Handreichung für den Deutschunterricht zu Sophokles: "König Ödipus"


Unterrichtsentwurf, 2015

90 Seiten

Herbert Fuchs (Autor)


Leseprobe

INHALT

Interpretation

Didaktische Überlegungen

Auf einen Blick - Inhaltsübersicht

Stundenskizzen
Sequenz 1 Einführung in die Lektüre
Sequenz 2 Ödipus – der „Beste unter den Menschen“
Sequenz 3 Ödipus – der unbesonnene und tyrannische Herrscher
Sequenz 4 Iokaste
Sequenz 5 Ödipus – der Wahrheitssucher
Sequenz 6 Ödipus – der „Allerverfluchteste“
Sequenz 7 König Ödipus als Enthüllungsdrama
Sequenz 8 König Ödipus -Inszenierungen

Vergleiche
Der zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist und König Ödipus
Homo faber von Max Frisch und König Ödipus

Themenvorschläge für Klausuren

Ausgewählte Sekundärliteratur

Die Seitenangaben beziehen sich auf das Textbuch Sophokles: König Ödipus. Deutsch von Peter Krumme. Text und Materialien bearbeitet von Herbert Fuchs und Dieter Seiffert.

Berlin: Cornelsen 2012.

Diese Handreichung ist die überarbeitete Fassung einer erstmals 2009 im Cornelsen Verlag erschienenen Veröffentlichung.

Interpretation

Der Titel des griechischen Originals lautet Oidípus Týrannos, was mit „Ödipus als Herrscher“ übersetzt werden kann. Wahrscheinlich ist das Stück um 430 v. Chr. entstanden und aufgeführt worden. Zusammen mit den Sophoklesdramen Antigone (um 442 v. Chr.) und Ödipus auf Kolonos, das 401 posthum auf die Bühne kam, dem Stück Sieben gegen Theben (467 v. Chr.) von Aischylos und den Phönizierinnen (410 v. Chr.) von Euripides gehört es zu dem so genannten Thebanerzyklus, dem Mythos also, in dessen Mittelpunkt ein Geschlechterfluch steht, der das Schicksal der Figuren über Generationen bestimmt.

Die Anfangsszene als Exposition der Handlung

Das Stück beginnt mit einer Expositionsszene, die die Grundsituation des Dramas, das Leid Thebens und die Bitten des Volkes um Rettung, schildert und Ödipus als denjenigen, auf den sich die Hoffnungen der Menschen richten, in die Handlung einführt. – Mit eindringlichen Worten werden vom Chor die Not und das Leid Thebens dargestellt. Ödipus wird vom Priester, dem Sprecher der Bittenden, die sich um den Palast versammelt haben und auf Hilfe warten, angefleht, sein Wissen und sein Können, wie einst bei dem Sieg über die Sphinx, zur Rettung der von Plagen und Seuchen heimgesuchten Stadt einzubringen. Der Priester geht geschickt vor. Er versucht, den Herrscher mit einer drastischen Schilderung der Notlage Thebens zu beeindrucken: „Die Stadt, du siehst es selbst, / droht zu versinken. / Mit Mühe nur taucht sie noch auf / aus diesem mörderischen Wogenschlag.“ (S. 1016-19). Er bringt, indem er vor der Thebaner Öffentlichkeit Ödipus’ Stärken aufzählt und an dessen Triumph über die „Rätselsängerin“ erinnert, Ödipus in Handlungszwang. Den „vortrefflichsten der Menschen“ nennt er den Herrscher, den „mächtigsten der Menschen“ und den „Besten unter den Menschen“. Die Lobesworte bestärken Ödipus darin, Theben beizustehen. Was er einst gegen die Sphinx erreicht hat, muss er jetzt – der Appell des Priesters an Ödipus’ Wissen, sein Können und seinen Ruf als Bezwinger des Übels wird immer beschwörender – erneut unter Beweis stellen.

Ödipus zeigt sich in der Notlage der Stadt als tatkräftiger Herrscher, der sich voll auf die Seite der jammernden Thebaner stellt, mit ihnen leidet, aber nicht tatenlos bleibt, sondern nach Auswegen aus der schlimmen Situation sucht. Er hat vorausschauend Kreon nach Delphi gesandt, um von der Priesterin Pythia zu erfahren, wie Theben zu retten sei. Ödipus mangelt es nicht an Selbstvertrauen, die Rettung in die eigene Hand zu nehmen: Er nennt sich, wie man ihn auch „ringsum“ voller Respekt nennt, den „Hochberühmten“. Darin klingen Stolz und Selbstbewusstsein an. Darüber hinaus handelt er in der Gewissheit, seine Entscheidungen im Einklang mit Apoll zu treffen und die Hoffnungen der Menschen erfüllen zu können: „[…] wäre ich schlecht beraten, / nicht auf der Stelle das zu tun, was der Gott mir offenbart.“ (S. 129f.)

Ödipus’ Selbstsicherheit spiegelt sich auch in seiner Reaktion auf die Nachricht wider, die Kreon aus Delphi mitbringt: „Apoll befiehlt in aller Klarheit, / die unheilbare Schande, / die in diesem Lande wuchert, / zu vertreiben.“ (S. 1310-13) Er überschüttet wie jemand, der einer Untersuchung vorsitzt und überzeugt ist, dass er sich Schritt für Schritt zum Kern des Problems vortasten kann, Kreon mit Fragen, die zeigen, dass er ganz auf seinen scharfen Verstand setzt: Was hat der Gott in Delphi befohlen zu tun? Auf welchen Vorfall bezieht sich die „dunkle Spur so alter Schuld“? Wo geschah die „Mordtat, die der Gott bezeichnet“? Gibt es Zeugen des Überfalls auf Laios? Warum ist dessen Tod nicht längst aufgeklärt? Die präzisen Fragen weisen Ödipus als den richtigen Mann aus, die Freveltat, die an Laios begangen wurde, zu sühnen. Er geht rational vor, ist entschlussfreudig und gibt der leidenden Bevölkerung Thebens wieder Zuversicht.

Von Anfang an allerdings mischen sich in Ödipus’ Entschlusskraft und Selbstvertrauen Anzeichen dafür, dass er auch vorschnell und unbesonnen handelt und seine Möglichkeiten der Wahrheitsfindung nicht scharf genug durchschaut, ja überschätzt. Indem er nämlich behauptet, dass der Anschlag gegen den einstigen Herrscher sich gegen ihn, der jetzt über Theben herrscht, wiederholen könne, macht er aus der gemeinen Mordtat ein Politikum. Damit verstellt er sich den klaren Blick auf die wahren Umstände und Zusammenhänge des Mordes und setzt sich selbst auf eine falsche Fährte. Seine Anschuldigungen gegen Teiresias und Kreon in den folgenden Auftritten erscheinen vordergründig und „hergeholt“ und gründen letztlich in vagen Vermutungen über die Verschwörungsmotive: „Räuber! / Bestimmt hat jemand, der von hier war, sie bezahlt!“ (S. 1419f.) Die Anklagen sind unbewiesen und stellen eher spontane als wohlüberlegte Äußerungen dar.

Noch ein anderer Aspekt, der Ödipus’ Reaktion auf Kreons Botschaft aus Delphi ins Zwielicht rückt, ist bemerkenswert. Auf Ödipus’ Frage, warum die Umstände um Laios’ Tod nie erhellt worden seien, antwortet Kreon: „Die Sphinx zwang uns mit ihren Rätseln, / von dem zu lassen, was im Dunkeln lag.“ (S. 1428f.) Ödipus gibt sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden und entgegnet selbstsicher: „Dann werde ich für Klärung sorgen.“ Er glaubt, mit seinem Verstand allein dem „Rätselhaften“ und „Dunklen“ des Lebens begegnen und dessen verborgene Seiten aufdecken zu können. Offensichtlich ist er sich des hybriden Untertons seines Satzes nicht bewusst. Der Priester dagegen scheint die Vermessenheit, die in Ödipus’ Worten liegt, zu spüren und fleht die Götter um Beistand an: „Der Gott Apoll jedoch, der sein Orakel schickte, / er steh uns bei und ende diese Krankheit!“ (S. 1511f.)

Die Chorszene mit dem Einzugslied, die den Prolog abschließt, ist eng in die Handlung des ersten Teils eingebunden. Das Lied greift die Angst der Thebaner vor dem, was sie heimsucht und plagt, auf und gibt der Hilflosigkeit des Volkes angesichts der bedrückenden Situation in der Stadt bilderreich und in pathetischen Worten Ausdruck. Das Lied schildert noch einmal die schlimme Situation in der Stadt und bittet Apollon, die „Stimme des Zeus“, die Göttinnen Athene und Artemis, am Ende dann auch den „weinäugigen“ Bakchos, der Stadt gegen den Kriegs- und Pestgott Ares beizustehen und diesen „unter den Göttern verhassten / Gott der Seuche“ zu vernichten. Die Form des Bittgesangs oder Bittgebets stellt die Errettung der Stadt in einen religiösen Kontext. Was immer geschieht, es geschieht mit Duldung der Götter, und was immer erreicht wird, es kann nur mit ihrer Unterstützung erreicht werden. Ödipus’ Überzeugung, Theben retten zu können, erscheint auf dem Hintergrund dieses Liedes als ein gewagtes, auch vermessenes Versprechen. Ohne dass es der Chor ausspricht, weist er den „Rätsellöser“ Ödipus in seine Schranken: Nur in Einklang mit den Göttern wird er Erfolg haben.

