"Deutschland. Ein Wintermärchen" von Heinrich Heine. Gedicht eines patriotischen Romantikers?


Unterrichtsentwurf, 2015
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Lerngruppe

2. Das Thema aus pädagogischer, fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Perspektive
2.1. Pädagogische Relevanz
2.2. Sachanalyse
2.3. Didaktische Reduktion

3. Lernziele und Kompetenzen

4. Methodische Überlegungen

5. Reflexion

6. Literatur

7. Anhang

1. Lerngruppe

Die Lerngruppe, in der ich nach drei Doppelstunden Hospitation zusammen mit meinem Teamteaching-Partner, Herrn V., eine Unterrichtseinheit durchführen werde, besteht aus 22 Schülerinnen und Schülern (SuS) des 11. Jahrgangs. Davon sind 12 Jungen und 10 Mädchen. Ihrer Deutschlehrerin, Frau O. zufolge, handelt es sich um einen „wirklich netten, und aufgeschlossenen Grundkurs“. Diese Auffassung kann ich – insofern man das nach dieser kurzen Zeit des „Kennenlernens“ einschätzen kann, nur bestätigen. Das Leistungsniveau in diesem Kurs liegt, dem Bericht Frau O’s zufolge, im mittleren bis (vereinzelt) sehr guten Bereich. Die mündliche Beteiligung ist gut. Etwa die Hälfte der Klasse arbeitet regelmäßig aktiv mit. Darunter befinden sich zwei besonders leistungsstarke Schülerinnen, die komplexe Aspekte durchschauen und diese auch auf einer abstrakten Ebene formulieren können. Die andere Hälfte beteiligt sich aus eigener Initiative eher selten am Unterrichtsgeschehen. Allerdings befinden sich darunter ca. 5 SuS, die gute bis sehr gute Antworten geben, wenn sie aufgefordert werden. Die anderen 5 , genannt „die Sportabteilung“, bilden eine komplett männlich besetzte Sitzreihe und halten sich fast völlig aus dem Unterricht heraus, stören ihn bisweilen sogar, wobei sie sich aber immer wieder selbst gegenseitig zur Räson bringen und die Lehrperson (LP) nur selten eingreifen muss. Insgesamt zeichnet sich der Kurs durch eine angenehme und angstfreie Lernatmosphäre aus. Der Umgang untereinander ist geprägt von gegenseitiger Akzeptanz, Toleranz und Rücksichtnahme, was auch bei der methodischen Planung der später durchzuführenden Unterrichtseinheit eine Rolle spielen wird.

Der Deutschunterricht findet montags in der 3./4. Stunde und mittwochs in der 5./6. Stunde statt. Mit der ersten Hospitationsdurchführung am 26.05.2014, beginnt die Klasse auch das neue Rahmenthema: Vielfalt lyrischen Sprechens, welchem das Pflichtmodul: Was ist der Mensch? Lebensfragen und Sinnentwürfe zugeordnet werden kann. Gleichzeitig findet hier eine Verknüpfung mit dem Wahlpflichtmodul 6: Lyrik im Spannungsfeld von Poesie und Politik statt. Das Gedicht „Deutschland, ein Wintermärchen“ von Heinrich Heine wird u.a. auch für den Einsatz in der besagten Unterrichtsstunde ausgewählt, da wir es als zweckdienlich für diesen vorgegebenen Rahmen der politischen Lyrik im Zusammengang mit der Kombination analytischer und handlungs- bzw. produktionsorientierter Verfahren erachten (siehe Didaktische Überlegungen). Bis dahin behandelt Frau O. mit den SuS verschiedene Gedichte des Barocks, der Romantik und der Moderne, wobei ihr Fokus v.a. auf der Analyse der Gedichte, deren lyrischer Merkmale, sowie deren Verknüpfung mit dem jeweiligen Entstehungskontext liegt. Die SuS weisen hierbei sehr unterschiedliches Vorwissen auf, da sie zuvor verschiedene Deutschkurse absolvierten. Dennoch scheinen sie – gerade zu Beginn dieser neuen Unterrichtssequenz sehr motiviert zu sein. Obwohl ich den verschiedenen Gesprächen in der Pause und auch während des Unterrichts entnehmen kann, dass die SuS der Lyrik eher abgeneigt wären, arbeiten sie relativ engagiert mit. Dies könnte damit zusammenhängen, dass sie entweder den „neuen Zuschauern“ imponieren, oder das Thema tatsächlich für interessant befinden, dies aber nach außen hin nicht verkünden wollen.

