unsicherheit über die gegenseitigen, potenziell bedrohlichen Intentionen bestehe. In einem solchen Selbsthilfe-System (Waltz 1979, 107) stelle die Sicherung ihrer staatlichen Autonomie und territorialen Integrität oberste Priorität dar:

„A self-help system is one in which those who do not help themselves [...] will fail to prosper, will lay themselves open to dangers, will suffer. Fear of such unwanted consequences stimulates states to behave in ways that tend toward the creation of balances of power “ (Waltz 1979, 118; Herv. d. Verf.).

Aus Selbsterhaltungsgründen seien Staaten hiernach bestrebt, Machtungleichgewichte im internationalen System unilateral mittels eigener Aufrüstung oder multilateral durch Bündnispolitik auszugleichen, um den Idealzustand der kriegshemmenden Machtbalance (wieder-) herzustellen. In den Augen Waltz’ garantiere die unipolare oder bipolare Macht- verteilung größtmögliche Stabilität, während die Kriegsgefahr in multipolaren Ordnungen aufgrund der Vielzahl an Balancing-Optionen und potenzieller Antagonisten höher einzu- schätzen sei (Waltz 1979, 80, 98).

Im Anschluss an Waltz’ bahnbrechenden Theorieentwurf wurden eine Reihe von Realismus- internen Einwürfen vorgebracht. Während Exponenten des offensiven Realismus wie John J. Mearsheimer (2001) Machtmaximierung als zentrales, durch die Struktur des internationalen Systems determiniertes Handlungsimperativ der Staaten Waltz’ Sicherheitsmaximierungs- these gegenüberstellen, zweifeln andere Theoretiker die empirische Fundiertheit und Plausi- bilität von Waltz’ Balance-of-Power-These an. Neben Randall Schwellers „theory of balance- of-interest“(1994) stellt auch Walts BOT-Ansatz eine Modifikation von Waltz’ Theorie dar.15 Während Waltz’ These des „Balancing Predominates“ (Ditzel/Hoegerle 2011, 20) davon aus- geht, dass sich Allianzenbildungen im internationalen System an den objektiven Machtmitteln der Staaten orientieren, seien für Staaten laut Walt vielmehr wahrgenommene Bedrohungen ausschlaggebend. In der Konsequenz müsse man die Balancing-Aussage im Sinne der BOT- Theorie umformulieren:

„Balance-of-power theory predicts that states will ally against the strongest state in the system, but balance-of-threat theory predicts they will tend to ally against the most threatening “ (Walt 1997, 933, Herv. d. Verf.).

In Abgrenzung zu Morgenthaus „anekdotenhafter“ Beweisführung, den Utilitäts- und Spiel- theoretikern (Walt 1990, 6-11) untermauert Walt seine zentrale These im Wege einer umfang- reichen empirischen Studie der Allianzbeziehungen des Mittleren Ostens ab 1945 (Walt 1990, 13 f.). Hierbei spricht er nicht von Vornherein von einer Vorrangstellung der Balancing- Strategie - „defined as allying with others against the prevailing threat“ (Walt 1990, 17) - gegenüber der Bandwagoning-Strategie - „the alignment with the source of danger“ (Walt 1990, 17). Erst die sorgfältige Untersuchung des empirischen Datenmaterials lässt ihn schlussfolgern, dass die Bandwagoning-Strategie selbst bei schwächeren Staaten aufgrund der ihr innewohnenden Gefahr in der Tat das weitaus seltener angewandte Vorgehen sei (Walt 1990, 263-266).

