Schönheit und ihre Vergänglichkeit in Peter Rühmkorfs "Stilleben – bei Anruf Mord"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Mohn-Symbolik
2.1 Die Konservierung des Schönen
2.2 Rauschhaftigkeit und Kunstproduktion

3. Die Thematik der Zeit
3.1. Zeit und Geschwindigkeit
3.2 Augenblick und Plötzlichkeit

4. Dichtkunst und Bildende Kunst
4.1. Stilleben und Vanitas-Stilleben
4.2 Bezug zur Bildenden Kunst

5. Kunst als Überlebenskunst

6. Fazit

7. Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

Die Forschungsliteratur vermittelt auf den ersten Blick zahlreich den Eindruck, als sei Peter Rühmkorf ein Dichter, der seine Kunst hauptsächlich funktionalisiere und vordergründig Kunst mit politischen Inhalten und Botschaften mache.1 Er gilt als „engagierter Aufklärer“2, der sich mit seiner Lyrik und seinen Essays in die Gesellschaft einmischen wolle und auch die Funktion und den Nutzen von Kunst darin sehe, Veränderungen hervorzurufen. Im Artikel über Peter Rühmkorf im „Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ steht:

„Rühmkorf […] machte sich als satirischer und aggressiver Lyriker, dessen Thema 'Gegenwartsbefund, Gesellschaftszustand' ist, einen Namen. […] R. ist – nach einer Phase aktiven politischen Engangements – Lyriker und Essayist, seit seinen Stücken aus dem modernen […] und klassischen Wirtschaftsleben […] auch Dramatiker geblieben, und was er zu erzählen hat, erzählt er in der Form dieser drei Gattungen, die bei ihm allemal lyrisch-episch, kritisch und dialogisch zugleich sind, vor allem aber kritisch“3

Dies legt den Schluss nahe, dass vor allem das gesellschaftskritische Moment in Peter Rühmkorfs Lyrik entscheidend sei. Dabei wird jedoch vergessen, dass Rühmkorf immer auch Künstler ist, der eben Kunst machen will, und zwar um ihrer Ästhetik willen.4 Weder die ausschließliche Betrachtung der einen Seite, des Künstlers der Kunst nutzen will um Inhalte zu transportieren, noch die ausschließliche Betrachtung der Seite des Künstlers, der Kunst nur um der Kunst willen macht, l´art pour l´art, würde Peter Rühmkorf gerecht werden. „Seine Lyrik wird gewissermaßen gleichzeitig von zwei Autoren verfasst: dem 'rationalen' Aufklärer und dem 'irrationalen' Poeten. Sie produzieren gemeinsam erkenntnistheoretische Schriften, und sie machen Kunst, fasst es Sabine Brunner zusammen.5 Und auch Rühmkorf selbst ist diese Zweiheit bewusst, die zur Bedingung seines Schreibens wird.

„Warum denn bitte, bliebe der Unbefangenheit zu fragen, warum denn solle, müsse, dürfe, könne Kunst nicht? Warum sollte dem zeitgenössischen Poeten grundsätzlich vorenthalten bleiben, was Dichtkunst vieler Zeiten, vieler Länder zu gegebener Stunde für sich in Anspruch nahm: das Recht, sich kräftig einzumischen in die alltägliche Belange.“6

Die engagierte Kunst, das Einmischen in gesellschaftlich gegenwärtige Diskurse und das Bilden von Diskursen selbst, sieht Rühmkorf als als ein 'Recht' der Kunst. Aber gleichzeitig gilt auch:

„ein Kunstwerk, das die Bedingungen, zu denen es angetreten, kritisch zu reflektieren sich versagt, scheint ganz besonders hilflos in die Umstände verstrickt, und ein Poet, der sich für schlechthin voraussetzungslos erachtet, ist meist der erste Diener und das bewußtseinsblinde Opfer vom Vorausgesetzten“7

