Der Niedergang des Osmanischen Reiches aus der Perspektive der Hegemonialtheorie von Robert Gilpin


Hausarbeit, 2012
28 Seiten, Note: 1,0
Constantin Wacker (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Niedergang und Untergang des Osmanischen Reiches (1683-1922)
2.1 Osmanische Weltmacht (1453-1683)
2.2 Verlust der Großmachtstellung (1683-1774)
2.3 Niedergang des Osmanischen Reiches (1774-1908)
2.4 Revolution und Zusammenbruch (1908-1922)
2.5 Ursachen für den Niedergang

3. Analyse aus der Perspektive von Gilpins Hegemonialtheorie
3.1 Grundbegriffe
3.1.1 Staat
3.1.2 Internationales System
3.2 Wandel im internationalen System
3.2.1 Systems change
3.2.2 Interaction change
3.2.3 Systemic change

4. Resümee

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In einem vertraulichen Gespräch mit dem britischen Gesandten Sir George Hamilton Seymour stellte der russische Zar Nikolaus I. 1853 im Vorfeld des Krimkrieges eine folgenschwere Diagnose: ,,[The Ottoman Empire] is a sick man – a man gravely ill... it will be a great misfortune if one of these days he slips through our hands.’’1 Dem kranken Mann am Bosporus, wie das Osmanische Reich in den europäischen Medien jener Tage persifliert wurde, standen zu diesem Zeitpunkt noch 69 lange Jahre des Dahinsiechens bevor, bis es 1922 endgültig von der internationalen Bühne verschwand.

Nicht nur die Zeitgenossen, sondern auch die Wissenschaft befasste sich mit der Frage, wie es zum Niedergang und letzten Endes zum Untergang dieser Weltmacht kommen konnte, welche sich noch im 17. Jahrhundert über drei Kontinente erstreckte und dessen siegreiche Armeen das Abendland in Angst und Schrecken versetzten.

Ergänzend zu den vorhandenen Forschungsansätzen könnte die politikwissenschaftliche Systemanalyse der Internationalen Beziehungen eine bereichernde Perspektive auf die Thematik bieten.

Diese Hausarbeit setzt sich zum Ziel, den Niedergang und den Untergang des Osmanischen Reiches im Zeitraum von 1683 bis 1922 anhand der Hegemonialtheorie2 des US-amerikanischen Politologen Robert Gilpin (*1930) nachzuvollziehen. Zugleich gilt es, die Vereinbarkeit des empirischen Materials mit der genannten Theorie zu überprüfen, deren Hypothesen und deren Aussagekraft in dieser Ausarbeitung kritisch hinterfragt werden. Welche neuen Erkenntnisse stellt die Theory of Hegemonic Stability bereit und welche Geschehnisse vermag sie nicht zu erklären?

Robert Gilpin, Professor der Princeton University, ist der neorealistischen Theorieschule der Internationalen Beziehungen, welche seinerzeit großen Einfluss besaß, zuzuordnen. Im Anschluss an die Veröffentlichung des Schlüsselwerkes Theory of International Politics3 von Kenneth Waltz thematisierte er im neorealistischen Diskurs4 der 1980ern den Wandel im internationalen System und präsentierte eine theoretische Darstellung des zyklischen Aufstiegs und Falls dominanter Staaten.

In einem ersten Schritt werde ich den historischen Verlauf des Niedergangs des Osmanischen Reiches mit dem Jahr 1683 als Ausgangspunkt darlegen. Zuerst skizziere ich kurz die Phase des Aufstiegs und der Weltmachtstellung. Daraufhin unterteile ich den Prozess in drei Abschnitte: Verlust der Großmachtstellung (1683-1774), Niedergang (1774-1908) und Revolution und Untergang (1908-1922). Zuletzt zeige ich die in der Geschichtswissenschaft ermittelten Ursachen für den Abstieg auf.