Hinsichtlich der Bedrohung eines Staates wird zwischen vier Kategorien differenziert: Macht- stärke, geographische Lage, offensive militärische Stärke und Expansionsdrang (Walt 1985, 9). Für die staatliche Willens- und Interessensbildungsprozesse in Richtung „Balancing“ oder „Bandwagoning“ sei nicht einzig der Faktor Macht verantwortlich, sondern auch die Quantität und Qualität der zur Verfügung stehenden Waffensysteme, die räumliche Nähe und die aggressiven, expansionistischen Intentionen des als Bedrohung perzipierten Staates würden über die Generierung von Balancing- oder Bandwagoning-Interessen eines auf den Erhalt der politischen und territorialen Integrität bedachten Staates entscheiden. Werde ein Akteur in den internationalen Beziehungen von seinem Umfeld als Gefährdung der allgemeinen Sicherheit wahrgenommen, provoziere dies - unabhängig von ideologischen Befindlichkeiten - in der überwiegenden Anzahl der Fälle eine die mächtigen Regional Player einschließende Gegen- allianz, die zumeist nur bis zur unmittelbaren Beseitigung der Bedrohungslage Bestand habe (Walt 1990, 264). Aufgrund der Berücksichtigung des Zusammenspieles all dieser Faktoren stelle die BOT gegenüber der traditionellen Balance-of-Power-Theorie einen Fortschritt dar, „providing greater explanatory power with equal parsimony“ (Walt 1990, 263).

Durch den Einbezug subsystemischer Faktoren reiht sich Walt in die Reihe derjeniger ein, die sich zusehends von der Schlankheit des ursprünglichen Neorealismus Waltz’scher Façon entfernt haben. Im Sinne der von Jeffrey W. Legro und Andrew Moravcsik angestoßenen „Is Anybody Still a Realist“-Debatte (Legro/Moravcsik 1999) stellt sich die Frage, ob sich Walts Arbeit noch als „neorealistisch“ klassifizieren lässt oder ob sie sich bereits aus ihrem neorealistischen Entstehungskontext emanzipiert hat (Schörnig 2006, 89).

2.2 Theorie der sozialen Identität (SIT)

Während die symbolischen Motive - Status, Identität und Anerkennungsstreben - in den sys- temorientierten Mainstreamtheorien der Internationalen Beziehungen Neorealismus, Liberal- ismus und Institutionalismus lange Zeit keine Rezeption fanden, vermag die Statusforschung in der Soziologie und Sozialpsychologie auf eine längere Historie zurückblicken. Seit Ende der 1970er-/Anfang der 1980er-Jahre hatte sich in diesen Forschungsdisziplinen die Erkennt- nis durchgesetzt, dass weniger materielle, als vielmehr sozial-evaluative Anreize die Interakti- on zwischen Individuen und Gruppen prägen: „Apart from economic payoffs, social status (social rank) seems to be the most important incentive and motivating force of social behavior“ (Harsanyi 1974, 204).

Die umfassendste Theoretisierung von interpersonellen und gruppeninternen Statusbe- ziehungen haben Henri Tajfel und John Turner 1979 mit der Einspeisung der Theorie der sozialen Identität (SIT) in den sozialspychologischen Forschungsdiskurs unternommen (Tajfel 1978, 27-98; Tajfel/Turner 1979, 33-47),16 die mittlerweile im Rang einer empirisch fun- dierten, etablierten Perspektive steht (Hymans 2002, 1). Gemäß der SIT streben sowohl Individuen als auch soziale Gruppen nach zwei in der menschlichen Psyche intrinsisch verankerten Bedürfnissen: Selbstdefinition der eigenen positiven Identität und Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls im Rahmen einer gegebenen Statushierarchie. In den Augen Henri Tajfels handelt es sich bei der sozialen Identität eines Individuums um das durch soziales Interagieren geformte Selbstbildnis, das in einem unweigerlichen Verhältnis zum gruppenbe- zogenen Kontext steht, in dem es sich herausgebildet hat. Die soziale Identität sei mithin nichts anderes als „that part of an individual’s self-concept which he derives from his knowledge of his membership of a social group (or groups) together with the value and emotional significance attached to that membership“ (Tajfel 1978, 63). Erst die soziale Kate- gorisierung - die Differenzierung von „in-groups“ und „out-groups“ anhand von Distinkti- onsmerkmalen wie Nationalität, Ethnizität, Religion, Ideologie, Geschlecht, Beruf etc. - ermögliche die relative Definition der eigenen Position innerhalb eines sozialen Umfelds (Larson/Shevchenko 2010, 3):17

„Tajfel and his followers argue that deep-seated human motivations of self-definitions and self- esteem induce people to define their identity in relation to their in-goup, to compare and contrast that in-group with out-groups and to want that comparison to reflect favorably on themselves“ (Wohlforth 2009, 34).

