Im Sommer 2014 wurde der Öffentlichkeit bekannt, dass im Bundeskanzleramt eine Projektgruppe unter dem Namen "Wirksam regieren“ firmiere, mit der Absicht verhaltensökonomische Erkenntnisse bei der Konzeption von Vorhaben stärker zu berücksichtigen.
Das Vorhaben, die Sicht der Bürgerinnen und Bürger stärker miteinzubeziehen, indem Erkenntnisse der Psychologie in das Regierungshandeln integriert werden, klingt rühmlich und wird von den Regierungen der USA und Großbritannien schon seit geraumer Zeit praktiziert. Nichtsdestotrotz erfährt dieser Entschluss in den deutschen Medien eine weitgehend negative Rezeption und wird mitunter als "Manipulation", "Anwenden von Psychotricks" und als "besonders hinterhältig" charakterisiert.
So stellen sich mitunter einige Fragen:
Was verbirgt sich hinter den Psychologen im Kanzleramt?
Führen verhaltensökonomische Erkenntnisse tatsächlich zu einem wirksameren Regierungshandeln?
Oder wird der Bürger mithilfe von "Psychotricks" gar zu erwünschtem Verhalten gezwungen?
Eng damit verbunden sind die Begriffe "Nudge" und "Libertärer Paternalismus". Diese sowie die dahinterliegenden psychologischen Mechanismen werden in der nachfolgenden Arbeit umfassend beleuchtet. Des Weiteren werden ausgewählte Nudge-Initiativen vorgestellt und kritisch hinterfragt.
1. Einleitung
2. Zentrale Begriffe
2.1 Nudge
2.2 Libertärer Paternalismus
2.3 Zwei Denksysteme nach Kahneman
3. Menschliche Verhaltensanomalien und Wirkungsweisen von Nudges
3.1 Trägheit
3.1.1 Defaults verwenden
3.1.2 Vereinfachen
3.2 Framing
3.2.1 Verlustaversion ansprechen
3.2.2 Salienz erhöhen
3.3 Soziale Information
3.3.1 Soziale Normen betonen und Konformität erzeugen
3.3.2 Wettbewerb und Reziprozität hervorrufen
4. Beispiele für praktisch umgesetzte Nudges
4.1 Erfolgreiche Nudges
4.1.1 Rauchverbot am Flughafen
4.1.2 Steuermoral in Großbritannien
4.1.3 Dachsanierung und Entrümpelung
4.2 Fehlgeschlagene Nudges
4.2.1 Doppelseitiges Drucken
4.2.2 Fettreduzierte Chips
5. Kritik an Nudging
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des "Nudging" als Instrument staatlicher Einflussnahme unter Verwendung verhaltensökonomischer Erkenntnisse. Ziel ist es, die mediale Kritik an der Methode zu hinterfragen, ihre Anwendbarkeit im Regierungshandeln zu bewerten und dabei abzuwägen, ob die sanfte Lenkung zu wirksameren politischen Maßnahmen führen kann oder ob sie als manipulative Gängelei zu betrachten ist.
- Grundlagen des Nudging und des libertären Paternalismus
- Psychologische Verhaltensanomalien als Ansatzpunkte für Lenkungsmaßnahmen
- Analyse erfolgreicher und fehlgeschlagener Praxisbeispiele aus der Politik
- Kritische Reflexion der ethischen und praktischen Implikationen
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Defaults verwenden
Ein äußerst trägheitswirksamer Nudge kann es sein, Defaults (englisch für „Standardeinstellungen“) einzusetzen. Anstatt eine aktive Zustimmung bezüglich der Teilnahme einzufordern, wird die Einwilligung als gegeben vorausgesetzt. Um nicht an der Maßnahme teilzunehmen ist eine explizite Erklärung notwendig, welche als Opting-Out-Klausel (häufig auch einfach als „Opt-Out“) bezeichnet wird (Beck, 2014). Defaults wirken in erster Linie aufgrund der menschlichen Trägheit. Des Weiteren können Defaults jedoch auch als Orientierungshilfe bei unsicheren Entscheidungen dienen, da vermutet wird, dass der Default mit Bedacht ausgewählt wurde, entweder weil er der Mehrheitsentscheidung entspricht oder weil informierte Dritte diese Entscheidung für empfehlenswert halten (Dinner, Johnson, Goldstein & Liu, 2011).