In einem zweiten Schritt gehe ich auf Gilpins Hegemonialtheorie ein und definiere zunächst die Begriffe Staat und internationales System im Hinblick auf das Osmanische Reich und seinem internationalen Umfeld. Daraufhin wende ich mich dem Wandel im internationalen System zu und gehe nacheinander auf systems change, interaction change und systemic change ein, wobei letzteres im Zentrum meiner Betrachtung stehen wird. Es folgt die Analyse der fünf Kernthesen der Hegemonialtheorie in Bezug auf das Osmanische Reich. Am Ende der Hausarbeit steht ein Resümee, in welchem ich abschließende Betrachtungen zu der vorgenommenen Ausarbeitung formulieren werde.

2. Niedergang und Untergang des Osmanischen Reiches (1683-1922)

2.1 Osmanische Weltmacht (1453-1683)

Die osmanische Herrscherdynastie lässt sich auf den seldschukischen Nomadenfürsten Osman I. (1258-1326) zurückführen, welcher sein Herrschaftsgebiet in Anatolien auf den Ruinen des Byzantinischen Reiches aufbaute. Durch die Eroberung Konstantinopels 1453 durch Sultan Mehmed II. (1432-1481) wurden die letzten Reste Ostroms in das osmanische Herrschaftsgebiet inkorporiert.

In den folgenden Jahrhunderten expandierte der osmanische Staat rasant und stieg zu einer Weltmacht mit beherrschender Stellung im islamischen Raum auf, welcher bis 1500 auf kulturellem, technologischem und wirtschaftlichem Gebiet dem westlichen Europa überlegen war.5 In der Ära Sultans Süleymans des Prächtigen (1494-1566) gelang eine weitere Ausdehnung, sodass das Osmanische Reich sich nunmehr auf drei Kontinenten erstreckte. Wenngleich dem osmanischen Vormarsch ins Zentrum Mitteleuropas nach der gescheiterten Belagerung Wiens 1529 Einhalt geboten wurde und sich die Grenze zum Habsburgerreich für 150 Jahre in Ungarn verfestigte, stellten die Türken für die christlichen Staaten Europas, insbesondere für das Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eine permanente Bedrohung dar. Im 16. Jh. hatten die selbstbewussten Osmanen nicht nur aufgrund enormer Ressourcen und Reichtümer, sondern auch maßgeblich wegen überlegener Taktik, Kampfmoral und Waffentechnologie die militärische Dominanz in ihrer Einflusssphäre inne. Bis zur Schlacht von Lepanto 1571 gegen die Heilige Liga, befehligt von Don Juan d’Austria, kontrollierten die Osmanen den Mittelmeerraum fast uneingeschränkt, was die osmanische Flotte veranlasste, italienische, spanische und balearische Häfen zu plündern.

Um 1600 lebten in dem Vielvölkerstaat 30-35 Millionen Einwohner auf einer Gesamtfläche von 2,2 Millionen Quadratkilometer. Bezeichnenderweise war Konstantinopel/Istanbul Europas größte Stadt jener Zeit.6

Die letzte Blütezeit hatte das Reich unter Großwesir Mehmed Köprülü (1656-1661) und Großwesir Fazil Ahmed Köprülü (1661-1676), seinem Sohn, die den Staat im Inneren konsolidierten und stabilisierten, indem sie die Celali-Aufstände niederschlugen und Reformen durchsetzten, und das Osmanische Reich zum festen Bestandteil europäischer Politik machten. Durch die Einnahme Kandias auf Kreta 1669 zerschlugen die Osmanen das venezianische Kolonialreich im Mittelmeer. Mit der Einverleibung Podoliens 1672 erreichte das Osmanische Reich seine maximale Ausdehnung. Die Herrschaft der Hohen Pforte erstreckte sich damals an der Nordgrenze von Ungarn über die Vasallenfürstentümer in Siebenbürgen, der Walachei und an der Moldau bis zum Chanat der Krimtararen. Im Süden regierten die Sultane über Ägypten, Syrien, Mesopotamien, Arabien und dem Jemen. Zudem waren die Barbareskenstaaten Algerien, Tunesien, Tripolitanien und die Kyrenaika tributpflichtige Vasallen. Im Osten bildete der Kaukasus bzw. das Kaspische Meer eine natürliche Grenze, während bei Hamadan die Grenzlinie zu Persien verlief.