SIT-Theoretiker betonen dabei die Multiplizität von Identitäten respektive die Koexistenz einer Vielzahl auf verschiedene Gruppenzugehörigkeiten zurückzuführende, disparate „Level of Self“ (Brewer 2001, 115-125). Von entscheidender Bedeutung bei der Statusevaluation auf Grundlage der eigenen „in-group“-Qualitäten sei die Kontrastierung an Referenzgruppen mit etwa gleichem oder höherem Status, was mit der Tendenz eines „in-group favoritism“

korreliere (Hymans 2002, 5). Zur Überwindung ihres inferioren Status würden Individuen und Gruppen regelmäßig auf folgende Identitätserhaltungsstrategien zurückgreifen: Mitglieder statusinferiorer Gruppen könnten ihre Stellung innerhalb der Statushierarchie erstens durch den Übertritt in eine bzw. Nachahmung einer Gruppe mit höherem Status („Soziale Mobi- lität“), zweitens durch die Mobilisierung von Ressourcen („Sozialer Wettstreit“) und durch die Umbewertung ursprünglich negativer Zuweisungen sowie die Eröffnung neuer Status- kategorien („Soziale Kreativität“) verbessern (Larson/Shevchenko 2003, 79).18

Erst im Zuge des „sociological turn“19 in den späten 1990er-Jahren erhielt die Statusforschung Einzug in die politologische Teildisziplin der Internationalen Beziehungen (Schweller 1999; Larson/Shevchenko 2003; Suzuki 2008; Lebow 2009; Wohlforth 2009; Kang 2010).2021 Die Rezeption der SIT fiel auch deshalb so überaus positiv aus, weil die Öffnung der Fach- disziplin für nicht-rationalistische, psychologisch gesteuerte Formen staatlichen Verhaltens ein holistischeres Verständnis der internationalen Politik ermöglicht. Das enorme Potenzial der SIT hervorhebend, sieht Jaques E. C. Hymans die SIT bereits „as the basis for an alternative lens or paradigm for the IR field“ (Hymans 2002, 1).22 Dem beipflichtend, kon- kludiert Anne L. Clunan, dass die Theorie der sozialen Identität IB-Forscher in einer Weise dazu befähigen, „to link micro-motives of group identity formation and intra-group behavior with national and structual factors that are both material and normative“ (Clunan 2014, 278), wie es andere theoretische Ansätze nicht vermögen.23

Während hinsichtlich des Übertragungswertes zentraler, zumeist in fachfremden „minimal group“-Settings gewonnener SIT-Erkenntnissen auf IB-relevante Themenkomplexe Konsens herrscht,24 besteht weiterhin große Uneinigkeit über die Konzeptionalisierung von Status (Lake 2014, 246). Nicht zuletzt ist das Status-Konzept deshalb von einer „semantischen Konfusion“ (Dafoe et al. 2014, 374) bzw. einer analytischen „Verschwommenheit“ (Wohl- forth 2009, 38) umgeben, weil es in einem engen Beziehungsverhältnis zu verwandten Be- griffen wie Macht (Dahl 1969), Autorität (Lake 2009), Standing und Ehre (Lebow 2008), Gesicht (O’Neill 1999), Prestige (Markey 1999) sowie Respekt und Anerkennung (Wolf 2008) steht. Aufgrund ihrer Fundierung in der Theorie der sozialen Identität wird sich diese Bachelorarbeit ausschließlich auf Pauls, Larsons und Wohlforths Definition beziehen, wonach Status als „collective beliefs about a given state’s ranking on valued attributes (wealth, coercive capabilities, culture, demographic position, sociopolitical organization and diplomatic clout)“ (Paul et al. 2014, 7) zu konzeptionalisieren ist.25 Hiernach basiert der kollektiv, subjektiv und relational verstandene Status eines Staates primär auf der inter- subjektiven Würdigung seiner positiven Errungenschaften durch die internationale Gemein- schaft (Paul et al. 2014, 7-10).