2. Das Thema aus pädagogischer, fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Perspektive

2.1. Pädagogische Relevanz

Heinrich Heine gilt, sowohl als „Dichter der Romantik“ als auch als ein politischer Dichter.1 Davon zeugt „Deutschland. Ein Wintermärchen“, seine radikalste politische Dichtung, welche das damalig allgegenwärtige Thema von Revolution und Restauration verarbeitet, indem sie v.a. die Obrigkeit kritisiert. Die Frage inwiefern man der Regierung Gehorsamkeit und Vertrauen entgegenbringt ist auch in der heutigen Zeit von Bedeutung. Haben sich die Verhältnisse in Deutschland seit Heines Zeiten zwar erheblich geändert, bleibt das Problem doch bestehen: Menschen in verantwortungsreichen Positionen, die sich auf Kosten anderer bereichern und „Wein trinken“ während sie „Wasser predigen“. Heine stellt dieses Verhalten in seinem Gedicht an den Pranger und macht es so publik. Schließlich ist andernfalls jede Chance auf Veränderung vertan, wird die Gesellschaft nicht auf verlogene Machenschaften ihrer Obrigkeit aufmerksam gemacht. Die SuS sind von Geburt an ebenso ein Teil dieser Gesellschaft mit allen damit verbundenen ständig sich erweiternden Anforderungen und Aufgaben. Sie übernehmen Rollen in dieser Gesellschaft und stehen dadurch in Beziehung zu anderen „Akteuren“ und Institutionen wie Eltern, Lehrern, Schulen oder Vereinen und schlussendlich auch dem Staat, in dem sie leben. Sie sind damit an bestimmte Erwartungen sowie Norm- und Wertvorstellungen gebunden. Die Einschätzung und das kritische Hinterfragen von gesellschaftlichen Erwartungen sowie Norm- und Wertvorstellungen (bzw. Ideologien) ist dabei wichtiger Bestandteil der Identitätsentwicklung, wobei die Adoleszenz, in der sich die SuS befinden, eine sensible Phase dafür darstellt. Dieser Prozess des Hinterfragens und der damit verbundenen Integration kristallisiert sich um fundamentale Probleme, wie z.B. die religiösen und politischen Standpunkte, und führt zur persönlichen Verpflichtung sowie zur Übernahme von Verantwortung in bestimmten Lebensbereichen, welche diesen Standpunkten gerecht werden (sollen).2 Der zeitliche Abstand der SuS zum Gedicht ermöglicht eine distanzierte Beurteilung der individuellen Bedürfnisse und der gesellschaftlichen Beeinflussung bzw. Determinierung im dargestellten historischen Kontext. Gleichzeitig wird auch das Hinterfragen und die Reflexion der eigenen Wirklichkeit angeregt.

Die Stundenfrage „Deutschland. Ein Wintermärchen“ – Gedicht eines patriotischen Romantikers? schafft die Voraussetzung zum Verständnis des Einwirkens damaliger gesellschaftlicher und politischer Umstände auf Heines Biografie und sein literarisches Schaffen. Wegen seiner politischen Ansichten angefeindet und der Zensur in Deutschland überdrüssig, emigriert er 1831 nach Paris, bleibt jedoch in stetem Austausch mit seinem Vaterland.3 Von seiner Heimatliebe zeugt u.a. das Gedicht „In der Fremde“, worin er wehmütig von seinem „einst schönen Vaterland“ erzählt. Das Gefühl von Sehnsucht, Heimatlosigkeit und gleichzeitig der Ärger über die deutschen Verhältnisse provozieren eine zunehmende Radikalisierung des literarischen Tons Heines.4 Das Fundament in der durchzuführenden Stunde bezüglich Heines Identität und literarischer Entwicklung, welche die Überwindung oder vielmehr die Veränderung des Romantik-Begriffs hin zu einer poetischen Ironisierung seiner Werke im Zuge deren zunehmender Politisierung beinhaltet, bildet das Pflichtmodul „Was ist der Mensch? Lebensfragen und Sinnentwürfe“.

