Medizinische Helferberufe in Krisensituationen. Die griechische Finanzkrise


Bachelorarbeit, 2013
166 Seiten, Note: 1

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Rahmen
2.1 Griechische Finanzkrise
2.1.1 Entstehung und Verlauf
2.1.2 Ursachen
2.1.3 Maßnahmen zur Krisenbewältigung
2.1.4 Auswirkungen auf dem Alltag
2.2 Medizinische Versorgung
2.2.1 Hilfesuchende
2.2.2 Helfende

3 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit

4 Methodisches Vorgehen
4.1 Qualitative Forschung
4.2 Sampling, Feldzugang und Durchführung
4.3 Erhebungsmethode
4.3.1 Das Leitfadeninterview mit der speziellen Form des diskursiven Interviews
4.3.2 Technik der Befragung und Instrumente des Interviews
4.3.3 Begründung der Methodenwahl
4.4 Auswertungsverfahren

5 Darstellung der Ergebnisse
5.1 Interview mit Am
5.1.1 Motto
5.1.2 Zusammenfassung
5.1.3 Paraphrasierung
5.1.4 Deutungsmuster
5.2 Interview mit Bf
5.2.1 Motto
5.2.2 Zusammenfassung
5.2.3 Paraphrasierung
5.2.4 Deutungsmuster
5.3 Interview mit Cm
5.3.1 Motto
5.3.2 Zusammenfassung
5.3.3 Paraphrasierung
5.3.4 Deutungsmuster
5.4 Interview mit Dm
5.4.1 Motto
5.4.2 Zusammenfassung
5.4.3 Paraphrasierung
5.4.4 Deutungsmuster
5.5 Interview mit Em
5.5.1 Motto
5.5.2 Zusammenfassung
5.5.3 Paraphrasierung
5.5.4 Deutungsmuster
5.6 Interview mit Fm
5.6.1 Motto
5.6.2 Zusammenfassung
5.6.3 Paraphrasierung
5.6.4 Deutungsmuster

6 Darstellung der leitenden Deutungsmuster

7 Zusammenfassende Diskussion

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang
9.1 Einverständniserklärungen
9.2 Anonymitätserklärungen
9.3 Transkriptionsregeln
9.4 Transkripte

1 Einleitung

Die Zielsetzung dieser Abschlussarbeit ist es, die medizinischen Helferberufe in Krisensituationen, am Fallbeispiel der griechischen Finanzkrise darzustellen. Die explizite Fragestellung, die anhand von qualitativen Interviews untersucht wurde, bezieht sich auf die Konflikte, sowie auf die Spannung zwischen dem subjektiven Erleben der eigenen Möglichkeiten und dem beruflichem Rollenbild der Ärzte, die aufgrund der Krise in Griechenland entstanden sind.

Mein persönliches Interesse erwachte, als ich mich letzten Sommer in der Seminararbeit im Fach der Soziologie mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der griechischen Finanzkrise auseinandersetzte. Da ich selbst von der Insel Kreta stamme, hatte ich die Möglichkeit, nicht nur die Entstehung der Krise in den letzten Jahren zu verfolgen, sondern konnte auch beobachten, inwiefern die Bevölkerung tatsächlich im gesundheitlichen, sowie ökonomischen Sinne darunter leidet. Durch die Literaturrecherche hat sich allerdings ergeben, dass diesbezüglich viele verschiedene Ansichten in Zeitschriften und Medien dargelegt werden, welche allerdings nie in einer wissenschaftlichen Studie konkret recherchiert und veröffentlicht wurden. Dementsprechend bezieht sich die ausgewählte Literatur weniger auf veröffentlichte und wissenschaftliche Fachbücher, sondern eher auf seriöse Zeitschriften und Artikel.

Diese Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten theoretischen Teil wird eine kurze Einführung zum allgemeinen Thema der Finanzkrise und seine Auswirkungen aus verschiedenen Perspektiven dargestellt und anhand des Fallbeispiels Griechenland erläutert. Um eine Annäherung an die griechische Finanzkrise zu erhalten, werden zunächst die Entstehung und der Verlauf, sowie die Ursachen aus verschiedenen inländischen und weltweiten Ansichten präsentiert. Weiterhin wird ein konkreter Überblick über die verschiedenen Maßnahmen zur Krisenbewältigung, welche Spar-, Rettungs- und Hilfspakete implizieren, und die daraus folgenden alltäglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft dargestellt. Aufgrund der ökonomischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise auf die individuelle Gesundheit und das Gesundheitsweisen, wird schließlich nicht nur auf die beeinträchtigte medizinische Versorgung aus Sicht der Hilfesuchenden und der medizinischen Helferberufe des Landes eingegangen, sondern auch die Arzt-Patient- Interaktionen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht und aufgezählt.

Im zweiten empirischen Teil wird versucht, anhand von acht Leitfadeninterviews einen tieferen Einblick in die bereits oben gestellte Forschungsfrage zu erlangen. Besondere Beachtung wird dem subjektiven Erlebnisaspekt des beruflichen Alltags sowie der subjektiven Wahrnehmung des Berufs des Arztes geschenkt, um die Veränderungen, Einschränkungen, Spannungen und Konflikte die er aufgrund der griechischen Finanzkrise erlebt, darzustellen. In diesem Teil werden die qualitative Methode, das Sampling, der Feldzugang, sowie die ausgewählte Erhebungsmethode und ihre Instrumente explizit vorgestellt und begründet. Im Weiteren wird einzeln auf das Motto, die Zusammenfassung und Paraphrasierung der ersten sechs Interviews ausführlich eingegangen, welche anhand der Analyse von Deutungsmustern mit dem letzten beiden ausgewertet werden. Im Anhang befinden sich die Vorlagen der Anonymitäts- sowie Einverständniserklärungen, die Transktriptionsregeln und vier der deutschsprachigen Transkripte für die Durchsuchbarkeit der Gesprächsdaten und der Interviewsituation.

2 Theoretische Rahmen

2.1 Griechische Finanzkrise

Griechenland liegt in Sudosteuropa, ist Mitglied der Europäischen Union und bildet mit siebzehn anderen EU-Mitgliedstaaten eine Währungsunion, die Eurozone. Die Hauptstadt des Landes ist Athen und die Bevölkerungszahl liegt bei elf Millionen Einwohner auf einhundert und zweiunddreißigtausend Kilometer Fläche. Im Jahr 2009 wurde die Finanzkrise in Griechenland sichtbar, nach dem die damals neue Regierung das objektive Ausmaß seiner bisher verschwiegenen Haushaltsdefizite und seines Schuldenstandes veröffentlichte und somit die EU, EZB und IWF (die sogenannte Troika) um Hilfe bat.

Glebe (2008, S. 16-50) beschreibt, dass Finanzkrisen größere Verwerfungen im Finanzsystem sind, die durch einen Rückgang der Vermögen sowie die Zahlungsunfähigkeit diverser Unternehmen gekennzeichnet sind. Diese beeinträchtigen die ökonomische Aktivität in einem oder mehreren Ländern und werden prinzipiell in Banken-, Wahrungs-, Finanzkrisen oder Krisen, in denen ein Land seine Auslandschulden nicht mehr bedienen kann, unterschieden. Der Autor stellt nach chronologischer Übersicht zahlreiche Krisen dar und betont dabei die Entstehung, Ursachen sowie die Konsequenzen auf die Gesellschaft. Er beschreibt, dass sich die soziale Auswirkung der meisten Krisen mit ansteigenden Arbeitslosenzahlen und starken Realeinkommeneinbusen äußert. Es sind nicht alle Einkommensklassen gleichmäßig betroffen und die Armut steigt in städtischen Gebieten schneller als in ländlichen. Zusätzlich können aufgrund der gekürzten Sozialausgaben die Leistungsverfügbarkeit und die Qualität im Bildungs- und Gesundheitswesen sinken. Aber auch die Humankapitalinvestitionen der Privathaushalte in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Ernährung und Familienplanung nehmen ab.

Brauers (2011, S. 48-50) stellt ebenfalls in seinen Schriften die allgemeinen Folgen, bzw. Auswirkungen einer Finanzkrise dar und erläutert, dass das Eigenkapital der Geldinstitute die hohe Abschreibungen vermindert. Er kommt zu dem Schluss, dass das Investitionsvolumen insgesamt zurückgeht, weil die Banken aufgrund der eigenen Verluste und der gestiegenen Anforderungen, vielen Unternehmen und Haushalten nicht mehr die benötigten Kredite bereitstellen können. Daraus folgt die Armut und weitere diversen Auswirkungen der Krise auf die Gesellschaft, welche im Weiteren anhand des Fallbeispiels aus Griechenland exakter beschrieben werden.

2.1.1 Entstehung und Verlauf

Als Griechenland im Jahre 1981 der Europäischen Gemeinschaft beitrat wies es laut Hamdan (2010, S. 2-3) aufgrund der hohen Inflationsraten, des Haushaltsdefizits und der Schulden, sowie der niedrigen Produktivität und mangelhaften Preisstabilität eine geringe Wettbewerbsfähigkeit auf. Weiterhin beschreibt der Autor, dass es durch die Anhäufung dieser Probleme und Entwicklungen nicht mehr lange bis zu einem Zusammenbruch der Finanzen dauern würde. Trotzdem hat Griechenland in den neunziger Jahren eine hervorragende wirtschaftliche Entwicklung erreicht, woraufhin die Griechen zweimal hintereinander die Konvergenzkriterien erfüllten und sich somit ihre Eintrittskarte in die Währungsunion sicherten. Schafmeister (2011, S. 30-33) erläutert, dass sich die Einheitswährung Euro negativ auf Griechenland auswirkte mit der Konsequenz, dass es nach der Aufgabe der Drachme im Jahr 2000 keine Finanzsouveränität mehr besaß und deswegen seine Währung nicht abwerten konnte. Dadurch hat das Land zwar ein wirtschaftliches Wachstum von vier Prozent im Jahr erreicht, was allerdings schuldenfinanziert war.

Griechenland wurde am ersten Januar 2001 Mitglied in der Eurozone und hatte laut dem Bericht der Europäischen Union (Brüssel 2010, S. 13-18) im Jahre 2004 falsche Zahlen zum Defizit gemeldet. Die Falschangaben bezogen sich auf elf Einzelfälle, wodurch die Kommission aufgrund der methodischen Probleme bei der Erfassung von Steuern, Sozialbeiträgen, Militärausgaben und Schuldenübernahmen sowie des Überschusses der Sozialversicherung und Krankenhäuser ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Griechenland beschloss. Im Nachhinein organisierte der Eurostaat drei Gesprächsbesuche in der Hauptstadt Athen, um nachzuforschen, ob die griechischen Defizit- und Schuldenstandsdaten die methodischen Anforderungen erfüllen. Schließlich wurden die vereinbarten Ergebnisse und Maßnahmen in dem von der EU veröffentlichten Bericht aufgenommen, wobei sich das Resultat der Erörterungen auf eine erhöhte Schätzung des Defizits für 2007 und folglich stärkere Vorbehalte gegen die griechischen VÜD Daten von April bezog. Griechenlands Wirtschaftsrückgang begann im Jahr 2008 als es 20% seiner Wirtschaftlichkeit verlor, jedoch wurde die wahre Dimension des Defizits erst 2009 bekannt. Die neue griechische Regierung PASOK , die am vierten Oktober 2009 die Parlamentswahl gewann, verminderte die Staatsverschuldung auf 12,5% und konnte die versprochenen Ausgabenerhöhungen im Sozialbereich nicht finanzieren. Jankowski und Bohr-Janskowski (2010, S. 65) beschreiben, dass Griechenland an einem Oktober im Jahre 2009 völlig geschockt in einem Schuldenmeer von drei hundert Milliarden Euro erwachte. Am 16. Dezember desselben Jahres stufte Standards and Poors, eine international bekannte Rating Agentur aus New York, die Kreditwürdigkeit Griechenlands herab und beschleunigte damit Spekulationen auf eine Staatspleite. Der Risikoaufschlag auf griechische Staatsanleihen schoss nach oben und der Euro gab dementsprechend nach.

von hundert und zehn Milliarden Euro unter der Voraussetzung ein Sparprogramm durchzusetzen, was jedoch nicht ausreichte. Infolgedessen übermittelt Spiegel Online (12.08.2010), dass sich die Wirtschaftslage im krisengebeutelten Griechenland dramatisch im Jahr 2010 verschlechterte, was zur Verringerung des Bruttoinlandsproduktes und Steigerung der Arbeitslosigkeit führte.

Im Jahr 2011 vermehrten sich die Proteste gegen die Sparmaßnahmen und laut der Zeitschrift Presse (23.06.2011) lehnte das griechische Parlament den Regierungsvorschlag über weitere Sparmaßnahmen ab. Im selben Jahr wurde ein weiteres Sparmodell von den EU-Mitgliedern angeboten und der griechische Ministerpräsident Papandreou ernannte Eleutherios Venizelos zum Minister für Wirtschaft und Finanzen. Zeit Online (05.07.2011) erläutert, dass Griechenland ein neues Sparpaket von hundertneun Milliarden Nach einem Bericht des Online Nachrichtendienstes Spiegel Online (25.03.2010) einigten sich die Staats- und Regierungschefs der Eurostaaten im Februar 2010 auf einen Rettungsplan für Griechenland, wodurch Athen im Notfall finanzielle Unterstützung von den Euro-Ländern und vom IWF1 bekommen könnte. Daraufhin beantragte Griechenland (Spiegel Online, 09.05.2012) im April 2010 offiziell Finanzhilfe und bekam von der EU2, IWF und EZB3 ein Hilfsprogramm im Umfang vom IWF und EFSF1, sowie siebenunddreißig Milliarden von privaten Versicherungen und Banken erhielten.

Im Nachrichtendienst der Tageschau (21.08.2012) wurde die Chronik der griechischen Finanzkrise präzise dargestellt. Es wird verdeutlicht, dass sich im Februar 2012 das Parlament in Athen für ein neues Sparprogramm entschied, worauf die Finanzminister der Eurostaaten zustimmten und daher ein neues Rettungspaket von hundertunddreißig Milliarden anboten. Standard und Poor erklärte das Land für zahlungsunfähig, was eine große Angst bei den Griechen gegenüber der Troika auslöste, die die Aufgabe übernahmen, die Reformen und Sparprogramme zu überprüfen. Später im Mai 2012 fanden die Parlamentswahlen in Griechenland statt, weil der griechische Staatspräsident Papoulias im April desselben Jahres das Parlament auflöste. Die beide großen Volksparteien PASOK und Nea Dimokratia2 verloren die Regierungsmehrheit, woraufhin neue Parlamentswahlen im Juni 2012 stattfanden. Als stärkste Partei wurde Nea Dimokratia gewählt und ihr Vorsitzender, Herr Samaras, wurde zum griechischen Ministerpräsident vereidigt. Als Folge dessen bekamen die vier größten Banken Griechenlands achtzehn Milliarden Euro aus dem Mitteln des Rettungsschirms und im August desselben Jahres besorgte sich Griechenland an den Geldmärkten frisches Geld und sicherte somit eine anstehende Rückzahlung an die EZB.

Im September desselben Jahres erklärte der griechische Finanzminister Stournaras, dass die Regierung nicht alle Defizitvorgaben der Geldgeber erfüllen könne, weil die Wirtschaftsleistung stärker einbreche als befürchtet was dazu führte, dass das Land nicht nur seine Finanzkrise bis 2014 auf dreizehn und halb Milliarden Euro bezifferte, sondern auf einen weiteren Finanzbedarf von bis zu fünfzehn Milliarden sah. Im Dezember 2012 verlängerte Griechenland die Frist für den Staatsanleihen-Rücklauf. Dies brachte noch Angebote von Gläubigen über fast zweiunddreißig Milliarden Euro. Die EU-Finanzminister gaben die nächste Tranche des Rettungspaketes (s. Maßnahmen zur Krisenbewältigung) frei und Griechenland plante eine umfassende Steuerreform.

2.1.2 Ursachen

Was genau der Auslöser der griechischen Finanzkrise war, lässt sich nicht an einem Ereignis festmachen, denn für die Entstehung der Krise gibt es eine Vielzahl von Ursachen aus diversen Ansichten und Perspektiven. Das Online Magazin Manager (12.02.2010) stellt zehn Gründe für die Entstehung der Krise dar und gibt somit die Schuld der Deindustrialisierung, der negativen Handelsbilanz, sowie den finanziellen Klumpenrisiken und dem marodem Bildungssystem, dem sinkenden Arbeitsmarkt, der zerstörter Infrastruktur, Korruption, Ineffizienz der Verwaltung, niedrigen ausländischen Direktinvestitionen und dem Haushaltsdefizit.

Kordes (2010, S. 4-8) bietet weiter einen Überblick der wesentlichen Faktoren, die dazu führten, dass Griechenland mittlerweile so hoch verschuldet ist. Wie bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt, spielen sowohl die gefälschten griechischen Statistiken und Wetten gegen Griechenland eine entscheidende Rolle, als auch die Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit, die zu enormen Staatsausgaben des Landes führten.

Trautwein (2010, S. 67-69) stellt auch die Ursachen der griechischen Tragödie in einigen bedeutungsvollen Punkten dar. Laut dem Autor zeichneten sich bereits die ersten Anzeichen im Euroraum im Jahr 2002 ab, was Griechenland zu einer hohen Inflationsrate, niedrigen Realzinsen und dementsprechend zu einer negativen Handelsbilanz führte. Außerdem nahm die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands aufgrund der international divergierenden Lohnentwicklung ab und eine hohe Staatsquote begünstigte die Klientenpolitik des Landes. Weiterhin erläutert Trautwein, dass die Korruption ein weiteres Problemfeld darstellt, was mit dem Beitritt Griechenlands in die Eurozone ohne Erfüllung der Konvergenzkriterien zusammenhängt. Schließlich markiert auch das Rentensystem eine hohe Durchlässigkeit, besonders weil die Pensionäre vierzehn Monatsgehälter bekamen und bereits im fünfzigsten Lebensjahr nach ihrem Staatsdienst in Rente gehen durften.

Weitere große Probleme und daher Auslöser der griechischen Finanzkrise waren die hohen Staatsausgaben und geringen Staatseinnahmen des Landes. Es existierten überdurchschnittlich hohe Ausgaben aufgrund der Lohnerhöhungen und Investitionen. Außerdem beschreibt Zeit Online (07.01.2012), dass über vierzehn Milliarden Euro jährlich für die Verteidigung ausgegeben wurden und laut Spiegel Online (26.11.2011) gab es einundzwanzigtausend Phantomrentner. Die geringen Staatseinnahmen hängen mit der niedrigen Einkommenssteuer, der mangelhaften Kontrolle der Steuereinnahmen, sowie mit der Steuerhinterziehung zusammen.

Als EU-bezogene Ursachen werden in den Medien die ungenügende Durchführung von Verträgen sowie Eingriffsmöglichkeiten in die Haushaltspolitik, die mangelhafte Thematisierung der Vertragsverletzungen, Gegenmaßnahmen und Schulden die bereits mit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 eindeutig wurden, vorgestellt. Schwarzbach, Rudschuck und Graf (2012, S. 64-66) stellen den US- Immobilienmarkt als Auslöser der europäischen Schuldenkrise und somit der griechischen Finanzkrise dar. Sie untersuchen und bestätigen die Hypothese, dass aufgrund einer Blase am US-Immobilienmarkt die gesamte Finanzindustrie sehr hohe Abschreibungen aufnehmen musste, welche spätestens im September 2008 mit dem Zusammenbruch der Lehmann- Brothers Bank als existenzbedrohend erschienen. Die Konsequenzen bezogen sich bis hin zur Eurozone, durch die sinkenden Wirtschaftleistungen wurden die Steuereinnahmen belastet und aufgrund der ansteigenden Ausgaben setzten viele Regierungen Konjunkturpakete durch, welche die Staatshaushalte in die Höhe trieben und dadurch Haushaltszahlen aus dem Jahr 2009 negativ beeinflussten.

2.1.3 Maßnahmen zur Krisenbewältigung

Bereits 2010 bis 2012 wurden Griechenland fünf Sparpakete von der griechischen Regierung sowie drei Rettungspakete von der EU, EFSF und der IWF zur Verfügung gestellt. Im März 2010 legte die griechische Regierung laut Strubbe (2011, S. 4-6) ein Sparpaket von fast fünf Milliarden vor und im April desselben Jahres erbat das Land offiziell von der IWF und EU Finanzhilfe. Dementsprechend nahmen die Griechen im Mai desselben Jahres ihr erstes Hilfspaket mit einem Volumen von hundertundzehn Milliarden entgegen, wobei die erste Tranche über fünfzehn Milliarden nach Griechenland überwiesen wurde und die zweite später im August folgte.

Weiterhin erklärt Strubbe, dass die europäische Politik nur eine Woche nach dem ersten Hilfspaket für Griechenland mit einen siebenhundertundfünfzig Milliarden Paket zur Unterstützung des Euros reagierte und dass die Europäische Zentralbank zur Unterstützung des Landes griechische Staatsanleihen in der Höhe von fünfundzwanzig Milliarden Euro kaufte. Rückblickend wurden also den Griechen im Jahr 2010 zwei Sparpakete von der griechischen Regierung, ein Rettungspaket von der EU und IWF und weitere Unterstützung von der europäischen Zentralbank angeboten.

Zunächst beschreibt Sandmaier (2011, S. 35-40), dass das erste Rettungspaket und das zweite Sparpaket vom Mai 2010 nicht die Finanzmärkte beruhigte und daher ein drittes Sparpaket der griechischen Regierung Ende Juni 2011 auf der Tagesordnung stand. Unterdessen wurden Einsparungen von siebenundachtzig Milliarden genötigt, sodass auf der europäischen Ebene ein weiteres Rettungspaket verabschiedet werden konnte. Dabei waren drakonische Sparmaßnahmen erforderlich, sowie die Verfolgung von Steuerhinterziehern, Lohnkürzungen, Einschränkung der Anzahl der Beamten und das Anheben weiterer indirekter Steuern (wie Trinkwasser, Heizöl, Essen). Laut dem Autor wurde später im Juli 2011 das zweite Rettungspaket von der EU und IWF mit einem Volumen von hundert- neun Milliarden genehmigt, welches bis zum Jahr 2014 ausgezahlt und zu einem Zinssatz von 3,5 Prozent verliehen wurde. Auf dem EU-Gipfel im Juli 2011 waren die wirtschaftlichen Probleme Griechenlands eindeutig, allerdings wurde nur die Einrichtung einer Kommission zur Einleitung von Sonderförderungsprojekten, die mit den griechischen Behörden zusammenarbeiten wollten, beschlossen. Laut dem Autor wäre eigentlich ein neuer Marshall-Plan für Griechenland notwendig gewesen. Im Jahr 2011 wurden also das dritte Sparpaket von der griechischen Regierung und das zweite Rettungspaket von der EU und IWF eingeführt.

Später im Jahr 2012 wurden dem Land zwei andere Sparpakete von der griechischen Regierung und ein weiteres Rettungs-, bzw. Hilfspaket von der EU und IWF bereitgestellt. Die Onlinezeitung Spiegel (16.02.2012) beschreibt, dass das vierte Sparpaket im Februar mit dem Ziel weitere dreieinhalb Milliarden Euro einzusparen, mit folgenden Maßnahmen vorging: Nicht nur der Verteidigungshaushalt soll um hundert Millionen sondern auch der Mindestlohn auf 586 Euro und die Gehälter um weitere zwanzig Prozent gekürzt werden. Weiterhin wird das Arbeitslosengeld, das für ein Jahr gezahlt wird, auf 322 Euro reduziert und die Zuschüsse für Stände und Gemeinden sollen stark gekappt werden, um siebzig Millionen Euro zu erbringen. Für Krankenversicherte ist die Selbstbeteiligung bei Arzneimittel gestiegen und die Renten sind bis fünfzehn Prozent gesunken, so dass fünfzig Millionen Euro für den Staat zusammenkommen. Schließlich sollen fünfzehntausend Staatsangestellte entlassen, die Militärausgaben um sechs Millionen Euro gekürzt werden und die Privatisierung diverser Staatsbetriebe rund fünfzehn Milliarden Euro bis 2015 in die Staatskasse bringen. Tatsache ist, dass viele Experten daran zweifeln ob dieser Betrag auch wirklich erreicht werden kann. Der nächste Schritt war die Billigung des Haushaltes, was mit der Einführung eines weiteren Sparpaketes im November desselben Jahres zustande kam. Die weiteren Streichungen und Kürzungen wurden von der Zeit Online (07.11.2012) dargestellt und bezogen sich unter anderem auf Renten, Löhne, Gehälter und die komplette Abschaffung des Kinder-, Urlaubs- und Weihnachtsgeldes. Außerdem wurden die Eigenbeträge beim Kauf von Medikamenten erhöht, das Rentenalter auf 67 Jahre angehoben und Gehälter der öffentlich-rechtlichen Betriebe an die der Staatsbediensteten angeglichen. Laut der Zeitung Frankfurt Allgemeine (27.02.2012) wurde im Februar 2012, zwischen dem vierten und fünften Sparpaket, ein weiteres Hilfspaket (auch als weiteres zweites genannt) von der EFSF und IWF in der Höhe von hundertunddreißig Milliarden Euro eingeführt mit den Voraussetzungen, dass das Land mehr Kontrolle und einen Teil seiner Budgethoheit abgibt.

2.1.4 Auswirkungen auf dem Alltag

Die Zeitschrift Spiegel (05.05.2010) übermittelt, dass die neuen Maßnahmen des Sparpaketes und die zuvor erwähnten Kürzungen, Einschränkungen und Abschaffungen im Mai 2010 zu Demonstrationen im Stadtzentrum und zu weiteren Protesten führten. Griechenland wollte ein Signal des Widerstandes setzen, was zu einem Tag des Todes und der Trauer wurde, da drei Menschen durch Brandsätze in einer Bank bei Massendemonstrationen in Athen starben. Das Land war am Rande des Abgrunds und während der Verhandlungen über neue Sparmaßnahmen nahm die Anzahl der Proteste und Demonstrationen stark zu. Im Jahr 2011 gab es vier große, mehrtätige Generalsstreiks gegen die Sparmaßnahmen im ganzen Land mit tausenden Protestierenden, welche zu Konfrontationen und Kämpfen mit der Polizei führten und wobei sich mehrere Menschen schwer verletzten. In der Süddeutschen Zeitung (12.02.2012) wird erläutert, dass an einem Tag im Februar 2012 über einhunderttausend Demonstranten gegen den neuen Sparplan in Athen protestierten, wobei achtzig Menschen, darunter dreißig Polizisten, schwer verletzt wurden. Der Protest breitete sich auf viele Straßen der Innenstädte aus, einige Gebäude gingen in Flammen auf und viele Bürger wurden großer Gefahr ausgesetzt. Zusammenfassend beschreibt Spiegel Online (14.01.2013), dass die Griechen nonstop streiken und dabei Hunderttausende zum Anti-Spar-Protest mobilisierten. Die Kompromisse gelten als Niederlage und die fehlende Verhandlungskultur wird zum ernsten ökonomischen Problem. Das griechische Volk ist Streiks und Demonstrationen gewöhnt, doch mittlerweile brechen die Proteste alle Rekorde dieser Welt.

Handman (2010, S. 3) beschreibt, dass die Griechen davon ausgingen, die Finanzkrise überstehen zu können, dennoch hat die schlechte Lage der Konjunktur die Strukturschwäche der griechischen Volkswirtschaft aufgedeckt. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Landes gehören der Tourismus und die Handelsschifffahrt, die ebenfalls den Folgen der Krise unterlagen und zum massiven Einbruch der realen Wirtschaft führten. Die Süddeutsche Zeitung (03.06.2012) veröffentlichte einen Artikel über den fehlenden Tourismus in Griechenland und erklärte, dass unter anderem das politische Chaos und die Unsicherheit über den Ausgang der Wahlen am 17.Juni die Touristen verschreckt haben. Die Griechen lebten vor der Finanzkrise über ihre Verhältnisse und gaben mehr aus, als sie verdienten. Der Tourismus brachte bis zu sechzehn Prozent der Einnahmen und seine Verschlechterung gilt als eine Katastrophe für die Griechen, die nun auf ihren größten Trumpf hoffen.

Aufgrund der Finanzkrise und des disziplinierten EU-Spardiktats wächst die Armut in Griechenland, die vor allem die junge Generation trifft. Laut der Frankfurter Rundschau Zeitung (13.12.2012) treibt die tiefe Rezession die Arbeitslosigkeit in Griechenland auf Rekordniveau. Das nationale Statistikamt teilte mit, dass die Arbeitslosenquote im dritten Quartal auf fünfundzwanzig Prozent stieg, was der höchste Wert seit der Erfassung der Quartalsdaten im Jahre 1998 ist. Dies bedeutet, dass jede vierte Bürger, bzw. jede zweite Jugendliche keine Arbeit mehr hat, was laut Spiegel Online (12.04.2012) dazu führt, dass auch die Zukunftsaussichten in dem von Sparzwängen gebeutelten Land alles andere als positiv sind. Auf Basis der offiziellen statistischen Daten erreichte im Juni 2012 die Zahl der Arbeitslosen fast achthunderttausend Personen, von denen nur hunderttausend Ansprüche auf ein einjähriges Arbeitslosengeld hatten. Rp- Online (12.02.2012) stellt die Lage in Griechenland wie folgt dar: In den Straßen Athens begegnen wir Bettlern, verwahrlosten Geschäften sowie Obdachlosen und in den Schulen werden inzwischen Lebensmittelcoupons verteilt, da immer häufiger hungrige Kinder während des Unterrichts entkräftet in Ohnmacht fallen.

Weitere Auswirkungen übermittelt DW (02.01.2013) und stellt neben der Arbeitslosigkeit und den zerstörten Zukunftsplänen, die Überlebensstrategien der verarmten Mittelschicht dar. Im Supermarkt steigen die Preise immer mehr, so dass viele griechische Produkte mehr kosten als die importierten. Einerseits ächzen die Menschen also unter den Sparmaßnahmen und andererseits sind die Verkrustungen aus Korruption und Vetternwirtschaft noch immer sehr stabil. Die Menschen suchen überall Wege, um Geld zu sparen, z.B. in städtischen Gemüsegärten mitten in Stadt wo sie eine Parzelle zugeteilt bekommen um ihr Gemüse anzubauen. Zusätzlich wird auf den Straßen Brennholz angeboten, da der Heizölpreis um vierzig Prozent gestiegen ist und die Bevölkerung nur mehr mit Holz-Öfen heizt.

Außerdem wandern laut der Badischen Zeitung (28.08.2012) immer mehr Griechen in ihre Heimatdörfer zurück und widmen sich der Landwirtschaft, sowie der Fischerei, um überleben zu können. Weiterhin betrachtet Focus Online (01.03.2013) die Flucht der Griechen vor der Krise ins Ausland, bzw. die Auswanderung nicht nur als eine Art Neuanfang sondern auch als die einzige Möglichkeit, zu überleben und im Leben weiterzukommen. Dabei wurden vier Griechen interviewt und das Ergebnis lautete, dass die Existenzsorgen der jungen betroffenen Griechen inzwischen größer wären als ihre Liebe zur Heimat. Sie stecken voller Hoffnungen und Dankbarkeit diese «dritte Welt» verlassen zu haben und diese Chance auf einen Neuanfang ergreifen zu dürfen.

Schließlich haben die meisten Griechen, die das Land nicht verlassen wollten oder konnten, ihr Gespartes auf den Konten bei inländischen Banken verringert, komplett abgehoben, um es zu verstecken oder ins Ausland transferiert. Die Zeitschrift Welt (01.03.2013) erklärt dies wie folgt: Gerüchte über eine bevorstehende Finanzkatastrophe und die Angst vor einem Bankrott des Landes haben viele Griechen dazu getrieben, Milliarden Euro außer Landes zu schaffen. Das Finanzministerium in Athen schätzt diesen Betrag auf etwa 30 Milliarden Euro seit Ausbruch der Finanzkrise Anfang vergangenen Jahres. Die Gelder seien hauptsächlich nach Zypern, in die Schweiz und nach Großbritannien geflossen.

Neben den erwähnten ökonomischen Auswirkungen der Krise, leidet die Bevölkerung Griechenlands auch an gesundheitliche Folgen, die im nächsten Kapitel aus Sicht der Hilfesuchenden und der helfenden Berufe untersucht und dargestellt werden.

2.2 Medizinische Versorgung

Die allgemeinen Symptome einer Krise im Gesundheitswesen können laut Rebscher (2006, S. 129-140) leicht unter hohen und steigenden Kosten, schlechter Versorgungsqualität, Über-, Fehl- und Unterversorgung sowie vor allem verkrusteten Strukturen aufgezählt werden. Allerdings muss sich das Gesundheitswesen sowohl den sozioökonomischen Veränderungen, dem demographischen Wandel als auch der wechselnden wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Mitglieder einer Bevölkerung anpassen und kann dabei nicht erwarten, dass sich die Bedingungen so entwickeln, wie es zu seiner Stabilisierung nötig wäre. Ökonomen betrachten den Gesundheitszustand als eine Bestandsgröße, die über die Zeit abgeschrieben wird und die Gesundheitsleistung als eine Investition in den Gesundheitszustand.

Im Weiteren erläutert Schultheis (2003) in seinem Artikel den soziokulturellen Einfluss auf die individuelle Gesundheit. Er stellt wirtschaftliche, gesellschaftliche oder kulturelle Probleme, wie unter anderem Arbeitslosigkeit, Krisen, Stress und Druck am Arbeitsplatz, schwierige Wohnverhältnisse sowie schlechte Erfahrungen dar und meint, dass Ärzte ebenso gut wie Soziologen wissen, dass all die genannten gesellschaftlichen Faktoren und Fragen durchaus einen indirekten oder gar direkten Einfluss auf die Gesundheit der Menschen haben können. Dementsprechend können Ärzte erkennen, dass soziale Ungleichheiten, Armut, soziale Ausgrenzung u.s.w. mit einer deutlich höheren Krankheitsanfälligkeit einhergehen und teilen demnach mit den Soziologen denselben Gegenstand: den Menschen. Sie sind also Menschenwissenschaftler und ihre berufliche Aufgaben, Tätigkeiten, Gründe, Grundhaltungen und Erwartungen gehen von gemeinsamen Fragestellungen aus. Eine zentrale Quelle des Leidens an gesellschaftlichen Lebensbedingungen findet sich im raschen, radikalen oder gar revolutionären Wandel von gesellschaftlichen Strukturen und alltäglichen Lebensverhältnissen, wie bei Krisen. Der Autor kommt zum Schluss, dass wir heute in einer Zeit massiver wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Umbrüche leben und dass darüber bei allen Experten der Sozial-, Wirtschaftsund Humanwissenschaften ein ausgeprägter Konsens besteht.

Zusammenfassend können ökonomische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen einer Finanzkrise, wie Armut, Arbeitslosigkeit u.s.w. gesundheitliche Folgen bei den Betroffenen hervorrufen und Ärzte sollten laut den Autoren wissen, wie sie ihre berufliche Aufgaben, Tätigkeiten, Grundhaltungen und Erwartungen einsetzen. Ziel dieses Kapitels ist mit Hilfe der Literaturrecherche nicht nur die Situation der Ärzte und Patienten während der griechischen Finanzkrise darzustellen, sondern sowohl die Arzt-Patienten-Beziehung, bzw. Interaktion zu präsentieren als auch deren Gemeinsamkeiten und Unterschiedene anhand von Fallbeispielen der Krise aufzuzählen.

2.2.1 Hilfesuchende

Die Finanzkrise in Griechenland und die resultierten Sparmaßnahmen haben einen deutlichen Einfluss auf das Gesundheitssystem. Spiegel Online (22.011.2012) behauptet, dass sich laut Statistiken die Suizidrate in Griechenland drastisch erhöht hat. Seit 2009 hat die Zahl der Selbstmorde um ein Drittel zugenommen, was von vielen mit der Wirtschaftslage begründet wird. Der Minister für öffentliche Ordnung, Nikos Dendias, legte die Zahlen dem Parlament vor: Die Zahl der polizeilich gemeldeten versuchten oder vollzogenen Suizide belief sich im Jahr 2009 auf 677. Das war im letzten Jahr vor Ausbruch der Krise. Ein Jahr später stieg diese Zahl auf 830, 2011 auf 927. Bis zum 23. August dieses Jahres nahmen sich bereits 690 Menschen das Leben oder versuchten es. Der Minister sagte, dass der Entschluss zum Freitod nicht auf einen einzigen Faktor zurückgeführt werden könne. Es existieren diverse seriöse Artikel, Zeitschriften und Statistiken, welche die erhöhte Suizidrate bestätigen. Ein diesbezügliches, bekanntes und beindruckendes Beispiel war Dimitris Christoulas, der sich am vierten April 2012 vor dem nationalen Parlament selbst in den Kopf geschossen hat. Er begann Selbstmord aufgrund seiner Frustration und Angst über die Zukunft seines Landes und der Jugend. In der Zeitschrift Stern (06.04.2012) wurden seine letzte Worte aufgelistet: "Wir dürfen unseren Kindern keine Schulden hinterlassen." In seinem Abschiedsbrief klagt er an : "Die Regierung hat im wahrsten Sinne des Wortes meine Möglichkeiten zum Ü berleben zerstört. Mein Ü berleben, das durch eine würdevolle Rente gesichert sein sollte, die ich selbst (ohne staatliche Hilfe)über 35 Jahre einbezahlt habe, ist bedroht. Ich finde keine andere Lösung, als die eines würdevollen Endes, bevor ich anfange im Müll zu suchen, um mich zu ernähren".

Die Tageszeitung junge Welt (31.12.2012) befragte einen bekannten Traumatherapeuten und Psychologen über die Betroffenheit der Population aufgrund der derzeitigen Lage. Nicht nur er, sondern auch weitere Psychologen, Psychiater und Ärzte konnten bestätigen, dass viele Menschen Opfer von Gewaltübergriffen, sexuellen Missbrauch, schweren Unfällen oder Brandkatastrophen geworden sind. Viele ziehen sich zurück, zeigen sich handlungsunfähig, hilflos, apathisch oder flüchten sich in Alkohol. In der Bevölkerung herrscht aufgrund der Krise große Frustration und Depression, und es entwickelt sich ein Aggressions- und Gewaltpotential. Weil die Krankenkassen kein Geld haben und sich die wenigsten vor allem eine psychologische oder psychiatrische Behandlung leisten können, bleiben viele Krankheiten unbehandelt, sie chronifizieren und werden zu einem großen Problem in der Gesellschaft.

Ein weiterer wesentlicher Punkt seit Ausbruch der Krise ist der sprunghafte Anstieg der HIV-Infektionen, was unter anderem von Online Fokus (26.11.2011) näher berichtet und begründet wird. Ärzte, Seuchenexperten und der Vorsitzende der griechischen Forschungsgruppe zur Aids-Bekämpfung berichtet, dass sich viele Menschen in ihrer Verzweiflung absichtlich mit dem tödlichen Virus anstecken, um Sozialhilfe zu erhalten. HIV-Positive beziehen in Griechenland zusätzlich zu ihren Medikamenten lebenslang etwa 700 Euro in Monat, was deutlich mehr ist, als zum Beispiel Arbeitslose erhalten. Anhand von Statistiken und Befragungen hat sich ergeben, dass dies vor allem Heroinsüchtige betrifft, was Jenny Kremastinou, die kommissarische Vorsitzende des nationalen Seuchenzentrums bestätigte. Die Abhängigen würden absichtlich das Spritzbesteck bereits angesteckter Freunde benutzen. Die Statistik für Neuinfektionen in allen Bevölkerungsgruppen verzeichnet mit Stand Oktober im Vergleich zum gesamten Vorjahr bereits einen Anstieg um mehr als 50 Prozent. Zusätzlich teilte die transsexuelle Aktivistin Paola Revenioti der Zeitung mit, dass immer mehr Transsexuelle darüber nachdenken, sich infizieren zu lassen, denn die Infektion würde denen angesichts der staatlichen Zuwendung ein einfacheres Leben sichern.

Dennoch ist der Markt seit Ausbruch der Finanzkrise noch härter umkämpft, illegale Einwanderinnen bieten ihre Körper in ihrer großen Not für Beträge von nur noch rund 20 Euro an und missachten darüber hinaus jedes Gesundheitsrisiko.

Weiterhin berichtet die Ärzte Zeitung (20.10.2011), dass immer mehr kranke Menschen auf eine Visite beim Zahn- oder Hausarzt verzichten müssen. Die Gründe sind unter anderem sowohl die zu großen Entfernungen und hohe Kosten als auch die zu langen Wartezeiten. Patienten versuchen daher mit geringen Schmiergeldzahlungen die Warteschlangen in überlasteten öffentlichen Kliniken zu umgehen, da sie sich eine Versorgung in einer privaten Einrichtung nicht mehr finanzieren können. Zusätzlich beschreibt die Zeitschrift Zeit Online (11.06.2012), dass laut neuer Untersuchungsergebnisse das Land und die griechischen Krankenhäuser wegen der Schuldenkrise des Landes zunehmend Probleme haben und die Patienten nicht mehr versorgen können. Beispielsweise führt die größte Klinik in Thessaloniki, neben hunderten weiteren, keine kardiologische Untersuchungen oder Operationen mehr durch, aufgrund der personeller Unterbesetzung und fehlender medizinischer Geräte. Der Grund für die Versorgungsmisere ist, dass die Großhändler von Medikamenten und medizinischem Material die Krankenhäuser nur noch gegen Barzahlung beliefern, was dazu führt, dass viele kranke oder alte Griechen nicht mehr in der Lage sind, finanziell die Vorleistung zu begleichen. Diesbezüglich berichtet die Welt, dass während das öffentliche Gesundheitssystem vor dem Kollaps steht, müssten eigentlich private Krankenhäuser jubeln. Doch viele Griechen können sich die teuren Kliniken nicht mehr leisten, weil sie eben die finanzielle Möglichkeit nicht mehr haben.

Allgemein gilt also, dass Griechenland seine Patienten nicht mehr versorgen kann. Die Hilfesuchenden verzichten auf einen Arztbesuch aufgrund der hohen Kosten, lange Wartezeiten sowie großen Entfernungen und das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps, aufgrund der personellen Unterbesetzung, fehlenden medizinischen Geräten und Medikamenten in öffentlichen Einrichtungen. Einerseits können sich Menschen keinen Krankenbesuch in privaten Krankenhäusern mehr leisten und anderseits haben die Krankenkassen kein Geld mehr, was dazu führt, dass Menschen ihre Medikamente, ärztliche Leistungen und (Basis)Impfungen selbst zahlen müssen und dementsprechend meistens darauf verzichten. Einige Zeitschriften und Artikel bringen die Situation der Patienten durch Beispiele näher: Unter anderem stellt Dradio.de (21.08.2012) den Zustand diverser besorgter sowie betroffener Patienten dar um das Thema des gefährdenden Gesundheitssystems und den damit verbundenen gesundheitlichen Auswirkungen der Krise näher zu bringen. Für Hochschwangere ist der Kaiserschnitt zu teuer und Krebskranke können sich keine Chemotherapie mehr leisten. Ein 56 jähriger Patient namens Stefanos Spartinos, leidet unter hohen Blutdruck, Diabetes, schweren psychischen Problemen und benötigt aufgrund seines geschwollenen Fußes eine Operation, was er sich nicht leisten kann, da er wie hunderttausende anderer Griechen keine Krankenversicherung hat. Schließlich wird in mehreren Artikeln ein 61jähriger Herzpatient beschrieben, der im öffentlichen Krankenhaus in Preveza verstarb, da sich über zwölf Stunden kein Herzchirurg fand, um ihn zu operieren.

2.2.2 Helfende

Die gesundheitsbezogenen Situationen und Probleme der Hilfesuchenden werden in unserer Gesellschaft von den medizinischen helfenden Berufen unterstützt. Zu den Gesundheitsberufen in Griechenland gehören laut der griechischen Ärztekammer (http://www.pis.gr) diverse Pfleger-, Assistenz-, Therapeutische- und medizinisch technische Berufe. Die Mediziner, bzw.

Ärzte werden weiterhin je nach Weiter- und Ausbildung, sowie Schwerpunkt und Fachgebiet aufgeteilt. Grundsätzlich gibt es unter anderem Allgemein-, Arbeits-, Kinder- und Jugendmediziner, sowie Anästhesiologen, diverse Chirurgen, Frauen-, Haut-, Zahn-, Augen- und Hals-Nasen-Ohrenärzte, Innere Mediziner, Psychiater, Neurologen, Umweltmediziner, Radiologen, Urologen, Pathologen und Rechtsmediziner.

Rothgangel (2004, S. 177-181) meint, dass die allgemeine Rolle des Arztes mit eine Reihe von Erwartungen verknüpft ist. Er muss sowohl kompetent, neutral, unvoreingenommen als auch uneigennützig sein und seine Rolle weder ausnutzen noch seine Kompetenzen überschreiten. Durch die berufliche Sozialisation verinnerlicht er die geltenden Normen und Wertvorstellungen, die im Genfer Ärztegelöbnis formuliert sind und sih dem Hippokratischen Eid anlehnen. Dieser ist eine Schwurformel und enthält Grundsätze, die bis heute noch zur Berufsethik des Arztberufes zählen und die in das alltägliche Handeln eines Mediziners einfließen. Hierzu zählt beispielsweise das Erkennen von Kompetenzen, Verweisen an andere Fachkräfte und die ärztliche Schweigepflicht. Im Weiteren beschreibt der Autor, dass die Bevölkerung fünf Erwartungen nach den Soziologen Parsons (1951) an die Arztrolle stellt: Diese Erwartungen definieren die soziale Rolle des Arztes, daher das Verhalten und die Einstellungen, die man von ihm aufgrund seiner sozialen Position erwartet und beinhalten die Kompetenz, affektive Neutralität, Universalismus, funktionale Fertigkeiten und den Altruismus. Dementsprechend soll der Arzt fachliche Kompetenz besitzen, die er spezifisch für die Diagnostik und Therapie von Krankheiten einsetzt und nicht affektiv neutral im Sinne von emotionslos ist, sondern seine vor allem negative Emotionen kontrollieren kann und nicht seine Arbeit beeinflussen lässt. Zusätzlich soll seine Hilfsbereitschaft uneingeschränkt, also unabhängig vom Geschlecht oder der ethischen, kulturellen Herkunft sowie Religion der Patienten sein und er darf seine Rolle weder ausnutzen, noch seine Kompetenzen überschreiten, indem er Aufgaben anderer Fachärzte übernimmt. Ein Arzt dient dem Wohl der Gemeinschaft, stellt den Nutzen für sich als Individuum hintenan und sein eigennütziges Handeln soll der erwarteten altruistischen Orientierung widersprechen. Schließlich stellt der Autor das sogenannte Helfersyndrom als potentielle psychische Belastung eines Arztes dar, womit die Tendenz vieler professioneller Helfer bezeichnet wird, die eigene Hilfsbereitschaft dadurch überdecken, dass sie im Beruf Beziehungen mit besonders hilfsbedürftigen Patienten suchen. Dieses Verhaltensmuster dient dem Ziel, das Bild von sich selbst als das eines autonomen starken Menschen aufrechtzuerhalten.

Zusätzlich sind viele ärztliche Handlungen mit weiteren ethischen Entscheidungskonflikten und Belastungen verbunden. Schüler und Dietz (2004, Kapitel 7.4) beschreiben, dass der Arztberuf täglich sowohl individuelle Entscheidungskonflikte als auch Konflikte zwischen Ärzten mit sich bringen kann. Eine besondere Problematik kann aus der gleichzeitigen ethischen Verpflichtung gegenüber dem individuellen und allgemeinen Wohl entstehen, also wenn er auf der einen Seite dem Patienten verpflichtet ist, ihn bestmöglich zu behandeln und auf der anderen Seite der Gesellschaft gegenüber verpflichtet ist, die ihm anvertrauen Ressourcen verantwortungsvoll einzusetzen. Weitere Belastungen und Befürchtungen können auch entstehen, wenn die eigene Kompetenz in Frage gestellt und er damit von der Einbeziehung von Kollegen abgehalten wird oder bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ärzten.

Die Arzt-Patienten Interaktion und Beziehung lässt sich auf unterschiedliche Weise gestalten und spielt sich im sozialen, politischen und ökonomischen Kontext ab. Deter (2010, S. 20-31) beschreibt die grundlegende Faktoren der Arzt-Patienten Kommunikation. Einerseits gibt es die individuelle Kommunikationsfähigkeit des Arztes, welche von dem Hintergrund der speziellen Anforderungen verschiedener Phasen des Arztgespräches und diversen kommunikativen Bedürfnisse des Patienten abhängen und andererseits dem Hilfesuchenden selbst in seinem biopsychosozialen Kontext. Nicht nur körperliche und psychische Erkrankungen sondern auch Stress und soziale Faktoren können, laut dem Autor, die Kommunikation erschweren oder sogar verhindern und müssen dementsprechend vom Helfenden berücksichtigt werden. Die Relevanz des kontextuellen Rahmens wird insbesondere in Studien zum Stressleben und zu Auswirkungen von psychosozialem Stress auf die Gesundheitlich deutlich. Für die Arzt-Patienten Beziehung bedeutet dies, dass psychosozialer Stress und belastende Umweltbedingungen als auslösende und verstärkende Faktoren bei somatischen und psychischen Störungen gelten, die nicht nur unbedingt berücksichtigt, sondern auch als aktuelles Behandlungsziel definiert werden müssen.