Der Prolog macht das Problem, um das es in Sophokles’ Drama geht, deutlich: Apollon, der Gott von Delphi, hat Ödipus offenbart, dass der ungesühnte Mord an Laios, seinem Vorgänger auf dem Regierungsthron, der Grund für die Leiden der Stadt sei. Ödipus bietet seine Fähigkeiten an, im Sinne des Delphischen Orakels tätig zu werden. Damit ist die Handlung des Dramas angestoßen. Aus dem vielgerühmten Aufklärer Ödipus wird im Laufe des Stücks zuerst der vorschnelle Anschuldiger, der meint, sich ganz auf seine Vernunft verlassen und Lösungen des Laios-Mordes finden und präsentieren zu können. Dann jedoch erfolgt ein „Umschlag“: Er muss einsehen, dass seine vielgerühmten intellektuellen Fähigkeiten bei der Aufdeckung des ungesühnten Verbrechens versagen. Denn die Freveltat, die gesühnt werden soll, ist von einer Art, die alles übertrifft, was sich der menschliche Geist an Frevelhaftem vorstellen kann. Erst als Ödipus das zu erkennen beginnt, wird er wirklich zu jemandem, der zu den „vortrefflichsten“ und „besten“ der Menschen gehört. Er schrickt nicht mehr davor zurück, auch nicht, als er die bestürzenden Zusammenhänge der Wahrheit erahnt, sich mit seiner ganzen Person, mit Leib und Leben, der Wahrheitsfindung zu verpflichten und am Ende sich selbst als den „Allerverfluchtesten“, den „Mann des Jammers“ an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Ödipus wandelt sich im Laufe des Stücks von einem blindwütigen zu einem mit seiner ganzen Existenz einstehenden Wahrheitssucher und Wahrheitsfinder, von einem Menschen, der Fehler begeht und sich von jeder Schuld frei glaubt, zu einem, der seine Verfehlungen und seine Schuld erkennt und sich mit der Selbstblendung eine schreckliche Strafe für seine „Schandtaten“ auferlegt.

Sophokles’ Tragödie zeichnet diesen Weg des Ödipus’ vom vorschnellen Aufklärer1 zum schuldbeladenen und dann sühnenden Menschen nach. Indem das „Bühnengeschehen nicht die ganze Reihe der Ereignisse, die zum tragischen Konflikt führen[…], umfasst, sondern nur ihre letzten Auswirkungen, die Zuspitzung zur Katastrophe, während die eigentliche, entscheidende Handlung vor seinem Beginn liegt und sich im Laufe des Spiels aus Teilinformationen schrittweise den ahnungslos Handelnden, die nur Teilaspekte kennen oder im Verhör erfragen, […] enthüllt“2, ist König Ödipus ein typisches Enthüllungsdrama. Diese Kategorisierung als analytisches Drama betont die innere Struktur des Stücks und seine Zielrichtung, nämlich die schrittweise Aufklärung dessen, was (noch) verhüllt ist. – Die folgende Interpretation folgt diesem Aufbau des Textes und versucht, wichtige Aspekte und Handlungsteile der „Enthüllung“ herauszustellen und zu analysieren.

Die Sicht der Zuschauer auf Ödipus

Der zweite Teil beginnt mit einer Herrscherrede des Ödipus, in der er im Vertrauen auf seine Macht, seine Beliebtheit im Volk, sein Ansehen und seinen Verstand den politisch-gesetzlichen Rahmen absteckt, innerhalb dessen der Mörder des Laios verfolgt und abgeurteilt werden soll. Er weiß sich dabei im Einklang mit dem göttlichen Willen: „So und nicht anders hat es mir der Gott enthüllt. / Wenn ich so handle, / kämpfe ich für ihn / und den erschlagnen Mann.“ (S. 1918-21)

Ödipus’ staatsmännisch-sicheres Auftreten hat allerdings in den Augen der Zuschauer etwas schillernd Ambivalentes. Denn die Zuschauer – das gilt für die Athener des 5. Jahrhunderts v.Chr., die den Ödipus-Mythos gut kannten, in eingeschränktem Maße aber auch für die heutigen Theatergänger – können, anders als der Chor, mit dem Ödipus am Beginn des zweiten Teils spricht, in vielen seiner Sätze eine eigentümliche Blindheit gegenüber den wahren Zusammenhängen und Tatsachen entdecken. Ihr Wissen um den Ablauf der Handlung, vor allem um Ödipus’ Ende, beeinflusst die Art ihrer Rezeption des Bühnengeschehens. Sie können mit ihrem Vorwissen die Worte und das Handeln des Protagonisten – anders als dieser selbst – auf deren Wahrheitsgehalt und Wirklichkeitsbezug überprüfen und den Doppelsinn in den Worten erkennen. Ödipus’ herrscherlicher Auftritt enthält von daher für die Zuschauer ein Moment großer Selbsttäuschung und eines tragisch blinden Verhaltens. Ein Satz wie „[…] so kämpf ich diesen Kampf, / als wäre es mein eigner Vater. / Ich geh aufs Ganze, / will ihn fassen, seinen Mörder.“ (S. 204-7) ist auf tragisch-ironische Weise wahrer, als es der Sprechende ahnt. Die Verfluchung des Mörders wird, nur dem Publikum bewusst, zu einer Selbstverfluchung und der Satz, mit dem Ödipus seinen Auftritt vor dem Chor, dem Volk also, beendet („Uns aber, die wir in der Sache einig sind, / uns stehe die Gerechtigkeit zur Seite / und auch die Götter – alle Zeit.“ – S. 2013-15) hört sich für die Zuschauer – die Momente tragischer Ironie3 sind unverkennbar – wie eine blasphemische Bitte an die Götter an.

Allem, was Ödipus im Laufe der folgenden Handlung, besonders in den Teilen 2 und 3, sagt, unternimmt und entscheidet, haftet für das wissende Publikum etwas Doppeldeutiges an. Diese Haltung ist letztlich auch der Grund für die insgesamt positive Einschätzung der Figur des Herrschers. Von Anfang an durchschauen sie seine Irrungen und vorschnellen Verdächtigungen und kennen sein Bemühen um eine schonungslose Aufdeckung der Wahrheit, die schließlich in Selbstanklagen und Selbstbestrafung endet. Ödipus’ Größe besteht – und das gerade „erfahren“ die Zuschauer im Theater – darin, dass er Fehler macht, im Laufe der Handlung aber sein übereiltes Denken und Urteilen überwindet und jegliche Verschleierung der Wahrheit ablehnt und verhindert.

Die politische Wirkung der Tragödie hat mit dem Vorwissen zu tun, mit dem das athenische Publikum im 5. Jahrhundert v.Chr. das Handeln eines Herrschers wie des Ödipus auf der Bühne, in aller Öffentlichkeit also, miterleben. Die Kenntnis der mythischen Hintergründe des Dramas macht die Zuschauer zu kritischen Zuschauern, die das Reden und Handeln der Figuren distanziert und sachkundig beurteilen. Die Warnungen im Stück vor der Überschätzung intellektuellen Wissens, vor tyrannischem Herrschertum und vor unbesonnenem Handeln sind nicht zu überhören. Ödipus‘ Denken, das ganz der eigenen intellektuellen Unfehlbarkeit vertraut, werden deutliche Grenzen gesetzt. Den Zuschauern wird am Schicksal des Ödipus gezeigt, wie große Menschen eigentlich handeln sollen: so, dass sie von einer klugen Abschätzung der Situation geleitet werden, Probleme besonnen angehen, die Wahrheit immer suchen und, auch wenn sie auf Schwierigkeiten stoßen und zunächst irren, danach streben, der Wahrheit ganz und ohne Rücksicht auf die eigene Person verpflichtet zu bleiben.

Das Publikum wird Zeuge, wie Ödipus, „der die berühmten Rätsel wusste / und auf der Welt sehr mächtig war“ (S. 727f.), von einer „Flut furchtbaren Unheils / […] fortgerissen“ (S. 7211f.) und in „tiefes Leid“ (S. 7217) gestürzt wird. Um diese dramatische Entwicklung geht es in den Teilen 2 bis 6 der Tragödie.

