Die Theorien von Noam Chomsky, besonders die generative Transformationsgrammatik, hatten großen Einfluss auf die Spracherwerbsforschung und so stand vor allem in den sechziger und angehenden siebziger Jahren die Entwicklung grammatikalischer Strukturen im Mittelpunkt der Forschung. Hauptaugenmerk lag dabei auf formalen Aspekten der Sprache.
Da Chomsky davon ausgeht, dass Kinder über einen bestimmten Regelapparat verfügen, kommt er zu dem Schluss, dass dieser formale Regelapparat die „Tiefenstrukturen der Sätze generiert und diese mit Transforamtionsregeln in die konkreten syntaktischen Oberflächenstrukturen überführt.“ Aufgrund des großen Einflusses dieser Theorie ging es in der Spracherwerbsforschung lange Zeit vor allem darum, wie das Kind sein konkretes grammatisches System aufbaut und es erfolgte nahezu eine Gleichsetzung von Sprache und Grammatik.
Eine weitere viel beachtete Konzeption war zu gleichen Zeit der Behaviorismus um Burrhus Frederic Skinner, für den das Erlernen von Sprache vordergründig aus Imitation besteht.
In den letzten Jahren hat die Entwicklung sprachwissenschaftlicher Theorien eine andere Wendung genommen, auch innerhalb bestimmter Forschungsparadigmen.
Formale Aspekte der Sprache haben an Bedeutung verloren und es das Interesse an der Formulierung von Regeln weicht mehr und mehr dem Interesse nach sprachtheoretischen Prinzipien, die mittlerweile als basal für jegliche Regel gelten. Die sprachwissenschaftliche Forschung sieht Sprache heute nicht mehr als reine Grammatik, sondern im Gegenteil sind der kontextuelle Rahmen und die Anwendung von Sprache von großer Bedeutung. Das heißt jedoch nicht, dass Theorien wie die generative Grammatik vollständig verdrängt wurden, sondern dass auch innerhalb exponierter Forschungsparadigmen eine Verlagerung der Interessen stattfindet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pragmatik und Spracherwerb
2.1 Pragmatik und Implikaturen
3. Implikaturen
3.1 Konversationsmaximen
3.2 Skalare Implikaturen
4. Die Entwicklung skalarer Implikaturen
4.1 „When children are more logical than adults“
4.2 Experiment 1
4.3 Experiment 2
4.4 Experiment 3
5. Schlüsse aus den Experimenten
5.1 Bezug zur Neo-Gricean Pragmatik
6. Kritik an Noveck
6.1 Die Möglichkeit anderer Implikaturen bei Kindern
6.2 Child-implicatures
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung pragmatischer Fähigkeiten bei Kindern, mit besonderem Fokus auf die Entstehung und Interpretation skalarer Implikaturen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, ob Kinder tatsächlich „logischer“ als Erwachsene handeln oder ob sie schlicht andere pragmatische Strategien und Interpretationsmuster anwenden, wenn sie mit unterinformativen Aussagen konfrontiert werden.
- Grundlagen der linguistischen Pragmatik und H.P. Grices Konversationslogik
- Analyse der Experimente von Ira A. Noveck zu skalaren Implikaturen
- Diskussion der „Pragmatic delay hypothesis“ im Vergleich zu alternativen Ansätzen
- Kritische Auseinandersetzung mit der experimentellen Erforschung kindlicher Sprachkompetenz
- Vergleichende Untersuchung der Ansätze von Noveck und Röhring
Auszug aus dem Buch
3.2 Skalare Implikaturen
Eine besondere Form von Implikaturen sind sogenannte Skalare Implikaturen. Die Berechnung dieser stützt sich ebenfalls auf die Konversationsmaximen. Skalare Implikaturen treten bei Ausdrücken auf, die eine bestimmte Abfolge, eine Skala bilden und also auch immer einen bestimmten logischen Gehalt haben. So zum Beispiel Mengenausdrücke wie „manche“, „einige“, „keine“ und „alle“, aber auch Modalverben wie „könnte“ oder „muss“. Werden solche Ausdrücke in einem Gespräch benutzt, so hat man als Zuhörer Grunde zur Annahme, dass der/die Sprecher/in einen bestimmten Ausdruck benutzt, um die anderen auszuschließen. Logisch, also semantisch gesehen, ist dies nicht der Fall, da ein stärkere Ausdruck den schwächeren immer beinhaltet.