Fakt ist, dass in der heutigen Gesellschaft stereotypische Vorstellungen bezüglich des Verhaltens und Handelns der Ärzte existieren. Bubbeberg (2004, S. 77-78) erklärt, dass Stereotypen vereinfache Vorstellungen über eine Personenkategorie oder über ein anderes soziales Objekt sind. Sie werden im Alltag als Klischees oder Schablonen bezeichnet und können als Vereinfachungen der Unterstützung von Urteilsbildungen bezeichnet werden. Sie können einen gewissen Wahrheitsgehalt enthalten, sind über die Zeit relativ stabil und ändern sich nur langsam. Stereotypische Meinungen können entweder als Teil einer grundlegenden Einstellung gelten oder sich nach längerem Kontakt auslösen und betreffen nicht nur Patienten mit gewissen Krankheitsbildern sondern auch Ärzte. Anhand vom Alter und Geschlecht aber auch von Situationen, Erfahrungen, Problemen u.s.w. werden ihnen bestimmte positive oder negative Eigenschaften zugeschrieben.

Zusammenfassend gilt der medizinische Helferberuf als wesentlicher Teil der Schicksaalgemeinschaft und es besteht eine doppelte Problematik aufgrund der Diskrepanz, bzw. der Widersprüchlichkeit seiner Möglichkeiten und Handlungen. Einerseits fühlt er sich verpflichtet aufgrund seines stereotypischen Rollenbildes den Kranken zu helfen und anderseits ist er aufgrund der allgemeinen Auswirkungen der Krise auf das Gesundheitssystem in seiner Hilfsbereitschaft eingeschränkt. Mit Hilfe der Literaturrecherche aus seriösen Artikeln und Zeitschriften werden hier die Auswirkungen der griechischen Finanzkrise auf das Erleben des Berufes als Arzt untersucht. Laut der Ärztezeitung (15.102.12) steht in Griechenland nach der Finanz- auch eine Gesundheitskrise bevor. Schuld an der aktuellen Misere des griechischen Gesundheitssystems sind die pauschalen Ausgabenkürzungen der Regierung bei gleichzeitigem Mangel an grundsätzlichen Reformen. Ärzte behandeln Patienten nur nach Vorkasse und in den meisten Krankenhäusern finden Behandlungen nicht statt, weil es am Nötigsten fehlt. Dradio.de (21.08.2012) beschreibt die Situation anhand eines Beispiels näher: Dr. Eleni Doulianaki ist Kinderärztin und zuständig für das Medikamenten-Hilfsprogramm in Griechenland. Sie betont, dass viele Patienten nicht mehr in der Lage sind, medizinische Routineleistungen in Anspruch zu nehmen, sowie, dass immer mehr Kinder keine Basisimpfung mehr bekommen, da ihre Eltern es sich nicht leisten können. Die Kinderärztin steht während des Interviews vor Spenden aus dem ganzen Land, welche Medikamentenpackungen, wie Schmerztabletten, Antidepressiva, Antibiotika und Salben umfassen und betont, dass Patienten und staatliche Krankenkassen Medikamente nicht mehr bezahlen können, weil allen das Geld ausgeht. Die meisten Ärzte versuchen durch Überstunden und freiwilligen Dienst den Mangel an Material sowie Personal auszugleichen. Sogar die Ärztekammer in Berlin betreibt eine soziale Praxis für Unversicherte und unterstützt dabei Hochschwangere denen der notwendige Kaiserschnitt zu teuer ist, sowie Krebskranke die sich keine Chemotherapie leisten können. Dr. Doulianaki ist erschüttert und hilflos, da sie an solch einer medizinischen Versorgung während ihres Studiums oder Assistenzzeit nie gedacht hat.

Weiterhin interviewt Spiegel Online (30.06.2011) einen Mediziner namens Dr. Varvarigos, der sich bereiterklärt hat, über etwas zu sprechen, worüber sonst keiner seiner Kollegen sprechen will und zwar über die Bestechung. Die Korruption im griechischen Gesundheitswesen (Fakelaki, also kleiner Umschlag) ist inzwischen ein Synonym für einen maroden Staat und eine verkommene Gesellschaft geworden. Als Leiter einer Geburtsklinik, Chefarzt und Vater einer fünfköpfigen Familie hat er im vergangenen Jahr weniger als ein Busfahrer in Athen verdient. Damit Patienten eine (schnelle) Behandlung bekommen und die Warteschlangen umgehen können, zahlen sie jährlich ca. 1700 Euro Schmiergeldzahlung. Außerdem wird Dr.Varvarigos neben vielen anderen Ärzten von Patienten ohne Einkommen oder Geld mit Geschenken «bezahlt», sowie mit einer Uhr, Goldkette mit Anhänger, Ikonen, Wein und Fisch.

40% der Ärzte sind in Griechenland inzwischen arbeitslos. Sogar medicaltopjobs.de (01.02.2011) erklärt, dass viele griechische Mediziner ihre Heimat verlassen wollen. Drohende Arbeitslosigkeit, schlechte Jobaus- sichten und lange Wartelisten für die Facharztausbildung gehören zu den wichtigsten Gründen für den Exodus der griechischen Ärzte. Die Zeitschrift Tagesspiegel (11.06.2012) beschreibt, dass die verbliebenen, berufstätigen Ärzte am Limit arbeiten, um ihre Patienten versorgen zu können. Einerseits haben die Patienten kein Geld, um ihre Medikamente zu zahlen und anderseits fühlen sich Ärzte, vor allem in den Krankenhäusern hilflos. Selbst Spritzen, Tupfer für die Operationen und Gummihandschuhe für die Ärzte sind vielerorts Mangelware. In manchen Kliniken wurden sogar die Mahlzeiten für die Patienten rationiert. Der Grund für den akuten Geldmangel: Um wenigstens die Gehälter der Staatsbediensteten und die Renten zahlen zu können, hat der Staat fast alle anderen Ausgaben eingefroren, darunter auch die Zuschüsse an die Krankenhäuser und Versicherungskassen. Die Lieferanten sitzen mittlerweile auf unbezahlten Rechnungen von rund zwei Milliarden Euro und beliefern die staatlichen Kliniken nur noch gegen Barzahlung. Die Folge ist, dass es immer mehr Engpässe bei der Versorgung mit Material und Medikamenten gibt. Viele Arzneimittel sind in Griechenland ganz aus dem Sortiment der Apotheken verschwunden. Die medizinische Helferberufe in Griechenland versuchen also nicht nur durch Überstunden und freiwilligen Dienst den Mangel an Material sowie Personal auszugleichen sondern nehmen auch Geschenke statt Geld für ihre beruflichen Leistungen von betroffenen Patienten an. Außerdem wurden bereits in einigen Städten Griechenlands Sozialpraxen von arbeitslosen, pensionierten oder sogar noch berufstätigen Ärzten gegründet, welche in ihrer Freizeit geführt werden. Die Frankfurter Allgemeine (02.03.2013) beschreibt, dass Ärzte im Dezember 2011 ein Gesundheitszentrum in Athen eröffnet haben, in dem bedürftige Patienten kostenlos behandelt werden. Eigentlich war dies als provisorische Einrichtung gedacht, als Hilfe in der Not, bis der Staat seiner Aufgabe wieder gerecht wird und die Lücke in der Gesundheitsversorgung schließt. Dort ist unter anderem Giannis Marangos, ein griechischer Zahnarzt beschäftigt, der seine eigene Praxis besitzt, im Gesundheitszentrum vor und nach seiner Arbeit hilft und dementsprechend abends erst um elf zu Hause ankommt. Alle Einrichtungsgegenstände sind Spenden aus dem ganzen Land, genauso wie der Zahnarztstuhl, die Babywaage und diverse Medikamente, Insulin, Impulsstoffe, Schmerzmittel, Milch für Säuglinge. Der Zahnarzt fürchtet, dass der Staat aus Hilfsaktionen wie diesen die falschen Schlüsse zieht, also dass er das Gesundheitssystem bedenkenlos weiter ausbluten lassen kann, weil sich die Bürger schon selbst retten. Genau darauf läuft es im Moment hinaus. Giannis Marangos und seine Kollegen haben im Laufe der Zeit ein richtiges Klinik-Netzwerk aus privaten und öffentlichen Krankenhäusern geknüpft, die jene Behandlungen übernehmen, die das Zentrum nicht leisten kann wie Operationen, Entbindungen, Radiographien. Auf diese Weise ist ein ehrenamtliches Gesundheitssystem entstanden, also eine Parallelwelt, in der der Staat keine Rolle spielt. Aber der Druck kann nicht beliebig erhöht werden, weil irgendwann jedes System zusammenbricht, auch das der Selbstorganisation.

Daraus ergeben sich diverse Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede bezüglich des subjektiven Erlebens und Handelns der helfenden Berufe und Hilfesuchenden während der griechischen Finanzkrise. Einerseits beziehen sich die Gemeinsamkeiten sowohl auf die Lebens- und Leistungsveränderungen, wirtschaftliche, gesellschaftliche oder kulturelle Probleme als auch auf die ökonomische Betroffenheit, Bedürftigkeit, Angst, Furcht und die Suche nach Lösungen oder Flucht ins Ausland. Die Unterschiede beziehen sich, laut diesem theoretischen Hintergrund, der Recherchen, eigenen Erfahrungen und Presseberichte insbesondere auf die Rollen der beiden Seiten. Die Hilfesuchenden verknüpfen die Rolle der Helfenden mit einer Reihe von Ansprüchen, Vorstellungen, Erwartungen und überlassen denen die Lösungen, Verantwortungen sowie Ressourcen. Daraus erfolgt, dass die Ärzte als Teil der Schicksaalgesellschaft gelten. Laut der Literatur leiden sie zwar weniger unter gesundheitlichen aber desto mehr unter ökonomischen, finanziellen, wirtschaftlichen und allgemein alltäglichen Folgen. Einige suchen nach Lösungen und fühlen sich verpflichtet, diese einzusetzen und andere fliehen hoffnungslos in ihre Dörfer oder ins Ausland, um überleben, bzw. weiterleben zu können.

3 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit

Mit Hilfe der Literaturrecherche wurde also festgestellt, dass aufgrund der griechischen Finanzkrise und den resultierten Sparmaßnahmen auch das Gesundheitssystem und dementsprechend nicht nur die Rolle der Patienten, sondern auch diese der Mediziner beeinträchtigt ist. Die drohende Arbeit- slosigkeit, schlechte Jobaussichten und lange Wartelisten für die Facharztaus- bildung gehören zu den wichtigsten Gründen für den Exodus der griechischen Ärzte. Die berufstätigen Ärzte behandeln Patienten nur nach Vorkasse oder Schmiergeldzahlungen und in den meisten Krankenhäusern können Behandlungen nicht stattfinden, weil es an nötigsten Materialien fehlt. Deswegen versuchen die medizinische Helferberufe während der Krise nicht nur durch Überstunden und freiwilligen Dienst den Mangel an Material und Personal auszugleichen, sondern nehmen Geschenke statt Geld für ihre ärztliche Leistungen an. Einige sind auch in ihrer Freizeit in Sozialpraxen beschäftigt, arbeiten kostenlos mit Spenden aus dem ganzen Land und sind mit einer Reihe von Entscheidungskonflikten, Belastungen und Befürchtungen konfrontiert. Schließlich gilt der medizinische Helferberuf als wesentlicher Teil der Schicksaalgemeinschaft, seine Rolle ist mit vielen Erwartungen und Hoffnungen verbunden und er leidet unter anderem auch aufgrund seiner Rolle in der Krise unter wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen Problemen wie Stress und Druck. Infolgedessen wurde festgestellt, dass nicht nur das berufliche sondern auch der alltägliche Leben der Ärzte aufgrund der Finanzkrise beeinträchtigt wird.

Aus diesen Überlegungen leitet sich folgende Fragestellung ab: Ob das subjektive Erleben des beruflichen Alltags und das berufliche Rollenbild der Ärzte während der griechischen Finanzkrise in einem Konflikt stehen und wenn ja, wie werden sie von den Betroffenen beschrieben?

Als Interviewpartner wurden Ärzte ausgewählt, die in öffentlichen oder privaten Einrichtungen in Griechenland beschäftigt sind. Hierbei liegt der Schwerpunkt der empirischen Untersuchung auf dem subjektiven Erlebnisaspekt der eigenen Möglichkeiten sowie der subjektiven Wahrnehmung des Berufes als Arzt und es wird nach der Spannung, bzw. nach dem Konflikt zwischen diesen beiden Aspekten gesucht. Um einen tieferen Einblick in die Forschungsfrage zu bekommen bietet sich hier die Form des Leitfadeninterviews an, weil der Befragte frei berichten, erklären, kommentieren und kritisieren kann und den Interviewer dadurch auf neue, erweiterte Gesichtspunkte richten kann. Es wurde angedacht, einige explizite Fragen während des Interviews zu stellen um die bereits erwähnte Forschungsfrage zu erweitern und zu konkretisieren:

- Wie hat sich ihr Leben das letzte Jahr verändert?
- Wie haben sich ihre sozialen Beziehungen im privaten Umfeld geändert?
- Wie hat sich ihr beruflicher Alltag im letzten Jahr verändert?
- Gibt es neue Probleme im Beruf und wie gehen sie damit um?
- Wie geht es ihren Patienten?

Durch die erste Frage «Wie hat sich Ihr Leben das letzte Jahr verändert?» soll der Interviewpartner spontan und offen über sein alltägliches oder/und berufliches Leben erzählen. Je nachdem folgen die weiteren offenen Fragen um einerseits zu überprüfen, inwieweit der Alltag und die soziale Beziehungen der medizinischen Helferberufe tatsächlich aufgrund der griechischen Finanzkrise beeinträchtigt sind und anderseits um zu untersuchen, inwiefern ihr beruflicher Alltag verändert wurde. Am Ende des Interviews folgen zwei eher konfrontative Fragen: «Gibt es neue Probleme im Beruf und wie gehen sie damit um?» und «Wie geht es ihren Patienten?», um vielleicht auch auf deren Erleben, Handeln, Gefühle und Verhalten einzugehen oder um zusätzlich das Gewissen, Selbstverständnis und die Solidarität zu hinterfragen.

4 Methodisches Vorgehen

Um der formulierten Forschungsfrage nachzugehen, wurden in der vorliegenden Arbeit qualitative Forschungsmethoden gewählt. In den folgenden Abschnitten wird das methodische Vorgehen explizit dargestellt sowie auf das Sampling, den Feldzugang und auf die Durchführung der Interviews eingegangen. Schließlich werden die Erhebungsmethode, seine Instrumente und das Auswertungsverfahren der Deutungsmusteranalyse präsentiert und begründet.

4.1 Qualitative Forschung

Laut Steinke (1999, S. 16) gibt es insgesamt diverse unterschiedliche Forschungsprogramme und methodische Ansätze, die unter dem Begriff Qualitative Methoden zusammengefasst werden. Ihre Kennzeichen sind Bestimmungselemente, die oft sehr heterogene Ansätze qualitativer Forschung miteinander verbinden, wobei diese je nach Richtung anders gewichtet, interpretiert, spezifiziert und ergänzt werden.

Mayrings Ansicht wird im Handbuch qualitativer Forschung von Mey und Mruck (2010, S. 225-237) zitiert und geht davon aus, dass ein verbreitetes Missverständnis der qualitativen Ansätze darin besteht, dass diese keine festen methodischen Regeln kennen, frei gestaltbar sind und völlig offen eingerichtet werden sollten. Es wird zwar immer wieder das Prinzip der Offenheit hervorgehoben, damit ist aber die Ablehnung einer Verpflichtung zu exakter Hypothesenformulierung gemeint, da diese gerade für solche Studien gar nicht möglich wäre. In der vorliegenden Arbeit wurde eine theoretische Einführung mit Hilfe der Literaturrecherche dargestellt, woraus eine Forschungsfrage abgeleitet, jedoch keine Hypothese formuliert wurde, da dies aufgrund des Prinzips der Offenheit undenkbar wäre. Der Autor beschreibt weiterhin, dass offene Interviews den Befragten nach festen Regeln, Spielräume für Nachfragen, Vertiefungen und Umformulierungen entscheiden lassen, um die Validität zu erhöhen. Offenheit in qualitativ orientierter Forschung bedeutet also an der Stelle Freiräume, um auf Besonderheiten des Gegenstandes eingehen zu können, die aber vom Interviewer kontrolliert werden müssen. Hopf stellt im Handbuch von Flick, Kardorff und Steinke (2004, S. 350) die enge Verbindung qualitativer Forschung und soziologischen Ansätzen dar. Die Stärke der Interviews liegt in der Möglichkeit, Situationsdeutungen oder Handlungsmotive in offener Form zu erfragen, sowie Alltagstheorien und Selbstinterpretationen nicht nur differenziert, sondern auch offen zu erheben.

Zusätzlich ist ein sehr wesentlicher Anspruch der qualitativen Vorgehensweise laut Flick, Kardorff und Steinke (2004, S. 1-17), die Lebenswelten von innen heraus aus Sicht der handelten Menschen zu beschreiben. Damit will sie zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit beitragen und auf Abläufe, Deutungsmuster und Strukturmerkmale aufmerksam machen, die dem Befragten meistens nicht bewusst sind. Mit ihren Beschreibungen nutzt sie also das Fremde, Abweichende und Unerwartete als Erkenntnisquelle. Flick (2005, S. 17-19) stellt die Berücksichtigung subjektiver und sozialer Bedeutungen als wesentliches Kennzeichen der Methode dar. Dementsprechend liegt der Grundgedanke darin, die angestrebte Objektivität der Untersuchung zu lösen und die Kommunikation des Forschers mit den Beteiligten zum Bestandteil der Erkenntnisbereiche zu machen. Außerdem beinhaltet sie ein spezifisches Verständnis des Verhältnisses von Gegenstand und Methode und behauptet, dass der zu untersuchende Gegenstand Bezugspunkt für die Auswahl der Methode ist. Gegenstände werden in ihrer Komplexität und Ganzheit in ihrem alltäglichen Kontext untersucht und Ziel der Forschung ist dementsprechend weniger Bekanntes zu überprüfen, als Neues zu entdecken.

Flick (2005, S. 48) fasst die gemeinsame Aspekte der theoretischen Positionen zusammen und unterteilt diese folgenderweise: Als erstes steht das Verstehen als Erkenntnisprinzip, was bedeutet, dass das untersuchte Phänomen (wie bereits erwähnt) von innen heraus verstanden werden soll. Daraus folgt die Fallrekonstruktion als Ansatzpunkt, also dass zuerst am Einzelfall angesetzt werden soll um eine Typologie zu entwickeln, bevor andere Fallanalysen vergleichend herangezogen werden. Zunächst folgt der Punkt der Konstruktion von Wirklichkeit, der als Grundlage gilt und besagt, dass die Phänomene in Gesprächssituationen interaktiv hergestellt und die Wirklichkeit darüber konstruiert wird. Als letzter Aspekt stellt er den Text als empirisches Material dar. Die Sicht des Subjekts wird infolgedessen als seine subjektive Theorie rekonstruiert bzw. formuliert und ein Interaktionsablauf wird aufgezeichnet und transkribiert.

Das mit der Fragestellung verbundene Forschungsinteresse erfordert eine Vorgehensweise, das den Zugang zu subjektiven Sichtweisen und Erfahrungen gewährt. Die qualitative Forschung bietet sich hier als bestes Verfahren an, aufgrund ihres Zieles, die Lebenswelten von innen heraus aus der Sicht der handelten Menschen zu beschreiben. Außerdem wurde zwar das Forschungsinteresse dargestellt, aber keine exakte Hypothesenformulierung gestellt, da ein weiteres Ziel dieser Vorgehensweise darin besteht, weniger Bekanntes zu überprüfen als Neues zu entdecken. Nicht nur das Prinzip der Offenheit bezüglich des Spielraumes und der Kommunikation, sondern auch die Berücksichtigung subjektiver und sozialer Bedeutungen, bzw. Sichtweisen spielen eine weitere wesentliche Rolle und sollen während des Ablaufes eingeplant werden. Trotzdem sollte festgestellt werden, dass nicht alles frei und offen gestaltbar ist, sowie, dass feste methodische Regeln beachtet werden müssen. Die bereits beschriebenen Kennzeichen gelten als Grundlage dieser Forschung und die Wahl der exakten Methode wird in den nächsten Punkten nähergebracht.

4.2 Sampling, Feldzugang und Durchführung

Der Begriff Sampling bedeutet in der empirischen Sozialforschung laut Przyborski und Wohlrab-Sahr (2010, S. 173-183) die Auswahl einer Untergruppe von Fällen, also von Personen, Gruppen, Interaktionen oder Ereignissen, die an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten untersucht werden sollen und die für eine bestimmte Population, Grundgesamtheit oder einen bestimmten Sachverhalt stehen. In qualitativen Untersuchungen kommen unterschiedliche Formen des Samplings, wie Zufallsauswahl, Schneeballsystem und Theoretical Sampling zur Anwendung, deren Bedingungen sowie Konsequenzen, Vor- oder Nachteile reflektieren werden sollten. In diesem Fall wurde das Theoretical Sampling von Glaser und Strauss ausgewählt, da der Grundgedanke nicht darin besteht, gleich am Beginn der Untersuchung, sondern erst nach den theoretischen Gesichtspunkten, die sich im Verlauf der Analyse herauskristallisieren, die Auswahl der Befragten zu treffen. Die Fallauswahl hängt also von den bereits entwickelten Konzepten und Theorien ab und dient deren Weiterentwicklung.

In diesem Fall wurde also aus dem theoretischen Wissen das Forschungsinteresse abgeleitet. Hierbei liegt der Schwerpunkt der empirischen Untersuchung auf dem subjektivem Erlebnisaspekt und der subjektiven Wahrnehmung des Berufes als Arzt und es wird nach dem Konflikt zwischen diesen beiden Aspekten gesucht. In diesem Fall wurde also nach Personen gesucht, die in Griechenland in öffentlichen oder privaten Einrichtungen als medizinische Helferberufe, bzw. als Ärzte beschäftigt sind. Es wurden acht Ärzte, davon vier griechisch- und vier die deutsch sprechen können ausgewählt. Davon sind zwei Zahnärzte sowie ein Urologe in privaten Einrichtungen, ein Lungenarzt und ein Allgemeinmediziner in öffentlichen Institutionen, ein Internist in einer Gemeinschaftspraxis sowie ein Kardiologe und ein Allgemeinchirurg in öffentlichen- und Privatpraxen beschäftigt.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist der Weg ins Forschungsfeld, denn qualitative Forschung ist Feldforschung. Wolff beschreibt als erstens im Handbuch von Flick, Kardorff und Steinke (2004, S. 334-338), auf welche Art und Weise es dem Forscher gelingt, mit seinem Forschungsfeld in Kontakt zu treten und seinem gegenüber zur Mitwirkung zu bewegen. Damit Forschung überhaupt zustande kommen kann, sollten die angesprochenen Vertreter von sich aus bereit sein, ungewohnte Zumutungen im Kauf zu nehmen. Dazu zählen unter anderen folgende Punkte: Zeit für Gespräche zu erübrigen, die Raumsouveränität teilweise aufzugeben, Peinlichkeiten auszuhalten, die eigene Kommunikationsbedürfnisse einzuschränken und die bislang geltende Selbstverständlichkeiten zu akzeptieren. Außerdem sollten sie noch vielfältige eigene Aktivitäten entfalten wie: sich in den Forscher hineinversetzen, ihn belehren, ihm Wege ebnen und auf kompetente Gesprächspartner hinweisen, Antworten auf eigene Fragen geben, ihm ohne Sicherheit Vertrauen schenken, die eigene Ungestörtheit signalisieren oder sich und anderen erklären, was es sich mit dem Forscher und seinem Projekt auf sich hat. Diese Kennzeichen wurden während der Erstellung des Interviewplans, des Feldzuganges und der Durchführung beachtet und der Leitfaden sowie die Technik wurden im Vorhinein in einer Versuchsstichprobe getestet, bzw. erprobt (die Erhebungsmethode wird genauer auf Punkt 4.3 beschrieben).

Es wurden insgesamt acht Ärzte, die auf der Insel Kreta berufstätig sind, kontaktiert und angefragt ob sie in anonymisierter Form bezüglich einer Bachelorarbeit mit dem Thema der griechischen Finanzkrise interviewt werden dürfen. Außerdem wurde sie darauf hingewiesen, dass die Interviews, in Begleitung eines Aufnahmegerätes, zwischen dreißig bis sechzig Minuten dauern wurden und in einem ungestörten Raum stattfinden müssen. Alle Befragten schienen sehr motiviert zu sein, schlugen einen bestimmten Termin vor und wünschten, dass die Durchführung des Interviews erst nach ihrem Dienst am Abend oder während der Mittagspause stattfinden sollte. Die Interviewpartner wurden vor Gesprächsbeginn gebeten eine Einverständniserklärung (auf Deutsch oder Griechisch) zu unterschreiben und es wurde ihnen eine bereits unterzeichnete Anonymitätserklärung (ebenfalls auf Deutsch oder Griechisch) von der Interviewerin vorgelegt (s. Anhang). Die bereits unterschriebene Anonymitätserklärung bestätigt, dass alle Angaben vollständig anonymisiert werden, so dass ein Rückschuss auf die Person nicht möglich wird, sowie, dass personenbezogene Daten nur in passwortgesicherter Form und getrennt von den Kontaktdaten aufbewahrt werden, um möglichen Bedenken vor der Befragung zu minimieren. Die Einverständniserklärung, die von den Befragten unterzeichnet, kopiert und auch mitgenommen wurde, enthält diverse Aussagen über den Zweck, Freiwilligkeit, Verantwortung, Aufnahme, Auswertung und das Widerrufsrecht. Es wurden nicht nur die Namen der Befragten und weiteren Personen, sondern auch die privaten oder öffentlichen Einrichtungen, in denen sie beschäftigt sind, in der gesamten Arbeit anonymisiert. Die Interviews fanden zwischen dem 06.02.2013 und 12.02.2013 statt und deren Dauer betrug zwischen 25 bis 55 Minuten.

4.3 Erhebungsmethode

4.3.1 Das Leitfadeninterview mit der speziellen Form des diskursiven Interviews

Die bei den vorliegenden Befragungen angewandte Erhebungsform ist das Leitfadeninterview mit einer speziellen Form des diskursiven Interviews. Zuerst zur Erklärung des Leitfadeninterviews: Steinert und Thiele (2008, S. 172-174) beschreiben, dass vor der Durchführung des Interviews ein Leitfaden erarbeitet wird, in den das Vorwissen des Forschers zu der Untersuchungsfrage eingeht. Mit dem Leitfaden werden einzelne Themenbereiche vorgegeben und das Interview wird thematisch eingegrenzt. Hierbei handelt es sich um offene, zu Erzählungen anregende Fragen, mit denen die Befragten gebeten werden, Erlebnisse im Rahmen der zu Disposition stehenden Themenbereiche zu schildern und dabei Platz haben sollen, um auch Bedeutungen, die jenseits der Vorstrukturierung liegen, zuzulassen. Zusätzlich stellen Hussy, Schreier und Echterhoff, G. (2010, S. 216) das Leitfadeninterview als ein halbstandardisiertes Interview dar. Dies bedeutet, dass die Reihenfolgen der Fragen dem Gesprächsverlauf angepasst und die Fragen in Anlehnung an die Begrifflichkeiten der Teilnehmer formuliert werden. Der Leitfaden dient bei dem Interview lediglich als Anhaltspunkt und stellt sicher, dass die Interviews in etwa vergleichbar sind. Dementsprechend kann am Schluss bei der Auswertung verglichen werden, was unterschiedliche Personen auf eine bestimmte Frage geantwortet haben. Im Weiteren beschreiben die Autoren, dass beim Leitfadeninterview drei Arten von Fragen gestellt werden und zwar einleitende-, Leitfaden- und Ad-hoc Fragen. Die einleitenden Fragen dienen dem Miteinander-warm-werden, wobei die Leitfadenfragen das Interview ausmachen und aufgrund von Vorkenntnissen stichwortartig gehalten werden und die Ad-Hoc Fragen durch spontane Nachfragen gekennzeichnet werden.

In diesem Fall wurden also diskursive Interviews durchgeführt, die als eine Unterkategorie der Leitfadeninterviews gelten und halbstrukturiert sowie leitfadengestützt sind. Das diskursive Interview wurde von Ullrich für den spezifischen Bereich der Deutungsmusteranalyse konzipiert. Die Deutungsmuster werden zunächst von Meuser und Sackmann (1992, S. 18) folgendermaßen erklärt: Sie stehen in einem funktionalen Bezug zu objektiven Handlungsproblemen, haben kollektive Sinngehalte und eine normative Geltungskraft, da der Geltungsbereich eines Deutungsmusters zwischen der Gesellschaft und den einzelnen sozialen Gruppen variiert. Außerdem sind sie nicht nur sehr strukturiert, sondern auch auf einer latenten, tiefenstrukturellen Ebene angesiedelt und haben den Status der relativen Autonomie, weil sie hinsichtlich der Konstruktionsprinzipien und Gültigkeitskriterien autonom sind und somit eine eigene Dimension sozialer Wirklichkeit konstituieren. Zusammenfassend beschreibt Arnold (1983, S. 894), dass Deutungsmuster stereotypische Sichtweisen und Interpretationen von Mitgliedern einer Gruppe sind, die diese zu ihren alltäglichen Handlungs- und Interaktionsbereichen lebensgeschichtlich entwickelt haben. Sie haben einen spezifischen Funktionszusammenhang von dem Wissen als eine Handlung leitender Orientierungs- und Rechtfertigungspotenzials und ermöglichen dem Einzelnen zugleich, identitätsstiftend seine Umwelt als sozialen Raum zu verstehen und in ihm zu agieren. Solche soziale Deutungsmuster können analysiert, bzw. ausgewertet werden (s. Punkt 4.4 Deutungsmusteranalyse) anhand des deskriptiven Interviews.

Dieses Interviewverfahren beruht laut Ulrich (1999, S. 432-435) auf der einfachen oder grundlegenden Überlegung, dass Deutungsmuster in alltäglichen Interaktionen kommuniziert sowie reproduziert werden und nutzt dabei den Umstand, dass die Wahrscheinlichkeit eines Rückgriffs auf soziale Deutungsmuster in Form von Derivationen am höchsten ist, wenn einer impliziten oder expliziten Begründungsaufforderung nachgekommen wird. Weiterhin beschreibt der Autor, dass diese spezifische Interviewtechnik zur angemessenen Analyse sozialer Deutungsmuster nicht ausreicht und dementsprechend bestimmte Befragungstechniken erforderlich sind. Als erstens soll sich das Auswahlverfahren nach dem Prinzip des Theoretical Samplings richten (s. Punkt 4.2). Zweitens soll die qualitative Befragungstechnik dazu neigen, Derivationen zu evozieren. Diese Art von Interview ermöglicht es, den Befragten direkt oder indirekt zu seinen Handlungsorientierungen und Situationsdefinitionen zu veranlassen und ihn darüber hinaus mit Widersprüchen und Inkonsistenzen zu konfrontieren. Drittens wird die Auswertungsstrategie durch einen fallkontrastierten Vergleich und eine typisierende Rekonstruktion soziale Deutungsmuster überhaupt erst erkennbar gemacht, interpretatorisch absichert und durch die parallele Rekonstruktion konkurrierender Deutungsmuster stabilisiert (s. Punkt 4).

4.3.2 Technik der Befragung und Instrumente des Interviews

Wie bereits im vorherigen Kapitel erwähnt, umfasst das diskursive Interview drei Forschungsphasen und zwar die der Auswahl, Befragung sowie der Auswertung, welche systematisch aufeinander bezogen und zugleich vollständig auf die Analyse sozialer Deutungsmuster ausgerichtet sind. Auf die erste Forschungsphase, der Auswahl nach dem theoretical Sampling wurde bereits im Kapitel 4.2 eingegangen und das Auswertungsverfahren wird im Kapitel 4.4 exakt beschrieben.

Die zweite Forschungsphase der qualitativen Befragungstechnik soll also dazu neigen, Derivationen zu evozieren. Diese Art von Interview ermöglicht es, den Befragten direkt oder indirekt zu seinen Handlungsorientierungen und Situationsdefinitionen zu veranlassen und ihn darüber hinaus mit Widersprüchen und Inkonsistenzen zu konfrontieren. Im Weiteren geht Ulrich (1999, S. 434-443) einzeln auf die verschiedene Aspekte, bzw. Techniken der Befragung ein. Als erstens muss ein Leitfaden konstruiert werden und dementsprechend folgende Fragen eindeutig geklärt werden:

- Warum wird die Frage gestellt? Von zentraler Bedeutung steht der Bezug zur Fragestellung, also ihre theoretische Relevanz. Jede Frage sollte also einen Bezug zur Forschungsfrage aufweisen. Also nicht rein technischer Art sein.
- Wonach wird gefragt? Die inhaltliche Dimension der Fragestellung ist eng mit der theoretischen Relevanz verbunden. Es soll überprüft werden, ob die Frage auch tatsächlich auf die intendierten Inhalte zielt.
- Warum ist die Frage so und nicht anders formuliert? Neben der inhaltlichen Bestimmung ist auch die Formulierung grundlegend für die Qualität einer Frage. Hier ist zunächst zu klären, welcher Stimulus- bzw. Fragetyp überhaupt angemessen ist.
- Warum steht die Frage an einer bestimmten Stelle? Hier handelt es sich um die Grob- oder Feinstruktur eines Leitfadens, bzw. um die Reihenfolge der Fragen. Im engen Zusammenhang mit der Ablaufstruktur eines Leitfadens steht auch das Verhältnis zwischen einzelnen Fragen. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei der "Hierarchie" der Fragen geschenkt werden und oft werden hierfür naheliegende inhaltliche oder technische Gründe angeführt werden.

Zunächst geht die Autorin auf die diversen Fragetypen ein, denn hinsichtlich der Form und der Funktion kann eine Vielzahl unterschiedlicher Fragen und anderer Stimuli unterschieden werden. Technische Fragen dienen in erster Linie der Handhabung des Leitfadens und können unter Informations- und Filterfragen, Haupt- und abhängige Fragen, Fragen zum Gesprächseinstieg sowie Wiederholungen und Wiederaufnahmen unterschieden werden.

Wichtiger als diese und weitere technische Aspekte ist die Unterscheidung von Fragen nach der inhaltlichen Zielrichtung. Idealweise können auch diese grundsätzlich unter Wissensfragen, Erzählaufforderungen, Aufforderung zur Stellungnahme und Begründungsaufforderungen aufgeteilt werden. Schließlich muss laut Ulrich aufgrund der hohen Bedeutung von Stellungnahmen und Begründungen für die Deutungsmusteranalyse ein Verfahren über Möglichkeiten einer gezielten Evokation von Stellungnahmen und Begründungen verfügbar sein. Hierzu sind ebenfalls bestimmte Frage- und Stimulusarten vorgesehen. Dazu gehören Hypothetische Situationen (Was würden sie tun?), Persilscheine (Gefühl vermittelt werden, dass auch vermeintlich sozial unerwünschte Sichtweisen ohne weiteres geäußert werden können und sollten), Bewusste Suggestivfragen (Erwartungen und Unterstellungen), Konklusionen und Zusammenfassungen (Wenn ich das richtig verstanden habe..), Konfrontationen sowie Polarisierungen (Einschätzungen und Beurteilungen eines Sachverhalts, zu denen sich die Befragten überhaupt nicht geäußert haben). Die wichtigste Grundregel für das Verhalten beim Interview muss also lauten, dass alle Fragen und Stimuli stets zielgerichtet und kontrolliert zum Einsatz kommen sollten. Alles ist erlaubt, solange es dem Erkenntnisinteresse dient und mit diesem begründet werden kann.

Die Tonaufzeichnung und die Transkription stellen zwei wichtige Instrumente jedes Interviews dar und wurden bei den vorliegenden Interviews angewendet. Scholz (2006, S. 11) betont, dass die Tonaufzeichnung des Gesprächsverlaufs eine einfache Gestaltung der Auswertung anbietet und ein wesentlicher Vorteil darin besteht, dass die verschiedenen Aussagen der Probanden eindeutig zugeordnet werden. Die Tonaufzeichnung erlaubt dem Interviewer, sich ganz auf dem Kommunikationsprozess zu konzentrieren und gleichzeitig situative Bedingungen und nonverbale Äußerungen zu beobachten. Flick (2005, S. 255) sagt dazu, dass die Verschriftung von Abläufen und Aussagen zu einer anderen Version des Geschehens führt. Jede Form der Dokumentation führt zu einer spezifischen Organisation des Dokumentierens und jede Verschriftung sozialer Realitäten unterliegt technischen und textuellen Strukturierungen und Begrenzungen, die das Verschriftete in einer bestimmten Weise zugänglich machen. Bei der Transkription müssen bestimmte Regeln nach Przyborski und Wohlrab-Sahr. (2010, S. 164-167) berücksichtigt werden, die ebenfalls im Anhang aufgelistet wurden. In der vorliegenden Arbeit wurden alle acht Interviews mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet und vier der Deutschsprachigen eigenhändig transkribiert Wesentlich dabei ist, dass eine Durchnummerierung jeder einzelnen Transkriptzeile erfolgt. Die Interviewerin ist mit dem Großbuchstaben «I», die Interviewten mit den Großbuchstaben «A», «B», «C» etc. bezeichnet wobei «f» und «m» für das Geschlecht der Befragten stehen. (Beispielsweise: Am, Bf). (die anderen vier wurden auf Griechisch durchgeführt, aufgezeichnet, ausgewertet aber nicht transkribiert: Eine CD liegt vor und kann jederzeit verfügbar gemacht werden).

4.3.3 Begründung der Methodenwahl

Die qualitative Vorgehensweise bietet sich hier in vielerlei Hinsicht für die vorliegende Untersuchung an. Mit der Literaturrecherche wurde bereits ein bestimmtes Forschungsinteresse abgeleitet und eine Fragestellung formuliert. Die Frage unter welchem Konflikten das subjektive Erleben und das berufliche Rollenbild der Ärzte während der griechischen Finanzkrise stehen, könnte bestimmte Deutungsmuster hervorheben und erfordert eine Vorgehensweise die den Zugang zu subjektiven Sichtweisen und Erfahrungen gewährt. Die qualitative Methode trägt nicht nur zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit bei, sondern macht auf Abläufe, Deutungsmuster und Strukturmerkmale, die dem Befragten meistens nicht bewusst sind, aufmerksam.

Mit Hilfe der Befragung und explizit der Leitfadeninterviews mit der speziellen Form der diskursiven sollen die Ärzte direkt oder indirekt zu ihren Handlungsorientierungen und Situationsdefinitionen frei, offen und spontan befragt werden. Das diskursive Interview wurde explizit für den Bereich der Deutungsmusteranalyse konzipiert und beruht auf der einfachen Überlegung, dass Deutungsmuster in alltäglichen Interaktionen kommuniziert und reproduziert werden. Es gibt verschiedene Techniken der Befragung die bereits von Ulrich zitiert, bzw. dargestellt wurden und hier im Einzelnen begründet werden:

Warum wird die Frage gestellt? Es werden allen Ärzten insgesamt fünf Fragen gestellt, die einen Bezug zur Forschungsfrage aufweisen. Als erstens wird ganz offen gefragt inwiefern sich das Leben der Befragten im letzten Jahr verändert hat. Je nachdem ob sie über ihr berufliches oder alltägliches Leben berichten, wird auf jedem einzelnen Aspekt eingegangen und dieser nach- oder hinterfragt. Dabei sollen die Befragten auf ihre soziale Beziehungen oder berufliches Leben eingehen. Am Schluss folgen zwei eher konfrontative Fragen «Gibt es neue Probleme im Beruf und wie gehen sie damit um?» und «Wie geht es ihren Patienten?».

- Wonach wird gefragt? Die inhaltliche Dimension der Fragestellung ist eng mit der theoretischen Relevanz verbunden. Es soll überprüft werden ob die Frage auch tatsächlich auf die intendierten Inhalte zielt. Dementsprechend wird also nach dem subjektivem Erlebnisaspekt und der subjektiven Wahrnehmung des Berufes als Arzt nachgefragt um den Konflikt zwischen den beiden Aspekten und die Deutungsmuster abzuleiten.
- Warum ist die Frage so und nicht anders formuliert? Die ersten drei Fragen sind exmanente, bzw. offene Fragen und sollen dazu führen, dass der Befragte frei berichten, erklären, kommentieren sowie kritisieren kann und den Interviewer dadurch auf neue, erweiterte Gesichtspunkte richten kann. Am Ende folgen zwei eher konfrontative Fragen um vielleicht auch deren Erleben, Handeln, Gefühle und Verhalten eizugehen oder um sogar das Gewissen, Selbstverständnis und Solidarität zu hinterfragen oder zu überprüfen.
- Warum steht die Frage an einer bestimmten Stelle? Hier geht es nicht nur um die Ablaufstruktur des Leitfadens sondern auch um die Hierarchie sowie Verbindung der jeweiligen Fragen. Durch das Gespräch sollen die beiden wesentlichen Aspekte der Forschungsfrage befragt werden und die mit Hilfe der Deutungsmusteranalyse ausgewertet werden.

4.4 Auswertungsverfahren

Insgesamt wurden also acht Interviews durchgeführt und vier der deutschsprachigen unter Berücksichtigung den vorliegenden Regeln transkribiert um die Interviewsituation sowie die Gesprächsdaten festzuhalten. Damit die Lesern und Leserinnen einen besseren Überblick über den Inhalt aller acht Interviews erhalten, beginnt die Einzelauswertung der ersten sechs mit einem Motto und einer Zusammenfassung, wo die wichtigsten Sätze, bzw. Inhalte des Gespräches abgehandelt und dargestellt werden. In weiteren folgt die Paraphrase, bzw. die Nacherzählung der wesentlichsten Aussagen der Befragten mit eigenen Wörtern. Laut Heinze (2001, S. 204) ist das Interviewprotokoll als Informationsquelle für einen unbekannten Ausschnitt der Wirklichkeit von großer Bedeutung. Relevant sind hier also die für objektivierbar zu haltenden Faktoren, die im Text mitgeteilt wurden. Die Interpretation der Interviewprotokolle ist ein Bestandteil des diskursiven Interviews und deren Auswertung folgt laut Ullrich mit der Deutungsmusteranalyse. In seinen Schriften (1999. S. 443- 445) beschreibt er, dass das Ziel der Interpretationsweise in der Rekonstruktion der einzelnen Deutungsmuster und deren interpretatorischen Absicherung sowie in der Entwicklung einer Typologie sozialer Deutungsmuster besteht. Deutungsmuster sagen dem Akteur nicht nur was der Fall ist, bzw. die Situationsdefinition sondern auch was richtig und wünschenswert ist, bzw. über die Handlungsorientierungen.

Lüders (1991, S. 377-408) versteht unter Deutungsmuster ein forschungspragmatisch-heuristisches Konzept und die Interpretation bewegt sich auf zwei Ebenen: Zum einem geht es um die Rekonstruktion des Falles, zum anderen um eine theoretische Auffüllung dessen, was im konkreten Projektkontext als Deutungsmuster verstanden wird. Zudem muss geklärt werden, in welchem Vermittlungszusammenhang das zu rekonstruierende Deutungsmuster mit anderen Bereichen sozialer Wirklichkeit steht. Der erste Schritt der Deutungsmusteranalyse besteht in der Bestimmung der Analyseebenen und zunächst sollte geklärt werden an welcher Stelle der Interviews die Interpretation beginnen soll. Damit konnte drittens die eigentliche Interpretation beginnen, die laut dem Autor, aus Platzgründen nicht vollständig in ihren sequentiellen Detailschritten nachgezeichnet werden kann. Stark gerafft sollen nur die wesentlichen Aspekte bei der Rekonstruktion des Deutungsmusters erwähnt werden. Schließlich geht er noch kurz auf die Deutungsmuster ein, die während der Interpretation untersucht werden sollten. Deutungsmuster sind latent, bzw. implizit und zwischen den vergegenständlichten Strukturen der sozialen Wirklichkeit und dem subjektiven Bewusstsein angesiedelt.

Zusammenfassend wird hier also nach den abgleitenden Deutungsmustern der Ärzte gesucht. Zu diesen gehören Situationsdefinitionen, Handlungsorientierungen sowie Strukturen sozialer Wirklichkeit und subjektiven Bewusstseins. Es wird also unter anderem nach Stereotypen, Typisierungen, Bewertungen, Handlungsanleitungen, Ursachenerklärungen, Folgen, Probleme und Emotionen gesucht, die schließlich anhand der Deutungsmusteranalyse ausgewertet, bzw. interpretiert werden. Diese Vorstellung entspricht dem Ziel den Konflikt der griechischen Ärzte zwischen deren subjektiven Erleben und beruflichem Rollenbild zu untersuchen und so verstehbar zu machen.

5 Darstellung der Ergebnisse

Im Folgenden wird auf das Motto, die Zusammenfassung sowie Paraphrasierung der ersten sechs Interviews ausführlich eingegangen, um die daraus abzuleitenden Deutungsmuster der Ärzte schließlich zu untersuchen. Das Ziel ist, wie bereits erwähnt, deren Konflikte zwischen dem subjektiven Erleben der eigenen Möglichkeiten und dem beruflichem Rollenbild während der griechischen Finanzkrise zu untersuchen. Aufgrund der detaillierten Darstellung der Ergebnisse, wird auf die letzten beiden Interviews erst im Punkt 6 kurz eingegangen.

5.1 Interview mit Am

5.1.1 Motto

« Ich bin ja nicht so optimistisch wie die Leute hier. Das heißt, dass ich befürchte, dass es noch weiter bergab gehen kann. Aber so, dass für mich im letzten Jahr die Entscheidung immer drängender wurde, ein weiteres ökonomisches Standbein hier in Europa zu finden».

Mit diesem Satz verdeutlicht Am nicht nur seine Verunsicherung und seinen Pessimismus über die Lage Griechenlands, sondern auch seine Entscheidung nebenbei als Vertretungsarzt in Deutschland zu arbeiten, um mit diesem zusätzlichen Einkommen zu überleben.

5.1.2 Zusammenfassung

Herr Am ist zweiundfünfzig Jahre alt, kommt ursprünglich aus Deutschland und arbeitet seit zehn Jahren als Internist in einer Gemeinschaftspraxis auf der Insel Kreta. Er ist damals aus familiären Gründen und speziell wegen seiner griechischen Frau hierhergezogen und hat versucht, sich anzupassen. Er musste also bereits vor Jahren viele große Entscheidungen treffen, die mit hohen Kosten verbunden waren und verlegte seine Praxis, um ein normales ärztliches Umfeld für sich und seine Patienten zu schaffen. Er berichtet sehr ausführlich über seine eigene Betroffenheit während Krise im letzten Jahr und äußert seine damit verbundenen Ängste. Ihm bleiben maximal sechshundert Euro im Monat übrig, um seine Frau und seine zwei Kinder zu versorgen, was allerdings nicht wirklich ausreicht. Dabei betont er, dass man sogar als Arzt inzwischen zusätzliches Einkommen braucht, um zu überleben.

Herrn Ams berufliche Situation hat sich im letzen Jahr extrem verändert. Er hat das Gefühl, viel mehr Leistung bringen zu müssen, arbeitet dabei vierzig bis fünfzig Stunden in der Woche und macht nebenbei Hausbesuche. Zusätzlich haben sich die Erwartungen seiner Patienten auch verändert, da sie von ihm eine Art Wunderheilung verlangen und nicht finanziell belastet werden können. Es gibt keine Medikamente oder Kassenrezepte mehr und die ärztlichen Untersuchungen und Besuche müssen bar bezahlt werden. Seine Patienten haben kein Geld und kommen nur, wenn ihr Kind beispielsweise an sehr hohem Fieber leidet und nicht so wie früher, wenn ihr Blutdruck zu hoch ist oder wenn sie einfach nur ein Blutbild haben wollen. Herr Am beschreibt ein weiteres aktuelles Problem und zwar das der Kommunikation und betont dabei, dass es ihm recht schwer fällt, sich in der griechischen Sprache auszudrücken. Während des Interviews beschwert er sich über die allgemeine Lage der Krankenhäuser und der kollegialen Behandlung. Zusätzlich erklärt er, dass die Rettung jedes Arztes die ärztliche Betreuung von Touristen im Sommer ist. Dementsprechend hat er letztes Jahr diverse Hotels und Reiseveranstalter kontaktiert, um mit Touristen arbeiten zu können, was aber nicht funktioniert hat, weil eben andere Ärzte bessere Kontakte, bzw. Bekanntschaften zu den Hoteldirektoren hatten. Er ist über diese Lage sehr frustriert und sucht nach einer Lösung, damit er seine Familie ernähren kann. Deshalb arbeitet Herr Am nebenbei seit letztem Jahr als Vertretungsarzt in Deutschland, wo er einige Male im Jahr für ein bis zwei Wochen zusätzliches Geld verdient, um seine ökonomische Basis zu stabilisieren.