2.2 Verlust der Großmachtstellung (1683-1774)

Das Jahr 1683 markiert das Ende des osmanischen Expansionismus und einen historischen Wendepunkt. Von nun an sollte das Osmanische Reich sukzessive in die Defensive gedrängt werden. 1683 unterliefen Großwesir Kara Mustafa Pascha (1634-1683) kapitale strategische Fehler bei der Belagerung Wiens, die zur Niederlage des Heeres in der Schlacht am Kahlenberg gegen heraneilende polnische Hilfstruppen führte. Dass der Verlust des Nimbus der Unbesiegbarkeit weitreichende Folgen haben sollte, offenbarte sich, als sich 1684 Österreich, Polen-Litauen und Venedig zur Heiligen Liga zusammenschlossen, welcher Russland 1686 beitrat. Ihre Bemühungen im Großen Türkenkrieg (1683-1699), die Osmanen zurückzudrängen, mündeten sowohl in der Eroberung Ungarns, Serbiens und Transsilvaniens im Zuge der Schlacht von Mohács, als auch in der Besetzung Moreas und Athens durch die venezianische Marine. Infolgedessen wurde Sultan Mehmed IV. durch Süleyman II. ersetzt, der Fazil Mustafa Köprülü 1689 zum Großwesir ernannte. Unter seiner Regentschaft konnten Serbien, inklusive der Festung Belgrads, und Siebenbürgen zeitweise zurückerobert werden. Er fiel jedoch in der verlustreichen Schlacht bei Slankamen im Jahr 1691. Nach einem weiteren Debakel in der Schlacht bei Senta 1697 gegen Österreich einigte man sich im Friedensvertrag von Karlowitz auf die Abtretung des historischen Ungarns, Siebenbürgens und Kroatiens. Polen erhielt seinerseits Podolien.

In der Folgezeit gelang dem Osmanischen Reich die Einnahme der 1696 an Russland gefallenen Festung Asow und die Rückeroberung der Peloponnes bis 1715. Erneut trafen Österreicher und Osmanen 1716 in der Schlacht bei Peterwardein aufeinander. Aufgrund der dort erlittenen katastrophalen Niederlage musste das Osmanische Reich im Frieden von Passarowitz 1718 der Abgabe Serbiens, des Banats und Teilen Bosniens und der Kleinen Walachei zustimmen. Nachdem die Osmanen es im Russisch-Österreichischen Türkenkrieg von 1736-1739 vermochten, die Feinde abzuwehren, erreichte man im Frieden von Belgrad 1739 eine Revision der Bestimmungen von Passarowitz.

In derselben Epoche führte das Osmanische Reich im Zeitraum von 1724-1736 zahlreiche Kriege gegen das schiitische Persien, dem man im Osmanisch-Russischen Teilungsvertrag zunächst Aserbaidschan, Georgien und Ost-Armenien abnehmen konnte. Nach einer Serie verlustreicher Schlachten einigte man sich auf die Wiederherstellung der Grenzen von 1639.