Ödipus als vorschneller „Aufklärer“ des ungesühnten Mordes an Laios

Ödipus verlässt sich bei der Aufklärung des Mordes an Laios zweimal, nämlich Teiresias und Kreon gegenüber, ganz auf seine Fähigkeiten des Verstandes, die er beim Sieg über das „Mädchen mit den Flügeln“ so unübertroffen bewiesen hat, und geht dabei zweimal in die Irre. Der Chor der Thebaner, der am Ende des zweiten Teils spürt, dass Teiresias’ ernst zu nehmende Worte schwere Verdächtigungen gegen den Herrscher enthalten, stellt sich nach Abwägen des Für und Wider und nach Eingeständnis der eigenen Unsicherheit gerade wegen Ödipus‘ Klugheit dennoch hinter ihn: „Wir waren Zeugen seiner Kunst / und er wurde der Stadt lieb. / Von mir wird der Vorwurf / eines Verbrechens nicht kommen.“ (S. 2827-30) Dabei enthält die Szene mit Teiresias mehr als einen versteckten Hinweis darauf, dass Ödipus von einem unerhörten Schicksalsschlag bedroht ist.

Zum einen klagt Teiresias Ödipus direkt als Ursache des Übels an, das über Theben hereingebrochen ist. Er beschuldigt den Herrscher des Verbrechens an Laios: „Der Mörder, sag ich, den du greifen willst, bist du.“ (S. 2334) Eindeutiger und direkter kann eine Schuldzuweisung nicht sein. Dazu kommt, dass der, der die Anschuldigung erhebt, in höchstem Ansehen steht: „Ein Meister in der Kunst des Sehens fast wie sein Herr Apoll. / Von ihm erhält man äußerst klare Auskunft, Herr.“ (S. 2034f.) Und einige Zeilen weiter charakterisiert der Chor-Älteste Teiresias als den „Einzigen der Menschen, / dem Wahrheit angeboren ist.“ (S. 2122f.)

Dass Ödipus Teiresias, als der seine Wahrheit kundgibt, misstraut, ihn beschimpft und beleidigt („Ein Scheusal bist du […]“ – S. 2231) und sogar des Mordes an Laios beschuldigt („ du hast das Verbrechen angestiftet, / hast deine Hand im Spiel gehabt […]“ – S. 2310f.), ist ein schwerer Fehler, der ihn von Beginn der Untersuchung an ins Unrecht setzt. Aus verletztem Stolz und einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus gegenüber einem Mann, der mehr weiß als er selbst, greift er zu übereilten, unüberlegten, in ihren Konsequenzen nicht durchdachten Schuldzuweisungen und Verdächtigungen. Kurzsichtig und unbesonnen wirft er Teiresias vor, mit Kreon zusammen politische Intrigen zu spinnen. Er ist, wie es Teiresias formuliert, „sehend blind“: „Du bist auf Ohren, Geist und Augen blind.“ (S. 2412)

Gerade in solchen grundlosen Verdächtigungen – der Aristotelische Begriff der Hamartia trifft hier zu – zeigt sich Ödipus als jemand, der vorrangig in machtpolitischen Kategorien denkt. Ohne sich wirklich zu bemühen, um vielleicht die hintergründige Wahrheit dessen, was Teiresias in leidenschaftlichen Worten kundtut, zu erfassen, greift Ödipus zum naheliegenden Argument eines politischen Ränkespiels gegen ihn, den Herrscher, zu einem Vorwurf, der zur thebanischen Wirklichkeit gehören mag, aber in keiner Weise der komplexen Rätselhaftigkeit und Dunkelheit des Delphischen Orakels angemessen ist. Ödipus beweist mit seinen Reaktionen, dass er eben nicht von vornherein einer „der vortrefflichsten der Menschen / in allen Wechselfällen dieses Lebens / und auch im Umgang mit den Göttern“ (S. 1029-31) ist, sondern, trotz seiner Bezwingung der Sphinx, sich – jedenfalls in dieser Situation – nicht von anderen Herrschern und Mächtigen der Zeit unterscheidet. Was ihn „auszeichnet“, ist sein Selbstbewusstsein, sich auf seinen Verstand („Ich hab das Untier stumm gemacht, / allein mit meinem Kopf.“ – S. 259f.) zu verlassen. Und diese Rationalitätsgläubigkeit treibt ihn zu unhaltbaren Beschuldigungen des Sehers, dessen Ohnmacht gegenüber der Sphinx er verhöhnt: „Da musste ich erst kommen, / ich, der nichts wusste, Ödipus.“ (S. 257f.) Ödipus bezweifelt in blasphemisch-frevelhaftem Ton Teiresias’ göttliche Seherkunst. Er sieht sich ganz als der aufgeklärte Herrscher, der seiner Vernunft, seinen „Kopf“-Fähigkeiten, mehr vertraut als den traditionell überlieferten kultischen Riten, auf die sich Teiresias in seinen Prophezeiungen stützt. Das verhindert, dass er auch nur annähernd die Bedeutung von Teiresias’ rätselhaften Reden erfasst. Der spricht – in widersprüchlichen, nicht leicht auflösbaren Bildern – vom „blinden Sehenden“ und vom „reichen Bettler“ und verweist damit auf Ödipus’ grotesk-absurde Situation: die Wahrheit finden und sehen zu können, wenn er es wollte, aber sie nicht zu erkennen, da er die nötige Umsicht und Besonnenheit in der Beurteilung der Situation vermissen lässt.

Wieder also steht Ödipus, wie damals, als er als Fremder nach Theben kam, vor der Aufgabe, ein Rätsel zu lösen, bei dem es um alles, um Leben und Tod, geht. Und wie damals könnte er, wenn er die verfahrene Situation entwirrte, Theben aus der Not retten. Aber Ödipus’ Situation – nur der wissende Zuschauer durchschaut die rätselvollen Prophezeiungen des Sehers – ist diesmal ungleich schwieriger als beim Kampf gegen die Sphinx. Teiresias’ dunkle Worte betreffen Unerhörtes, noch nie Dagewesenes, nicht Denkbares, nicht Aussprechbares, Unvorstellbares. Ein Mensch, auch ein herausragender Mann wie Ödipus, ist überfordert, die Wahrheit von Teiresias’ Worten zu erahnen oder gar zu erkennen. Ihre Erkenntnis, so „sehend“ sie auch machte, wäre gleichbedeutend mit Selbstzerstörung und Selbstvernichtung. Die Lösung der Wirrnisse bedeutete Ödipus’ Verhängnis. Der Chor erahnt in seinen kommentierenden Bemerkungen diese „dunklen“ Zusammenhänge und deren Folgen: „Furchtbar, furchtbar die Wirrnis, / die der kundige Seher hervorruft. / Unklar ist sie nicht, aber auch nicht deutlich.“ (S. 283-5)

In der Szene, die das Zusammentreffen zwischen Ödipus und Kreon schildert, werden Ödipus’ Blindheit4 gegenüber der Wahrheit und sein unbesonnenes Urteilen noch deutlicher. An Kreons Reaktionen auf die Vorwürfe, die Ödipus erhebt, zeigt Sophokles, wie sich Ödipus eigentlich verhalten sollte: Er sollte, wie es Kreon mit Ödipus’ Vorhaltungen tut, vernünftig das Für und Wider der Anklagen abwägen, Argumente wohlüberlegt vorbringen, die richtigen Schlüsse aus Tatsachen ziehen. Sophokles führt gerade an dem Zusammenstoß der beiden vor, wie anfechtbar und letztlich falsch Ödipus’ Reaktion auf Teiresias’ Worte und auf Kreon sind und wie Ödipus, indem er sich von der Oberfläche einer Situation und deren Schein blenden lässt, mit jedem Wort und jeder Entscheidung „blinder“ wird. Aus dem angesehenen Herrscher, den die Thebaner zu Beginn der Tragödie als den „Besten unter den Menschen“ rühmen, wird ein Wüterich, dessen Anschuldigungen außer Kontrolle geraten. Kreon erkennt es. „Ich sehe, du bist nicht bei Sinnen!“ (S. 3341) schilt er Ödipus, der als Mensch und Herrscher am Ende des Streits mit Kreon an einem Tiefpunkt angelangt ist.

Ödipus’ Ahnung von seiner Verwicklung in das Geschehen um Laios

Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) hat mit seiner Poetik, die wahrscheinlich nach 335 v. Chr. entstanden ist, die früheste theaterhistorische Darstellung geschrieben, die uns überliefert ist. In ihr wird u. a. auch der Begriff Peripetie erläutert. Er meint den Umschlag einer Handlung nicht in das, was die Figuren anstreben, sondern in dessen Gegenteil, also in ein Unglück. Diese Wende markiert in der Regel den Beginn einer sich anbahnenden Katastrophe, der die Figuren nicht mehr ausweichen können. Die Szene zwischen Iokaste und Ödipus wird von solchen peripetischen Momenten bestimmt.