Sein privates Leben wurde ebenfalls aufgrund der Krise beeinflusst. Seine größte Sorge ist die Zukunft seiner beiden kleinen Kinder und er klagt über deren katastrophale Ausbildung hinsichtlich späterer Studien- und Arbeitsmöglichkeiten. Obwohl seine Frau auch teilweise berufstätig ist, bringt sie kein sicheres Einkommen nach Hause und die Familie muss demgemäß mit seinem Lohn auskommen. Die sozialen Beziehungen der Familie haben sich auch verändert, da viele ihre Freunde entweder weggezogen sind oder es sich es nicht mehr leisten können, etwas Gemeinsames zu unternehmen. Es besteht inzwischen die Notwendigkeit zum Sparen, da die Familie mit einem Viertel weniger Einkommen als letztes Jahr zurechtkommen muss und sich deswegen auch bei ihren Hobbys und Reisen einschränken, beziehungsweise auf einiges verzichten muss. Die einzige Urlaubsreise ins Ausland für dieses Jahr wird von den österreichischen Verwandten der Ehefrau in Wien gesponsert.

Im Weiteren vergleicht Herr Am seinen derzeitigen Lebensstil in Griechenland mit seinem erwünschten in Deutschland und betont auch mehrmalig, dass es seinen Patienten hier viel schlechter gehe und sie viel größere Probleme hätten als er. Schließlich erwägt er die Vorteile einer Tätigkeit in Deutschland oder auch in Österreich, um seine Familie von dort aus besser finanziell unterstützen zu können. Da seine Frau aus persönlichen Gründen in Griechenland bleiben möchte, hat Herr Am nach dem Interview mit Tränen in den Augen seine Ängste zusammengefasst und die Interviewerin nach Rat gefragt. Sie hat versucht, neutral zu bleiben, ist auf seine Handlungsorientierungen und Wünsche eingegangen und hat ihn schließlich beruhigt, indem sie die bereits bestehende Kompromisslösung (er arbeitet ja schließlich nebenbei als Vertretungsarzt in Deutschland) nochmals betonte. Sie hat ihm nur geraten, mit seiner Frau nochmals darüber in aller Ruhe zu reden.

5.1.3 Paraphrasierung

Herr Am erlebt die griechische Finanzkrise als eine sehr bedrohliche und überfordernde Lebenssituation und seine Angst bezüglich der Arbeitssituation und dem sozialen Umgang ist bereits in den ersten Sekunden des Interviews sehr spürbar. Er beschreibt in einer ziemlich aggressiven Art, dass ihm nicht viel mehr als maximal sechshundert Euro im Monat übrig bleiben und dass er als Internist in seinem Job sehr eingeschränkt ist. Er berichtet, dass er aus rein familiären Gründen nach Kreta gezogen ist und hier bleiben muss, was auf eine Schuldverschiebung hinweist. Aufgrund der Krise und den resultierten Auswirkungen, hat er extremste Zukunftsängste und macht sich demgemäß viele Sorgen für die nachfolgende Generation und speziell für seine Kinder. Es ist so zu verstehen, dass er diese Schuld seiner Frau zuschreibt, da sie aus persönlichen Gründen hier bleiben möchte. Dieses aggressive Gefühl ist vor allem an der Stelle spürbar, in der er behauptet, dass sie kein sicheres Einkommen nach Hause bringt und er ganz alleine für die gesamte Familie sorgen muss. (Transkriptzeile 17-41)

Weiterhin stellt sich Herr Am selbst als sehr verunsichert dar und klagt über die Lage des Landes, wodurch sein Pessimismus spürbar wird. Es ist so zu verstehen, dass er sich sehr schwer in die Situation versetzen kann, da er nicht aus Griechenland stammt und dabei relativ ironisch über die Griechen spricht, welche die Entwicklung des Landes manchmal als optimistisch betrachten. Es wird sogar später deutlich, dass ein Kommunikationsproblem mit seinen griechischen Patienten besteht und er sich nicht auf eine emotionale Bindung mit ihnen einlassen will, was auf eine Kontrollverlustsangst oder sogar Verdrängung hinweisen kann (es wird danach explizit darauf eingegangen). Herr Am behauptet, nach vielen Lösungen gesucht zu haben und geht ein wiederholtes Mal auf den Punkt seiner derzeitigen Beziehungsprobleme ein. Er meint, dass ihre ökonomische Lage ganz anders wäre, wenn er Überstunden machen würde und sie bei den Kindern zu Hause bliebe. Dies ist laut seinen Aussagen ein traditionelles Familienmodell, was er allerdings seiner Frau nicht antun kann. Trotzdem ist dieser Fluchtwunsch spürbar, der in den nächsten Sekunden bestätigt wird, als er über sein weiteres ökonomisches Standbein in Europa berichtet. Er arbeitet also als Vertretungsarzt in Deutschland um zusätzliches Einkommen zu verdienen. Deutschland, Österreich und insgesamt Europa sind für ihn nicht nur Fluchtwege sondern auch ideale Rückzugsmöglichkeiten, da sein eigentlicher Wunsch eigentlich darin besteht, ins Ausland zu ziehen. Also existiert einerseits das Gefühl der Macht über seine Familie, da er diese als einzige ernährt und anderseits der Wunsch nach einem Fluchtweg, da ihm in Griechenland aufgrund der neuentstandenen Probleme die Macht sowie die Kontrolle als Arzt verloren gehen. (Transkriptzeile 42-71)

Nachdem er ein wiederholtes Mal über die schlechte ökonomische Lage sowie die negative Grundstimmung des Landes klagt und in einer humorvollen Weise über die Beziehung zu seiner Frau spricht, will er auf seinen persönlichen Konflikt eingehen. Dabei spricht er nicht über sich selbst, sondern stellt seine Existenzängste über die Entwicklung seiner Kinder in den Raum. Allerdings widerspricht er sich selbst, da es einerseits mit deren Ausbildung zurzeit sehr gut läuft und anderseits nicht. Das ist nicht nur ein weiterer Hinweis sondern eine Verschiebung seiner Zukunftsängste auf die seiner Kinder. Dies bestätigt sich, als er über die Frustrationstoleranz spricht, die er entwickeln muss, um die frustrierende Situation der Krise auszuhalten, ohne objektive Faktoren der Situation zu verzerren. Dies bedeutet, dass die Krise für ihn eine sehr bedrohliche Situation darstellt, was er aufgrund seiner Liebe zu seiner Familie aushalten muss. Er will seine Familie nicht zwingen oder motivieren, aber sein eigentlicher Wunsch wäre, ins Ausland zu ziehen. Trotzdem will seine Frau aus persönlichen Gründen hier bleiben und deswegen zweifelt er an der zukünftigen Lebensplanung seiner Familie. (Transkriptzeile 72-126)

Als die Interviewerin seinen Pessimismus hinterfragt, kommt er nach langen, ironischem Klagen, Beschwerden und Zweifeln über die griechische Bevölkerung auf den eigentlichen Punkt seiner Enttäuschung bezüglich der Patientenkommunikation. Dabei versucht er sich zu rechtfertigen, indem er seine Sprachkenntnisse in Frage stellt und gibt zu, dass es ihm schwer fällt, auf einer emotionalen Ebene zu kommunizieren. Er hat Angst, sich auf deren Situation einzulassen und schiebt ein weiteres Mal die Schuld den Patienten zu. Er vergleicht nicht nur die Mentalität sondern auch die griechischen Patienten selbst mit idealen Patienten in Deutschland und verdrängt seine eigentliche Solidarität, die erst später unbewusst zum Ausdruck kommt. Obwohl die griechischen Patienten den Wunsch nach Entlastung haben, nach einer Wunderheilung suchen und ihn schimpfen, wenn er nichts sagt, gibt es auch einige wenige, die in schätzen. Dieser Widerspruch wird durch seine Machtrolle als Arzt begründet. Aufgrund seiner Ängste bezüglich der Arbeitssituation, Kommunikation und Zukunft besteht sein aktuelles Ziel darin, sechs Monate in Griechenland zu arbeiten und als Vertreter in Deutschland sein Einkommen die restlichen Monate aufzubessern. Sein eigentlicher Wunsch ist ins Ausland zu fliehen, was seine Frau, wie bereits erwähnt, nicht unterstützen will. (Transkriptzeile 127-217)

Nach diesem langen Monolog kehrt die Interviewerin auf ihre Forschungsfrage zurück und fragt nach seinem veränderten beruflichen Alltag im letzen Jahr. Ein weiteres Mal erzählt er über die Enttäuschungen mit seinen Patienten und Kollegen sowie seine Bemühungen, hier mit Touristen zu arbeiten, was ihm nicht wirklich gelang. Er gibt zu, dass dies eine Kränkung seines verletzlichen Narzissmus ist und betont dabei seine mangelnde Geselligkeit. Herr Am versucht hiermit das erste Mal, sich selbst zu hinterfragen und erzählt, inwiefern ihn die Krise das letzte Jahr getroffen hat. Bezüglich seines Umgangs mit den beruflichen Problemen beschränkt er sich nur auf sich selbst und geht kaum auf seine Patienten ein, weil sie ihn eben enttäuscht haben. Trotzdem ist eine gewisse Solidarität spürbar, als er deren Lage beschreibt. Einerseits können sich Patienten keine Medikamente leisten und in den Krankenhäusern werden sie zu schnell entlassen, es können keine notwendige Untersuchungen durchgeführt werden, es existieren keine ambulanten Versorgungen und es werden trotz der langen Warteschlangen immer noch Schmiergeldzahlungen verlangt. Anderseits arbeitet er, obwohl er keine Lohnerhöhung bekommt, vierzig bis fünfzig Stunden lang, ist immer telefonisch erreichbar und bietet unentgeltliche Hausbesuche an. Im Weiteren kommt er auf seine eigene Gesundheit zu sprechen, seine finanzielle Unfähigkeit, eine privatärztliche Versicherung zu zahlen und auf seine damit verbundene Angst, wenn er selbst einmal operiert oder behandelt werden muss. (Transkriptzeile 218- 338)

Zunächst weicht Herr Am vom Thema ab, was einen Widerstand zeigt und beginnt über gesundheitsökonomische Probleme und fehlende Entwicklungsmöglichkeiten des Landes zu sprechen, um seinen großen Pessimismus verständlich zu machen. Durch diese Abweichung kommt trotzdem das Gefühl hoch, dass er tatsächlich unter großem Druck steht und unter der Krise leidet. (Transkriptzeit 339-335). Die Interviewerin versucht ihn das erste Mal zu konfrontieren, indem sie ganz offen und streng fragt, ob er noch etwas dazufügen möchte. Ganz irritiert weist er auf sein subjektives Erleben hin und beginnt seine Ängste ein weiteres Mal aufzuzählen. Er bringt seine Existenz- und Zukunftsängste zum Ausdruck, erzählt über den lebensbedrohlichen Lebensstil und macht aufmerksam, dass er sich in Griechenland sowieso nicht dazugehörig fühlt. Dann kommt er auf dem Punkt, dass die Entscheidung als Vertretungsarzt im europäischen Ausland zu arbeiten doch sehr belastend ist, da er sich nicht nur zu alt und zu schwach fühlt, sondern weil er doch von seiner Familie weit entfernt wäre. Als er immer trauriger wurde und dabei die Interviewerin ebenfalls belastete, versuchte sie seinen Fluchtweg als Zwischenweg für die Beziehung darzustellen. Als er sich beruhigte und das Positive betonte, begann er ein weiteres Mal über seine Kinder zu sprechen und verglich deren Ausbildung mit jener in Deutschland oder in Österreich. Als er sehr lang darüber sprach, beruhigte ihn die Interviewerin ein weiteres Mal und wechselte das Thema indem sie ihn über seine sozialen Beziehungen fragte. (Transkriptzeile 339-448)

Herr Ams Freundeskreis hat sich ebenfalls verändert und er fühlt sich sehr einsam, da seine Freunde entweder ins Ausland gezogen sind oder keine finanziellen Möglichkeiten haben, etwas mit ihm und seiner Familie zu unternehmen. Er erlebt dies als einen großen Verlust und ist auch neidisch, da er derzeit nicht die Möglichkeit hat, ebenfalls wegzuziehen. Außerdem hat er große Schwierigkeiten sparsamer zu leben, da er immer die Kosten hinterfragen muss. Er muss nicht nur seine Hobbys einschränken, sondern sogar auf sehr vieles verzichten. Er betont ein weiteres Mal, dass sein eigentlicher Wunsch darin besteht, wegzuziehen und dementsprechend aus dieser belastenden und lebensbedrohlichen Krise zu entfliehen. Es existiert hier ein sehr großer Konflikt zwischen seinem beruflichem und seinem Eheleben mit einer Frau, die als Griechin optimistisch ist und hier auf Kreta bleiben möchte. (Transkriptzeile 449-507)

Trotzdem kann sich die Familie etwas gönnen, also ab und zu essen oder tanzen gehen. Es gibt positive Aspekte die Herr Am nicht wahrnehmen möchte, obwohl er schließlich zugibt, dass es ihm doch nicht so schlecht geht, im Vergleich zu seinen Patienten. Er bestätigt deren Betroffenheit und zählt deren Schwierigkeiten auf, die viel massiver sind als seine. Zusammenfassend kann er sagen, dass es ihm besser geht als anderen Griechen und schlechter geht als vielen Deutschen. (Transkriptzeile 508- 531). Nachdem das Interview beendet war und das Aufnahmegerät ausgeschaltet war, begann er, wie bereits erwähnt, mit Tränen in den Augen weitere zehn Minuten über die Situation zu klagen. Es ist eine große Instabilität und somit ein großer Konflikt in seinem Leben vorhanden, den er genau mit seiner Frau noch besprechen wird.

5.1.4 Deutungsmuster

Um eine bessere Übersicht der ableitenden Deutungsmuster zu erhalten und um schließlich die Fragestellung zu beantworten, wird hier auf bestimmte Kategorien eingegangen:

1. Situationsmodell: Herr Am erlebt die griechische Finanzkrise als eine sehr bedrohliche und überfordernde Situation. Einerseits weist er uns während des Interviews auf seine berufliche Situation hin und berichtet, dass er aufgrund der Krise, den resultierten Sparmaßnahmen und den Lohnverkürzungen sechshundert Euro übrig hat und damit auskommen muss. Außerdem arbeitet er manchmal nebenbei als Vertretungsarzt in Deutschland, um zusätzliches Einkommen zu sichern und seine Familie ernähren zu können. In Griechenland arbeitet er ca. vierzig Stunden in der Woche, hat große Probleme mit seinen Patienten und vor allem mit der Kommunikation. Weiterhin berichtet er über die Lage des Landes, die fehlenden Medikamente und das Leiden seiner Patienten. Sein eigentlicher Wunsch ist es, nach Deutschland zu ziehen und zu arbeiten, was seine griechische Frau aus persönlichen Gründen nicht möchte. Anderseits berichtet Am über seine familiäre Situation: Er hat eine Frau, die kein sicheres Einkommen hat sowie zwei Kinder, die den Kindergarten und die erste Klasse besuchen. Seine Freunde sind entweder ins Ausland gezogen, oder haben nicht die finanzielle Möglichkeit mit ihm was zu unternehmen. Er muss seine Hobbys einschränken oder sogar ganz darauf verzichten und insgesamt in vielen Bereichen einsparen, um zu überleben.
2. Erkennungsschema: Daraus ergibt sich, dass Herr Ams berufliches und privates Leben aufgrund der Krise sehr beeinträchtigt wurden. Es kann auch so verstanden werden, dass der eine Bereich den anderen beeinflusst. Hier gibt es einen weiteren sehr großen Konflikt, da er die Lage in Griechenland sehr pessimistisch betrachtet und ins Ausland fliehen will, um dort zu arbeiten. Seine griechische Frau will allerdings auf Kreta bleiben und hier weiterleben. Diese Lösung ins Ausland zu ziehen, stellt für ihn einen Fluchtweg oder eine Rückzugsmöglichkeit dar, die er während des Interviews andauernd wiederholt. Es fällt ihm schwer, sich in der Lage der Griechen hineinzuversetzen, lässt sich auf keine emotionalen Bindung mit den Patienten ein, verschiebt seine Ängste und verdrängt seine Solidarität, die trotzdem später zum Ausdruck kommt.
3. Prioritätsattribute: Es ist schwer, die Wahrnehmungspriorität des Befragten auf eine Seite zu lenken, denn es bestehen für ihn Konflikte in beiden Bereichen, also im beruflichen und privaten. Sein einziger wirklicher Wunsch ist es, mit seiner Familie ins Ausland und speziell nach Österreich zu ziehen. Während des Interviews scheint es, als würde er die Verantwortung und somit die Machtrolle nicht nur für seine Familie, sondern auch für seine Patienten übernehmen. Er tendiert eher zu seinem eigenen subjektiven Erleben und stellt seine Ängste, Gefühle und Schwierigkeiten in den Raum. Was auch sehr oft im Mittelpunkt steht, ist sein Fluchtweg Deutschland. Er vergleicht die Lage, Mentalität, Situationen und Aufstiegsmöglichkeiten der beiden Länder, um die Interviewerin und sich selbst zu überzeugen, dass dies die einzige Möglichkeit zum Überleben ist. Schließlich vergleicht er sich mit seinen eigenen Patienten und bestätigt dabei, dass deren Betroffenheit und Schwierigkeiten viel massiver sind als seine.
4. Hintergrundswissen: Herr Am lässt sich anfangs nicht emotional ein und verschiebt die Schuld für seine derzeitige Situation auf seine Frau, seine Patienten und sogar das Land, da er damit seinen Pessimismus verständlich machen möchte. Das ist eine sogenannte Schuldverschiebung, die er anwendet, um seine eigene Meinung und Realitätswahrnehmung zu schützen. Es kommen also anfangs diverse Abwehrmechanismen zustande, die genau bei der Paraphrasierung dargestellt und begründet wurden. Er hat extremste Zukunfts- und Existenzängste bezüglich seiner Kinder und erst eher am Ende des Interviews setzt er sich mit der Lage seiner Patienten auseinander.
5. Emotionsmuster: Herr Am zeigt bereits am Anfang des Interviews seine Angst bezüglich der Arbeitssituation und dem sozialen Umgang. In einer sehr aggressiven Art und Weise klagt, schimpft und beschwert er sich über die aktuelle Situation in seinem beruflichen und privaten Leben. Während des Interviews überlegt er sich sogar, Frustrationstoleranz zu entwickeln, um die Lage auszuhalten und äußert öfters seine Existenz- und Zukunftsängste bezüglich sich und seiner Kinder. Er ist sehr verunsichert und sein Pessimismus über die Weiterentwicklung des Landes ist an vielen Stellen spürbar. Er spricht in einer humorvollen Weise über die Beziehung zu seiner Frau, was sich eigentlich als Aggression herausstellt, weil sie eben nicht aus Kreta wegziehen möchte. Er ist sehr enttäuscht über viele seiner Patienten, versucht sich nicht einzulassen und spricht die meiste Zeit sehr aggressiv über das Land und seine Situation. Eher am Ende des Interviews zeigt er seine Traurigkeit, die er auch ohne Aufnahmegerät genauer mit der Interviewpartnerin weiter bespricht.
6. Handlungseinleitungen: Herr Am arbeitet bereits als Vertretungsarzt in Deutschland, um zusätzliches Einkommen zu verdienen. Sein Wunsch ist es eigentlich, nach Deutschland oder Österreich zu ziehen, um dort mehr zu verdienen und ohne Ängste weiterzuleben. Da dies aber seine Frau nicht möchte, besteht sein aktuelles Ziel darin, sechs Monate in Griechenland zu arbeiten und als Vertreter sein Einkommen die restlichen Monate in Deutschland zu erhöhen. In Griechenland wird er in seiner Praxis weiterhin vierzig bis fünfzig Stunden arbeiten und nebenbei Hausbesuche machen. Er möchte aber trotzdem seine derzeitige Situation nochmals mit seiner Frau besprechen.

5.2 Interview mit Bf

5.2.1 Motto

«Ich denke, dass ich ja deswegen so sozial mit meinen Patienten umgehe, weil ich eben auch ein Patient bin»

Mit diesen Satz stellt Frau Bf auch ihre eigene gesundheitliche Betroffenheit dar. Sie kann ihre Schilddrüse nicht operieren lassen, weil sie sich die Operation aufgrund der Krise und ihrer finanziellen Lage nicht leisten kann. Mit diesem Zitat begründet sie unter anderem ihre Solidarität gegenüber ihren Patienten, die während des Interviews extrem spürbar ist.

5.2.2 Zusammenfassung

Frau Bf ist ca. fünfzig Jahre alt, kommt ursprünglich aus Deutschland und arbeitet seit über zwanzig Jahre als Zahnärztin in einer Gemeinschaftspraxis mit ihrem Mann, in Heraklion auf der Insel Kreta. Ihr Leben hat sich das letzte Jahr aufgrund der Krise sehr verändert, da sie mehr arbeiten und mit weniger Einnahmen auskommen muss. Sie hat während der Krise immer mehr Patienten aufgrund ihrer angebotenen Sozialtarife und dementsprechend mehr Stress und weniger Freizeit. Neben ihrer Privattätigkeit in der Gemeinschaftspraxis arbeitet sie auch in einer Sozialpraxis für Arbeitslose mit dem Hintergrundgedanken, dass alle in der Krise zusammenhalten sollten. Aufgrund der hohen Medikamentenkosten, wird Frau Bf demnächst auch nach Deutschland fliegen um deutsche Firmen für eine Medikamentenspende für die Sozialpraxis zu überreden. Im Weiteren berichtet sie, dass immer mehr zusätzliche Kosten auch in ihrer Privatpraxis auf sie zukommen: Ihre Angestellte bekommt doppelten Lohn an Weihnachten und Ostern, die Medikamente sowie die nötigen Materialien werden immer teurer und sie befindet sich nicht nur in einer hohen Steuerklasse mit einer Einkommensabgabe von fast fünfzig Prozent , sondern muss noch zusätzliche Kosten für ihren Besitz zahlen.

Im Weiteren erzählt Frau Bf einige Geschichten von ihren Patienten und betont dabei die junge Generation, die am meisten von der Finanzkrise betroffen ist. All ihre Patienten sind ihr sehr wichtig, sie muss immer eine perfekte Arbeit leisten und wird aber schließlich nicht richtig belohnt. Es existieren einige Patienten, die nicht zahlen wollen oder einfach nicht zahlen können, nach Beendigung der Arbeit verschwinden und sie mit den zusätzlichen Kosten für den Techniker stehen lassen. Frau Bf arbeitet insgesamt sehr zukunfts- und lösungsorientiert: Einerseits tauscht sie öfters ihre ärztliche Leistungen gegen andere Waren aus, vor allem wenn ihre Patienten Geschäfte besitzen und anderseits arbeitet sie nicht nur um Sozialtarife, sondern schlägt auch einigen vor, mit zwanzig Euro im Monat ihre Rechnung abzubezahlen. Insgesamt bietet sie zahnärztliche Leistungen an, die weniger kosten, zum Beispiel führt sie eine Wurzelbehandlung an einem Zahn durch, überkront ihn aber nicht, weil zusätzliche hohe Kosten anfallen würden. Sie bietet ihren Patienten alle mögliche Vereinbarungen und Lösungen an und hofft auf einen gutgehenden Tourismus diesen Sommer, weil sie in diesen Monaten hauptsächlich mit Hotels und Reiseveranstaltern arbeitet.

Frau Bf beschreibt weiterhin auch, inwiefern ihr privates, bzw. alltägliches Leben und Umfeld aufgrund der griechischen Finanzkrise beeinträchtigt wurde. Einer der wichtigsten Punkte, der auch ihren sozialen Umgang mit ihren Patienten erklärt, ist ihre eigene gesundheitliche Betroffenheit. Sie muss ihre Schilddrüse operieren lassen, kann sich das aber nicht leisten, weil sie keine fünftausend Euro übrig hat. Im öffentlichen Krankenhaus gibt es weder Ärzte und Personal, noch das notwendige Equipment für solche Operationen. Frau Bf weist uns auf ihren Alltag hin und erklärt, dass sie täglich erst um zehn oder elf nach Hause kommt sowie, dass ihr Leben hauptsächlich aus Schlafen und Arbeiten besteht. Außerdem muss sie auch auf vieles verzichten und sogar für ihre Schwiegermutter mit sorgen, da sie als Rentnerin kaum mehr etwas vom Staat bekommt. Einige ihrer Freunde sind ins Ausland gezogen und diejenigen die hiergeblieben sind, halten zueinander. Sie sind zwar bezüglich ihrer gemeinsamen Aktivitäten sehr beschränkt, jedoch hilft der eine dem anderen in jeder schwierigen Situation. Eine weitere Belastung ist die Kostenerhöhung des Heizöls, des Benzins und der Lebensmittel. Dabei stellt Frau Bf einige Lösungen in den Raum und betont, dass sie einen Holzofen hat, kaum mehr mit dem Auto fährt und hautsächlich von ihren eigenen Ernten lebt. Sie geht kurz und stolz auf ihre Kinder ein, welche die Möglichkeit bekamen, im Ausland zu studieren und hofft, dass die beiden sie und ihren Mann (falls sie keine Rente bekommen)

vielleicht später unterstützen können. Schließlich glaubt und hofft Frau Bf auf eine Besserung, sucht nach Lösungen und gibt trotz allem ihre Zukunftssorgen zu.

5.2.3 Paraphrasierung

Es ist sichtbar, dass Frau Bf in den ersten Sekunden des Interviews nicht wirklich auf die gestellte Frage eingehen will, da sie ganz strikt jene Punkte nennt, die insgesamt das letzte Jahr ihr Leben verändert haben. Es ist anzunehmen, dass sie die griechische Finanzkrise als eine sehr überfordernde und belastende Situation wahrnimmt, da sie die zunehmende Arbeits- und Stresssituation, das schlechte Gesundheitswesen, sowie die geringen Einnahmen und die beschränkte Freizeit aufzählt. Als die Interviewerin das schlechte Gesundheitssystem hinterfragt, klagt Frau Bf in einer sehr aggressiven Art und Weise über die Kassen, Probleme der öffentlichen Einrichtungen, also fehlende Medikamente, Geräte und Personal, bis sie auf den eigentlichen Punkt ihrer eigenen gesundheitlichen Betroffenheit gelangt. Sie bestätigt, dass sie sich ihre Schilddrüse operieren lassen muss und sich das aufgrund ihrer ökonomischen Lage nicht leisten kann. Einerseits erklärt dies ihre Aggression gegenüber dem Gesundheitswesen und anderseits wird später deutlich, dass sie deswegen so sozial mit ihren Patienten umgeht. (Transkriptzeile 1-14)

Im Weiteren begründet Frau Bf, wieso sie trotz der Krise immer mehr Patienten und deswegen weniger Freizeit hat. Es ist eine Verlustangst spürbar und zwar die Angst, weniger oder keine Patienten mehr betreuen zu können. Einerseits handelt es sich um ihren gesunden narzisstischen Anteil, der damit befriedigt wird, bzw. um die Macht als Ärztin und anderseits um ihre eigene gesundheitliche Lage, in der sie sich mit den Patienten identifiziert und ihre damit verbundene Angst, krank zu bleiben, bzw. nicht operiert werden zu können. Frau Bf gibt zusätzlich zu, dass sie aufgrund dieser zunehmenden Arbeitssituation kaum Freizeit hat und stellt dabei ihr «altes» Leben vor der Krise im Raum. Sie hat also gemeinsam mit ihrem Mann ein Haus gebaut, was auf eine Art Verbindung hinweist, ihre Kinder zum Studium geschickt und ist öfters in den Urlaub gefahren, was heute nicht mehr möglich ist. Sie und ihr Mann müssen sogar auf ihre Ersparnisse zurückgreifen, um überleben zu können, was das erste Mal auf deren Zukunftsängste deutet. (Transkriptzeile 15-29)

Anschließend berichtet Frau Bf über ihre sozialen Beziehungen und kommt sofort auf ihre Freunde zu sprechen, von denen die meisten nach Deutschland gezogen sind, gute Jobs haben und den Kontakt zu ihr quasi abgebrochen haben. Hier ist nicht nur eine Traurigkeit aufgrund des Verlusts ihrer Freunde, sondern auch ein Neid spürbar, der sich durch die Schuld erklärt, die sie ihrem griechischen Mann zuschreibt, für den sie nach Kreta gezogen ist. Trotzdem ist sie glücklich, dass ihre zurückgebliebenen Freunde sie unterstützen und helfen, obwohl ihre gemeinsamen Aktivitäten eingeschränkt wurden. (Transkriptzeile 30-46)

Sie berichtet weiterhin über die Rentner, die inzwischen kaum Geld von den Rentenkassen bekommen und gelangt zu dem Punkt, über ihre kranke Schwiegermutter zu berichten, für die sie und ihr Mann zusätzlich sorgen müssen. Hier ist nicht nur das Zusammenhalten der Familie sondern auch ihre Angst vor der Rente (die sich am Ende erweist) sichtbar. Ihre Solidarität und extreme Hilfestellung wird zusätzlich bewiesen, als sie über die Armen erzählt, die ihr Essen im Abfall suchen, denen sie immer wieder etwas gibt. Sie beschreibt in einer sehr traurigen aber auch aggressiven Weise die Zukunft, Erziehung und Ausbildung der Kinder in Griechenland und fühlt sich glücklich, dass sie ihren beiden die Möglichkeit gab im «vertrauensvollen» Ausland zu studieren. (Transkriptzeile 47-62)

Frau Bfs beruflicher Alltag hat sich seit der Krise auch sehr verändert. Obwohl ihre fachlichen Leistungen in der Privatpraxis mit diversen Belastungen verbunden sind, arbeitet sie zusätzlich als freiwillige Zahnärztin in einer Sozialpraxis. Da es kaum Medikamente und Materialien gibt, wird sie demnächst sogar nach Deutschland fliegen und schauen, dass sie welche gespendet bekommt. In diesem Punkt ist ebenfalls ihr großes Hilfsangebot sichtbar und findet dies als selbstverständlich. Für sie ist es normal, dass die Menschen, egal ob Patienten oder Ärzte, in einer Krise zusammenhalten, was wieder auf ihre eigene Betroffenheit hindeuten könnte. (Transkriptzeile 63-90). Sie stellt in einer sehr traurigen Weise die Betroffenheit ihrer Patienten dar, die nach einem erfolgreichen Studium nur vierhundert Euro als Kellner verdienen und beschwert sich über ihre Angestellte, der sie laut neuen Regeln mehr zahlen muss. Weiterhin zählt sie weitere Sorgen und Ängste auf, die aufgrund der Krise in ihrem Beruf zustande gekommen sind und schränkt sich auf das Thema Steuern ein. Sie wirkt sehr frustriert über die ökonomische, gesundheitliche, berufliche und wirtschaftliche Lage des Landes und versucht auch während des Interviews auf Lösungen zu kommen. (Transkriptzeile 91-130)

Wie bereits in der Zusammenfassung erwähnt, versucht Frau Bf in diversen Bereichen wie Heizöl, Benzin und Lebensmittel einzusparen, was ihr bis jetzt gelingt, allerdings versetzt sie sich ein weiteres Mal in die Lage ihrer Patienten, die sogar ohne Strom oder Fleisch leben müssen. In einer sehr ironischen Weise, als eine Art Abwehr, geht sie auf ihr gesundheitliches Problem zurück und fragt sarkastisch, wie sie sich eine Operation mit solchen Ausgaben und Folgen nun leisten könne. (Transkriptzeile 131-148) Im Nachhinein stellt sie diverse Lösungen zu den Problemen ihres Berufes dar, um sich auch selbst beweisen zu können, dass sie damit umgehen kann und ihren Job als Ärztin richtig macht. Sie erzählt, dass sie schon lange nicht mehr so streng ist und mit den Preisen um die Hälfte herunterging, damit ihr die Patienten wenigsten erhalten bleiben, was wieder auf eine Verlustangst hinweist. Frau Bf scheint in diesem Bereich sehr lösungs- und zukunftsorientiert zu arbeiten, da sie alle mögliche Vereinbarungen, Verkürzungen, Wert- und Leistungsaustausch nicht nur anbietet, sondern auch annimmt. (Transkriptzeile 149-164) Anschließend erzählt sie in einer relativ ruhigen Art ein Beispiel über drei Patientinnen die nach der Behandlung verschwunden sind und nichts bezahlt haben. Es ist eindeutig, dass sie durch diese Handlung betroffen und beleidigt wäre, was sie auch bestätigte. Sehr ironisch sprach sie allerdings auch über die Auswirkungen solcher Tatsachen (also wenn die Patienten nicht zahlen) auf ihre Beziehung zu ihrem Mann, der versucht, sie in jene Realität zurückzuholen, dass es sich um keine Sozial-, sondern um eine Privatpraxis handelt. (Transkriptzeile 165-179) Solche Probleme empfindet die Befragte als unverschämt, beleidigend und peinlich. Trotzdem gibt sie irgendwann auf und kontaktiert die Patienten, die ihr etwas schulden, nicht mehr. Ihre größte Angst, die sie hier zugibt, ist also die Verlustangst, also ihre Patienten ganz zu verlieren und sie setzt sich trotz allem ein weiteres Mal in deren Lage auseinander. In einer sehr traurigen Stimmung berichtet sie über die armen Patienten, die sich nichts leisten können sowie, dass sie als Ärztin helfen kann und deswegen auch umsonst arbeitet. (Transkriptzeile 180-197).

Später wird das Thema der Touristen angesprochen, da Frau Bf in den Sommermonaten hautsächlich mit Ausländern aus Hotels und Reiseveranstalter arbeitet. Sie glaubt und hofft, dass in diesem Sommer die Anzahl der Touristen steigt und kehrt zurück zum Thema ihrer beruflichen Probleme. Sie gibt zu, dass sie zu viel arbeitet und dafür zu wenig belohnt wird, versucht ihre Patienten ein weiteres Mal zu entschuldigen und zählt Programme für Arbeitslose auf. Sie will Hoffnung übermitteln und ihren Optimismus für die Weiterentwicklung des Landes damit betonen und stellt nochmals ihre privaten Lösungen in den Raum. (Transkriptzeile 198- 250).

Da Frau Bf immer schneller und nervöser wurde, konfrontierte sie die Interviewpartnerin mit einer offenen Frage und zwar, wie es ihr gehe. In einer ironischen Art antwortete sie noch „gut“ und eröffnete das neue Thema der Flucht. Frau Bf will nicht von der Krise ins Ausland fliehen, denn sie will als Helferin in ihrem Beruf vor Ort bleiben und die Betroffenen, soweit sie kann, unterstützen. Dieser Fluchtweg scheint nicht nur mit vielen Kosten verbunden zu sein, sondern auch mit Erwartungen und Kraft. Während des Interviews spricht sie so, sie als gäbe es für alles Lösungen, allerdings kommt ihre wirkliche Existenz- und Zukunftsangst zum Ausdruck, als sie über ihre eigene Rente spricht. Lachend und trotzdem traurig, wäre die einzige Lösung, falls sie und ihr Mann keine Rente bekommen würden, die Unterstützung der Kinder zu erfragen, was bei der Zeile 346 bestätigt wird. (Transkriptzeile 251-278 und 338-347)

Ein weiteres Mal berichtet sie über ihre Patienten, allerdings auch über die reichen und dies in einer sehr aggressiven Art und Weise. Die eher ärmeren würden alles tun, um sie irgendwann und irgendwie zu bezahlen und die eher reicheren sind eigentlich diejenigen, die verschwinden. Trotzdem beruhigt sich Bf selbst und kommt zum Schluss, dass sie deshalb nicht aggressiv werden würde, und dass es schwer ist, überhaupt mit solchen Problemen umzugehen, also verdrängt sie solche Aktionen. Um ihre Solidarität zu bestätigen, nennt sie ein Beispiel ihres Mannes, der ganz anders mit solchen Patienten umgeht: Frau Bf hatte einen Patienten mit einer Brücke und Kronen im Wert von dreitausend Euro versorgt, diese wurden dem Patienten provisorisch eingesetzt und er ist damit verschwunden, es wurde nicht bezahlt und sie musste sogar aus der eigenen Tasche den Zahntechniker zahlen. Als ihr Mann den Patienten endlich erreichte und ihm erklärte dass die Arbeit angeblich provisorisch sei, hat er ihm die Brücke entfernt, ihn ohne Zähne gelassen und weggeschickt. Trotz dieses aggressiven Umgangs ist der Patient wiedergekommen und hat seine Schulden bezahlt. (Transkriptzeile 279-316 und 348-377). Frau Bf wird von der Interviewerin mit der Frage ihre Gesundheit konfrontiert. Sie gibt zu, dass sie sich keine Schilddrüsenoperationen leisten kann und deswegen mit ihren Patienten so sozial und liebevoll umgeht. Sie ist nicht nur in diesem, sondern auch in anderen Bereichen, ähnlich wie ihre Patienten, betroffen und kann sich in mehreren Bereichen mit ihnen identifizieren. (Trankriptzeile 319-324) Frau Bf ist ein sehr sensibler Mensch und will trotz ihrer finanziellen, ökonomischen und gesundheitlichen Belastung jedem Patienten irgendwie helfen.

5.2.4 Deutungsmuster

1. Situationsmodell: Frau Bf erlebt die griechische Finanzkrise als eine sehr überfordernde Situation und stellt ihre Betroffenheit nicht nur als Zahnärztin sondern auch als Mitglied der Gesellschaft dar. Im letzen Jahr hat sich ihr berufliches Leben sehr verändert, da sie mehr Patienten aufgrund ihrer angebotenen Sozialtarife und dementsprechend zunehmender Arbeit sowie weniger Einnahmen hat. Neben ihrer Privattätigkeit in der Gemeinschaftspraxis arbeitet sie auch in einer Sozialpraxis für Arbeitslose und will sogar demnächst nach Deutschland fliegen, um Medikamente gespendet zu bekommen. Zusätzlich sind ihr die Patienten sehr wichtig. Sie muss immer perfekte Arbeit leisten und arbeitet sehr zukunfts- und lösungsorientiert. Sie bietet also alle mögliche Vereinbarungen und Lösungen an, wie beispielsweise Leistungs- und Warenaustausch, monatliche Abbezahlung und ist mit ihren Preisen und fünfzig Prozent gesunken. Es gibt auch einige Patienten die nicht zahlen und verschwinden und statt einen Konflikt zu riskieren, arbeitet sie lieber umsonst, denn ihre größte Angst besteht darin, ihre Patienten zu verlieren. In ihrem alltäglichen Leben hat sich auch einiges aufgrund der Krise verändert. Bfs gesundheitlicher Zustand ist beeinträchtigt, da sie ihre Schilddrüse operieren lassen muss und sich dies aufgrund ihrer finanziellen Lage nicht leisten kann. Sie hat einige ihrer Freunde verloren, da sie ins Ausland gezogen sind, muss bei vielen Dingen verzichten und klagt über die Kostenerhöhung des Heizöls, des Benzins, der Steuer und der Lebensmittel. Sie kann in vielen Bereichen ihre Probleme selbst lösen, allerdings werden ihre eigentliche Zukunfts- und Existenzängste in einigen Punkten sichtbar: Ihre Gesundheit ist gefährdet, sie muss auf ihre Ersparnisse zurückgreifen um zu überleben und befürchtet, dass sie später keine Rente bekommt. Sie hofft also von ihren Kindern, die im Ausland studieren, später finanziell unterstützt zu werden. Insgesamt glaubt und hofft Frau Bf auf die gegenseitige Unterstützung, den Zusammenhalt und die Hilfe der Menschen während der Krise.
2. Erkennungsschema: Daraus ergibt sich, dass Frau Bfs beruflicher und privater Alltag aufgrund der Krise sehr beeinträchtigt wurde und dass hier ebenfalls der eine Bereich den anderen beeinflusst. Aufgrund ihrer eigenen gesundheitlichen Betroffenheit geht sie mit ihren Patienten sehr sozial um, denkt eher optimistisch über die Weiterentwicklung des Landes und glaubt an die gegenseitige Hilfestellung und Unterstützung der Menschen. Sie erlebt die Veränderungen in beiden Bereichen als sehr belastend und hofft auf eine Verbesserung.
3. Prioritätsattribute: Es ist sichtbar, dass die Wahrnehmungspriorität der Befragten auf ihre Patienten gerichtet ist. Sie berichtet öfters über ihre Patienten die sogar ohne Strom und Fleisch leben müssen, sowie über die Rentner die kaum Geld bekommen oder von der jungen Generation die trotz eines abgeschlossenen Studiums nichts verdient. Sie nennt diverse Beispiele, fühlt sich öfters in deren Situation ein und kann sich mit einigen identifizieren, um ihre eigene Betroffenheit auf die Seite zu schieben. Sie gibt zu, dass sie sich keine Schilddrüsenoperation leisten kann und deswegen mit ihren Patienten so sozial und liebevolle umgeht. Ihre Hoffnung ist, auch einen Arzt zu finden, der so sozial mit ihrem gesundheitlichen Problem umgeht und deswegen glaubt und hofft sie unter anderem auch auf das Zusammenhalten und gegenseitige Unterstützen der Menschen. Zusammenfassend besteht hier ein sehr großer Konflikt zwischen dem subjektiven Erleben, bzw. Problemen und dem Beruf von Frau Bf.
4. Hintergrundswissen: In einem weiteren Sinne kann behautet werden, dass Frau Bf ein sogenanntes Helfersyndrom entwickelt hat. Sie investiert ihre ganze Energie und Zeit in ihrer Arbeit und vernachlässigt ihr privates Leben. Hier kommen ebenfalls diverse Abwehrmechanismen zustande, die mit ironischem Lachen über ihre eigene Situation sichtbar werden, sowie einige Ängste und Emotionen, die im nächsten Punkt explizit dargestellt werden.
5. Emotionsmuster: Während des Interviews sind diverse Ängste und Emotionen spür- und begründbar. Im Mittelpunkt steht die Verlustangst der Befragten: Sie hat einige ihrer Patienten und Freunde verloren, ihre Kinder sind ins Ausland gezogen und sie befürchtet, weitere Patienten oder insgesamt Menschen zu verlieren. Aufgrund dessen geht sie auch in keinen Konflikt mit Patienten ein, die nichts zahlen und verschwinden, gibt jedoch zu, dass sie solche Reaktionen als unverschämt, beleidigend und peinlich empfindet. Sie ist sehr traurig und aggressiv über die Lage des Landes und die allgemeinen Auswirkungen auf die Gesellschaft und glücklich, dass sie ihren Kindern die Möglichkeit schenkt im Ausland zu studieren. Frau Bf eine sehr sensible Person und ihre Zukunfts- und Existenzängste kommen zum Ausdruck, als sie über ihre gefährdete Gesundheit, das Zurückgreifen auf die Ersparnisse, Überlebensstrategien und ihre Rente berichtet.
6. Handlungsanleitungen: Frau Bf ist trotz dieser Ängste eine sehr lösungs- und zukunftsorientierte Ärztin und Frau. Sie will nicht ins Ausland fliehen, sondern hier weiter leben und glaubt an gegenseitige Unterstützung, Zusammenhalt und Hilfe der Menschen während der Krise. Im beruflichen Leben geht sie sehr liebevoll, sozial und kaum streng mit ihren Patienten um. Einerseits tauscht sie öfters ihre ärztliche Leistungen gegen anderen Waren aus, vor allem wenn ihre Patienten Geschäfte besitzen und anderseits arbeitet sie nicht nur mit Sozialtarifen, sondern schlägt auch einigen vor, mit zwanzig Euro im Monat ihren Betrag abzubezahlen. Insgesamt ist Bf mit den Preisen um die Hälfte heruntergegangen und bietet zahnärztliche Leistungen, die weniger kosten, an. Zum Beispiel wurzelbehandelt sie einen Zahn, überkront ihn aber nicht, weil zusätzliche hohe Kosten anfallen würden. Sie bietet ihren Patienten alle mögliche Vereinbarungen und Lösungen an und hofft auf einen gut gehenden Tourismus diesen Sommer, weil sie in diesen Monaten hauptsächlich mit Hotels und Reiseveranstalter arbeitet. Im privaten Leben versucht sie, in allen möglichen Bereichen und Aktivitäten einzusparen und da das Heizöl, Benzin und Lebensmittel teurerer wurden, hat sie halt einen Holzofen, fährt kaum mehr Auto und lebt hauptsächlich von ihren eigenen Ernten. Trotz allem gibt sie nicht an, wie sie mit ihrem gefährdeten Gesundheitszustand in der Zukunft umgehen wird.

5.3 Interview mit Cm

5.3.1 Motto

«Meine Patienten sind hier und deswegen bleibe ich als Grieche da; und halte mit allen als Mensch und Arzt zusammen».

Herr Cm stellt sich selbst nicht nur als betroffenen Arzt sondern auch als betroffenen Bürger dar. Die einzige Lösung in seinen Augen ist das gegenseitige Zusammenhalten und Unterstützen der Griechen. Er hat sehr geringe Einnahmen und fühlt sich nicht nur als Vater und Ehemann, sondern auch als Arzt verpflichtet und gezwungen, die besten Leistungen in beiden Bereichen zu erreichen.

5.3.2 Zusammenfassung

Herr Cm ist Mitte fünfzig, stammt ursprünglich aus Athen, hat einige Jahre in Deutschland gelebt und studiert und arbeitet seit neun Jahren als Allgemein-Chirurg in seiner Privatpraxis auf Kreta. Er berichtet, dass die Auswirkungen der griechischen Finanzkrise nicht nur sein berufliches, sondern auch sein privates Leben sehr eingeschränkt haben. Cm weist auf seinen beruflichen Alltag hin und erklärt, dass er aufgrund der Krise seit letztem Jahr viel weniger Patienten betreut. Dementsprechend fühlt er sich psychisch und physisch sehr eingeschränkt und hat Angst, seine ärztlichen Fähigkeiten zu vergessen. Er stellt seinen Beruf als sehr hochgeachtet in der Gesellschaft dar und berichtet über die Befindlichkeit seiner Patienten, die sich nichts leisten können und schon am Telefon fragen, was ein Termin bei ihm kosten würde. Aufgrund der Krankenkassenprobleme müssen die Patienten inzwischen ihre Untersuchungen, Operationen und Behandlungen selbst bezahlen, allerdings macht Herr Cm einige Ausnahmen bei bedürftigen oder verlassenen Menschen. Er macht also öfters Hausbesuche und bietet seine ärztlichen Leistungen umsonst oder gegen Tauschwaren wie Wein und Kaninchenbraten an. Während des Interviews wiederholt er öfters, dass seine Arbeit darin besteht, den kranken Menschen zu helfen und dass er seine Patienten trotz allem immer sehr eng und persönlich betreut. Nebenbei arbeitet Herr Cm in zwei Privatkliniken mit den bestmöglichen internationalen Ausstattungen. Da die Kosten der Behandlung dort sehr hoch sind und die Patienten kein Geld haben, müssen sich die Privatkliniken im Sommer mit den Touristen begnügen. Im Weiteren zählt Herr Cm die Unterschiede zwischen den Privat- und öffentlichen Krankenhäusern auf und klagt nicht nur über die schlechte Ausstattung, Verpflegung und Sauberkeit, sondern auch über das mangelnde Personal und die langen Wartezeiten in den öffentlichen Kliniken. Dabei stellt er nicht die Kompetenz der anderen Ärzte, sondern die Situation in Frage und nennt ein Beispiel von seinem Vater, der an der Leiste operiert werden muss. Da er den öffentlichen Krankenhäusern nicht vertraut, würde er lieber mehr Geld sammeln und ihn in eine Privatklinik schicken. Herr Cm berichtet sehr streng über die Lage des Landes, die Veränderung des Eurowertes und betrachtet als einzige Lösung einen starken Zusammenhalt aller Griechen.

Aufgrund der Auswirkungen der griechischen Finanzkrise hat sich auch sein privates Leben sehr verändert. Er hat viel weniger Einnahmen, muss damit seine Frau und Kind ernähren und dementsprechend auf einiges verzichten. Früher ist er öfters mit seinen Freunden und seiner Familie ausgegangen und jetzt muss er sich in diversen Bereichen aus finanziellen Gründen einschränken. Beispielsweise geht er nicht mehr in Restaurants und Tavernen essen, sondern lädt seine Bezugspersonenzu sich nach Hause ein.

Herr Cm berichtet, dass er selbst in einer sehr großen und armen Familie aufgewachsen ist und begründet somit seine Solidarität zu seinen Mitmenschen, und er glaubt, dass eine Überwindung der Krise nur durch den Zusammenhalt der Gesellschaft möglich ist. Nur durch die gegenseitige Unterstützung kann das Land überleben. Laut seinen Aussagen handelt es sich um das Aus-, bzw. Durchhalten der Situation. Er glaubt nicht, dass die Krise vorbei ist, sondern dass sich die Situation in den nächsten Jahren noch mehr verschlechtern wird. Trotzdem hofft er, dass sich die Lage irgendwann stabilisieren wird und schimpft über Politiker und die Systeme, die das Land in den Abgrund führten. Da er bereits vor Jahren in Deutschland gelebt hat, zählt er einige Vergleiche zwischen der nordeuropäischen und griechischen Mentalität auf und kommt zu dem Schluss, dass Griechenland ein ganz normales Land wie jedes andere ist, das für das Wohl seiner Bürger sorgen muss. Außerdem fliegt Herr Cm oft nach Deutschland, um Fortbildungen bei bekannten Ärzten zu besuchen. Er will hier bleiben, als Arzt und Grieche weiterhelfen und betrachtet einen Um-, bzw. Auszug aus Griechenland nicht als Lösung, sondern als Flucht. Bedauerlicherweise wurde er während des Interviews aufgrund eines Notfalls kontaktiert, obwohl er gerade Mittagspause hatte. Er beendete seine Schilderung, entschuldigte sich und ging kurz, nachdem das Aufnahmegerät ausgeschaltet war, auf das Befinden seines Vaters ein. Tatsächlich muss sein Vater operiert werden und die ganze Familie spart Geld, um ihm dies zu ermöglichen.

