Problematik und Hemmnisse bei der Realisierung von Ganztagsangeboten in Bayern aus Sicht von Sportvereinen


Bachelorarbeit, 2014

132 Seiten, Note: 1,1

Idealverein für Sportkommunikation und Bildung (Hrsg.) (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage und Zielstellung
1.2 Aufbau und Abgrenzung der Arbeit

2 Ganztagsschulen in Deutschland: Entwicklung und Ist-Situation

3 Methodik
3.1 Methoden der Marktforschung
3.2 Methodische Vorgehensweise bei der Primärforschung

4 Analyse des Ganztagsschulmarktes in Bayern
4.1 Einordnung, Definition und Zweck einer Marktanalyse
4.2 Bestandteile der Marktanalyse
4.3 Theoretischer Hintergrund: Das Viabilitätsmodell
4.4 Durchführung der Marktanalyse
4.4.1 Umweltanalyse
4.4.2 Beschreibung und Segmentierung des Zielmarktes
4.4.3 Analyse der Marktgröße und der Marktentwicklung
4.4.4 Analyse der Marktstruktur
4.4.5 Potenzialanalyse des Zielmarktes

5 Problematik und Hemmnisse bei der Realisierung von Ganztagsangeboten aus Sicht von Sportvereinen

6 Die „Bewegte Ganztagsschule“ des ISB als Best-Practice-Beispiel

7 Handlungsempfehlungen zum Entgegenwirken gegen zuvor identifizierte Problematik und Hemmnisse

8 Fazit und Ausblick

I. Literaturverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

III. Abbildungsverzeichnis

IV. Tabellenverzeichnis

V. Anhang

1 Einleitung

1.1 Ausgangslage und Zielstellung

Die Ergebnisse der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 offenbaren strukturelle Schwächen im deutschen Bildungssystem. Während insbesondere Schüler skandinavischer Staaten überdurchschnittliche Leistungen erzielen können, weisen Kompetenzen der deutschen Schüler in Lesen, Mathematik und den Naturwissenschaften deutliche Schwächen auf. Eine noch bedeutendere Erkenntnis der PISA-Studie liegt jedoch in den sich in erheblichem Maße offenbarenden sozialen Schließungsmechanismen: in Deutschland ist der Kompetenzerwerb der Schüler gekoppelt an die soziale Lage der Herkunftsfamilie.[1] In anderen europäischen Staaten wie beispielsweise in Finnland zeigt sich hingegen, dass ganztägiges Lernen neben einem positiven Einfluss auf die Wissensvermittlung auch indirekt Auswirkungen auf die Sozialisation von Schülern hat. Diese bildungspolitischen Ziele sollen mit dem flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen auch in Deutschland unterstützt werden, um den strukturellen Schwächen im Schulsystem entgegenzuwirken. Eine zweite intendierte Wirkungsrichtung, welche den Ausbau von Ganztagsschulen vorantreibt, ist „der zunehmende Bedarf nach ganztägiger Betreuung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf“[2]. Dieses sozial- und familienpolitische Ziel ist insbesondere auf die steigenden Anzahlen an Alleinerziehenden aber vor allem auch beiderseits erwerbstätiger Eltern zurückzuführen.

Diese Intentionen veranlassen die Bundesregierung im Jahr 2003 dazu, mittels des Investitionsprogramms Zukunft, Bildung und Betreuung (IZBB) bis zum Jahr 2009 insgesamt vier Milliarden Euro in den bedarfsgerechten Auf- und Ausbau von rund 8.200 Ganztagsschulen bundesweit zu investieren[3]. Aufbauend auf dieser materiellen Grundlage zur Ausweitung des Ganztagsschulangebotes entwickeln die Bundesländer jeweils eigene vielfältige Organisationsmodelle von Ganztagsschulen.

Um dem Anspruch des ganzheitlichen Lernens mit Hilfe von Ganztagsschulen gerecht zu werden, wird von vielen Landesregierungen eine Öffnung der Schulen hin zu ihrem Umfeld und darauf aufbauende Kooperationen mit externen Einrichtungen ausdrücklich angestrebt[4]. Solche Kooperationen ermöglichen den Schülern neben einer verbesserten individuellen Förderung auch eine Inanspruchnahme von zusätzlichen sportlichen, kulturellen, musischen und kreativen Bildungsangeboten. Neben bildungspolitischen Aspekten existieren auch finanzielle Gründe, weshalb Kooperationen von Seiten der Länder angestrebt werden. Gerade im Hinblick auf Opportunitätskosten ermöglichen derartige Kooperationen Kostenersparnisse, da die kostenaufwendige Einstellung unbefristet beschäftigter, verbeamteter Lehrer oder auch von Betreuungspersonal speziell für ganztägigen Unterricht umgangen werden kann und so Personalkosten und Pensionsrückstellungen eingespart werden können. In Bayern werden daher durch das Bayerische Staatsministerium zur Unterstützung und Erleichterung der Umsetzung von Ganztagsschulen entsprechende Rahmenvereinbarungen mit Verbänden und öffentlichen Trägern geschlossen.

Eine häufig vorkommende Form der Kooperation stellt deutschlandweit die Kooperation zwischen Schulen und Sportorganisationen dar[5]. Ein Grund hierfür könnte zum einen in dem zuvor benannten monetären Aspekt liegen. Vom organisierten Sport wird im Hinblick auf die Ressource „Ehrenamt“ erwartet, dass er viele Herausforderungen – möglicherweise schon aus „traditioneller“ Gewohnheit heraus – kostengünstig zu lösen vermag. Ein zweiter Grund liegt in der Vielfalt an Bildungspotenzialen, die der Sport Kindern und Jugendlichen zu bieten hat. Durch die Integration von Bewegung, Spiel und Sport in das pädagogische Konzept einer Ganztagsschule können neben körperlich-motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Schülerinnen und Schülern auch deren psychosoziale Ressourcen, wie beispielsweise Selbstwirksamkeitserwartung, Selbstkonzept, Kooperationsfähigkeit und emotionale Stabilität, gefördert werden[6]. Neben Auswirkungen auf Sozialverhalten und Persönlichkeitsentwicklung spielt bei bewegungsorientierten Ganztagsangeboten auch der Gesundheitsaspekt eine wichtige Rolle. Insbesondere in der Altersgruppe der Grundschulkinder gelten Bewegungsarmut und Übergewicht als Schlüsselprobleme, denen mit Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag entgegengewirkt werden kann.[7]

Aufgrund des enormen Wirkungspotenzials von Kooperationen zwischen Schulen und Sportvereinen werden solche Kooperationen in Bayern durch die Landesregierung und den zuständigen Bayerischen Landes-Sportverband (BLSV) angestrebt und auf unterschiedliche Weise gefördert. Die im Jahr 2005 abgeschlossene Rahmenvereinbarung „Musik und Sport in der Schule mit Ganztagsangeboten“ zwischen dem Bayerischen Staatministerium für Unterricht und Kultus sowie dem Bayerischen Musikrat und dem Bayerischen Landes-Sportverband verdeutlicht dieses Bestreben. Darin wird vereinbart, dass im Ganztag Angebote aus den Bereichen Musik und Sport eine besondere Berücksichtigung erfahren sollen, um möglichst allen Schülerinnen und Schülern die Entdeckung, Erfahrung und Entfaltung ihrer musischen, sportlichen und motorischen Fähigkeiten zu ermöglichen.[8]

Dennoch wird diese Kooperationsform in verschiedenen Bundesländern bisher nur selten umgesetzt. Der Sportentwicklungsbericht 2009/2010 offenbart, dass in Bayern beispielsweise lediglich 20,3 Prozent der Vereine bei der Angebotserstellung mit Schulen kooperieren. In keinem anderen Bundesland finden zu diesem Zeitpunkt weniger Kooperationen bei der Angebotserstellung statt[9].

Aus dieser Problemstellung leitet sich die Zielstellung der Arbeit ab. Es gilt, Problematik und Hemmnisse bei der Realisierung von Ganztagsschulprojekten in Bayern aus Sicht von Sportvereinen zu identifizieren, um Hilfestellungen für das Vorantreiben der Entwicklung auf diesem Gebiet ableiten zu können.