Aus SIT-Perspektive ist das Streben nach Status in den internationalen Beziehungen insoweit konfliktträchtig, als Status per se den Archetyp einer knappen und umkämpften Ressource verkörpert und Positionierungskämpfe in Statushierarchien demzufolge Ähnlichkeiten zu einem Nullsummenspiel aufweisen würden. David A. Lake zufolge manifestiere Status ein „club good“ (Lake 2014, 251), das es zu erlangen bzw. - im Falle des Besitzes - zu verteidigen gelte. Randall Schweller bringt die Zwangslage, der sich Staaten permanent ausgesetzt sähen, folgendermaßen auf den Punkt: „If everyone has high status, no one does“ (Schweller 1999, 28). Aufgrund der schwerwiegenden Konsequenzen von Statusverlust für die eigene soziale Identität und das eigene positive Selbstbild, kann es kaum verwundern (Larson/Shevchenko 2010, 66 f.), dass Kränkungen oder Missachtungen emotionale Reakti- onen auf Seiten der „angegriffenen“ Staaten respektive derer außenpolitischer Repräsentanten nach sich ziehen würden (Wolf 2008, 10). In Analogie zur Individual- und Gruppenebene würden sich Staaten aus diesem Grund gleichermaßen der Identitätserhaltungsstrategien der sozialen Mobilität, des sozialen Wettbewerbs und der sozialen Kreativität bedienen (S. 16). Während Larson und Shevchenko (2003; 2010), Deng (2008) und Suzuki (2008) anhand der empirischen Beispiele Chinas, Japans und Russlands den Nachweis für die Anpassung status- suchender Staaten an die prävalenten Status-Skalen im Wege der Strategie der sozialen Kreativität zu erbringen suchen, offenbaren Schwellers (1999), Wohlforths (2009) und Lebows (2009) Studien, dass aufsteigende Staaten beizeiten auch unter Inkaufnahme schmerzhafter materieller Einschnitte und Risiken um der sozial-evaluativen Vorteile willen um einen höheren Status kämpfen. Statusfrustrationen auf Seiten aufsteigender Mächte entstünden insbesondere in solchen Konstellationen, in denen die als willkürlich empfundene Beharrungstendenz etablierter Staaten den Aufstieg in höherrangige Statusgruppen verwehre (Ward 2013, 613 f.). Im Sinne der oben vorgenommenen Konzeptionalisierung von Status habe der Aufsteiger zwar zentrale Statusmarker - „wealth, coercive capabilities, culture, demographic position, sociopolitical organization and diplomatic clout“ (Paul et al. 2014, 7- 10) - im Zuge einer Strategie der sozialen Mobilität zu erlangen vermocht, dieser Umstand führe indes nicht zur Zuerkennung eines höherrangigen Status durch die jeweilige Referenzgruppe. In der daraus resultierenden Statusimmobilität des Aufsteigers - dem Glaube an eine Persistenz einer „ungerechten“ Statusinkonsistenz ungeachtet der eigenen Anstrengungen - sieht Ward eine der Hauptursachen für revisionistisches Agieren in der internationalen Politik (Ward 2013, 614). Eine besondere Prädisposition für derartige Verhältnisse wiesen nach Wohlforth multipolare Ordnungen oder solche Ordnungen auf, in denen sich die systemischen Machtverhältnisse auf Kosten des Hegemon zugunsten der Herausforderer verschieben würden (Wohlforth 2009, 38 ff.).