5.3.3 Paraphrasierung

Auf die offene Frage, wie sich sein Leben das letzte Jahr allgemein verändert hat, geht Herr Cm direkt auf seinen beruflichen Alltag ein. Als er über die geringe Anzahl seiner Patienten berichtet, wird hier seine Verlustangst das erste Mal spürbar. Es handelt sich dabei nicht nur um seine narzisstische Befriedigung als Arzt, sondern auch um seine Existenz- sowie Überlebensängste als Mensch und die Befürchtung, seine ärztlichen Fähigkeiten zu verlieren (es wird später noch explizit auf die einzelnen Punkten eingegangen). Bereits am Anfang fühlt er sich in die Lage seiner betroffenen und armen Patienten ein und stellt seine Kooperation mit der allgemeinen Krankenkasse als unzureichende Lösung und Unterstützung dar. (Transkriptzeile 8-23)

Obwohl die Interviewerin danach nach seinem privaten Umfeld fragt, verbindet er dies als erstes mit seinem Beruf als Arzt. Er meint, dass sein Beruf trotz der Krise immer sehr hochgeachtet und anerkannt ist und stellt seine Funktion als wesentlichen und bedeutungsvollen Teil der Gesellschaft dar. Er geht nur ganz kurz auf seinen privaten Bereich ein und betont seine finanziellen Einschränkungen und worauf er alles verzichten muss. Da er sich kein Essen in Tavernen und Restaurants mehr leisten kann, lädt er lieber seine Familie und Freunde nach Hause ein. Es ist eindeutig, dass er seine Familie und Freunde nicht verlieren oder vernachlässigen möchte und dementsprechend nach weiteren Lösungen auch im privaten Bereich sucht. (Transkriptzeile 24-36)

Im Weiteren erklärt Herr Cm die Wichtigkeit seines Berufes als Allgemeinchirurg. Er meint, dass das Wort aus dem griechischen Wort Cheri stammt, was Hand bedeutet und dass die wichtigste Funktion seines Berufes in der Geschicklichkeit der Hände besteht. Da er aufgrund der Krise und der hohen Kosten der Operationen kaum mehr chirurgisch tätig ist, hat er also Angst, seine ärztlichen Fähigkeiten zu verlieren. Er befindet sich deswegen in einem bedrückenden Konflikt, was ihn innerlich sehr beeinflusst. Also handelt es sich in diesem Fall nicht nur um die Angst, seine Patienten zu verlieren, sondern auch um die Angst um sich selbst. Er gibt auch zu, dass er aufgrund dieser Angst psychisch und physisch leidet und sieht eine wesentliche Verbindung zwischen diesen beiden Aspekten. (Transkriptzeile 37-47).

Auf die Frage nach seinen Problemen im Beruf, berichtet er über seine veränderte Tätigkeit als Arzt. Er versucht nicht nur privat, sondern auch beruflich in jeder Art und Weise den Menschen zu helfen. Aufgrund seiner eigenen Befriedigung und seiner Solidarität bietet er meistens seine Behandlungen ohne Bezahlung an. Er nennt das Beispiel von einem kirchlichen Altersheim in einem Dorf, wo er Hausbesuche macht und Behandlungen umsonst anbietet. Er versucht nicht nur die Interviewerin, sondern auch sich selbst zu überzeugen, dass es ihm schließlich nicht um das Geld geht, sondern auch um die Hilfestellung, die er den Menschen anbieten möchte. Die einzige Lösung in seinen Augen besteht im Zusammenhalt der Gesellschaft und er fühlt sich als Arzt und betroffener Grieche gezwungen, allen Kranken zu helfen. Weiterhin beschreibt er, dass er von einigen Patienten auch Waren annimmt und lacht über ein bereits totes und enthäutetes Kaninchen, das er letztens für seine ärztliche Leistung von einem Patienten bekommen hat. Der ironische Zugang zu diesem Thema bestätigt nicht nur seinen verletzten Narzissmus als Arzt, sondern auch seine eigene Betroffenheit und Existenzangst. Weiterhin bestätigt er, dass sich der Wert des Euro aufgrund der Krise verändert hat. Jeder Arzt muss also lernen damit zu leben und ist gezwungen, seine Leistungen vor allem in so einer Situation umsonst und überall anzubieten. (Transkriptzeile 48-72)

Herr Cm betreut seine wenigen Patienten sehr eng und versetzt sich immer wieder in deren finanzielle Lage, weil er sich eben mit ihnen identifizieren kann. Er bestätigt nicht nur seine Befriedigung und Zufriedenheit, sondern geht ein weiteres Mal, voller Stolz, auf seine unentgeltlichen ärztliche Leistungen ein. Zusätzlich berichtet er, dass er als Chirurg in seiner Privatpraxis nicht überleben kann und dementsprechend nebenbei in zwei Privatkliniken arbeitet, in denen allerdings Patienten alle Kosten selbst übernehmen müssen. Diese Kliniken laufen nur im Sommer aufgrund der Touristen gut und er ist sehr glücklich über deren Ausstattung und das Personal. Dabei klagt er über die geringe Touristenzahl letztes Jahr und spricht voller Optimismus und Hoffnung über den erwünschten steigenden Tourismus im Jahre 2013. In einer sehr aggressiven Art und Weise klagt er weiter über die schlechte Ausstattung, Verpflegung, Sauberkeit sowie über das mangelnde Personal und die langen Wartezeiten der öffentlichen Kliniken. Er benennt das Beispiel seines Vaters, der eine Leistungsoperation dringend benötigt und betont, dass die Familie des Kranken lieber für die Behandlung in einer Privatklinik sparen möchte, da die Hygiene in den öffentlichen Krankenhäuser nicht gewährleistet ist. Das Beispiel mit seinem operationsbedürftigen Vater begründet den sozialen Umgang und die extreme Solidarität mit seinen Patienten. (Transkriptzeile 73-131)

Seine Betroffenheit und Traurigkeit wird bestätigt, als er sich weiterhin und über eine lange Zeit über die öffentlichen Krankenhäuser beklagt. Dabei schiebt er die Schuld nicht den Ärzten, sondern der Ausstattung, dem Management und der geringen Anzahl von Hilfspersonal zu. Herr Cm gibt außerdem zu, dass er auch mehr verdienen sollte, bzw. muss. In diesem Punkt widerspricht er sich selbst, da er einerseits mehr Verdienst haben möchte aber anderseits seine Patienten umsonst behandelt. Die Privatkliniken, in denen er beschäftigt ist, stellen für ihn eine Art Lösung dar, nur dort hat er überhaupt einen monatlichen Verdienst, einen finanziellen Gewinn. Dies ist ein weiterer Punkt, in dem seine Existenzängste zum Ausdruck kommen und ein Konflikt zwischen dem Überleben und seiner Solidarität entsteht. (Transkriptzeile 132-150)

Als die Interviewerin dies hinterfragt, bestätigt er seine eigene Betroffenheit und erklärt, dass er in seiner Privatpraxis kaum noch Patienten betreut und deshalb keinen Verdienst hat, so dass sein hauptsächliches Einkommen aus der Tätigkeit in den Privatkliniken stammt. Er hat sehr wenige Einnahmen und fühlt sich nicht nur als Vater und Ehemann, sondern auch als Arzt verpflichtet und gezwungen, die besten Leistungen zu erreichen. Ein weiterer Widerspruch kommt zustande, als er behauptet, dass sich die Lage verschlechtern wird, aber er dennoch die Hoffnung hat und der Glaube weiterhin in ihm besteht, dass sich die Situation stabilisieren wird. An erster Stelle und als einzige Lösung stehen für ihn der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung der Griechen und er schiebt die gesamte Schuld den Politikern und den finanziellen Systemen zu. (Transkriptzeile 151-178)

Wie bereits erwähnt, wurde das Interview zwischendurch abgebrochen, da Herr Cm telefonisch aufgrund eines Notfalls kontaktiert wurde. Trotz seiner Mittagspause hat er sich bereiterklärt, zu einem entfernten Dorf zu fahren um einen älteren Mann zu untersuchen. Zuvor zählte er die Unterschiede zwischen Griechenland und Deutschland auf und betonte, dass man die guten Seiten der beiden Länder in Betracht ziehen sollte. Mit diesem Punkt wurde klar, dass Herr Cm einige Probleme, auch bezüglich seines subjektiven Erlebens, zu verdrängen versucht. Er berichtet, dass er nicht nur ein betroffener Arzt, sondern auch ein betroffener Bürger ist und wiederholt, dass die einzige Lösung der ehrliche Zusammenhalt der Menschen ist. (Transkriptzeile 179-198).

Aufgrund Herrn Cms Angst, seine ärztlichen Fähigkeiten zu vergessen, stellt er schließlich seine diesbezügliche Lösung dar. Er besucht öfters Fortbildungen in Deutschland, um sein Wissen zu steigern und als Chirurg auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Zusätzlich will er als Grieche hier bei seinen Patienten und seiner Familie bleiben, gegen die Krise kämpfen und mit der Hoffnung leben, dass alles wieder besser wird. Nach dem Interview ist er ganz kurz auf das Beispiel seines Vaters eingegangen und hat seine Sorgen in den Raum gestellt. (Transkriptzeile 199-210)

5.3.4 Deutungsmuster

1. Situationsmodell: Herr Cm erlebt die griechische Finanzkrise als eine sehr bedrückende Situation und stellt sich selbst als betroffenen und eingeschränkten Bürger und Arzt dar. Er berichtet, dass sich im letzten Jahr nicht nur sein berufliches, sondern auch sein privates Leben und Umfeld extrem verändert hat. Als Allgemeinchirurg arbeitet er in seiner Privatpraxis und ist im Sommer in zwei Privatkliniken beschäftigt. Er betrachtet seinen Beruf als einen wesentlichen, hochzuachtenden und bedeutungsvollen Teil für die Gesellschaft und fühlt sich daher selbst gezwungen und verpflichtet ,die besten Leistungen zu erbringen. Insgesamt hat er seit letztem Jahr viel weniger Patienten und Arbeit und hat dementsprechend Angst, seine ärztlichen Fähigkeiten zu vergessen. Herr Cm geht sehr sozial mit seinen Patienten um, macht viele Hausbesuche und bietet unentgeltlich ärztliche Leistungen an oder tauscht sie sogar gegen Waren aus. Allerdings hat sich erwiesen, dass dieser soziale Umgang sehr sein privates Leben belastet, bzw. beeinflusst. Im privaten Bereich ist er eingeschränkt, verzichtet auf einigen Komfort, um zu überleben und um seine Familie zu ernähren. Es ist eindeutig, dass er nicht nur im Beruflichen, sondern auch im Privaten die besten Leistungen sowie Lösungen erbringen möchte. Außerdem benötigt sein Vater eine Operation, für die ganze Familie sparen muss, was unter anderem seinen sozialen Umgang mit seinen Patienten begründet. Insgesamt ist Herr Cm sehr zukunfts- und lösungsorientiert. Er widerspricht sich jedoch, was die Weiterentwicklung des Landes betrifft, da einerseits in ihm der Glaube besteht, dass diesen Sommer alles besser wird und er anderseits befürchtet, dass die Krise noch länger andauern wird. Als einzige Lösung betrachtet er die gegenseitige Solidarität der Menschen in Griechenland, egal ob Arzt, Patient oder Bürger.
2. Erkennungsschema: Daraus ergibt sich, dass Herr Cms berufliches und privates Leben aufgrund der Krise sehr beinträchtig wurde. Es besteht ein sehr großer Konflikt zwischen diesen beiden Bereichen, da er sich aufgrund seiner Position als Vater und Arzt sich gezwungen fühlt, die besten Leistungen zu erbringen. Außerdem kann behauptet werden, dass der eine Bereich den anderen sehr beeinflusst.
3. Prioritätsattribute: Es ist schwer, die Wahrnehmungspriorität des Befragten auf ein Thema zu richten. Er berichtet öfters über seine Patienten, setzt sich in mit deren Lage auseinander und identifiziert sich mit ihnen, allerdings geht er auch öfters in einer sehr traurigen Art und Weise auf seine Familie und sein Privatleben ein. Er glaubt und hofft auf das Miteinander der Menschen. Der Konflikt zwischen dem subjektiven Erleben und dem beruflichem Rollenbild ist hier sichtbar, vor allem als er über die gesundheitliche Situation seines Vaters spricht.
4. Hintergrundwissen: Hier kann auch behautet werden, dass Herr Cm nicht nur ein sogenanntes Helfersyndrom entwickelt hat, sondern auch, dass er die Rolle als Arzt und Vater sehr ernst nimmt und deswegen in beiden Richtungen sein Bestes versucht und sich somit selbst vernachlässigt.
5. Emotionsmuster: Während des Interviews wurden einige Emotionen bei Herrn Cm spürbar. Er hat sowohl Verlust-, Existenz- und Zukunftsängste in seinem beruflichen und privaten Bereich, leidet psychisch sowie physisch und fühlt sich gezwungen sowie verpflichtet, allen zu helfen. Es handelt sich dabei nicht nur um seine narzisstische Befriedigung als Arzt sondern auch um seine Existenz- sowie Überlebensängste als Mensch und die Befürchtung, seine ärztlichen Fähigkeiten zu vergessen. Er ist sehr bekümmert über die Lage seiner Patienten, fühlt sich daher öfters in deren Situation ein und ist äußerst traurig über die Gesundheit seines Vaters. Außerdem ist er aggressiv gegenüber der Situation des Landes und der öffentlichen Krankhäuser und schiebt die gesamte Schuld auf die Politik, den Bankensektor und der EU. Schließlich ist er auch sehr wütend auf sich selbst, da er einerseits aufgrund seiner Solidarität ohne großen Verdienst arbeitet, aber anderseits seine Familie ernähren und selbst überleben muss.
6. Handlungsanleitungen: An erster Stelle und als einzige und eigentliche Lösung stellt Herr Cm den Zusammenhalt des Volkes und die gegenseitige Unterstützung der Griechen dar. In seinem privaten Bereich muss er auf einiges verzichten und schränkt sich ein, will jedoch aber seinen Kontakt zu seinen Bezugspersonen nicht verlieren, also lädt er Freunde lieber zu sich nach Hause ein (Vielleicht eine Art Rückzugsmöglichkeit). In seinem beruflichen Bereich begann er mit der allgemeinen Krankenkasse zu kooperieren, was sich als unzureichende Lösung erwiesen hat, da er seit mehreren Monaten nicht für seine Arbeit bezahlt wurde. Somit kann er aus den Einnahmen seiner Privatpraxis nicht überleben und arbeitet nebenbei in zwei Privatkliniken, in denen allerdings Patienten alle Kosten selbst übernehmen müssen. Diese Kliniken schreiben positive Zahlen nur im Sommer, da es die einzige Anlaufstelle für erkrankte Touristen ist, aber er ist sehr glücklich über deren Ausstattung und das gut ausgebildete Fachpersonal. Schließlich besucht Herr Cm öfters Fortbildungen in Deutschland um sein Wissen zu steigern und als Chirurg auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Für die notwendige Operation seines Vaters muss die ganze Familie zusammenlegen, was sie jahrelang erspart hatte.

5.4 Interview mit Dm

5.4.1 Motto

«Hier die Griechen, wir haben eher einen Familiengeist… die Leuten ziehen zurück in ihrer Familie, und versuchen sich gegen den Angriff sozusagen, von der Stadt zu schützen».

Das Zurückziehen in die Familie stellt für Herrn Dm nicht nur eine Art Rückzugsmöglichkeit, sondern auch eine Schutz- und Überlebungsstrategie gegen den Angriff der Wirtschaftskrise dar.

5.4.2 Zusammenfassung

Herr Dm ist Ende fünfzig, stammt ursprünglich aus Athen, arbeitet als Lungenarzt in einem öffentlichen Krankenhaus auf Kreta und leitet dort die Abteilung der Thoraxchirurgie. Aufgrund der Krise hat sich einiges nicht nur in seinem beruflichen, sondern auch in seinem privaten Leben verändert. Er berichtet über die erhöhten Benzin-, Strom- und Heizungskosten und stellt seine persönlichen Maßnahmen in den Raum. Herr Dm muss, genau wie alle anderen Griechen, seine Ausgaben im Voraus kalkulieren, in vielen Bereichen einsparen und nach Prioritäten handeln, um zurechtzukommen.

Obwohl er als Staatsangestellter den höchsten Gehalt von 700 Euro bekommt, muss er sich in diversen Bereichen einschränken und fühlt sich während des Interviews öfters in die Lage anderer Menschen ein, denen es viel schlechter geht.

Im Weiteren beschreibt Herr Dm den Familiengeist Griechenlands, sowie die südländische Mentalität und vergleicht sie mit der anderer Ländern. Er erklärt, dass sich die Menschen auf ihre Familien zurückziehen, um sich gegen den Angriff des Staats zu schützen und dementsprechend auch kaum mehr Kontakt zu Freunden und Bekannten haben. Er und seine Frau müssen sich genauso schützen und sich dementsprechend, ähnlich wie die Tiere, aufgrund der Angst, des Ärgers und des Druckes zurückziehen. Die griechische Finanzkrise und ihre Auswirkungen sind für Dm schlimmer als jeder Krieg. Herr Dm hat aufgrund der aktuellen Situation einige Schulden, muss sein Haus abbezahlen und spricht voller Stolz über seine erwachsenen Kinder, da sie die Möglichkeit bekamen, in Deutschland zu studieren und zu arbeiten.

Herr Dm meint, dass sein privates Leben sein berufliches beeinflusst hat und dass er aufgrund seiner Situation ganz anders mit seinen Patienten umgeht. Obwohl der Stadtteil Kretas, indem er wohnt, das höchste Einkommen per Kopf hat, sieht er, in welchem Maß die Menschen und vor allem seine Patienten leiden. Früher waren alle Patienten versichert und die Krankenkassen haben alle Kosten übernommen. Jetzt haben die Kassen kein Geld, die Menschen also keine Versicherungen, da arbeitslos, und werden auch keine Rente mehr erhalten. Die Kranken zahlen fünf Euro für ihre Untersuchungen im Krankenhaus, was für viele Rentner, Arbeitslose und chronisch Kranke viel Geld ist. Zusätzlich beschreibt Herr Dm, dass die Patienten aufgrund ihrer Verunsicherung und Angst auch aggressiv wurden, bis sie wahrgenommen haben, dass es den Ärzten genau so schlecht geht. Er weist uns auf seinen Umgang mit seinen Klienten hin: er versucht deren Interesse in andere Richtungen zu lenken, stellt auch seine Betroffenheit als Angestellter dar und berichtet sogar manchmal über seine eigenen Probleme.

Im Krankenhaus fehlt es ihm als Arzt an vielen notwendigen und wirklich essentiellen Dingen. Er hat weder Handschuhe, noch ein Sterilisationsgerät oder Spritzen sowie keine Ersatzteile für seine medizinischen Geräte, weder Stifte oder Papier um Rezepte auszudrucken, bzw. zu verschreiben. Außerdem kam er oft in die Situation, seinen Patienten nicht das eigentliche nötige Medikament zu verschreiben, sondern ein anderes, nicht so wirksames, weil es einen großen Mangel an Medikamenten in den Krankenhäusern und Apotheken gibt. Die großen Pharmaunternehmen schicken keine Medikamente mehr nach Griechenland, weil sie befürchten, die Rechnung könnte nicht beglichen werden. Herr Dm meint, dass die gesamte Problematik schleichend gekommen ist und stellt zum Verständnis ein Beispiel dar: Wenn man einen Frosch in einen Topf mit heißem Wasser gibt, dann springt er sofort heraus, aber wenn man ihn in kaltes Wasser gibt und es langsam erhitzt, dann wird es immer wärmer, das Wasser kocht und der Frosch erkennt die Gefahr nicht und stirbt. Er meint, dass dieses Beispiel den ganzen Umfang der griechischen Finanzkrise darstellt: Die Probleme sind langsam gekommen und die Menschen haben sich nicht nur daran gewöhnt und sich angepasst, das Ende wird aber furchtbar für alle sein.

Weiterhin klagt Herr Dm über den Staat, der alle drei Monate unter der Aufsicht der Troika immer weitere Sparmaßnahmen dazufügte. Inzwischen sind alle Einkommen um die Hälfte gesunken und die Steuern sind um das Achtfache gestiegen. Er vermutet, dass sich die Lage im Sommer weiter verschlechtern wird, lebt allerdings in der Hoffnung, dass in den nächsten Jahren alles langsam besser wird. Er ist optimistisch über die Weiterentwicklung des Landes, will Griechenland nicht verlassen und hofft, dass es auch seiner Familie, Freunden und Patienten bald wieder besser geht.

5.4.3 Paraphrasierung

Herr Dm geht auf eine sehr traurigen und gleichzeitig aggressive Art und Weise auf die offene Frage der Interviewerin ein und berichtet als erstes über sein subjektives Erleben der griechischen Finanzkrise. Um seine Betroffenheit im privaten Bereich darzustellen, zählt er einige Punkte seiner Maßnahmen und Einschränkungen auf. Er kann langfristig nichts planen, muss sich einschränken und sparen und auch beim Einkaufen Prioritäten setzen, um die Auswirkungen der Finanzkrise zu überleben. Er wirkt auch sehr lösungs- und zukunftsorientiert, als er über seinen Holzofen berichtet, den er aufgrund der erhöhten Heizungskosten einbauen ließ und über die Reisen, die er aufgrund der hohen Benzinkosten vermeiden muss. Im Weiteren verbindet er seinen Privaturlaub mit einigen Kongressen, die er als Arzt unentgeltlich besuchen darf. Vor Jahren nützte er dieses Angebot aus und fuhr gemeinsam mit seiner Frau in viele entfernte Länder, was heute nicht mehr finanzierbar und dementsprechend sehr enttäuschend für ihn ist. Seine eigentlichen Existenzängste werden deutlich, als er äußerst aggressiv über seinen niedrigen Gehalt als Arzt klagt. Trotzdem beruhigt er sich, als er sich in die Lage anderer Betroffener sowie Patienten versetzt und verschiebt somit seine eigentlichen Existenzängste auf sie. (Transkriptzeile 5-36).

Er klagt weiterhin über die Auswirkungen der Finanzkrise und schimpft über das Einkommen der Angestellten, das über fünfzig Prozent gekürzt wurde, sowie über die Steuer, die verachtfacht und den Strom oder das Heizöl, die dreimal so teuer wurden. Im Weiteren vergleicht er den griechischen Umgang mit der Krise mit mehreren Ländern und schreibt den Einheimischen, im Gegensatz zu den Nordeuropäern, einen ausgeprägten Familiensinn zu. Das Zurückziehen in die Familie stellt für Herrn Dm nicht nur eine Art Rückzugsmöglichkeit, sondern auch eine Schutz und Überlebensstrategie gegen den Angriff der Krise dar. Er fühlt sich unterdrückt, ängstlich und betroffen und sperrt sich dementsprechend mit seiner Frau, ähnlich wie die meisten Griechen, in seine vier Wände ein. Herr Dm erklärt, dass die Auswirkungen der griechischen Finanzkrise sogar schlimmer sind als diese im Krieg, und stellt somit ein weiteres Mal seine Existenzängste in den Raum. (Transkriptzeile 37-90) Herr Dm ist allerdings sehr glücklich darüber, dass seine Kinder im Ausland studierten und bis heute selbstständig arbeiten. Für ihn ist Deutschland eine andere Welt, voller Hoffnungen und mit einer sicheren Zukunft. (Transkriptzeile 91-96)

Nicht nur sein privates, sondern auch sein berufliches Leben als Arzt wurde aufgrund der Krise sehr beeinträchtigt. Er stellt die Situation im Krankenhaus dar und zählt dazu einige materielle Einschränkungen auf, die es ihm nicht erlauben, als Lungenarzt richtig tätig zu sein. In einer sehr sarkastischen Art erzählt Herr Dm, dass er keine Handschuhe, Ersatzzeile, Sterilisationsgeräte, Spritzen, Papiere oder Stifte hat. Dies schränkt ihn nicht nur in seiner beruflichen Ausübung ein, sondern auch psychisch, weil er somit den Kranken nicht richtig helfen kann. Aufgrund des Mangels an Medikamenten, gibt es auch öfters Tage, in denen er seinen Patienten andere Medikamente verschreibt, als diejenigen, die sie in Wirklichkeit benötigen. (Transkriptzeile 97-121)

Auf die Frage, wie er mit solchen Problemen umgeht, kann er keine direkte Antwort geben und beginnt, weiterhin sehr aggressiv über den Staat zu schimpfen. Er meint, dass die Probleme schleichend gekommen sind, nennt dafür ein lustiges Froschbeispiel um sich zu beruhigen und gibt zu, dass er darunter leidet und sich anpassen muss, genau wie alle anderen Griechen. Dabei betont er das erste Mal, dass nicht nur seine Patienten betroffen sind, sondern auch er und alle Ärzte, bzw. die gesamte Bevölkerung. (Transkriptzeile, 122-150) Aufgrund seines Erlebens kann er sich sehr gut mit den Patienten identifizieren und setzt sich dementsprechend in deren Lage ein. Er kennt sich gut mit der ökonomischen Situation des Landes aus und erzählt, wie seine Patienten leiden: Weil die Krankenkassen kein Geld haben, müssen alle Kranken fünf Euro für jeden Krankenhausbesuch und ihre gesamten Medikamente selbst bezahlen, was für chronische Patienten, Arbeitslose und Rentner nicht immer möglich ist. Er kann das nicht selbst kontrollieren, da sie gezwungen sind, bereits am Empfang der Klinik zu bezahlen und verliert dadurch seine eigene Entscheidungsfreiheit, weil er nicht unentgeltlich behandeln darf. Außerdem meint er, dass seine Klienten anfangs sehr überrascht waren, bis sie mitbekamen, dass alle im selben Boot sitzen und dass es den Ärzten ebenfalls aufgrund der Krise schlecht geht. (Transkriptzeile 151-194)

Inzwischen versucht er das Interesse seiner ängstlichen Patienten in eine andere Richtung zu lenken und berichtet dabei über seine eigene Lage, seine Betroffenheit als Angestellter und auch über politische Probleme. Herr Dm ist ein sehr sensibler Grieche und Arzt, spricht sehr traurig über die allgemeine Lage seiner Patienten und geht sehr sozial mit ihnen um. Während des Interviews sind seine Solidarität, Mitgefühl und Mitleid extrem spürbar. Nicht nur seine Rolle als Arzt, sondern auch als Ehemann, Freund und Vater sind ihm sehr wichtig. Er hat auf Kreta außer seiner Ehefrau keine Familie, trifft sich mit seinen Freunden viel seltener und zieht sich ansonsten nur zu Hause zurück. Seine wirklichen Ängste werden sichtbar, als er in einer ironischen Art und Weise über die Abbezahlung seines Hauses und seine Schulden berichtet. (Transkriptzeile 195-218)

Schließlich spricht Herr Dm über die sogenannte Wunderlösung, die er von irgendwo erwartet. Für die Schulden, erhöhten Kosten und Auswirkungen der Krise gibt es keine realistischen Lösungen, deswegen lebt er, genau wie alle anderen Griechen, in der Hoffnung und Erwartung, dass alles besser wird. Also lebt er in einer gewissen Phantasiewelt. Er ist sehr optimistisch, glaubt an den Zusammenhalt und die Unterstützung des Volkes und wird seine Hoffnung auf bessere Tage nicht aufgeben. Er verleugnet, ohne danach gefragt zu werden, dass die Griechen ein depressives Volk sind und widerspricht sich, als er anderseits zugibt, dass die Depressionsrate stark gestiegen ist.

5.4.4 Deutungsmuster

1. Situationsdefinition: Herr Dm deutet, dass sich im letzten Jahr nicht nur sein berufliches sondern auch sein privates Leben verändert hat und stellt sich als betroffener griechischer Bürger und Arzt in einer Situation die schlimmer als jeder Krieg ist, dar. Im privaten Bereich muss er seine Ausgaben im Voraus kalkulieren, in vielen Bereichen einsparen und nach Prioritäten handeln, um zurechtzukommen. Er wirkt auch sehr lösungs- und zukunftsorientiert, als er über seinen Ofen berichtet, den er aufgrund der erhöhten Strom- sowie Heizungskosten einbauen ließ und über die Reisen, die er aufgrund der hohen Benzinkosten vermeiden muss. Zusätzlich muss er einige Schulden, die ihm der Bau seines Eigenheims verursacht hat, abbezahlen und spricht voller Stolz über seine erwachsenen Kinder, die die Möglichkeit bekamen, in Deutschland zu studieren und zu arbeiten. Um sich gegen den Angriff der Staates und der Krise zu schützen, hat er sich, ähnlich wie viele andere Griechen, mit seiner Frau zurückgezogen und hat dementsprechend kaum mehr Kontakt zu Freunden und Bekannten. Im Weiteren berichtet er über sein berufliches Leben, welches sich ebenfalls im letzten Jahr sehr verändert hat. Als Lungenarzt und Leiter der Thoraxchirurgie in einem öffentlichen Krankenhaus verdient er nur noch 700 Euro im Monat und ist finanziell sehr eingeschränkt, da ihm viele wichtige materielle Sachen fehlen. Außerdem wird er öfters mit der Situation konfrontiert, nicht die notwendigen Medikamente seinen Patienten verschreiben zu können, weil es Mangel an diesen Medikamenten in den Krankhäusern und Apotheken gibt. Er versetzt sich also öfters in die schwierige Situation seiner Patienten, da er sich mit ihnen aufgrund seiner eigenen Betroffenheit identifizieren kann. Er erklärt, dass die Patienten wegen ihrer Verunsicherung und Angst auch teilweise aggressiv wurden, bis sie wahrnehmen konnten, dass es den behandelten Ärzten genau so schlecht geht. Er weist auf den Umgang mit seinen Klienten hin: er versucht deren Interesse in andere Richtungen zu lenken, stellt auch seine Betroffenheit als Angestellter dar und berichtet sogar manchmal über seine eigenen Probleme. Obwohl Herr Dm während des Interviews andauernd über den Staat schimpft, ist er doch optimistisch bezüglich der Weiterentwicklung des Landes. Er wartet auf eine Wunderlösung und lebt in der Hoffnung, dass es allen bald wieder besser gehen wird.
2. Erkennungsschema: Daraus ergibt sich, dass Herr Dms beruflicher aber auch privater Alltag aufgrund der griechischen Finanzkrise beeinträchtigt wurde, und somit steht fest, dass der eine Bereich den anderen beeinflusst. Sein materiell eingeschränkter Beruf und verkürzter Lohn haben einen deutlichen Einfluss auf sein privates Leben und sein subjektives Erleben erklärt vor allem seinen sozialen Umgang mit den Patienten. Im privaten Bereich zieht er sich einerseits zurück um zu überleben, und um sich vor den Auswirkungen zu schützen. Im beruflichen fühlt er sich anderseits gezwungen in einer sehr eingeschränkten Art und Weise zu arbeiten. Um seine eigene Betroffenheit zu verdeutlichen und um die aggressive Reaktion seiner Patienten zu vermeiden, erklärt er seinen Patienten deswegen auch seine eigenen Probleme. Er fühlt sich als ein betroffener und eingeschränkter griechischer Staatsbürger, und wartet wie jeder andere Mitbürger optimistisch auf eine Wunderlösung.
3. Wahrnehmungspriorität: Die Wahrnehmungspriorität des Befragten richtet sich auf seinen beruflichen und privaten Alltag, da der eine den anderen beeinflusst. Aufgrund seiner eigenen Betroffenheit im Beruf und in seinem Leben kann er sich in die Lage seiner Patienten versetzen und fühlt sich als Arzt im öffentlichen Krankenhaus sehr hilflos, da er keinen Einfluss auf das Gesundheitswesen hat. Einerseits kann er also nicht den Mangel an Material und Medikamenten ausgleichen oder etwas an der Krankenkassensituation sowie der Zuzahlung der Patienten im Krankenhaus ändern und anderseits seinen Lohn nicht erhöhen. Dementsprechend besteht ein sehr großer Konflikt zwischen seinem subjektiven Erleben und beruflichen Rollenbild. Aufgrund dessen fühlt er sich also hilflos und beängstigt.
4. Hintergrundwissen: Er nimmt zwar seine Rolle als Arzt und Bürger sehr ernst, hat allerdings keinen Einfluss auf diverse Auswirkungen der Krise und versucht irgendwelche Lösungen zu finden um seine Patienten zu versorgen und im Privaten zu überleben. Herr Dm nimmt seinen Helferberuf sehr ernst, trägt sehr viel Verantwortung für seine Patienten und versucht, anhand seiner Erzählungen Vertrauen herzustellen. Trotz, dass viele Behandlungen aufgrund des Mangels an Material und Medikamenten nicht stattfinden können, verschreibt er seinen Patienten irgendwelche billigeren Medikamente, um in irgendeiner Weise helfen zu können. Außerdem weist die Art, wie er sich mit seinen Patienten identifiziert, auf seine eigene Betroffenheit und Solidarität hin. Seine Rückzugsmöglichkeit ins Private stellt eine Flucht oder einen Schutz vor dem Angriff des Staates dar. Er hat viele Existenz- und Zukunftsängste, ist allerdings sehr optimistisch über die Weiterentwicklung des Landes und wartet auf eine Wunderlösung.
5. Emotionsmuster: In einer sehr aggressiven und traurigen Art und Weise klagt, schimpft und beschwert sich Herr Dm über die aktuelle Situation in seinem beruflichen und privaten Leben. Er fühlt sich in beiden Bereichen sehr eingeschränkt, empfindet die aktuelle Krisensituation als sehr bedrohlich und stellt diese noch schlimmer als jeden Krieg dar. Als er seine Überlebungsstrategien aufzählt und über seine eigentliche Betroffenheit berichtet, kommen seine eigenen Existenz- sowie Zukunftsängste zum Ausdruck. Seine Rollen als Arzt, Ehemann, Freund und Vater sind für ihn sehr wichtig und er verschiebt die gesamte Schuld an den Problemen auf die Politik, den Staat, das Gesundheitsweisen und auf die Systeme, auf die er keinen Einfluss hat (Angst vor Kontrollverlust). Außerdem hat er auch viele Verlustängste im Bezug auf seine Familie, die ins Ausland gezogen ist und seine Freunde, von denen er sich entfernen musste, da es seine ökonomische Lage nicht erlaubt, die gemeinsamen Aktivitäten weiterzuführen. Herr Dm ist ein sensibler Grieche und Arzt, spricht sehr traurig über die allgemeine Lage seiner Klienten und geht sehr sozial mit ihnen um. Während des Interviews sind seine Solidarität, Mitgefühl und Mitleid äußerst spürbar. Es kann behauptet werden, dass er in einer gewissen Phantasiewelt lebt, da er auf eine Wunderlösung wartet, die er sogar selbst als nicht realistisch darstellt.
6. Handlungsanleitungen: Um die Auswirkungen der Finanzkrise zu überleben, versucht Herr Dm im privaten Bereich langfristig nichts zu planen, sich einzuschränken, zu sparen und nach Prioritäten zu handeln. Aufgrund der erhöhten Strom- und Heizungskosten baute er einen Ofen, und aufgrund der hohen Benzinkosten verzichten er und seine Frau auf Reisen. Seine eigentliche Lösung im Privaten ist die Flucht oder der Schutz vom Angriff der Großstadt und seinen Problemen, indem er sich zu Hause zurückzieht (Rückzugsmöglichkeit). Bei seinen beruflichen Problemen hat er als Arzt in einem öffentlichen Krankenhaus sehr wenig Einfluss. Trotzdem gibt er seinen leidenden Patienten irgendwelche Medikamente und erzählt ihnen über seine eigene Situation, Betroffenheit, Lage und Problematik, um unter anderem deren aggressive Reaktion zu vermeiden. Schließlich ist er sehr optimistisch, glaubt an den Zusammenhalt sowie die Unterstützung des Volkes und wird seine Hoffnung auf bessere Tage nicht aufgeben.

5.5 Interview mit Em

5.5.1 Motto

«Ich habe wahrgenommen, dass sich mein Verhalten verändert hat und dass ich mich auf mich selbst zurückziehe»

Durch diesen Satz verdeutlicht der Befragte, dass er sich aufgrund der Krise und seiner damit verbunden Ängste zurückgezogen hat. Herr Em arbeitet zwölf Stunden am Tag und hat sich in seinem privaten Leben von allem distanziert, um sich zu schützen. Sein Garten, den er in seiner Freizeit pflegt, stellt für ihn nicht nur eine Rück- oder Fluchtmöglichkeit, sondern auch eine Überlebungsstrategie dar.

5.5.2 Zusammenfassung

Herr Em ist vierundfünfzig Jahre alt und arbeitet seit über fünfundzwanzig Jahren als Zahnarzt mit seiner Frau in einer Gemeinschaftspraxis auf der Insel Kreta. Er erzählt, dass sich im letzen Jahr in seinem beruflichen und privaten Leben vieles verändert hat. Dabei zählt er einige Punkte auf und klagt über die erhöhten Öl-, Heizungs-, Strom-, Lebensmittel-, Benzin- und Steuerkosten. Im Weiteren berichtet er über den finanziellen Druck, den er tagtäglich nicht nur selbst spürt sondern die gesamte Gesellschaft beeinflusst. Es existieren, seiner Meinung nach, inzwischen nur noch eine Unter- und Mittelschicht, wobei die zweite, welche die Gesellschaft ausmacht, in größter Gefahr schwebt.

Herr Ems alltägliches Leben war mit vielen Gewohnheiten und Aktivitäten verbunden, die er inzwischen aus finanziellen Gründen vermeiden muss. Insgesamt geht er sehr achtsam mit seinen Ausgaben um, handelt je nach Prioritäten, muss sich überall einschränken und hat sich sogar von seinem Freundeskreis und deren gemeinsamen Tätigkeiten distanziert. Er meint, dass sich inzwischen sein Verhalten verändert hat, da er sich immer unsicherer und nervöser fühlt sowie, dass er nur an seine notwendigen Ausgaben denken muss. Dementsprechend zieht er sich in sich selbst zurück und fühlt sich dazu noch verantwortlich für seine Familie und seine Patienten. Wenn er Abstand nimmt, arbeitet er in seinen Garten, was für ihn nicht nur eine Art Hobby sondern auch eine Überlebungsstrategie darstellt, da er sich hauptsächlich von seinen eigenen Ernten ernährt. Seine Ausgaben im privaten Bereich sind mit vielen Belastungen verbunden, da er nicht nur sein eigenes sondern auch das Leben seiner Kinder und Mutter mitfinanzieren muss und dementsprechend zu seinen Ersparnissen greifen muss. Herr Em ist sehr stolz auf seine Kinder, die im Ausland erfolgreich studieren, aber sehr wütend über die Situation seine Mutter, die sich aufgrund ihrer geringen Rente keine Miete oder Medikamente mehr leisten kann. In seinem beruflichen Leben fühlt er sich ebenfalls nervös und unsicher, da er vor eineinhalb Jahren gezwungen war, die Preise zu reduzieren, um seine Patienten weiterhin behandeln zu können. Er arbeitet bis zwölf Stunden am Tag und erwirtschaftet 50% weniger Einnahmen als vor zwei Jahren. Seine Ausgaben in der Praxis wie etwa die Miete, Materialien und der Strom wurden ebenfalls erhöht und er beschwert sich zudem über den privaten medizinischen Bereich, der aufgrund der Krise sehr beeinträchtigt wurde. Herr Em stellt das Gesundheitssystem, das mit vielen Problemen verbunden ist, als den wesentlichsten und existenziellsten Bereich in einer Gesellschaft dar. Er klagt über die griechischen Krankenhäuser, die weder ausreichend Ärzte, Personal, Medikamente und Material aufweisen, noch auf die Wünsche der Kranken eingehen. Sein Misstrauen hat er aufgrund seiner eigenen Erfahrungen erworben: Er muss mit öffentlichen Kliniken zusammenarbeiten, seine Patienten unter anderem zu Röntgenaufnahmen weiterschicken und ist über den schrecklichen Umgang des Personals, sowie mit über die Ausstattung der Kliniken verzweifelt. Einerseits versteht er die Ignoranz der Ärzte nicht, jedoch kann er anderseits bestätigen, dass sie kaum mehr einen finanziellen Anreiz haben oder von den Patienten belohnt werden.

Herr Em wird ebenfalls kaum bestätigt, jedoch steht für ihn die Gesundheit der Kranken an erster Stelle. Er arbeitet bei Ausnahmen unentgeltlich und ist verzweifelt, wütend und enttäuscht, wenn seine Patienten nach einer Behandlung die Praxis ohne Bezahlung verlassen. Da seine Behandlungen mit Materialkosten und dementsprechend auch mit seinen eigenen Ausgaben verbunden sind, wird somit auch sein privates Leben beeinflusst. Anderseits gibt es auch andere Klienten die sich entweder dafür entschuldigen und langsam abbezahlen oder sogar seine ärztlichen Leistungen gegen andere Waren austauschen. Im Weiteren berichtet er über die Anschaffung eines Kaminofens, der von einem seiner Klienten unentgeltlich gebaut wurde sowie über viele Ikonen (Heiligenbilder der orthodoxen Kirche) die ihm geschenkt wurden und eine symbolische Bedeutung für ihn haben. Zusammenfassend stellt er seinen Beruf als Helferberuf dar und reflektiert über seine wesentliche Rolle in der Gesellschaft. Er fühlt sich verantwortlich für alle seine Patienten, da die Zahnschmerzen zu den schlimmsten Beschwerden gehören.

Insgesamt ist es für ihn sehr schwer mit, den beruflichen Problemen umzugehen, da seine subjektive Betroffenheit eine sehr wesentliche Rolle dabei spielt. Herr Em gibt zu, dass viele seiner Patienten kein Geld und deswegen auch Existenzängste haben. Er informiert alle seine Klienten über die genauen Kosten einer Behandlung und arbeitet je nach Finanzierungsmöglichkeit mit verschiedenen Materialien. Außerdem bezeichnet er sich selbst als sehr sorgfältig und erklärt den Kranken auch seine eigene private und berufliche Betroffenheit und die damit verbunden Ausgaben. Bei einigen weniger arbeitet er auch, wie bereits erwähnt, unentgeltlich, aber bei den meisten bittet er um eine Kaution vor der Behandlung, was ihm allerdings nicht immer gelingt. Herr Em ist sehr traurig und enttäuscht, wenn die Patienten ihn trotzdem betrügen und sich nicht an ihre Vereinbarung halten. Dadurch misslingt ihm nicht nur sein eigentliches Ziel, allen zu helfen, sondern auch die Patienten zu behalten, um seine Ausgaben auszugleichen und überleben zu können. Herr Em identifiziert sich während des Interviews öfters mit seinen Patienten und vergleicht deren Lage mit seiner eigenen. Er erzählt, dass viele Menschen aufgrund der Krise arbeitslos sind, auf der Straße leben und sich nicht mal ernähren können. Am schlimmsten geht es den Kranken mit Kindern, die ihr gesamtes Einkommen in deren Ausbildung investieren, mit Schulden leben und sogar Kredite für ihre Zahnbehandlungen beantragen müssen. In einer ironischen Art erzählt Herr Em, dass er sich öfters wie ein Psychologe fühlt, da er sich die gesamten Probleme der Patienten anhören muss und die erhöhte Depressionsrate inzwischen wahrnehmen kann. Im Weiteren berichtet er, dass sein Beruf mit Anerkennung verbunden ist und dass viele Patienten sich erniedrigen, um zu einer unentgeltlichen Behandlung zu kommen, ein Umstand der ihn traurig stimmt und den er als unnötig empfindet. Sein eigentliches Einkommen erhält er von seinen reichen Patienten, unter anderem auch Politikern, mit deren Bezahlungen er überlebt. Herr Em und seine Frau arbeiten als Zahnärzte in einer Gemeinschaftspraxis seit über 25 Jahren zusammen, haben die Preise gesenkt und haben einen individuellen Zugang zu den Kranken. Seine Frau hat einen sehr sozialen und empfindlichen Umgang mit ihren Patienten und er versucht dies durch seine Strenge auszugleichen. Sein Wunsch ist, dass der gemeinsame Sohn nach dem Studium die Praxis übernehmen kann.

Er glaubt und hofft auf eine bessere Situation, was allerdings nicht nur den Zusammenhalt und die Unterstützung der Griechen untereinander sondern auch diese der Ärzte und Patienten benötigt. Seiner Meinung nach muss die Denkweise von vielen geändert werden in dem Sinne, dass nicht jeder individuell für sich selbst, sondern für das Beste der Gesellschaft kämpft. Er empfindet das Verhalten einiger Menschen als sehr egozentrisch und schimpft dabei über die Infrastruktur, das geringe Leistungsprinzip und die damit verbundene Arbeitslosigkeit des Landes. Er glaubt, dass es eine Gesellschaft mit mehr Gerechtigkeit geben sollte, und dass viele Schuldige für ihre Taten bestraft werden müssten. Außerdem meint er, dass der Staat sehr destruktiv auf die Struktur der Mittelschicht reagiert, was zur kompletten Armut der Gesellschaft führen wird. Zusätzlich beschwert er sich über die gefährdete Zukunft der Kinder und Jugendlichen und ist glücklich, dass seine eigenen derzeit im Ausland studieren. Zusammenfassend lebt Herr Em in der Hoffnung, dass die Lage Griechenlands in fünf Jahren besser werden wird. Er will hier bleiben, weiterkämpfen und seine Mitmenschen als Arzt und Bürger unterstützen.

5.5.3 Paraphrasierung

Auf die offene Frage, wie sich sein Leben verändert hat, zählt Herr Em sofort einige Punkte auf, um seine Betroffenheit im privaten Bereich zu verdeutlichen. Er fühlt sich aufgrund seiner finanziellen Lage unter Druck gesetzt, muss inzwischen auf all seine Ausgaben achten, nach Prioritäten handeln und sich in diversen Bereichen einschränken. Sein eigentliches Leben besteht inzwischen fast nur aus Arbeit und an den Wochenenden zieht er sich in seinem Garten zurück und kümmert sich um seine Pflanzen. Diese Rückzugsmöglichkeit stellt für ihn nicht nur eine Ruhe, Flucht vor den Alltagsproblemen und ein Hobby, sondern auch eine Überlebungsstrategie dar. Seine Gedanken drehen sich nur um seine Ausgaben, da er nicht nur für sich selbst, sein Haus oder für seine Praxis zahlen muss, sondern auch nebenbei seine Kinder im Ausland und seine Mutter finanziell unterstützen muss. Seine eigentlichen Existenzängste werden deutlich, als er einerseits über seine Ersparnisse berichtet, zu den er öfters zurückgreifen muss, um alle Ausgaben abzubezahlen, und anderseits über die geringe Rente seiner Mutter, da er selbst Angst hat in Alter keine zu erhalten. Außerdem wiederholt Herr Em öfters das Wort «muss», was seinen inneren Druck, seine Zwangslage, seine Nötigungen, sein Bedrängnis und gleichzeitig seine Zukunftsangst zeigt.

Über seine Schwierigkeiten im privaten Bereich spricht er sehr im Allgemeinen, um sich nicht tiefer darauf einzulassen, allerdings scheint er sehr lösungs- und zukunftsorientiert zu handeln, obwohl laut seinen Aussagen keine reale Möglichkeit besteht, all diese Probleme zu umgehen. Es ist eindeutig, dass der Zusammenhalt der Familie für ihn eine wesentliche Rolle spielt. Er distanziert sich von seinen Freunden und zieht sich in diversen Bereichen zurück, um sich selbst zu schützen. Aufgrund seiner Betroffenheit meint Herr Em, dass sich sein eigenes Verhalten gerändert hat und gibt zu, dass er nur durch diese Rückzugsmöglichkeiten zur Ruhe gelangt. Es ist also spürbar wie nervös, unsicher und ängstlich er sich mit den Belastungen aufgrund der Krise fühlt und inwiefern er sich eigentlich von allem distanzieren will. Sein beruflicher Bereich wurde auch seit Abbruch der Krise sehr beeinträchtig. In einer sehr traurigen Art berichtet er über seine Privatpraxis, die ebenfalls mit diversen Ausgaben verbunden und über die Preise, die er reduzieren musste. Er investiert seine komplette Energie und Zeit in seiner Arbeit, sucht nach Lösungen und ist beunruhigt, wenn er keine finden kann.

Während des Interviews klagt er oft über die Lage der öffentlichen Krankenhäuser, weil sie die Patienten nicht richtig behandeln. Für ihn ist das Gesundheitswesen der existenziellste Bereich in einer Gesellschaft. Herr Ems Sensibilität, Solidarität und Mitgefühl werden spürbar, als er über seine Patienten spricht. In einer sehr langsamen und traurigen Art nennt er diverse Beispiele seiner Klienten, die nicht einmal genug zum essen haben oder sogar einen Kredit für ihre ärztliche Behandlungen aufnehmen müssen.