Für die SuS ist das Stundenthema auch insofern von Bedeutung, als dass sie sich schon jetzt für eine bestimmte Positionierung bezüglich aktueller, und gesellschaftspolitischer Ereignisse entscheiden. Schließlich sind die Themen – wie jene im Gedicht angedeutet: z.B. Disparität zwischen Arm und Reich, Religionen und ihre Berechtigung usw. – gesellschaftspolitisch auch in der heutigen Zeit noch aktuell (wenn auch nicht nur in Deutschland). Es ist wichtig, dass diesbezügliche Meinungen und auch das Engagement selbige zu vertreten ständig reflektiert werden.

2.2. Sachanalyse

„Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist ein politisches Gedicht, das sich von den frühen Werken Heines deutlich abhebt. Nach dem Sieg über Napoleon in Deutschland kommt es zur Restauration der „alten Verhältnisse“, in der die Obrigkeit jede nationale und liberale Bewegung in ihrem Keim zu ersticken versucht.5 Heine, der sich eine Revolution durch Napoleon unter seinem Leitspruch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gewünscht hatte, gibt vorerst die Hoffnung auf, ein Leben in Deutschland unter eben jener Devise führen zu können.6 Ohnehin hatte er in seinem Heimatland aufgrund seiner jüdischen Abstammung sehr viel Diskriminierung erfahren. Nun werden auch noch seine Texte verboten, in denen er die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse „auf’s Korn nimmt“.7 Obwohl er sich nie zu der Autorengruppe „Junges Deutschland“8, welche während des Vormärzes Schriften veröffentlicht, die zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse hin zu mehr bürgerlichen Freiheiten und zum Kampf um den Einheitsstaat aufrufen, bekennt, wird gegen Heine ein Haftbefehl erlassen.9 Zu dieser Zeit ist er bereits nach Frankreich emigriert, wo er 13 Jahre seines Lebens verbringt ehe er für kurze Zeit nach Deutschland zurückkehrt, um seine Mutter zu besuchen.10 Die Eindrücke dieser Deutschlandreise verarbeitet er in seinem Versepos: Deutschland. Ein Wintermärchen. Hinter dem Titel „Winter(märchen)“ lässt sich die deutsche Restauration und Rückständigkeit verborgen hinter „scheinheiligen Märchen (i.S. v. Lügen)“ vermuten, die er in seinem Gedicht, dem nach Frühling klingenden und somit angenehmeren Fortschritt gegenüberstellt (Vgl. „Rosen, Myrten, Schönheit und Lust...“11 ). Sein Versepos teilt Heine in 27 Capita (Sg.: Caput) ein, in denen er regionale und historische Fakten mit autobiografischen und politischen Gegebenheiten verknüpft. Man könnte es auch als einen mit satirischen Elementen gespickten, volksliedhaften (durch Vagantenstrophen) Reisebericht bezeichnen. Dies lässt sich auch ausschnitthaft an Caput I erkennen. Die bilderreiche Sprache beschreibt wie der Ich-Erzähler in sehnsuchtsvoller Erwartung an die deutsche Grenze kommt und sich durch eine Harfenmädchen, welches mit „wahrem Gefühle“ aber „falscher Stimme“ vom „irdischen Jammertal“ singt, seltsam gerührt fühlt.12 Das lyrische Ich kündigt an, ein neues, ein besseres Lied zu singen, und proklamiert das „Himmelreich auf Erden“.13 Heine verdeutlicht den Rückstand Deutschlands in seinem Denken in der Gestalt des Harfenmädchen, dessen „falsche(r) Stimme“ er mit Spott und Satire als jene der Obrigkeit entlarvt und der Vision einer besseren Welt gegenüberstellt. Überhaupt ist Caput I in seiner Gänze von diesen zwei oppositionellen Sängern durchzogen. Singt das Harfenmädchen das „alte Entsagungslied“, ertönt von der Opposition das neue Glücklich-Leben-Lied. Während die eine von „Liebesgram, Aufopferung und Wiederfinden“ leiert, vom Jenseits träumt, wo alle Leiden vergessen wären, trällert der andere vom Glück auf Erden und nie wieder Not leiden. Mehr noch: Er ruft zur Errichtung des „Himmelreiches auf Erden“ auf, denn es gäbe für alle Menschen genug zu essen und darüber hinaus auch Genuss und Luxus. Wenn nur nicht die „faulen Bäuche“ verschlängen was „die fleißigen Hände erwarben“. Das Entsagungslied als Aufforderung des gläubigen Verzichtes auf jegliche irdische Erfüllung lässt den Leser