Die Rolle des Orakels von Delphi in der griechischen Kolonisation. Antworten und Beispiele der Orakel


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mythologische Entstehungsgeschichte des delphischen Orakels

3. Die Befragung des Orakels

4. Delphi in der griechischen Kolonisation

5. Antworttypen der Gründungsorakel
a. Direkte Antworten
b. Bedingte Antworten
c. Mehrdeutige Antworten

6. Beispiele überlieferter Gründungsorakel aus Herodots Historien
a. Alalia
b. Hyele (Elea)
c. Kyrene
e. Kolonisationsversuch des Dorieus

7. Die Frage der historischen Glaubwürdigkeit überlieferter Orakelsprüche

8. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Orakel von Delphi ist wohl die bekannteste Weissagungsstätte der Welt. Es ranken sich viele Mythen und Legenden um das Apollon-Heiligtum am Hang des Parnass, das im antiken Griechenland als Mittelpunkt der Welt galt. Das Befragen eines Orakels zu privaten oder staatlichen Angelegenheiten war bei den Griechen weit verbreitet und Delphi galt als das zuverlässigste Orakel von allen.1 So prägte Delphi nicht nur als kulturelles und religiöses Zentrum Gesellschaft und Politik, sondern nahm auch durch die Antworten des delphischen Orakels großen Einfluss auf die Entwicklung der griechischen Zivilisation.2

Während der sogenannten Großen griechischen Kolonisation (ca. 750-500 v. Chr.) soll es ein fester Ritus gewesen sein, das delphische Orakel aufzusuchen und so hoffentlich den göttlichen Segen zur Gründung einer Kolonie zu erlangen.3 Dementsprechend soll die Rolle des Orakels von Delphi in der griechischen Kolonisation Thema dieser Arbeit sein.

Obwohl die Befragung des Orakels von Delphi vor Gründung einer Kolonie in der Forschung allgemein als damals weit verbreitete rituelle Praxis anerkannt wird, sind die Meinungen zu der Größe der Rolle, die das Orakel letztendlich gespielt haben soll, sehr verschieden. Curtius zum Beispiel beschreibt Delphi als eine Art „Emigrationsagentur“, die die griechische Kolonisation bewusst gelenkt haben soll.4 Parke und Wormell dagegen sind davon überzeugt, dass das Orakel keinen wirklichen Einfluss auf die Kolonisation hatte, da es meist nur die Zustimmung zu bereits geplantem Unternehmen gab.5 Die historische Glaubwürdigkeit der uns überlieferten Gründungsorakel ist ebenfalls umstritten, denn bei vielen der Orakelsprüche handelt es sich wahrscheinlich nur um nachträgliche Erfindungen. Generell wird die Authentizität der meisten Überlieferungen angezweifelt, so auch von Fontenrose6, Parke und Wormell7.

Im ersten Teil der Arbeit soll die mythologische Entstehungsgeschichte des delphischen Orakels betrachtet werden, um ein besseres Verständnis für die zentrale Position Delphis in der griechischen Gesellschaft zu ermöglichen. Es werden die verschiedenen Darstellungen von Homer8, Euripides9 und Aeschylus10 verglichen. Weitergehend soll der Ablauf einer Befragung des Orakels beschrieben und zentrale Elemente der Weissagung aufgezeigt werden. Im dritten Kapitel soll dann der Einfluss Delphis auf die griechische Kolonisation anhand der Forschungsmeinungen von Fontenrose, Lloyd, Miller, Pease, Parke und Wormell untersucht werden, gefolgt von einer Kategorisierung der Orakel anhand verschiedener Antworttypen nach Pease.11 Anschließend sollen Beispiele von Gründungsorakeln aus Herodots Historien12 erläutert werden. Zuletzt folgt eine Diskussion über die historische Glaubwürdigkeit von Gründungsorakeln, wobei ebenfalls die verschiedenen Forschungspositionen der oben Genannten mit einbezogen werden sollen.