Iokastes Auftritt in Teil 3 ist aus zwei Gründen bemerkenswert:

Sie stellt sich in ihrer Teiresias gegenüber kritischen Haltung ganz auf die Seite ihres Mannes. So wie der den Seher der Missgunst, des Betrugs und des Verrats bezichtigt und ihm, der tief der kultischen Tradition verbunden ist, damit den Respekt verweigert, ihn sogar verhöhnt und verspottet, distanziert sich Iokaste von den prophetischen Fähigkeiten, die Teiresias zugeschrieben werden: „Hör auf mich und lass dir sagen, / dass das, was Menschen treiben, / von Seherkunst ganz unabhängig ist.“ (S. 3737-39) Indem sie Teiresias’ kultisch-religiöse Bedeutung und die Relevanz seiner Seherkunst anzweifelt, bestätigt sie indirekt Ödipus in seiner der Vernunft und Rationalität allein geschuldeten Lebenssicht.

Iokaste kritisiert aber nicht nur den Seher Teiresias. Sie geht in ihrer zweifelnden Haltung einen Schritt weiter und stellt Orakelsprüche, also göttliche Verlautbarungen, grundsätzlich infrage und spricht ihnen ihre religiöse Wahrheit ab. Sie hat sich von der Bindekraft kultischer Tradition, in der Orakel sakrosankt sind, gelöst und nennt Sehersprüche „Zeug“ (S. 3817), weil sie meint, deren Nutzlosigkeit, deren Widersprüchlichkeit hinsichtlich augenscheinlicher Fakten und deren Realitätsferne nachweisen zu können. „O ihr Orakel der Götter, wo seid ihr jetzt?“ (S. 483)5, fragt sie ungläubig-zweifelnd, als der Bote aus Korinth die Nachricht vom Tod des Polybos bringt. Wie Ödipus verwechselt sie Schein und Wahrheit und verrennt sich in eine vordergründige Sicht des Orakels, die sich im Laufe des Stücks als haltlos und falsch erweist.

Mit Iokaste hat Sophokles eine Frauenfigur geschaffen, die pragmatisch vorgeht, Nützlichkeitsdenken über alles stellt, kultischem Denken absagt und ihre Eigeninteressen taktisch klug und gezielt verfolgt. Sie ist eine Repräsentantin des religiösen Skeptizismus und der Aufklärung aus dem Geist der Sophistik, die um 430 Athen erfassten und bald darauf zu gegenaufklärerischen Tendenzen führten.

Das berühmte Chorlied am Ende des dritten Teils handelt, passend zu dem Vorangegangenen, von der Überheblichkeit des Menschen, die sich „nährt an leerer Überfülle“ (S. 4415). Der Chor erahnt die Gefahren, die in Ödipus’ aufklärerischem Denken und Iokastes Skeptizismus gegenüber kultischen Vorgängen liegen. Er erkennt darin Hybris, Wertebeliebigkeit, eine aufkeimende Unordnung und Chaos, die zur Folge haben, dass die Menschen – ein schwerer Vorwurf – „die Scheu vor dem Göttlichen“ (S. 4511) verlieren.

Iokastes „Beruhigungsstrategie“ führt dazu, dass sie, obwohl sie das Gegenteil will, zur furchtbaren Belastungszeugin für Ödipus wird und gerade dadurch, dass sie zu „beweisen“ versucht, dass Orakelsprüchen nicht zu trauen ist, letztlich deren Gültigkeit bestätigt und in Ödipus einen ersten Verdacht erweckt, er könne vom Delphischen Orakel in viel stärkerem Maße betroffen sein: „Was ist es bloß, seit ich dich höre, / das mir den Sinn verwirrt? / Was steigt da in meinem Herzen hoch?“ (S. 3821-23) Solche Zeilen könnten – zum ersten Mal im Stück – einen Umschlag der Handlung bewirken. Ödipus’ Haltung, Selbstzweifeln keinen Raum zu geben, beginnt – leicht zunächst nur – zu wanken. Seine vorschnelle Art, etwas festzustellen, zu bewerten und ein Urteil zu sprechen, machen langsam einer nachdenklichen Selbstbefragung Platz, zögerlich zuerst und ungläubig, dann immer stärker und konsequenter, schließlich wie im Rausch, ohne Rücksicht auf die eigene Person, nur der Wahrheit verpflichtet.

Ödipus als der wahre „Aufklärer“

Die Peripetie, die die Handlung des vierten und fünften Teils bestimmt, bewirkt, dass aus dem Drama eine Tragödie wird. Aus Ödipus, dem „Steuermann des Schiffes“, wird ein Mensch, der mehr und mehr ein Spielball von Mächten und Kräften wird, die er nicht verstehen, schon gar nicht zähmen und kontrollieren kann.

Die Peripetie entfaltet ihre innere dramatische Wirkung umso stärker, je deutlicher mit ihr ein Moment der tragischen Blindheit der Figuren einhergeht. Die tragische Blindheit wird in der Reaktion von Ödipus und Iokaste auf die Kunde, die der Bote aus Korinth nach Theben bringt, deutlich. Der Bote berichtet vom Tod des Polybos. Beide, Ödipus und Iokaste, erfassen nicht den tieferen Sinn hinter seinen Worten und die Doppeldeutigkeit der Nachricht, erkennen nicht die wahren Umstände, die sich damit verbinden, sondern sehen nur, was ihnen nützt und gefällt, stürzen sich auf das Nächstliegende und Vordergründige, nehmen die Botschaft als Beweis, dass die Orakel und die Seherkunst versagen. Sie verhöhnen die Göttersprüche, sehen sich in ihrer kritischen Haltung gegenüber kultischer Tradition bestätigt und kommentieren die Nachricht des Boten aus Korinth drastisch-blasphemisch, fast frevelhaft: „Und dann sieh zu, wo sie geblieben sind, die hohen Göttersprüche!“ (S. 4813) und „Ach was, er [Polybos] hat die Göttersprüche mit ins Grab genommen: / Die gelten jetzt nichts mehr.“ (S. 491f.)

Der dramatische „Umschlag“ erfolgt mit den Worten des Boten: „So wisse denn, du zitterst ohne Grund.“ (S. 5040) Der Bote, der mit dem Satz „Nein, du stammst nicht von Polybos!“ (S. 512) Ödipus’ letzte Bedenken wegen des Orakelspruchs, dass er mit seiner Mutter schlafen werde, zerstreuen will, leitet mit seinem gut gemeinten Beschwichtigungsversuch unwiderruflich die Katastrophe ein. Die stichomythische Struktur des folgenden Gesprächs zwischen Ödipus und dem Boten ist Ausdruck der inneren Unruhe und Unsicherheit, die Ödipus als Vorahnung einer Katastrophe erfasst haben. Ödipus dringt mit immer bohrenderen Fragen in den Mann aus Korinth. Der antwortet kurz und prägnant, ohne zu ahnen, welche fürchterlichen Zusammenhänge er damit dem Fragenden von Antwort zu Antwort bewusst macht. Ödipus ist wie von einem Rausch der Wahrheitssuche6 besessen. Er wird – anders als Iokaste, die die erschütternde Wahrheit zu ahnen beginnt, und den Raum verlässt, als sie erkennt, dass sie Ödipus von seinen Fragen nicht abbringen kann, – zum fanatischen Aufklärer. „Weh dir, du Unglücksmann!“ (S. 5332) warnt Iokaste Ödipus. Der hört sie, versteht sie aber nicht wirklich, sieht in tragischer Blindheit – „eine letzte, groteske Verkennung der Wahrheit“7 – immer noch nicht die wirklichen Zusammenhänge, glaubt in seiner Verblendung, dass Iokaste ihn nur deshalb zurückhalten wolle, weil sie befürchtet, es komme heraus, dass Ödipus von niederer Herkunft sei. Aber er kann nicht mehr zurück, die ganze Wahrheit, die ihn in den Untergang treiben wird, zu erkennen.

Den letzten Schritt zur Erkenntnis der Wahrheit und damit zur Katastrophe tut Ödipus im fünften Teil. Der alte Hirte, der ihn einst im Kithairon-Gebirge ausgesetzt hat, bezeugt, als er bedrängt wird, untrüglich Ödipus’ wirkliche Identität. Und Ödipus sieht endlich klar: „Ich bin der Sohn von dem, / von dem ich es nicht durfte, / ich leb mit der zusammen, / mit der ich es nicht durfte, / ich habe die getötet, / die ich nicht töten sollte!“ (S. 596-11) Die Offenbarungsszene, die alle Hintergründe und Zusammenhänge erhellt, besiegelt Ödipus’ Untergang.