Kunst muss sich nach Rühmkorfs Auffassung also immer auch selbst reflektieren, muss ihre Position in der Gesellschaft immer neu bestimmen und sich darüber bewusst sein, was sie ist. Dieses Bewusstsein wird nicht dadurch erlangt, dass Kunst instrumentalisiert und für rein politische Zwecke gebraucht wird, sondern nur indem die Kunst auch eine solche bleibt. Die Kunst kann sozusagen, das was sie erreichen möchte durch sich selbst vormachen.8 Genau hier lässt sich auch der Ursprung Rühmkorfs Engagements für die Kunst ausmachen. Die große Bedeutung, die das Kunstschöne auch für die Lyrik hat, wird bei Rühmkorf zu jederzeit sichtbar. Er gibt seiner Sprache eine Form. Selbst seine Essays lesen sich teilweise wie epische Literatur und seine an Metaphorik reiche Sprache verweist zu jedem Zeitpunkt auf den ästhetischen Aspekt der Kunst und baut „Widerstand gegen mühelose Vereinnahmung auf“9 In „Stilleben – bei Anruf Mord“ ist die selbstreflexive Komponente deutlich erkennbar. Der Realitätsbezug findet in dem Gedicht nur insofern statt, da Kunst als in der Realität verortet reflektiert wird. Es findet hier vor allem eine Reflexion auf den künstlerischen Schaffensprozess statt. Dabei steht das Motiv der Vergänglichkeit in Form der Mohnblüte über diesem Schaffensprozess. Die bei Rühmkorf häufig auftretenden Stilmittel der Ironie und Parodie finden auch in „Stilleben – bei Anruf Mord“ Einzug, was jedoch keineswegs heißen soll, dass hier ein humorvolles Gedicht vorliegt. Im Gegenteil: „Stilleben – bei Anruf Mord“ ist eine sehr ernsthafte und tiefe, teilweise fast resignierende Reflexion über die Möglichkeiten von Lyrik. Es sollte nicht vergessen werden, dass Rühmkorfs Witz selten „harmlos heiter“, sondern vielmehr als Sarkasmus zu verstehen ist, der dazu dient, die eigenen Möglichkeitsräume nicht zu weit stecken zu wollen.10 Auch die Anlehnung an das barocke Vanitas-Motiv ist in dem hier behandelten Gedicht nicht zu verkennen und in dieser Bezugnahme auf Barockdichtung, spricht Peter Rühmkorf auch die eigene Existenz als Schriftsteller an.11 Das Bewusst-Werden der eigenen Vergänglichkeit geht einerseits einher mit dem Bewusstsein der Vergänglichkeit des Mohns und andererseits mit dem Bewusst-Werden der Vergänglichkeit von Kunst. Die Mohnblume und der Wunsch, diese als Stilleben festhalten zu wollen, können verstanden werden als Analogie zum Gedichteschreiben des Poeten: Gerade anhand des Schönen, das in dem Moment, in dem es seine volle Schönheit erreicht auch schon wieder zu zerfallen droht, macht er sich die Vergänglichkeit des eigenen Schaffens und dessen, was dabei herauskommt, bewusst.

