Wiederkehrende Motive und biographische Beziehungen im Wer W.H. Audens, exemplarisch aufgezeigt an 'Doggerel By A Senior Citizen'


Seminararbeit, 2002
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zurück zum Ursprung
2.1 Gegenüberstellung der Edwardian Time und der Welt Im Jahr
2.2 Suche nach einem geordneten Leben und Sicherheit

3. Religion
3.1 Religion in Audens Leben
3.2 Religion in Audens Werken
3.3 Audens religiöser Konservatismus
3.4 Audens Interesse an anderen Religionen und theologischen Ansichten

4. Bildung
4.1 Audens Beziehung zur Bildung
4.2 Audens eigene Lehrtätigkeit
4.3 Sprache
4.4 Literatur
4.41 Schreibstile
4.42 Audens eigene Schreibtätigkeit

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

1. Einleitung

Wie auch andere Gedichte des Autors und Literaturprofessors, W.H. Auden, präsentiert auch „Doggerel by a Senior Citizen“ eine Vielfalt der Themen, mit denen er sich zu Lebzeiten beschäftigt hat. Zu diesen gehören unter anderem die Bereiche Religion, Literatur, Kunst, Musik, Sex aber auch Sprache und Bildung. Wenn man sich seine Biographie ein wenig genauer anschaut, wird deutlich, dass diese Themen nicht nur Audens letzten Lebensabschnitt, in dem auch dieses Gedicht entstanden ist, geprägt hat, sondern sein ganzes Leben. Gleichzeit wird dann auch eine gewisse Verbindung zwischen Lebensbeginn, Audens Kindheit und Jugend, und seinem Lebensende erkennbar.

In dieser Hausarbeit möchte ich zum einen den Bereich ‚Zurück zum Ursprung’ behandeln. Dieser beinhaltet den starken Einfluss seiner Erziehung und seines ursprünglichen Umfeldes, der sich besonders in der Literatur seiner Spätphase niedergeschlagen hat. Dort distanziert er sich wieder ein Stück weit von seinem extrem liberalen Lebensstil und wendet sich einem etwas konservativerem und traditionellerem zu, wie er ihn schon zuvor bei seinen Eltern kennen gelernt hatte.

Darüber hinaus möchte ich auf einige Themenbereiche genauer eingehen, mit denen sich W.H. Auden intensiv beschäftigt hat. Aufgrund der Komplexität dieser Bereiche werde ich mich exemplarisch auf die Aspekte Religion und Bildung konzentrieren. Der Bereich Bildung umfasst auch seine eigene Lehrtätigkeit, sowie Audens Auffassung von Literatur und Sprache sowie sein Umgang damit.

Im Wesentlichen möchte ich dabei Parallelen zwischen seinem Gedicht und seiner Biographie hervorheben, aber auch Bezug nehmen auf andere von ihm verfasste Gedichte, Texte, Interviews, Zitate sowie in der Sekundärliteratur vertretene Ansichten.

2. Zurück zum Ursprung

2.1 Gegenüberstellung der Edwardian Times und der Welt im Jahr 1969

„Doggerel by A Senior Citizen“[1] (DBASC) entstand in Audens letzten Lebensjahren, in denen er in vieler Hinsicht sein Leben reflektierte und seine Meinung revidierte. In diesem Gedicht wird das Jahr 1969 in etliche Aspekte seiner Kindheitszeit, der Edwardian Time, gegenüber gestellt. Es stellt sich die Frage: sind Auden und das Lyrische-Ich identisch, bzw. in wie weit identifiziert Auden sich mit ihm.