1.2 Aufbau und Abgrenzung der Arbeit

Nach einem Überblick über den aktuellen Entwicklungsstand von Ganztagsschulen in Deutschland wird mithilfe einer Marktanalyse speziell auf die aktuelle Situation in Bayern eingegangen. Hierbei soll aufgezeigt werden, welche Besonderheiten am Ganztagsschulmarkt in Bayern vorliegen, welche Akteure dabei agieren und welches Potenzial in diesem noch jungen Markt steckt. Darüber hinaus wird für Sportvereine die Unique-Selling-Proposition (USP), also das marktspezifische Alleinstellungsmerkmal, von erfolgreichen Kooperationen zwischen Schule und Sportverein herausgearbeitet.

Im Rahmen einer quantitativen Befragung von Akteuren der Branche werden anschließend konkret in der Praxis auftretende Problematiken und Hemmnisse identifiziert und beleuchtet.

Die Arbeit des Idealvereins für Sportkommunikation und Bildung e.V. (ISB), eines kleinen, als Pionier auf diesem Gebiet einzustufenden Sportvereins in Bayern soll aufgrund seiner mehrjährigen Erfahrung im Ganztagsschulbetrieb im darauf folgenden Kapitel als Best-Practice-Beispiel für die Realisierung von Kooperationen zwischen Schulen und Sportvereinen im Rahmen von Ganztagsschulangeboten fungieren. Durch die Genese des Kooperationskonzeptes des ISB wird exemplarisch beschrieben, wie bewegungsorientierte Ganztagskooperationen in organisationaler Hinsicht zuverlässig, zielgerichtet und wirksam gestaltet sein können.

Im siebten Kapitel werden Handlungsempfehlungen gegeben, welche möglicherweise zu einem Abbau der zuvor identifizierten Hemmnisse einer derartigen Kooperation führen können, ehe im letzten Kapitel die Arbeit mit einem Ausblick abgeschlossen wird.

Die Arbeit soll kein Leitfaden für die inhaltliche oder pädagogische Ausgestaltung von Ganztagsschulen sein, sondern lediglich strukturelle, personelle und monetäre Herausforderungen herausarbeiten.

2 Ganztagsschulen in Deutschland: Entwicklung und Ist-Situation

Im 19. Jahrhundert gilt ganztägiger Unterricht als Normalform der Schule und ist in Deutschland flächendeckend verbreitet. Der Unterricht ist angelehnt an den allgemeinen Ablauf des Arbeitstages verteilt auf Vor- und Nachmittag und zielt vornehmlich auf die kognitive Förderung der Schüler.[10] Ende des 19. Jahrhunderts findet eine Entwicklung hin zum Vormittagsunterricht statt. Diese Entwicklung ist vor allem auf knappe Ressourcen, also insbesondere „kleine Klassenräume, zu hohe Klassenfrequenzen oder eine zu geringe Lehrerzahl“[11] zurückzuführen. Zunächst wird die Unterrichtszeit jeweils auf eine halbe Einheit am Vor- und Nachmittag unterteilt, um altersbezogenen Lerngruppen im Schichtbetrieb den Unterricht zu ermöglichen, ehe anschließend aus dieser Notlage heraus halbtägig organisierte Teilzeitschulen entstanden sind.[12] Die Einführung der Halbtagesschule war demnach lediglich vorübergehend aufgrund gesellschaftlicher und ressourcenbezogener Problemstellungen geplant.

Etwa zur gleichen Zeit Ende des 19. Jahrhunderts setzt sich eine reformpädagogische Bewegung, im Wissen über die Vorteilhaftigkeit von Ganztagsschulen aus pädagogischer Sicht, für ganztätigen Unterricht ein. Dabei geht es nicht vornehmlich um eine Professionalisierung des Unterrichts, sondern insbesondere auch um Persönlichkeitsentwicklung und eine ganzheitliche Förderung der Schüler. Die durch Hermann Lietz zu dieser Zeit geprägten Landerziehungsheime gelten heute als einer der ersten Vorreiter der modernen Ganztagsschule; daneben wird noch eine Vielzahl weiterer Modelle entwickelt. Mit dem Ausbruch des Ersten und Zweiten Weltkrieges wird die Weiterentwicklung dieser Schulformen jedoch jeweils gestoppt. Die zwischen den Weltkriegen stattfindende Entwicklung prägt aber viele pädagogische Elemente der heutigen Ganztagsschule wesentlich. Auf diese Zeit sind unter anderem gemeinsame Mittagsmahlzeiten, Freizeitangebote, Förderunterricht oder auch enge Kooperationen mit Eltern zurückzuführen.[13] Nach Ende des Zweiten Weltkriegs werden die reformpädagogischen Konzepte wieder aufgegriffen, um unter anderem den Wiederaufbau des deutschen Bildungswesens voranzutreiben[14] und einen Beitrag zur Verbesserung oftmals verheerender sozialer und ökonomischer Umstände zu leisten[15].

Über den verstärkten Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland wird demnach nicht erst seit der Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie diskutiert. 1973 fordert auch die Bund-Länder Kommission eine Ausweitung ganztägiger Angebote an Schulen[16]. Die dort angesetzten Zielwerte für das Jahr 1985 können jedoch erst im Schuljahr 2005/06 in drei Bundesländern erstmalig erreicht werden. In Berlin, Sachsen und Thüringen nehmen zu diesem Zeitpunkt mehr als zwei Drittel aller Schüler an Ganztagsschulangeboten teil[17].

Diese Entwicklung der letzten Jahre ist nicht zuletzt auf das IZBB der Bundesregierung aus dem Jahr 2003 zurückzuführen, welches zu einem rasanten Anstieg der Anzahl an Ganztagsschulen führt. Vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Änderungen im Schulsystem wird seit dem Jahr 2005 die bundesweite „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) durchgeführt, mit der Zielsetzung, Arbeit und Rahmenbedingungen an Ganztagsschulen in Deutschland über einen längeren Zeitraum hinweg abzubilden[18]. Im Rahmen dieser von der Bundesregierung geförderten Studie wird ermittelt, dass in den Jahren von 2002 bis 2005 der Anteil an im Ganztag tätigen Verwaltungseinheiten[19] von 16,3 auf 28,3 Prozent steigt[20]. Auch in den darauf folgenden Jahren bleibt die hohe Dynamik der Entwicklung aufrecht erhalten. Im Schuljahr 2012/13 liegt dieser Anteil bereits bei bundesweit 55,9 Prozent[21].

Aufbauend auf der durch das IZBB gelegten Grundlage entwickeln die Bundesländer vielfältige Organisationsmodelle für Ganztagsangebote mit unterschiedlichen, länderspezifischen Schwerpunkten auf bestimmten Schulformen, wie in der folgenden Tabelle dargestellt wird.

Tabelle 1: Anteil der Ganztagsschulen an jeweils allen Schulen nach Schularten 2005 (x= Schulart nicht vorhanden; /=keine Angabe) (Quelle: Quellenberg, 2008, S.19)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Tabelle zeigt beträchtliche Unterschiede in der Verbreitung der Ganztagsschulen nicht nur zwischen Bundesländern, sondern auch innerhalb der Bundesländer in Bezug auf die verschiedenen Schularten. So liegt beispielsweise in Baden-Württemberg der durchschnittliche Anteil der Ganztagsschulen an Grund-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien lediglich bei 9,65 Prozent, im Saarland jedoch bei 68,73 Prozent. Besonders in Berlin werden länderspezifische Schwerpunkte deutlich: an nahezu 100 Prozent der Grundschulen sind Ganztagsschulen eingerichtet, an Haupt-, Realschulen und Gymnasien in diesem Bundesland jedoch maximal zu 5 Prozent. Eine der zentralen Erkenntnisse ist an dieser Stelle eine sehr „hohe Diversität im schulartspezifischen Versorgungsgrad in den einzelnen Bundesländern“[22].

