Gier und Begierde. Die Ambivalenz von Kunst und Gesellschaft in ETA Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse
2.1 Symbiotische Züge zwischen Inhalt und Narration
2.2 Polyphonie als Kritik am System
2.3 René Cardillac als Ausdruck des Gespenster-Hoffmanns
2.4 Die drakonische Justiz

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der germanistischen Forschungsgeschichte finden sich viele Untersuchungen der Novelle Das Fräulein von Scuderi. Im Wesentlichen beschränkt sich die Forschung dabei auf zwei Punkte: Zum einen wird darüber diskutiert, ob es sich um eine Kriminalgeschichte oder Detektivgeschichte handelt und zum zweiten findet das von Hoffmann angewendete serapionistische Prinzip viel Zuwendung. Dass E.T.A Hoffmann mit diesem Werk eine Kriminalgeschichte erschaffen hat, steht wohl außer Frage, wie es auch schon 1936 von Margot Kuttner1 schlüssig dargelegt wurde. Eine umstrittene und in der Forschung viel diskutierte These stellt Alewyn2 auf, der behauptet, dass es sich um die erste Detektivgeschichte handle. Meiner Meinung nach trifft dies zu. Eine Detektivgeschichte - als eine Variante der Kriminalgeschichte - wird durch die detaillierte Verbrechensaufklärung charakterisiert. Dazu gehört zunächst die Verdächtigung eines Unschuldigen, der Kampf des Guten für die Verurteilung des wahren Täters und Letzen Endes die Bestrafung des Bösen3. Eine Schlüsselrolle kommt bei dieser Verbrechensaufklärung der Titelfigur Fräulein von Scuderi zu. Ihr künstlerisches Gespür, ohne taktisches Kalkül oder eiskalten Ermittlungsdrang, lässt sie gegen alle Indizien zu dem gepeinigten Brußon halten. Sie entspricht also nicht einer typischen distanzierten Detektivfigur; sie dient für alle Figuren als Bezugsperson, die als vertrauensvoll, gutherzig und empathisch gilt (unter anderem auch für den echten Täter, der sich ihr anvertraut). Ähnlich changierend gestaltet Hoffmann auch seine Figur des habgierigen Goldschmieds Cardillac. Auch er genießt hohes Ansehen im Volke, da er als „rechtlichster Ehrenmann, uneigennützig, offen, ohne Hinterhalt“4 gilt und ein Meister seiner Profession ist. Dennoch bietet der Figur des Goldschmieds Gelegenheit die für E.T.A Hoffmann typischen dunklen Elemente in die Geschichte einzubringen. So wird er nachts und versteckt in der Dunkelheit zum kaltblütigen und wahnsinnigen Mörder, der nur das Wiedererlangen seiner selbst angefertigten Schmuckstücke im Sinn hat. Ganz nach dem serpionistischen Prinzip vereint Hoffmann Vernunft und Verblendung in einer Figur, die sich (je nach Tageszeit) in Cardillacs Seele ausgleichen. Magdaleine und Cardillac bilden also ein Künstlerpaar, das gegensätzlicher nicht sein könnte.

Diese widersprüchliche Figurendarstellung führt meiner Meinung nach zu einer Gattungsproblematik, die eine Einordnung der Erzählung in eine feststehende literarische Kategorie schwierig macht. Diese Einschätzung findet sich auch bei Müller-Dietz und dient als Grundlage für meine Arbeit, in der ich sein Verfahren genauer analysieren möchte. Als Grundlage orientiere ich mich an der kommentierten Ausgabe des Fräuleins von Scuderi, in dem Müller-Dietz einen ausführlichen Kommentar zur inhaltlichen, sowie zur sprachlichen das Werk durchziehenden Ambivalenz verfasst hat. Nach einer narrativen, biografischen und rechtswissenschaftlichen Analyse kommt der Schriftsteller zu dem Schluss, dass Hoffmann mit dieser Erzählung eine Koinzidenz von wahrer Menschlichkeit und wahrhaftigem Künstlertum geschaffen hat, die die Fragen nach der Vermittlung von Poesie und Recht und das ureigene Verständnis von Künstlertum nicht beantworten kann.