Zu Beginn dieser Arbeit soll auf die Symbolik eben jener Mohnblüte eingegangen werden, die Schönheit und Vergänglichkeit in sich vereint. Im einen Augenblick ist die Blume voll entfaltet, im nächsten zerfällt sie. Die Naturgesetze der Zeit verhindern in der Realität das In-den-Griff-Bekommen der Vergänglichkeit. Die Kunst versucht den Moment der Schönheit festzuhalten, dem Augenblick eine Langfristigkeit zu geben. Probleme der Zeit und der Geschwindigkeit, der Augenblicklichkeit und der Plötzlichkeit sollen in dieser Arbeit ebenfalls in Bezug auf „Stilleben – bei Anruf Mord“ betrachtet werden. Schon mit dem Titel des Gedichts und der ersten Strophe wird ein deutlicher Bezug zur Bildenden Kunst erkennbar. Fast scheint es so, als wolle Peter Rühmkorf den Schaffensprozess der Malerei auf den der Poesie übertragen. Das Gedicht versucht, genau wie das Stilleben in der Bildenden Kunst die Schönheit von etwas Vergänglichem festzuhalten, statt in Farben und Formen aber in Worten. Als Pendant zum Barocken Vanitas-Stilleben ersetzt Rühmkorfs Gedicht die Symbole des Todes in den Bildern, durch die Reflexion der Möglichkeit von Lyrik, die der Beschreibung der schönen Mohnblume folgt. Zum Abschluss dieser Arbeit, soll auf Rühmkorfs Kunstideologie eingegangen und diese in Beziehung zum zuvor Analysierten gesetzt werden. Bei all dem möchte ich immer nah an dem Gedicht selbst bleiben und vordergründig Beziehungen und Verknüpfungen herstellen.

2. Die Mohn-Symbolik

2.1 Die Konservierung des Schönen

Schon mit dem ersten Vers des Gedichts „Stilleben – bei Anruf Mord“, führt Rühmkorf anhand klassischer Symbolik in die Thematik ein.

Nur Mut, nur immer ran an diesen Mohn12

So setzt das Gedicht ein. Der Mohn symbolisierte schon in der Antike den Schlaf, den Tod, die Trauer und das Vergessen, aber auch die Rauschhaftigkeit und die göttliche Trunkenheit der Dichter13 Man findet schon hier das Phänomen, welches bei Rühmkorf häufig auftritt: Eine gewisse Spannung zwischen klassischer Symbolik, tradierten Formen und der Verwendung zeitgenössischer, umgangssprachlicher Ausdrücke und Neologismen. Der Mohn als literarisches Symbol tritt unter anderem schon in Ovids „Metamorphosen“, in der „Ilias“ und in Vergils „Aeneis IX“ auf.14

Also sinkt […] die purpurne Blume

müde in Tod dahin15

Aufgrund seiner kurzen Blütezeit steht der Mohn also seit jeher für den Tod und für die Vergänglichkeit. Gleichzeitig aber gilt die Pflanze aufgrund der roten Blüten auch als besonders schön. Das Problem der Vergänglichkeit des Schönen findet sich also gleich zu Beginn des Gedichts in diesem Symbol. Peter Rühmkorf will sich nun heranwagen an dieses Problem. Fast scheint es, als hätte er bislang davor zurückgeschreckt, sich mit der Thematik der Vergänglichkeit des Schönen auseinanderzusetzen und wagt mit dem späten Gedicht „Stilleben – bei Anruf Mord“ den Versuch. Bei genauerer Betrachtung seines Werkes, ist allerdings offensichtlich, dass sich Fragen der Vergänglichkeit, der Ästhetik und des Selbstverständnisses von Lyrik immer wieder in seinem Werk finden lassen. Mit dem Gedichtband „Haltbar bis Ende 1999“, welcher im Jahr 1979 erschien, ist die Vergänglichkeit beziehungsweise die Frage der Haltbarkeit direkt im Titel angesprochen. Auch wenn die Mindesthaltbarkeit hier vordergründig das Phänomen anspricht, dass Gedichte die auf eine außerästhetische Wirkung hin konzipiert sind, ihre Wirkungsmacht auch und vor allem aus der aktuellen Lebenswirklichkeit zur Zeit der Entstehung gewinnen16, so ist hier auch das Problem der Haltbarkeit von Ästhetischem überhaupt angesprochen. Der programmatische erste Vers des hier behandelten Gedichts impliziert, dass der Versuch unternommen werden soll, der Lyrik, dem Schönen, dem Ästhetischen nun diese Haltbarkeit zu geben. Etwas soll angepackt werden. Ob dieses Vorhaben gelingt oder von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, bleibt anfangs noch offen. Allerdings gibt schon die erste Strophe einen Hinweis darauf, wie schwer es ist, die Mohnblüte festzuhalten.