Unbeschadet der umfangreichen Untersuchungen der vergangenen Jahren, besteht nach wie vor ein Forschungsdesiderat hinsichtlich der noch nicht zufriedenstellend beantworteten Frage, welche Rolle frustrierte Statusansprüche bei der offensiven Rebellion gegen etablierte Herrschaftsordnungen tatsächlich spielen. Darüber hinaus bleibt es jeweils der systema- tischen Einzelfalluntersuchung vorbehalten, den statusinduzierten Tipping Point zu ermitteln.

2.3 Vorgehensweise

Der Betrachtungszeitraum dieser Arbeit beträgt 13 Jahre zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1934), wobei ein kurzer zeitlicher Exkurs in die Meiji-Periode zu Illustrationszwecken gestattet sei. Vom Standpunkt einer BOT- und SIT-Analyse erweist sich die Wahl dieser Zeitspanne in mehrfacher Hinsicht als vorteilhaft. Zum einen schließt sie das Ende des Ersten Weltkrieges, aus dem das japanische Kaiserreich an einer Balancing-Koalition siegreich hervorgegangen war, und die sich daran anschließenden Versailler Friedensverhandlungen ein, welche noch im Vorfeld der Washingtoner Konferenz 1921/1922 die Weichen für die Etablierung einer neuen Sicherheitsordnung in Ostasien stellten (Wolf 2001, 142).

[...]


1 Nach Wolf et al. lässt sich zwischen zwei konzeptionellen Subformen revisionistischen Verhaltens - Opposition und Dissidenz - distinguieren: Letztere gehe mit der Bereitschaft zum fundamentalen Normbruch und letzlich zur Revision der bestehenden Verhältnisse einher. Oppositionelles außenpolitisches Agieren verfolge hingegen zwar dieselbe Zielsetzung, sei aber weniger radikal in seiner Vorgehensweise, da die Überwindung basaler Normen und Regeln der internationalen Ordnung nicht in letzter Konsequenz angestrebt werde (Wolf et al. 2014, 10).

2 Johann J. Galtung zufolge bezieht sich der Terminus „Statusinkonsistenz“ auf die Differenz „between status that was attributed by the international community (ascribed status) and status that was actually ’deserved’ (achieved status)“ (Galtung 1964, 96).

3 In Abgrenzung zu oppositionellen und dissidenten Verhalten umschreibt Affirmation nach Wolf et al. eine systemerhaltende Status-Quo- Politik (Wolf et al. 2014, 10).

4 Wenn fortan vom „Westen“ die Rede ist, wird nicht allein Bezug auf die geographische Verortung Westeuropas und Nordamerikas genommen. Aus analytischen Gründen wird darüber hinaus eine in der Erfahrung der kulturellen, religiösen und politischen Gleichrangigkeit verwurzelten transatlantischen Einheit angenommen (Winkler 2014, 17 ff.), obgleich der Autor dieser Ausarbeitung keinesfalls die Existenz innerwestlicher Friktionen und Differenzen in Abrede stellt. Da der Rasseaspekt in der vorliegenden Bachelorarbeit einen nicht unbeachtlichen Stellenwert einnehmen wird, scheint dem Autor ebenfalls sinnvoll, die Pazifikanrainer des „White Commonwealth“, Australien und Neuseeland, gleichfalls unter den Oberbegriff „Westen“ zu subsumieren.

5 Zu möglichen Strategien „ranghöherer“ Staaten im respektvollen Umgang mit aufsteigenden Mächten siehe Wolf 2008, 34 ff.