erkennen, dass den Menschen das ewige Jenseits als eine Art Entschädigung für die Leiden und Entbehrungen im Diesseits versprochen wird. Mit der Vertröstung auf das Jenseits lässt sich ein armes naives Volk naiv und arm halten und ein potentielles Aufbegehren verhindern. Dass der Verzicht von Jenen gepredigt wird, die selber nicht verzichten wollen, wird an folgenden Zeilen deutlich: „Ich weiß sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser“. Für das lyrische Ich bzw. den Erzähler (wg. Mischung aus epischen und lyrischen Elementen), scheint die Religion ein Relikt aus einer vergangenen Zeit zu sein, die gegenwärtig „benutzt“ wird um die soziale Ungerechtigkeit aufrechtzuerhalten. Dass der Verzicht auf Erden im Himmelreich reichlich belohnt würde, erscheint ihm als überholter Irrglaube (Vgl. Wortwahl: „ALTES Entsagungslied“, „Eiapopeia vom Himmel“). Das neue Lied klingt nach Aufbruch, Lebensbejahung und Zuversicht, nach einem Leben voll Gerechtigkeit. Im Hinblick auf seine Biografie, enthüllt Heine in seinem Gedicht das von der Obrigkeit gepredigte „Entsagungslied“ als Unterdrückung der Emanzipation des Volkes im Diesseits, um die Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit zu gewährleisten. Er macht deutlich, dass alle Menschen am irdischen Reichtum teilhaben können, wenn sich nur die Verhältnisse ändern würden. Dann könnte ein „neues Deutschland“ entstehen. Hierfür braucht es allerdings zunächst eine idealistische Gedankenrevolution, deren Grundstein die Erkenntnis bildet, dass die Botschaft von der Ewigkeit – vorgetragen von der romantischen Gestalt des Harfenmädchens - eine falsche und heuchlerische Botschaft ist, die das Volk am Hinterfragen bestimmter Machenschaften ihrer Obrigkeit hindert. In diesem Sinne übt Heine in seinem Werk „Deutschland. Ein Wintermärchen“ eindeutig Religions- und Gesellschaftskritik. Es stellt gewissermaßen einen Höhepunkt der politischen Dichtung im Vormärz dar. Heine ist das Thema Politik im Erwachsenenalter zunehmend wichtig geworden. Immer deutlicher betont er den Unterschied zwischen Dichtung und Realität.14 Die Künstlichkeit und Realitätsferne in der Lyrik erscheint ihm als Problem, sogar als Gefahr.15 Er propagiert eine neue, nicht mehr verträumte Kunst (sowie in seinem Gedicht das lyrische Ich eine neues, besseres Lied verkündet): Jene Kunst, die auf die Veränderungen der politischen, sozialen und technischen Gegenwart reagiert, jedoch an der dichterischen Freiheit festhält. In diesem Sinne versteht sich Heine selbst als Vertreter einer modernen Dichtung in deutscher Sprache, die nicht mehr idyllisch wie die Romantiker schreiben will, um auf die Dynamisierung der Lebenswelt reagieren zu können.16 Heine gilt im Konsens der Literatur als „Überwinder der Romantik“.17 Die Veränderungen seiner Kunstauffassung führen zwar nicht zum gänzlichen Verschwinden der romantischen Elemente, wohl aber dazu, dass die Lyrik neue Gegenstandsbereiche aufgreift und reflexiv gestaltet. „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist an dieser Stelle ein charakteristisches Beispiel. Die Ich-Form, in der Heine schreibt, ermöglicht eine direkte Ansprache des Lesers und eine Einbeziehung dessen durch Kollektivierung („Wir wollen..“). Die eingesetzten Stilfiguren, wie Metaphern und Parallelismen dienen der Emotionalisierung und Kontrastierung. Sie leisten die Wiederspiegelung des sozialen und politisch-ideologischen Konfliktes. Die Ironie und der Witz in seinem Werk wird lange als „Verletzung“ der poetischen Sprache wahrgenommen.18 Heine untergräbt, bzw. stellt das Religiöse bloß, das normalerweise von der Romantik aufgewertet wird.19 Das unterstreicht die These, dass sich für Heine der Kunstbegriff verändert hat. Sein Gedicht beinhaltet nun ästhetische UND politische Komponenten. Seine Dichtung orientiert sich nicht mehr nur an der traditionellen poetischen Romantik, sondern beansprucht publizistische Einflussnahme, was u.a. -generalisierend gesprochen - auf die Autoren des Vormärzes zutrifft.20