Der aufgerißne Schlund,

fast am Zerafallen schon,

ein Atemzug davor

Der Mohn hat bereits einen aufgerißnen Schlund, steht also bereits in der Blüte. Nur ein Augenblick, in dem seine Schönheit erblickt werden kann. Und genau dieser Augenblick soll festgehalten werden. Der Übergang vom Augenblick der größten Schönheit, der Blütezeit zum Zerfallen scheint fast fließend zu sein. Die Möglichkeit und vor allem die Zeit diesen Moment festzuhalten, ist gering. Die Mohnblüte soll in ihrer ganzen Schönheit, wie die Sinne sie erfassen können, in Worten beschrieben werden.

2.2 Rauschhaftigkeit und Kunstproduktion

Der Mohn steht allerdings wie bereits beschrieben nicht nur für Vergänglichkeit und Tod, sondern, aufgrund der rauschhaften Wirkung seines Milchsaftes, auch für Rauschhaftigkeit und „göttliche Trunkenheit“17. Auch dies lässt sich in Peter Rühmkorfs Gedicht wiederfinden. In der letzten Strophe des Gedichts weist das in einer Zeile allein gestellte „Besinnungsloser“ besonders deutlich auf eine Verbindung zur Rauschhaftigkeit hin. Hier kann die Frage gestellt werden, inwiefern ein Rauschzustand einerseits zur Kunstproduktion und andererseits zur Kunstrezeption beitragen kann und inwiefern ein solcher, die Vergänglichkeit durch andere sinnliche Zustände ein Stück weit untergräbt. Schon Goethe, so schreibt Peter Rühmkorf in einem Essay im „Marbacher Magazin“ zum Thema Stimulanzien, schrieb manchen Substanzen „produktiv machende Kräfte“ zu.

„Daß aber der Wein von Ewigkeit sei / Daran zweifel ich nicht / Oder daß er von Engeln geschaffen sei / Ist vielleicht auch kein Gedicht. / Der Trinkende, wie es auch immer sei, / Blickt der Gottheit frischer ins Angesicht.“ 18

In dem angesprochenen Essay, bei dem, wie häufig in Rühmkorfs Lyrik stets die Ironie mitzubedenken ist, vertritt der Autor auch die Meinung, dass, wer unter dem Einfluss bestimmter Drogen stehe, auch für die Welt der Musik, der Poesie, Malerei und anderer Künste so gut wie gewonnen sei.19 Dies soll mit Sicherheit keine Glorifizierung von Drogengenuss sein und bei aller Ironie, scheint hier doch die Frage durch, ob es Möglichkeiten gibt, die den Kunstgenuss über den Augenblick hinaus ermöglichen, die das Vergängliche in seine Schranken weisen und dem Schönen seinen vollen Ausdruck geben.