Während das Lyrische-Ich 1969 nicht als seine Heimat bezeichnen kann (Z.2) verbindet es mit seiner Welt die Kraft, das Chaos von sich fern zu halten. Auch wenn die Edwardian Times, die ihm diese Kraft zu geben scheint, nur in den Zeilen fünf und sechs direkt angesprochen werden, so wird doch immer wieder Bezug darauf genommen. Alle wesentlichen Kindheitserinnerungen und -prägungen Audens fallen in diese Epoche, also die Zeit zwischen 1901 und 1914, so zum Beispiel das Ritual vor den Mahlzeiten Dankgebete zu sprechen oder seine Vertrautheit mit Ölfunzeln. Die Assoziationen des Lyrischen-Ichs mit dieser Zeit sind ausschließlich positiv. So verbindet es mit ihnen edenhafte Landschaften (Z.5) und große Badezimmer, die ein gewisses Vermögen und materielle Sicherheit widerspiegeln. „The England of Edward VII stands out in the mind of a later generation as an era of peace and prosperity.”[2]

Im Gegensatz dazu scheint dem Lyrischen-Ich das Leben im Jahr 1969 fremd. Keine der Neuerungen kann, seiner Meinung nach, den alten und traditionellen Gegenstücken das Wasser reichen. So werden zum Beispiel praktische Motoren in Autos und Flugzeugen mit von Wasserkraft betriebenen Maschinen verglichen, eine Glühbirne mit einer Ölfunzel. Diesen kann er mehr Respekt entgegn bringen[3]. Es wird nicht nur deutlich, dass das Lyrische-Ich sämtliche Neuerungen ablehnt, sondern auch, dass es ohne sie, dafür aber weiter in seiner Tradition, leben möchte. Dazu gehört zum Beispiel, dass es weiterhin für Waren in bar bezahlen möchte, anstatt eine Kreditkarte[4] zu verwenden. Obwohl sein Verstand verlangt diese Fortschritte zu würdigen (Z.13), da manche Neuerungen doch hilfreich sind (Z.10), sagt er, dass sie profan seien, also säkular und nicht biblisch.

2.2 Suche nach einem geordneten Leben und Sicherheit

Die Frage ‚Wo ist mein zuhause, das mir Kraft und Sicherheit gibt?’ scheint in diesem Gedicht ein zentrales Thema zu sein[5]. Viele Wörter, die eine Sehnsucht ausdrücken sind enthalten, so zum Beispiel „of which I dream“, „Eden“, mit dem die Christenheit das ewige Leben im Paradies verbindet, aber auch „at home“, ein Synonym für Heimat und einem Ort der Geborgenheit. Dieser Wunsch, in einer Welt zu leben, die das Lyrische-Ich sein nennen kann, scheint ihm nur in Verbindung mit den Edwardian Times erfüllbar, da es sich nur dort wirklich zu hause fühlen kann, wo alles echt und wirklich ist (Z. 55 f). Gleichzeitig sehnt sich das Lyrische-Ich aber auch nach Routine und Sicherheit um gegen das Chaos anzukämpfen (Z.4).

In Audens Kindheit hatte seine Familie einige Traditionen, die den Glauben betrafen[6] ; aber auch viele andere Lebensbereiche waren durchorganisiert und liefen immer nach dem selben Schema ab. Diese Tradition, Routine und Sicherheit verlor Auden, als er sich von seiner Familie abnabelte und gegen ihre Vorstellungen rebellierte[7]. Er führte später ein sehr liberales Leben, um sich nicht nur von dem Lebensstil seiner Eltern, sondern auch dem der britischen Gesellschaft allgemein zu distanzieren. Ein Teil der Rebellion war zum Beispiel seine Emigration in die Staaten im Jahre 1939. Sein Ziel war es, dem konservativen Großbritannien zu entfliehen. 20 Jahre später sagte er darüber:

England is terribly provincial- it’s all this family business. I know exactly why Guy

Burgess went to Moscow. It wasn’t enough to be a queer or a drunk. He had to

revolt still more to break away from it all. That’s just what I’ve done by becoming

an American citizen. […] I also find criticism in England very provincial. In the

literary world in England, you have to know who’s married to whom, and who’s

slept with whom and who hasn’t. It’s a tiny jungle. America is so much larger.[8]