Die vermeintliche Stabilisierung der Grenzregionen - trotz der Überzahl an Gegnern - ließ nicht über die seit Mitte des 17. Jhs. desolate Lage im Inneren hinwegtäuschen, welche mit einer Führungskrise an der Staatsspitze einherging. Seit dem ausgehenden 16. Jh. folgten inkompetente, führungsschwache Sultane aufeinander, die unter dem Einfluss ihres Harems standen (Weiberherrschaft). Andere Sultane wie Ahmed III. (1673-1736) führten ein verschwenderisches höfisches Leben, anstatt sich der Probleme des Reiches anzunehmen (Tulpenzeit). Eine weitere Institution - das Großwesirat - verlor ebenfalls an Bedeutung. In den Jahren 1604-1656 kam es zu 44 Wechseln. In der Administration machten sich Ämterkauf, Nepotismus und Korruption breit. Durch den Unterhalt der Armeen, dem Niedergang des Timar-Systems, d.h. des Lehnswesens, und der Dekadenz am Hof stieg die Staatsverschuldung. Bei der Erschließung neuer Einnahmequellen stieß die Hohe Pforte auf große Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Zudem fiel es Istanbul schwer, das disziplinlose Elitekorps der Janitscharen zu kontrollieren, die sich an Revolten und Putschversuchen beteiligten. Des Weiteren fiel das Osmanische Reich, nicht zuletzt wegen des Konservatismus der islamischen Religionsgelehrten, auf dem Gebiet der Wissenschaft hinter die europäischen Mächte zurück. Ferner war die rückständige osmanische Wirtschaft durch die Vergabe von Handelskapitulationen zunehmend der Konkurrenz europäischer Billigprodukte ausgesetzt. Die Schwäche der Zentralgewalt und der Autoritätsverlust des Sultanats führten auch auf provinzieller Ebene zu Desintegrationserscheinungen. Lokale Notabeln, sogenannte Talfürsten, strebten nach mehr Unabhängigkeit. Ohnehin war die Oberhoheit der Osmanen über ihre nordafrikanischen Vasallen nur noch nomineller Natur.

Im aus osmanischer Sicht verlustreichen Russisch-Türkischen Krieg von 1768-1774 offenbarte sich die ganze Schwäche des osmanischen Staates, der im Frieden von Küçük Kaynarca 1774 die südliche Ukraine mit der Mündung von Don, Dnjepr und Bug, sowie Gebiete nördlich des Kaukasus an Russland abtreten musste. Österreich erhielt die Bukowina. Zusätzlich wurde das Chanat der Krim unabhängig und 1783 ins Russische Zarenreich integriert, was im Frieden von Jassy 1792 im Nachhinein durch das Osmanische Reich sanktioniert wurde.

2.3 Niedergang des Osmanischen Reiches (1774-1908)

Trotz erneuter Niederlage im 1787-1791 geführten Krieg gegen Russland und Österreich behielt das Reich seine europäischen Besitztümer außer Alt-Orşova und dem Grenzgebiet nördlich des Dnisters. Schon zu jener Zeit machten sich europäische Machthaber wie die russische Zarin Katharina II. Gedanken über den Umgang mit dem Kranken Mann am Bosporus. Im 19. Jh. stand der Lösung der Orientalischen Frage bzw. der Aufteilung des Osmanischen Reiches lediglich die Uneinigkeit untereinander im Wege. In welchem Maße es den Großmächten ausgeliefert war, zeigt die französische Ägypten-Expedition 1798, geleitet von Napoleon Bonaparte, die bis 1803 mit Hilfe der Briten beendet werden konnte. Um verlorenen Boden wiedergutzumachen, importierte Sultan Selim III. (1762-1808) ausländische Militärtechnologie und -expertise und europäisierte Verwaltung sowie Justiz. Ungeachtet dessen annektierte Russland, welches sich als Schutzmacht der orthodoxen Christen betrachtete, 1811 Bessarabien.

Im Inneren sah sich das Osmanische Reich zweier Gefahren ausgesetzt:

Erstens erwuchs der 1805 eingesetzte ägyptische Statthalter Muhammad Ali (1769-1849), der sich anfangs beim Abwehren der britischen Invasion 1807 in Ägypten und bei der Niederschlagungen der Unruhen in Arabien 1812-1818 als wertvoll erwiesen hatte, zum Konkurrenten. 1832 schlug der abtrünnige Pascha die osmanische Armee und besetzte Syrien, Kilikien und Kreta. Nachdem die Osmanen abermals bei Nizip 1839 geschlagen wurden, schalteten sich Großbritannien, Preußen, Österreich und Russland 1840 in die Orientkrise ein und stellten den Ägyptern ein Ultimatum, sich aus den besetzten Provinzen zurückzuziehen (Londoner Vertrag). Den vor dem Abgrund stehenden Osmanen kam bei alldem eine passive Rolle zu und sie gerieten immer mehr zum Spielball und Zankapfel europäischer Machtpolitik.