6 Auch die auf Grundlage von Gilpins Hegemonialtheorie (Giplin 1981) oder Organskis und Kuglers Machtübergangstheorie (Organski 1958; ders. 1968; Organski/Kugler 1980) operierenden Betrachtungsweisen stoßen insofern an ihre Grenzen, als der Machtübergangsprozess nach gängigen Kriterien (Machtparität bei 80 % der Machtressourcen der bis dato vorherrschenden Nation(en), Machtübergang bei Werten zwischen 100 und 120 %, vgl. Tammen/Kugler 2006, 43) für den Betrachtungszeitraum nachweislich nicht stattgefunden hat. In puncto Machtpotential vermochte Japan seinen Rückstand in den 1930er-Jahren zwar verringern, erreichte indes zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise den Zustand einer Machtparität mit den Westmächten Großbritannien und den USA (Beasley 1987, 173).6 Selbst im den absoluten Tiefpunkt amerikanischer Wirtschaftsleistung markierende Jahr 1932 (Wolf 2001, 177) betrug die japanische Industrieproduktion weniger als ein Neuntel (sic!) derjenigen der USA und lediglich ein Drittel der britischen. Während der Anteil der USA an der Weltindustrieproduktion im besagten Jahr 31,8%, der Sowjetrusslands 11,9% und der Großbritanniens 10,9% erreichte, konnte Japan lediglich 3,5% vorweisen. Zudem besaßen die USA eine doppelt so große Bevölkerung wie Japan, produzierten fünfmal soviel Stahl, förderten siebenmal soviel Kohle, bauten jährlich achtzigmal so viele Automobile (Kennedy 1989, 451 ff.).

7 In Bezug auf die unmittelbar zum Pazifikkrieg führenden Bedingungsursachen vertritt Dale Copeland die Ansicht, dass die Antizipation eines militärischen und wirtschaftlichen Abstieges sowie einer herabgesetzten nationalen Sicherheit infolge amerikanischer Wirtschafts- sanktionen zum „präventiven“ Hegemonialkrieg gegen die USA und das Britische Weltreich geführt habe (Copeland 2000, 263, Fn. 80).

8 Gleichwohl haben die der Machtpolitik skeptisch gegenüberstehenden Zaibatsu sich selbige in späteren Jahren aus Gründen der Profitmaximierung zunutze gemacht (Nakamura 1983, 40).

9 Lukas Jager weist in seiner an der Professur Reinhard Wolf für Internationalen Beziehungen mit Schwerpunkt Weltordnungsfragen verfassten Bachelorarbeit „Wachsende Wirtschaft, wachsender Druck?“ (2014) nach, dass das von der Lateral Pressure Theory suggerierte Wirkungsgefüge “Wirtschaftswachstum und Bevölkerungswachstum führt zu Wachstumsbarrieren führt zu konfrontativen Verhalten“ im Fall Japans 1924-1937 keine Erklärungskraft zu entfalten vermag (Jager 2014, 39).

10 Ebenso wenig überzeugt laut Wolf (2001) ein weiterer systemischer Ansatz - der Institutionalismus: Ein kausaler Nexus zwischen der Erosion der internationalen Institutionen - des 1922 ins Leben gerufene Washingtoner Systems nebst des maritimen Abrüstungsregimes - und dem Abbruch der Sicherheitsbeziehungen zwischen Japan, den USA und Großbritannien sei Anfang der 1930er-Jahre nicht auszumachen. Im Gegenteil, die betreffenden Institutionen seien „am Vorabend der japanischen Expansion [1931; Anm. d. Verf.] insgesamt keineswegs in einem schlechteren Zustand als in den Jahren zuvor, eher sogar in einem besseren“ (Wolf 2001, 179).