2.3. Didaktische Reduktion

Dem Kerncurriculum Niedersachsen zufolge, liegt der Schwerpunkt des Rahmenthemas „Vielfalt lyrischen Sprechens“ im Bereich „Wandel lyrischer Ausdrucksformen“.21 Im Pflichtmodul „Was ist der Mensch?“ werden unter diesem Aspekt Gedichte aus verschiedenen Jahrhunderten untersucht, welche die Frage nach dem Sinn des Lebens bzw. Bedingungen menschlicher Existenz inhaltlich als/oder auch formal behandeln.22 Die SuS erhalten so einen Einblick in die Lebensauffassungen der Menschen zu verschiedenen Zeiten. In diesem Zusammenhang lässt sich an die Vorarbeit Frau O’s anknüpfen, die im Kurs bereits Gedichte aus mehreren Perioden im Hinblick epochen- bzw. zeittypischer Ausprägungen miteinander vergleichen ließ. Die Epoche des Vormärzes und deren kennzeichnende Werke sind bisher jedoch ausgelassen worden. Nicht zuletzt deshalb soll das Zentrum der zu planenden Stunde die Analyse und Interpretation des Gedichtes „Deutschland. Ein Wintermärchen“ von einem für diese Zeit charakteristischen Autor, Heinrich Heine, bilden.

Vor diesem Hintergrund werden die SuS v.a. auf die zwei im Gedicht dargestellten Oppositionen eingehen und herausarbeiten was, wer und in welcher Art und Weise erzählt (wird) und wer sich hinter den Instanzen verbirgt. In diesem Zusammenhang wird das Gedicht also zunächst inhaltlich und formal analysiert, indem die beiden Instanzen vergleichend gegenübergestellt werden. Anschließend wird durch Hinzugabe geschichtlicher und biografischer Informationen zum Autor eine Gesellschaftskritik im Gedicht umso deutlicher erkennbar. Die Stellungnahme Heines bezüglich deutschpolitischer Missstände wird an einzelnen Elementen seines Werkes offen gelegt, um nicht zuletzt die Auswirkungen prägnanter geschichtlicher Ereignisse dieser Zeit auf die deutsche Literatur aufzuzeigen. Anhand dieser Verknüpfung von Heines Werk und der Epoche des Vormärzes können bestimmte Merkmale generalisiert werden, die auch auf andere Werke dieser Zeit übertragbar sein können. Nach diesem ersten analytischen Teil der Unterrichtseinheit soll in der zweiten Hälfte der Doppelstunde eine Interpretation des Gedichtes mittels gestaltender Verfahren stattfinden. Handlungs- und produktionsorientierte Verfahren eignen sich gut um einen individuellen Zugang zum Gedicht zu schaffen, und so ein vertieftes Verständnis zu ermöglichen. Die Bedeutungs-„Verengung“ durch den vorangegangenen analytischen Teil verhindert, dass ins „Blaue hineininterpretiert“ wird. Schließlich muss das Produkt auf einem überprüfbaren Textverständnis basieren (zu dem auch der sprachgeschichtlich-literaturhistorische Hintergrund gehört). Nur so können die SuS in ihrer literarischen Kompetenz gefördert werden.

