Funktionalistischer Religionsbegriff. Bedeutung und Funktion von Religion in der Gesellschaft


Studienarbeit, 2013

11 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die elementaren Formen des religiösen Lebens

3. Was ist Religion?

4. Der Totemismus der Aranda

5. Die Funktion von Religion

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Religionen erfüllen eine Funktion.

Bereits der polnische Sozialanthropologe Bronislaw Malinowski bemerkte dies, indem er auf die affektstabilisierende Wirkung religiöser Praktiken hinwies. Beispielsweise lässt ein Ritual vor einer längeren Schiffsfahrt die Seeleute eine gewisse Zuversicht empfinden, sodass sie auf ihre sichere Heimkehr vertrauen können. Roy Rappaport, ein Anthropologe aus den USA, erkannte als Funktion der Religion die Regelung gesellschaftlichen und ökologischen Gleichgewichts. Seine Untersuchungen eines Ritualzyklus in Neuguinea ergaben, dass die Opferung der Hausschweine von ihrer Anzahl abhängig ist. Sind es zu viele, werden sie geopfert, doch nur, wenn sie gleichzeitig bei niedriger Population geschützt werden. Im Ritual, das ein fester Teil der Religion ist, wird also der Bestand der Hausschweine reguliert. An diese funktionalen Ansätze knüpft der kognitive und strukturale Ansatz an, der Religion als Abbild menschlichen Handelns und zugleich als Vorbild dafür versteht. „Religionen halten aus dieser Perspektive die Kategorien bereit, mit denen Menschen ihre Gesellschaft schaffen“ (Heidemann 2011: 188, 189). Heidemann führt als Bespiel die religiös erklärten Speisevorschriften an. Diese lassen Statusgruppen und Schichten entstehen und bilden Gemeinschaften. Anders gesagt: eine Gruppe von Menschen wird von einer anderen getrennt und entwickelt eine eigene, ganz spezielle Identität (Heidemann 2011: 189).

In dieser Arbeit wird es um die Anfänge des funktionalistischen Ansatzes gehen, um die ersten Schritte hin zur Auffassung der Religion als menschliche Institution mit einer Funktion für die Gesellschaft. Wegbereiter für diesen Ansatz war unter anderem Émile Durkheim. Seine Theorie zum Religionsbegriff, sowie zur Bedeutung von Religion wird auf den folgenden Seiten beleuchtet und erklärt.

Zunächst einmal ist Religion seiner Auffassung nach nicht das Resultat einer Täuschung, obwohl religiöse Vorstellungen oftmals unvernünftig und irrational erscheinen können. Durkheim sieht soziale Zustände als einen Teil der Natur und da die Natur nicht irrt, irrt folglich auch die Logik nicht. Dem menschlichen Irren sind somit auch seine Grenzen gesetzt, sodass Religion kein bloßes Trugbild sein kann, da sie vom Menschen erschaffen worden ist. So irrational und wider der Vernunft sie auch sein mag, sie hat dennoch eine Wirkung und erfüllt eine Funktion (Laubscher 1983: 244).

2. Die elementaren Formen des religiösen Lebens

Der französische Ethnologe und Soziologe Émile Durkheim gilt als Vater der Soziologie (Heidemann 2011: 97). Sein Grundsatz, Soziales sei nur mit Sozialem erklärbar, markiert ihren Beginn als eigenständige Wissenschaft (Homann 1997: 288). Durkheim nahm großen Einfluss auf die Entwicklung der Ethnologie, insbesondere auf die der Religionsethnologie (Laubscher 1983: 242), sowie auf viele amerikanische und britische Intellektuelle (Heidemann 2011: 97).

Zu seinen 3 wichtigsten Werken gehören De la division du travail social (1893), Le suicide (1897) und Les formes élémentaires de la vie religieuse (1912), mit dem wir uns im Folgenden näher befassen werden (Homann 1997: 291).

In Les formes élémentaires de la vie religieuse setzt Durkheim sich mit der Bedeutung der Religion für die Gesellschaft auseinander. Dabei geht er davon aus, dass jede Religion, egal ob Weltreligion oder kleiner Kult, in jeder beliebigen Gesellschaftsform immer dieselbe Funktion erfüllt (Homann 1997: 290). Ausgehend von dieser Annahme ist es nach Durkheim möglich eine einzige Gesellschaft mit ihrem Kult oder ihrer Religion näher zu erforschen und die Ergebnisse auf alle anderen Gesellschaften zu übertragen. Die Bedeutung der Religion wäre immer dieselbe (Durkheim 2007: 16).