Zurückzuführen sind diese Ungleichheiten auf die Tatsache, dass Schulpolitik in erster Linie Aufgabe der Länder ist. Dies führt im Sinne des Föderalismus neben einem unterschiedlichen Ausbaustatus auch zu vielfältigen Organisationsmodellen, welche sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Übergreifend lässt sich sagen, dass der Ganztagsbetrieb mit freiwilliger Teilnahme die Organisationsform darstellt, welche gegenüber gebundenen Ganztagsmodellen mit verpflichtender Teilnahme in quantitativer Hinsicht dominiert[23].

Eine im Rahmen der StEG durchgeführte Schulleiterbefragung im Jahr 2012 zeigt auf, dass in den letzten Jahren vor allem bei Grundschulen eine steigenden Nachfrage nach ganztägiger Betreuung verzeichnet werden kann. 28 Prozent der Primarschulen sind sogar nicht in der Lage, die Bedarfe zu decken. An den weiterführenden Schulen wird von einer gleichbleibenden Nachfrage berichtet. Insgesamt bemisst sich der Anteil an Ganztagsschülern zwischen 49,7 Prozent an Gymnasien und 57,2 Prozent an Grundschulen, wobei Ost-Flächenländer wesentlich höhere Quoten aufweisen als West-Flächenländer.[24] 2005 liegt die Teilnahmequote in ganz Deutschland noch bei durchschnittlich 15,2 Prozent[25].

Bei durchschnittlich rund 85 Prozent der Ganztagsschulen erfolgt die Angebotserstellung in Kooperation mit außerschulischen Partnern. Dabei stellen Kooperationspartner aus dem Bereich des Sports die bundesweit dominierende Anbieterart dar. Rund 70 Prozent der Schulen kooperieren mit Sportvereinen, -schulen oder -verbänden. Daneben werden auch Kooperationen mit Akteuren aus den Bereichen Musik, Kunst, Religion und Kultur häufig realisiert.[26]

3 Methodik

Bevor im Folgenden eine Analyse des bayerischen Ganztagsschulmarktes und die Identifikation von Problematik und Hemmnissen bei der Realisierung von Ganztagsangeboten durch Sportvereine erfolgen, wird zunächst die angewendete Methodik beschrieben.

3.1 Methoden der Marktforschung

Die Datenerhebung zur Gewinnung von Informationen erfolgt in der Marktforschung vorwiegend mit Hilfe zweier grundlegender Methoden, der Primärforschung und der Sekundärforschung. Unabhängig von der Methode gilt die Sicherstellung der Reliabilität, der Objektivität und der Validität als Grundvoraussetzung für eine hohe Qualität der zu beschaffenden Daten.[27] Des Weiteren ist auf Aktualität, Vollständigkeit und Vergleichbarkeit der Informationen sowie auf Wirtschaftlichkeit bei der Auswahl der Methoden zu achten.

Für die Primär-Marktforschung werden Informationen eigenständig und speziell für einen bestimmten Marktforschungszweck erhoben und ausgewertet. Diese Art der Erhebung kann mit Hilfe von unterschiedlichen Methoden der empirischen Sozialforschung, insbesondere Befragungen, Beobachtungen oder Tests, durchgeführt werden.[28] Die am häufigsten verwendete Form stellt dabei die quantitative Befragung dar. Mittels standardisierter Fragebögen mit großem Stichprobeumfang wird eine sinnvolle statistische Auswertung einer solchen Befragung ermöglicht. Dagegen befasst sich die Sekundärforschung mit der Zusammenstellung, Analyse und Auswertung von bereits vorhandenem Material, welches ursprünglich für anderweitige Marktforschungszwecke beschafft worden ist. Sie dient insbesondere der Ökonomisierung der Forschungsarbeit und der Beschaffung von Basisinformationen, um die Einarbeitung in eine bestimmte Problemstellung zu erleichtern.[29]

Oft wird die Methode der Sekundärforschung gegenüber der Primärforschung aufgrund des deutlich geringeren Aufwandes und der daraus resultierenden Zeit- und Kostenersparnisse bevorzugt. Jedoch muss bei der Sekundär-Marktforschung unter Umständen mit Qualitätsproblemen im Hinblick auf Ungenauigkeit und geringe Aktualität der Daten gerechnet werden. Auch können Daten für die eigenen Zwecke nicht ausreichend detailliert sein. In der Regel wird die Methode der Primärforschung dann herangezogen, wenn Entscheidungen auf Basis der Sekundärforschung nicht ausreichend fundiert getroffen werden können.[30] Um eine ganzheitliche Informationsbeschaffung im Rahmen der Analyse des Zielmarktes sicherzustellen, ist meist eine Kombination aus Primär- und Sekundärmarktforschung sinnvoll.

Eine Kombination aus beiden Methoden wird daher auch im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit angewendet. Die Ergebnisse der bundesweiten Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) beispielsweise liefern wichtige Informationen über den Entwicklungsstand von Ganztagsschulen in ganz Deutschland. Für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sind diese Ergebnisse jedoch zu unspezifisch, weshalb zusätzlich im Sinne einer Primärerhebung eine quantitative elektronische Erhebung unter Schulleitern von Grund-, Mittel- und Förderschulen sowie Vertretern von Sportvereinen in Bayern durchgeführt wird.

3.2 Methodische Vorgehensweise bei der Primärforschung

Eine quantitative Befragung mittels eines elektronischen Fragebogens unter Schulleitern und Sportvereinsvertretern in Bayern soll die Marktsituation auf dem Ganztagsschulmarkt an sich und die Hintergründe dazu näher beleuchten sowie Problematik und Hemmnisse bei der Realisierung von Ganztagsangeboten seitens der Sportvereinsvertreter identifizieren.

Die Absicht, eine Vollerhebung durch Versenden des Fragebogens über einen E-Mail-Verteiler des Bayerischen Landes-Sportverbandes sowie des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus durchzuführen, lässt sich aufgrund der langen Bearbeitungsfristen derartiger Anfragen beim Ministerium im zur Verfügung stehenden Bearbeitungszeitraum der vorliegenden Arbeit nicht vollziehen, was dazu führt, dass eine Stichprobe Kontaktdaten von Schulen und Sportvereinen eigenständig recherchiert werden muss, was in beachtlichem Umfang gelingt. Die Schulleiterbefragung beschränkt sich auf Grund-, Mittel- und Förderschulen. Über einen Verteiler der Bayerischen Sportjugend im BLSV kann der Fragebogen zusätzlich an alle Sportvereine, welche Freiwilligendienstleistende im sozialen Jahr beschäftigen, versendet werden.

Eine Befragung der Grundgesamtheit ist im vorliegenden Fall somit in erster Linie aus Zeitgründen nicht möglich. Überdies ist jeweils ein Anteil der Grundgesamtheit aller Sportvereine und Schulen mit einer Online-Umfrage nicht zu erreichen, nicht immer sind E-Mail-Adressen vorhanden. Dadurch ist eine Vollerhebung mittels Onlinefragebogen nicht möglich.[31] Die Befragung richtet sich daher an Stichproben aus der jeweiligen Grundgesamtheit.

Die Zusammenstellung der Stichproben erfolgt jeweils in geschichteter Zufallsauswahl, was bedeutet, dass die Grundgesamtheit zunächst jeweils in verschiedene Teile, sogenannte Schichten, unterteilt wird und anschließend Elemente aus jeder Schicht für die Stichprobe ausgewählt werden[32]. Die Unterteilung in Schichten bei Sportvereinen erfolgt nach Städten und Landkreisen, bei Schulen nach Regierungsbezirken.

Für die Befragung wurde an eine Stichprobe von jeweils rund 1.000 Sportvereinsvertretern sowie Grund-, Mittel- und Förderschulen ein Online-Fragebogen elektronisch versendet[33]. Die Grundgesamtheit umfasst dabei die rund 12.000 Sportvereine[34] und die rund 4.500[35] für Ganztagsangebote in Frage kommenden Schulen in Bayern. Die Umfrage wurde von insgesamt 117 Sportvereinsvertretern (nSportvereine=117) sowie 139 Schulleitern (nSchulleiter=139) beantwortet. Die Rücklaufquote beträgt somit 11,7 Prozent bei Sportvereinen und 13,9 Prozent bei Schulen.