11 In seiner Analyse der anglo-amerikanisch-japanischen Sicherheitsbeziehungen in den 1920er- und 1930er-Jahren aus liberaler Perspektive kommt Wolf (2001) in etwa zur selbigen Konklusion: Während in den im Zeichen der Verständigung stehenden 1920er-Jahren eine Koalition aus Zaibatsu und der politischen Parteien Seiyūkai und Kenseikai (später Minseitō) die Gestaltung der Außen- und Sicherheitspolitik dominierten und auf ein Zusammenspiel aus Kooperation und „economic diplomacy“ (DeVere Brown 1974) setzten (Wolf 2001, 173-176), begünstigte die Auflösung der symbiotischen Beziehung zwischen Großkapital und staatstragenden Parteien, deren spätere Marginalisierung sowie der gleichzeitige Aufstieg radikalisierter nationalistischer und militaristischer Gruppierungen aus Heer, Marine und Ministerialbürokratie den Abbruch der Partnerschaft (Wolf 2001, 181-185).

12 Schließlich existierte das in den 1930er-Jahren im außenpolitischen Diskurs eine hegemoniale Stellung einnehmende und in weiten Teilen der Bevölkerung populäre Narrativ der Militärs bereits in den Jahren vor 1931, war aber bei Weitem nicht auf dieselbe Resonanz gestoßen (Ward 2012, 191 f.).

13 Eine tiefergehende Besprechung von Wards Befunden kann selbstredend nicht im Rahmen der Forschungsstandanalyse erfolgen und wird daher in den fortfolgenden Kapiteln vorgenommen.

14 Obgleich die Rational-Choice-Prämisse nicht expressis verbis in Waltz’ „Theory of International Politics“ (Waltz 1979) zu finden ist, gesteht der Autor in einem späteren Aufsatz ein, implizit von dieser Annahme ausgegangen zu sein (Waltz 1986, 330).

15 Erstmalig Eingang in den Forschungsdiskurs fand die BOT in Walts International Security-Artikel „Alliance Formnation and the Balance of World Power“ (Walt 1985). Schwellers Theorie ist hingegen späteren Datums und stellt aus diesem Grund nicht nur eine Reaktion auf Waltz’ Theoriekonstrukt dar, sondern beinhaltet auch eine kritische Auseinandersetzung mit Walts Thesen.

16 Weiterführende Literatur zur SIT und zur die SIT ergänzende Selbstkategorisierungstheorie bei Tajfel 1982, Van Knippenberg 1984 und Hogg/Abrams 1988.

17 Eine Reihe von auf der SIT basierten Studien konnte im Rahmen von „minimal-group“-Experimenten das Streben folgender gesellschaft- licher Subgruppen nach einer „positive distinctiveness“ nachweisen: Britische Internatsschüler (Bourhis/Hill 1982, 423-468), Offiziere (Boldry/Kashy 1999, 1200-1212), Männer und Frauen (Grant 1992, 348-370), Nord- und Süditaliener (Capozza et al. 1982, 299-325), frankophone und anglophone Kanadier (Van Knippenberg 1984, 565-566) sowie West- und Ostdeutsche (Mummendey et al. 1999, 229-245).

18 In jüngster Zeit wurden die Grundannahmen der sozialen Identitätstheorie in der Psychologie und Ethologie wiederholt bestätigt. Studien von Frank (1985), Wright (1995) und Rosen (2005) unterstrichen die Status innewohnende emotionale Signifikanz gleichermaßen für Menschen wie Menschenaffen, die oftmals erhebliche materielle Mehrkosten in Kauf nehmen würden, um ihren sozialen Status zu potenzieren. Boehm (1999) und Haidt/Joseph (2004) vertreten gar den Standpunkt, dass emotional zur kollektiven Statusallianzbildung prädisponierte Menschen durch evolutionäre Selektionsmechanismen systematisch bevorzugt würden.

19 Das Interesse an Emotionen in der internationalen Politik hat in der letzten Dekade in einem solchen Maße zugenommen, dass Wolf bereits von einem sich abzeichnenden „emotional turn“ spricht (Wolf 2012, 605-624).

