In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem Thema in Bezug auf die Sozial- und Hungerproteste. Aufgrund des Umfangs dieser Thematik beschränke ich mich hierbei auf die Hungerproteste als besondere Form des sozialen Protests. Anhand eines ausgewählten Beispiels werde ich einen durchaus typischer Verlauf darstellen und unter folgender Fragestellung beleuchten: Was für Formen von Gewalt werden ausgeübt? Wie läuft die Gewalt ab? Was provoziert die Gewalt? Wie und wann schlägt die Gewalt um? Gibt es Gegengewalt? War die Gewalt revolutionär?
Die Frage nach der Gewalthaftigkeit bzw. -losigkeit soll in dieser Arbeit vordergründig sein, dennoch ist eine Erklärung und Analyse der Ursachen ebenso notwendig, wie eine Einordnung in die vorherigen sowie weiteren Ereignisse um den Bezug zur Revolution herzustellen.
Die 1840er Jahre wurden von einer großen Anzahl von Hungerprotesten erfüllt, die stets nach einem ähnlichen Muster abliefen. Die meisten Proteste gab es 1847, also unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution. Für dieses Jahr können ca. 200 Aufstände nachgewiesen werden, von denen um die 86% in den Monaten April und Mai stattfanden. Dennoch war es schwer, eine Quelle zu finden, da die meisten Berichte und Zeitungsartikel in den Archiven der betroffenen Städte liegen und ich aufgrund des Zeit- und Raumaufwandes diese Archive nicht aufsuchen konnte.
Problematisch ist auch, dass die Hungerrevolten vergleichsweise bedeutungslos waren im Vergleich zu den Ereignissen in den Jahren 1848/49 und deswegen in den Zeitungen und Zeitzeugenberichten weniger Beachtung finden, als die Unruhen in den Jahren davor. Ich habe mich aus diesem Grund für die sogenannte „Kartoffelrevolution“ am 21. und 22. April 1847 in Berlin entschieden. Adolf Streckfuß schilderte die Ereignisse als Zeitzeuge. Die Berichte über die anschließenden Gerichtsverhandlungen der bei den Tumulten Festgenommenen wurden in der Zeitschrift „Der Publicist“, die ich durch die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg zur Verfügung gestellt bekommen habe, veröffentlicht.
In der von mir genutzten Ausgabe vom 02.06.1847 ist unter anderem die Gerichtsverhandlungen vom 28.05.1847 mit einigen Akteuren der Unruhen in Berlin veröffentlicht worden. Dabei wird diese als die wichtigste bezeichnet, denn sie behandelte den Vorfall vor dem Laden des Bäckermeisters Blumberg, der als Signal für die Eskalation der weiteren Tumulte gesehen wird.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Der Hungeraufstand in Berlin
Das Vorspiel
Die Eskalation
Das Nachspiel
III. Die Ereignisse von Schwiebus im Vergleich
IV. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Gewaltentwicklung während der sogenannten „Kartoffelrevolution“ in Berlin im April 1847. Dabei wird untersucht, wie soziale Not und Hunger zu Protesten führen, welche Eskalationsmechanismen dabei wirken und inwiefern diese Unruhen als Vorboten oder Teil der Revolution von 1848/49 zu verstehen sind.
- Analyse der Dynamik von Hungerunruhen
- Untersuchung von Eskalationsstufen der Gewalt
- Vergleich der Berliner Ereignisse mit dem Fallbeispiel Schwiebus
- Bewertung des Einflusses von Preiserhöhungen und moralischer Ökonomie
- Historische Einordnung der Proteste im Kontext der Märzrevolution
Auszug aus dem Buch
Die Eskalation
Mit über 400.000 Einwohnern ist das Berlin der damaligen Zeit eine Metropole, was auch die Ereignisse der Tumulte nicht leicht überschaubar machen. Gailus schreibt von über 50 Teilaktionen, die an den Tagen des Aufstandes stattfanden. Dennoch ist eine gemeinsame Dynamik zu erkennen und die einzelnen Gruppen vereinigen sich zu einer Volksmenge, die gefährlich wird für die gesamte Stadt. Die Unüberschaubarkeit spiegelt sich allein schon darin wieder, dass nicht eindeutig feststellbar ist, wie viele Menschen sich an diesen Tumulten beteiligt haben, denn die Angabe von 5.000-10.000 beschreiben nur sehr unpräzise eine zuverlässige Größenangabe.