Seine regelmäßigen Umzüge, aber auch die Tatsache, dass er viel reiste und häufig mehrere Wohnsitze in verschiedenen Städten und Ländern zur gleichen Zeit hatte, schafften ihm wenig Möglichkeiten ein Sicherheits- und Heimatgefühl zu entwickeln. Hinzu kamen seine häufig wechselnden sexuellen Beziehungen, die nicht auf Verbindlichkeit basierten und ihm daher auch keinen inneren Halt bieten konnten. Auch seine lang-jährigen Beziehungen zu Christopher Isherwood und Chester Kallman hatten keinen Ausschließlichkeitsanspruch, da jeder von ihnen zusätzliche Sexualpartner hatte. Damit vermied Auden es, sich seiner Freiheit berauben zu lassen. Später jedoch musste er feststellen, dass die von ihm gelebte Freiheit und Anonymität auch Schattenseiten hat: Einsamkeit. Diese veranlasste ihn 1972 wieder zurück nach Oxford zu ziehen, wo ihm von der Universität ein Cottage angeboten worden war. Besonders in seinen letzten Lebensjahren sehnte er sich wieder zurück nach Verbindlichkeit, Sicherheit und einer verbindlichen Lebensgemeinschaft[9], die er mit seiner Kindheit und der Edwardian Time assoziierte.

Trotz des Gegensatzes zum gängigen Zeitgeist, der die Modernisierung befürwortet, betont das Lyrische-Ich in der letzten Strophe des Gedichtes, dass es sich selber nicht für entfremdet hält, sondern nur damit zu kämpfen hat, dass es sich am wohlsten fühlt, mit dem was real ist[10]. Real entspricht, seiner Ansicht nach, also dem alten und traditionellen Lebensstil. Folglich ist die Welt im Jahre 1969 in seinen Augen nicht mehr Realität.

Im Laufe der Jahre revidierte W.H. Auden sein Bild von sich selber und kehrte auch in dieser Hinsicht zu seinen Wurzeln zurück. Er sah sich nicht mehr als so wichtig, wie zu dem Zeitpunkt als er sich „Minor Atlanic Goethe“ nannte[11]. Dies wird deutlich, wenn man sich die Überschrift des Gedichtes anschaut, die er gewählt hat. Dort bezeichnete er das Lyrische-Ich, mit dem er sich stark identifiziert, lediglich als „Senior Citizen“ und auch in Zeile 54 nur als „sworn citize“. Diese Veränderung der Sichtweise beschreibt auch Lucy Mc Diarmid: „Subordinating his ego and his creative genius to a communal effort, the artist becomes simply a citizen.”[12] Aber auch Auden bestätigte die Relativierung seiner eigenen Sichtweise:

It’s not that I go back on my opinions. But I’ve become very sceptical about

engage poetry. Political social history would be no different if Dante,

Michelangelo, Byron had never lived. The arts can’t do anything about this. Only

political action and straight journalistic reportage can. I feel a little guilty about

some things I wrote in the thirties. Nothing I wrote against Hitler prevented one

Jew being killed. Nothing I wrote made the war stop a minute sooner. The most

a writer can do is what Dr. Johnson once said: ‘the aim of writing is to enable

readers a little better to enjoy life or a little better to endure it.’[13]

Auch seine Einstellung zur Homosexualität änderte sich im Laufe der Zeit. Während sie zu-nächst u.a. ein Zeichen seiner Rebellion war[14], befand er sich später in einem Zwiespalt. Zum einen fühlte er sich zu Männern hingezogen[15], zum anderen konnte er Homosexualität nicht gutheißen. „His reading of Freudian and other psychological theorists had given him the sense that homosexuality was immature and indicative of arrested emotional develop-ment.“[16]

Besonders als viele seiner Freunde und Bekannten starben und er darüber hinaus auch Alterserscheinungen an seinem eigenen Körper wahrnahm, wurde ihm seine eigene Vergänglichkeit neu vor Augen geführt. In seinem „Prologue at Sixty“, in dem er sich mit dem Thema älter werden und Tod auseinander setzte, schrieb er in:

Flesh must fall through fated time

from birth to death, both unwilled,

but Spirit may climb otherwise

from a death, in faith freely chosen,

to resurrection, a re-beginning.[17]