Teilerhebungen haben den Nachteil, dass die Informationen, welche aus der Stichprobe gewonnen werden, stets Fehler enthalten, da nicht die Meinungen und Einschätzungen der gesamten Grundgesamtheit wiedergegeben werden können. Derartige Fehler können jedoch aufgrund der Vorteilhaftigkeit von Stichprobenziehungen in Kauf genommen werden.[36] Der Stichprobenfehler der vorliegenden Befragung liegt wohl vor allem darin, dass die Befragung unter Sportvereinen zu großen Teilen von Vertretern von Sportvereinen beantwortet wird, die sich bereits in hohem Maße engagieren. Anzunehmen ist, dass in geringem Maße engagierte, ehrenamtlich tätige Vertreter wohl auch in geringerem Ausmaß bereit sein dürften, an derartigen Befragungen teilzunehmen, und die Ergebnisse somit die Verhältnisse wohl eher optimistischer abzeichnen dürften, als sie es tatsächlich sind.

Da auf dem Gebiet der Ganztagskooperationen zwischen Schulen und Sportvereinen in Bayern bisher kaum detaillierte Forschungsergebnisse vorliegen, gilt es mittels Befragungen von Schulleitern und Sportvereinsvertretern auf diesem Gebiet exploratorisch zu wirken und Ansatzpunkte für weitergehende Forschungsfragen zu identifizieren.

Die Erstellung des Fragebogens erfolgt basierend auf Erfahrungswerten, welche im Zuge langjähriger Tätigkeit am Ganztagsschulmarkt gesammelt wurden, ergänzt von im Rahmen der Erstellung dieser wissenschaftlichen Arbeit gewonnenen Rechercheergebnissen aus Sekundärquellen. Beide Fragebögen gliedern sich in vier Teile: Zunächst werden demographische Daten abgefragt (beispielsweise Anzahl der Mitglieder). So werden Kriterien geschaffen, welche im Rahmen der Auswertung zur Clusterbildung dienen. Die Fragen des zweiten Teils liefern Ergebnisse für die Marktanalyse, ehe im dritten Teil Einschätzungen beispielsweise im Hinblick auf Chancen und Risiken abgefragt werden. Abgeschlossen wird die Befragung mit Fragen nach Bedarfen und gewünschten Hilfestellungen für ein Beratungsangebot.

Die vollständigen Ergebnisse der Befragungen befinden sich im Anhang[37].

4 Analyse des Ganztagsschulmarktes in Bayern

4.1 Einordnung, Definition und Zweck einer Marktanalyse

Informationen über Strukturen, Besonderheiten und Gefahren eines Marktes zu kennen ist für Unternehmen und Organisationen zur Strategieentwicklung und Entscheidungsfindung immens wichtig. Dies trifft auf For-Profit-Unternehmen ebenso zu, wie auf Non-Profit-Organisationen. Aus diesem Grund erfolgt im Folgenden eine Analyse des Ganztagsschulmarktes in Bayern. Bei der Marktanalyse sollen Rahmenbedingungen, Problemstellungen und Entwicklungspotenzial aufgezeigt werden. Wie sich zeigen wird, liegt auf dem Ganztagsschulmarkt eine außergewöhnliche Marktsituation mit besonderen Mechanismen vor.

Zur Untersuchung eines Marktes existieren unterschiedliche Methoden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bereiche der Marktuntersuchung (Quelle: Weis und Steinmetz (2002) S.21)

Während man unter Marktforschung die systematische und zielbewusste Untersuchung eines Marktes zur Beschaffung von Informationen über den Absatz- und/oder den Beschaffungsmarkt versteht[38], bezeichnet man die Markterkundung „überwiegend [als] ein mehr zufälliges und gelegentliches Untersuchen eines Marktes“[39]. Marktforschung gliedert sich wiederum in drei Methoden auf: Marktanalyse, Marktbeobachtung und Marktprognose. Marktanalyse bedeutet dabei, „eine Strukturuntersuchung (Zustandsschilderung) des jeweiligen Marktes zu einem bestimmten Zeitpunkt“[40] durchzuführen. Eine systematische, wissenschaftlich fundierte und planvolle Vorgehensweise ist hierbei, wie auch bei den anderen beiden Methoden aus dem Bereich der Marktforschung, essentiell[41]. Als eine Weiterführung der Marktanalyse versteht man die Marktbeobachtung, welche das Ziel verfolgt, anhand einer Kette von Marktanalysen die Strukturveränderungen und ihre möglichen Ursachen über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Aufbauend auf den Ergebnissen der Marktbeobachtung werden in der Regel Marktprognosen durchgeführt, welche der „bewußten und zielgerichteten Vorhersage[…] [von] zukünftige[n] Marktgegebenheiten“[42] dienen. Im Rahmen dieser Arbeit wird nur der erste Schritt der Informationsbeschaffung im Bereich der Marktforschung, die Marktanalyse, durchgeführt. Die Erarbeitung von Marktbeobachtung und Marktprognose erfolgt nicht.

Die Marktanalyse liefert strategisch relevante Informationen in systematisierter und aufbereiteter Form, um zum Branchenverständnis beizutragen und gleichzeitig ein marktorientiertes Problembewusstsein herzustellen[43]. Sie liefert Aufschluss über die Segmentierung des Marktes, der Marktstruktur hinsichtlich Wettbewerber und Stakeholder und über das Marktpotenzial. Im Zuge der Wettbewerberanalyse erfolgt ergänzend die Herausarbeitung der Unique-Selling-Proposition (USP) von Ganztagsschulen unter Trägerschaft von Sportvereinen. Dabei sollen Alleinstellungsmerkmale und der nachhaltige Nutzen dieser Kooperationsform hervorgehoben werden.

4.2 Bestandteile der Marktanalyse

Aufgrund variierender Verwendungszwecke und Zielstellungen von Marktanalysen ist eine individuelle Anpassung von Inhalt, Methoden und Ressourcen bei der Untersuchung zwingend notwendig und zentraler Erfolgsfaktor der Analyse. Die inhaltliche Ausgestaltung richtet sich dabei an im Vorfeld festgelegte Themenbereiche, welche im Zuge der Marktanalyse untersucht werden sollen. In der vorliegenden Arbeit erfolgt eine Anpassung der Analysemethoden auf den non-profit-orientierten Ganztagsschulmarkt[44] in Bayern. Für eine ganzheitliche Abdeckung des Themenkomplexes empfiehlt sich hier vor der Durchführung der Marktanalyse zunächst eine Betrachtung der Umwelt speziell in Bezug auf politisch-rechtliche und demographische Rahmenbedingungen sowie gesellschaftliche Trends. In Anlehnung an Michael E. Porters Methoden zur Analyse von Branchen und Konkurrenten[45] ergeben sich dann die Inhaltsdimensionen der anschließend folgenden Marktanalyse (siehe Abbildung 2). Die Ausgestaltung der Inhaltsbausteine der einzelnen Dimensionen ist dabei nicht vorgegeben und kann je nach Anforderung gestaltet und angepasst werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Inhaltsdimensionen der Marktanalyse (Quelle: eigene Darstellung)

4.3 Theoretischer Hintergrund: Das Viabilitätsmodell

Genauso, wie alle Organisationen müssen auch gemeinwohlorientierte Sportorganisationen den Zufluss von Ressourcen sicherstellen, um die eigene Überlebensfähigkeit zu gewährleisten. Breuer stellt die Zusammenhänge zwischen der Organisation, hier dem System, und den Ressourcengebern im sogenannten Viabilitätsmodell von Organisationen[46] dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Viabilitätsmodell von Organisationen (Quelle: Breuer (2002), S. 13)

Er unterscheidet dabei zwischen Ressourcengebern aus externer und interner Umwelt des Systems. Zu organisationsinternen Ressourcengebern zählen zum einen Stakeholder, beispielsweise Mitarbeiter, zum anderen Shareholder, also Mitglieder oder Träger von Sportorganisationen; externe Ressourcengeber sind beispielsweise Staat oder Kommunen. Diese Akteure stellen der Organisation Ressourcen, also Input, zur Verfügung – jedoch in Erwartung einer (monetär messbaren) Gegenleistung. Gleichzeitig wird im Gegenzug auch die Erreichung eines bestimmten Ziels erwartet, von dem der Ressourcengeber profitieren kann. So könnte der Staat finanzielle Fördermittel in das System leiten, dafür als Gegenleistung aber einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Problemstellungen fordern, wie es bei Kooperationspartnern von Ganztagsschulen der Fall ist. Ein weiteres Beispiel stellen hauptamtliche Mitarbeiter dar; diese erwarten als Ausgleich für ihre geleistete Arbeit ein festgelegtes Entgelt.