Zweitens war der Staat mit der nationalen Bewusstseinswerdung nicht-türkischer Untertanen, deren Separationstendenzen und später mit dem Panslawismus konfrontiert. Dem Serbischen Aufstand 1804-1806 folgte 1830 die internationale Anerkennung Serbiens als autonomes Fürstentum innerhalb des osmanischen Staatsgebietes. Auch in Griechenland musste der Aufstand von 1821 blutig niedergeschlagen werden. Nach dem Einmarsch russischer Truppen 1829 bis vor die Stadttore Istanbuls und der Vernichtung der osmanischen Flotte durch Russen, Franzosen und Briten musste allerdings der Gründung eines griechischen Staates auf der Peloponnes, in Attika und Böotien gemäß des Londoner Protokolls zugestimmt werden. Zudem wurde dem Zarenreich im Friedensvertrag von Edirne das Donaudelta und eine nordkaukasische Provinz zugesprochen.

Um die verkrusteten Strukturen zu überwinden, wurden zunächst entschiedene Reformgegner wie die Janitscharen 1826 liquidiert, dann 1839 (Hatt-ı Scherif) und 1856 (Hatt-ı Hümâyûn) Reformen im Finanz-, Justiz- und Militärwesen eingeleitet, die zivilrechtliche Gleichstellung aller Untertanen verkündet und schließlich 1876 ein osmanisches Grundgesetz ausgearbeitet, welches allerdings 1878 außer Kraft gesetzt wurde. Man nennt diese Epoche der Neuordnung die Tanzimat-Ära.

In der Form des Krimkrieges 1853-1856 ereilte das Reich eine weitere Katastrophe, in welcher Russland die Vasallenfürstentümer Walachei und Moldau besetzte und wohl tief in osmanisches Territorium vorgedrungen wäre, hätten nicht Frankreich und Großbritannien interveniert. Im Frieden von Paris 1856 wird dem Osmanischen Reich zwar Integrität zugesichert, unverkennbar ist aber auch die Abhängigkeit vom Gutdünken der europäischen Großmächte.

Der Machtzerfall setzte sich auch in den 1870ern unaufhaltsam fort. Neben verheerenden Hungersnöten war das Osmanische Reich, an welchem die Entwicklungen der Industrialisierung vorbeigingen, zunehmend auf europäisches Kapital angewiesen. 1875 konnte der Staatsbankrott nicht mehr abgewendet werden. Die daraufhin eingesetzte internationale Staatsschuldenverwaltung stellte einen schweren Eingriff in die osmanische Autonomie dar.

Der 1877 vom Zaun gebrochene Russisch-Türkische Krieg endete abermals mit einer vernichtenden Niederlage für die Osmanen, die sich mit den Siegern in San Stefano nahe Istanbul 1878 auf einen Frieden einigten.

Auf dem Berliner Kongress sollte 1878 der seit Jahrhunderten schwelende Krisenherd Südosteuropa befriedet werden. Serbien, Rumänien und Montenegro wurden unabhängig und Bulgarien als tributpflichtiges Fürstentum auf Kosten des osmanischen Staatsgebietes neugeschaffen. Die Provinzen Kars, Batum und Ardahan am Schwarzen Meer gingen an Russland. Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn besetzte Bosnien-Herzegowina und den Sandschak Novi Pasar. Ihren Anteil der Beute sicherte sich Griechenland mit der Einverleibung Thessaliens.

Das imperialistische Frankreich vergrößerte sein Kolonialreich, dem seit 1830 schon Algerien angehörte, mit der Annexion Tunesiens 1881. Großbritannien sicherte sich 1878 die Herrschaft über Zypern, besetzte 1882 Ägypten und nahm 1899 Kuwait in Besitz.