In solchen Fällen bietet er seine zahnärztlichen Leistungen umsonst an oder tauscht sie gegen Waren wie einen Ofen oder sogar Ikonen aus, die für ihn eine symbolische Bedeutung haben, da sie seine erfolgreiche Hilfestellung und Tätigkeit als Arzt bestätigen. Außerdem erwähnt Herr Em in mehreren Stellen, dass er sich als Arzt gezwungen und verantwortlich für die Gesundheit seiner Patienten fühlt. Dies vermittelt nicht nur seine Existenz- und Überlebungsangst, sondern auch die stereotypische Sichtweise seines Helferberufes. Er reflektiert darüber und erklärt, dass sein Beruf eine wesentliche Rolle in der Gesellschaft spielt sowie, dass die Zahnschmerzen zu den schlimmsten Belastungen überhaupt gehören. Im Weiteren zählt er andere Beispiele auf, um der Interviewerin die Sichtweise und Ängste der Kranken zu verdeutlichen. Er erzählt, dass es auch einige unter den Patienten gibt, die sogar für eine unentgeltliche Behandlung auf die Knie fallen würden. Während er dies berichtet, fühlt er sich nicht nur unwohl, sondern auch ängstlich über die Weiterentwicklung der griechischen Finanzkrise und die Zukunft seiner Mitmenschen.

Herr Em arbeitet sehr lösungsorientiert und bietet seinen Patienten diverse Möglichkeiten, je nach Finanzierungsmöglichkeit, an. Da die Praxis mit zusätzlichen Kosten verbunden ist, verlangt er nach einer Kaution, was ihm nicht immer gelingt und ihn dementsprechend enttäuscht. Er erklärt seinen Patienten auch seine eigene private und berufliche Betroffenheit, damit er ihnen auch seine eigene Lage, Befindlichkeit sowie Menschlichkeit vermittelt und nicht als Arzt, sondern auch als betroffener Bürger da- stehen. Zusätzlich ist seine Verlustangst spürbar, wenn er über nicht zahlende Patienten berichtet, da er diese in Zukunft verliert. Einerseits handelt es sich um seinen narzisstischen Anteil, der damit befriedigt wird, bzw. um die Macht als Arzt und anderseits um sein Leben, bzw. Überleben und die damit verbundenen Existenzängste. Zunächst versucht er sich zu rechtfertigen, indem seinen sozialen Umgang mit den Patienten verleugnet und seiner Frau zuschreibt. Er meint, dass seine Frau, mit der er gemeinsam arbeitet, sehr sensibel mit den Patienten umgeht und er dies durch seine Strenge, Autorität oder Disziplin ausgleichen will. Durch diese Aussage weist er auf seine Macht als Arzt und Ehemann hin und durch die Probleme wird seine Verantwortung, Unsicherheit und Angst begründet. Er widerspricht sich, da er vorhin seinen sozialen Umgang mit den Kranken bewiesen hat, indem er diverse Möglichkeiten, Warentausch oder sogar unentgeltliche Behandlungen anbietet. Im Weiteren erzählt Herr Em, dass er sich in seinem Beruf auch als Psychologe fühlt, da er sich auch die gesamten Probleme seiner Patienten anhört. Damit will er vermitteln, dass er sich nicht nur mit den körperlichen, sondern auch seelischen Schmerzen und der Geschichte des jeweiligen Patienten ganz individuell auseinandersetzt. Als er die erhöhte Depressionsrate bestätigt, wird sichtbar wie sehr sich Herr Em in seinen Patienten und gleichzeitig Mitmenschen einfühlt. Jeder dieser Klienten wird von ihm vorsichtig und ganz speziell behandelt und trotz der Enttäuschungen will er weiterhin der Gesellschaft als Helfender dienen. Er empfindet und bestätigt ein weiteres Mal, dass sein Beruf sehr hochgeachtet und wesentlich ist und erzählt, dass er eigentlich mit dem Geld seiner reichen Patienten überlebt und seine Familie somit ernähren kann.

Seine Ansicht über die Weiterentwicklung des Landes ist gleichzeitig auch seine einzige Lösung und bezieht sich nicht nur auf den Zusammenhalt und der gegenseitige Unterstützung der Gesellschaft sondern auch dieser der Patienten und Ärzte. Damit äußert er auch seinen eigenen Wunsch verstanden und belohnt zu werden. Insgesamt sucht er nach Verständnis, Gerechtigkeit, Vertrauen sowie Sicherheit und will als Grieche vor Ort bleiben und weiterkämpfen. Sein Optimismus und Glaube werden spürbar, als er seinen weiteren Wunsch äußert und zwar, dass sein Sohn später seine Praxis übernimmt. Als er über die aggressive Reaktion der Steuerpolitik des Staates auf die Mittelschicht und die damit verbundene Gefahr der kompletten Armut spricht, weist er auf seine eigene Zukunftsangst hin, selbst komplett bedürftig und arm zu werden. Schließlich spricht er über das egozentrische Verhalten einiger Menschen, welches sich ändern sollte und widerspricht sich selbst, da er am Anfang des Interviews behautet hat, dass er sich im Privaten ebenfalls in sich selbst zurückzieht. Er ist in der Hoffnung und dem Glauben, dass in ca. fünf Jahren alles besser wird und sucht trotz seiner diversen Ängste nach Lösungen.

5.5.4 Deutungsmuster

1. Situationsdefinition: Herr Em erlebt die griechische Finanzkrise als eine sehr bedrückende und bedrohliche Situation und berichtet, inwiefern sich sein berufliches und privates Leben seit Ausbruch der Krise verändert hat. In seinem privaten Leben muss er sich in diversen Bereichen und Aktivitäten einschränken, nach Prioritäten handeln und andauernd auf seine Ausgaben achten, da viele Kosten erhöht wurden. Außerdem hat er sich von seinen Freunden distanziert und sich mit seiner Frau zurückgezogen, um sich vor den Auswirkungen der Krise zu schützen. Sein einziges Hobby, was nicht nur eine Art Rückzug oder Flucht sondern auch eine Überlebensstrategie darstellt, ist die Gartenarbeit. Dazu muss er noch seine Kinder, die im Ausland studieren, sowie seine Mutter, die kaum mehr Rente bekommt, finanziell unterstützen und sogar auf seine Ersparnisse zurückgreifen. Sein berufliches Leben als Zahnarzt in einer Privatpraxis ist ebenfalls mit vielen Belastungen und Kosten verbunden. Er arbeitet zwölf Stunden täglich, hat seine Preise gesenkt, verdient 50% weniger als vor zwei Jahren und hat zusätzliche Ausgaben (Miete, Materialien, Strom). Herr Em bietet seinen Patienten diverse Finanzierungsmöglichkeiten an und informiert und über die notwendigen Materialien. Insgesamt versetzt er sich öfters in die Lage seiner Patienten, identifiziert sich in bestimmten Bereichen mit ihnen und bietet seine ärztliche Leistung auch unentgeltlich an oder tauscht sie gegen Waren aus, was aber sein privates Leben beeinträchtigt. Er hat Angst, seine Patienten zu verlieren und ist sehr enttäuscht, wenn sie nach einer Behandlung fliehen, da nicht nur sein narzisstischer Anteil, bzw. seine Rolle als Arzt verletzt wird, sondern weil zusätzliche damit verbundene Existenzängste entstehen. Herr Em nimmt seine Rolle als Arzt sehr ernst, stellt sie als wesentlichen Teil in der Gesellschaft dar und sucht andauernd nach Lösungen für seinen Patienten. Er geht sehr individuell und speziell mit seinen Klienten um, fühlt sich selbst als Psychologe, wenn er deren Probleme anhört und berichtet auch über seine eigene private und berufliche Betroffenheit. Schließlich betrachtet er die Weiterentwicklung des Landes sehr optimistisch und glaubt dass in ca. fünf Jahren alles besser wird, was mit seinem Wunsch begründet wird, dass sein Sohn die Praxis übernehmen sollte. Die Lösung dafür ist, seiner Meinung nach, nicht nur auf der Zusammenhalt und das gegenseitiges Unterstützen der Gesellschaft sondern auch dieses der Patienten und Ärzte, was wieder seinen Wunsch zeigt, belohnt und verstanden zu werden. Zusammenfassend sucht er also nach Gerechtigkeit, Verständnis, Sicherheit und Vertrauen und nimmt seine Rolle als Arzt, Sohn, Ehemann und Vater sehr ernst.
2. Erkennungsschema: Daraus ergibt sich, dass Herr Ems berufliches und alltägliches Leben aufgrund der Krise sehr beeinträchtigt wurde. Es besteht ein bedrückender Konflikt, denn einerseits geht es um seine stereotypische Ansicht der Rolle als Arzt, bzw. dem des Helferberufs und anderseits um sein eigenes Leben, bzw. Überleben als Vater und Ehemann. Er empfindet beide Bereiche als sehr belastend und bedrückend, hat viele Ängste und ist andauernd auf der Suche nach Lösungen.
3. Wahrnehmungspriorität: Die Wahrnehmung des Befragten richtet sich einerseits auf sein berufliches Leben, da dies sein privates sehr beeinträchtigt hat. Die vielen Ausgaben seiner Praxis sowie seine niedrige Preise und unentgeltlichen ärztlichen Leistungen beeinflussen sein privates Leben. So sehr, dass er auf seine Ersparnisse zurückgreifen muss, sich zurückzieht und bis zu Existenzängste entwickelt hat. Anderseits hat auch seine eigene private Betroffenheit einen großen Einfluss auf seinen Beruf und erklärt somit seinen sozialen Umgang mit seinen Klienten.
4. Hintergrundwissen: Herr Em investiert seine gesamte Zeit und Energie in seine Arbeit und vergisst fast sein privates Leben. Die Rückzugsmöglichkeit in seinen Garten ist der einzige Fluchtweg vor seinen Problemen und stellt sogar eine Überlebensstrategie dar. Trotzdem versucht er in diversen Bereichen Lösungen zu finden, da er seine Rolle als Helfender, Vater, Ehemann und Sohn sehr ernst nimmt. Er empfindet seinen Beruf als Arzt sehr hochgeachtet, stellt ihn als wesentlichen Teil der Gesellschaft und vor allem einer Krise dar und sucht nach Belohnungen. Durch den Zusammenhalt der Gesellschaft und vor allem der Ärzte und Patienten, glaubt er an einer Verbesserung.
5. Emotionsmuster: Während des Interviews kommen diverse Emotionen bei Herr Em zustande. Aufgrund seiner schlechten finanziellen Lage fühlt er sich sehr unter Druck gesetzt, weil seine Gedanken immer mit seinen finanziellen Ausgaben verbunden sind. Außerdem werden seine Existenzängste in mehreren Punkten sichtbar: Einerseits als er über die niedrige Rente seiner Mutter spricht, da er Angst hat, selbst keine zu bekommen und als er über seine schwindende Ersparnisse berichtet und anderseits wenn seine Patienten ihn nicht bezahlen und verlassen, weil seine finanzielle Lage und narzisstische Seite verletzt werden. Herr Ems Sensibilität, Solidarität und Mitgefühl werden spürbar als er ganz individuell und traurig über die einzelnen Geschichten seiner Patienten spricht und sich mit ihnen identifiziert. Er fühlt sich gezwungen, allen zu helfen, aufgrund seiner Rolle als Arzt und Bürger. In einer aggressiven, enttäuschten und gleichzeitigen traurigen Art erzählt er Geschichten einiger Patienten, die ohne Bezahlung geflohen sind. Es handelt sich hierbei um eine Verlustangst, weniger oder keine Patienten mehr betreuen zu können. Um seinen sozialen Umgang zu rechtfertigen, verleugnet er diesen und schreibt ihn seiner Frau zu, mit der er gemeinsam arbeitet. Er will damit auch seine andere, strenge und autoritäre Seite zeigen und seine Macht als Arzt und Ehemann beweisen. Schließlich ist Herr Em sehr wütend über die erhöhten Steuern, wünscht sich, dass diejenigen bestraft werden sollen, die es verursacht haben und sucht nach Belohnung, Gerechtigkeit, Sicherheit und Vertrauen.
6. Handlungsanleitungen: Um die Probleme der Krise zu umgehen, versucht Herr Em lösungs- und zukunftsorientiert zu handeln, gibt allerdings zu, dass er nicht vor allem aus- oder abweichen kann. In seinem privaten Leben zieht er sich zu seiner Familie sowie Garten zurück und distanziert sich von seinem Freundeskreis. Um alle Kosten und Ausgaben auszugleichen und keine Schulden zu machen, greift er zu seinen Ersparnissen ein, was ihn nicht wirklich erfreut, aber was trotzdem eine reale Lösung darstellt. Zusammenfassend muss er sich sehr einschränken und nach Prioritäten handeln. Im beruflichen Bereich bietet er seinen Patienten verschiedene Möglichkeiten an, informiert sie im Vorhinein und wendet je nach Situation verschiedene Materialien und ärztliche Leistungen an. Er geht mit seinen Patienten sehr individuell um und stellt auch seine Betroffenheit in den Raum, damit sie sich auch in seine Situation hineinversetzen können. Schließlich bestätigt Herr Em, dass er eigentlich mit seinen reichen Patienten überleben und seine Familie ernähren kann.

5.6 Interview mit Fm

5.6.1 Motto

«Ich werde von meinen Eltern unterstützt»

Dieser kurze Satz deutet auf die berufliche und private Abhängigkeit des Befragten von seinen Eltern. Einerseits hat ihm sein pensionierter Vater seine Arbeitsstelle im Krankenhaus verschafft und doch müssen er und seine schwangere Freundin von ihm finanziell unterstützt werden. Herr Fm wohnt aufgrund seiner finanziellen Belastung noch in seinem Elternhaus, was nicht nur ein Schutz sondern einen Druck darstellt und er zieht sich in seinen Beruf zurück.

5.6.2 Zusammenfassung

Herr Fm ist fünfunddreißig Jahre alt und arbeitet seit ein paar Jahren als Allgemeinmediziner in einem öffentlichen Krankenhaus auf der Insel Kreta. Da sein bereits pensionierter Vater diese Klinik geleitet hat, war es für den Befragten relativ einfach, diese Arbeitsstelle nach seinem abgeschlossenen Studium zu erhalten. Herr Fm ist sehr enttäuscht über die Lage des Landes, fühlt sich als Arzt und Einwohner Griechenlands seit letztem Jahr äußerst finanziell eingeschränkt und muss sich diversen Konflikten stellen, die er während des Interviews aufzählt.

Nach seinem absolvierten, langjährigen Studium in Deutschland kam er mit hohen Erwartungen nach Griechenland und ist sehr unzufrieden mit all dem, was er vorfand. Als erstens klagt er über den Mangel an Medikamenten, Materialien, das nicht gut ausgebildete Personal und die nicht zufriedenstellende Technik. Zusätzlich ist sein Einkommen in der Klinik um einiges gesunken und seine Arbeitszeit wurde aufgrund seiner Überstunden sowie der zusätzlichen Hausbesuchen erhöht. Weiterhin beschwert sich Herr Fm über die Tatsache, dass er keine Kassenverträge mehr hat und über sein Honorar, welches er gekürzt hat, um keine Patienten zu verlieren.

Herr Fm erzählt einige Geschichten über seine Patienten und betont, dass er sich verpflichtet fühlt, alle zu behandeln. Er meint, dass sie ihn nicht nur wegen körperlicher sondern auch aufgrund psychischer, familiärer, ökonomischer und emotionaler Probleme besuchen. Die emotionalen und körperlichen Belastungen weisen oft auch auf psychosomatische Probleme hin, beispielsweise bei Stress, die er dann symptomatisch behandeln muss. Die meisten Patienten kommen einfach, um mit ihm zu reden und suchen demnach neben der Behandlung ihrer körperlichen Beschwerden nach einer psychologischen Unterstützung. Herr Fm lässt sich auf jeden Kranken ein und betont dabei, dass sie diesen Beistand benötigen, um die Auswirkungen der Krise zu überstehen, da der erhöhte psychische Druck mit ihrer ökonomischen Belastung verbunden ist.

Herr Fm berichtet, dass seine Patienten fünf bis zwanzig Euro für ihre Behandlungen, je nach Einkommen und Leistung, bezahlen. Allerdings existieren auch einige, die nicht einmal genug haben, um zu überleben, die er natürlich unentgeltlich oder im Tausch gegen Gemüse, Fleisch oder Olivenöl behandelt. Da alle Patienten bereits am Empfang der öffentlichen Klinik zahlen müssen, informiert er sie im Vorhinein, wie sie dies umgehen können. Außerdem meint der Befragte, dass er von seinen Patienten nicht nur als Arzt, sondern auch als Mensch geachtet wird, beispielweise rufen fast alle an seinem Geburtstag an, um zu gratulieren. Er nimmt seine Rolle als Arzt sehr ernst und findet es wichtig, nicht nur die finanziellen Probleme des jeweiligen Kranken differenzieren zu können, sondern auch bei ihrer speziellen Belastung zu helfen. Dementsprechend betrachtet er deren Probleme nicht nur individuell, sondern auch global und bezieht all deren Belastungen in die Behandlung mit ein. Zusätzlich erklärt Herr Fm, dass er keine Probleme mit der Kommunikation und dem sozialen Umgang mit seinen Patienten hat, da er auch über seine eigene Betroffenheit spricht. Er meint, dass sich 99% seiner Klienten öffnen, aber auch ihren Ärger, Aggression, Ängste, Pessimismus und generellen Druck gegenüber dem Gesellschaft zeigen. Er fühlt sich als Arzt verpflichtet, allen zuzuhören und nach Lösungen zu suchen.

Herr Fm erklärt weiterhin, inwiefern die äußeren Faktoren sein Leben beeinträchtigt haben. Aufgrund der erhöhten Kosten und Ausgaben, sowie seinem geringen Einkommen, werden er und seine schwangere Freundin von seinen Eltern zusätzlich unterstützt. Die beiden leben in seinem Elternhaus und stehen vor einem Hochzeitsdilemma. Eine griechisch- orthodoxe Hochzeit ist in Griechenland eigentlich vor einer Schwangerschaft notwendig, er kann aber sich aufgrund seiner finanziellen Betroffenheit keine Hochzeitsfeier leisten. In seinem privaten Leben hat er sich von seinen Freunden distanziert, in seiner Freizeit verbringt er Zeit mit seiner Familie und geht für alle einkaufen. Insgesamt ist er überfordert, da er in beiden Bereichen plötzlich erwachsen werden musste und steht in ständigen Konflikten mit seiner Freundin, die unabhängig bleiben will.

Trotzdem denkt er, dass die Griechen aufgrund der Krise viel offener, zugänglicher einfacher und menschlicher geworden sind. Es existieren, laut seinen Aussagen, auch jetzt noch einige Egoisten, die am Ende, genau wie er und seine Patienten, zusammenhalten werden müssen. Herr Fm ist ein sehr optimistischer Mensch und glaubt, dass die griechische Finanzkrise nach einer gewissen Zeit, ähnlich wie jede andere Krise, beendet wird. Außerdem hofft er, dass die Bürger etwas lernen und ihre Denkweise ändern werden, da sie auch eine gewisse Schuld, neben dem Staat und der EU, tragen. Schließlich befürchtet er, dass es für die junge Generation sehr schwierig sein wird - die Hälfte der unter 30-jährigen ist arbeitslos - und macht sich dabei viele Sorgen.

Während des Interviews musste Herr Fm einen Anruf entgegennehmen und hat seine Stimme dabei etwas verändert. In einer anfangs strengen Art erklärte er der Mutter einer Patientin, dass er gerade Feierabend hätte, aber trotzdem später bei ihr vorbeischauen würde.

5.6.3 Paraphrasierung

Herr Fm erlebt als junger Arzt die griechische Finanzkrise als eine ihn überfordernde und bedrückende Situation. Bereits am Anfang des Interviews weist er auf seinen Beruf und derzeitige Anstellung im Krankenhaus hin und erklärt, dass er diese nach seinen Studium durch die verwandtschaftliche Beziehung (sein Vater war Direktor des Krankenhauses)bekommen hat und stellt somit seine Abhängigkeit zu ihm dar.

Seine Erwartungen bezüglich des Ärzteberufs, die er in Deutschland während seines Studiums gesammelt hat, konnte er am griechischen Arbeitsplatz nicht vorfinden, was ihn sehr enttäuschte. In einer aggressiven Art klagt er über die diversen Mängel des Krankenhauses und versucht diese durch seinen freiwilligen Dienst, Überstunden und Hausbesuche auszugleichen. Aufgrund der finanziellen Auswirkungen der Krise und seiner Angst, die Patienten zu verlieren, musste sich Herr Fm in seinem beruflichen Leben einschränkten, indem er sein Honorar kürzte. Diese Verlustangst wird einerseits durch seine Existenzangst, die mit seinem Einkommen und dem damit verbundenem Überleben zusammenhängt, sichtbar. Andererseits fürchtet er um seine narzisstische Bestätigung als Arzt, da Herr Fm als junger Allgemeinmediziner Erfahrungen sammeln möchte.

Er erzählt diverse Geschichten seiner Patienten, setzt sich mit deren Situation auseinander und fühlt sich aufgrund seiner Helferrolle verpflichtet, alle zu behandeln. Neben seinen ärztlichen Leistungen versucht er sie auch psychologisch zu unterstützen und zu behandeln, indem er sich familiäre, ökonomische und emotionale Probleme anhört, weil er sich auch mit dem erhöhten psychischen Druck seiner Patienten identifizieren kann. Sein Streben nach Erfolg und seine Angst, seine Patienten zu verlieren, hat bei Herr Fm einen gewissen Leistungsdruck verursacht. Er verbringt seinen gesamten Tag, sogar auch viele Samstage mit dem Druck, möglichst viel zu arbeiten und nach Lösungen zu suchen, das beste Ergebnis zu liefern und seine Ärzteleistung voll und ganz zu erbringen.

Im Weiteren berichtet der Befragte über seine ärmeren Klienten, die er unentgeltlich behandelt und im Vorhinein aufklärt, wie sie den Empfang der Klinik umgehen, damit sie nichts bezahlen müssen. Bei einigen tauscht er sogar seine ärztlichen Leistungen gegen Lebensmittel aus, die für ihn auch eine Art Überlebungsstrategie darstellen. Herr Fm berichtet davon, dass ihm seine Rolle als Arzt wichtig ist, er jedoch auch als Mensch dastehen möchte, indem er einigen auch seine eigene Geschichte und Betroffenheit darstellt. Er geht sehr individuell und sozial mit den Kranken um und weist durch seine Geschichten auf seine Solidarität, Mitgefühl aber auch Geduld hin. Er hat keine Probleme mit der Zugänglichkeit, Interaktion und mit der Kommunikation, allerdings ist er überfordert, wenn die Patienten Ärger, Aggression und Pessimismus ausstrahlen, was auf eine gewisse Konflikt- oder sogar Kontrollangst hindeutet.

Als Herr Fm über seine Probleme im privaten Bereich befragt wird, deutet er als erstes auf die Schwangerschaft seiner Freundin hin. Diese stellt für ihn ein großes Problem dar, da er einerseits aufgrund seines geringes Einkommens bei seinen Eltern wohnt, von ihnen im Alter von 35 Jahren immer noch abhängig ist und weiterhin unterstützt werden muss. Herr Fm macht große Schritte ins Erwachsensein, sowohl in seinem beruflichen und privaten Leben und befindet sich in einem bedrückenden Konflikt, da eine finanzielle Abhängigkeit zu seinen Eltern besteht. Es belastet ihn, da seine Freundin ausziehen möchte, er sich aber ein eigenes Zuhause noch nicht leisten kann. Außerdem sollte er aufgrund der Schwangerschaft seiner Freundin nach griechischen Sitten heiraten, was er aber derzeit nicht selbst finanzieren kann. Seine geringe Freizeit verbringt er hautsächlich zu Hause: Er kauft für seine Familie ein, sorgt für seine Mutter und musste sich von seinen Freunden distanzieren. Sein familiäres Umfeld stellt allerdings für ihn nicht nur Schutz und Sicherheit, sondern auch einen gewissen Druck dar. Es kann behauptet werden, dass Herr Fm in einer gewissen Art und Weise seine Flucht, bzw. Rückzugsmöglichkeit in seinem Beruf und seinen Patienten sucht.

Als er während des Interviews einen dringenden Anruf von der Mutter einer Patientin erhielt, bewies er seine bisherigen Aussagen. Der junge Arzt sprach mit einer strengen und autoritären Stimme und äußerte somit seinen Wunsch ernst genommen zu werden. Er erzählte, dass er trotz Feierabend zu ihr käme. Damit wollte er der Interviewerin die Priorität seines Berufes als Arzt beweisen.

5.6.4 Deutungsmuster

1. Situationsdefinition: Herr Fm ist ein fünfunddreißigjähriger Allgemeinmediziner und erlebt die griechische Finanzkrise als eine ihn durchaus überfordernde, bedrohliche und bedrückende Situation. Als Arzt in einer öffentlichen Klinik nimmt er diverse Mängel an Medikamenten, Materialien, des Personals und der Technik wahr und berichtet über seine geringen Einnahmen, Einschränkungen und erhöhten Arbeitszeiten. Außerdem hat er keine Kassenverträge mehr hat und seine Honorare wurden um einiges gekürzt. Als junger Mediziner nimmt es seine Rolle als Arzt sehr ernst, befürchtet seine Patienten zu verlieren und weist auf einen gewissen Leistungsdruck hin. Er sucht überall nach Lösungen und fühlt sich gezwungen die besten Leistungen zu erbringen, sowie allen Kranken zu helfen. Er identifiziert sich öfters mit seinen Patienten, geht sozial sowie individuell mit ihnen um, bietet psychologische Unterstützung an und klärt sie auch über seine eigene Betroffenheit auf. Bei einigen bietet er sogar seine Untersuchungen und Behandlungen unentgeltlich an oder tauscht diese gegen Lebensmittel, von denen er sich auch selbst ernähren kann. Als griechischer Einwohner fühlt er sich ebenfalls durchaus unterdrückt und eingeschränkt, da er aufgrund seines geringen Einkommens mit seiner schwangeren Freundin in seinem Elternhaus wohnt. Er fühlt sich abhängig von seiner Familie, da der Vater ihm seinen Arbeitsplatz besorgt hat und ihn auch finanziell unterstützt. Sein familiäres Umfeld stellt für ihn nicht nur Schutz und Sicherheit, sondern auch einen Druck dar und er bezeichnet seinen freiwilligen Dienst- und Überstunden als seine Flucht-, bzw. Rückzugsmöglichkeit. Schließlich ist er optimistisch über die Weiterentwicklung des Landes und glaubt, dass die griechische Finanzkrise nach einer gewissen Zeit, ähnlich wie jede andere Krise, enden wird. Er hofft, dass seine Mitbürger durchaus etwas lernen und ihre Denkweise ändern, was auch auf seinen aktuellen Wunsch hindeutet, ernst genommen zu werden. Dieses beweist auch ein Telefonat mit der Mutter einer Patientin, die während des Interviews angerufen hat.
2. Erkennungsschema: Es besteht ein äußerst bedrückender Konflikt zwischen dem privaten und beruflichen Leben des Befragten, da beide Bereiche seit Ausbruch der Krise sein Leben beeinträchtigen und auch der eigene Vater eine wichtige Rolle in beiden Bereichen spielt. Herr Fm ist von seinem Vater abhängig, da er ihm nicht nur seine Arbeit beschafft hat, sondern auch ihn und seine schwangere Freundin finanziell unterstützt. Obwohl er in seinem Beruf nur eingeschränkt ausüben kann, wirkt er lösungsorientiert und setzt sich oft mit der finanziellen sowie psychischen Situation seiner Patienten auseinander, da er sich mit ihnen identifizieren kann. Zusammenfassend ergibt sich, dass Herr Fms beruflicher aber auch privater Alltag aufgrund der griechischen Finanzkrise beeinträchtigt wurde, sowie, dass der eine Bereich den anderen beeinflusst.
3. Wahrnehmungspriorität: Durch das Interview ist eindeutig, dass die Wahrnehmungspriorität des Befragten auf seinen Beruf gerichtet ist, da dieser als eine Art Flucht, bzw. Rückzugsmöglichkeit aus seinen familiären Problemen gilt. Aufgrund seiner eigenen Betroffenheit geht er auch sozial und individuell mit seinen Patienten um und wirkt sehr lösungsorientiert.
4. Hintergrundwissen: Herr Fm nimmt seinen Beruf als Allgemeinmediziner nicht nur sehr ernst und investiert seine gesamte Energie sowie Zeit darin, sondern vernachlässigt aufgrund seiner Ängste und finanziellen Betroffenheit sein privates Leben. Diese Verhaltensweisen deuten einerseits auf seinen Leistungsdruck und anderseits auf ein sogenanntes Helfersyndrom hin, da er sich gezwungen fühlt, allen zu helfen. Zusammenfassend kann behauptet werden, dass er sich nach der stereotypischen Vorstellung des Arztes richtet und alle Erwartungen erfüllen möchte.
5. Emotionsmuster: Herr Fm ist traurig, überfordert und wütend aufgrund seines beeinträchtigten beruflichen und privaten Lebens seit Anbruch der Krise. Im Berufsleben ist er enttäuscht und klagt über die Mängel des Krankenhauses, da er aus diesem Grund seine Tätigkeiten einschränken muss. Außerdem befürchtet er, seine Patienten zu verlieren, was Verlustangst und auch Existenzangst, bzw. Überlebensangst begründet und seinen narzisstischen Anteil als Arzt verletzt. Er fühlt sich gezwungen, alle zu behandeln, was auf seinen Leistungsdruck hinweist und ist überfordert, wenn seine Klienten ihren Ärger, Aggressionen und Pessimismus ausstrahlen, was auf eine Konflikt- oder Kontrollangst hindeutet. Während des Interviews drückt er öfters, aufgrund seines sozialen und individuellen Umganges mit den Kranken, seine Solidarität, Mitgefühl aber auch Geduld aus. Wegen seines geringen Einkommens wohnt er mit seiner schwangeren Freundin in seinem Elternhaus. Er fühlt sich verpflichtet, aufgrund dieser Abhängigkeit, für die Eltern zu sorgen, bzw. einzukaufen. Dieses Umfeld stellt für ihn nicht nur ein Schutz und Sicherheit, sondern auch einen Druck dar. Schließlich hat er neben seinen existenziellen Befürchtungen, ökonomischen Belastungen und Existenzängsten auch Zukunftssorgen über die weitere Beziehung mit seiner Freundin und über das ungeborene Kind.
6 . Handlungsanleitungen: In seinem beruflichen Leben versucht Herr Fm durch seinen freiwilligen Dienst, Überstunden, Hausbesuche und niedriges Honorar, nicht nur die Mängel der Klinik auszugleichen, sondern auch seine Patienten zu behalten. Außerdem bietet er den Kranken neben seinen ärztlichen Leistungen auch eine psychologische Unterstützung an und hinterfragt deren psychische, finanzielle, familiäre und emotionale Probleme. Einerseits kann er sich durchaus mit deren erhöhten psychischen Druck identifizieren und anderseits erklärt er ihnen auch seine eigene Betroffenheit, damit sie sich auch in seine Situation hineinversetzen. Die ärmeren behandelt er unentgeltlich und klärt sie dabei auf, wie sie den Empfang der Klinik umgehen, damit sie nichts bezahlen müssen. Bei einigen tauscht er sogar seine Behandlungen gegen Lebensmittel ein, die für ihn auch in seinem privaten Leben eine Art Überlebungsstrategie und Ernährung darstellen. Herr Fm scheint viel lösungsorientierter in seinen Beruf und mit seinen Patienten als in seinem Privatleben zu sein. Er muss sich aufgrund seines geringen Einkommens zurückziehen, von seinen Freunden distanzieren, sparen und lebt in seinem Elternhaus, welches nicht nur einen Schutz sondern auch einen Druck darstellt, da er von seinen Eltern finanziell unterstützt wird. Der junge Arzt und seine schwangere Freundin wollen unabhängiger leben, was ihnen aufgrund ihrer finanziellen Belastung nicht gelingt und er zieht sich dementsprechend in seinen Beruf zurück.

Außerdem befindet er sich in einem Hochzeitsdilemma, da er diese, um seinen Stolz nicht zu verlieren, selber bezahlen möchte. Trotz seiner Ängste und Befürchtungen glaubt er an bessere Tage und kann wahrnehmen, wie die meisten Menschen inzwischen offener, zugänglicher, einfacher und menschlicher geworden sind.

6 Darstellung der leitenden Deutungsmuster

Die im Laufe der Auswertung gewonnen Deutungsmuster bieten bereits einen Hinweis auf die Fragestellung. Das Ziel dieses Kapitels ist es, zu untersuchen ob es Konflikte, bzw. konfliktive Deutungen zwischen dem subjektiven Erlebnisaspekt des beruflichen Alltags und der subjektiven Wahrnehmung der Berufsrolle als Arzt während der griechischen Finanzkrise gibt.

Herr Am erlebt die griechische Finanzkrise als eine sehr bedrohliche Situation und fühlt sich in seiner Rolle als Internist, Ehemann und Vater sehr eingeschränkt. Seine ärztlichen Handlungen sind mit vielen ethischen und individuellen Entscheidungskonflikten verbunden, da er einerseits aufgrund seiner erwartungsvolle Berufsrolle die Kranken bestmöglich behandeln möchte und weil anderseits dies aufgrund der Kommunikationsprobleme, fehlenden Medikamente und schlechter Arbeitssituation nicht möglich ist. Er will sich nicht emotional mit den Patienten einlassen und verdrängt seine eigentliche Solidarität, die er allerdings erst später selbstreflexiv erkennt, als er über seine angebotenen unentgeltlichen Hausbesuche und andauernde telefonische Erreichbarkeit berichtet. Aufgrund dieser Konflikte und der belastenden Arbeitsbedingungen wurde seine individuelle Kommunikationsfähigkeit mit den Kranken sowie sein privates Leben außerordentlich beeinträchtigt womit auch sein Selbstwert bezüglich seiner ärztlichen Fähigkeiten und fachlichen Kompetenzen verletzt wird.

Frau Bf nimmt ihren Alltag aufgrund ihrer eigener gesundheitlichen, beruflichen und privaten Betroffenheit als sehr belastend wahr und identifiziert sich öfters mit der Lage ihrer Patienten. Sie bietet ihre zahnmedizinische Hilfsbereitschaft uneingeschränkt und öfters unentgeltlich oder gegen Warentausch an und investiert ihre gesamte Energie sowie Zeit in ihrem Beruf, womit sie nicht nur ihr privates Leben vernachlässigt sondern sich auch zusätzlich überfordert. Dies weist auf ein sogenanntes Helfersyndrom hin, mit dem nicht nur ihr Selbstwertgefühl bezüglich ihrer Kompetenzen verstärkt wird, sondern das sie auch zusätzlich psychisch belastet. Der eigentliche Konflikt zeigt sich also unbewusst in ihrer eigenen Bedürftigkeit, gesund zu werden, womit ihr Wunsch, Druck und vielfältige Belastungen in ihrem beruflichen Alltag begründet werden.

Herr Cm fühlt sich aufgrund seiner sozialen Positionen als Vater, Sohn, Bürger und Allgemeinmediziner verpflichtet, die besten Leistungen in diversen Bereichen zu erbringen. Da er seine Berufsrolle als einen wesentlichen, hochachtenden und bedeutungsvollen Teil der Gesellschaft betrachtet, die mit einer Reihe von Erwartungen verknüpft ist, will er allen Kranken helfen, indem er unentgeltliche ärztliche Behandlungen und Hausbesuche anbietet. Diese Hilfsangebote sind allerdings mit vielen Konflikten, Spannungen sowie Anstrengungen verbunden und die eigentliche Problematik kommt zum Ausdruck, als er über seine Angst berichtet, seine ärztlichen Fähigkeiten (aufgrund der geringeren Patientenanzahl) zu vergessen und als er die bedrohliche gesundheitliche Situation seines Vaters darstellt. Schließlich reflektiert er über seine übermäßige Solidarität, die auf ein Helfersyndrom hinweist, begründet diese als seine Unsicherheit bezüglich seiner ärztlichen Kompetenzen und bezeichnet sie als zusätzliche psychische Anstrengung. Herrn Dms ökonomisch eingeschränkter Beruf und verkürzter Lohn haben einen deutlichen Einfluss auf sein Privatleben, der mit dem sozialen Umgang mit seinen Klienten begründet wird. Er nimmt seine Helferrolle als Lungenarzt, die mit vielen stereotypischen Vorstellungen bezüglich seiner ärztlichen Leistungen verbunden ist, sehr ernst, trägt viel Verantwortung für seine Patienten, versucht anhand seiner Erzählungen über die eigene Betroffenheit Vertrauen herzustellen und anvertraute Ressourcen pflichtbewusst einzusetzen. Seine Hilfsleistungen sind mit weiteren ethischen Entscheidungskonflikten und Belastungen verbunden, da er trotz des Mangels an Material seinen bedürftigen Patienten irgendwelche Medikamente schenkt, um willkürlich helfen zu können. Herr Dm. verdrängt seine Befürchtungen indem er in einer gewissen Phantasiewelt lebt und auf eine Wunderlösung wartet, die allerdings während des Interviews öfters ausgesprochen wurden.

Herr Em versucht anhand von Beispielen seine funktionalen Fertigkeiten, fachliche Kompetenzen und Fähigkeiten, die dem Wohl der Gemeinschaft dienen, zu verdeutlichen, um die Bedeutsamkeit seiner Position als Zahnarzt in der Gesellschaft zu beleuchten. Die Diskrepanz zwischen seiner Arztrolle und seinem subjektivem Befinden zeigt sich, als er seine Belastungen, Ausgaben und Ängste aufzählt. Herr Em. befindet sich seit Ausbruch der Krise in einer Zwangslage, da er für seine kontinuierliche Hilfsbereitschaft kaum mehr Belohnung erhält. Er fühlt sich verpflichtet, allen Kranken zu helfen, sucht überall nach Lösungen, indem er niedrige Preise bis hin zu unentgeltlichen ärztlichen Leistungen bei speziell Bedürftigen anbietet und erwartet Anerkennung, die er meistens nicht erhält.

Herr Fm erlebt als junger Allgemeinmediziner die griechische Finanzkrise als eine durchaus überfordernde, bedrohliche, sowie bedrückende Situation und versucht durch Überstunden, Hausbesuche, unentgeltliche Behandlungen und freiwilligen Dienst den Mangel an Material und Personal im Krankenhaus auszugleichen. Seine Verhaltensweisen deuten nicht nur auf ein Helfersyndrom sondern auch auf einen gewissen Leistungsdruck hin, den er selbstreflexiv zu erkennen versucht. Der Entscheidungskonflikt zeigt sich in seinem alltäglichen medizinischen Handeln: Da er aufgrund seines jungen Alters und geringen Erfahrungen keine negative Eigenschaft in seiner Berufsrolle zugeschrieben bekommen möchte, versucht er den allgemeinen, stereotypischen Vorstellungen eines angesehenen Arztes zu entsprechen. Durch diese Verhaltensweisen entwickelt er einen gewissen Druck und Zwang und vernachlässigt sein privates Leben.

Herr Gm ist aufgrund der Krisensituation mit diversen neuentstandenen Problemen konfrontiert und fühlt sich als griechischer Bürger und erfahrener Urologe verbunden, allen Bedürftigen zu helfen. Er nimmt seine Helferrolle sehr ernst, versucht sich an die Krise und die Erwartungen der Gesellschaft anzupassen und berichtet über die schwierige Kommunikation mit den Kranken, die aufgrund der belastenden Umweltbedingungen entstanden ist. Er nimmt wahr, wie seine Patienten nach finanziellen Prioritäten handeln, bedrohliche Operationen verschieben und ist als Arzt hilflos, da er nichts dagegen unternehmen kann. Sein Konflikt zeigt sich ebenfalls unbewusst, als er über seine medizinischen Verhaltensmuster berichtet und seine Leistungen als unbefriedigend, enttäuschend, altmodisch und unzureichend darstellt. Herr Gm. hat hohe Erwartungen in seiner Arztrolle, die ihn einerseits belasten, stressen, sowie unterdrücken und die anderseits aufgrund des derzeitigen Kontextes nicht entsprechend erfüllt werden können.

Herr Hm ist als sechzigjähriger Kardiologe sehr enttäuscht und beängstigt über die Auswirkungen der Finanzkrise, die inzwischen fast jeden Bürger und Arzt betreffen. Er fühlt sich aufgrund seiner Helferrolle gezwungen, die besten Ergebnisse zu liefern und übernimmt die gesamte Verantwortung für das Wohl seiner Patienten. Er arbeitet hauptsächlich unentgeltlich oder gegen Warentausch und beweist seine Solidarität, sowie seinen sozialen Umgang mit den Kranken anhand diverser Beispiele. Die Diskrepanz zeigt sich, als er darüber berichtet, dass er trotz seiner psychischen, körperlichen Überbelastung und des hohen Alters weiterhin für Bedürftige unentgeltlich sorgt.

Zusammenfassend zeigt sich in allen acht Interviews eine Spannung zwischen dem subjektiven Erleben der eigenen Möglichkeiten und dem beruflichem Rollenbild der Ärzte. Alle Interviewpartner haben eine bestimmte Vorstellung ihrer Berufsrolle, die mit bestimmten Erwartungen, Ansprüchen, Fähigkeiten und Kompetenzen verbunden sind. Allerdings nehmen sie war, dass einige aufgrund der belastenden Bedingungen der derzeitigen Krisensituation nicht erfüllbar sind. Diese Verhaltensmuster weisen also im bewussten oder unbewussten Sinne auf gewisse ethische und individuelle Entscheidungskonflikte, Anstrengungen sowie einem Druck hin, wobei einige weitere psychische Belastungen wie Helfersyndrome entwickeln.

7 Zusammenfassende Diskussion

Ziel der vorliegenden Arbeit war es, den subjektiven Erlebnisaspekt des eigenen Spielraums und die subjektive Wahrnehmung des Berufes als Arzt während der Griechenlandkrise zu untersuchen um die daraus leitenden konfliktiven Deutungsmuster darzustellen. Um einen theoretischen Zugang zu ermöglichen, wurde zunächst mit Hilfe der Literaturrecherche eine Annäherung zur griechischen Finanzkrise verschafft und somit die Entstehung und der Verlauf, die damit verbundenen Ursachen sowie Maßnahmen zur Krisenbewältigung präsentiert. Es wurde festgestellt, dass aufgrund der Wirtschaftskrise und den daraus resultierenden Maßnahmen nicht nur das alltägliche Leben der Bürger, sondern auch des Gesundheitssystems und dementsprechend die Patienten- und Ärzterolle beeinträchtigt ist.

Tatsache ist, dass die ökonomischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen Probleme der Krise einen deutlichen Einfluss auf die individuelle Gesundheit haben. Aus dem theoretischen Hintergrund, den Recherchen, eigenen Erfahrungen und Presseberichten wurden einige Informationen über die Sichtweise der Hilfesuchenden und Helferberufe herauskristallisiert. Immer mehr Kranke müssen aufgrund der technischen Mängel in den Kliniken, der langen Wartezeiten, hohen Kosten oder großen Entfernungen nicht nur auf Visiten oder Untersuchungen bei ihren Ärzten, sondern auch auf wichtige Operationen verzichten. Die Menschen sind gezwungen, für ihre Medikamente, (Basis)Impfungen und ärztliche Leistungen selbst zu bezahlen und es wurde ein sprunghafter Anstieg von HIV-Infektionen, Traumata sowie der Suizidrate registriert. Allgemein gilt also, dass Griechenland seine Patienten nicht mehr adäquat versorgen kann. Diese gesundheitsbezogenen Situationen und Probleme werden im gesellschaftlichen Kontext von den medizinischen helfenden Berufen unterstützt, deren Rolle mit einer Reihe von Erwartungen, Entscheidungskonflikte und Belastungen verknüpft ist. Zusammenfassend gilt der Arzt als wesentlicher Teil der Schicksalsgemeinschaft und es besteht eine Diskrepanz, bzw. doppelte Problematik seiner Möglichkeiten und Handlungen, da er einerseits aufgrund seines stereotypischen Rollenbildes verpflichtet ist, allen Kranken zu helfen und, weil er anderseits aufgrund der allgemeinen Auswirkungen der Krise auf das Gesundheitssystem in seiner Hilfsbereitschaft eingeschränkt ist.

Aus diesem theoretischen Hintergrund wurde anhand eines Interviewleitfades versucht der Forschungsfrage, ob das subjektive Erleben des beruflichen Alltags und das berufliche Rollenbild der Ärzte während der griechischen Finanzkrise in einem Konflikt stehen und wenn ja, wie werden sie von den Betroffenen beschrieben, nachzugehen.

Als Interviewpartner wurden acht Ärzte anhand von diskursiven Interviews, unter besonderen Berücksichtigung ihrer sozialen Beziehungen im privaten Umfeld, ihres beruflichen Alltages, ihrer Patienten und neuentstandenen Problemen befragt. Anhand der Deutungsmusteranalyse wurde nach den ableitenden Deutungsmustern der Ärzte und dementsprechend nach deren Situationsdefinitionen, Erkennungsschemas, Wahrnehmungsprioritäten, Hintergrundwissen, Emotionsmuster und Handlungseinleitungen gesucht. In diesem Rahmen fand zunächst eine Einzelauswertung der Ergebnisse und anschließend die Darstellung der leitenden konfliktiven Deutungen statt.

Die Resultate zeigen in allen acht Interviews eine Spannung zwischen dem subjektiven Erleben der eigenen Möglichkeiten und dem beruflichem Rollenbild der Ärzte. Alle Helferberufe haben bestimmte stereotypische Vorstellungen bezüglich ihrer ärztlichen Handlungen und betrachten ihren Beruf als einen wesentlichen, hochgeachteten und bedeutungsvollen Teil der Gesellschaft, der mit einer Reihe von Erwartungen verknüpft ist. Allerdings erleben sie die derzeitige Situation als sehr bedrohlich und fühlen sich in ihrer Rolle hilflos, eingeschränkt und unter Druck gesetzt. Durch ihre übermäßige Solidarität, dem sozialen Umgang mit den Kranken, ihren angebotenen uneingeschränkten und unentgeltlichen Hilfsleistungen, der andauernden telefonischen Erreichbarkeit, Überstunden sowie Hausbesuche, versuchen sie, die Mängel des Gesundheitssystems auszugleichen, was öfters aufgrund bestimmter Konflikte nicht möglich ist. Die eigentliche Diskrepanz zwischen ihrer Arztrolle und ihrem subjektivem Befinden zeigt sich, als sie ihre Belastungen sowie ethische und individuelle Entscheidungskonflikte bewusst aufzählen oder unbewusst verdrängen und während des Interviews selbstreflexiv erkennen. Die Ärzte fühlen sich also gezwungen und verpflichtet, allen Kranken helfen zu müssen, Vertrauen herzustellen und anvertraute Ressourcen pflichtbewusst einzusetzen, was öfters aufgrund der Kommunikationsprobleme, schlechten Arbeitsbedingungen, fehlenden Medikamenten, Ängsten und eigenen Belastungen nicht immer funktioniert. Demzufolge entwickeln sie öfters einen gewissen Leistungsdruck um keine negative Eigenschaft in ihrer Ärzterolle zugeschrieben zu bekommen und weisen auf ein Helfersyndrom hin, mit dem nicht nur ihr Selbstwertgefühl bezüglich ihrer fachlichen Kompetenzen verstärkt wird, sondern das sie zusätzlich psychisch belastet. Dementsprechend existiert ein Konflikt zwischen ihren Erwartungen (was sie aufgrund ihrer sozialen Position tun wollen) und ihren Möglichkeiten (was sie aufgrund der derzeitigen Bedingungen tun können).

Ein weiterer bedeutungsvoller Punkt, der während des Interviews erkannt wurde, ist die Tatsache, dass die medizinischen Helferberufe nicht nur aufgrund der Auswirkungen der Krise, sondern auch aufgrund ihrer beruflichen Verhaltensmuster ihr privates Leben einerseits vernachlässigen und anderseits zusätzlich beeinträchtigen. Da die Wahrnehmungsprioritäten auf ihre Ärzterolle und Patienten gerichtet sind, haben sie sich von ihren Freundeskreis distanziert, suchen nach Schutz-, Flucht- sowie Rückzugsmöglichkeiten und sind ausgesprochen introvertiert, da ihre verbliebene Energie mit diversen Gedanken, Sorgen, Ausgaben, Schulden und Ängsten im privaten Bereich verbunden ist. Sie glauben durch die gegenseitige Unterstützung der Gesellschaft und vor allem der Ärzte und Patienten an bessere Tage.

Am Ende der Gespräche wurde die Interviewerin gebeten, ihre Ergebnisse bei der Ärztekammer im August 2013 vorzutragen, um gemeinsam mit den Ärzten nach Lösungen zu suchen und die daraus resultierenden Maßnahmen zu ergreifen. Da die Aussagekraft dieser empirischen Untersuchung aufgrund der geringen Teilnehmeranzahl als eher beschränkt anzusehen ist, werden weitere Ergebnisse, Lösungen oder Vergleiche in einer weiterführenden Studie recherchiert und vertieft.