Die Verwendung von Defaults hat zur Folge, dass „von Individuen, privaten oder öffentlichen Institutionen bewusst und sinnvoll gesetzte Defaultregeln als Selbstverpflichtung wirken können“ (Speich & Sunstein, 2013, S. 63). So hat sich beispielsweise die Teilnahme an einer privaten Altersvorsorge in einem US-amerikanischen Unternehmen von 38% auf 86% erhöht, nachdem die Angestellten mit Beschäftigungsbeginn automatisch in das Vorsorgeprogramm aufgenommen wurden und nach Wunsch durch Setzen eines Häkchens die Nicht-Teilnahme erklären konnten (Diamond, 2007). Ein anderes Beispiel kommt aus der Stadt Zürich, welche, um die Nutzung nachhaltiger Energie zu fördern im Zürcher Energiewerk EWZ Ökostrom als Default eingesetzt hat. Wer diesen nicht beziehen möchte, muss sich ausdrücklich dagegen aussprechen (Girod, 2013).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die kritische mediale Rezeption staatlicher Nudging-Vorhaben im Bundeskanzleramt und definiert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich der Wirksamkeit und Legitimität dieser Methode.
2. Zentrale Begriffe: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Fundamente des Konzepts, insbesondere Nudge, den libertären Paternalismus und das Modell der zwei Denksysteme nach Kahneman.
3. Menschliche Verhaltensanomalien und Wirkungsweisen von Nudges: Hier werden systematische menschliche Denkfehler wie Trägheit, Framing und die Bedeutung sozialer Informationen analysiert, um aufzuzeigen, wie Nudges gezielt als Korrekturmechanismen eingesetzt werden können.
4. Beispiele für praktisch umgesetzte Nudges: Das Kapitel veranschaulicht anhand konkreter Fallbeispiele in Bereichen wie Gesundheit, Steuermoral und Energieeffizienz sowohl das Potenzial als auch die Risiken bzw. Fehlermöglichkeiten bei der praktischen Implementierung.
5. Kritik an Nudging: Es wird eine kritische Auseinandersetzung geführt, die insbesondere die mangelnde Transparenz, die Gefahr des staatlichen Missbrauchs und das Argument der Bevormundung der Bürger thematisiert.
6. Resümee: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Reflexion, in der Nudging als wertvolle Bereicherung des Regierungshandelns eingeordnet, jedoch gleichzeitig die Notwendigkeit von Transparenz und die Grenzen der Wirksamkeit betont werden.
Schlüsselwörter
Nudge, Nudging, Libertärer Paternalismus, Verhaltensökonomie, Behavioral Economics, Trägheit, Status-Quo-Bias, Framing, Verlustaversion, Salienz, Soziale Normen, Entscheidungsarchitektur, Regierungshandeln, Sozialpolitik, Regulierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Konzept des Nudging, einer Methode, bei der Bürger durch Erkenntnisse aus der Psychologie sanft zu erwünschtem Verhalten gelenkt werden, ohne dabei die Entscheidungsfreiheit durch Verbote einzuschränken.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des libertären Paternalismus, psychologische Erklärungsmodelle für menschliches Fehlverhalten, praktische Anwendungsbereiche in der Politik sowie die kritische ethische Debatte über staatliche Einflussnahme.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Berechtigung medialer Kritik an Nudging zu prüfen und zu bewerten, inwieweit verhaltensökonomische Ansätze tatsächlich ein effektiveres und akzeptableres Regierungshandeln ermöglichen können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse der verhaltensökonomischen Forschung sowie eine kritische Untersuchung publizierter Fallbeispiele, um das Konzept des Nudging wissenschaftlich einzuordnen.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Im Hauptteil werden zunächst die psychologischen Grundlagen (Verhaltensanomalien wie Trägheit und Framing) dargelegt, gefolgt von einer Analyse realer Projekte, wie z.B. Änderungen in der Steuermoral oder bei Energiesparprogrammen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist primär durch Begriffe wie Nudge, Libertärer Paternalismus, Verhaltensökonomie, Entscheidungsarchitektur und Sozialpolitik geprägt.
Warum wird das Rauchverbot am Flughafen als ein erfolgreiches Beispiel aufgeführt?
Das Beispiel zeigt, dass durch eine einfache Umgestaltung der Umgebung (Hinweise statt Verbotsschilder, Platzierung von Aschenbechern) das Verhalten der Menschen effektiv gesteuert werden konnte, ohne durch autoritäre Maßnahmen Reaktanz auszulösen.
Inwiefern wird der "Doppelseitige Druck" als ein Beispiel für fehlgeschlagene Nudges angeführt?
Obwohl der Nudge erfolgreich Papier sparte, führte er zu unvorhergesehenen negativen Konsequenzen, wie häufigeren Papierstaus und Gerätedefekten, wodurch der Gesamtnutzen durch zusätzliche Fehlerkosten geschmälert wurde.
- Quote paper
- Victoria Warkentin (Author), 2014, "Nudge". Politische Einflussnahme mithilfe von Erkenntnissen der Psychologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300801