Die Peripetie, die hier, wie oft in Tragödien, durch einen Fehler (Hamartia) des Helden, nämlich seine ungestüme Wahrheitssuche, ausgelöst wird, aber auch als unerbittlich-logische Konsequenz des Vorangegangenen erscheint, ist viel mehr als nur eine Richtungsänderung der dramatischen Handlung hin zur Katastrophe. Sie führt in das Innere der Tragödie selbst. Denn sie erst bewirkt den Umschlag der Unkenntnis zur Erkenntnis im Helden des Dramas. Aristoteles hat für diesen entscheidenden inneren Vorgang in seiner Poetik den Begriff der Anagnórisis geprägt: die Wandlung des Protagonisten zur Einsicht und schließlich Akzeptanz der notwendigen Wahrheit, die das Leben für ihn bereit hält. – In Sophokles’ Drama fällt die Anagnórisis mit der Peripetie zusammen und entfaltet dadurch eine besondere dramatische Wirkung. Ödipus’ Leben erfährt eine Wende hin zu etwas ganz anderem als dem, was er erhofft oder erwartet. Vor allem aber – und darauf kommt es an – wehrt er sich nicht mehr gegen die niederschmetternde Wahrheit, im Gegenteil, er macht sie zu einem entscheidenden Teil seiner Existenz.

Indem er seine wahre Identität erkennt und annimmt, bekennt er sich auch zu der in seinem Leben wirkenden Macht des Orakels. Obwohl er dem Spruch des Gottes Apoll gezielt und geplant entgegengewirkt hat, kann er ihm am Ende – darin liegt seine tiefe Einsicht, das ist seine Lebenserfahrung, die er akzeptiert – nicht entgehen. Zwar hat er Fehler begangen und Irrwege in der Aufdeckung der Wahrheit eingeschlagen. Aber auch wenn er geradliniger auf die Wahrheit zugegangen wäre, hätte er der Katastrophe seines Lebens, angekündigt durch das Delphische Orakel, nicht ausweichen können. Alles, was er tut und was ihm widerfährt, ist vor Beginn der eigentlichen Handlung des Dramas unwiderruflich festgesetzt. Das Orakel hat sich bereits vorher „erfüllt“. Das Stück selbst zeigt nur noch – mit Verzögerungen und mit Umwegen – Ödipus’ Umgang mit den Auswirkungen des Orakelspruchs. Die Handlung folgt einer inneren Logik und Notwendigkeit, die von dem, der davon betroffen ist, nur scheinbar beeinflusst werden kann. Der aufgeklärte Verstandesmensch Ödipus glaubt lange, zu lange, dass er die Fäden des Rätsels selbst entwirren könne. Am Ende muss er die Selbsttäuschung eines solchen Denkens, das den Götterwillen vordergründig auslegt und nicht dessen Hintergründe erfasst, einsehen.8 Seine Größe besteht darin, dass er sich dieser schmerzhaften Einsicht beugt, die ihn, den Sphinxbezwinger und mächtigen Herrscher von Theben, mit einem Schlag zerstört, ihn aber als Menschen neu „schafft“.

Der Chor als Zeuge der Aufdeckung der ungeheuren Wahrheit sieht hinter Ödipus’ Schicksal das Schicksal aller Menschen und verschärft damit die Bedeutung der göttlichen Vorbestimmung allen Lebens: „O ihr Geschlechter der Menschen! / Von dem Leben, das ihr lebt, / bleibt, wenn ich die Summe ziehe, / so viel wie nichts! /Denn wer, welcher Mensch, / erlangt mehr an Glück / als gerade so viel, / dass es erscheint, ja, und danach versinkt. / Wenn ich dein Geschick als Beispiel nehme, / deines, ja deines, unglücklicher Ödipus, / so kann ich nichts im Leben der Menschen glücklich preisen!“ (S. 5913-23)

Ödipus’ Leid und Selbstbestrafung

Der Schlussteil der Tragödie, der Exodos, schildert die Katastrophe, die über Ödipus und sein Haus hereingebrochen ist, in immer neuen Wehklagen und Bekundungen des Leids. Ödipus stellt sich der „Schuld“9, die er auf sich geladen hat, ohne es zu wollen und ohne es zu wissen. Er nennt sich „den Allerverfluchtesten, / der den Göttern so verhasst ist wie nie ein anderer Mensch zuvor“, (S. 6530f.) und sieht sich selbst als „Schandfleck“, von dem, das ist nur konsequent, die Stadt gereinigt werden muss. Die Selbstverachtung und Selbstverfluchung des Ödipus führen zur Selbstbestrafung: Ödipus durchbohrt seine Augen und bittet Kreon: „Verjag mich aus dem Land!“ (S. 7126)10

Das Leid, das über Ödipus hereingebrochen ist, ist jene Kategorie negativer menschlicher Erfahrungen, die einen zentralen Moment antiker Welt- und Lebenserfahrung deutlich macht. Leid wird als „Geschick“ empfunden: Dem Menschen bleibt nur, diese Bestimmung durch die Götter zu erdulden. Zwar kennt das antike Drama in einer Figur wie Prometheus auch die Auflehnung gegen die Götter. In der Regel aber unterwirft sich der antike Held seinem Schicksal und fügt sich dem Leid, das ihm von den Göttern auferlegt wird. Es geht nicht darum, ob er es „verdient“ zu leiden. Diese Auffassung setzte einen der Antike fremden Ursache-Wirkungs-Zusammenhang und Schuldbegriff und eine Interpretation von Subjektivität voraus, die für die Antike so nicht gültig ist. Nicht das, was der Held will, ist entscheidend, sondern das, was er tut. Auch wenn sein Handeln Folgen hat, die er nicht beabsichtigt und die seinem innersten Wesen widersprechen, Folgen, die, wie im Falle des Ödipus, gegen göttliche Gesetze und gegen Naturrecht verstoßen, muss er dafür die Verantwortung übernehmen. Sein Handeln, gewollt oder nicht, bewirkt einen Bruch zwischen Mensch und Gott. Darunter leidet er, sobald ihm dieser Bruch bewusst wird. Seine Klagen sind Ausdruck seiner Erfahrung einer grundsätzlichen Ohnmacht, einer Ferne von den Göttern, einer existentiellen Einsamkeit, einer Hilflosigkeit. Seine Größe – und er hat nur diese eine Möglichkeit, wirkliche Größe zu zeigen, – besteht darin, sich zu seinen Verfehlungen, zu seiner Nichtigkeit und Abhängigkeit von den Göttern zu bekennen. Ödipus tut das in exemplarischer Weise. Seine Klagen machen deutlich, dass er seine Ohnmacht erkennt und akzeptiert, dass er eine Vorstellung von einem glücklichen Lebens hat, aber weiß, dass sein Glück für immer verloren ist. Ödipus‘ Leid ist nicht – das wäre eine christliche, der Antike völlig fremde Vorstellung – eine Art Prüfung, aus der der Leidende geläutert hervorgehen kann. Sein Leid ist „wirklich“ und „ganz“. Es ist in seiner Endgültigkeit und Einzigartigkeit allerdings ein Moment der Bewährung: Ödipus unterwirft sich dem Leid, ohne sich dagegen aufzulehnen. Er fügt sich ganz seinem Schicksal. Darin zeigen sich Ödipus‘ wahre Gesinnung, seine ganze menschliche Größe: „Hier im Leiden entscheidet der Mensch sich ganz zu dem, was Ewiges an ihm ist.“11

Ödipus‘ Selbstbestrafung ist nicht Ausdruck einer Sühne für eine schuldhafte Tat, sondern nichts als die notwendige Konsequenz aus seiner Hamartia. Die Tat selbst, die göttliches und natürliches Recht aufs Tiefste verletzt, kann – ganz anders als zum Beispiel im Christentum – niemals „aus der Welt“ geschafft werden.12 Ödipus weiß das, wenn er in äußerster Verzweiflung darüber jammert, dass er auch im Tod keine Ruhe finden werde (S. 6619-24): „Ich weiß ja selber nicht, / mit welchen Augen / ich meinen Vater und meine arme Mutter ansehn soll, / betrete ich dereinst das Totenreich. / An beiden habe ich so schwere Verbrechen begangen, / dass kein Strang sie sühnen kann.“

Ödipus’ Leid, das in einer hochpathetischen Sprache vorgetragen wird, bestimmt den Schluss der Tragödie. Ödipus’ Größe erschöpft sich nicht in der Akzeptanz der Schuld und des damit einhergehenden Leids. Noch in seiner schwersten Stunde bittet er Kreon um Fürsorge für seine Töchter Antigone und Ismene. Diesen Schutz benötigen sie, die „beiden armen, beklagenswerten Mädchen“, in besonderer Weise, da die schlimmen Taten des Vaters nicht nur dessen Leben zerstört haben, sondern auch das ihre verändern werden: „So werden sie [die anderen Menschen] euch schmähn. / Wer will euch da noch zur Frau? / Niemand, Kinder, / denn das steht fest: / Ihr werdet ohne Heirat, kinderlos vergehn!“ (S. 7032-36) Mit solchen in die Zukunft weisenden Worten verknüpft Sophokles das Geschehen in der Tragödie König Ödipus am Ende noch einmal ausdrücklich mit dem Mythos der Thebanersage und stellt das Schicksal, das Ödipus getroffen hat, in die Reihe der Geschehnisse, die vom Geschlechterfluch, der über dem Hause Laios lastet, bestimmt werden. Der Fluch bleibt, so muss Sophokles’ Hinweis an dieser bedeutsamen Stelle des Dramas verstanden werden, immer wirksam.