2.4 Revolution und Zusammenbruch (1908-1922)

Anfang des 20. Jhs. wuchs die Unzufriedenheit über den autoritären Regierungsstil des Sultans Abdülhamid II. (1842-1918), auf welchem 1905 ein Attentat verübt wurde. Die aus dem Exil bzw. Untergrund agierende jungtürkische Opposition aus Liberalen und Nationalisten setzte sich für einen tiefergreifenderen Wandel ein. 1908 erreichte das Sprachrohr der jungtürkischen Bewegung, das Komitee für Einheit und Fortschritt (İTC), unterstützt von Sympathisanten in der Armee, die Wiedereinsetzung der Verfassung von 1876 und Parlamentswahlen, aus denen die Jungtürken als Sieger hervorgingen.

Österreich-Ungarn nahm das Machtvakuum zur Kenntnis und annektierte zum Zeitpunkt der osmanischen Schwäche Bosnien-Herzegowina. Auch Kreta vereinte sich mit dem griechischen Mutterland und Bulgarien erklärte sich unabhängig.

Nachdem ein reaktionärer Putsch 1909 niedergeschlagen wurde, konnte der Sultan nach Saloniki verbannt werden, womit die Macht im Staat nun gänzlich beim nationalistischen İTC lag. Abdülhamids Nachfolger auf dem Thron, Mehmed V. Reşat, nahm bloß noch repräsentative Aufgaben wahr.

Der ab 1912 regierende liberale Flügel der Partei konnte der Okkupation der Kyrenaika, Tripolitaniens und der Dodekanes in der Ägäis durch Italien 1911/1912 nichts entgegensetzen. Dieser osmanische Verlust war ein Ansporn für Serbien, Griechenland und Bulgarien im 1. Balkankrieg desselben Jahres die europäischen Provinzen bis auf das Gebiet im Vorfeld Istanbuls unter sich aufteilten. Ebenso erklärte Albanien seine Unabhängigkeit von der Hohen Pforte.

Dieses außenpolitische Desaster nutzten chauvinistisch-nationalistische Kräfte innerhalb der Bewegung 1913 zu einem Staatsstreich, durch den sie fortan mit diktatorischen Vollmachten und Terror regieren konnten. Wenig später konnten die Putschisten im 2. Balkankrieg Edirne zurückerobern.

Der Eintritt in den 1. Weltkrieg 1914 auf Seiten der Mittelmächte bedeutete zwangsläufig einen Mehrfrontenkrieg und damit den Anfang vom Ende. Türkische Verbände kämpften auf der Balkanhalbinsel, an den Dardanellen, im Irak, am Suezkanal und im Kaukasus gegen die Alliierten. Der Sturz des Zaren-Regimes in Moskau und die Oktoberrevolution 1917 wirkten sich zugunsten des Osmanischen Reiches aus, da Russland im Frieden von Brest-Litowsk am 3.3.1918 aus dem Krieg austrat und die besetzten osmanischen Ostprovinzen räumen musste. Nach einer Niederlagenserie gegen britisch-französische Einheiten und der Ausbruch der Arabischen Revolte sah die Hohe Pforte ein, dass jeder weitere Widerstand zwecklos wäre, und kapitulierte am 30.10.1918.

Zu diesem Zeitpunkt war das Osmanische Reich an seinem Tiefpunkt angelangt. Der neueingesetzten liberalen Regierung, die gewissermaßen als Konkursverwalter agierte, gelang es lediglich den Untergang hinauszuzögern. Der Diktatfrieden von Sevrès 1920 verpflichtete das nicht mehr souveräne Osmanische Reich zur Demobilisierung und stellte den Irak, Transjordanien und Palästina unter britisches und Syrien, Kilikien, den Libanon und Kleinarmenien unter französisches Mandat. Der neugegründete Staat Armenien erhielt die Ostprovinzen und Griechenland besetzte neben den Ägäis-Inseln das ionische Gebiet um Smyrna (heute: İzmir). Zu guter Letzt wurden im anatolischen Rumpfstaat alliierte Einflusszonen eingerichtet.