3. Die Thematik der Zeit

3.1. Zeit und Geschwindigkeit

In der Anthologie „Zwischen Freund Hein und freund Heine“ analysiert Dieter Lamping das Gedicht Rühmkorfs „Zum Jahreswechsel“ unter dem Aspekt der Zeit und konstatiert, dass die „Zeit in ihren unterschiedlichen Aspekten ein zentrales Thema moderner“ Lyrik sei.20 Auch wenn in dieser Arbeit ein anderes Gedicht behandelt werden soll, so lassen sich aus diesem Text doch erhellende und übertragbare Aspekte in Bezug auf die Zeit finden. Begriffe der Zeit und der Zeitlichkeit lassen sich in „Stilleben – bei Anruf Mord“ reichlich finden. Der Anruf an den Mohn er solle verweilen, der Hinweis auf das Jahr, das schneller als sonst vorüber geht, das Enteilende und der Durchzug der Saison, sind allesamt Begriffe, die auf eine hohe Geschwindigkeit verweisen, auf die davon rinnende Zeit. Auch das Gedicht selbst, scheint immer schneller zu werden, der in der ersten Strophe angesprochene Atemzug scheint fast wie ein einmaliges Luftholen, wobei das Gedicht mit nur einem Atemzug herunter gelesen werden soll und am Ende die Luft ausgeht. Das Gedicht selbst macht also nicht nur inhaltlich, sondern auch durch seine Form auf das Problem der Zeit aufmerksam. Zeit hat bei Rühmkorf eine existentielle Bedeutung.21 Nicht nur die Zeit in der man lebt, sondern auch die Zeit die man zu leben hat, sind immer wiederkehrende Topoi. Interessant dabei ist, dass sich Rühmkorf für die Produktion seiner Lyrik sehr viel Zeit genommen hat. Er vereinigt das Paradox in sich, „der notorisch langsamste und gleichzeitig der flüchtigste, gehetzteste Dichter der Republik zu sein […]“. Als Autor gab er sich und seiner Arbeit viel Zeit und Muse. Er sammelte Partikel, Impressionen, Materialien und Metaphern an, um auf einen riesigen Fundus an Wörtern und Sprache zurückgreifen zu können22.

„In ihrem Bestreben nach Zeitlosigkeit gewinnen die zunächst so unvereinbar erscheinenden Tendenzen des Kulturbetriebs ihre eigentlichen Generalnenner, und die fast wahllose Hatz der Kulturkonsumenten nach Alterthümern und die gleich kopflosen Verwahrungen der Kunstproduzenten gegenüber dem Fluß und dem Zug der geschichtlichen Mächte, bestätigen in wechselseitiger Ergänzung den Charakter eines Säkels, das – wie man es auch wendet – keine Zeit mehr hat.“23

Mit dieser Kritik am Kulturbetrieb, zeigt Rühmkorf gleichzeitig seine Kunstideologie. Er selbst hat, im Gegensatz zu den von ihm Kritisierten, Zeit. Jedenfalls nimmt er sie sich, wenn er bis zu 180 Stunden an einem Gedicht arbeitet.24 Dichten scheint bei ihm somit zu einer sehr sinnlichen Erfahrung zu werden. „Rühmkorf kann nur über das schreiben, was sich in seiner wirklichen Tatsächlichkeit angeschaut und erfahren, dem dichterischen Blick entschließt […] Sinn geht bei diesem poetischen Realisten durch die Sinne“25 schreibt Gisela Wand. Und in diesen sinnlichen Erfahrungen scheint Vergänglichkeit immer schon verankert. Ein sinnlicher Eindruck ist immer an den Moment gebunden. Langfristigkeit verschafft nicht der Ausdruck an sich, sondern das was daraufhin folgt. Kunst, so könnte man die These aufstellen, soll das erzeugen was man gemeinhin als bleibenden Eindruck bezeichnet. Der sinnliche Eindruck spielt auch in „Stilleben – bei Anruf Mord“ ein Rolle.

Drei Farben, bis zum Wahnsinn ausgereizt,

Orange im Verglühn,

wie es sich lilaschwarz

vor seiner eignen Frucht bekreuzt

Paul Veronese Grün

Die Farben des Mohns werden zuerst sinnlich wahrgenommen, bevor dieser sinnliche Eindruck in Worte gefasst wird. Den bleibenden Eindruck hinterlassen die Worte, vorausgesetzt natürlich es gibt diesen bleibenden Eindruck. Der Zeitaspekt spielt bei diesem Unterfangen eine wichtige Rolle. Da der Mohn, wie bereits erwähnt, sehr schnell verblüht und zerfällt, bleibt nicht viel Zeit die Schönheit des Mohns nicht nur sinnlich zu erfassen, sondern auch festzuhalten.