Der Chor beschließt die Tragödie mit Versen, die – in fast Brecht‘scher „Zeige-Art“ – aus Ödipus’ Schicksal eine allgemeine Lehre, eine Lebensregel, ziehen: „Sodass man einen Sterblichen, / der jenem letzten Tag entgegenblickt, / nicht glücklich preisen wird, / bevor er nicht ans Ziel des Lebens / gelangt ist, ohne tiefes Leid.“ (S. 7213-17)

König Ödipus als Tragödie

Man kann davon ausgehen, dass Aristoteles Hunderte von Tragödientexten kannte. Seine Ausführungen sind deshalb für das Verständnis antiker Tragödien von besonderem Interesse. Sophokles’ Drama König Ödipus dient Aristoteles als Beispiel einer gelungenen Tragödie.

Aristoteles interessieren vor allem die äußeren und inneren Merkmale einer Tragödie; seine Darlegungen sind zum großen Teil normativ-beschreibend. So sind die Begriffe Peripetie und Anagnórisis beispielsweise für die Struktur des Dramas bedeutsam und verweisen auf die Wende von Glück zu Unglück und die „Wiedererkennung“ dieses Umschlags und seine Akzeptanz durch den Helden oder die Heldin als wesentliche Komponenten der tragischen Geschlossenheit im antiken Drama.

Hamartia, was im Griechischen so viel wie Verfehlung oder Fehler bedeutet, ist für Aristoteles eine Voraussetzung für tragisches Geschehen in einem Drama. Das Wort meint keine Verfehlung des Helden oder der Heldin im moralischen, sondern im zutiefst existentiellen Sinne. Das Leiden des Ödipus wird durch eine Tat, die objektiv etwas Furchtbares darstellt, die er aber nicht bewusst begangen hat, bewirkt. Das Schreckliche seiner Tat war und ist Ödipus nicht bewusst. Deshalb ist er subjektiv unschuldig. Und dennoch überwältigt ihn das Grässliche der Tötung des Laios, als er seinen Anteil daran und die Folgen für ihn selbst, seine Familie und die ganze Stadt Theben erkennt. Er hat den Mord an Laios begangen und anschließend Iokaste, seine leibliche Mutter, geheiratet. Die objektive Schrecklichkeit des Geschehens kann Ödipus auch mit dem Hinweis, dass er die wahren Zusammenhänge nicht gekannt habe, nicht mildern oder aus der Welt schaffen. Ödipus versucht es allerdings auch nicht. In keiner Verszeile entschuldigt er in irgendeiner Form seine Hamartia13. Im Gegenteil: Er nimmt, wie selbstverständlich, die Verantwortung der Tat auf sich und unterzieht sich selbst der schwersten Bestrafung.

Hamartia kann auch auf einer mehr subjektiven Ebene festgemacht werden. In diesem Kontext meint der Begriff dann eine wirkliche Verfehlung des Protagonisten, die bei größerer Besonnenheit hätte vermieden werden können und auch vermieden werden müssen. Ödipus‘ Missachtung der göttlichen Sendung des Teiresias, seine Verhöhnung der Worte des Sehers und seine vorschnellen Beschuldigungen gegenüber Teiresias und Kreon sind solche „Fehler“, die zwar mit Vatermord und Mutterheirat nicht zu vergleichen sind, aber im Laufe des Dramas dennoch ein folgenschweres Fehlverhalten darstellen.

Die anderen wichtigen Begriffe, die Aristoteles mit der Wirkung der Tragödie verbindet, sind Furcht und Mitleid und Katharsis, die Reinigung der Zuschauer von den sie belastenden psychischen Momenten. – Furcht (Phóbos) und Mitleid (Éleos) vor allem führen in das Zentrum des Tragischen. Die Tragödie wird, weil sie den Mythos abbildet, bestimmt durch einen grundlegenden Konflikt zwischen den allmächtigen Göttern und den in ihrem Tun eingeschränkten Menschen. Der Mensch erkennt seine Grenzen nicht oder lehnt sich im Glauben, er könne frei entscheiden, dagegen auf. Er folgt dabei seinen Leidenschaften und seiner Vernunft und hofft, sein Leben eigenverantwortlich bestimmen zu können. Dabei lässt er außer Acht, dass das Leben nicht nur aus geplanten Handlungen besteht, sondern auch aus nicht vorhersehbaren Ereignissen, die Planungen gefährden und unmöglich machen, und übersieht – seine Hamartia – die grundsätzliche Abhängigkeit des Menschen von göttlichen Fügungen, vom Schicksal. Um die schicksalhaften Ereignisse zu bewältigen, wird der Mensch notwendigerweise in eine rigide Verfolgung seiner ursprünglichen Ziele, Wünsche und Vorstellungen getrieben, letztlich in eine Auflehnung gegen göttliches Recht und den Götterwillen. Dafür wird er – die antiken Dramen zeigen das auf vielfältige Weise – bestraft.

Ödipus’ können zwei „Verfehlungen“ zur Last gelegt werden. Mit dem einen „Fehler“, mit dem „Vatermord“ und der „Mutterheirat“, verstößt er gegen unverrückbare ethische Normen, die immer und überall gültig sind. Auch wenn ihm dabei keine subjektive „Schuld“ angelastet werden kann, leidet Ödipus unter der Tat, als sie ihm bewusst wird, als habe er sie willentlich und wissentlich begangen. – Seine anderen „Fehler“ – sie wären, wenn Ödipus nicht unbesonnen und übereilt gehandelt hätte, vermeidbar gewesen14 – bestehen darin, dass er meint, in seinem Leben dem Orakelwillen ausweichen, gegen Götterwillen angehen, seinem Schicksal entgehen, Rationalität über Religiosität stellen und die menschliche Vernunft verabsolutieren zu können. Darin verfehlt er das richtige Maß im Gebrauch seiner intellektuellen Fähigkeiten. Ödipus weiß um die Gültigkeit des Orakelspruchs, der ihn und seine Eltern betrifft. Dennoch versucht er, dem unvermeidbaren Götterwillen zu entgehen. So fordert er den Gott Apoll heraus und überschätzt dabei die Kräfte seiner Vernunft. Dieser Wesenszug zum Maßlosen ist Ödipus’ Hybris 15, die letztlich die eigentliche Ursache für sein Versagen vor den Göttern ist und notwendigerweise in die Katastrophe, seinen Untergang, führt.

Die aristotelischen Begriffe von Phóbos und Éleos werden an dieser Stelle der Tragödie wirksam. Furcht und Mitleid überkommen den Zuschauer, weil er im König Ödipus erlebt, dass der Held nach eigenen Vorstellungen und Gesetzen handelt und dabei seine schicksalhafte Eingebundenheit in göttliches Walten übersieht und dass er für etwas, das er nicht wollte, aber tat, das objektiv schrecklich ist und das er zu spät in seinen Auswirkungen erkennt, zur Rechenschaft gezogen wird. Vor allem aber wird der Zuschauer „erschüttert“, weil er Zeuge einer paradoxen Lebenssituation wird, deren innere Widersprüchlichkeit – etwas nicht tun wollen, es aber dennoch tun (müssen) – nicht auflösbar ist und die deshalb für den Helden notwendigerweise in der Katastrophe endet. Ödipus ist dieser Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz hilflos ausgesetzt. Denn am Ende der Tragödie werden ihm die „Untaten“ bewusst, die er „begangen“ hat. Er spricht von seinen „schweren Verbrechen“, davon, dass er der „Schandfleck“ Thebens sei, nennt sich den „Schlechtesten“ und den „Gott-Verhassten“. Er bekennt sich zu seinen Verfehlungen, obwohl er dafür im eigentlichen Sinne keine Verantwortung trägt, weil er bei all seinen schlimmen Handlungen ein „Instrument“ der Götter war. Von Apollon und damit vom Delphischen Orakel sagt er: „Verbrechen auf Verbrechen hat er mich tun lassen.“ (S. 6515) Und an anderer Stelle verflucht er seine mit dem Geschlechterfluch belastete Herkunft: „O Polybos und du Korinth und du, du Haus des Vaters, / das angeblich das meine war! / Was habt ihr mir angetan? / Ihr habt das Böse im Geheimen reif gemacht! / Als Übeltäter bin ich nun entlarvt, / ein Übeltäter, der von Übeltätern stammt!“ (S. 675-10)

Ödipus, das macht am Ende der Tragödie seine Größe aus, schrickt vor der Absurdität seines Lebens, gegen seinen Willen schlimme Taten zu begehen, die ihm von Beginn an „bestimmt“ sind und denen er nicht entrinnen kann, nicht zurück.16 Er bringt sich, anders als Iokaste, die ein untragischer Charakter ist, nicht um. Der Selbstmord wäre möglicherweise ein „Ausweg“, aber auch ein Resignieren vor der Last, die ihm die Götter aufgebürdet haben. Ödipus wählt den Weg, sich seinem Schicksal und damit dem Götterwillen zu stellen. Mit keinem Wort fleht er die Götter um Vergebung an; warum auch: Alles in seinem Leben ist von ihnen im Orakel festgelegt worden. Mit keinem Wort bittet er Kreon und die anderen um Entschuldigung oder um Verständnis für das, was er „getan“ hat. Im Gegenteil – und an dieser Stelle wird das Paradoxon furchterregend: Er bekennt sich zu seiner „Schuld“, ohne nachzufragen oder sich innerlich dagegen aufzulehnen. Als freier Mensch hat er gehandelt und dabei schwere Fehler begangen und ist gleichzeitig von schicksalhafter Vorbestimmung gelenkt worden. Dieser inneren Widersprüchlichkeit menschlichen Lebens – davon handelt die antike Tragödie immer wieder – kann niemand ausweichen. Seine tragische Größe erreicht Ödipus, indem er sie als Teil auch seiner Existenz akzeptiert.