Diese Schlussfolgerung ist meines Erachtens nach nicht umfassend genug. Ich möchte aufzeigen, dass Müller-Dietz die Aspekte der Kritik am politischen preußischen System vernachlässigt und die erzieherischen Tendenzen der Novelle übersieht. Obwohl Letzteres für einen Romantiker wie E.T.A. Hoffmann zunächst sehr unwahrscheinlich klingt, möchte ich ihn an dieser Stelle zitieren: Le vrai peut quelque fois n’est pas vraisamable…

2. Analyse

2.1 Symbiotische Züge zwischen Inhalt und Narration

Heinz Müller-Dietz beginnt seine Analyse mit der Erläuterung von Gestalt und Gestaltung der Erzählung. Er scheint eine Diskussion zur literaturwissenschaftlichen Einordnung der Novelle in ein Genre zu übergehen und begründet dies damit, dass sich ihm die „Etikettierung“ des Inhalts und die Qualität des Werkes weitaus wichtiger zeigen.5 Dennoch bestreitet er den weitläufigen Irrglauben kriminalistische Texte seien Trivialliteratur und positioniert sich damit scheinbar als ein Anhänger der Kriminalgeschichten-Theorie6.

Er nennt seine ersten Eindrücke und verweist schon in diesen ersten Überlegungen auf einen ambivalenten Charakter der Novelle, die sowohl helle, wie auch dunkle Elemente zum Vorschein bringt. So skizziert Hoffmann für ihn eine grausame und barbarische Exekutive, die ganz im Gegensatz zur strahlenden Titelfigur steht, die mit Humanität und Empathie glänzt. Er lobt Hoffmanns Erzählung und schließt sich Vollmann an, der von „Wahnsinn, Kunst, Liebe und Grauen und Mord und Geheimnis, Geheimnis vor allem“ im Text spricht, und sich so die Rezeption der Geschichte zu einem „Lesefest“ entwickelt7. Anschließend geht Müller-Dietz doch auf eine mögliche Etikettierung der Erzählung als Detektivgeschichte ein, indem er die Charakteristika dieses Genres auf die Geschichte anwendet und von einer geheimnisumhüllten Wahrheitssuche und Aufklärung der Verbrechen durch eine weitere Person, neben der Polizei, berichtet. Das „Hautgout“8 von Unterhaltungsliteratur wehrt Müller-Dietz aufgrund einer virtuosen Verwendung von Stilmitteln und einer höchstkünstlerischen Darstellung des Stoffes ab.

Weitehrhin geht er zur Analyse der narrativen Struktur auf biografische Bezüge ein und erkennt Parallelen zwischen Hoffmann persönlich und der dargestellten Geschichte: Der Posten als königlicher Ermittler zur Demagogenverfolgung 1819 war dem moralischen Dichter zuwider und man stellt eine gewissen Distanz Hoffmanns zu seinen Figuren fest. Dies soll in weiteren Kapiteln der Arbeit näher erläutert werden. Außerdem beleuchtet Müller-Dietz die Erzähleinschübe, die mit Rückblenden und abweichenden Erzählsträngen die Spannung für den Leser aufbauen.

In dieser ersten Analyse vernachlässigt Müller-Dietz die Konkordanz. Dieser Begriff wird in der Literaturwissenschaft, wie auch in der Genetik benutzt, verweist allerdings auf unterschiedliche Bedeutungen. So stellen Naturwissenschaftler eine Konkordanz bei eineiigen Zwillingen fest, wenn biologische Merkmale der beiden übereinstimmen. Es zeigt sich also eine gewisse Symmetrie, wenn Hoffmann die ausführende Gewalt als unmoralisch und diabolisch darstellt, weil auch ihm die damalige politische Situation entmenschlicht angemutet haben muss. Nun ist es ein typisches Element der Romantik, dass sich Rationales und Irrationales ergänzen. Vernunft und Regelkonformität, wie sie die Titelheldin zunächst verkörpert, kann ohne Dunkelheit und Unmenschlichkeit - dargestellt durch die Chambre ardente - nicht existieren. E. T. A. Hoffmann entwirft eine Geschichte, die durch ihre Verflechtungen von Gut und Böse eine Symbiose dieser beiden Gewalten darstellt, wie es für ein prototypisches romantisches Werk kennzeichnend ist. Dieses Bild wird durch seine Erzählweise unterstrichen. Die Erzählung gliedert sich in drei Sinnabschnitte, die wie folgt benannt werden können:

I. Einführung in die Geschichte. Es beginnt mit der Darstellung der „guten“

Charaktere Magdaleine von Scuderi, Martiniere und Baptiste. Die joviale und wohlwollende Schriftstellerin pflegt ihre Kontakte zum König und genießt ein sehr hohes Ansehen in der Gesellschaft. Auch ihre Bediensteten scheinen in einem fast freundschaftlichen Verhältnis zu ihr zu stehen. Ein dunkel gekleideter Eindringling ist ein Vorbote dessen, was im Verlauf der Erzählung an Bösartigkeiten passieren wird und kündigt mit dem Schmuck bereits eine Diskrepanz zwischen Künstlertum und Rechtschaffenheit an. Außerdem erhält der Leser bereits einige Informationen zu René Cardillac, die ihn als Ehrenmann der Gesellschaft vorstellen. Insgesamt handelt es sich hierbei um die Darstellung von rationalen und vernünftigen Elementen der Erzählung, weil hier jeder Protagonist eine gesittete und unbefangene Rolle in der Gesellschaft annimmt, die weder bösartig noch polarisierend wirkt. Bestenfalls die Figur des Cardillac wird changierend konstruiert, das sich bei ihm das abstoßende Äußere und das liebeswerte Prestige wiedersprechen.

II. Genese der Infamie. Hier löst sich die oberflächliche Betrachtung der feinen

Pariser Bourgeoisie auf und kehrt sich in eine düstere Schauergeschichte um, in der böse Vorahnungen, „dunkle Erinnerung“ und „ängstliche Träume“9, Mord und Ungerechtigkeit vorherrschen. Sogar schaurige und geisterhafte Erscheinungen lassen den Leser in Hoffmanns dunkle Phantastik blicken. Durch die Darstellung der beiden gegensätzlichen Künstlerpersönlichkeiten Magdaleine von Scuderi und René Cardillac erlebt der Rezipient die Aufschlüsselung von Gut und Böse. Diese beiden Mächte schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich und können nur gemeinsam zur Auflösung der ausweglosen Situation für Olivier führen.

III. Auflösung der Abstrusität. Magdaleine muss nun ihre biedere soziale Isolation

auflösen, fast schon manipulierend beim König vorgehen, um Gerechtigkeit zu erlangen. René, der Genie und Wahnsinn vereint, bringt durch sein Geständnis bei Olivier diesen in eine unbarmherzige Situation, doch ist es gerade diese, die ihn vor Folter und Tod schützt, weil er aus Liebe zu Madelon ihre Welt nicht erschüttern kann und ihren Vater nicht denunzieren will. Aus romantischer Sicht ist dies ein märchenhaftes Ende, auch wenn die Bedingungen, unter denen es passierte, sich von einem traditionellen Märchen, indem Gut gegen Böse kämpft und i.d.R. siegt, unterscheiden.

Bei Betrachtung dieser Dreiteilung lässt sich eine Art Formel aufstellen, die den Verlauf der Erzählung zu einem guten Ende darstellt. Nur in Verbindung mit dem Bösen kann das Gute eine Auflösung bewirken. Hier lässt sich allerdings eine drastische Gesellschaftskritik Hoffmanns erkennen10, der die Missstände im System durch Kunst verschlüsselt darstellt.

[...]


1 Kuttner, Margot:Die Gestaltung des Individualitätsproblems bei E. T. A. Hoffmann. Düssledorf 1936 , S. 35.

2 Alewyn, Richard: Ursprung des Detektivromans. In: Probleme und Gestalten. Essays. Frankfurt a. M. 1974,

S. 354.

3 Vgl. sinngemäß Alewyn a. a. O.

4 Hoffmann, E.T.A.: Das Fräulein von Scuderi, S. 19.

5 Müller-Dietz, Heinz: E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ im (straf-)rechtsgeschichtlichen und kriminologischen Kontext. In: Hoffmann, E. T. A.: Das Fräulein von Scuderi. Erzählung aus dem Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten (1918). Juristische Zeitgeschichte. Band 36. Berlin 2010, S. 69.

6 Gemeint ist hiermit der Disput, ob es sich bei dem Fräulein von Scuderi um eine Kriminal- oder Detektivgeschichte handle.

7 http://www.zeit.de/2003/16/Sbib-16. Eingesehen am 25.9.2014.

8 Müller-Dietz, Heinz (2010), S.70.

9 Hoffmann, E.T.A: Das Fräulein von Scuderi, S. 27.

10 Vgl. Hommel-Ingram, Gudrun: Der Mörder ist selten der Butler. Gesellschaftskritik in der Kriminalliteratur von E.T.A. Hoffmann, Theodor Fontane und Ingrid Noll. Diss. University of Oregon 1998, S. 32.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Gier und Begierde. Die Ambivalenz von Kunst und Gesellschaft in ETA Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V301562
ISBN (eBook)
9783956872723
ISBN (Buch)
9783668003774
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scuderi, Polyphonie, Kunst, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Cathrin Utesch (Autor), 2014, Gier und Begierde. Die Ambivalenz von Kunst und Gesellschaft in ETA Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301562

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