3. Was ist Religion?

Bevor die Frage nach dem Sinn der religiösen Phänomene beantwortet werden kann, gilt es zunächst einmal den Religionsbegriff zu definieren. Diese Definition ist wichtig, denn nicht- religiöse Handlungen, Systeme von Ideen und Praktiken müssen von religiösen unterschieden werden. Religion sollte als konkret erfassbare Wirklichkeit, als eine natürliche Äußerung menschlicher Tätigkeit untersucht werden, frei von Leidenschaften, Vorurteilen und Gewohnheiten.

Gängige Definitionen messen der Religion das Charakteristikum des Übernatürlichen bei, den Glauben an eine Gottheit oder, um es allgemeiner mit E. B. Tylors Worten zu formulieren, „Religion…der Glaube an geistige Wesen“ (zit. nach E.B. Tylor in Laubscher 1983: 232). Durkheim distanziert sich von all diesen Äußerungen, da sie nicht universal für jede existierende Religion zutreffen. Außerdem nehmen sie die Religion als Ganzes in den Blick, wohingegen Durkheim sie als eine Summe aus vielen Einzelteilen versteht, als ein „komplexes System von Mythen, Dogmen, Riten und Zeremonien“ (Durkheim 2007: 60). Definieren lässt sich diese Summe also nur durch ihre Bestandteile.

Was aber alle religiösen Überzeugungen gemeinsam haben, ist die Aufteilung der Dinge, ja sogar der Welt, in zwei Klassen bzw. Bereiche: profan und heilig. Was heilig ist und was nicht, wird von der jeweiligen Religion festgelegt und verstanden, sodass es keinen festen Kreis heiliger Dinge gibt. Jedes Ding kann heilig sein, egal ob Stein, Baum, Fels oder goldener Kelch.

Wie also lässt sich profan von heilig unterscheiden? Es genügt ein einziges Unterscheidungsmerkmal: ihre Andersartigkeit. Beide Kategorien sind so verschieden, dass sie getrennt voneinander gedacht werden, wie zwei Wesen von völlig unterschiedlicher Natur. Die Andersartigkeit ist sogar so groß, dass sie sich feindlich gegenüberstehen. Das eine kann nicht in der Nähe des anderen existieren. Eine Seite muss ihren Charakter aufgeben, eine wahre Metamorphose durchlaufen z.B. heilig werden durch einen bestimmten Ritus, um sich der anderen Seite nähern zu können. Als Beispiel dafür führt Durkheim den Initiationsritus an, bei dem ein Mann in seiner profanen Form rituell stirbt und verwandelt wiedergeboren wird, um auf diese Weise in die Welt des Sakralen eingeführt zu werden.

Die religiösen Überzeugungen lassen den Gläubigen die Natur der Dinge und ihre Beziehung untereinander verstehen. Die Riten beinhalten Verhaltensregeln, die vorschreiben, wie man sich einem heiligen Ding gegenüber zu verhalten hat. Heilige Dinge werden also nicht nur durch Verbote geschützt, ihnen wird auch ein respektvoller Umgang zuteil.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass die Summe aller religiösen Überzeugungen und Riten die Religion ergeben, sofern sie sich auf ein einheitliches System von heiligen und profanen Dingen beziehen (Durkheim 2007: 43 - 96). Eine weitere wesentliche Eigenschaft der Religion neben der Aufteilung der Welt in profan und heilig ist der Gemeinschaftscharakter. Religiöse Vorstellungen entwickeln sich in einer Gemeinschaft von Individuen, deren Mitglieder verbunden sind durch die übereinstimmenden Vorstellungen. Diese gemeinschaftliche Überzeugung äußert sich in gemeinsamen Riten und vereint die Menschen zu einer Kirche (Laubscher 1983:

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Details

Titel
Funktionalistischer Religionsbegriff. Bedeutung und Funktion von Religion in der Gesellschaft
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Ethnologie)
Note
3
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V300908
ISBN (eBook)
9783656970965
ISBN (Buch)
9783656970972
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Funktionalismus, Émile Durkheim, Totemismus, Ritual
Arbeit zitieren
Veronika Pril (Autor), 2013, Funktionalistischer Religionsbegriff. Bedeutung und Funktion von Religion in der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300908

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