3.2 Augenblick und Plötzlichkeit

Eine metaphorische Sprache, wie Rühmkorf sie verwendet, beinhaltet immer schon ein Moment der Plötzlichkeit. In der Forschungsarbeit „Über Bildlichkeit und Spontaneität in der Lyrik“, schreibt Susanne Ledanff, dass jede Metapher schon insofern eine „Plötzlichkeitserfahrung“ sei, als sie, in ihrer Konterdetermination26 ein Überraschungsmoment enthalte, ferner wirkungspsychologisch durch die Erzeugung von Doppelbödigkeit überraschend Aufmerksamkeit erzwinge und vor allem für den Moment ihrer Produktion und Rezeption eine spezifische Gegenständlichkeit mit einer neuartigen Spannung von Einheit und Dispartheit erzeuge.27 Vor allem durch die mehrstufige Ironie und Parodie, die Rühmkorf in zahlreichen Forschungsarbeiten konstatiert wird und die rhetorischen Figuren entsteht so eine Technik der Entgegenständlichung, die vor allem einen Appell an das sinnliche und ästhetische Potenzial des Rezipienten enthält.28 Die Ironie in „Stilleben – bei Anruf Mord“ speist sich daraus, dass der Bildenden Kunst, die direkt sinnliche Erfahrungen hervorzurufen vermag, die Unzulänglichkeiten der Dichtkunst auf der Suche nach den richtigen Worten gegenübergestellt wird.29 Das lyrische Ich spricht beziehungsweise ruft in Anbetracht des Titels des Gedichtes den Mohn direkt an.

O so bezähme dich und wenigstens verweile

noch bis zum Fingerhut

Hier klingt der fast schon verzweifelte Versuch an, den Verfallsprozess aufzuhalten, die Zeit zum Anhalten zu bringen. Dies ist jedoch auch innerhalb des Gedichts nicht möglich und dieses geht weiter und dies sogar schneller als zuvor. Die Eile und das Enteilende werden explizit angesprochen:

Wo sich das Jahr

in Liebe und in Eile

schneller als sonst vertut

Hier zeigt sich zum ersten Mal in dem Gedicht, welch ernsthaften Charakter es beherbergt. Das Jahr vertut sich, es wird vergeudet. Nicht nur innerhalb des Gedichts findet sich somit der Hinweis auf ein Zeit-Verschwenden, auch der Vorgang der lyrischen Produktion wird gleichzeitig in Frage gestellt. Ist der lyrische Schaffensprozess Zeitverschwendung? Einerseits angesichts der Schnelllebigkeit des Kunstbetriebs andererseits angesichts der bereits eingesehenen kurzen Haltbarkeit der lyrischen Wirkungsmacht. Es geht Rühmkorf aber nicht nur um die Haltbarkeit der Wirkungsmacht, sondern um das Problem des Findens des adäquaten Ausdrucks mit Hilfe poetischer Sprache im Allgemeinen.30 Dass es Grenzen der dichterischen Ausdrucksmöglichkeit gibt scheint klar zu sein, wo diese sind, ist jedoch weitaus unsicherer. In „Stilleben – bei Anruf Mord“ werden die Grenzen ausgelotet und mit denen der Kunst verglichen.31 Am Ende des Gedichts steht dieser Fragestellung Ernüchterung gegenüber.

Schönheit – zu laut beschrien – und schon zu Fall gebracht

Bevor es aber zu dieser Erkenntnis kommt ist die Rede vom angesagten Sturm, vom Durchzug der Saison. Die dahinziehende Zeit ist also stets präsent, die Schnelligkeit der Gegenwart wird zum Problem, sowohl für den Dichter, als auch für das Gedicht. Denn welchen Platz hat ein Gedicht, welches versucht, eine Mohnblüte in Worten festzuhalten, in einer Welt in der für Kunst keine Zeit zu sein scheint? Auch hier tritt abermals die Frage auf, welcher Zusammenhang besteht zwischen Bildender Kunst und Dichtkunst. Oder vielmehr die Frage, ob ein Stilleben auch in der Dichtkunst möglich ist.