Gefährdet werden kann der Zufluss an Ressourcen in das System aufgrund der Nutzenmaximierungslogik[47] des Ressourcengebers dann, wenn dessen Erwartungen nicht in ausreichendem Maße erfüllt werden. Stehen weitere Investitionsobjekte zur Verfügung, von denen sich der Ressourcengeber einen größeren Nutzen verspricht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dieser sich vom System abwendet. Aus ökonomischer Perspektive betrachtet bedeutet dies aus Sicht des Systems, dass der Nutzen für den Ressourcengeber höher sein muss, als die zu investierenden Kosten. Organisationen können demnach nur so lange existieren, wie sie genügend Anreize für Investitionen durch Externe bieten können.

Gleichzeit verändern sich aber auch Prioritäten und Interessen der Ressourcengeber und somit die Ziele, die mit Hilfe ihres Inputs erreicht werden sollen. Aus diesem Grund stehen gemeinwohlorientierte Systeme aus dem Sport ständig vor der Herausforderung, ihren Output an die sich verändernden Rahmenbedingungen anzupassen, um den Ressourcenzufluss zu sichern. Ein Beispiel für einen solchen Präferenzwandel stellt der seit einigen Jahren seitens des Kultusministeriums angestrebte verstärkte Ausbau von Ganztagsschulen in Kooperation mit Sportvereinen in Bayern dar. Um durch Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen zur Zukunftsfähigkeit des Vereins beizutragen und hierfür staatliche Ressourcen zu erhalten, müssen sich Sportorganisationen mit derartigen Kooperationsformen auseinandersetzen und ihr Angebotsspektrum gegebenenfalls erweitern.

Der soziale Wandel bewirkt im organisierten Sport eine zunehmende Instabilität der Beziehungen zwischen Organisationen und Ressourcengebern beider Ebenen. Auf der einen Seite verändern sich Mitgliedschaften mehr und mehr hin zu einer kritischen und instabilen Ressource in Sportorganisationen. Diese Entwicklung ist zurückzuführen auf eine sich verändernde Nachfrage nach Sport und Bewegung, eine abnehmende Bindung an Sportvereine und den demographischen Wandel. Insbesondere gravierende Nachwuchsprobleme stellen Sportvereine mehr und mehr vor große Herausforderungen.[48] Zur gleichen Zeit entwickeln sich auch externe Ressourcen aufgrund von Finanzknappheit, gestiegener Effizienz- und Effektivitätsorientierung der öffentlichen Hand sowie Sparmaßnahmen der Wirtschaft zunehmend zu einem kritischen und instabilen Faktor.[49] Dies führt dazu, dass von Seiten der öffentlichen Verwaltung neue Steuerungsinstrumente und Kriterien entwickelt werden, „mit denen die Austauschbeziehungen zwischen den öffentlichen Verwaltungen und dem ‚Dritten Sektor‘ problem- und effizienzorientierter betrachtet und präziser erfasst (‚gemessen‘) werden“[50]. Fehlt nun die Fähigkeit oder Bereitschaft, solche höheren Anforderungen zu erfüllen, droht ein Wegfall finanzieller Investitionen der externen Ressourcengeber. Breuer fordert aus diesem Grund eine Umstellung von einer traditions- und erfahrungsbasierten Steuerung von gemeinwohlorientierten Sportorganisationen auf eine in stärkerem Maße wissensbasierte Steuerung, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Demnach ist Wissen „in Zeiten dynamischer Umbrüche […] das wohl funktionalste Steuerungsmedium, um Außen- wie Binnenbeziehungen stets aufs Neue zu justieren“[51]. Die folgende Marktanalyse hat zum Ziel, insbesondere Ziele und Erwartungen der externen Akteure herauszuarbeiten und das dadurch generierte Wissen näher zu untersuchen, um am Ende aufzeigen zu können, wie Kooperationen wirkungsvoll gestaltet werden können und weshalb Ganztagsschulen nicht nur Bedrohung sondern vielmehr auch eine Chance für Sportvereine darstellen können.

4.4 Durchführung der Marktanalyse

4.4.1 Umweltanalyse

Märkte sind Bestandteil der Mikroumwelt von Unternehmen und Organisationen. Diese Mikroumwelt liegt systemtheoretischer Ansätze zufolge eingebettet in ein übergeordnetes System, der sogenannten Makroumwelt, welche sich in folgende unterschiedliche Sphären aufgliedert:[52]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Sphären der Makroumwelt (Quelle: Meffert et al. (2012), S. 64 f.)

Stapleton beschreibt diese Sphären in seinem Modell „The three environments“[53] als das ferne Umfeld eines Unternehmens. Dieses ferne Umfeld entspricht aus sportwissenschaftlicher Sicht betrachtet in etwa der externen Umwelt mit den externen Ressourcengebern in Breuers zuvor beschriebenem Viabilitätsmodell. Die Bereiche sind durch die Organisation nicht beeinfluss- oder kontrollierbar, lediglich durch Lobbyismus könnten unter Umständen Veränderungen erzielt werden.[54] Dennoch ist eine Auseinandersetzung mit den bedeutsamen Aspekten für das eigene Unternehmen im Rahmen einer Marktanalyse sinnvoll, um Strategie und Entscheidungen an Anforderungen und Veränderungen in der Makroumwelt anpassen zu können. Für den Ganztagsschulmarkt sind insbesondere die beiden letztgenannten Sphären relevant, weshalb der Schwerpunkt der folgenden Umweltanalyse auf diesen beiden Punkten liegen wird. Zudem wird im folgenden Abschnitt kurz ergänzend auf die ökonomische Umwelt eingegangen.

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Trends sowie sozialem und demographischem Wandel in Deutschland werden Ganztagsschulen eine Vielzahl an Funktionen zugeschrieben, um diesen Herausforderungen entgegenzuwirken. So soll zum einen aus familienpolitischer Sicht durch Ganztagsschulen zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf beigetragen werden, da „veränderte Erwerbs- und Familienstrukturen […] oft keine verlässliche Betreuung der Kinder [gewährleisten].“[55] Die dahingehende Entwicklung, dass der Anteil an erwerbstätigen Frauen, alleinerziehenden Eltern und beiderseits erwerbstätigen Eltern steigt, sowie der Trend, dass immer weniger Familien mit mehr als zwei Generationen zusammen leben, erfordert, auch aus arbeitsmarktpolitischer Sicht, zunehmend finanzierbare Betreuungsangebote für Kinder.[56]

Eine weitere beobachtbare gesellschaftliche Entwicklung stellt der zunehmende Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund und Familien mit sozial schwachem Hintergrund dar. 20 Prozent der deutschen Bevölkerung weisen einen Migrationshintergrund[57] auf[58]. Gleichzeitig ist etwa jeder fünfte Bundesbürger von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen[59]. Oft geht dies einher mit Ausgrenzung und somit ungleichen Bildungschancen. Von Ganztagsschulen wird eine Kompensation dieser sozialen Schließungsmechanismen durch folge Funktionen erwartet:

Erweiterung von Lernzeit und Lernarrangements (fachliche Kompetenzen, Schlüsselkompetenzen, höhere formale Bildungsabschlüsse, erfolgreicher Berufseinstieg etc.)

Individuelle Förderung (differenzierte Lerngelegenheiten, Begabungen ausschöpfen, Kompetenzen steigern, Defizite kompensieren etc.)