Nimmt man beispielsweise den Satz „Manche Schüler haben ihre Prüfungen bestanden“, so kommt es darauf an wie man diese Aussage interpretiert. Versteht man sie auf einer semantischen Ebene, so kann die Bedeutung dieser Aussage durchaus auch sein, dass alle Schüler ihre Prüfungen bestanden haben, da sich „manche“ und „alle“ auf logischer Ebene nicht ausschließen. Versteht man diesen Satz aber auf einer pragmatischen Ebene, so besteht nach den Konversationsmaximen (in diesem Fall spielen vor allem die Maximen der Quantität ein Rolle) Grund zur Annahme, dass der/die Sprecher/in im gegebenen Kontext bewusst den Ausdruck „manche“ verwendet um den Ausdruck „alle“ auszuschließen. Als Zuhörer/in kann man annehmen, dass der/die Sprecher/in übermitteln wollte dass „manche Schüler ihre Prüfungen bestanden haben – aber nicht alle.“ Es wird dem/der Sprecher/in also unterstellt, dass es bestimmte Gründe gab, warum ein schwächerer Ausdruck der Skala verwendet wurde. Deshalb implikatiert „manche“ „nicht alle“. Auf Grundlage dieser Theorie entstanden nun einige Forschungen zu skalaren Implikaturen. Besonderes Augenmerk liegt dabei häufig auf dem Unterschied zwischen semantischem und pragmatischem Denken und der Entwicklung bei Kindern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den Wandel der linguistischen Forschung vom Fokus auf formale Grammatik hin zur pragmatischen Bedeutung im sozialen Kontext und legt das Ziel der Arbeit fest.
2. Pragmatik und Spracherwerb: Dieses Kapitel verortet die Pragmatik als eigenständige Disziplin innerhalb der Zeichentheorie und beleuchtet die Bedeutung von Interaktionskontexten für den kindlichen Spracherwerb.
3. Implikaturen: Es werden die theoretischen Grundlagen der Griceschen Konversationslogik, insbesondere die Kooperationsmaximen und ihre Rolle bei der Berechnung von Implikaturen, erläutert.
4. Die Entwicklung skalarer Implikaturen: Der Autor stellt die experimentellen Untersuchungen von Ira A. Noveck dar, die untersuchen, wie Kinder im Vergleich zu Erwachsenen auf skalare Ausdrücke reagieren.
5. Schlüsse aus den Experimenten: Hier werden die Ergebnisse der Experimente diskutiert und in den Kontext der Neo-Gricean Pragmatik sowie der Relevanztheorie eingeordnet.
6. Kritik an Noveck: Die Arbeit übt Kritik an den methodischen Ansätzen Novecks und stellt alternative Erklärungsmodelle vor, insbesondere die von Stefanie Röhring eingeführte These der „child-implicatures“.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die pragmatische Kompetenz bei Kindern früher vorhanden ist als angenommen und dass Unterschiede in den Testergebnissen eher auf divergierende Interpretationsstrategien zurückzuführen sind.
Schlüsselwörter
Skalare Implikaturen, Pragmatik, Spracherwerb, Konversationsmaximen, Kooperationsprinzip, Noveck, Röhring, Child-implicatures, Logik, Semantik, Sprachforschung, Experimentelle Pragmatik, Modalverben, Quantoren, Sprachverständnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der pragmatischen Sprachkompetenz bei Kindern, insbesondere die Fähigkeit, skalare Implikaturen zu verstehen und korrekt anzuwenden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Gricesche Theorie der Implikaturen, das Kooperationsprinzip, die experimentelle Untersuchung kindlicher Interpretationsmuster und die Abgrenzung von semantischem zu pragmatischem Sprachverständnis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die „Pragmatic delay hypothesis“ kritisch zu hinterfragen und zu erörtern, ob Kinder tatsächlich eine spätere Entwicklung pragmatischer Fähigkeiten durchlaufen oder ob sie abweichende, aber konsistente Interpretationsstrategien nutzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf der kritischen Aufarbeitung experimenteller Studien (insbesondere von Noveck und Röhring) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen nach Grice, die Analyse der Experimente zu skalaren Implikaturen und die anschließende kritische Diskussion alternativer Erklärungsansätze für kindliches Sprachverhalten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind skalare Implikaturen, Konversationsmaximen, experimentelle Pragmatik und die Entwicklung pragmatischer Fähigkeiten im Kindesalter.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen „logischer“ und „pragmatischer“ Interpretation eine so große Rolle?
Diese Unterscheidung ist zentral, um zu verstehen, warum Kinder in Experimenten oft Antworten geben, die von der Erwachsenennorm abweichen, und ob dies auf ein Defizit oder eine bloße Verschiebung der Präferenzen hindeutet.
Was besagt die These der „child-implicatures“?
Diese These legt nahe, dass Kinder durchaus Implikaturen berechnen, diese jedoch auf anderen Prämissen und Maximen-Gewichtungen basieren als bei Erwachsenen, was zu spezifisch kindlichen Interpretationsergebnissen führt.
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- Fabian Fitz (Author), 2013, Skalare Implikaturen und Erstspracherwerb. Die Erforschung des Erlernens pragmatischer Fähigkeiten bei Kindern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301158