Die Unruhen brachen an mindestens acht Marktplätzen gleichzeitig aus, wie die Augsburger Allgemeine Zeitung am 26.4.1847 berichtete. Folgende Märkte werden in den Zeitungsberichten genannt: Molkenmarkt, Dönnhofffsplatz, Belle-Alliance, die Märkte am Oranienburger und Rosentaler Tor, am Hallischen Tor, am Spittelmarkt und am Gendarmenmarkt. Für das vorläufige Nichteingreifen der Polizei liefert Meyer noch einige Erklärungen. Die Polizei sei teilweise überrascht worden, teilweise habe die Regierung die Anwendung von Gewalt gegen die hungernde Bevölkerung für unklug gehalten oder auf die Anwesenheit der Stände Rücksicht genommen. Streckfuß Schilderungen beginnen auf dem Gendarmen Markt. Am 21. April ist auch dieser Markt durch Verkäufer eher schwach besetzt und eine Hökerin nutzt dies um ihre Kartoffeln noch teuer als sonst zu verkaufen. Ein Standnachbar sieht das und zieht seine Preise ebenfalls an. Nach einigen gegenseitigen Beschimpfungen waren es die Arbeiterfrauen, die die erste Initiative ergriffen. Eine Frau schnitt mit einem Messer einen Sack Kartoffeln auf und die Menge stürzte sich auf diese, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, bezahlen zu wollen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Hungerproteste im 19. Jahrhundert ein und begründet die Auswahl der Berliner „Kartoffelrevolution“ als Analyseobjekt.
II. Der Hungeraufstand in Berlin: Das Kapitel detailliert den Verlauf der Berliner Unruhen, von den ersten Anzeichen und dem „Vorspiel“ über die „Eskalation“ bis hin zum „Nachspiel“ der gerichtlichen Aufarbeitung.
III. Die Ereignisse von Schwiebus im Vergleich: Hier werden die Berliner Ereignisse mit einem weiteren Fallbeispiel verglichen, um Unterschiede in der Dynamik ländlicher versus großstädtischer Unruhen aufzuzeigen.
IV. Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und bewertet die Proteste als Resultat sozialer Not, denen jedoch eine dezidiert politische revolutionäre Absicht fehlte.
Schlüsselwörter
Kartoffelrevolution, Hungerunruhen, Berlin 1847, Sozialer Protest, Gewaltentwicklung, moralische Ökonomie, Märzrevolution, Preiskrise, Lebensmittelknappheit, Gerichtsverhandlungen, Eskalationsdynamik, Schwiebus, Nahrungsmittelversorgung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Gewaltentwicklung während der Sozial- und Hungerproteste in Berlin im April 1847, bekannt als „Kartoffelrevolution“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Ursachen von Hungerunruhen, die Eskalation von Gewalt, die Rolle der Polizei und des Militärs sowie der Begriff der „moralischen Ökonomie“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den typischen Verlauf und die Dynamik dieser sozialen Proteste zu analysieren und zu klären, ob diesen Ausschreitungen ein revolutionärer Charakter innewohnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Analyse von Primärquellen wie zeitgenössischen Berichten, Gerichtsakten und Tagebüchern sowie auf die Auswertung einschlägiger Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Berliner Aufstandes, eine vergleichende Betrachtung der Unruhen in Schwiebus und die juristische Aufarbeitung der Vorfälle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kartoffelrevolution, Hungeraufstand, soziale Not, Gewalteskalation und der Kontext der Revolution 1848/49.
Warum wird Schwiebus als Vergleich herangezogen?
Der Vergleich dient dazu zu illustrieren, dass Hungerrevolten zwar ein ähnliches Muster aufweisen, aber je nach Ort und Größe unterschiedliche Verläufe und behördliche Reaktionen nach sich ziehen können.
Wie bewertet die Arbeit den revolutionären Charakter der Unruhen?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es sich um Proteste aufgrund akuter Not und sozialer Ungerechtigkeit handelte, die keinen dezidiert politischen oder revolutionären Charakter hatten.
Was war der Auslöser der Eskalation in Berlin?
Ein zentraler Auslöser war die Preistreiberei bei Lebensmitteln, die durch eine empfundene soziale Ungerechtigkeit und die explizite Notlage der Bevölkerung zu einer gewaltsamen Selbsthilfe führte.
Welche Rolle spielten die Gerichtsverfahren im Nachspiel?
Die Verfahren dienten der staatlichen Repression und dem Ziel, durch harte Urteile ein Wiederholen solcher Aufstände zu verhindern, wobei die Justiz mit Härte gegen die festgenommenen Akteure vorging.
- Arbeit zitieren
- David Baalmann (Autor:in), 2014, Gewaltentwicklung während der Sozial- und Hungerproteste, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301446