Qualifizierte Betreuung (erzieherische Unterstützung für Familien, erweiterte Möglichkeiten für die Erwerbstätigkeit von Eltern etc.)

Sozialisationsraum schaffen (soziale Integration, soziale Verantwortung, demokratische Handlungskompetenz, kulturelle Orientierung, Rollenlernen, Selbstständigkeit etc.)

Verbesserung der sozio-kulturellen Infrastruktur (Lern-, Kultur- und Freizeitangebote, Stichwort „soziale Chancengleichheit“)[60]

Darüber hinaus lässt sich im Zuge des verstärkten Ausbaus von Ganztagsschulen mit der rückläufigen Teilnahme an Vereinsangeboten durch Kinder und Jugendliche ein weiterer Trend beobachten. Dies betrifft neben dem Bereich der kulturellen Bildung und der Jugendbildung auch Musikschulen, kirchliche Angebote sowie Sportvereinsangebote[61]. Angebote dieser Bereiche stehen häufig in zeitlicher Konkurrenz mit Ganztagsschulangeboten.[62] Freizeiten von Kindern und Jugendlichen verändern sich durch den Besuch von Ganztagsschulen, was zu einer Einschränkung nachmittäglich ausgeübter Vereinsaktivitäten führen kann. Jedoch ist es nicht Ziel, derartige Aktivitätsbereiche aus Freizeit, Kultur und Sport zugunsten von Schule zu verdrängen, „sondern in bestimmter Weise die Schule unter Einbeziehung außerschulischer Aktivitätsbereiche neu zu erfinden“[63].

Organisationen aus den genannten Bereichen steht die Möglichkeit offen, sich selbst aktiv als Kooperationspartner von Schulen zu engagieren und so die negativen Auswirkungen dieser vermeintlichen Konkurrenz zwischen Schule und Organisation abzufangen.

Ehe für die Analyse der politisch-rechtlichen Umwelt im Folgenden auf Rechte und Pflichten für Träger solcher Kooperationen eingegangen wird, ist zunächst zu klären, was Ganztagsschulen sind und welche Modelle es in Bayern gibt. Die Kultusministerkonferenz der Länder nennt folgende in Deutschland allgemein gültige Definition von Ganztagsschulen:

Ganztagsschulen sind demnach Schulen, bei denen im Primar- und Sekundarbereich I an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für die Schülerinnen und Schüler bereitgestellt wird, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst, an allen Tagen des Ganztagsschulbetriebs den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern ein Mittagessen bereitgestellt wird, die Ganztagsangebote unter der Aufsicht und Verantwortung der Schulleitung organisiert und in enger Kooperation mit der Schulleitung durchgeführt werden sowie in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht stehen[64]

Bezeichnungen der Angebote sowie inhaltliche und organisatorische Gegebenheiten unterscheiden sich in den Ländern. In Bayern gibt es grundsätzlich drei Ganztagsschulmodelle, im Rahmen derer sich externe Kooperationspartner engagieren können: die gebundene Ganztagsschule, die offene Ganztagsschule und die (verlängerte) Mittagsbetreuung.

(1) Die gebundene Ganztagsschule

Unter gebundener Ganztagsschule (Ganztagsklasse) wird verstanden, dass ein durchgehend strukturierter Aufenthalt in der Schule an mindestens 4 Wochentagen von täglich mehr als 7 Zeitstunden bis grundsätzlich 16.00 Uhr für die Schüler verpflichtend ist, die vormittäglichen und nachmittäglichen Aktivitäten der Schüler in einem konzeptionellen Zusammenhang stehen und der Unterricht in einer Ganztagsklasse erteilt wird[65].

(2) Die offene Ganztagsschule

Die offene Ganztagsschule ist ein freiwilliges schulisches Angebot der ganztägigen Förderung und Betreuung von Schülern der Jahrgangsstufen 5 bis 10. Der Unterricht an offenen Ganztagsschulen findet wie gewohnt überwiegend am Vormittag im Klassenverband statt. Diejenigen Schülerinnen und Schüler, deren Eltern dies wünschen, besuchen dann nach dem stundenplanmäßigen Unterricht die jeweiligen Ganztagsangebote. Zur familiengerechten Förderung und Betreuung gehören: Mittagsverpflegung, Hausaufgabenbetreuung und Fördermaßnahmen [sowie ein] Freizeitangebot mit sportlichen, musischen und gestalterischen Aktivitäten.[66]

Hervorzuheben ist, dass in Bayern Schulen als „Gebundene Ganztagsschule“ bezeichnet werden, an denen (mindestens) ein Ganztagszug im Sinne der unter (1) genannten Definition eingerichtet ist. Um Eltern eine Wahlfreiheit zu ermöglichen existieren an solchen Schulen stets sowohl Ganztags- als auch Halbtagszüge. Im bundesweit üblichen Sprachgebrauch wird dies eigentlich als „teilgebundene Ganztagsschule“ bezeichnet. Gebundene und Offene Ganztagsschule gelten sowohl als bildungspolitische, als auch als familien- und sozialpolitische Maßnahme. Daneben gibt es als weiteres Modell die (verlängerte) Mittagsbetreuung, welche schwerpunktmäßig aus familien- und sozialpolitischen Gründen eingeführt wurde.

(3) Mittagsbetreuung

Die Mittagsbetreuung kann als sozial- und freizeitpädagogisch ausgerichtetes Betreuungsangebot im Anschluss an den Vormittagsunterricht bei Bedarf an Grund- und Förderschulen eingerichtet werden. Sie gewährleistet eine verlässliche Betreuung der Kinder nach dem Unterrichtsende bis etwa 14.00 Uhr oder sogar darüber hinaus. Den Schülerinnen und Schülern soll die Gelegenheit geboten werden, sich zu entspannen, allein oder mit anderen zu spielen, kreativ zu sein und soziales Verhalten zu üben. Das Anfertigen von Hausaufgaben ist nicht verpflichtend vorgesehen, kann aber auf freiwilliger Basis zum Betreuungskonzept des jeweiligen Trägers gehören.[67]

Bei der Einführung des Modells im Jahr 1992 ursprünglich als Betreuungsangebot bis 14.00 Uhr gedacht, folgt mit dem Schuljahr 2008/09 mit der sogenannten verlängerten Mittagsbetreuung eine Erweiterung des Angebots mit Betreuungszeiten bis mindestens 15.30 Uhr. Diese kann unter denselben Voraussetzungen wie die Mittagsbetreuung angeboten werden und beinhaltet zusätzlich eine verlässliche Hausaufgabenbetreuung.[68]

Als Kooperationspartner kommen in Bayern grundsätzlich nur Einrichtungen in Frage, welche nicht auf die Erzielung von Gewinnen ausgerichtet sind. Neben öffentlichen Anbietern, wie beispielsweise Gemeinden und Landkreise, können als freie gemeinnützige Träger nichtkommerzielle juristische Personen des öffentlichen oder privaten Rechts sowie sonstige rechtsfähige Organisationen ohne Gewinnerzielungsabsicht Kooperationen mit Schulen aufnehmen[69]. Beispiele für solche Träger sind eingetragene Vereine, Stiftungen, gemeinnützige GmbHs sowie sonstige Organisationen aus den Bereichen Jugendarbeit, Sport, Kultur und Ehrenamt.

Zu den Aufgaben der Kooperationspartner zählen neben der Bereitstellung von qualifiziertem Personal die Betreuung während der je nach Modell festgelegten Betreuungszeiten, das Angebot einer täglichen Mittagsverpflegung und einer verlässlichen Hausaufgabenbetreuung[70] sowie die Gestaltung verschiedenartiger Freizeitangebote. Dabei bestehen für den Kooperationspartner während der Betreuungszeiten volle Verkehrssicherungs-, Aufsichts- und Vertretungspflichten.