2. Mythologische Entstehungsgeschichte des delphischen Orakels

Dem Mythos zufolge schickte Zeus einst zwei Adler von den beiden Enden der Welt los, um den Mittelpunkt der Welt zu bestimmen. Die Adler trafen in Delphi aufeinander, wo seitdem der Omphalos, der Nabel der Welt, den genauen Ort markiert.13

Die Gründung des Orakels von Delphi wird von drei Schriftstellern beschrieben, die alle von der Übernahme der Orakelstätte durch Apollon erzählen: Homer, Euripides und Aeschylus.14 Der Homerische Hymnos auf den delischen Apollon15 berichtet, wie der Sohn des Zeus und der Leto den Wunsch hat, auf der Erde ein Orakel zu errichten. Er sucht nach einem passenden Ort und stößt zufällig auf das Heiligtum bei Haliartos, welches ihm zunächst sehr gefällt. Der Nymphe Telphusa, Herrin der Gegend, missfällt jedoch der Gedanke seiner Niederlassung in ihrem Gebiet und zeigt ihm deshalb die schlechten Seiten des Ortes:

„Quick horses‘ clatter, and mules being watered from the sacred springs,

Will always be causing your pain – and a human will then more wish

To view the well-made cars and the clatter of quick-footed steeds,

Than he will your great shrine and the treasures lying heaped up inside.”16

Sie schlägt ihm stattdessen Krisa vor, ein alter Name für Delphi. Doch sie verschweigt ihm, dass dort ein Drache lebt. Apollon besiegt den Drachen und tötet Telphusa für ihre Hinterlist. Da ihm Krisa jedoch gefällt, entscheidet er sich dazu, dort zu bleiben und errichtet die Grundmauern für einen Tempel.

In Euripides Iphigenia in Tauris17 lässt sich der Entstehungsmythos Delphis im Chorus wiederfinden. Auch hier tötet Apollon eine Schlange:

“An infant still, still frolicking

on your dear mother’s arms,

you killed it, Phoebus, and stepped onto the holy oracular site”18

Doch anders, als bei Homers Überlieferung, ist Apollon hier keiner Hinterlist ausgesetzt, sondern setzt aus freien Stücken zu einem Angriff auf die Schlange an, um sich das Orakel zu Eigen zu machen.

Der Prolog zu den Eumeniden des Aeschylus19 wird erwähnt, wie Apollon den delphischen Tempel auf friedliche Art und Weise besetzt hat. Sein Vater Zeus hat ihm die Künste des Prophezeiens anvertraut und das delphische Orakel übergeben.

„Zeus inspired Apollo with the seer’s art

and made him fourth and present prophet on the throne”20

Parke und Wormell meinen: „the keynote of the narrative is dignity and order”.21 Eine Schlange wird bei Aeschylus nicht erwähnt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die drei Entstehungsmythen sich gegenseitig widersprechen. Bei Homer tötet Apollon die Schlange, um Delphi davon zu befreien, bei Euripides nur aus eigennützigen Motiven. In Aeschylus Erzählung spielt Gewalt überhaupt keine Rolle, hier wurde das Orakel Apollon friedlich übergeben.

3. Die Befragung des Orakels

In den frühen Zeiten des delphischen Orakels soll es zunächst nur einmal im Jahr gesprochen haben. Die Befragung fand am siebten Tag des Monats Bysios statt (dem achten Monat im delphischen Kalender), welcher als Jahrestag der Geburt Apollons galt. In einer späteren Zeit, welche nicht genau bekannt ist, soll die Befragung dann monatlich möglich gewesen sein.22 In drei Wintermonaten galt Apollon als abwesend, viele Quellen lassen jedoch vermuten, dass die Befragung trotzdem in allen 12 Monaten stattfand. Doch laut Roux „hielt man die Orakel für sicherer, die von dem Gott inspiriert wurden, während er sich im Heiligtum aufhielt.“23 Aus diesem Grund und durch das Winterwetter verschlechterte Reisebedingungen fand die Befragung im Winter wahrscheinlich seltener statt.