8 Literaturverzeichnis

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Bericht der europaischen Union zu den Statistiken Griechenlands (Brussel der 08.01.2010)

9 Anhang

9.1 Einverständniserklärungen

Einverständniserklärung zur Durchführung eines Interviews

1. Die Interviewteilnahme ist freiwillig.
2. Das Interview dient für eine Abschlussarbeit an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien
3. Verantwortlich für die Durchführung und wissenschaftliche Auswertung des Interviews ist: Julia- Isabel Mirtakis Die Auswertung wird von der Universität im Rahmen der Abschlussarbeit betreut. Die Verantwortlichen tragen dafür Sorge, dass alle erhobenen Daten des Interviews streng vertraulich behandelt werden und ausschließlich zum vereinbarten Zweck verwendet werden.
4. Der Interviewte erklärt sein Einverständnis mit der Tonbandaufnahme und wissenschaftliche Auswertung des Interviews. Nach Ende der Bandaufnahme können auf seinen Wunsch einzelne Abschnitte des Gesprächs gelöscht werden.
5. Die Tonbandaufnahme wird verschlossen aufbewahrt. Sie ist nur der unter Punkt 3 genannten Person zugänglich.
6. Zu Auswertungszwecken wird von der Aufnahme ein schriftliches Protokoll angefertigt. Name und Identität des Interviewpartners werden auf dem Protokoll unkenntlich gemacht und für eventuell spätere Rückfragen gesondert aufbewahrt.
7. Ausschnitte, aus denen die Person des Interviews nicht identifiziert werden kann, können aus dem Protokoll in der Abschlussarbeit zitiert werden.

Ich kann diese Erklärung jederzeit ganz oder teilweise widerrufen, ohne dass irgendwelche

Nachteile für mich entstehen.

Kontaktadresse für Widerruf:

Email- Adresse:

Wohnadresse:

Mit oben genannten Punkten erkläre ich mich einverstanden. Ich habe eine Ausfertigung dieser

Erklärung erhalten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

9.2 Anonymitätserklärungen

Anonymitätserklärung

Hiermit erklärt die Interviewerin Julia-Isabel Mirtakis

1.dass alle von Ihnen gemachten Angaben vollständig anonymisiert werden, so dass ein Rückschluss auf Ihre Person nicht möglich sein wird und
2.dass personenbezogene Daten nur in passwortgesicherter Form und getrennt von den Kontaktdaten aufbewahrt werden und nur die Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter Zugang zu diesen Daten haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

9.3 Transkriptionsregeln

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

9.4 Transkripte

Projekt: Medizinische Helferberufe in Krisensituationen

Datum und Uhrzeit: 06.02.2013, 12:23

Ort: Heraklion-Kreta

Dauer: 55 Minuten

Interviewerin und Transkription: Julia-Isabel Mirtakis

Interview mit Am

1I: Also wie würden sie sa:agen, hat sich ihr Leben das letzte Jahr 1 verändert? (2)

2 Am: Seit dem letzten Jahr //ähm// ist die Krise hier se:ehr spürbar; allerdings ist die

3 Ausführung der Krise, geht ja schon we:eiter zurück ja-

4 I: L ja:a-

5 Am: L Im Jahre zweitausendundneun

6 //ähm// bis zweitausendundzehn da dachten wir das das doch nicht so:o dramatisch

7 werden würde? (1) ich habe auch damals Änderungsentscheidungen //ähm// getroffen, also

8 Praxis verlegt mit Ausgaben zusätzlich also es waren schon zusätzliche Kosten in der

9 Hoffnung //ähm// dann ein normaleres ärztliches Arbeitsfeld hier mit Krankenkassen; mit

10 örtlichen Patienten zu bekommen //ähm// und //ähm// //ähm// das war ehrlich gesagt sehr

11 schwierig //ähm// weil es sind große Umstände, das man sagen der Krankenkassen //ähm//

12 dauernd Änderungen //ähm// //ähm// //ähm// gemacht wurden, keine Sicherheit mehr

13 besteht dass die Vergütungen die man sich erhoffen kann reichen nicht zum

14 Lebensunterhalt //ähm// für keinen Arzt zu mindestens; in gesetzlichen

15 Versicherungssysteme? das ist vielleicht ganz @logisch@ @interessant@, dass- @(2)@-

16 I: @(.)@-

17 Am: L sie wissen, dass die Internisten vo:om Kassenumsatz

18 bei den gesetzlichen Krankenkassen inzwischen bei zwei Tausend Euro pro Monat

19 gedeckelt sind das beinhaltet alle Praxiskosten?(2) alle meine @eigenen@

20 Versicherungskosten? das heißt dass alle meine //ähm// das ist von denen gerechnet als

21 etwa Halbtagestätigkeit //ähm// aber da kann man ja nicht viel mehr übrig bleiben als

22 sechshundert Euro im Monat //ähm// maximal.(3) Und das ist natürlich keine

23 Lebensgrundlage, dass heißt man braucht zusätzliche Einkommen //ähm// die Ärzte die die

24 gut hier in die Gesellschaft hineingekommen sind; (.) Zulauf haben und privat Patienten

25 etwas behalten können die können das durch private Ausrechnungen //ähm// //ähm// etwas

26 ausgleichen //ähm// (1) auch als die Spezialitäten anbieten die sonst nicht so leicht zu

27 bekommen sind. (3) Ich als Internist bin hier se:ehr beschränkt und insofern zerschlugen

28 sich eigentlich in jedem Jahr in dem es so weiterging die Aussichten 28 hier; //ähm// ein

29 ökonomisches Standesbein hier zu finden. Ich bin also,(.) ich wohne hier seit knapp zehn

30 Jahre jetzt hier, (2) wir haben eine Familie gegründet, bin also aus rein familiären Gründen

31 hier gekommen, das heißt ich habe eine Griechen kennengelernt, die auch zweisprachig in

32 @Wien@ aufgewachsen ist und dann aber seit //ähm// //ähm// (2) zwanzig Jahre hier in

33 Kreta wohnt und //ähm// //ähm// privat hat sich es gut entwickelt; wir haben zwei kleine

34 Kinder, denen geht es auch gut @(3)@, aber schon was für mich zu:unehmend //ähm//

35 //ähm//(2) in Laufe der Jahre der großen Unsicherheit bis eigentlich die letzten Monate

36 gedauert hat //ähm// war natürlich eher die ökonomische Zukunft @ne:e@? Also wenn

37 man kleine Kinder hat und die sind gerade in die Grundschule gekommen //ähm// (.) und

38 ich bin selbst nicht mehr so:o jung, ich bin //ähm// zweiundfünfzig, (1) das heißt also

39 //ähm// die Themen sind für mich ein sehr gewichtiger Faktor. Meine Frau ist hier auch

40 berufstätig //ä=hm// (.) als Deutschlehrerin, aber auch in einer Teilzeittätigkeit, das heißt

41 kein sicheres Einkommen mit dem man leben könnte. (2)

42 I: //mhh// un-

43 Am: L ja, insofern war die

44 Verunsicherung für mich ziemlich groß und je länger die ganze Sache andauernde, desdo

45 größer auch und //ähm// jetzt scheint es sich etwas stabilisiert zu haben die allgemeine

46 Situation aber das ist klar, (.) dass auf viele Jahre hinaus das Land sich ökonomisch nicht

47 erholen wird, (2) ja das braucht vie;ele vie;ele Jahre um sich zu stabilisieren wenn

48 überhaupt. (1) das ist das beste was man erwarten kann //ähm// (.) ich bin ja nicht so

49 optimistisch wie die @Leute@ hier @(3)@ eingestellt? das heißt dass ich befürchte dass

50 es noch weiter Bergab gehen kann //ähm// aber //ähm// (1) so dass es für mich im letztem

51 Jahr um darauf hinzukommen die Entscheidung immer drängender wurde //ähm// (.) ein

52 weiteres ökonomisches Standbein hier in Europa zu finden. (2)

53 I: Wie meinen sie ein weiteres ökonomisches Standbein zu finden? (1)

54 Am: Ich habe jetzt begonnen wieder Vertretungen in Deutschland zu machen? wie sie

55 wissen auch in Österreich gibt es auch in Deutschland einen gro.oßen Arztmarkt und

56 Vertretungen sind insofern, Möglich. //ähm// da kann man zwei Wochen hingehen und

57 verdient dann gut Geld. (1) Nicht also //ähm// das ist dann zwar ein Problem weil die

58 Familie ein Zeitlang allein gelassen wird //ähm// (1) aber ich sehe eigentlich keine andere

59 Lösung dafür; (1) Die //ähm// das hat halt begonnen //ähm// ich war mir nämlich sehr

60 unsicher ob ich das persönlich bewältigen kann, denn ich bin seit zehn Jahre aus dem

61Krankenkrankenhausbereich draußen, ich bin ja Niedergelassen jetzt als 61 Arzt. Ich bin aber

62 sehr zuversichtlich weil es Möglich ist mit vielleicht drei Monaten pro Jahr in Deutschland

63 und ich dadurch //ähm// (1) die ökonomische Basis stabilisieren kann. (2) Meine Frau

64 möchte sehr gerne hier bleiben; also sie hat ihre eigenen Gründe, sie schaut sehr dass sie

65 die komplette Umstellung der Lebensplanung, (.) also dass wir beide für uns etwas Zeit

66 haben, also zumindest für die grüßte Zeit des Jahres und uns bei der Kinderbetreuung

67 etwas abwechseln //ähm// das wäre ja ga:anz verändert wenn ich Überstunden mache, aber

68 das wäre auch das ganz Traditionelle Familienmodell. Der Mann in der Arbeit, immer

69 weg und immer müde und die Frau immer zu Hause und was mit den Kindern machen,

70 (1) da hat sie selbst eine große Angst und //ähm// (1) naja also momentan scheint sich so

71 etwas zu stabilisieren, //ähm// (3)

72 I: Also hab ich das richtig verstanden; dass sie nach Deutschland als Vertretungsarzt

73 fliegen um-

74 Am: L ja, also drei Wochen dann arbeite ich ein halbes Jahr hier und dann flieg ich

75 wieder zurück; und dass ist natürlich unpla:anbar, das heißt (1) das kommen dann

76 Anfragen //ähm// also können sie morgen oder in einer Woche oder in zwei Wochen, das

77 bedeutet das wird dann se:ehr unständig das Leben //ähm// (2) ja aber jetzt haben ich sehr

78 über die formalen Sachen gesprochen @(1)@//ähm// was ich noch sagen wollte //ähm//

79 damals als ich her kam //ähm// (.) war ja neben dem Enthusiasmus der Beziehung; was ja

80 auch @günstig@ verlaufen ist //ähm// natürlich auch ein anderer Lebensstil, (1) ich war

81 weniger perfektionistisch materiell anspruchsvoll. A:aber mehr in der personellen Ebene,

82 mehr Geselligkeit, was mir wirklich nicht nahe liegt, (2) ich bin nämlich eigentlich kein

83 @geselliger@ Mensch //ähm// und zusammen mit einer sehr optimistischen Stimmung

84 damals in Griechenland. (2) Es scheinte //ähm// alles so:o schlecht, aber es würde etwas

85 besser; vor zehn Jahren war es ja noch schlechter gewesen, @(.)@ also mit der Zeit

86 stiegen die Anzahl der Patienten, die Gehälter und so weiter und so weiter. (2) Also diese

87 Grundstimmung hat sich für mich sehr ins negative //ähm// (1) wie ich schon gedeutet

88 habe verändert, also ich sehe se:ehr kritisch die Zukunft dieses Landes und der

89 Grundkonflikt der jetzt neben diesen ökonomischen Bereich für uns also da ist, (1) also da

90 der persönliche Konflikt ist, dass ich weiß nicht wie klug es ist, dass die Kinder hier

91 aufwachsen. (1) Ja denn momentan ist es sehr gut muss ich sagen, (2) die eine ist in einem

92 super Kindergarten in einer kleinen Gruppe. (1) Und der andere ist in der ersten Klasse in

93 der Grundschule //ähm// da ist es gut,(2) er lernt was, (2) da kann er hin, macht seine

94 Hausaufgaben, also hat Freunde gefunden in einer Umgebung, //ähm// (1) sowo:ohl in der

95Nachbarschaft als auch Schulkameraden und es lässt sich alles organisieren. 95 (1) Die

96 Kleine ist jetzt zwei und halb und; (1) da klappt es sehr gut bislang, //ähm// aber man hört

97 hier dass ab dem Bereich der Mittelstufe sehr schwierig wird, (1) hier und sehr zufällig,

98 das eine Jahr kann gut gehen das andere eine Katastrophe, und wie gesagt //ähm// //ähm//

99 ich //ähm// sehe sehr fraglich (1) ob es sinnvoll ist für ein Kind hier aufzuwachsen//ähm//

100 zu mal die Kinder wachsen zweisprachig auf, (2) aber es gibt Schwierigkeiten //ähm// ich

101 sehe Schwierigkeiten, (1) wer des nicht kennt glaubt es fällt den Kindern leichter zu, das

102 ist aber ga=arnicht so //ähm// (1) die Eltern brauchen schon eine ziemliche

103 Frustrationstoleranz weil das geht etwas langsamer; und es kommt öfters zu Haltungen

104 //ähm// also der kleine lernt jetzt griechisch zu schreiben aber sollte auch lernen deutsch zu

105 schreiben, (2) weil wir eine Land //ähm// Standwechselmöglichkeit haben und wir sehen

106 schon wie schwierig es ist //ähm// zu organisieren und //ähm// das Kind so:o zu motivieren

107 //ähm// wenn der er keine Lust hat dann will er nicht und man kann //ähm// nicht ihn auch

108 schlecht zwingen anderseits geht es nicht. //ähm// (2) Da ist für mich die andere große

109 Frage ob es wirklich so klug ist die Kinder hier auf der Schule in Griechenland

110 unterzubringen oder ob es nicht besser wäre wenn sie in Österreich lieber gehen. (3)

111 I: Ich verstehe-

112 Am: L meine Frau ist ja auch halb Österreicherin //ähm// (1) also hat also //ähm//

113 also die Familie, //ähm// (1) ein Teil der Familie hat auch noch Wohnsitz in Wien also da

114 könnten wie wirklich hin und die könnten ja rein //ähm// (2) aber es ist wirklich //ähm// es

115 sind viel größere Zweifel in der Lebensplanung als ich das früher jemals gedacht hätte.

116 (2) also das so:owas entstehen würde. (1) Und so eine langfristige Lebensplanung nicht

117 //ähm// (1) nicht das sind ja die grundsätzliche äußeren Situationen und //ähm// das ist so

118 etwas das ich schon von vi:ielen anderen kenne //ähm// (2) die zum Beispiel jetzt von

119 deutschen oder österreichischen Freunden oder Bekannten die zum Teil in griechischen

120 Familien oder Ehen aufwachsen. (1) Und //ähm// wenn da natürlich die Frustration in

121 diesen Bereichen größer werden, (1) dann zweifeln sie auch sehr ob es sinnvoll ist so:o in

122 einem Land zu scheitern oder zu wohnen, (1) und Kinder aufzuziehen oder ob man lieber

123 die Vorteile Deutschlands in Kauf nehmen sollte, (1) und nicht doch dorthin ziehen. Naja,

124 aber die die hier aufgewachsen sind wollen doch nicht in @Deutschland@ wirklich

125 ziehen@(.)@, aber die Mentalitäten unterscheiden sich ja vi:iel mehr als man es bei

126 Besuchen in Betracht ziehen kann.(2)

127 I: Sie meinten sie betrachten das Ganze nicht sehr optimistisch?

128 Am: Naja:a, in meinen Augen besitzen die Menschen hier 128 einen vollkommen

129 unangemessenen chronischen @Optimismus@@(.)@, und wirklich weit entfernt von

130 jeder Realitätswahrnehmung und genau so wie man; //ähm// (1) also gut man kann jetzt

131 fragen was ist deutsch, typisch deutsch was ist österreichisch oder wienerisch oder was

132 auch immer. (1) Wiener sind ja auch nicht so:o bekannt für deren @Optimismus@. @(.)@

133 (2)

134 I: @(.)@-

135 Am: L und über ihre @positive@ Lebenseinstellung@(4)@, //ähm// (1) ja für mich

136 gilt es auch, also es ist dann sehr persönlich natürlich wie sagt man so ist die Frage,

137 //ähm// (1) die individuelle Lebenssituation ist ja sehr persönlich, es ist ja sehr schwierig,

138 man kann da nicht mit Pauschalitäten nicht nähern,(1) vielleicht ja ganz am Anfang, aber

139 dann ist es sehr persönlich was passt den einem was passt dem anderen. (2) Ich war ja

140 jetzt in beruflicher Hinsicht mit sehr begrenzten Erwartungen hergekommen, (1) ich war

141 froh dass ich in meinem Fach arbeiten kann, (1) also //ähm// meinen Beruf ausüben kann

142 und es war problemlos Möglich; die Niederlassung als Arzt hier zu bekommen und dachte

143 dann oka=ay, (1) und scheiterten Ansprüchen konnte man hier Leben und wie gesagt es

144 hat sich rausgestellt dass sich //ähm// //ähm// dass es schwierig ist die ökonomischen

145 Ansprüchen zu beziehen. (1) Es ist schmerzhaft vor allem wenn sich die Familiensituation

146 ändert, (1) und wenn ich zum Beispiel an die- die- die- die //ähm// Notwendigkeit denke

147 für das Ersparnis, 91) die Ausbildung der Kinder und so weiter betrachte und //ähm// wenn

148 dann Enttäuschungen sind und dass für mich schon die Enttäuschung; (1) dass ich hier

149 nicht so angekommen bin wie ich es mir erhoffe, nicht //ähm//-

150 I: L wie- wie meinen sie das, dass-

151 Am: L ich weiß

152 nur begrenzt woran das liegt //ähm// entweder ist es das Problem der Kommunikation,

153 ich hab ja griechisch erst mit vierzig begonnen zu lernen; (1) und also ich bin nicht damit

154 aufgewachsen und //ähm// (1) und ich bin ja Internist und damit auch in den Bereich wo ja

155 dann doch die psychosomatische Komponente eine ganz großen Anteil hat, (1) und auf der

156 Ebene ist es se:ehr schwierig für mich zu kommunizieren, (1) nicht das rein fachliche ist

157 das Problem sondern; (1) einfach wenn von jemanden der Untersuchungen oder so macht

158 oder was auf oder rausschneidet, (1) aber ich müsste mit den Patienten mit den

159 griechischen einheimischen Patienten Kontakt finden, (1) was mir nicht leicht fällt.

160 //ähm// (2) ja ich hab ja die Sprache systematisch gelernt aber da //ähm// (1) auf eine

161 wirklich emotionale Ebene zu stehen, (1) das ist nicht leicht.(2) Für

161 mich ist es nicht

162 leicht im wirklichen griechischen auch auszudrücken, ja klar, (1) ich kann ja natürlich

163 viele Lebensbereiche abdecken, ich kann ja Zeitung lesen, das Auto zur Reperatur bringen

164 und so weiter das geht alles aber dann //ähm//(2) wirklich eigene Befindlichkeiten //ähm//

165 so //ähm// auszudrücken ist ganz schwierig. Ja? (1) Und, //ähm// (1) dementsprechend fühl

166 ich mich nicht so:o wohl in meinem Ausdruck der Seelenlebens; //ähm// (2) also ich habe

167 das Gefühl ich verlerne das und //ähm// und //ähm// genau so denke ich das nicht diese

168 Ebene oder diese Bedürfnisse der Patienten zu erkennen die deutlich anders sind als

169 //ähm// (1) als es in Deutschland in meiner Umgebung ist. (2)

170 I: Ich möchte kurz auf dem Punkt der Kommunikation eingehen, wie ist e:es für sie? (2)

171 Am: Ich denke dass //ähm// (1) ich oft Erwartungen nicht recht wahrnehme, (1) denn hier

172 gibt es ein weiteres verbreitendes //ähm// (2) ein weiteres Rollenverständnis als //ähm// (1)

173 Arzt-Patient als in Mittel Europa. (1) Und das wir hier eher das beratende-informierende

174 haben; und glaube ich habe die Patienten hier glaube ich eher //ähm// (1) den Wunsch der

175 Entlastung. (1) Und dass man für sie etwas organisiert //ähm// (1) und entscheiden dann

176 machen sie es doch oder machen sie es nicht //ähm// aber, //ähm// (1) und sie schimpfen

177 dass ihnen der Arzt nichts sagt, (1) also ihnen nicht die Wahrheit sagt und sie nicht

178 informiert, abe:er; //ähm// (1) meine Kontakte sind eher auf dieser Ebene und es scheint

179 nicht so:o toll anzukommen; (2) Vielleicht liegt es auch da:aran //ähm// (1) es gibt einige

180 die schätzen das aber nicht so:o wirklich habe ich das Gefühl; //ähm// das daneben ist noch

181 der Fall das ich e:eher hausärztliche Besuche annehme; also weil die Menschen die

182 andauernde Verfügbarkeit verlangen also wollen; und nicht hier vierzig fünfzig Stunden

183 in der Praxis sitze und auch ansonsten immer am Telefon sein; wenn //ähm// (1) wenn der

184 Familienbedarf steht und //ähm// der ökonomische Ertrag nicht dazu passt. (2) Ja, also es

185 ist so:o ich kann hi:ier sitzen und we:eniger Patienten sehen um //ähm// dann zu Hause den

186 Babysitter bezahlen zu müssen.(1) Ja ä- //ähm// das passt ja nicht zusammen insofern

187 muss ich meine Stundenzahl begrenzen auf dem Umsatz auch; und //ähm//; den zeitlichen

188 Bedarf und das passt natürlich nicht für die Patie:enten, (1) Und wenn ich dann bestimmte

189 Zeiten anbiete dann; kommt nicht mehr; keiner. (1) Also inso:ofern ist es schwierig dazu

190 etwas zu finden. (1) //ähm//; (1) wobei ich weiß nicht wie Gewöhnlich es ist für andere.

191 (1) die Arztzahlen sind hier se:ehr se:ehr groß und es ist auch für Einheimische sehr

192 schwierig da rein zu kommen; wenn sie hier nicht ganz breite familiäre und schulische

193 Wurzeln und Kontakte der Ausbildung haben //ähm// (1) und es ist nicht leicht hier

194 Patienten Klientel zu gewinnen; im Laufe der Zeit und vor allem während der Krise seit

195 den letzen ein=zwei Jahren; (2) Ich kann ja nichts Spezielles, außer meiner 195 Fähigkeit und

196 meiner Art des Kontaktes anbieten; ja:a, //ähm// (1) also nicht eine Art Wunderheilung die

197 die Patienten inzwischen von mir verlangen; (1) denn das ist mir nicht Möglich. Insofern

198 //ähm// kann ich andere Sachen machen die sich weit weg von der Behandlung richten;

199 (1) aber naja:a (2)

200 I: Wie schaut also ihr Zukunftsplan aus? (2)

201 Am: Also der Pla:an wäre die sechs Monate mal hier zu bleiben und als Vertreter in

202 Deutschland mein Einkommen zu verstärken, (1) Ich arbeite hier sehr im Bereich mit

203 Touristen, //ähm// (1) da wollte ich erst=mal ein wenig weg aber; //ähm// (1) aber das hat

204 sich doch ein bisschen verstärkt. (2) Mein Zukunftsplan ist a:also sechs Monate, (1) die

205 Sommermonate hier zu sein und; //ähm// und dann zwei bis drei Monate in Mitteleuropa

206 arbeite. (1) Das könnte gehen und ich hätte dabei das Gefühl dass ich dort im System

207 bleibe und einsatzfähig bleibe; und, //ähm// wenn es doch nicht klappen würde wäre eine

208 Umsiedlung ins Ausland; von meiner Seite aus Möglich, //ähm// (2) das wäre auch mein

209 Wunsch aber nicht dieser meiner Frau. (1) Es gibt natürlich auch vie:ele andere Gedanken

210 also, ja:a, (1) zum Beispiel komm ich jetzt gerade auf dem Geschmack, dass es doch gut

211 wäre vielleicht in Deutschland wieder krankenversichert zu sein weil; hier; eben das

212 System im Kollaps steht, //ähm// und nicht weiß was man erwartet wenn man doch krank

213 werden soll. (1) Da gibt es Möglichkeiten aber dann muss ich hier eben meine Zulassung

214 a:abgeben; (2) Da gibt es Möglichkeiten inzwischen aber das sind dann große Schritte,

215 dann muss ich die Zulassung abgeben, (1) Praxis schließen; also es gibt viele

216 Möglichkeiten aber doch //ähm// doch an einer gewissen Position große

217 Entscheidungen.(3)

218 I: Was hat sich sonst in ihrem beruflichen Alltag hier in Griechenland im Zusammenhang

219 mit der Krise verändert; (1) und wie gehen sie mit den Veränderungen und den neuen

220 Problemen um? (2)

221 Am: Es sind insgesamt viele Probleme entstanden; wie die veränderte Kommunikation

222 und so weiter, //ähm// (1) die nicht nur an meinen Sprachkenntnissen liegen sondern auch

223 mit den veränderten Erwartungen der Patienten aufgrund der Krise entstanden sind,

224 abe:er; //ähm//; ein großes Problem war das der, //ähm// //ähm// der Kränkung sag ich mal

225 die ich erfahren habe nachdem ich, zum Beispiel in den Bereichen von denen ich glaubte,

226 dass ich sehr gut geeignet bin ausgebremst wurde, von ein paar Einheimischen; also zum

227 Beispiel orientierte ich mich; //ähm//; auf die Versorgung der Touristen und man könnte

228sich ja denken dass ein gut ausgebildeter Arzt, der- in, //ähm// der 228 fließend Deutsch,

229 fließend Englisch französisch und griechisch spricht Patienten sehen kann. das wär ja

230 ganz gut, //ähm// den die Patienten fühlen sich viel besser wenn sich mit jemanden reden

231 können, der nicht nur ein Wort von denen versteht; //ähm// (2) ja und dann hab ich mich

232 natürlich gewendet an den ganzen Reisveranstalter, an den ganzen Hotels und so weiter; 233 und da sagten alle jaja ganz schön; und dann kontaktiert mich natürlich keiner weil

234 natürlich der Einheimische der nichts versteht und keiner kennt dann Geld, (1) also

235 Schmiergeld gibt oder alte Bekanntschaften; //ähm// (2) Ehefrau kennt denn und denn und

236 dies ist der Taufpate von dem und dem; //ähm// also diesem, //ähm// (1) diese anderen

237 nicht fachlichen persönlichen, //ähm// //ähm//; Erfolgsfaktoren sind also in diesem System

238 ganz wichtig; (2) Ja also wer hier geschmiert hat der kann drin ne:e? und der- (1) der gut

239 Freund mit dem und jenem war, der sieht die Patienten und wer qualifiziert ankam und so

240 dass die Patienten auch ein gutes Gefühl bekommen würden, //ähm// das wurde nicht

241 geschätzt in der Praxis. (1) Es war immer wieder der Kampf, wo man gedacht hat es wird

242 was und die Patienten waren froh und glücklich und es hat auch gut geklappt; ich mach

243 auch für die eine gute Versorgung und, //ähm// (1) plötzlich ruft das Hotel nicht mehr an

244 und der Rezeption den Rezeptionisten wurden Lügenmärchen erzählt; und der Direktor

245 will- //ähm// das jemand anders kommt ne:e? (2) Also solche Sachen passieren

246 dutzendweise hier und das empfind ich schon auch als Kränkung, meines empfindlichen

247 Narzissmus und; //ähm// (2) meines @verletzlichen@ Narzissmus @(.)@ und inso:ofern

248 irgendwann hab ich das auch Leid gehabt, (1) da hin und her zu machen. (2) Vielleicht bin

249 ich auch zu wenig geschickt, vielleicht bin ich auch nicht durchtrieben genug aber so als

250 wirklich Geschäftstüchtiger das kann ich halt nicht so:o-

251 I: L ja, verstä:ndlich; (1)

252 Am: Ja und letzes Jahr war mal wieder ein besseres Jahr; alle waren froh und die Patienten

253 auch; (1) und so weiter, und es ging auch ga:anz okay und es war recht, //ähm//

254 befriedigend, (1) aber ich weiß wie verletzlich es ist ne:e? Kommt mal einer lässt einen

255 tausender rüber und dann ist alles vorbe:ei; (2) Also für diese Tätigkeit für mich ist es

256 überhaupt nichts Verlässliches oder minderfristiches oder; (1) also so ist es halt hier mit

257 dem @beruflichen@ Leben ja? (2)

258 I: Wie geht es denn ihren Patienten? (3)

259 Am: Den Kranken; (2) die Kranken haben größere Probleme ja? (1) In der Vergangenheit

260 war es so dass; //ähm//; dass man von der Kassa nichts erwartete, (1) der bekam meist auch nicht viel Geld dafür; und man hat sich auf das aller notwendigste

261 beschränkt und

262 jeder der //ähm// der ernsthaft besorgt war geht hin zum Arzt seines Vertrauens und wusste

263 dann, dass der; //ähm// in a:aller Ruhe in einer halben Stunde; (1) in aller Ruhe alles

264 besprechen würde, oder sogar ein bisschen länger; (1) d:aann verlangte er irgendwo

265 zwischen fünfunddreißig bis vierzig oder achtzig Euro für den Herrn Professor, (1) für- für

266 die ausgiebige Konsultation und dann wusste der Patient worin er war und hat sich

267 vielleicht noch beim Kassenarzt das Rezept verschreiben lassen; (2) Aber da:afür hat die

268 Mittelschicht; //ähm// (2) dafür kann die Mittelschicht das nicht mehr, die machen das

269 höchstens wenn den Kind mit höchsten Fieber schreit aber wegen ihres eigenen

270 Blutdrucks machen sie es nicht mehr. (2) Ja:a es wird versucht wo es nur geht da das Geld

271 nur einzusparen und die ha:aben halt das Geld nicht mehr dafür, (1) Insofern ist glaub ich

272 die Verunsicherung da sehr hoch, //ähm// es gibt Großengpässe in der

273 Medikamentenversorgung; (1) das heißt viele Medikamente sind nicht mehr zu kriegen,

274 oder ein paar Monate überhaupt nicht mehr in dem Markt, dann auch weil die Apotheke

275 auch seit einem Jahr oder so unbezahlt ist; und hunderte von Millionen Außenstände sind;

276 (2) Das heißt wir nehmen keine Kassenrezepte mehr wenn ihr was wollt, müsst=s ihr

277 zahlen, //ähm// (1) so also zum Beispiel willst du ein Blutbild haben; dann geh ins

278 Krankenhaus oder zu- zu- zur Labor der Krankenkasse, aber hier bei mir musst du zahlen.

279 (2) Ja:a und, //ähm// das haben viele meiner Patienten nicht mehr, also ich sehe auch

280 ältere, die bekannten Multimorbiden; die an ihren Medikamenten für dreihundert Euro pro

281 Monat oder mehr ausgeben müssen; und das //ähm// das geht nicht mehr. (2) Ja also wenn

282 die Apotheken zwei Wochen streiken, sagen wir nehmen auch keine Kassenrezepte mehr,

283 //ähm// dann; //ähm// dann //ähm// geht es halt nicht mehr ja, auch wenn theoretisch wenn

284 mit Stempel hier, Erstattung von der Krankenkasse und blabla; dann sagt die

285 Krankenkasse ja:a ihr könnt euch das dann erstatten lassen, aber das ist eigentlich für alle

286 zur Zeit auch für die ältere nicht Möglich. (2) Ja die kapieren es nicht und; //ähm// wir

287 können nicht herumrennen Tage oder Monate lang und; wenn es da:arum geht etwas

288 erstatten zu lassen, dann bedeutet es wenn es überhaupt, mehrere Tage Rennerei , ja:a

289 @(.)@ so ist halt die Bürokratie nur hier, und, //ähm// (2) das geht nicht mehr also ich

290 gla:aube, dass da; //ähm// gro:oße Probleme entstanden sind, (1) die Krankenhäuser sind

291 ebenfalls //ähm// massi:iv überlastet, (.) ich habe häufig Kontakte zu Kranken mit Ärzten

292 und manchmal klappt es ganz gut, (1) manchmal geht es nicht gut, //ähm// die Patienten

293 werden zu- zu schnell entlassen; es wird notwendige Diagnostik sehr in den ambulanten

294 Bereich verlagert, (1) wo sie eigentlich schon stattfinden kann, //ähm// die Ärzte sind sehr 295kurzangebunden in den Krankenhäusern, weil sie sich überlastet fühlen,

295 //ähm// //ähm//

296 (1) denn natürlich auch ein Großteil der Ambulantenversorgung und der

297 Ambulantengroßversorgung geht inzwischen wenn überhaupt in den Krankenhäusern. (1)

298 Es gibt ja hier keinen Ambulanten organisierten Notdienst der Kassenärzte //ähm//

299 so:ondern wenn jemand Vormittags Krank wird, geht er halt ins Krankenhaus. (1) und da

300 gibt es eine Notfallambulanz und da muss es //ähm// irgend irgend irgendwie gelöst

301 werden und überhaupt durch die Warteschlange kommen. (2) Das sind halt; //ähm// große

302 Probleme, //ähm// die dann entstanden sind, und die Versorgung ist nicht mehr

303 kalkulierbar, (1) das heißt es kann gut funktionieren, das kann aber auch ga:anz schlecht

304 funktionieren, und; //ähm// und ich glaube das da die Ärzte; //ähm// die Ärzte; //ähm// die

305 Patienten meine ich sehr verunsichert sind, (2) okay die Ärzte ja auch, und dass schon

306 eine sehr große Angst; ja:a Angst von der Krankenbehandlung entstanden ist; die meiner

307 Meinung nach immer schon da war; (1) aber früher glaubte man das ein bisschen bald

308 regeln zu können indem man seinen Bekanntenkreis in Bewegung gesetzt hat; und fragen

309 wo, bei wem, kann ich mich wenden, we:er kennt sich da aus, wer macht es denn gut,

310 dann versuchte man; //ähm// (1) zum Teil eine persönliche Vereinbarung zu treffen;

311 meistens halt durch das Berühmte Fakelaki. (2) Da fragte man halt was brauchst du denn

312 für eine besondere Mühe damit auch gut nach mi:ir guckst und so:o und; //ähm// (1) aber

313 das ich auch deutlich reduziert weil die Leute auch dafür kein Geld mehr haben. Also das

314 betrifft meine Patienten auch aus der Mittelschicht und; //ähm// wenn überhaupt zehn

315 Prozent der Reichen, die gehen weiter zu deren Privatärzten; oder fliegen gleich nach

316 Athen, oder sonst wo hin wo sie früher auch geflogen sind. (2) Nicht also; (1) //ähm//

317 dieses enge segmentäre, //ähm// (1) ja dieses- diese gibt noch natürlich ich weiß zwar

318 nicht wie vi:iel Prozent es sind, aber man sagt das ein paar relativ wohlhabend sind und

319 die fliegen natürlich ins Ausland; //ähm// oder Athen eher, //ähm// ich habe keine mehr

320 davon. //ähm// (2) die übrigen dagegen glaube ich sind se:ehr- sehr stark verunsichert

321 ne:e? Das da:as ist auch ein Hintergrund für mich; das ich; sage ich bin ja auch hier

322 gesetzlich versichert, //ähm// (1) wie jeder hier //ähm// (1) und entweder muss ich hier um

323 mehrere hunderte Euro eine privatärztliche Versicherung zahlen, die inzwischen auch

324 ni:icht wirklich was bringt; und die ich mir nicht leisten kann oder, //ähm// oder, (1) ja:a

325 zurück zu meinen Gedanken, ich versichere mich gleich in Deutschland @(.)@ das

326 kostet es ja auch nur drei oder vierhundert Euro im Monat, und dann, //ähm// (1) wäre ich

327 mir sicher wenn ich eine Behandlung oder sagen wir mal eine Operation oder sonst was

328 brauche. (2) Also so:o sind auch die Gedankenspiele die sogar mich betreffen, //ähm// als 327Arzt, //ähm// (2) wenn hier auch halt das Muster der @kollegialen@

329 Behandlung //ähm//

330 ja ohne Verrechnung; (2) das gibt=s hier noch nach wie vor, (1) also hier nimmt der eine

331 Arzt von einem anderen kein Geld also ja insofern wäre ich hier sehr gut bestellt //ähm//

332 aber trotzdem denke ich mir manchmal was wäre wenn ich jetzt eine schlimme

333 Erkrankung hätte? eine Bestrahlung bräuchte, einen He:erzkatheter oder ein Hüftgelenk,

334 //ähm// (2) was würde ich denn machen und ich würde hier nicht gerne ins Krankenhaus

335 wegen der derzeitigen Situation und des ist auch die Meinung vieler Patienten und auch

336 meiner Patienten und so. (3)

337 I: Das hängt ja auch mit dem Vertrauen zum Gesundheitsweisen

338 Am: L ja=ja das Vertrauen zum

339 Gesundheitswesen ist extre:em gesunken, da kann ich über, //ähm// eine Stunde über

340 Sachen der @Bürokratie@ weiterreden die sie sicher nicht wirklich @interessieren@

341 @(3)@. (2) Ich kann @(.)@ (1)eine gesundheitsökonomische Vorlesung hier halten

342 @(5)@. (3)

343 I: @(3)@ (2)

344 Am: @(1)@; (2) über die verpasste Entwicklungsmöglichkeiten und Fehlenden @(2)@

345 Also ja:a; das ist das Problem; dass wir hier an allen tagen sieht //ähm// und hört//ähm//.

346 Der Zweifel ist ja der Reformwillen, ri:iesigen Kasten; (1) politischen und ökonomischen

347 Kasten die sich in diesem System eingerichtet haben und davon profitieren; //ähm// (1)

348 ich glaub, //ähm// 91) das jeder zu tiefst zweifelt ob da überhaupt Reformwillen besteht.

349 (2) nun gibt es seit Ja:ahren einen großen Druck und die Regierung veröffentlichten

350 //ähm// (2) dive:erse Maßnahmen; vielleicht verabschieden sie auch ein paar Maßnahmen

351 wie man hört; der regierungswohlwohlende Presse, dass da der eine kleinere Erfolg

352 angeblich zu vermerken ist, aber die Befürchtung ist groß, dass das bestehende System

353 verteidigen wird und sich dagegen je:egliche Änderung streuen wird, und; //ähm// (2)

354 inso:ofern es also ganz- ganz- ga:anz schwierig wird hier, //ähm// (1) grundsätzlich

355 Verbesserung zu erhoffen; nicht? (1) Also ich glaube das ist eine sehr- sehr weitgehende

356 //ähm// //ähm// Einschätzung der Situation Griechenlands; des La:andes, und es sind ein

357 paar Prozent der Bevölkerung, die sich relativ gut im System eingerichtet haben, (1) davon

358 se:ehr gut profitieren und, //ähm// höchstens da:arauf hoffen dass wir, //ähm// mehr Geld

359 aus Brüssel also aus Europa kommt, und, //ähm// (1) anson:osten soll sich wenig ändern

360 und ja:a, die übrigen kommen aber mit der Situation nicht zurecht, (2) Ja, aber, //ähm// (1)

361 es gibt keine weitere glaubwürdige politische Kraft, die wirklich di:ieses System wirklich

362ändern möchte und ja //ähm// ja:a ich denke sie hören, //ähm// verstehen 362 meinen großen

363 Pessimismus-

364 I: L ja=ja das tu i-

365 Am: L für die Entwicklung dieses Landes.

366 I:Ja:a; vielen Dank, gibt es etwas das sie dazufügen möchten?

367 Am. //ähm// E:eigentlich //ähm// ja=a. Über mein subjektives Erleben, (1) denn die

368 meisten die Berufstätig sind; und vor allem keine Kinder und keine Familie; //ähm//

369 ha:aben; die sie versorgen müssen, dies @nicht@ verstehen.@(.)@. //ähm// mir geht es

370 so, ich kann zehn bis zwölf Stunden arbeiten, schlaf in der Nacht fester und besser und

371 schlaf sieben Stunden ti:ief, ja:a und fertig ist die Bude ja:a. //ähm// (2) ja:a und ich habe

372 ein Arbeitsleben mit vi:iel mehr, me:ehr; //ähm// //ähm// (1) Outputs oder //ähm// //ähm//

373 viel mehr Leistung; messbare Leistung, und hier; //ähm// //ähm// (2) rennt man, rennt man,

374 tut man, tut man, und es geht überhaupt nichts voran. (1) Das ist jedenfalls die, //ähm//

375 //ähm// (2) ich komm mir manchmal vor wie der @Don Chi Chote@ hier, @(4)@

376 I: @(3)@

377 Am:@(1)@ ja:a und wie gesagt eine Selbstwirksamkeitserwartung ist sehr beschränkt hier

378 in Gegensatz zu Deutschland. (3)

379 I: Ja, ich möchte kurz zurück zu diesem Punkt des Lebenstills

380 Am: L Also, //ähm// der Lebensstil,

381 (2) ich komm ja dazu; ich bin die letzte zehn Ja:ahre quasi nur als Besucher in

382 Deutschland, das ganze nostalg- //ähm// Forschungsnostalg- //ähm// wie sagt man das

383 Wort? @nostalgifiziert@ sich, @(.)@, kleine Worterfingung,@(.)@. Also ja es wirkt

384 a:alles immer rossiger und schöner in Erinnerung und die Vorstellung wird, //ähm//

385 Realität, komplett andere Lebensplanung auch mit der Familie, (2) komplett anderes

386 Leben, anderer Lebenstill, ist also ja verständlich, dass es gro:oße Ängste auslöst. (2) Und,

387 //ähm// (1) ist auch die Frau:age ob man dann auch @die Kraft@ dafür findet hier zu recht

388 zu kommen kostet viel Kraft in der Situation, und ja:a dann wenn man eigentlich ziemlich

389 müde ist, und; //ähm// (1) viele Bindungen hier hat und auch ein Häuschen und sonst was

390 dann ist es, //ähm// schwierig eine Entscheidung zu finden die, //ähm// auch wenn man es

391 erkennt, auch wenn man weiß; //ähm// (2) ich bin bereit zu arbeiten, kriegt man sofort

392 zehn Stellenangebote in Deutschland. Ich bin in, //ähm// (1) dieser glücklichen Situation

393 aber, //ähm// ja=a //ähm// was es für die Familie bedeutet, das weiß man nicht ja. Und das

394sind halt so=o Konflikte mit Zweifel und So- sag man Sorgen die irgendwo 394 vorangehen

395 und das kostet auch Kraft das auszuhalten und //ähm// versuchen damit umzugehen. (2)

396 I: Also:o würden sie sagen, dass sie diese Entscheidung als belastend empfinden? (1)

397 Am: Ja=ja, Belastung auf jeden Fall. //ähm// wir empfinden es bei als se:ehr belastend auf

398 jeden Fall und sehr schuldverunsichert, (1) Menschen die sich leichter tun

399 Entscheidungen zu treffen, vielleicht auch jünge Menschen, //ähm// (1) ich we:eiß es

400 nicht. (1) Ich sag de:em geht es schlecht, dem anderen dort besser, also ja:a; das habe ich

401 vielleicht vor zehn Jahren gemacht, aber jetzt ist es nicht mehr so leicht. (3)

402 I: Ich sehe ein, dass sie ins Ausland ziehen möchten und ihre Frau aus persönlichen

403 Gründen auf Kreta bleiben möchte. (1) Um weiterhin also Geld verdienen zu können

404 arbeiten sie als Vertretungsarzt ein paar Monate, Wochen oder Tage der=weil in

405 Deutschland? (.) Aber wie würden sie dies bezeichnen? Vielleicht als eine Art

406 Zwischenweg für die Beziehung?

407 Am: //ähm// ein Zwischenweg ja:a, (1) aber mal sehen ob das geht, und wenn das

408 ökonomische geht; und ich sehe a:aha okay, dann arbeite ich drei Monate im Jahr, und die

409 hafte; oder zwei Drittel davon klappt=s gut, und mit dieser Situatio:on die ich dort

410 fortfinde ist ja auch nicht immer, diese- diese Aufgaben; //ähm// (2) der

411 Vertretungstätigkeiten sind auch ma:anchmal ein großes Ärgernis; aber, //ähm// dann

412 kann man hier wohnen, und; //ähm// ist da:avon abhängig, wie; //ähm// (1) die Ausbildung

413 unserer zweisprachigen Kinder verläuft. (2) Ich sag ja okay. (1) Die kommen ja

414 ha:albwegs mit der Schule zurecht und dann, //ähm// (1) bewältigen wir es bei den, und

415 die Sprachen wo ungefähr einer deutsch oder österreichischen Schule entlauft, so dass sie

416 vielleicht später ihr Studium; //ähm// (3) im Ausland wie Deutschland oder //ähm//

417 Österreich absolvieren können und //ähm// (1) dass die Möglichkeit besteht, die

418 Universitäten mit den griechischen Abschluss zu besuchen. (2) Ja:a, //ähm// dann können

419 wir hier bleiben, nicht? //ähm// (1) ja:a dann ist aber noch, (3) //ähm// ja dann ist aber

420 mehr als zehn Jahre, wo niemand weiß wie es ausschauen würd, und ich weiß nicht

421 ä//ähm// (1) also ich weiß noch nicht wie dann Studiums- also Studiumsmöglichkeiten

422 bestehen. (2) Ja man kommt mal i:immer wieder in vielen Bereichen rein, wenn jemand

423 hier; //ähm// //ähm// (1) ich sagemal, //ähm// Gymnasium, oder Lyceum heißt es hier;

424 Abschluss macht und, //ähm// (2) dann in Österreich oder Deutschland studieren will,

425 dann fragt man den natürlich ob er in Griechenland auch in Studium, also Studienplatz

426 hat. (2) Dann müssen die hier die Paneli- //ähm// Panellinies Eksetaseis machen, //ähm// 425das heißt sie müssen dieses absurde System; (1) Vorbereitung für diese

427 Prüfung dann

428 eingehen; und ich finde das ist auch schwierig, (1) blöd ja=ja und dann noch gut

429 abschneiden und das bedeutet dann wieder eine ga:anz eigene Belastung. Manchmal

430 lernen die Kinder da; aber was wichtig ist lernen die nicht. //ähm// und //ähm// ob man

431 di:iesen Weg machen möchte, und die Kinder darauf drin- und versucht sie da:azu zu

432 bringen, sag ich jetzt mal gute Panellinies zu schaffen um dann mit einer guten Note dort;

433 und sagen okay, jetzt kann ich ja wo anders hingehen wo ich will und so, und das wäre

434 die Idealvorstellung. Ob das geht ist die Frage, also //ähm// ja. (3)

435 I: ich kenne einige, auch ich durfte ohne einen griechischen Studienplatz in Griechenland,

436 nach meinen Panellinies; in Deutschland oder Österreich studi:ieren gehen. (1) Einige mit

437 einem schlechten Abschluss studieren soga:ar Medizin. (1) Aber sie haben Recht. wer

438 weiß wie es in zehn Jahren ist. (2)

439 Am: //ähm// ja:a ich denke ich bin, //ähm// ein Va:ater mit Sorgen@(2)@. Das kann man

440 ja nicht absehen; wie es in zehn-fünfzehn Jahren alles ausschaut, und natürlich ich, //ähm//

441 //ähm// (2) als Vater sehe natürlich die Phantasie des ganzen Lebens führend für den Bub,

442 (1) aber auch für die Tochter, und insofern, //ähm// (1) ich weiß natürlich dass diese

443 Phantasie die ist was wichtiges für das Kind, was es, //ähm// (1) stützen kann von der eher,

444 //ähm// einige Vorteile ausschneidet die für ihn passen@(2)@. Und dann wo anders

445 findet, was nicht- was ni:icht zu ihm passt, //ähm// dass er seinen eigenen Weg dann auch

446 finden kann, und; //ähm// //ähm// (1) wie gesagt, wenn ich diese la:angfristigen Phantasien

447 hab, dann zeigt es sich auch nicht positiv mit dieser @Lage@ hier. @(3)@

448 I: Ja, a:also zum Bereich der sozialen Beziehungen, wie hat sich dieser verändert?

449 Am: Eigentlich, würde ich nicht sagen; dass ich im Bereich des Freundeskreises etwas

450 sich we:esentliches geändert hat. //ähm// (2) wir gehen nicht mehr so:o oft gemeinsam

451 essen im Lokal ja:a klar, (1) okay- okay- okay ja:a; //ähm// (1) das ist eine Grundsachen

452 der griechischen Geselligkeit, //ähm// (1) ist ja typisch dass wir i:irgendwo gemeinsam

453 essen und- und; jetzt machen wir das ka:aum, und wir treffen uns zu Hause und machen

454 halt so was ne:e, (1) aber, //ähm// ja einige Bekannte sind weggezogen aus, aus, zu nahe

455 Familien, (1) also da da:a gibt es klar Verluste aus den Bekanntenkreis, oder den Kreis

456 der Kinder und, //ähm// ja:a (2) noch eigentlich glaube ich nicht, dass sie dramatisch so:o

457 vieles hier verändert hat. Ja man muss aber dazu sagen, dass a:alles was Geld kostet,

458 //ähm// schwieriger geworden ist, //ähm// (2) ja und, //ähm// (3) insofern wir; //ähm// (3)