Zur Finanzierung des Personals erhalten die Kooperationspartner vom Freistaat Bayern Fördermittel, deren Höhe sich je nach Modell unterscheidet. Im Modell der Offenen Ganztagsschule darf dieses Budget ausschließlich für den Personalaufwand für die genehmigten Bildungs- und Betreuungsangebote im Rahmen des Ganztagsangebotes verwendet werden. Notwendiger zusätzlicher Sachaufwand soll in diesem Fall vom Schulaufwandsträger der Schule getragen werden. Die Förderungen durch den Freistaat belaufen sich bei einer Vollkooperation oder –trägerschaft eines externen Partners je nach Modell und Schulart auf eine Summe von 3.323 bis 32.600 Euro pro Gruppe bzw. Klasse[71].

4.4.2 Beschreibung und Segmentierung des Zielmarktes

Das nahe Umfeld[72] eines Unternehmens stellt seine Mikroumwelt mit Kunden, Lieferanten und Konkurrenten dar. Im Viabilitätsmodell setzt sich die interne Umwelt[73] der Organisation korrespondierend aus Stake- und Shareholdern zusammen. Zwar ist die Kontrolle des nahen Umfeldes nicht möglich, eine Beeinflussung jedoch schon. Zur Untersuchung der Mikroumwelt stellt der erste Schritt der strategischen Marktanalyse die Beschreibung und Segmentierung des Zielmarktes dar, was der Definition wichtiger Rahmenbedingungen für die Analyse dient. Hierzu ist zunächst zu klären, wie sich der Markt zusammensetzt:

Ein Markt besteht aus einer Menge aktueller und potenzieller Nachfrager bestimmter Leistungen sowie der aktuellen und potenziellen Anbieter dieser Leistungen und den Beziehungen zwischen Nachfragern und Anbietern.[74]

Überträgt man diese allgemeine Definition eines Marktes auf den Ganztagsschulmarkt, können Schulen als Nachfrager identifiziert werden. Für Ganztagsangebote generell in Frage kommen in Bayern grundsätzlich Grund- und Mittelschulen, Sonderpädagogische Förderzentren, Förderzentren mit Förderschwerpunkt Lernen, Realschulen, Wirtschaftsschulen sowie Gymnasien[75]. Dabei kommt insbesondere den Schulleitern eine besondere Rolle zu, da diese über die Entscheidungskompetenzen bei der Einrichtung von Ganztagsschulangeboten an der jeweiligen Schule verfügen. Zu den aktuellen und potenziellen Anbietern am Markt zählen alle gemäß den entsprechenden Bekanntmachungen des Bayerischen Staatministeriums für Unterricht und Kultus in Frage kommenden Kooperationspartner, also sowohl öffentliche Träger, als auch freie gemeinnützige Träger (vgl. Kapitel 4.4.1). Die Leistung stellt die Durchführung von Ganztagsangeboten durch den Anbieter, also den Kooperationspartner, dar. Die Marktanalyse erfolgt mit einem inhaltlichen Schwerpunkt auf Kooperationen zwischen Schulen und Sportvereinen.

Aufgrund der in der Regel vorliegenden strukturellen Heterogenität der Abnehmergruppen erfolgt nun eine Marktsegmentierung, um den sogenannten relevanten Markt und somit auch Erfolgsnischen des Marktes identifizieren zu können. So unterscheiden sich Anforderungen und Wünsche der Schulen beispielsweise hinsichtlich der pädagogischen Schwerpunkte oder der Wirkung des Angebots. Aber auch bei der Qualifikation des Personals gibt es unterschiedliche Anforderungen.[76]

Zunächst erfolgt eine nähere Betrachtung der Schulen im Hinblick auf den pädagogischen Schwerpunkt ihres Ganztagsangebotes. Die Befragung der Schulleiter hat ergeben, dass Sport und Bewegung mit 53,5 Prozent der bei der Stichprobe am häufigsten vorliegende pädagogische Schwerpunkt bei Ganztagsangeboten ist.

Abbildung 5: Pädagogische Schwerpunkte der Ganztagsangebote in Bayern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Befragung der Schulleiter, eigene Darstellung)

Ergebnisse der Schulleiterbefragung der StEG zeigen darüber hinaus sogar auf, dass bundesweit an rund 98 Prozent der Ganztagsschulen sportliche Angebote im Rahmen außerunterrichtlicher Ganztagsangebote praktiziert werden[77]. Sport gilt demnach als durchaus sehr beliebtes Angebot. Jedoch sollten diese Ergebnisse differenziert betrachtet werden. Diese Statistiken spiegeln nicht wider, durch wen das Angebot durchgeführt wird und in welchem Umfang und mit welchem Ziel derartige Angebote stattfinden. Anzuzweifeln gilt es, dass die angeführten Bewegungsangebote ausschließlich in Kooperation mit Sportvereinen durchgeführt werden. Zwar liegen keine vollständigen Zahlen über die Anzahl von Kooperationen zwischen Sportvereinen und Schulen in Bayern vor, anzunehmen ist jedoch, dass weitaus weniger Schulen tatsächlich mit Sportvereinen kooperieren und vielmehr auch Kooperationspartner mit anderen Konzeptschwerpunkten sportliche Angebote bereitstellen. Auch die Ergebnisse der bayernweiten Schulleiterbefragung liefern Hinweise auf diese Vermutung. Von den 53 Prozent der Schulen, welche angegeben haben, ihr pädagogischer Schwerpunkt liege auf Sport und Bewegung, kooperieren lediglich 42,6 Prozent im Rahmen ihres Ganztagsangebotes mit Sportvereinen[78]. Demnach haben die übrigen rund 57 Prozent dieser Schulen „Sport und Bewegung“ als pädagogischen Schwerpunkt, kooperieren jedoch gleichzeitig nicht mit Sportvereinen.

Hier stellt sich nun die Frage nach der Qualifikation des Personals. Die Kooperationspartnerbefragung der StEG aus dem Jahr 2005 hat ergeben, dass nur 18,7 Prozent des bundesweit von Kooperationspartnern an Ganztagsschulen eingesetzten Personals Übungsleiter im Sport sind, der Anteil nach Wochenstunden beträgt sogar nur 5,4 Prozent.[79] Speziell für Bayern liegen hier keine aktuellen Zahlen vor. Dennoch korrelieren diese Zahlen keinesfalls mit dem großen Anteil an Bewegungsangeboten, welche im Rahmen von Ganztagsangeboten durchgeführt werden. Vor diesem Hintergrund gilt es für tiefergehende Forschungsergebnisse zu hinterfragen, (1) welche Qualifikationen das für Bewegungsangebote eingesetzte Personal stattdessen hat und (2) ob „die Angebote im Rahmen des Ganztagsbetriebs von angemessen qualifiziertem Personal durchgeführt werden“[80], sofern die betroffenen Angebote nicht von qualifizierten Sportlehrern durchgeführt werden.

Darüber hinaus geben die oben genannten Werte zunächst auch nicht an, in welchem Umfang Sportangebote in Zusammenarbeit mit Sportvereinen an den Schulen stattfinden. Die laut Befragung von Schulleitern und Sportvereinen am häufigsten vorliegenden Kooperationsformen stellen Sport-nach-1-Sportarbeitsgemeinschaften (Sport-nach-1-SAGs) dar, welche entweder von qualifizierten Übungsleitern oder von Lehrkräften geleitet werden können. Laut einer von der zuständigen bayerischen Landesstelle für Schulsport (LASPO) veröffentlichten Statistik wird an insgesamt 30,8 Prozent der Schulen ein derartiges Angebot durchgeführt. Hierfür stellen 8,7 Prozent aller bayerischen Sportvereine einen Übungsleiter.[81] Ursprünglich konzipiert wurden Sport-nach-1-SAGs jedoch explizit nicht als Ganztagsmodell. Zu berücksichtigen ist daher, dass diese Form der Kooperation oft nicht im Rahmen von Ganztagsangeboten durchgeführt wird, sondern auch für Regelschüler offen steht. Von 3680 im Schuljahr 2013/14 angemeldeten Sport-nach-1-SAGs finden 1368 im Rahmen einer Ganztagsbetreuung statt.[82] Daher ist insgesamt festzuhalten, dass das Engagement der Sportvereine im Rahmen von Ganztagsangeboten offensichtlich nur in geringem Umfang stattfindet.