20 Auch wenn die konzeptionelle und theoretische Auseinandersetzung mit Status lange Zeit weitgehend der Sozialpsychologie vorbehalten blieb (Ridgeway et al. 1998), gab es vereinzelte Ausnahmen in dieser „history of neglect“ (Paul et al. 2014, 5). Das mit Status verwandte Prestige-Konzept hatte bei den klassischen Realisten frühzeitig Konjunktur (Morgenthau 1948), wurde indes bedauerlicherweise auf die Reputation für die Verfügung über materielle Machtressourcen instrumentell verknappt. Demgegenüber widmeten sich die Vordenker der Englischen Schule, Hedley Bull, Adam Watson (1984) und Evan Luard (1974), explizit den sozialen Hierarchien von Staaten in der internationalen Gemeinschaft und auch Johann Galtung (1964) und Maurice A. East (1972) stellten einen Konnex zwischen menschlichen Konflikten und Statusinkonsistenz her - ohne jedoch eine tiefergehende Theoretisierung vorzunehmen. Machtübergangs- und Hegemonial- zyklentheoretiker leisteten überdies einen wertvollen Beitrag zum tiefergehenden Verständnis der dynamischen Beziehungen zwischen Prestigehierarchie und Machtverteilung im internationalem System (Organski 1958; Gilpin 1984; Midlarsky 1975; Doran 1991; Rasler/ Thompson 1994). Allerdings fällt Status auch in diesen Theorien der instrumentellen Reduzierung auf die materiellen Machtkomponenten zum Opfer (tiefergehende Einblicke in Gilpins Statusverständnis bei Guzzini 1997 und Wohlforth 2011).

21 Eine den neusten Stand der Forschung wiedergebende Zusammenführung der mittlerweile beachtlich angewachsenen Statusliteratur wurde zuletzt von Vogly et al. (2011) und Paul et al. (2014) vorgenommen.

22 Diesbezüglich vertritt Mercer (1995) die Auffassung, dass der SIT das Potenzial innewohne, den (Neo-) Realismus auf einer dezidiert nicht-materialistischen, psychologischen Grundlage neu zu etablieren.

23 Obgleich SIT und Konstruktivismus (Wendt 1991; 1999; Campbell 1992; Katzenstein 1996; Weldes 1999, Hansen 2006) gleichermaßen ihren Fokus auf Identitätsbeziehungen richten, unterscheidet sich letzterer wie folgt von der SIT-Analyse: „Constructivists assume that the parties agree on their relative identities, and this consitutes social knowledge. As a social psychological theory, SIT does not assume that there is consensus, and allows for the possibility of misperception of the other’s identity claims“ (Larson/Shevchenko 2010, 5).

24 Ungeachtet der Problematik naiver Generalisierungen und Untertheoretisierung im Transferprozess (Hymans 2002, 3), vermögen Dafoe et al. überzeugend darzulegen, dass nicht nur Individuen und Kleingruppen, sondern auch Staats- und Regierungschefs, politische Eliten und nationale Bevölkerungen über ein z.T. obsessives Statusbewusstsein verfügen (Dafoe et al. 2014, 381 f.).

25 In dieser SIT-basierten Definition von Status sieht beispielsweise Wolf eine konzeptionelle Verknappung auf eine „public esteem hierarchy“ unter weitgehender Ausklammerung der „deference hierarchy“ (zu deutsch: Ehrerbietung), welche der dem Statuskonzept ebenfalls innewohnenden Autoritätskomponente gebührend Rechnung tragen würde (Wolf 2014a, 2, 4 f.).

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Japans Weg in den Revisionismus von 1919 bis 1934
Untertitel
Analyse aus der Perspektive der Theorie der sozialen Identität und der Balance-of-Threat-Theorie
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Gesellschaftswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
68
Katalognummer
V300798
ISBN (eBook)
9783668374829
ISBN (Buch)
9783668374836
Dateigröße
1373 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Japan, Revisionismus, Pazifikkrieg, japanische Außenpolitik, Politikwissenschaft
Arbeit zitieren
Constantin Wacker (Autor), 2015, Japans Weg in den Revisionismus von 1919 bis 1934, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300798

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