Die didaktische Reduktion dieser Stunde besteht u.a. darin, lediglich einen Auszug aus dem ersten Kapitel des Versepos zu verwenden. Das komplette Werk hätte fraglos den Rahmen dieser 90 Minuten gesprengt und auch die nochmalige Verkürzung von Caput I ist mit zeitökonomischen Faktoren zu rechtfertigen. Schließlich werden in diesem Auszug (siehe Anhang) sämtliche Anknüpfungspunkte deutlich, die für eine Analyse und anschließende Interpretation von Bedeutung sind. Der Begriff des Versepos wird lediglich insofern erläutert, als dass es sich bei „Deutschland. Ein Wintermärchen“ um eine Verschmelzung lyrischer und epischer Elemente handelt, die einer Art 27 kapitellangen satirischen Reisebericht in Versform entspricht. Ein weiterer Reduktionspunkt betrifft die epochengeschichtliche Darstellung des Vormärzes. Es wird in dieser Unterrichtseinheit lediglich auf die geschichtlichen Ereignisse eingegangen, die Heines Leben unmittelbar und somit auch sein literarisches Schaffen beeinflussten. Dies schließt z.B. die Ereignisse im Zeitraum von 1789, der französischen Revolution bis zur Märzrevolution in Deutschland 1848/49 mit ein, d.h. z.B.: Wiener Kongress 1815, Karlsbader Beschlüsse 1819, Julirevolution 1830. Auf andere Ereignisse dieser Zeit wird nicht explizit eingegangen (Wartburg-Fest, Hambacher Fest, Bildung der Heiligen Allianz etc.). Es ist an dieser Stelle davon auszugehen, dass die SuS ohnehin bereits geschichtliches Vorwissen – diese Zeit betreffend - besitzen (v. Frau O., die gleichzeitig Geschichtslehrerin ist, bestätigt). Der Fokus innerhalb des Wahlpflichtmoduls „Lyrik im Spannungsfeld von Poesie und Politik“ liegt ohnehin nicht in der lückenlosen Darstellung geschichtlicher Ereignisse, sondern auf dem Unterrichtsaspekt „Herrschaftskritik und soziale Anklage“. (Obwohl „Deutschland. Ein Wintermärchen.“ im KC eher beispielhaft mit dem Unterrichtsaspekt „Deutschlandbilder aus verschiedenen Zeiten“ verknüpft ist, soll dieser Aspekt eher weniger eine Rolle spielen.) Innerhalb jenes Moduls kann in Zusammenhang mit dem ausgewählten Aspekt die Vielfalt lyrischen Sprechens exemplarisch verdeutlicht werden, indem Gedichte im Hinblick auf ihre epochentypische Ausprägung miteinander verglichen werden. So wird z.B. in der Stunde zuvor die Romantik behandelt, was eine Gegenüberstellung mit dem Vormärz ermöglicht, auch wenn dieser Vergleich nur exemplarisch an Heines „Wintermärchen“ vollzogen werden (ohne, dass das romantische Gedicht der vorhergehenden Stunde noch einmal in seiner Gänze hinzugezogen wird) soll und somit der Beantwortung der Stundenfrage dient. Da Heine sowohl als Dichter der Romantik als auch des Vormärzes gilt und somit als Vertreter zweier literarischer Strömungen aufgefasst wird, soll bei Bedarf noch einmal darauf eingegangen werden, dass es sich bei „Epochen“ nicht um eindeutig abgrenzbare Abschnitte in der Literaturgeschichte handelt. Schließlich hat man literarische Werke, welche in den gleichen Zeitabschnitt fallen und ähnliche stilistische Merkmale aufweisen, erst nachträglich nach bestimmten „Trennereignissen“ formatiert. Sie bilden die Entwicklungen der Literatur ab, die sich im Zuge der sich verändernden Verhältnisse herausbilden. Auch Heines literarische Werke sind einer Entwicklung unterzogen, welche sich ausgehend von der romantischen Ästhetik über ihre partielle Überwindung hin zu einer Politisierung vollzieht. Schließlich schafft er durch seine Sehnsucht nach Verbesserung der Lage und der gleichzeitigen Konfrontation mit seiner zerrissenen Wirklichkeit eine eher antiromantische Ästhetik, welche sich ironischer Elemente bedienen muss, um die zum Klischee erstarrten romantischen Bilder als bloßen Schein zu entlarven. Diese Überwindung der romantischen Poesie und die Erkenntnis, dass es sich bei „Deutschland. Ein Wintermärchen“ um ein politisches Gedicht handelt, in dem Herrschaftskritik verübt wird, stellt die Quintessenz dieser Stunde dar.