Es gab gewöhnliche Befragungen, offiziell von der Stadt Delphi organisiert, bei denen ein gemeinsames Opfer aus öffentlichen Mitteln bezahlt worden ist. Bei Befragungen, die über die gewöhnliche hinausgingen, musste der Befrager die nötigen Opfer selbst darbringen.24 Die Reihenfolge der Befragungen wurde durch verschiedene Faktoren bestimmt. Zum einen sollen die Bewohner Delphis vor allen anderen das Orakel befragen haben können, nach ihnen hatten die restlichen Griechen Vorrang, zum Schluss kamen die Barbaren. Zudem gab es Listen, die die Ankunftszeiten der Anreisenden festhielten und so für Ordnung sorgten. Weitergehend gab es die Promantie, das Recht, innerhalb seiner Gruppe vorgezogen zu werden. Roux meint, „[d]ie Stadt Delphi verlieh es durch Verordnung an Privatpersonen, Gemeinschaften, Städte oder Völker, denen sie sich verpflichtet fühlte.“25 Wenn Befrager gleiches Privileg vorweisen konnten, entschied das Los.26

Vor einer Befragung reinigten sich die Fragesteller in der kastalischen Quelle27 und boten den Pelanos dar. Hierbei handelt es sich um eine Opfergabe in Naturalien, meist Gebäck. Anschließend musste sich vergewissert werden, dass der Gott dem Befrager zu antworten geneigt war. Hier war eine weit verbreitete Möglichkeit, das Verhalten des Opfertieres zu betrachten. So wurde meist eine Ziege mit kaltem Wasser bespritzt; wenn sie am ganzen Leib zu zittern begann, war das ein Zeichen für die Gegenwart Apollons. Falls dies eintrat, wurde das Tier auf dem Brandaltar geopfert und eine weitere Opfergabe im Adyton gemacht, dem Ort, an dem die Pythia ihre Befrager empfangen hat.28

[...]


1 Parke, H. W. / Wormell, D. E.: The Delphic Oracle, Teil 1, Oxford 1956, S. 129f.

2 Parke/Wormell: ebd., S. 1.

3 Pease, Arthur: Notes on the Delphic Oracle and Greek Colonization, in: Classical Philology 12 (1917), S. 15.

Parke/Wormell: Delphic Oracle, S.49.

4 Pease: Oracle and Colonization, S. 16.

5 Parke/Wormell: Delphic Oracle, S. 50.

6 Fontenrose, Joseph: The Delphic Oracle. Its Responses and Operations, Berkeley u.a. 1978, S. 12.

7 Parke/Wormell: Delphic Oracle, S. 51.

8 Hom. h. III.

9 Eur. Iph. T.

10 Aeschyl. Eum.

11 Pease: Oracle and Colonization, S. 3.

12 Hdt I, IV, V.

13 Parke/Wormell: Delphic Oracle, S. 6.

14 Parke/Wormell: Delphic Oracle, S. 3.

15 Hom. h. III.

16 Hom. h. III 262-265.

17 Eur. Iph. T.

18 Eur. Iph. T. 1250-1253.

19 Aeschyl. Eum.

20 Aeschyl. Eum. 17-18.

21 Parke/Wormell: Delphi Oracle, S. 4.

22 Roux: Georges: Delphi. Orakel und Kultstätten, München 1971, S. 71f.

23 Roux: ebd., S. 72.

24 Roux: ebd., S. 74.

25 Roux: Delphi, S. 76.

26 Roux: ebd., S. 76.

27 Lloyd-Jones, Hugh: The Delphic Oracle, in: Greece and Rome 23 (1976), S. 66.

28 Roux: Delphi, S. 78-83.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Orakels von Delphi in der griechischen Kolonisation. Antworten und Beispiele der Orakel
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Altertumswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Seefahrer, Tyrannen und Welterklärer: Die griechische Welt in der Archaik
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V300829
ISBN (eBook)
9783656970347
ISBN (Buch)
9783656970354
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Delphi, Orakel, Große Kolonisation, Antike, Griechenland, Apollon, Konsultation, Orakelstätte, Oikist, Prophezeiung, Orakel von Delphi
Arbeit zitieren
Mareike Schütt (Autor), 2015, Die Rolle des Orakels von Delphi in der griechischen Kolonisation. Antworten und Beispiele der Orakel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300829

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