459 haben also, wir haben gro:oße Schwierigkeiten sehr viel sparsamer zu leben, also wir 458leben, //ähm// das letze Jahr um ein viertel weniger, um zurecht zu

460 kommen; ja, also;

461 //ähm// (3) da kann man natürlich vi:ieles nicht mehr machen was man früher gemacht

462 hat, (1) und was uns Spaß gemacht hat u:und, //ähm// (2) das hat uns eben also; wir haben

463 uns persönlich, //ähm// (1) wir haben finanziell nicht so:o solide gelebt, wie es auch

464 eigentlich sein sollte; und haben uns trotz, //ähm// (1) das eine oder andere geleistet. (2)

465 Ich war schon- schon zweima:al reisen; //ähm// (2) mit der Familie nach Österreich, ja:a

466 Österreich, oder ab und zu essen gehen, we:enn wir mal Lust hatten, //ähm// (2) zwar nicht

467 bomba:arstisch, aber ein bisschen; oder //ähm// (2) mal hier Unterrichtsstunde, also

468 Tanzstunde wenn es uns passt, weil uns es Spaß macht. //ähm// also:o (3) wir haben uns

469 scho:on eingeschränkt, aber weniger als es vielleicht andere gemacht haben, und ja:a also

470 ja, auch weniger; //ähm// (2) als wir das hätten müssen muss ich sagen ne:e? und, //ähm//

471 aber, //ähm// (2) aber; //ähm// es ist schon so, dass //ähm// (1) diverse Le:ebensfreunden;

472 //ähm// Lebensfreuden kann man sich halt nicht mehr leisten. (1) So ist es halt; //ähm//

473 ja:a. (1) Man müssen halt verzi:ichten und verzichten, ist nicht einfach und ganz bitter,

474 das weiß ja jeder. @(2)@-

475 I: L @(2)@

476 Am: L Najaja; (1) ich habe auch gemerkt, //ähm// (2) dass ich

477 nicht nu:ur in Kreta wohnen möchte, ich weiß; //ähm// (1) ich will und muss hier

478 irgendwann weg. (1) //ähm// (1) ich se:eh nichts mehr und hab, //ähm// nichts mehr

479 davon, und im Fernsehen sehe ich auch, dass es auch was a:anderes gibt und will dann mal

480 hier weg, ja:a, und; //ähm// (2) gut, für mich wäre, //ähm// (1) oder vielleicht würde sich

481 das Bedürfnis mehr da:arin manifestieren, dass ich in Deutschland schon so:o ganz

482 arbeiten würde. (1) //ähm// es gibt noch regelmäßig Reisen nach Wien, zum Beispiel weil

483 da eine Gro:oßmutter der Kinder sitzt, und noch eine nahestehende Großtante. (3) Ja:a

484 also, //ähm// //ähm// //ähm// die laden uns dann auch ein, und dann zahlen die auch mal

485 einen Flug. (1) Ja:a und, //ähm// so:ofern können, //ähm// (1) geht es dann, dass die

486 Kinder; und auch wir hin und, Te:eil zumindest, also Flug wird übernommen, und dann

487 wohnen wir halt bei de:enen im Dorf. (1) Ja und, //ähm// //ähm// Wi:ienbesuch ist auch

488 nicht gleich Urlaub @bekanntermaßen@ @(.)@, aber; //ähm// //ähm// //ähm// (1) zum

489 Teil zum Teil. (2) Also zum Teil zum Teil; //ähm// also:o es ist nicht wi:irklich Urlaub.

490 Also wir haben auch mal versucht mehrere, also insgesamt in drei Wochen drei

491 verschiedene Partien zu besuchen, //ähm// aber es war se:ehr stressig; (1) und, //ähm//

492 inso:ofern; (3) //ähm// (3) also:o insofern haben sich diese Reisen noch ergeben und wie

493 gesagt; //ähm// (1) gelegentlich gehen wir auch essen, aber nicht so:o oft wie früher, aber

494das mach=ma schon, und ja:a, //ähm// ansonsten (2) wir haben ja 494 ein Hobby, das wir

495 gerne tanzen gehen; //ähm// (2) Das ist schon natürlich Preisbilliger als in Mitteleuropa;

496 //ähm// und in Wien, //ähm// aber das bedeutet dann, dass wenn meine Frau und ich eine

497 Tanzstunde nehmen, //ähm// dann müssen wir mit dem Auto in die Stadt, das sind acht

498 Euro, die Tanzschule sind zwanzig Euro, der Babysitter sind zwanzig Euro und da:as ist,

499 //ähm// (1) scho:on ein großer Betrag der doch zu hoch schlägt. Und //ähm// andererseits

500 sagen wir gut. (1) Einmal in der Woche müssen wir das wohl machen, ansonsten trett man

501 direkt am Rad und; //ähm// (1) das; //ähm// kunden wir noch, und wir haben es gemacht

502 bis lang. (1) Leute die, //ähm// noch mehr; //ähm// in Nöte, ökono:omischer Nöte geraten

503 sind wo dann einer, //ähm// (1) einer komplett wegfällt, und ein zweiter da ist, oder was

504 auch immer; //ähm// oder Arbeitslosigkeit, da fällt ja a:alles das weg und ich glaub das die,

505 die- die; //ähm// Krisensituation für die viel heftiger ist. (1) Und das blieb uns halt la:ang

506 erspart. (3)

507 I. Also gönnen sie sich auch wa:as-

508 Am: L Also ja:a uns geht es, ja- ja:a; //ähm// (1) auch mit den

509 Alternativen die wir haben viel viel besser als anderen. (1) Ja:a und inso:ofern; //ähm//

510 //ähm// müssen wir uns immer wieder sagen; //ähm// //ähm// (1) dass wir in einem

511 relativen gu:uten Niveau sind. (1) Bislang ja:a. (2) Also; //ähm// (2) in einem relativen

512 hohem Niveau als anderen. //ähm// (2) Vi:ielen anderen; auch meine Patienten haben

513 Schwierigkeiten die viel massiver sind. Es gibt auch viele Ärzte die können ihr Essen

514 nicht mehr bezahlen; und können nicht mehr einkaufen gehen, weil sie ein halbes Jahr

515 unbezahlt sind von der Versicherung, weil die Privatpatientenzahlung zu gering ist, die

516 Praxiskosten bezahlt werden müssen und dann, //ähm// ja:a //ähm// es gibt; //ähm// Ärzte

517 in Berufsausbildung, //ähm// die überleben wollen. (1) sind dann dreißig mitte dreißig, und

518 leben Großteils oder leben ga:anz von den Kosten ihrer el- ihrer //ähm// Familie. (3) Und

519 //ähm// das betrifft //ähm// inzwischen sehr sehr viele Familien, wobei ja die

520 Familienunterstützung ist hier stärker als in Mitteleuropa; //ähm// nicht, //ähm//

521 Leistungen bei Arbeitslosigkeit oder ähnliches, oder gar für Selbstständige ist hier

522 geringer, aber die familiäre Unterstützung die ist ja viel stärker da:a;

523 I: L//aha//

524 Am: L//ähm// aber, (3)

525 das ist dann aber auch nicht recht befri:iedigend, wenn man dann merkt mit dreißig man

526 lebt von dem Vermögen der Eltern ja:a; //ähm// (2) i:irgendwo ist das 526 dann auch, //ähm//

527 @(.)@ se:ehr frustrierend. So ist es. (1)

528 I: Naja:a, dann bedanke ich mich herzlich, für ihre Zeit und wünsche ihnen a:alles alles

529 Gute.

530 Am: Ich danke ihnen auch für das nette Interview; //ähm// (1) da kommt ja vi:ieles hoch;

531 //ähm// und für sie und ihre Arbeit auch alles Gute.

Projekt: Medizinische Helferberufe in Krisensituationen

Datum und Uhrzeit: 06.02.2013, 15:45

Ort: Heraklion, Kreta

Dauer: 35 Minuten

Interviewerin und Transkription: Julia-Isabel Mirtakis

Interview mit Bf

1:I: Wie würden sie sagen; hat sich ihr Leben das letzte Jahr 1 verändert? (5)

2 Bf: //ähmm//, mehr Arbeit; (4) weniger Einna:ahmen, (3) //ähm// (5) schlechtes

3 Gesundheitssystem, (3) weniger Urlaub, (2) me:ehr Stress, (5) das war=s. (3)

4 I: Gehen wir mal einzelnen in den Punkten ein. (2) Wi:ie meinen sie schlechtes

5 Gesundheitssystem?

6 Bf: Ja:a; (1) A:also die Medikamenten werden uns nicht mehr von den Kassen bezahlt; (1)

7 wir sind hier nicht mehr wirklich versichert; (2) //ähm// ich möchte, (1) muss meine

8 Schilddrüse operieren lassen, kann aber nicht, (2) weil es //ähm// in den öffentlichen

9 Krankenhäuser, //ähm// we:eder Ärzte also Persona:al, no:och die Geräte hier für die

10 Operationen anbieten. (2) //ähm// Ich müsste dies privat also selber bezahlen, was die

11 meisten, also di:ie die können auch machen, //ähm// (1) und mir das aufgrund meiner

12 ökonomischen Lage derzeit nicht Möglich ist. //ähm// ja:a mehr Stress bedeutet mehr

13 Patienten. (3)

14 I: a:aha, mehr? (2)

15 Bf: ja; me:ehr Patienten die immer weniger Geld haben, und natürlich weil ich sie eben

16 über zwanzig Jahre als Patienten habe, würde ich auch von mir selbst verlangen; dass ich

17 mit denen arbeite, //ähm// (2) ein weiterer wichtiger Punkt, //ähm// ist meine Freizeit die

18 sich da:araus ergibt; //ähm// also weniger Freizeit, //ähm// (1) also auch weniger Urlaub,

19 //ähm// also mit weniger Freizeit meine ich dass ich je:eden Abend bis zehn oder elf

20 arbeite, und de:ementsprechend keine Freizeit, also kaum ein privates Leben mehr habe;

21 //ähm// also es ist immer so:o; (1) Arbeit, Arbeit, Arbeit Schlafen und nichts mehr, //ähm//

22 vi:iel extremer als letztes Jahr, //ähm// (2) ja:a weniger Geld ist ja klar, also wir können

23 uns, (2) also ich und mein Mann, wir haben eine Gemeinschaftspraxis, und ja, //ähm// (1)

24 wir können uns grad erhalten, und greifen oft an unser Ersparnisse, //ähm// die ganzen

25 Jahre davor müssten wir das nicht, wir haben ein Haus gebaut, unsere Kinder zum

26 Studium geschickt, //ähm////ähm// (2) wir konnten auf Urlaub gehen, //ähm// (2) wir

27 konnten uns a:alles, //ähm// also viel leisten und das ist jetzt alles gestrichen. (1) //ähm//

28 (2) ja:a durch die mehr Patienten haben wir auch vi:iel mehr 28 Stress, und ja

29 zusammenfassend viel viel weniger Freizeit und können uns kaum was gönnen. (4)

30 I: Wie haben sich denn, //ähm// ihre sozia:ale Beziehungen im privaten Umfeld geändert?

31 (3)

32 Bf: Die soziale Beziehungen im privaten Umfeld? (3) //ähm// (2) ja:a //ähm// (2) gu:ute

33 Frage. (7) //ähm// (5) Freunde blieben eigentlich Freunde; //ähm// (3) Se:ehr viele von

34 meinen deutschen Freunden, (1) ich stamm nämlich aus Deutschland und bin wegen

35 meinen griechischen Mann hier her gezogen, (2) //ähm// ja;a viele von meinen deutschen

36 Freunden sind wieder nach Deutschland zurück, //ähm// (1) die natürlich dort super Jobs

37 bekommen haben, und denen geht es natürlich allen gottseidank se:ehr sehr gut, //ähm//

38 //ähm// (2) dadurch sind natürlich intensive Freundschaften mit denen nicht mehr

39 Möglich; //ähm// (2) sie leben ihr Leben und haben sich entfernt. (1) Freunde also, //ähm//

40 die die da geblieben sind; sind auch Freunde gebli:ieben, und man kittet sich eigentlich

41 immer mehr zusammen. (2) Also ja:a einer hilft den anderen. (1) //ähm// sozial, //ähm// (2)

42 ja man geht deutlicher, also wirklich deutlicher weniger essen, oder zusammen aus, oder

43 ja, //ähm// (2) das Geld ist einfach nicht da, (2) wenn man mit Freunden aus geht, (1) wir

44 also, (1) die können sich das einfach nicht leisten mehr als einmal im Monat. (1) Also:o;

45 //ähm// im Beruf und Alltag hat sich ja auch einiges geändert, (1) was damit auch, //ähm//

46 zusammenhängt. Muss ich auf etwas Bestimmtes eingehen? (1)

47 I: ein, nein sie können frei darüber sprechen. (1) Wie hat sich denn ihr Alltag insgesamt

48 verändert? (3)

49 Bf: Ja:a, im Alltag erleben wir; //ähm// (1) erlebe ich; gro:oße große Veränderungen,

50 //ähm// (2) die Rentner haben se:ehr sehr viel weniger Geld, auch meine Schwiegermutter

51 für die ich und mein Mann zusätzlich sorgen müssen; //ähm// (1) Es gibt jetzt das erste

52 mal, nachdem ich über 26 Jahren in Griechenland bin; Me:enschen die im Abfall nach

53 Essen suchen, //ähm// (1) es wird überall essen gesammelt, //ähm// (2) wir geben auch

54 immer was von unserem selbstgekernten den Armen ab, //ähm// (3) Es wird nämlich auch

55 für Kinder Essen gesammelt, es gibt teilweise Kinder die in den Schulen gehen ohne

56 essen, //ähm// (2) von meinen Patienten höre ich das die Schulen nicht mehr geheizt

57 werden; //ähm// (2) ist wirklich kein Geld mehr für irgendetwas dar. (2) //ähm////ähm//

58 (2) es gibt seit letzen Jahr keine Schulbücher mehr, //ähm// ich habe sogar diese von

59 meinen Kindern, die wir noch haben, weitergeben; //ähm// (2) die Lehrer haben kein

60 Interesse mehr, über- über- überhaupt kein Interesse mehr etwas zu lehren, (2) da sie

61 natürlich für 500 Euro im Monat abgespeist werden; //ähm// (2) und wenn 61 sie es überhaupt

62 bekommen. (1) //ähm// (3) zum Beispiel gibt es jetzt ein neues Gesetz, (1) dass sie Geld

63 noch zurückzahlen müssen, //ähm// (2) Unser Freund als Chefarzt bekommt auch nur mehr

64 sieben bis achthundert Euro im Monat was; //ähm// (1) nach so:o einer Ausbildung echt

65 verrückt ist. (2) Ein Chefarzt. (1) Ja:a wir arbeiten aber privat in einer Zahn-, //ähm// (1)

66 in einer Gemeinschaftspraxis als Zahnärzte, //ähm// (1) also ja ich und mein Mann. (2)

67 I: Ja, können sie me:ehr dazu sagen? (1) Wie hat sich denn ihr beruflicher Alltag im letzen

68 Jahr verändert? (3)

69 Bf: //ähm// (1) also Beruf, //ähm// (2) vielleicht ist es a:auch wichtig; //ähm// (1) ich

70 arbeite nicht nur in meiner Privat, sondern auch in einer Sozialpraxis die jetzt; vor ein

71 paar Monaten in der Stadt aufgemacht hat. (3) Das bedeutet, dass je:eder von uns, der sich

72 in der Liste eingeschrieben hat, //ähm// (1) jeder der hier Arzt ist arbeitet, ein oder

73 zweimal im Monat; //ähm// (1) je:enachdem, //ähm// Angebot Nachfrage, oder; //ähm//

74 natürlich Freiwilligkeit. //ähm// Das ga:anz große Problem sind aber die Materalien.

75 //ähm// (1) Es wird zwar eine alte Praxis, vom Zahnärztlichen Verband in Verfügung

76 gestellt, aber, //ähm// (1) das ganz große Problem, sind in der Zahnmedizin die

77 Materialien, (1) die Materialien sind se:ehr sehr teuer, (1) ich werde nächste Woche nach

78 Deutschland gehen, und schauen ob ich da Materialen //ähm// gespendet bekomme, für

79 diese Sozialpraxis. Die Sozialpraxis ist für die Arbeitslosen, nur für die Arbeitslosen, die

80 müssen also ihren Arbeitslosenausweis mitbringen. (2) Die Arbeitslosenziffer ist ja hier

81 fast auf 50%, und; //ähm// (2) auf was wir a:alle alle hoffen ist auf einen gutgehenden

82 Tourismus diesen Sommer. //ähm// (3) Das einzige was auf dieser Insel natürlich

83 funktioniert ist ja die Akralwirtschaft und der Tourismus. (1) Die Sozialpraxis wird jetzt

84 ab nächsten Monat, //ähm////ähm// wird die dann beliefert; //ähm// hoffentlich von denen

85 allen, die Materialen liefern können, aber wir; //ähm// arbeiten natürlich a:alle freiwillig

86 und ohne Geld. (3)

87 I: Und wie, (1) wie fühlen sie sich dabei? (4)

88 Bf: Schwer. (1) Aber ich möchte dort arbeiten. (1) Je:eder in dieser Krise; //ähm// alle

89 müssen zusammenhalten. (1) Ärzte, Patienten; //ähm// (1) das ist nämlich das a:aller aller

90 wichtigste. Da:ann; //ähm// (1) was hat sich noch im letzten Jahr verändert; //ähm// (1)

91 ga:anz ganz ganz; //ähm// (10) furchtbar schlecht ist das die ga:anze; also, die gaanze die

92 studiert haben und gut studiert haben, keine Arbeit mehr haben, //ähm// (1) also ich sehe

93 das gerade an meinen Nichte, die fast dreißig ist; (1) und nach einem zehnjährigen

94 Studium keinen Job mehr hat; //ähm// (2) ja:a und alle versuchen ins 94 Ausland zu gehen;

95 //ähm// (2) das bedeutet wi:ir zahlen dann die Rentenkassa ein; //ähm// //ähm// (2) die

96 Arbeitslosigkeit ist wie gesagt, vor a:allem bei den jungen über zwanzig bis

97 fünfundzwanzig Prozent; und wenn sie eine Arbeit bekommen, dann kriegen sie so

98 vierhundert Euro maximal im Monat. (3) Gestern war eine Patientin von mir in der Praxis,

99 die bekommt vierhundert Euro für neun Stunden Arbeit am Tag. Ja:a Vierhundert Euro

100 mit einem Master in der Hand. (1) Ja:a ja. (1) Die hat studiert, ich rede über studierte

101 junge Leute, (2) die meisten gehen und kellnern wieder, weil das einzige wo man hier

102 überhaupt noch arbeiten kann; ist in i:irgendeiner Bar, ja:a oder in einer Disco; o:oder in

103 den Kaffes. (1) //ähm// (2) ich bin so:o froh, dass ich meinen Kindern die Möglichkeit

104 geben konnte ins Ausland zu gehen; und zu studieren. //ähm// (2) Ich denke aber

105 verändert hat sich; //ähm// also das Problem für mich als Arbeitsgeber ist, (1) dass ich in

106 der Sozialkassa, das trotzdem a:alles einzahlen muss. (1) Also, meine Angestellte, also

107 meine Zahnarztpraxishelferin muss trotzdem; (1) muss ich trotzdem doppelte

108 Sozialangaben im, (2) an Ostern und an Weihnachten zahlen, aber sie bekommt es ni:ie

109 wieder zurück. //ähm// (4)

110 I: Wie meinen sie es? (2)

111 Bf: Also früher haben Rentner; //ähm// doppelt; doppelt Rente bekommen, zu

112 Weihnachten und doppelt Rente zu Ostern, also das waren eigentlich dreizehnhundert und

113 halb Gehälter. (2) Also das volle Gehalt an Weihnachten und das halbe Gehalt an; //ähm//

114 Ostern. (2) Ich bezahl das zwar ein für meine Angestellte; aber es ist inzwischen

115 gestrichen, (2) sie kriegt es nicht raus. //ähm// //ähm// (2) ja:a der Staat profitiert. (1)

116 //ähm// (2) Ja:a, ich habe schon, also ich habe letzte Woche gelesen, dass der Staat; //ähm//

117 das erste mal so viel einnimmt wie er ausgibt und; //ähm//, aber das Problem ist halt dass

118 er damit keine Schulden mehr zurückzahlt, (2) also es wird jetzt vermutlich i:immer

119 schlimmer. (2) Ga:anz extrem verändert; hat sich auch die Steuern, wir sind //ähm//

120 inzwischen in der Steuerklasse fünfundvierzig Prozent, das sind die höchsten Steuern

121 von ga:anz Europa, die hö:öchsten Steuern, fünfundvierzig Prozent ja:a ja:a, (3) also alles

122 was ich verdiene; davon fünfundvierzig Prozent, muss ich bezahlen. Das sind die

123 höchsten Steuerklasse in ganz Europa, dann ha=ma noch dazu die höchste; //ähm// (1)

124 Mehrwertsteuer von dreiundzwanzig Prozent, die in keinem anderen Land so:o hoch ist,

125 dann haben wir; //ähm// //ähm// (2) wir müssten alle extra Steuern von unseren

126 Grundstücken bezahlen, a:alles was in unserem Besitz ist, das kommt immer; immer mit

127 der Stromrechnung, und das sind über tausend Euro im Jahr für je:127 eden; (1) egal ob

128 Rentner, ob Arbeitsloser, jeder der halt ein Besitz hat muss es bezahlen. (2) Es können

129 halt auch sehr viele, das nicht bezahlen; und deshalb; //ähm// //ähm// (2) und deshalb

130 //ähm// (1) ist diese Diskrepanz noch größer, dann wird halt i:irgendwann der Strom

131 abgezo- abgeschaltet; und die Menschen, auch viele meiner Patienten und Freunde müssen

132 ohne Strom leben. //ähm// //ähm// (5) was wollt ich sagen; //ähm// (1) Apropo Steuern,

133 was wollt ich noch zu den Steuern sagen; //ähm// (2) Dann; //ähm// //ähm// können die

134 Leute; //ähm// auch wir kaum; oder ga:arnicht mehr heizen, weil des @Heizöl@ @(.)@

135 inzwischen doppelt so teuer wurde;@(3)@, aber damit schneidet sich die @Regierung@

136 selber ins eigene Fleisch; das bedeutet nämlich dass es @keiner@ mehr kaufen kann.

137 @(.)@ (3) Also die nehmen da die Steuer @trotzdem@ nicht ein. @(2)@ Also wenn

138 jetzt des- des Öl; also das Erdöl statt eins fünfzig kosten ein Euro kosten würde, dann

139 würden sie mehr einnehmen. //ähm// Die können aber daran ni:ichts mehr ändern, //ähm//

140 (2) die Folge ist dass wir zum Beispiel einen Holzofen zu Hause haben @(2)@ auch in

141 Athen haben @viele@ Holzofen und die Folge ist; (1) dass ga:anz Athen schon- schon

142 (verust) ist @(.)@ und die können keine Wäsche mehr nach außen hängen, weil die dann

143 @schwarz@ ist hahaha. Das stimmt! @(3)@ (3)

144 I: @(2)@-

145 Bf: L @(4)@. (2) und da: denke ich mir; wie ich mir, wie ich meine Schilddrüsen

146 ope:e überhaupt leisten kann; nach so vielen Kosten. (4)

147 I: Ich verstehe. (2)

148 Bf: //mhh// (3)

149 I: Ich möchte kurz; auf dem Punkt ihres Berufes zurück. Sind Probleme do:ort entstanden

150 und wie gehen sie damit um? (2)

151 Bf: Da ich schon se:ehr sehr lange arbeite, und fast nur die gleichen Patienten seit

152 Jahrzehnte habe; //ähm// //ähm// (3) weiß ich von vorhinein; wer hat Geld, und wer hat

153 nicht. //ähm// (2) Ich bin lang nicht mehr so:o streng, es ist also; ich denke=mal; dass

154 wirklich etwa die hälfte meiner Patienten nichts bezahlt. (2) A:aber ich denke mir; //ähm//

155 dass es sich im Endeffekt lohnt; we:eil so bleiben mir die Patienten wenigstens erhalten.

156 U:und; //ähm// (1) wenn es ihnen besser geht; dann können sie auch wieder zahlen. (2) Ich

157 mach natürlich; //ähm// vi:iel //ähm// provisorische Arbeit. (2) Das bedeutet ich kann

158 einen Zahn so:o wurzelbehnandeln; aber natürlich nicht überkronen, (1) weil die Krone

159 etwas kostet; und für viele nicht leistbar ist; u:und //ähm// (2) ich mach 159 auch einfach einen

160 Kunststoffkrone, weil die meisten die Porzellankrone nicht zahlen können. (1) //ähm//

161 //ähm// (2) Normalerweise was ich immer gemacht habe ist, dass die Patienten bei

162 Prothetik nur die Hälfte bezahlen; und dann die andere Hälfte langsam abbezahlen. (2)

163 //ähm// die meisten arme Leute machen des, //ähm// (2) die die Geld haben kommen nie

164 wieder. (3)

165 I: //hmm// Können sie vielleicht ein Beispiel nennen; und wie sie damit umgegangen

166 sind? (2)

167 Bf: Ja:a; Beispiele gibt es vi:iele. (2) Letztens kamen drei Schwestern; bei denen habe ich

168 neuen Wurzelbehandlungen insgesamt gemacht, eine haben sie bezahlt und dann sind sie

169 gegangen; also verschwunden und ni:ie wieder gekommen. (1) Ich fühle mich; //ähm// (1)

170 also beleidigt bin ich schon se:ehr, weil es viel Arbeit war und ich denen vertraut habe.(1)

171 Vi:iel Arbeit jaja; (1) veräppelt, veräppelt. (1) Und dann haben sie auch ihre

172 Telefonnummern geändert, und ich finde sie ni:ie wieder, und dann noch das größte

173 Problem, dann @schreit@ mich auch mein @Mann@ an. @(2)@ Nicht nur dass ich

174 umsonst @arbeite@, nicht nur dass ich umsonst @arbeite@, mein @Mann@ schreit

175 mich dann noch an. Er sagt @(1)@ dass ich schon in meiner Praxis eine @Sozialpraxis@

176 hab. @(6)@

177 I: @(2)@ A:aber wie gehen sie mit solchen Problemen um? (1) Gibt es etwas dass sie

178 machen können? (2)

179 Bf: Also, wir- wir müssen immer den Techniker bezahlen, das ist ja meistens die Hälfte

180 und; //ähm// (1) und, dann bezahlen wir den Techniker; und, dann müssen wir irgendwie

181 das Restgeld holen. (2) Und; //ähm// //ähm// (2) das ist für mich schon manchmal

182 peinlich, wenn ich fünf, sechs, oder zehnmal anrufen muss, und sage, //ähm// (1) können

183 sie mir bitte das Geld bringen, ich muss den Techniker bezahlen, und so weiter und so

184 fort; und es ist, //ähm// //ähm// (1) ich fühle mich a:auch ein bisschen unverschämt, aber

185 ich weiß ich dürfte das eigentlich nicht sein, //ähm// (2) ich weiß, //ähm// (2) ich denke

186 immer ich mach da:a; ich mach da:a einen Fehler, (1) aber am liebsten ruf ich da nach

187 einiger Zeit gar nicht mehr an; und schenk das den Leuten. (2) Aber so verliere ich nicht

188 nur viel Geld, sondern auch meine Patienten. (1) Und das gro:oßte Problem, vor allem

189 während der Krise ist //ähm// du gewinnst keine Patienten sondern du verliest sie. //ähm//

190 //ähm// (2) ich bin natürlich auch extre:em mit den Preisen runter, mindestens fünfzig

191 Prozent. (1) Das ist ja klar. (1) Wenn jemand nur vierhundert Euro im Monat verdient;

192 eine Miete hat, Strom zahlen muss, Steuern zahlen muss, //ähm// 192 (2) und er keine

193 hundertfünfzig Euro für eine; //ähm// Füllung oder eine, //ähm// (4) und so weiter; also

194 das geht einfach nicht. (2) Die Leute haben halt das Geld nicht übrig, und Zahlschmerzen

195 sind die schrecklichsten Schmerzen; //ähm// (1) und große Arbeiten mache ich ja kaum

196 mehr. Wo man richtig was verdient; //ähm// (2) das machen wir hauptsächlich nur mit

197 Ausländer ,die ihr Geld nicht hier verdienen. (4)

198 I: Aha:a, (1) es kommen also auch Patienten aus dem Ausland zu ihnen? (2)

199 Bf: Ja:a, (1) es kommen Ausländer; und für die ist natürlich Griechenland se:ehr se:ehr

200 preisgünstig; und wird immer preisgünstiger, //ähm// (2) zum Beispiel die aus Deutschland

201 können dann; //ähm// mit ihrer deutschen Versicherung, ich weiß nicht in Österreich ob

202 es auch klappt, aber; //ähm// mit der deutschen Versicherung; können die

203 Kostenvoranschläge machen, das genehmigen lassen und dann; sich also hier die Zähne

204 machen lassen. (2) Das sind auch meistens die Patienten; die auch zahlen, weil sie eben

205 das Geld noch zurückbekommen. (2) Ne:e; und dass ist auch immer, //ähm// (3) also da:a

206 hab ich; //ähm// (2) also da bin ich sehr froh, dass ich einige davon habe. (1) Ich hab

207 sowieso; ne, ne- Praxis, mit etwa fünfzig Prozent Ausländer, und fünfzig Prozent

208 Griechen; //ähm// //ähm// (2) aber das Problem ist auch, dass die Ausländer, die die hier

209 wohnen, auch gleiche ökonomische Probleme aufgrund der Krise haben. (1) Sprich; vi:iel

210 weniger Einkommen, vi:iel weniger Ausgaben, vi:iel mehr steuern. (2) Auch wir; //ähm//

211 müssten und auch; //ähm// (modallisieren); also neue Stühle kaufen. Aber das müssen

212 wir einfach ga:anz hinten anstellen. (1) Wir schauen jetzt ob es besser wird, (2) alle auch

213 wir hoffen ja, dass es zweitausendvierzehn ein bisschen aufwärts geht. (1) Und dass der

214 Tourismus, also dass es einen guten Tourismus zweitausenddreizehn, (1) dass es dann ein

215 bisschen besser geht, //ähm// (2) weil ich in den Sommermonate nur mit Touristen

216 hauptsächlich aus den Hotels arbeite, die mir direkt zugeschickt werden. //ähm// (2) ja:a;

217 also hoffentlich wird es gut, weil die Armutsgrenze schon sehr sehr niedrig angesetzt ist.

218 (4)

219 I: Gibt es weitere Probleme in ihrem beruflichen Alltag? (2)

220 Bf: Probleme im Beruf; //ähm// //ähm// (2) es ist einfach so; (1) man muss perfekte Arbeit

221 machen, und wird dann ziemlich wenig belohnt. (2) Aber wir halten die Stellung. (2) Ich

222 weiß nicht ob es besser wird, ich hoffe dass alles; //ähm// (1) in ein paar Jahren wieder

223 gut ist. (1) Weil jetzt müsst man natürlich; //ähm// (1) v:iiel Geld aufnehmen, und das

224 Problem ist, wie wir es irgendwie zurückzahlen. (2) Aber inzwischen gibt es auch

225Programme, Sozialprogramme für jugendliche Arbeitslose; //ähm// das 225 Problem ist halt

226 immer, dass die ausländische Firmen nicht unbedingt in Griechenland investieren; durch

227 die große Bürokratie, (1) es wird versprochen, dass es besser wird, //ähm// //ähm// (2)

228 also der Regierungschef hat versprochen, dass die Bürokratie mehr Arbeitsplätze, (2) es

229 gibt se:ehr viele Programme von dem; //ähm// Or- //ähm// (2) Arbeitsamt hier, das

230 wenigstens ein paar Arbeitslose so dreihundert Euro Jobs bekommen. Und das ganz große

231 Problem im Gegensatz zu Österreich und Deutschland ist, dass das Arbeitslosengeld nur

232 einmal ausbezahlt wird. (2) Sprich; man kriegt drei bis vierhundert Euro, //ähm// nach

233 diesem Jahr stehen die Leute ohne was dar. (1) Ohne was. //ähm// (1) se:ehr geschockt

234 war ich von Athen, die Armut ist ja dort vi:iel größer; da auf Kreta jeder seine

235 Olivenbäume und jeder auch sein Kartoffelgebiet, seine Ziegen und seine Schafe, aber in

236 Athen die Stadtmenschen, also die Stadt also a:alle Menschen o:ohne was dar stehen. (3)

237 Die können ja nicht unbedingt ihren @Brocolli@ auf dem auf dem Balkon einbauen

238 @(.)@. (2) Die Mieten sind se:ehr se:ehr hoch, (1) auch hier; und das Leben ist se:ehr sehr

239 teuer, vor allem mit so=nem Einkommen; //ähm// (2) überhaupt ist das Leben nicht

240 billiger geworden, ja:a. (2) Dadurch, dass das Benzin se:ehr sehr viel teuer geworden ist,

241 das Heizöl se:ehr sehr viel teuerer, die Lebensmitten noch teuer sind; //ähm// sprich die

242 Lebensmittel in den Supermärkten sind nicht billiger geworden; sondern sind immer

243 immer teurer; wegen der Krise. (2) Sprich; die Leuten haben kein Geld mehr am Ende

244 des Monats. (2) Wir leben ja:a; //ähm// (1) auch hauptsächlich von unseren Ernten,

245 Olivenbäume, oder von unserem Gemüse; und schauen, dass wir; //ähm// (2) nur einmal

246 täglich in die Stadt; //ähm// (1) zur Praxis fahren, damit wir Benzin sparen. (2) Sprich, wir

247 schlafen Mittags, wenn überhaupt, manchmal in der Praxis; oder gehen bis die Arbeit

248 wieder beginnt, //ähm// essen oder spazieren; //ähm// ja:a. (3) Meine Patienten; (1) die

249 mir Geld schulden; schlage ich immer vor so zwanzig Euro im Monat abzuzahlen, und

250 nicht mal di:iese zwanzig Euro haben sie nicht. (1) Ja, nicht mal zwanzig. (4)

251 I: Wie geht es ihnen denn? (2)

252 Bf: Uns geht es ja @no:och@ gut. Schlicht und ergreifend. @(.)@. Also uns geht es noch

253 gut.(2) Der Gedanke weg zugehen; //ähm// //ähm// (1) und ein neues Leben anzufangen;

254 habe ich eigentlich de:eshalb nicht; //ähm// (2) weil eine neue Praxis aufzubauen in

255 Deutschland würde mich=ne halbe Millionen kosten; die ich ned hab.(2) Und da:adurch,

256 dass wir zweiundfünfzig und dreiundfünfzig sind, //ähm// bekommen wir vermutlich

257 weder den Kredit noch; //ähm// a:also //ähm// (2) eine Praxis neu aufzubauen, neue

258 Patienten //ähm// (2) das wird se:ehr se:ehr schwer. (3) Das ist ja sehr sehr 258 schwierig, (2)

259 go:ottseidank sind ja auch unsere Kinder auch bald fertig, und dann haben wir wenigstens

260 die Ausgaben zum Studium unserer Kinder nicht mehr. (3)

261 I: Wo sind eure Kinder? (4)

262 Bf: Die beiden habe ich schon von vorne=an ins Ausland geschickt. @(.)@. Wegen der

263 besseren Ausbildung. (1) Unser So:ohn studiert Zahnmedizin in Deutschland; //ähm// (2)

264 ich habe ihn nicht in Griechenland studieren lassen; aus einem sehr gutem Grund, //ähm//

265 (3) an den Unis hier wird fast nichts mehr gelehrt; weil ganz einfach, //ähm// (2) es gibt

266 keine Mittel mehr. (1) Di:ie für Zahnmedizin; wo man so viele Materialien braucht, (2)

267 keiner kann sich mehr die Materialien leisten, so müssen es die Studenten selber bezahlen

268 und selber mitbringen. (2) Die Materialien für Füllung; also selber Gips, (1) und a:alles

269 kaufen; //ähm// (2) uns so weiter, //ähm// (1) können natürlich nicht alle, (1) können

270 natürlich nicht alle; und dann werden die halt ned richtig ausgebildet, und dann ist zum

271 Beispiel, die Zahnmedizin nicht zu einem praktischen sondern zu=nem theoretischen

272 Studium g=worden. (2) Ich bin se:ehr froh, dass unser Sohn in Deutschland studiert; und

273 da sehr gut ausgebildet wird. (2) außerdem bin ich se:ehr se:ehr froh, dass unsere Tochter

274 in Österreich ist; //ähm// (2) da geht=s den beiden vi:iel zu gut. (3) Ob meine Kinder

275 zurückkommen wollen, dass werden wir sehen. (2) Bei meinem Sohn der Griechenland

276 se:ehr liebt, //ähm////ähm// (2) lass ich mich überraschen. (1) Wir warten auch einfach auf

277 die; auf die Entwicklung der nächsten Ja:ahren. (1)Die Hoffnung; //ähm// (.) die Hoffnung

278 stirbt zuletzt. (4)

279 I: Ich möchte noch eine Frage bezüglich ihres Berufes stellen. Wie geht es denn ihren

280 Patienten? (2)

281 Bf: Me:einen Patienten geht es se:ehr unterschiedlich. (1) Ich habe se:ehr; sehr viele

282 Patienten die im Tourismus tätig sind; das bedeutet die arbeiten sechs Monate im Jahr und

283 bekommen dann, (2) also beka:amen das ganze restliche Jahr; //ähm// (2) sechs Monate;

284 vierhundert Euro im Monat Arbeitslosengeld. (2) Ab dieses Jahr wurde es gestrichen.

285 (1)Aber bis jetzt gings de-; meinen Patienten noch re:elativ gut, mit großer Betonung auf

286 relativ. (2) Weil man kann es auch nicht mit dem österreichischen, oder deutschen, //ähm//

287 Gehalt vergleichen, die haben halt achthundert Euro monatlich bekommen; in Sommer,

288 arbeiteten und arbeiten ohne Pause sieben Tage die Woche, und da:ann bekamen sie als

289 Arbeitslosengeld im Winter drei oder vierhundert. Ab zweitausend und dreizehn Winter

290 wurde, //ähm// wird dies gestrichen. (2) Die bekommen dann also kein Arbeitslosengeld

291im Winter, was bedeutet, //ähm// dass sie dann besonders Arm sind. (291 2) Die können sich

292 dann nur mehr mit Olivenernten, oder sonst was mehr erhalten. (2) Apropo Olivenernten,

293 //ähm////ähm// früher haben die Ba:auern, //ähm// (1) hatten so:o viel Geld die Bauern,

294 dass sie gar=nicht alleine ernten mussten, und haben dann Leute dafür an-; //ähm//

295 eingestellt. (1) Inzwischen sitzt jeder @Bauer@ wieder und @(3)@ und erntet seinen

296 @eigenen@ Olivenbaum. //ähm// (2) wir ernten ja auch seit letzem Jahr wieder selbst, mit

297 Hilfe unserer Kinder und Familie die Olivenbäume. (1) Das ist ein @gro:oßer@

298 Unterschied @(.)@ ein großer@(2)@. (1) Früher haben a:alle die, //ähm// Albaner und so

299 ernten lassen, und inzwischen sind die Albaner wieder @weg@ @(3)@ in @Albanien@

300 und wir müssen wieder selber arbeiten @(.)@ alle gute Griechen @(.)@. //ähm////ähm//

301 (2) Aja:a; (1) wie es meinen Patienten geht, //ähm// (1) Insgesamt, //ähm// insgesamt ist

302 die Auftragslage ü:überall geringer. (1) Ich habe se:ehr sehr viele Arbeitslose, //ähm//

303 dann habe ich natürlich auch Patienten au:us //ähm// besser verdienten Kreisen, die immer

304 noch gu:ut verdienen, //ähm// (1) a:aber ich denke lang nicht mehr so, (1) also:o; //ähm//

305 ich denk mal, dass sie, wie wir; vierzig bis fünfzig Prozent mindestens weniger verdienen.

306 (2) //ähm// schlecht geht es natürlich auch Menschen die kleinen, //ähm// Läden hatten,

307 (2) überhaupt mit Lebensmittel oder kleine Supermärktchen oder Kleidergeschäfte also;

308 //ähm// denen geht es ja ganz ganz schlecht. (1) Die arbeiten im ganzen Jahr ga:anz ga:anz

309 wenig, nur dann im; //ähm// Schlussverkauf verkaufen sie noch was, aber wenn man

310 inzwischen unsere Hautstraße in der Stadt entlang gehen, sind ja inzwischen; //ähm// (2)

311 über drei viertel der Geschäfte geschlossen. //ähm// (1) ja das sind ja auch Patienten und

312 deren Gesundheit ist genauso wie von, //ähm// jeden sehr wichtig, (2) also hab ich schon

313 in den letzten ein zwei Jahre begonnen, meine Arbeitsleistung gegen @Klamotten@ oder

314 @Lebensmitte@l zu vertauschen. (1) Mir wurde //ähm// (3) sogar al- als Gegenleistung

315 ein @Esel@ @(.)@ angeboten aber @(5)@ nei:in, @danke@. (4) Sprich ja:a, meinen

316 Patienten geht es unterschiedlich; aber die sind mir trotz der Krise wichtig, ja:a.(4)

317 I: Ihre Gesundheit ist aber a:auch wichtig, wenn ich ihre notwendige

318 Schilddrüsenoperation in Betracht ziehe? (6)

319 Bf: Ja:a; //ähm// (2) ich kann meine Schilddrüse nu:ur, also nu:ur operieren lassen; wenn

320 ich vier oder fünftausend Euro dem Chirurg auf dem Tisch lege. (2) Wer hat das Geld

321 noch; //ähm// also nicht übrig, sondern; //ähm// (2) gesamt, wer hat fünftausend Euro? (2)

322 Das ist das Problem. (3) Ich denke, dass ich ja=ja deswegen so sozial mit meinen

323 Patienten umgehe, weil ich e:eben; //ähm// auch ein Patient bin. (2) Und wenn sie einfach

324nichts haben, dann haben sie auch nichts, (1) dann kann man auch nichts 324 machen, aber es

325 ist nach wie vor so, die ärmsten der Armen tun alles und zahlen und die @Reichen@

326 de:enken nicht dran. Die nützen das dann aus, verstehen sie? (3)

327 I: ja=ja, ich versteh-

328 Bf: L und kommen dann an, und sagen o:oh und meine Re:ente:e wurde:e

329 geku:urzt o:oh; (2) und dann wurde die von zweiundhalbtausend auf zweitausend gekürz;t

330 ja:a?@(2)@, zum Beispiel. (1) Ein gro:oßes sozia:ales Problem ist auch diese:e; //ähm//

331 die viele Staatsangestellte hier, die pensioniert werden und die sind schon mit vier oder

332 @fünfundvierzig@ @(.)@ Rentner und dann kriegen die noch @vierzig oder fünfzig@

333 Jahrelang Rente sola:ang die @leben@. (5) Wer soll das bitte bezahlen? (2) Und dann hat

334 ich letzte Woche, (2) hatte ich einen Patienten, der; //ähm// der sich nicht mehr traut;

335 //ähm// ja der wurde jetzt pensioniert und hat sich nicht getraut zu sagen. (1) Der war

336 nämlich wo:o? //ähm// (1) am Hafen angestellt. (2) Und der, wenn er zwanzig Jahre

337 arbeitet; //ähm// ja wenn die zwanzig Jahre arbeiten dann kriegen die eine @Rente@. (4)

338 I: Und sie? Wann bekommen sie Rente? (2)

339 Bf: @(4)@ ich kriege erst @(1)@ mit @sechsundsiebzig@ Rente; und @(1)@ wenn

340 überhaupt. (2) @(2)@. Ja=ja, und jetzt haben wir nämlich folgendes wenn; //ähm// (2)

341 also apropo:o Rente, die kriegen wir wegen den Schuldenschnitt vermutlich gar=nicht,

342 //ähm////ähm// (3) weil nämlich unsere Rente angelegt war auf griechische Staatspapieren,

343 die griechische Staatspapieren durch den Schuldenschnitt wurden, //ähm// (1) um siebzig

344 Prozent gekürzt, wir haben glaube ich bis jetzt zweihundertsechszig Tausend Euro

345 einbezahlt, in der Rentenkasse; und da minus siebzig Prozent, //ähm// (2) ja:a das kann

346 man ausrechnen. (4) Sprich meine Kinder müssen mich später mal @unterstützen@

347 müssen. @(3)@. Ich muss mich @(.)@ gut mit meinen @Kindern@ @(.)@ halten. (3)

348 I: Zurück zu ihren reichen Patienten; die zahlen könnten aber dies nicht tun. Wie gehen sie

349 mit solchen um? (3)

350 Bf: Also ich kann sie ja ned @prügeln@, damit sie mich zahlen @(1)@. //ähm// (3)

351 umgehen, ich bleib dann sprachlos stehen. (2) A:aber; ich merk mir die Person und;

352 //ähm// (2) da mach ich dann nichts Teures mehr. (4) Das gibt ja immer eine Möglichkeit;

353 //ähm// (2) es gibt mehrere Möglichkeiten die Behandlung bei uns zu machen. (1) Es gibt

354 immer eine billigere und ein weniger billige, und eine teurere Lösung; //ähm// (3) also

355 wenn ein Zahn gezogen wird, müssen wir ja nicht unbedingt eine Brücke machen, und

356dann sagen; //ähm// (2) jetzt wa:arten wir mal zwei Jahre; und dann machen 356 wir weiter. (3)

357 Gell, also die meisten sagen das auch zu uns ne:e? (.) Jetzt wart=ma mal zwei Ja:ahre, jetzt

358 geht uns es ja schlecht und in zwei Jahren können wir uns ja=ne Brücke leisten. (2) Also

359 ich arbeite; //ähm// se:ehr Zukunftsorientiert, denn ja wir werden dann sehen. (2) Wir

360 wissen ja überhaupt nicht wo das Land hin; //ähm// (2) also ja das werden wir ja sehen.

361 //ähm// (2) Ich kann nicht sagen; ob ich oprimistisch; oder pessimistisch; über die Zukunft

362 des Landes denke; //ähm// (2) ich hab gar=kein Gefühl; //ähm// (2) aber ja viel schlechter

363 kann es ned werden; //ähm// (1) also könnten sich die Sachen gut entwickeln. (2) Ich

364 bleibe jetzt mal da:a. (3)

365 I: Möchtens sie noch was dazu=fügen? (2)

366 Bf: //ähm// 92) ja:a, ich denke; wir als Ärzte, gehen ganz unterschiedlich in solchen

367 Situationen um; //ähm// (2) zum Beispiel mein Mann, der als Zahnarzt ohne Geld kaum

368 was @macht@ und @(.)@ wissen sie was er letztens gemacht hat? //ähm// (3) ich hatte

369 einen Patienten aus England; und, //ähm// (2) habe ihm eine Brücke, und alles drum und

370 dran für dreitausend Euro @gemacht@ @(.)@ und; //ähm// (2) er hat nicht mal den

371 Zahntechniker bezahlt, (1) und ist abgehauen, sprich mit der Brücke. (1) Mein Mann hat

372 also @(.)@ ihn also @hundert=mal@ ang=rufen; und ihm dann am Schluss erzählt

373 ;//ähm// (1) die Brücke sei provisorisch; und er soll bitte @kommen@; wir setzen ihm die

374 richtige ein. (3) Er soll doch kommen; //ähm// ja:a dann hat mein Mann die Brücke

375 entfe:ernt, und @(2)@ ihn weggeschickt und; //ähm// (2) der Patient kam dann wirklich

376 nach ein paar Wochen mit dem @Geld@ und @(.)@ a:alles gut. (2) Aber sie werden ihn

377 dann eh gleich interviewen, und schauen @(3)@

378 I: @(2)@ vi:ielen Dank für ihre Zeit und das nette Gespräch. (2)

379 Bf: Ich danke ihnen, @(.)@. A:alles gute Wünsche ich ihnen für, //ähm// (1) ihre Arbeit.

Projekt: Medizinische Helferberufe in Krisensituationen

Datum und Uhrzeit: 07.02.2013, 15:30

Ort: Chania, Kreta

Dauer: 20 Minuten

Interviewerin und Transkription: Julia-Isabel Mirtakis

Interview mit Cm

1 I: Also, ja:a; (1) versuchen wir es dann auf 1 @Deutsch@ @(1)@

2 Cm: @Ja@, @(3)@ ich versuche; @(1)@

3 I. Wenn ihnen ein deutsches Wort, oder ein Satz nicht einfällt, können sie das ge:erne auf

4 Griechisch sagen, ja:a? (2)

5 Cm: Super, danke. Also:o-

6 I: L A:also ja:a, sie können mir ja ga:anz offen erzählen, wie sich ihr

7 Leben das letzte Jahr geändert hat. (3)

8 Cm: Isch bin; //äh// in Kreta jetzt seit, //äh// zweitausendundvier als Allgemeinchirurg

9 tätich. (3) Insgesamt ist es schwierig im sogenannten priva:atmedizinbereich; (2) weil wir

10 sind nicht im Krankenhaus; und, //äh// (1) sondern als Privatärzte praktisch tätich. Und;

11 (2) dass ist sowieso e:etwas schwieriger, als im allgemein Krankenhaus des (Tates). (3)

12 Trotzde:em; sehen wir, dass; //äh// (1) in den letzten ein=zwei Jahre vo- von- von der

13 Kundschaft, (1) von den Patienten sag isch mal, dass es, //äh// (1) einmal we:eniger

14 Patienten zu den Ärzten, und auch zu mir kommen, und auch die=jenige die kommen; die

15 fragen immer schon im Telefon was muss isch za:ahlen für das, für das andere und- und16

16 und; (3) Also es ischt, wir sind deutlich; //äh// (2) praktisch die Krise in den Fragen der

17 Leute. (2) Isch arbeite zwar mit der sogenannten allgemein Krankenkasse Griechenlands,

18 mit dem EOPI, dem sogenannten; //äh// (2) EOPI jetzt seit Anfang; //äh// zwölf. //äh//

19 zweitausendzwölf, //äh// //äh// (2) das bedeutet die Patienten können, //äh// (1) können zu

20 uns für Fragen; für Informationen; und sonst praktisch kommen; //äh// nur mit ihrem

21 Krankenschein, //äh// (1) ja:a trotzdem die Fragen; trotzdem muss isch doch was bezahlen

22 oder nischt, (1) sind nicht weniger geworden; //äh// ja trotzde:em gebe die Krankenkassen

23 kein Geld; und deswegen müssen die Patienten selber alles zahlen; //äh// ja:a (5)

24 I: Wie haben sich de:enn ihre soziale Beziehungen geändert, in ihrem alltäglichen; //ähm//

25 also in ihrem privaten Umfeld?