Abbildung 6: Umfang der Kooperationen mit Sportvereinen aus Sicht von Schulen[83]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Schulleiterbefragung, eigene Darstellung)

In Frage zu stellen ist die nachhaltige Wirksamkeit von Engagements in solch geringem Umfang. Für bewegungsorientierte Ganztagsangebote werden drei Modelle unterschieden: Kooperationen werden entweder in komplementärer, additiver oder integrativer Form umgesetzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Ausdifferenzierung der Kooperationsmodelle[84] (Quelle: Vgl. Laging (2009))

(1) Die additiv duale Kooperationsform umfasst Sportvereinsangebote, welche zu bestimmten Zeiten freiwillig von den Schülern besucht werden können. Dieses Modell entspricht Sport-nach-1-SAGs und wird von Charakteristika klassischer Sportvereinsangebote geprägt: Freizeitangebot, Homogenität innerhalb der Gruppe, Verbreitung einzelner Sportarten, Talentsichtung und -förderung. Für die Ganztagsschulentwicklung ist dieses Modell nur wenig förderlich.

[...]


[1] Vgl. Artelt et al. (2001)

[2] Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.) (2011)

[3] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2014)

[4] Vgl. Teuber (2004), vgl. Art. 2 Abs. 5 BayEUG für Bayern

[5] Arnoldt (2008), S. 89

[6] Vgl. Sygusch (2007)

[7] Schmidt (2008), S. 332

[8] Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Bayerischer Landes-Sportverband und Bayerischer Musikrat (2005)

[9] Vgl. Breuer und Wicker (2010b), S. 3

[10] Vgl. Ludwig (2003), S. 26

[11] Holtkemper (1967), S. 3

[12] Vgl. Dollinger (2011), S. 40

[13] Vgl. Ludwig (2003), S.36

[14] Vgl. Bungenstab (1970), S. 18 ff.

[15] Vgl. Gather (1964), S. 26

[16] Vgl. Bund-Länder Kommission für Bildungsplanung (1973)

[17] Vgl. Quellenberg (2008) S. 21

[18] Vgl. Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (o.D.)

[19] Der Begriff Verwaltungseinheit bezieht sich auf die organisatorische Einheit von Schule – Schulzentren, die Schulen mehrerer Schularten umfassen, werden hier als eine Einheit ausgewiesen (Quellenberg (2008), S.15f.)

[20] Vgl. Quellenberg (2008), S. 16; dies entspricht einer Steigerung von 4.951 auf insgesamt 8.226 Verwaltungseinheiten mit Ganztagsbetrieb

[21] Klemm (2014), S.13

[22] Quellenberg (2008), S. 18

[23] Vgl. StEG (2013), S. 23

[24] Vgl. StEG (2013), S. 73

[25] Vgl. Quellenberg (2008), S. 21

[26] Vgl. StEG (2013), S. 31

[27] Vgl. Weis und Steinmetz (2002), S. 28

[28] Vgl. Ehrmann (1995), S. 127

[29] Vgl. Meffert et al. (2012), S. 156

[30] Vgl. ebd.

[31] Bei Sportvereinen tritt dieses Problem wesentlich häufiger auf, als bei Schulen. Zurückzuführen ist dies wohl auf die meist ehrenamtlichen Strukturen in Sportvereinen, welche zudem häufig von älteren, wenig internetaffinen Personen geleitet werden.

[32] Vgl. Hudec und Neumann (o.D.), S. 13

[33] Siehe Anhang 1: Fragebogen für Sportvereine sowie Anhang 2: Fragebogen für Schulleiter

[34] Vgl. Statista (o.D.)

[35] Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst (2014): Schulsuche

[36] Vgl. Hudec und Neumann (o.D.), S. 10

[37] Anhang 3: Ergebnisse der Befragung der Sportvereinsvertreter sowie Anhang 4: Ergebnisse der Befragung der Schulleiter

[38] Vgl. Weis und Steinmetz (2002), S. 15

[39] Weis und Steinmetz (2002), S. 21

[40] Hammann und Erichson (2000), S. 32

[41] Vgl. Weis und Steinmetz (2002), S. 21

[42] Ehrmann (1995), S.126

[43] Vgl. Meyer (2009)

[44] Vgl. Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus (2013a) und (2013b)

[45] Vgl. Porter (2013)

[46] Vgl. Breuer (2002), S. 12 ff.

[47] Vgl. Esser (1993), S. 237 ff.

[48] Opaschowski, Pries und Reinhardt (2006), S. 225

[49] Vgl. Breuer und Wicker (2010a), S. 44

[50] Breuer und Wicker (2010a), S. 44

[51] Breuer und Wicker (2010a), S. 45

[52] Vgl. Meffert et al. (2012), S. 64 f.

[53] Vgl. Stapleton et al. (2000)

[54] Vgl. Schultz (2010), S. 203

[55] Holtappels (2003), S. 1

[56] Vgl. Holtappels (2003), S. 1

[57] Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund zählen all diejenigen, die entweder selbst oder deren Eltern nach Deutschland zugewandert sind. (vgl. Destatis)

[58] Destatis (2012)

[59] Destatis (2013)

[60] Rollett (2011)

[61] Vgl. Breuer und Haase (2006)

[62] Vgl. Naul (2011), S. 183

[63] Laging (2013), S. 16

[64] Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (2014)

[65] Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (2014a): Chancengleichheit und Förderung

[66] Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (2014a): Chancengleichheit und Förderung

[67] Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (2014b): Kind- und familiengerecht

[68] Vgl. Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (2010)

[69] Vgl. Bayerisches Ministerium für Unterricht und Kultus (2013a) und (2013b)

[70] Ausnahmen bei gebundener Ganztagsschule und Mittagsbetreuung; das Angebot einer Hausaufgabenbetreuung ist bei der gebundenen Ganztagsschule und der Mittagsbetreuung nicht erforderlich, dazu muss keine Mittagsverpflegung bei der Mittagsbetreuung bis 14.00 Uhr angeboten werden.

[71] Anhang 5: Höhe der Förderungssummen des Freistaats Bayern

[72] Vgl. Stapleton et al. (2000)

[73] Vgl. Breuer (2002)

[74] Meffert (2012), S.47

[75] Vgl. Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus (2012) sowie Bayerisches Ministerium für Unterricht und Kultus (2013a) und (2013b)

[76] Vgl. Zerres (2006) S. 14 f.

[77] StEG (2013)

[78] Vgl. Anhang 4: Ergebnisse der Befragung der Schulleiter

[79] Vgl. Arnoldt (2008), S.96

[80] Arnoldt (2008), S.85

[81] Bayerische Landesstelle für den Schulsport (LASPO) (2014b): Statistiken – Kooperationen in den Regierungsbezirken

[82] Bayerische Landesstelle für den Schulsport (LASPO) (2014b): Statistiken – Kooperationen in den Regierungsbezirken

[83] Ergebnisse dieser Befragung sind nahezu deckungsgleich mit den Ergebnissen der Befragung der Sportvereinsvertreter (siehe Kapitel 4.4.3)

[84] In Bayern entspricht die im Modell aufgeführte teilgebundene Ganztagsschule der gebundenen Ganztagsschule.

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Problematik und Hemmnisse bei der Realisierung von Ganztagsangeboten in Bayern aus Sicht von Sportvereinen
Hochschule
Internationale Berufsakademie der F+U Unternehmensgruppe Darmstadt  (Internationale Berufsakademie der F+U Unternehmensgruppe gGmbH Darmstadt Studienort Freiburg)
Note
1,1
Autoren
Jahr
2014
Seiten
132
Katalognummer
V301575
ISBN (eBook)
9783656978138
ISBN (Buch)
9783656978145
Dateigröße
4964 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
problematik, hemmnisse, realisierung, ganztagsangeboten, bayern, sicht, sportvereinen
Arbeit zitieren
Idealverein für Sportkommunikation und Bildung (Hrsg.) (Autor)Kristina Unsleber (Autor), 2014, Problematik und Hemmnisse bei der Realisierung von Ganztagsangeboten in Bayern aus Sicht von Sportvereinen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301575

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