Hier spielte auch sein Glaube eine Rolle, der ihm Sicherheit und Zuversicht bot und zu dem er wieder zurückkehrte. Für ihn schien klar, was nach dem Tod passieren würde. Auch wenn er den Alterungsprozess gerne umgehen mochte, so akzeptierte er doch, dass sich sein Denken, und damit auch seine Gedichte mit den Jahren veränderten. Er selber hielt dies für selbstverständlich: „My peotry doesn’t change from place to place, it changes with the years. It’s very important to be one’s age. You get ideas you have to turn down - ‘I’m sorry, no longer’; ‘I’m sorry, not yet.’”[18]

Bei dem Thema Älterwerden wurde ihm auch der Kontrast zwischen den Generationen bewusst. Diesen thematisierte er auch in DBASC (Z. 45- 48). Für ihn scheint klar: „I don’t go along with all this talk of a generation gap. We’re all contemporaries, anyone walking this earth at this moment. There’s a certain difference in memories, that’s all.”[19] Dennoch, obwohl er von dem Generationsunterschied nicht viel hielt, beschuldigte er diejenigen, die ihre Muttersprache nicht lernen wollen, für diese Differenz verantwortlich zu sein[20].

[...]


[1] Verfasst im Mai 1969, u.a. veröffentlicht in Auden, Epistle to a Godson and other poems, London: Faber and Faber 1972; Auden, Collected Longer Poems, London: Faber and Faber 1968

[2] Nowell-Smith, Simon, Edwardian England . 9101-1914, London: Oxford University Press 1964, S. 105

[3] DBASC, Z.9- 16

[4] Dies war 1969 eine relativ neue Entwicklung. Die ersten Kreditkarten wurden erst 1950 vom Dimes-Club verwendet.

[5] DBASC, Z. 3 f

[6] ebd., Z. 8 ,Vgl. Osborne, Charles, W.H. Auden, The Life of a Poet, London: The Rainbird Publishing Group Limited, 1980, S. 14

[7] ebd., Z. 17

[8] Auden, W.H., The Dyer’s Hand. And other essays, London: Faber and Faber 1962, S. 179

[9] So machte Auden Hanna Arendt im November 1070 einen Heiratsantrag. Davenport-Hines, Richard, Auden, London: Heinemann 1995, S. 334

[10] DBASC, Z. 53- 56

[11] Davenport-Hines, Auden, S. 299

[12] Mc Diarmid, Lucy, Auden’s Abologies for Poetry, Princeton: Princeton University Press 1990, S. 160

[13] Bozorth, Game of Kno wledge, S. 76

[14] siehe Fußnote 8

[15] „Auden explained [...] that his only prejudice against women was a physical one ‚I am not disgusted but sincerely puzzled at what the attraction is (like watching a game of cricket for the first time.”; Osborne, Charles, W.H. Auden,
the Life of a Poet
, London: The Rainbird Publishing Group Limited 1980, S. 90f

[16] Auden, Dyer’s Hand, S. 68; Vgl. “There still lingers in my mind the idea of something indecent in a mutual homosexual relation” Vgl.: „Auden is also generalizing from his longstanding view of homosexuality as a condition of arrested development.“, Bozorth, Richard R., Auden’s Game of Knowledge Poetry and the Meaning of Homosexuality, Columbia: Columbia University Press 2001, S. 169

[17] Auden, Gedichte Poems, Wien: Europaverlag 1973, ”Prologue at Sixty”, S. 158- 154, Z. 36-40

[18] Osborne, Auden, S. 331

[19] Osborne, Auden, S. 331

[20] DBASC, Z. 45- 48

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Wiederkehrende Motive und biographische Beziehungen im Wer W.H. Audens, exemplarisch aufgezeigt an 'Doggerel By A Senior Citizen'
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Englisches Seminar)
Veranstaltung
W. H. Auden
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V30131
ISBN (eBook)
9783638314626
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wiederkehrende, Motive, Beziehungen, Audens, Doggerel, Senior, Citizen, Auden
Arbeit zitieren
A. Dörpinghaus (Autor), 2002, Wiederkehrende Motive und biographische Beziehungen im Wer W.H. Audens, exemplarisch aufgezeigt an 'Doggerel By A Senior Citizen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30131

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