[...]


1 Vgl. Grab, Walter: Heinrich Heine als politischer Dichter. Heidelberg 1982, S. 11.

2 Vgl. dazu: Oerter R.; Montada, L.: Entwicklungspsychologie, 5.A.; Weinheim 2002, S. 270ff.

3 Vgl. Karpeles, Gustav: Heinrich Heines Biographie. In: Heine, Heinrich: Sämtliche Werke. Erster Band. Augsburg 1998, S. 79 ff.

4 Vgl. Schneider, Sabine: Die Ironie der späten Lyrik Heines. Würzburg 1995, S. 90f.

5 Vgl. Karpeles, S. 79ff.

6 Vgl. Schneider, S. 47.

7 Kupferberg, Yael: Dimensionen des Witzes um Heinrich Heine. Zur Säkularisation der poetischen Sprache. Würzburg 2011, S. 104.

8 Hierbei handelt es sich nicht um einen festen Verbund. Vielmehr betrachtet die spätere Literaturgeschichtsschreibung eine bestimmte Gruppe von Autoren als Kern der jungdeutschen Bewegung. Dabei hatten diese Autoren lediglich ihr liberales Engagement gemein. Es existiert jedoch ein Beschluss des Deutschen Bundestages vom 10. Dezember 1835, in dem das „junge Deutschland oder ‚die junge Literatur‘ als eine „literarische Schule“ bezeichnet wird, zu der amtlicherseits Heinrich Heine, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt gezählt wurden.

9 Vgl. Karpeles, S. 79 ff.

10 Ebd.

11 Vgl. Caput I in: Heine, Heinrich: Sämtliche Werke. Band I. Augsburg 1998, S. 544.

12 Vgl. ebd.

13 Sämtliche Gedichtzitate aus „Deutschland. Ein Wintermärchen“ in diesem Abschnitt beziehen sich auf die in Fußnote 11 benannte Ausgabe.

14 Heine, Heinrich: Die romantische Schule. In: Heinrich Heine: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke herausgegeben von Manfred Windfuhr im Auftrag der Landeshauptstadt Düsseldorf. Band 8/1: Zur Geschichte der Religion und Philosphie in Deutschland / Die romantische Schule. Text, bearbeitet von Manfred Windfuhr. Hamburg 1979, S. 127.

15 Vgl. Brummack, Jürgen: Heinrich Heine: Epoche-Werk-Wirkung. München 1980.

16 Heine, Heinrich: Prosanotizen. In: Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Hamburg 1993, S. 336.

17 Vgl. Clasen, Herbert: Heinrich Heines Romantikkritik: Tradition-Produktion-Rezeption. Hamburg 1979.

18 Vgl. Kupferberg, S. 13-15.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Vgl. Niedersächsisches Kultusministerium: Kerncurriculum Deutsch, S. 33.

22 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
"Deutschland. Ein Wintermärchen" von Heinrich Heine. Gedicht eines patriotischen Romantikers?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Fachdidaktik Deutsch)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
31
Katalognummer
V301454
ISBN (eBook)
9783668006843
ISBN (Buch)
9783668006850
Dateigröße
2512 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Unterrichtsentwurf Lyrik 11. Klasse. Pflichtmodul: Lebensfragen und Sinnentwürfe. Politische Lyrik.
Schlagworte
deutschland, wintermärchen, heinrich, heine, gedicht, romantikers
Arbeit zitieren
Julia Frey (Autor), 2015, "Deutschland. Ein Wintermärchen" von Heinrich Heine. Gedicht eines patriotischen Romantikers?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301454

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