König Ödipus in seiner Zeit

„Der König Ödipus ist um 430 herum entstanden, auf dem Höhepunkt der Sophistik, d. h. der griechischen Aufklärungsbewegung des 5. Jahrhunderts, der ‘Wissen ist Macht’-Bewegung, der allgemeinen Verstandes-Euphorie. Worin der Zeitbezug dieses Stückes liegt, wovor gewarnt wird – das scheint danach deutlich. […] Nur: Als Hohelied auf die unbezwingbare positive Kraft menschlichen Intellekts wäre das Stück wohl kaum zureichend verstanden. Wenn wir Sophokles bisher nicht ganz missverstanden haben, dürfen wir vielmehr – zusammen mit den Zeitgenossen – den warnenden Ton, der gerade aus dem ‚Oidipus Tyrannos‘ klingt, nicht überhören!“17

Latacz betont also, dass sich das Stück kritisch mit sophistischen Tendenzen in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts auseinandersetze. An der Figur des Herrschers von Athen werde das exemplarisch gezeigt.18

Im König Ödipus wie im griechischen Mythos überhaupt wird ein antagonistisches Welt- und Menschenbild dargestellt: der Gegensatz von menschlichem Freiheits- und Selbstverwirklichungsstreben und göttlich-religiösen Kräften, die den Menschen grundsätzlich binden. Anders als später im Christentum „konstatieren die Griechen in ihren großen Dichtungen einen jenseits von Gut und Böse sich entfaltenden Antagonismus – einen tragischen Antagonismus“19, in dem der Held der Tragödie mit seinem Drang, die Welt nach seinen Vorstellungen zu ordnen und ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen, am Ende immer göttlichen Mächten unterliegt, darunter leidet und für sein „menschliches“ Handeln bestraft wird. „Im Ödipus-Mythos, wie ihn Sophokles in seiner Tragödie gestaltet, wird Ödipus, der durch sein überlegenes Wissen das Rätsel der Sphinx zu lösen versteht, vom Gott Apollon zum blinden Bettler erniedrigt.“20

In der Zeit der griechischen Aufklärungsbewegung um und nach 430 wird dieser Antagonismus, der den Menschen in fundamentaler Abhängigkeit von göttlichem Walten sieht, von mehr und mehr Stimmen in Frage gestellt und zugunsten des menschlichen Freiheitsstrebens und der Autonomie des Menschen verändert und aufgegeben. Die Welt wird „vermenschlicht“ oder „entgöttlicht“. An Leitsätzen der Sophistik, die das politische und geistige Leben der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts in besonderer Weise bestimmt,21 kann diese Verschiebung des Weltbildes festgemacht werden. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie sind, und der nicht-seienden, dass sie nicht sind“, lautet ein berühmter Satz von Protagoras (ca. 481 – 411), der damit den Zweifel an allgemein gültigen Wahrheiten, letztlich auch an den Göttern, zu einem philosophischen Prinzip macht. Und Gorgias (483 – 375) fasst seinen Lebensskeptizismus in folgenden Sätzen zusammen: „Nichts ist. Wenn aber etwas wäre, wäre es doch für den Menschen nicht erkennbar. Und wäre es erkennbar, dann wäre es jedenfalls nicht mitteilbar.“ Hinter solchen Formulierungen wird der Versuch deutlich, traditionelle Wertordnungen in Frage zu stellen, ein neues Menschen- und Weltbild zu etablieren, sich von den „alten“ Vorstellungen – dort die allmächtigen Götter, hier die schicksalhaft gebundenen Menschen – zu lösen.

Sophokles stellt sich mit seinem König Ödipus solchen aufklärerischen Tendenzen, die weit in das gesellschaftliche und politische Leben Athens hineinreichen, entgegen. Ödipus, der mit seinem Selbstbewusstsein und seinem Vertrauen auf die eigene Vernunft den Gedanken menschlicher Autonomie in den Vordergrund rückt, wird im ersten Teil der Tragödie zum Repräsentanten der „neuen“ Ideen, die sich auf autonomes Wissen berufen. Vor diesem „neuen“ Menschen Ödipus warnt Sophokles als Gegenaufklärer in seinem Stück. An seinem Schicksal zeigt er, wie der sehende Ödipus der Blinde und der blinde Teiresias der Sehende ist. Wissen, so führt Sophokles vor, das sich von der Gebundenheit an göttliche Vorsehung freimacht, ist unzulänglich, ja verderblich. Der wissende Ödipus, der die Bedeutung des Orakels „unbesonnen“ in Frage stellt, ist der eigentlich Unwissende. Und erst als er sich die Augen durchbohrt hat, „sieht“ er die wahren Zusammenhänge, die sein Leben bestimmen. Das Ende des Stücks bestätigt das tradierte griechische Menschen- und Weltbild: Apollon und das Orakel sind wieder als unerschütterliche „Größen“ im Leben der Menschen und der Gesellschaft etabliert; dem Sehertum wird seine ursprüngliche Bedeutung zurückgegeben; der menschliche Geist ist in seine „natürlichen“ Schranken verwiesen: Gezeigt wird, dass der Mensch schwere Fehler begeht und in Hybris verfällt, wenn er autonom sein will; Götter und Menschen werden sozusagen in ihre ursprünglichen Positionen gerückt; bühnenwirksam wird vorgeführt, was einen „guten“ Menschen und Herrscher ausmacht.

Die Gegenaufklärung hatte im Dichter Sophokles einen wortgewaltigen, mächtigen Vertreter. „Während Euripides vom modern-kritischen Geist der griechischen Aufklärung entscheidend geprägt war und ihm dichterischen Ausdruck verlieh, hielt Sophokles an den traditionellen religiösen Werten fest. Wie kein anderer war er dazu bestimmt, den konservativ-gegenaufklärerischen Part gegenüber der modernen, aufklärerischen Geistesrichtung zu spielen.“22

Didaktische Überlegungen

Es bedarf eigentlich keiner Begründung dafür, dass das Drama König Ödipus von Sophokles im Unterricht eines Oberstufenkurses gelesen und besprochen wird. „Die antiken Mythen sind die ersten großen Stoffe und Bilder für die gemeinsamen Erfahrungen, die wir Menschen im Prozess der Zivilisation gemacht haben. Wenn wir der verbreiteten These Glauben schenken können, dass jeder Mensch die Gesamtentwicklung seiner Gattung im Zeitraffer durchlebt, so können wir annehmen, dass die in den Mythen dargestellten Grundmuster zwischenmenschlicher Beziehungen, gekoppelt mit archetypischen Seelenzuständen, von Kindern sehr wohl begriffen werden können. Treten sie doch unverstellt durch soziale Aspekte und verkleinerte Alltagssituationen, somit direkt und unmittelbar, dem Betrachter entgegen.“23 Speziell für König Ödipus gilt darüber hinaus, dass der Text mit seiner „unausschöpflichen“24 Deutbarkeit längst zum kulturellen Erbe der Menschheit gehört, an vielen Theatern regelmäßig aufgeführt wird, Maler und Schriftsteller zu künstlerischen Auseinandersetzungen inspiriert, Wissenschaftler zu Analysen und Interpretationen angeregt und immer wieder Leser und Zuschauer in der ganzen Welt in seinen Bann gezogen hat. Die Materialien im Textbuch sollen einen kleinen Eindruck von der Vielfalt und Heterogenität der Rezeption vermitteln. Er enthält Angebote an die Schülerinnen und Schüler, den Text sowohl in Einzelarbeit als auch gemeinsam in der Lerngruppe zu erarbeiten.

Die gut lesbare, in ihrer sprachlichen Klarheit überaus poetische Übertragung des griechischen Originaltextes von Peter Krumme ins Deutsche erleichtert den Schülerinnen und Schülern ganz wesentlich den Zugang zum Stück. Sie hält eine Balance zwischen der notwendigen „Texttreue“ und einer Sprachversion, die zeitgemäß ist, dabei den pathetisch-fremden Ton des Originals wiedergibt, anbiedernde Modernismen vermeidet und eine rhythmische Bewegung in die Verszeilen bringt, die zum Vorlesen einlädt. Der deutsche Text – die wenigen zu erklärenden Wörter zeigen es – enthält keine großen sprachlichen Schwierigkeiten, sodass sich jugendliche Leser auch selbstständig Zugänge zur Lektüre erschließen können.