[...]


1 Vgl.: Brunner, Sabine: Rühmkorfs Engagement für die Kunst. Essen 1985, S.9.

2 Ebd.

3 Scholz, Ferdinand: Artikel: Rümhkorf, Peter, in: Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Band 2. München 2003, S.1065ff.

4 Vgl.: Brunner, S.8.

5 Ebd.

6 Peter Rühmkorf: Strömungslehre I. Reinbek bei Hamburg 1978, S.56.

7 Ebd. S.45.

8 Vgl.: Brunner, S. 169.

9 Vgl.: Michel, Lydia: Selbstreflexivität in der Lyrik nach 1950. Peter Rühmkorf im Vergleich mit englisch- und deutschsprachigen Zeitgenossen., Magisterarbeit im Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Universität Stuttgart, S.25. Zitiert nach: Korte, Hermann: Deutssprachige Lyrik seit 1954. 2. Auflage, Stuttgart 2004, S.48.

10 Vgl.: Michel, S.27.

11 Vgl.: ebd.

12 Rühmkorf, Peter: Wenn – aber dann. Vorletzte Gedichte. Reinbeck bei Hamburg 1999, S.50.

13 Vgl.: Hamann, Christof: Artikel: Mohn, in: Butzer, Günter (Hg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole, Artikel: Mohn, Stuttgart 2012, S.272.

14 Vgl.: ebd.

15 Vergil: Aeneis IX, S.435f.

16 Vgl.: Michel, S. 86.

17 Hamann, S.272.

18 Goethe: West-östlicher Divan. Saki Nameh. Das Schenkenbuch. in: F. W. Thomas : Goethe's sämmtliche Werke Band 4, 1856, S. 314.

19 Peter Rühmkorf: Durchgangsverkehr. Über das Verhältnis von Dichtkunst und Drogengenuß, in: Marbacher Magazin 73/1995, S.11.

20 Vgl.: Lamping, Dieter: Das Gedicht in der Zeit, die zeit im Gedicht, Peter Rühmkorfs „Zum Jahreswechsel“ als modernes Zeit Gedicht, in: Zwischen Freund Hein und Freund Heine, Reinbek bei Hamburg, 1989, S.256.

21 Vgl.: ebd, S.269.

22 Vgl.: Wand, Gisela: Expreß. Studien zur Dynamik in Peter Rühmkorfs Lyrik, in: Zwischen Freund Hein und Freund Heine, Reinbek bei Hamburg, 1989, S.273.

23 Brunner, S.49. Zitiert nach: Peter Rühmkorf: Strömungslehre I, Hamburg 1978, S.52.

24 Vgl.: ebd., S.50.

25 Ebd., S.277.

26 Sie folgt hier der textlinguistischen Terminologie Harald Weinrichs

27 Uerlings, Herbert: Die Gedichte Peter Rühmkorfs. Subjektivität und Wirklichkeitserfahrung in der Lyrik, Bonn 1984, S.315. Zitiert nach: Ledanff, Susanne: Die Augenblicksmetapher. Über Bildlichkeit und Spontaneität in der Lyrik, München 1981, S.11.

28 Vgl.: ebd., S.317.

29 Vgl.: Michel, S.85.

30 Vgl.: ebd., S.84.

31 Vgl.: ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Schönheit und ihre Vergänglichkeit in Peter Rühmkorfs "Stilleben – bei Anruf Mord"
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Peter Rühmkorfs Lyrik
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V301156
ISBN (eBook)
9783656975847
ISBN (Buch)
9783656975854
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter Rühmkorf, Lyrik, Stilleben, Gesellschaft, Kunst, Selbstreflexion, Geschwindigkeit, Schönheit, Vergänglichkeit, Vanitas
Arbeit zitieren
Fabian Fitz (Autor), 2013, Schönheit und ihre Vergänglichkeit in Peter Rühmkorfs "Stilleben – bei Anruf Mord", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301156

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