26 Cm: Ja:a; //äh// trotz der Krise; //äh// der Ärzte, //äh// (3) der Arzt bleibt ein Beruf in

27 Griechenland der von allen; //äh// wie heißt es //äh// hochachtet; //äh// (1) wird. //äh// (3)

28 Das bleibt; //äh// (1) praktisch; //äh// //äh// (1) so:o. (2) Trotzdem auch im 28 privaten; //äh//

29 Bereich; //äh// (2) sehen wir, dass auc;h //äh// wie soll isch sagen; //äh// (1) die; die, die30

30 die Freundschaften, //äh// (3) früher haben wir sag, isch mal je:eden Moment o:oh, gehen

31 wir zum Haus, gehen wir zum Hafen, ge=mma zum Restaurant; ge=mma ge=mma; (1)

32 jetzt sehen wir, dass auch als finanziellen Gründen; das etwas zurückgedreht wird und

33 eher zum; //äh// häuschlischen Bereich; (1) also lieber lade isch jemand zu mir ein, //äh//

34 (2) Freunde; //äh// Tante, Geschwister; //äh// Väter und so weita, als; //äh// jetzt in den,

35 //äh// (2) wie soll isch sagen, //äh// (2) in den Geschäften o=da in den Tave:ernen. (2) Also

36 wir haben etwas eingegrenzt. //äh// (1) wenn sie das gemeint haben. //äh//

37 I: Ja=ja, sicher da:anke. (1) Sie haben vorhin kurz zum Beruf etwas erwähnt. Wie hat sich

38 denn dieser in dem letzen Jahr verändert? (4)

39 Cm: Oka:ay, //äh// (1) das Problem ist das. (1) Man hat ein Beruf sag isch mal; gewählt,

40 //äh// (3) was wortwörtlich Chirurg; //äh// //äh// (2) kommt vom Wort Cheri; //äh// (1) also

41 vo- von der Hand also man muss tätich sein. (3) Und natürlich wenn man dann auch

42 weniger ha:at, auch zu tun, auch zu operieren, das beeinflusst auch innerlich //äh// (1)

43 jemanden, auch misch, //äh// (2) speziell in meinem chirurgischen sag ich mal; //äh// //äh//

44 Bereich, das macht eine leicht //äh// //äh// nicht wirklisch Depression, aber //äh// (6)

45 sondern eine bedrückende Stimmung. (2) Also wenn; //äh// (3) isch we:eniger zu tun habe;

46 werde isch selbst eingegrenzt; also, //äh// (4) auch physisch und psychisch; //äh// (1) ich

47 hab Angst zu vergessen wie. //äh// (2) verstehen sie? //äh// ja:a; (2)

48 I: Sind auch Probleme in ihrem Beruf entstanden; (1) und wie gehen sie da:amit um? (2)

49 Cm: Berufsprobleme?

50 I: Ja, genau im Beru:uf; (1)

51 Cm: //äh// (1) okay //äh// (1) im Beruf ist es so, dass wir trotz; wie gesagt im privaten

52 Bereisch sind, //äh// (2) a:auch versuchen; //äh// Leute zu helfen, oft auch um; //äh//

53 umsonst. (3) Zum Beispiel; im Dorf wo isch wohne, da existieren ein Altenheim, ein

54 gutes Altenheim, //äh// (1) isch gehe da oft und di:ie, //äh// (2) Ärzte, es ist ein kirchliches

55 Altenheim, und auch die Pfarrer dort; (2) der zuständige Direktor; //äh// (4) also der

56 Pfarrer und so:o, die wissen zum Beispiel, wenn die mich rufen für chirurgische

57 Probleme; umsonst praktisch für die Leute die dort sind //äh// meine Tatäschgkeit

58 umsonst da ausübe, //äh// und oft auch in Dörfer hier auf Kreta wo verlassene Leute, //äh//

59 ja verlassene, die Kinder sind im Athen oder im Ausland und so weiter, oft //äh// (2)

60 praktisch; //äh// um- umsonst. //äh// (2) Nicht umsonst aber als eine Art; //äh// ich will ja

61 auch den Leuten helfen. (2) Also wenn ich jetzt hunderd; oder zweihunderd 61 Euro im

62 Monat weniger hab, werde isch nischt unbedingt Arm, //äh// (2) ich und; //äh// wir

63 müssen zusammen halten. (3) Auch u:unsere Ärzte, //äh// (1) also wir Ärzte als

64 Gese:ellschaft; und in einer Gesellschaft müssen wir zusammenhalten. (2) Sonst geht das

65 nischt. (3) Oft ist es auch, dass wir; //äh// (2) da kommt der Patient hier oder wir gehen in

66 ein Haus, der zahlt uns mit irgendetwas; //äh// ein Warenwert. Das kann ein Glas-

67 //äh////äh// eine Flasche Wein kann das sein, das kann; //äh// //äh// ein @Kaninschen@

68 sein @ (3)@ ;

69 I: @(2)@-

70 Cm: L @alles@ kann das sein. //äh// //äh// (2) Ja:a der Wert des Euro; hat sich hier sehr

71 verändert; //äh// (3) seit einem Jahr und; //äh// ja vora=llem wir Ärzte müssen damit

72 lernen können, Isch komm damit klar ja:a? (5)

73 I: Aha:a , ja ich verstehe. //ähm// (2) wie würden sie sagen geht es ihren Patienten? (4)

74 Cm: //äh// //äh// (2) Isch betreue meine Patienten im privaten Bereich sehr sehr eng. (3)

75 Das eben im Gegensatz zum Krankenhaus, (2) isch betreue se:ehr sehr eng, (2) wir freuen

76 uns; //äh// wenn alles ga:anz ga:anz gut klappt; //äh// (2) also vor=allem nach größeren

77 Operationen; wie Gallblasenoperationen, oder Herzoperation; //äh// //äh// (2) aber auch die

78 kleine Chirurgie, die kleine Hautsachen wie Wunden oda; //äh// Ulzera; //äh// (1) oda;

79 //äh// //äh// (2) isch betreue sie eng, //äh// das bedeutet; //äh// //äh// (1) norma:alerweise

80 sag isch mal ganz gut, sag isch mal, nicht dass es nicht Probleme scho mal gibt, aber

81 aufgrund der intensiven Betreuung sind wir Zufrieden; aber auch die; //äh// (1) mit uns

82 //äh// (2) mit mir zufrieden. (6) Also ja:a mit meinen Patienten gehe isch entweder zu den

83 nach Hause also; //äh// //äh// ja:a Hausbesuche mit meistens ohne Geld; sondern mit

84 Tausch oder auch ohne nichts; //äh// oder eben in der Praxis. (3) //äh// (3) Allerdings;

85 //äh// //äh// (1) speziell wir; //äh// wir Chirurgen, //äh// wir können nicht nur in der Praxis;

86 somit bin isch auch; //äh// //äh// Mitarbeiter in zwei Kliniken; hier in- in- in der Stadt;

87 //äh// eine ga:anz Moderne, und noch; //äh// (1) eine andere; //äh// ga:anz- ganz gute

88 Klinik; wo isch auch die ga:anz großen Operationen auch tätiche. (3) Mit ganz moderner

89 Ausstattung, also international top Ausstattung. //äh// (3) Aber diese Klinik mit top

90 Ausstattung und so weiter ist halt; //äh// privat; //äh// das bedeutet für Leute die za:ahlen

91 können. (3) //äh// //äh// (2) wie heißt es; //äh// dazu kommt noch, dass wir hier in der

92 Gegend eine Touristen- //äh// (2) sag isch mal; //äh// Gegend; //äh// (3) dass wir ab März;

93 //äh// bis Ende Oktober auch; //äh// vi:iele Touristen betreuen. (4) In Zusammenarbeit mit

94 der privaten Klinik dann und; //äh// die private ist auch hautschächlich 94 von Touristen,

95 weil die bezahlen können; besetzen. //äh// (1) ja:a kommen mehr Touristen

96 hautschächlich. //äh// //äh// (4) Wir Chirurgen aber auch Pneumonologen, Pathologen,

97 auch verschiedene andere; //äh// wie sagen wir; //äh// Disziplinen; //äh// nicht

98 Disziplinen, //äh// wie @sag=ma@; //äh// @(3)@ @verschiedene@ andere Ärzte. (2)

99 //äh// Richtungen ja:a //äh// (4) Spezialisierungen. //äh// (2) A:also im Winter haben wir

100 viel Ruhe aber ab März; @zum Glück@; //äh// haben wir auch; //äh// die- die Touristen.

101 //äh// //äh// (3) Ja:a zur Klinik; //äh// //äh// (3) Es gibt schon ein paar Griechische

102 Patienten die auch teure Privatversicherungen haben, die können sich auch; //äh// im

103 Prinzip alles leisten; //äh// (2) es sind aber auch Le:eute, //äh// (2) und in der griechischen

104 Mentalität ist das auch dann so; //äh// (4) zum Beispiel wenn mein Vater was hat, und er

105 braucht eine Leistenoperation; und wenn isch nicht unbedingt im Krankenhaus; //äh// (2)

106 möchte, //äh// (2) isch will nicht unbedingt sagen, dass die im Krankenhaus nischt gut

107 sind, //äh// die- die; //äh// (3) die- die- die Kliniken aber hier, die Privatkliniken bieten

108 schon ein Niveau, das wir schon in den Privatstationen in Europa findet; //äh// //äh// (3)

109 und die öffentlichen haben nichts. //äh// (1) Also:o kaum Ärzte, keine Ausstattung nichts.

110 //äh// (2) Da schick ich meinen Vater dann nicht; //äh// also ja:a; //äh// (3) und wenn

111 jemand sich die privaten finanziell leisten kann, //äh// (2) beziehungsweise die Familie, die

112 sammelt; //äh// (2) damit dann die Oma, der Vater, die Mutter eine; //äh// sag isch ma:al

113 //äh// le:eischte; //äh// bessere //äh// ätzlische‘ //äh// nicht ärztlische; sondern

114 krankenhäuschliche Betreuung; //äh// (4) eine Operation ist eine Operation; isch kann

115 nicht; //äh// alle Chirurgen die jetzt im staatlichen Krankenhaus oder in einer privaten

116 Klinik arbeiten, die versuchen ihr bestes. (2) A:aber auch das andere gehört dazu. (2) Da

117 müssen wir sagen, dass die Krankenhäuser; //äh// leider die Krankenhäuser in

118 Griechenland einen bisschen; //äh// le:eiden.(5)

119 I: Wi- wie meinen sie leiden? (3)

120 Cm: Leide:en; //äh// was Verpflegung, //äh// was Ausstattung; //äh// was Personal; //äh//

121 (2) ja:a, das meine isch. (1) Die Ärzte dort tun meiner Meinung sehr gute Arbeit dort;

122 //äh// aber wir haben in der Klinik zum Beispiel Einzelzimmer o:oder Doppelzimmer; und

123 im Krankenhaus hast du Sechserzimmer. (3) Du musst dir eine Privatschwester leisten im

124 Krankenhaus; //äh// (2) in der Privatkliniken hier nicht; //äh// das auch mit den

125 Schwestern ist alles schon inklusiv; //äh// (2) und; //äh// (1) ja du bekommst sicher schnell

126 einen Platz; und eine Operation; und im öffentlichen musst du inzwischen auch zahlen

127 und seehr seehr lange warten. (2) Das habe isch gemeint; (2) nicht die ärztliche //äh// (2)

128 Leistung; //äh// sondern, //äh// auch Sauberkeit und alles- alles ist vi:iel 128 schlechter in den

129 Krankenhäuser; //äh// (1) aber nicht alle Privatkliniken sind super, aber; //äh// (1) da wo

130 isch arbeite ist eine gute Privatklinik; sag isch mal. (5)

131 I: Wie läuft es mit der Anzahl der Patienten; in ihrer Privatklinik? (3)

132 Cm: Wir haben vi:iel weniger zu tun seit letztem Jahr. (1) Hautschächlich wie gesagt

133 Touristen. (1) So wie in den Privatpraxen; //äh// (2) unsere Disziplin auch in der Klinik ist

134 es bezüglisch; //äh// (2) stationären Bereich; //äh// ja etwas; //äh// ja vi:iel weniger. (2) In

135 den Ambulanzen; wo praktisch die Patienten Blutabnahmen, //äh// (1) Sonographien; //äh//

136 Radiologischen; //äh// (2) Untersuchungen und so weiter machen, da ist es viel; //äh// (2)

137 die Arbeit ist dort vi:iel, //äh// (2) zum Beispiel; //äh// unser öffentliches Krankenhaus in

138 der Stadt hat hier kein Magnettomographen, (1) die Privatklinik hat und auch ein privates

139 Zentrum hat. (1) //äh// (2) unser; der- der in der Privatklinik; //äh// (1) de- der; //äh//

140 Computertomogramm ist; //äh// neuerster Generation; //äh// (vierter) Generation sag isch

141 mal; //äh// (1) und der im Krankenhaus ga:anz ganz alt. //äh// (3) Das ist schon ein

142 Unterschied; //äh// (1) in diesem Bereich haben die Kliniken schon Arbeit. (1) //äh// (2)

143 Also wenn Patienten einen Magnettomographen brauchen; //äh// (1) was es nicht im

144 öffentlichen gibt; müssen sie zu uns kommen und ja:a; //äh// (1) die Familie muss halt

145 dafür sparen, und; //äh// (1) in solchen Bereichen klappt es mit der Klinik ganz gut. (3)

146 Wir müssen ja auch ein wenig verdienen und es ist ja privat. (1) //äh// Dazu:u kostet die

147 Private; //äh// me:ehr allerdings wo der Patient bleiben muss, was zahlen muss; //äh//

148 auch von der eigenen Tasche, alles kla:ar? (2) //äh// ja:a im Sommer allerdings; aufgrund

149 der Touristen; haben wir kaum Betten frei. (1) Letztes Jahr; //äh// war das nicht so:o toll

150 aber; //äh// dieses wird die Touristenanzahl steigen. //äh// (1) ja:a sicher; //äh// ja. (3)

151 I: Ich möchte kurz zum Punkt zurück; //ähm// mit dem Zusammenhalten der Griechen, (1)

152 also auch wie sie gegen ihren ärztlichen Leistungen Waren statt Geld oder sogar nichts 153 verlangen. (1) Wie denken sie geht das weiter? (3)

154 Cm: Ja:a; //äh// natürlisch, //äh// (4) isch de:enke; es ist eine Zeit wo wir zusammenhalten

155 müssen, u- und- und uns gegenseitig unterstützen müssen. //äh// (4) Mir geht es auch mit

156 der Krise nicht so:o gut. (2) Weniger Einnahmen; (2) ich habe eine Frau und ein Kind;

157 //äh// wo ich essen mitbringen muss; und von meiner Praxis bekomm ich se:ehr wenig und

158 von; //äh// der Privatklinik eher im Sommer von der Touristen; abe- aber- aber; //äh// (4)

159 ich denke wir müssen als Griechen da durch, und; //äh// durschhalten. //äh// (3) ich

160 denke; dass wir nicht mehr am Boden, //äh// (3) oder am Fassboden sind; //äh// (3) isch

161 denke; //äh// noch nicht. (2) //äh// (3) es wird bestimmt noch weiter etwas 161 tiefer; //äh//

162 gehen, //äh// wir werden uns dann irgendwann stabilisieren; und dann wollen wir sehen.

163 (3) //äh// (1) man muss mit der Hoffnung leben, und; //äh// das ist irgendwann mal besser.

164 (2) //äh// (1) ma:al besser, isch denke nicht wie früher, das denke ich nicht. (2) //äh// Weil

165 früher leider auch in Griechenland, obwohl es ein; //äh// (2) ein gesegnetes Land ist,

166 meiner Meinung nach; //äh// (3) trotzdem die Systeme, Politiker; //äh// (2) alle alle die167

167 die was zu sagen haben, ha=m vieles v:iieles falsch gemacht; und, //äh// (3) dann hat uns

168 natürlich die Krise auf dem falschen Fuß erwischt; //äh// (2) vi:iele dachten dass

169 Griechenland das Zentrum der Welt ist; //äh// (1) vi:iele dachten; //äh// die Griechen

170 meine ich aber nein; nein es ist nicht so. (4) Es ist ein normales Land wie jedes andere,

171 (2) es muss kämpfen wie je:edes andere Land für das Wohl seiner Bürger, und wir; //äh//

172 Ärzte o:oder Patienten; sind alle Bürger die jetzt leiden, und; //äh// (2) meiner Meinung

173 nach haben hier die Politiker für das Wo:ohl der; der. (1) //äh// (2) Clique; //äh// (4) //äh//

174 geso:orgt und, //äh// die Masse der Leute; //äh// (2) die leiden heute ohne, //äh// (3) viele

175 ohne zu wissen warum. (1) Ich habe das Glück, seit dem funfzehnten Lebensja:ahr in

176 Deutschland gewesen zu sein, in Deutsch studiert zu haben; und auch, //äh// (2) zehn Jahre

177 dort ge- (1) also zu a:arbeiten und; (1) ich kann; (1) sag ich mal, eine nordeuropäische

178 Mentalität; //äh// mit der Griechischen vergleichen; //äh// kleine Sekunde //äh// Telefon

179 klingelt. Bitte kurz stop.

180 I: Ja=ja, kein Problem. (50)

181 Cm: Danke, //äh// (1) es war ein Notfall vom Dorf; (1) muss ich na:achher hin, (1) aber

182 ja:a, //äh// (2) wo waren wi;r //äh// (4) a:a=ja, und eben hab ich das Glück diese; //äh// (2)

183 diesen sag ichma:a Vergleich zu haben; und ja. (1) //äh// (3) Ich kann heute die gute Seite

184 des eines Landes sehen; und die schlechte des anderen Landes; (1) sehen, (2) //äh// ich

185 kann hoffen; dass alles gute, a:alles gute von beiden Ländern folgen; //äh// (2) also

186 i:irgendwie nach vorne gehen, und die schlechteren etwas zurück; und dann hoffen, dass

187 es so wird, und dass; //äh// (2) andere dass ich vorhin sagte, das Zusammenhalten der

188 Gesellschaft. //äh// (3) I:ich persönlich; komme nicht aus eine Arztfamilie; //äh// (2) ich

189 komme nicht aus einer reichen Familie; //äh// mein Vater hat elf Geschwister, meine

190 Mutter acht. //äh// (4) A:arme Familien; //äh// (1) und die haben praktisch; //äh// die sind

191 auch alle weitergekommen, auch aufgrund der Solidarität der da:amaligen Gesellschaft

192 die; //äh// (2) in der Armut versucht haben nach vorne zu kommen. (2) Also darum; ich

193 betone nochmal; //äh// (2) wir mussen zusammenhalten; und wir auch die Ärzte, die

194 Leute; //äh// (1) so:o weit es geht auch helfen, //äh// auch umsonst, dass spielt auch keine

195 Rolle; und zu hoffen, dass wir es als Volk es schaffen. (3) Denn, //äh// Arzt 195 wie gesagt ist

196 auch ein Bürger, ich bin auch, von der; //äh// (2) Situation; //äh// Krise betroffen, auch

197 ökonomisch, aber; //äh// (2) meine Stellung sagt aus, dass ich helfe soll. Und so tu ich

198 das. (4)

199 I: Gibt es noch etwas; was sie ergänzen möchten? (3)

200 Cm: //äh// nein; //äh// (3) ergänzen nicht. (2) Wie gesagt; ich halte Deutschland für gut, (1)

201 isch bin im April wieder da; //äh// (1) vierzehn Tage. //äh// (2) Ich versuche Fortbildungen

202 in Deutschland wieder zu machen bei bekannten Ärzten; //äh//(5) und (3) ich hoffe dass es

203 nicht vi:iel viel schlimmer hier geht, //äh// (2) sonst, (2) wir müssen auch überlegen wie

204 viele Ärzte; und wie viele Leute hier jetzt schon weggehen, aber ich will das nicht

205 unbedingt. (2) Meine Familie, //äh// meine Frau aus Kreta und mein Sohn; //äh// (2) und

206 meine Patienten sind hier und deswegen bleibe ich als Grieche da; und halte mit allen als

207 Mensch und; //äh// (1) Arzt, zusammen. Ich hoffe halt ne:e; //äh// ja ich könnte in

208 Deutschland arbeiten, a:aber ich will das nicht. (3) Ich hoffe, dass es hier besser wird. (3)

209 I: Dann vi:ielen, vielen Dank für ihre Zeit. (2)

210 Cm: Ja, Danke. (1) Ich hoffe ich konnte; //äh// (2) für die Arbeit helfen.

Projekt: Medizinische Helferberufe in Krisensituationen

Datum und Uhrzeit: 08.02.2013, 13:10

Ort: Agios Nikolaos, Kreta

Dauer: 25 Minuten

Interviewerin und Transkription: Julia-Isabel Mirtakis

Interview mit Dm

1 I: Wie hat sich denn ihr Leben so a:allgemein, das letze Jahr 1 verändert? (2)

2 Dm: //ähm// mein persönliches Leben, oder überhaupt was ich mitbekomme aus meiner

3 Sicht? (2)

4 //hmm// so insgesamt-

5 Dm: L wa:as hat sich geändert; //ähm// (1) im allgemeinen; //ähm// (2) man

6 muss also im Voraus kalkulieren, alle seine Ausgaben, (2) man muss auch so; //ähm// man

7 darf nicht, (1) man kann auch langfristig nichts planen, //ähm// (1) also das ist in

8 Familienleben ne:e? (2) In meinem Familienleben. (1) Man muss sich einschränken,

9 //ähm// (1) man muss Prioritäten legen der; //ähm// (1) überall auch bei den Einkäufen

10 stellen, und nach Priorität kaufen, //ähm// (1) man muss schon sehen o:ob man überhaupt

11 noch einsparen kann, //ähm// (3) wie zum Beispiel, wie haben die Heizung nicht mehr an,

12 weil wie sie sicher schon gehört haben extrem teuer ist und, //ähm/ wir haben so einen

13 Ofen im Wohnzimmer stehen; also zum Heizen, (1) also das war nur ein Beispiel von

14 vi:ielen ja? //ähm// (2) So gut es geht, //ähm// so gut es geht, vermeiden wir auch die

15 längeren Reisen, //ähm// (1) wegen den Benzinkosten; //ähm// (1) U:urlaub; //ähm// also

16 zum Beispiel, wir sind immer in Kongressen zu zweit gefahren, also meine Frau und Ich;

17 //ähm// (1) ja:a jetzt fahre ich alleine, weil ich zahle ja nicht; das ist ja gesponsert. //ähm//

18 (2) Also das ist eher unser privat- //ähm// (2) jetzt was ich von den anderen Leuten,

19 Bekannten und Patienten mitbekomme; //ähm// (2) muss man so:o denken, (2) ich bin

20 zwar; //ähm// (1) Staatsangestellter; a:aber ich bekomme die höchste- //ähm// den

21 höchsten Gehalt. (2) Ja=ja und es gibt keinen höheren Gehalt; ja, (1) und trotzde:em

22 muss ich diese; //ähm// (2) //ähm// Ersparnisse und alles Mögliche machen, dass

23 irgendwie das alles; //ähm// (2) das wir zurechtkommen. (2) Stellen sie sich bitte vor, die

24 anderen bekommen nicht mal die hälfte Gehalt was ich bekomme; u:und das erlebe ich,

25 also:o, jeden Tag. (2) //ähm// (1) Zum Beispiel; es gab auch einen- eine Zeit; lang wo die

26 Medikamente nicht von der Kassa bezahlt wurden, also eine Zeit lang; ein-zwei Monate

27 und die Patienten kamen; (1) also:o es geht ihnen nicht so:o gut und die konnten ihre

28 eigene Medikamenten nicht kaufen. (1) Jetzt ist es ja auch nicht besser; //ähm// die

29 Krankenkassen haben ja auch ka:aum Geld; und die Leute können sich viele Medikamente

30 einfach nicht leisten. (2) Herr Doktor sagen die Patienten, //ähm// soll ich jetzt essen oder

31 soll ich Medikamente kaufen. (2) Es gibt wirklich Existenzprobleme bei den; //ähm// (2)

32 bei den Patienten. //ähm// (3) Oka=ay; es ist; //ähm// wir leben hier, //ähm// in einer se:ehr

33 kleinen Stadt, (2) muss man auch denken dass es nicht wie Heraklion ist. und hier in Agios

34 ist es überhaupt, //ähm// //ähm/// /ähm// (2) überhaupt dieses Teil von Griechenland mit

35 dem größten Pro Kopf Einkommen. (2) Ja:a; und ja:a; die reichste Gegend von

36 Griechenland ist hier. (2)

37 I: a:aja, wusste ich nicht; (1)

38 Dm: ja:a also überhaupt Kreta an erster Stelle. (2) Ist ja auch nicht zum Vergleichen mit

39 dem @Rest@ Griechenlands. (3) In den Großstädten ist es wi:irklich wirklich wild. (2)

40 Aber trotzdem wurde das Einkommen von je:eden Staatsangestellten über fünfzig Prozent

41 abgekürzt. (1) //ähm// (1) ja das Gesamteinkommen, und; //ähm// muss man auch noch

42 dazu:u zählen, dass die Steuer hat sic;h //ähm// (2) hat sich zum Beispiel

43 vera:achachtfacht, (2) das Steuer was sie Besitz ha=m. (1) Also wissen sie wie

44 Haussteuern, Eigentumssteuer-; //ähm// (1) das Steuergeld hat sich verachtfacht

45 innerhalb von ein-zwei Jahre. (2) Ja:a; ne, auch andere haben sich erhöht; aber das hat,

46 //ähm// (1) auch die Strompreise haben sich verdoppelt, des Ölpreis; //ähm// (2) zum

47 Beispiel Heizungsöl; ist dreimal so teuer wie voriges Jahr; //ähm// (1) ja hat sich auch

48 verdoppelt. (1) Überhaupt mit den Steuern ist es eine Frechheit. (3)

49 I: //ähm// was hat sich denn in ihren sozialen Beziehungen, im privaten Umfeld geändert?

50 Dm: //ähm// (1) ja:a. //ähm// (2) interessante Frage. (3) Ich müsste folgendes sa:agen;

51 //ähm// hier die Griechen, die sind nicht so wie die Nordeuropäer, //ähm// (2) die

52 Nordeuropäer, die haben; //ähm// (1) einen gemeine- einen Gemeindegeist, also die gehen

53 zusammen und so:o, //ähm// (1) hier die Griechen, wir haben eher einen Familiengeist,

54 //ähm// also:o die //ähm// (2) das kann man zum Beispiel in Argentinien sehen, die haben

55 Krise gehabt und die Leute sind auf der Straße; //ähm// (2) die haben das organisiert, in

56 ihrer Peripherie, in ihrer Gegend wo sie gewohnt haben; (1) alle zusammen. //ähm// (1)

57 Die haben Hilfsorganisationen zusammen; miteinander gemacht, und so tausende Leute

58 gemeinsam protestiert, und so:o; und, //ähm// (1) hier ist es anders, (1) die Leuten ziehen

59 zurück in ihrer Familie, und versuchen gegen die-, (1) gegen den Angriff sozusagen; von

60 der Stadt zu schützen. (1) Also der eine schütz den anderen; in einem Familienkreis. (2)

61 icht in einem Gemeindekreis. (1) Es ist so:o eine andere Mentalität hier. (1) Also;

62 //ähm// die Leute haben sich zurückgezogen, das sieht man bei den Kaffes, 62 bei Tavernen

63 und so- //ähm// (1) soweit ga:anz anders, als vor einem Jahr. (2) Die Leute haben sich

64 zurückgezogen in i:ihren Häusern. (2) Und die haben Kontakt nicht mal mit den

65 Freunden. //ähm// (2) die Freunde gehen selten mit denen aus; //ähm// (2) mit den Eltern

66 manchmal schon, aber mit den Freunden halt nicht. (1) Ich und meine Frau; so //ähm// vor

67 ein halbes Jahr, da waren wir jedes Wochenende aus. //ähm// (1) Meiner Meinung nach

68 geht es nicht nur um das Ausgeben von Geld, (1) also wer lädt wenn auf einen Kaffe ein,

69 (1) aber man spürt i:irgendwie ein Angriff gegen der Faire; und irgendwie; man versucht

70 sich zu wehren. Indem man sich schützt; (1) und //ähm// indem man sich einsch- //ähm//

71 (1) (einschwanzt) zu Hause und ja:a. (1) //ähm// das ist; //ähm// (3) ich glaube das ist; (1)

72 ich weiß nicht; //ähm// wie bei den Deutschen damals; so einen ähnlichen Fall, es ist

73 nicht=mal so:o schlimm wie es hier ist, (3) auf-einmal haben alle zwanzig Prozent ihres

74 Einkommens verloren; //ähm// also zwischen den Kriegen, ja:a, zweimal; //ähm// (2) und

75 die waren alle auf den Straßen; und die haben die Regierung zwei-dreimal gestützt; bis

76 der Hitler kam ne:e? (2) Und haben zwanzig Prozent verloren da:amals, hier haben die

77 jetzt fünfzig Prozent und trotzdem. (1) Und waru:um das; warum die nicht

78 zusammenkommen die Leuten, weil die zurück in der Familie, sowie die Tieren zurück in

79 deren @Hüllen@ @(2)@. Ist halt=ne andere Mentalität. (1) Ich denke bei den Leuten im

80 Süden überhaupt; (1) ist es so ähnlich, //ähm// (1) bei Italiener haben auch so=ne ähnliche

81 Situation, (1) die Spanier sind aber ein bisschen anders. (1) Aber auch nicht so:o wie die

82 Nordeuropäer. (1) Aber die Italiener; obwohl die auch Krise haben, gehen die auch ned

83 wirklich auf die Straße; wie man es erwartet hätte. (1) Das ist halt die Mentalität. (4)

84 I: Ja=ja natürlich (2) oder sogar der Schutz-

85 Dm: L Ja:a; sicher, (1) das bedeutet also mit a:anderen

86 Wörtern, der eine wollte nach aa:ußen und die in Süden die sind zwar gela:aden mit Angst

87 und Ärger und so:o; aber nicht so:o; //ähm// //ähm// (1) wie man es erwartet hätte. Ja:a?

88 (2) Weil der Druck ist vi:iel viel größerer; und kommt von außen. (2) Das ist Speziell

89 glaube ich; das muss man unterscheiden. (2) Das ist halt die südliche Mentalität. (4)

90 I: Wie ist es mit i:ihnen; (1) und ihrer Familie? (5)

91 Dm: Also ja:a, ich komme ja ursprünglich aus Athen; //ähm// (1) habe da:amals in

92 Deutschland studiert, dort meine Frau kennengelernt; und wir entschieden uns im

93 wu:underschönen Kreta zu wohnen; (1) nach der Geburt unserer Kinder. (2) Mein Sohn

94 und meine Tochter sind scho:on; //ähm// (1) Ende zwanzig, haben studiert und; //ähm//

95 leben, und sind selbstständig in Deutschland. (2) Das war auch die beste 95 Entscheidung.

96 (4)

97 I: Gehen wir mal ku:urz zum Thema des Berufes zurück. (2) Was hat sich denn ihrem

98 beruflichen Alltag das letze Jahr geädert? (3)

99 Dm: Im Beruf was hat sich vi:ieles geändert. //ähm// (3) a:also ja ich arbeite im

100 Krankenhaus, und; //pff// oje:e; ja wir haben da fast nichts. (1) Also von materiellen

101 Sachen angefangen, (1) wir haben keine Handschuh, //ähm// (2) zum Beispiel auch kein

102 Sterilisationsgerät. Nur die Ops haben manchmal solche; und das ganze Material muss

103 man so:o lange vorbestellen; und hoffen immer dass es kommt, (1) sonst wie soll man

104 arbeiten? (2) Man sieht auch, dass wenn mir das Papier am Drücken ausgeht; (1) so:o sehr

105 oft finde ich keine Papiere mehr. (2) Ja:a; um was auszudrücken, die Rezepte

106 auszudrücken. (1) Ja:a? (2) Und ich bin dafür; sowas zu machen, und trotzdem habe ich

107 kein Papier. (2) Und @Stifte@ sprechen wir gar=nicht darüber, //ähm// (2) Spritzen! Also

108 einfache Sachen, die man auch als Arzt täglich braucht; //ähm// (1) findet man nicht. (2)

109 Also:o Operationen werden verschoben auf die Zukunft, //ähm// (2) weil wir keine

110 Ersatzteile haben, (1) wie für das Radioskop; (1) die Sachen die man ersetzen muss, (2)

111 o:oder; man hat auch keine Mittel zu sterilisieren nicht. (2) Ich bin ja Lungenarzt und

112 mach die Spirometrie jetzt ja:a? (1) Und ich habe keine Filter; die man vorne setzt. (1)

113 Ja:a; ich habe so:o die, //ähm// //ähm// (2) vor zwei Monate die Filter beantragt; und

114 immer noch warte ich, //ähm// (1) und ich habe keine Filter um meine Arbeit zu machen

115 ja:a? (2) Und was soll man sagen. (1) In den Kliniken; (1) es gibt r:iiesige; //ähm// Lücken

116 bei Medikamente, //ähm// (2) man soll bevor man eine Therapie anfängt, //ähm// (1) und

117 man ruft bei der Apotheke vom Krankenhaus; und fragt gibt es da:as, //ähm// (2) was

118 kostet das, und kann ich mir das leisten? (2) Antibiotika zum Beispiel; ja:a, und geht man

119 durch und; //ähm// (2) ich habe nicht viele, (1) ich habe vier=fünf ja:a, und wenn der

120 Patient das braucht gibt man das; obwohl das nicht das ist; was man geben sollte ja:a? (2)

121 Das ist ein gro:oßes Problem, das ist so:o; //ähm// das ist schlimmer als im Krieg. (4) 122 I: Wie gehen sie denn mit solchen Problemen um? (4)

123 Dm: //ähm// (2) die sind ja nicht auf einmal gekommen. (2) Sie schleichen; (1) sie sind

124 schleichend gekommen. (2) Man hat sich la:angsam gewöhnt ja:a? (1) Kennen sie dieses

125 Beispiel mit dem @Fro:osch@? (2)

126 I: @nein@; (2)

127 Dm: ja:a, das ist interessant. @(3)@ //ähm// (1) Wenn du einen Frosch; 127 im heißen Wasser

128 (1) //ähm// rein=schmeißt, also den Frosch im Heißen Wasser rein=schmeißt; (2) springt

129 er sofort raus und springt der weg. (1) //ähm// we:enn du aber den Frosch im kalten

130 Wasser rein=lässt; und du unter dem Topf Feuer lässt, (1) dann wird es i:immer wärmer;

131 und i:immer wärmer, (2) der Frosch schwimmt rum ga:anz fröhlich; und ganz schön

132 fröhlich; und dann wenn das Wasser kocht; versteht er das gar=nicht und stirbt dabei ja:a?

133 (2) Also:o la:angsam; langsam hat sich das bei uns auch so ergeben, (1) dass man sich

134 dran gewöhnt hat, //ähm// (2) gewöhnt in Klammer, //ähm// (2) wir haben uns angepasst.

135 (2) Nicht nur wir Ärzte; sondern auch die Patienten. (2)

136 I: a:aja, (1) ja verstehe-

137 Dm: L da haben sich glaub ich, (1) dass diese:e spezielle Währungsform, die

138 haben so:o eine spezielles Programm und Taktik; die war, //ähm// (2) in Europa nicht

139 bekannt gewesen. (2) Und Taktik ist; //ähm// (2) //ähm// alle drei Monate im Schnitt;

140 //ähm// (1) irgendwas neues zu bringen; (1) dem Volk. //ähm// (1) Das ist die sogenannte

141 Boxentaktik. Also:o; //ähm// (1) mit dem Gegner; (1) wenn du deinen Koffer aufheben

142 willst, dann verpasst du noch einen Schlag. (2) Und noch einen Schlag alle drei Monate;

143 (1) und so:o kannst du deinen Koffer nicht mehr aufheben. (1) Alle drei Monate kam

144 immer eine Maßnahme für alle, ga:anz programmgemäß nach ihren Prinzipien. (2) Die

145 wissen das genau wie man das macht, dass kein Aufstand kommt. (2)

146 I: aha, ja:a. (1) Erzählen sie mir doch noch ein wenig von ihrer Arbeit-

147 Dm: L Ja:a //ähm// (2) der Lohn

148 den ich bekomme; ist aus dem Krankenhaus, aber das Ge:eld bekomme ich vom Staat. (1)

149 Das Krankenhaus gibt es dann dem Personal weiter ja:a?

150 I: und der Patient-

151 Dm: L Achso:o, was den Patienten angeht. //ähm// (1) ich möchte nu:ur noch

152 sagen, dass vor vier Jahre der Patient versichert war; (2) also er wa:ar versichert, und die

153 Versicherung hat alles bezahlt. (2) Also wenn er ins Krankenhaus kam, hat er selbst nichts

154 bezahlt, sondern die Versicherung hat a:alles übernommen. //ähm// (2) die haben vor fünf

155 oder sechs Jahre a:angefangen; //ähm// (1) gezwungen di:ie Staatsaktien; //ähm// (1) das

156 was gekauft wurde von der Kassa. (2) Das Kassengeld musste man; //ähm// (2) von diesen

157 Staatsaktien kaufen. (1) Ja:a? (2) Müsste man das machen. (2) Man hatte die Kassen

158 gezwungen das zu machen; ja? (1) Und nach zwei=drei Jahre; man hatte alles gekürzt. (2)

159 Ja:a? (2) Zu achtzig bis neunzig Prozent; ja:a? (2) Das heißt; auch einmal da war das

160 ga:anze Geld von den Kassen weg. (2) Der Staat hat also alles; bis auch 160 auf die Rente der

161 ga:anzen Leuten geklaut. (2) Also achtzig bis neunzig Prozent was a:alle bezahlen; jeden

162 Monat, (1) also von ihrer Rente, von ihrer Versicherung; so:o wurde in Staatsaktien

163 investiert; und sie wu:urden achtzig bis neunzig Prozent //ähm// (2) gekürzt. (1) Und

164 da:ann war das Ganze Geld futsch. Verstehen sie; und, //ähm// (2) ja:a so kamen wir zu

165 dieser Krise, (2) dass kein Geld mehr in der Kassa ist; und, //ähm// (3) natü:ürlich nicht,

166 aber der Staat hat es so gemacht. (2) Unter den Anweisung von //ähm// //ähm// Troika. (2)

167 Ja:a; (1) ja. Das müsste er auch so machen. (1) Und jetzt sagen die, (1) dass die Kassen

168 haben kein Geld. (1) Natü:ürlich wenn du alles klaust, haben die auch kein Geld, a:aber

169 wer hat es geklaut? (2) Ja:a. Also wir haben alles bezahlt ja:a? (2) Also warum eine so:o

170 bekannte Versicherung haben; (1) wenn der Sohn zwanzig=dreißig Jahre zahlt immer

171 seine Beiträge. (1) Und jetzt haben sie; vor ein paar Jahre den Leuten (getan,) so drei Euro

172 bezahlen; wenn sie ins Krankenhaus kommen; (1) ja:a und egal was er macht, ja:a; //ähm//

173 und jetzt sind die drei auf fünf Euro gestiegen. (2) Ist eine kleine Summe denkt man, ja:a;

174 aber heute nicht mehr in Griechenland; ja:a. (1) Man muss denken; es sind chronische

175 Patienten. (2) Die kommen so einmal in der Woche; oder zweimal in der Woche, und jetzt

176 nicht nur das; (2) jetzt haben sie die letzten zwei Wo-; //ähm// die letzte zwei Monate;

177 //ähm// auf fünfzehn Prozent bei a:allen Untersuchungen erstiegen. (2) Also man muss

178 selbst zahlen, egal was für Untersuchungen wir machen; //ähm// (3) und das selbe gilt für

179 einige Medikamente, die früher; //ähm// (2) null Prozent hatten für chronisch kranke

180 Leute; und jetzt müssen sie selbst zahlen. (2) Wenn man denkt, dass diese Medikamente

181 kosten um die Tausende, so versteht man die arme Leute; die nicht mal sechshundert

182 Euro monatlich Rente haben. (3) Das ist hier so:o, (1) das kann man vergleichen mit

183 Kriegszustände. (1) Hier ist es schlimmer als in der Kriegszeit. (5)

184 I: Aber wie ist es mit den Patienten? (2)

185 Dm: Di:ie; //ähm// Patienten; (1) ich glaube die sind verwirrt. (2) Die haben es eine Zeit

186 lang mit Aggression, (1) die waren eine Zeit lang aggressiv die Patienten, aber die haben

187 schnell gemerkt, dass; //ähm// wir sind a:alle in einem Boot. (2)

188 I: Aggressiv?-

189 Dm: L //ähm// ja! (2) Das wir Ärzte angeblich nicht; (1) //ähm// //ähm// (2) also

190 ihre Gefallen wollen, //ähm// (1) tun wollen. (2) Zum Beispiel die Medikamente nicht

191 zahlen wollen; und so weiter. (2) Die kommen als ängstlich. //ähm// (2) Was auffällt

192 überhaupt; //ähm// //ähm// (2) ist, dass den Leuten muss es echt schlecht gehen. (2) Sie

193 kommen ja ins Krankenhaus ne:e? Weil das ga:anze ist wie gesagt mit

193 Untersuchungen;

194 und Ausgaben verbunden; ja:a. (2) Muss denen wirklich schlecht gehen, ja:a. (3)

195 I: Und wie gehen sie denn mit den Patienten denn um? (3)

196 Dm: Ich versuche zu erklären einige Sachen; (2) von Anfang an versuche ich mit dieser

197 (Bismekes) Methode zu erklären; (1) die entwickelt wurde wenn man so:o lange mit

198 Leuten in Kontakt kommt; (2) versuch das Interesse der Leuten in a:anderen Richtungen

199 zu lenken; (1) und oka:ay zu sagen; es ist nicht meine Schuld‘ ich bin auch nur ein

200 Angestellter und so weiter; und so fort. (3) Und wenn man die Leute ein bisschen länger

201 kennt; sagt man, ich habe genau so viele Probleme wie du; ne:e? (2) U:und das verstehen

202 sie schon; und es verbreitet sich eine kleine Gesellschaft; (2) klein, also einer von zwanzig

203 Leute. //ähm// (2) Das lernt man schon, dass es so:o ist. //ähm// (1) Es war so:o; dass die

204 Leute v:iiele Geschichten erzählen; um nichts zu zahlen, aber; //ähm// (2) jetzt gerade

205 erzählen die Leute nichts mehr. (2) Wir sind auf dem ersten Punkt; wo die Leute zurück

206 in ihren Familien ziehen. (2) Sind wi:ie bei der Differenz bei Tieren. (2) Das ist so:o, ich

207 habe diesen Eindruck jetzt gekriegt. (2) Einige Zeit schon, ja:a. (3) Diese Schwierigkeiten

208 mit Erzählen und Betteln; haben sie am Anfang gemacht; aber jetzt nicht mehr. (2) Es

209 geht ihnen wirklich schlecht; denke ich. //ähm// (2) ja:a es ist so was mich betrifft. (2)

210 Das private Leben von mir; (3) ich habe ja außer meiner Frau keine Familie hier; //ähm//

211 (3) ich bin mit meinen Freunden zusammen, aber mit meinen Freunden treffe ich mich

212 seltener. (2) Das ist schon anders; ja:a, das tut schon weh. (2) Früher; sind wir vor=allem

213 im Sommer ein-zwei=mal in der Woche ausgegangen. (1) Wir haben gegessen; (1)

214 gefeiert. (2) Letzen Sommer; ist das ka:aum passiert, und nächsten Sommer wird es

215 sicher no:och schlechter. (3) Und j:aa das private; hat schon se:ehr mein berufliches

216 beeinflusst, //ähm// (3) ich verstehe die Leute; und ja:a ich werde auch hier bleiben. (3)

217 Ich muss ja auch mein @Haus@ noch tausend Jahre abbezahlen @(3)@. 218 I: Ja:a; ich verstehe-

219 Dm: L //ähm// ich möchte noch was dazu=fügen. (2) //ähm// (2) Es ist bei den

220 Griechen immer schon so:o gewesen, wenn was ganz schlimmes kommt; (1) auch im

221 Theater und so:o, (2) ist immer der große Gott aufgetaucht; und hat seine

222 Wunderlösungen gebracht; (1) also:o die Leute, //ähm// (2) wir alle hoffen auf eine

223 Wunderlösung. (2) Sprich; was betrifft, //ähm// (2) Schulden, sprich Öl, oder Gas, oder

224 i:irgendwas, (2) das was ändern we:eil; //ähm// (2) wenn es nach der Methode die jetzt

225 versucht weitermacht, dann es gibt keine Lösung. (3) Und deswegen hoffen wir alle. (1)

226 Und es ist so:o eine Sache; die Griechen, (1) denke ich, sind keines depressives 226 Volk, (2)

227 das Volk; //ähm// (1) will das schöne Leben genießen. U:und; die werden nicht wirklich in

228 einer t:iiefen Depression fallen, obwoh;l //ähm// (2) laut Medien die Depression steigt

229 aber nicht alle. (2) Ich kann bestätigen; dass es gibt einige Fälle me:ehr, aber die sind

230 nicht so. (2) Die denken i:immer an bessere Tage hier; und sagen es wird scho:on besser,

231 //ähm// (2)wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben. (2) Wir sind ein Volk, wir wollen

232 immer das Leben genießen. (3) Es war immer so. (2) Ich bin auch se:ehr optimistisch was

233 das Land betrifft. (1) Das @ganze@ Volk ist optimistisch. @(3)@

234 I: @(1)@ ja:a, das stimmt wohl. (2) Möchten sie noch was dazu=fügen? (2)

235 Dm: //ähm// ich habe schon a:alles; was mir durch den Kopf ging gesagt. (1) Ich bleibe

236 hier, und hoffe dass es mir, meiner //ähm// Familie, Freunden und natürlich meinen

237 Patienten bald besser geht. Vielen Dank für das Interview. (2)

238 I: Ich danke ihnen. (1) Wünsche ihnen noch a:alles alles Gute.

[...]


1 PASOK: Panellinio Sosialistiko Kinima ist eine sozialdemokratische Partei in Griechenland, gegründet von Andreas Papandreou

1 IWF: Der Internationale Währungsfonds ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen und hat seinen Sitz in Washington, D.C., USA. Zu seinen Aufgaben gehören: Förderung der internationalen Zusammenarbeit in der Währungspolitik, Ausweitung des Welthandels, Stabilisierung von Wechselkursen, Kreditvergabe, Überwachung der Geldpolitik, Technische Hilfe

2 EU: Europäische Union ist ein aus 27 europäischen Staaten bestehender Staatenverbund. Seine Bevölkerung umfasst über eine halbe Milliarde Einwohner.

3 EZB: Die Europäische Zentralbank ist ein Organ der Europäischen Union. Ihr Sitz ist im Eurotower in Frankfurt am Main.

1 EFSF: Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität ist eine Aktiengesellschaft nach luxemburgischem Recht mit Sitz in Luxemburg (Stadt) und dient als provisorischer vorläufiger Stabilisierungsmechanismus

2 Nea Dimokratia: Sie ist eine liberal-konservative Partei in Griechenland, die 1974 nach dem Sturz der griechischen Militärdiktatur von Konstantinos Karamanlis gegründet wurde

166 von 166 Seiten

Details

Titel
Medizinische Helferberufe in Krisensituationen. Die griechische Finanzkrise
Hochschule
Sigmund Freud Privatuniversität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
166
Katalognummer
V301185
ISBN (Buch)
9783656979463
Dateigröße
1064 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medizinische Helferberufe, griechische Finanzkrise, Konflikte, Erlebnisaspekt, Berufsrolle.
Arbeit zitieren
Bsc. Julia-Isabel Mirtakis (Autor), 2013, Medizinische Helferberufe in Krisensituationen. Die griechische Finanzkrise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301185

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