Das 1919 gegründete Repräsentativkomitee unter dem Vorsitz von Mustafa Kemal (1881-1939) wandte sich gegen den Ausverkauf der türkischen Nation und etablierte sich zunehmend als Gegenregierung zur Hohen Pforte, welche als Befehlsempfänger der Alliierten wahrgenommen wurde. Die nationale Widerstandsbewegung und die von Kemal geführte Nationale Befreiungsarmee bekam immer mehr Zulauf. Nachdem es ihr gelang, die Armenier aus Ostanatolien und die Griechen aus Ionien zu vertreiben, marschierte die Befreiungsarmee am 19.10.1922 in Istanbul ein, woraufhin der letzte Sultan Mehmed VI. Vahideddin (1861-1926) ins Exil ging. Das 1922 abgeschaffte Sultanat war ohnehin seit der jungtürkischen Revolution ausschließlich eine Repräsentationsinstanz.

Die Kemalisten erreichten im Friedensvertrag von Lausanne 1923 eine Teilrevision des Friedens von Sevrès und wurden völkerrechtlich anerkannt, was sie zur Ausrufung der Türkischen Republik am 29.10.1923 bewegte. Die Republik grenzte sich als moderner Staat vom Osmanentum ab und beseitigte in den 1920ern die letzten Relikte des osmanischen Staatswesens. Mit der Abschaffung des Kalifats 1924 wurde die osmanische Herrscherdynastie, die auf 622 Jahre andauernde Geschichte zurückblicken konnte, endgültig entmachtet.

2.5 Ursachen für den Niedergang

In Historikerkreisen ist man sich darüber einig, dass es für den Niedergang des Osmanischen Reiches nicht eine ausschlaggebende Ursache, sondern ein Bündel sich gegenseitig bedingender und potenzierender Ursachen zu nennen ist.

Auch der Ausgangspunkt ist weitgehend unstrittig: Obwohl die Schwäche des Staates im Zuge des Großen Türkenkrieges 1683-1699 erst im 18. Jh. offenkundig wurde, ist der Beginn des Niederganges Mitte des 17. Jhs. zu verorten.7

[...]


1 Vgl. Temperley, Harold, 1936: England, and the Near East. The Crimea. 1. Aufl. London: Longmans, Greens and Co., S. 272

2 Vgl. Gilpin, Robert, 1981: War and Change in World Politics. 1. Aufl. Cambridge: Cambridge Uni. Press

3 Vgl. Waltz, Kenneth, 1979: Theory of International Politics. 1. Aufl. Boston: Addison-Wesley Publishers

4 Vgl. Masala, Carlo, 2010: Neorealismus; in: Masala, Carlo/Sauer, Frank/Wilhelm, Andreas (Hrsg.), 2010: Handbuch der Internationalen Politik. 1. Aufl. Wiesbaden: Springer VS Verlag, S. 61

5 Vgl. Ferguson, Niall, 2011: Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen. 1. Aufl. Berlin: Ullstein Verlag, S. 95-99

6 Vgl. Quataert, Donald, 2000: The Ottoman Empire 1700-1922. 2. Aufl. Cambridge: Cambridge Uni. Press, S. 111-119

7 Vgl. Matuz, Josef, 1985: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 1. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, S. 169-178

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Details

Titel
Der Niedergang des Osmanischen Reiches aus der Perspektive der Hegemonialtheorie von Robert Gilpin
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politischer Realismus in den Internationalen Beziehungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
28
Katalognummer
V300806
ISBN (eBook)
9783656977667
ISBN (Buch)
9783656977674
Dateigröße
1117 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gilpin, Politischer Realismus, Realismus, Neorealismus, Hegemonialtheorie, Osmanisches Reich, Macht, Mächtegleichgewicht, Mächtekonzert, 19. Jahrhundert, Systemwandel, Internationales System
Arbeit zitieren
Constantin Wacker (Autor), 2012, Der Niedergang des Osmanischen Reiches aus der Perspektive der Hegemonialtheorie von Robert Gilpin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300806

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