[...]


1 Latacz (S. 227) nennt ihn abwertend „Schnelldenker“.

2 von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 2001

3 Latacz und Zimmermann verbinden das Moment tragischer Ironie mit dem Mehrwissen des Publikums. Zimmermann (S. 516) führt aus, dass Sophokles „ein brillantes Spiel mit der tragischen Ironie“ treibe, „dem Wissensvorsprung der Zuschauer, die den Mythos kennen, und dem eingeschränkten, verblendeten Wissen des Protagonisten.“ Latacz (S. 226) interpretiert die Zeilen, in denen Ödipus den Mörder des Laios verflucht: „Die Wirkung dieser tragischen Ironie muss ungeheuerlich gewesen sein. Keiner war ja im Theater, der nicht den Doppelsinn dieser Worte geradezu physisch schmerzhaft fühlte – dass dieser furchtbare Fluch die furchtbarste Selbstverfluchung war! […] Hatte er schon die Taten, denen er entfliehen wollte, unwissentlich dennoch getan – den Vatermord und die Mutterehe –, so richtet er jetzt auch noch die Rächung dieser Taten unwissentlich geradewegs gegen sich selbst! Wir sehen also das Paradoxon vor uns, dass dieser Wissendste, der jedes Rätsel lösen kann, in Wirklichkeit der Unwissendste ist, der Unwissendste über sich selbst.“

4 A. Schmitt, S. 14: “Ödipus zeigt die Neigung, sich von einem Gedanken, den er fasst, ganz einnehmen und zu allen in ihm angelegten Konsequenzen fortreißen zu lassen und darüber alle anderen von der Sache geforderten Rücksichten zu vernachlässigen, ja sie grundsätzlich aus dem Blick zu verlieren.“

5 Schmidt (S. 46) sieht gerade in diesem Satz eine besondere Verschärfung der religiösen Zweifel, die Iokaste hegt, Zweifel, die das Sehertum als Mittler-Instanz zwischen Göttern und Menschen betreffen, aber letztlich auch eine „Negierung des […] Göttlichen selbst“ darstellen.

6 Latacz (S. 230) interpretiert dieses Verhalten des Ödipus folgendermaßen: „Wir müssen also gut verstehen: Oidipus will den Beweis seiner Unschuld nicht etwa führen, weil schon hier eine ferne Ahnung seiner Schuld in ihm wäre, sondern er will ihn führen, weil ihn die massierten Beschuldigungen seiner vermeintlichen Gegner emotional belastet haben und ihn in eine Verteidigungsposition gebracht haben, die er unbedingt wieder loswerden muss, um frei handeln zu können.“ – A. Schmitt (S. 20): „Die präzisen und sachangemessenen Fragen, die Ödipus stellt, dürfen daher keineswegs als Ausdruck seines unerschrockenen Willens, die Wahrheit in allen Stücken und um jeden Preis zu erfahren, genommen werden. […] Das heißt, er fragt, nicht weil er die Wahrheit sucht, sondern weil er ihr entgehen möchte.“

7 A. Schmitt, S. 26

8 Schmidt, S. 50: „Am Ende weiß er, dass er nichts wusste.“

9 Das Wort „Schuld“ benutzen weder Ödipus noch der Chor oder Kreon im Schlussteil. Dennoch legt die Übersetzung in Worten wie „Schandtat“ oder „Verbrechen“ und anderen es nahe, den Begriff „Schuld“ in Bezug auf Ödipus zu verwenden. Es geht dabei nicht um eine moralische, sondern um eine „existentielle“ Schuld.

10 Steinmann, S. 88: „Des Ödipus’ Freiheit besteht in der aktiven Annahme des von den Göttern Verhängten.“

11 Schadewaldt, Sophokles und das Leid, S. 22

12 Steinmann, S. 90: „ Hamartia, später im Neuen Testament wird es zum Wort für ‚Sünde‘, kann im alten Griechisch eine objektiv furchtbare Handlung ohne subjektive Schuld bedeuten. Der Grieche schaut auf die Tat, nicht auf die Gesinnung, die hinter der Tat steckt. Der Mensch ist, was er tut und spricht, sonst nichts. Hamartia ist nicht die Folge einer Schwäche des Helden, sondern Grundmöglichkeit menschlicher Existenz. Ödipus ist zweifellos durch hamartia belastet, er ist schuldlos befleckt.“

13 von Fritz versteht den Mord an Laios und die Heirat Iokastes als eigentliche „Verfehlungen“ (Hamartiai) des Ödipus; vgl. z. B. S. 7 ff. – „Hamartia“ wird von Latacz und anderen dagegen als hybride Überbetonung der Vernunft und des Wissens interpretiert.

14 Schmitt (S. 28) resümiert in seinem Aufsatz, der sich intensiv mit Ödipus’ fehlerhaftem Denken, Einschätzen und Urteilen, seiner tragischen Blindheit und seiner Verblendung auseinandersetzt: „Gezeigt wird vielmehr, wie Ödipus, wie Jokaste und der Chor durch ein vermeidbares, aber aus Charakter und Denkhaltung heraus verständliches Fehlverhalten selbst zur Ursache vielfältiger Verstellungen und Verzerrungen der richtigen Perspektive auf die Wahrheit werden.“

15 Schmitt, S. 19: „Diese Hybris ist dem Menschen nicht durch sein Sein auferlegt, sie ist auch nicht der Preis, den er dafür zahlen muss, dass er sich nur noch auf die eigene Erkenntnis stützen will, sondern sie ist Resultat eines ungenügenden Gebrauchs, den der Mensch von seiner Vernunft macht […].“ – Zimmermann (S. 515 ff.) stellt weniger die Hybris in den Vordergrund seiner Interpretation der Ödipus-Figur, sondern deren falsches Hoffnungsdenken und deren Versuchung, den eigenen Vorstellungen stärker zu vertrauen als den Fakten. Er schreibt: „Im König Ödipus rückt Sophokles die Erkenntnisproblematik in den Mittelpunkt. Exemplarisch führt er an der Person des Ödipus vor, wie der klügste der Menschen, verfangen in seinem Hoffnungsdenken, nicht in der Lage ist, die Realität wahrzunehmen, wie sie ist und wie sie ihm die Orakel in deutlichen Worten verkündet haben, sondern sie nach seinem Gutdünken interpretiert.“ (S. 515) Allerdings kann man letztlich auch an diesem Verhalten Ödipus’ Hybris erkennen.

16 „Die Grundbedingung der menschlichen Existenz, die im Oedipus enthüllt wird, besteht darin, dass es einem Menschen widerfahren kann, dass er aus Unkenntnis etwas tut, das ihm, wenn er sieht, was er getan hat, als etwas Grässliches erscheint und das seinem Innersten Wesen widerspricht, […].“ von Fritz, S. 14

17 Latacz, S. 236

18 Vgl. zu dem Folgenden auch die Ausführungen von Schmidt zur Aufklärung und Gegenaufklärung im Athen des 5. Jahrhunderts am Beispiel von König Ödipus.

19 Schmidt, S. 34

20 Schmidt, S. 33 f.

21 Schmidt (S. 34 ff.) weist darauf hin, dass die Bewegung der Aufklärung in Athen nicht nur die Philosophie, sondern vor allem auch die Medizin, die Krankheiten jetzt aus natürlichen Ursachen heraus zu erklären versuchte, und die Naturwissenschaften, die vor allem den alten Seherglauben kritisierten, erfasste.

22 Schmidt, S. 38

23 Habig: Antigone goes disc o – Klassiker der Antike im Kinder- und Jugendtheater. – In: Lesezeichen, Heft 13 (2003), S. 39 – 57. - Zitiert nach http://www.phheidelberg.de/org/allgemein/fileadmin/user_upload/deutsch/Lesezentrum_Archiv/Hefte_11-15/habig.pdf, S. 8

24 Schadewaldt (1973), S. 89

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Handreichung für den Deutschunterricht zu Sophokles: "König Ödipus"
Autoren
Jahr
2015
Seiten
90
Katalognummer
V301324
ISBN (eBook)
9783668013322
ISBN (Buch)
9783668013339
Dateigröße
2748 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drama, griechische Tragödie, antikes Theater, Inszenierung, Deutschunterricht, Literaturunterricht, Oberstufe, Sekundarstufe II, Abitur, Gymnasium, Frisch: "Homo faber", von Kleist: "Der zerbrochne Krug"
Arbeit zitieren
Herbert Fuchs (Autor)Dieter Seiffert (Autor), 2015, Handreichung für den Deutschunterricht zu Sophokles: "König Ödipus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301324

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Handreichung für den Deutschunterricht zu Sophokles: "König Ödipus"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden