Das Psychotrauma. Auswirkungen am Beispiel der dissoziativen Identitätsstörung


Studienarbeit, 2009

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychotrauma
2.1. Definition
2.2. Traumatisierende Erlebnisse
2.3. Reaktion auf ein traumatisches Ereignis
2.3.1. Kurzfristige Folgen
2.3.2. Langfristige Folgen

3. Das Zersplitterte Selbst
3.1. Formen
3.2. Dissoziative Identitätsstörung
3.2.1. Definition
3.2.2. Wissenschaftliches Entstehungsmodell
3.3. Das System
3.5. Therapiemöglichkeiten

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Traumatische Zange von Huber, 2005

Abbildung 2: Aufspaltung der Persönlichkeit von Huber, 2005

Abbildung 3: Modell einer normalen und traumatischen Reaktion auf Extremstress von Horowitz, 1997

Das Psychotrauma – Auswirkungen am Beispiel der dissoziativen Identitätsstörung

1 Einleitung

IHRE MUTTER setzt sie vom Schoß auf den Boden. Ziemlich unsanft diesmal. Vor ein paar Tagen hat die Frau sie aus dem Heim geholt und gesagt, dass sie ihre Mutter sei. Giovanna drängt sich an das Knie der Frau und versucht erneut, auf ihren Schoß zu klettern. Die Mutter gibt ihr einen Schubs, dass sie hart auf die Dielen fällt. Großvater Karl blickt erstaunt von seiner Zeitung auf.

Das Kind fängt an zu weinen.

Komm, sagt die Frau genervt. Sie zerrt die Kleine an einem Arm hoch und zieht sie hinter sich her. Ein paar Steinstufen hinab, über den Hof, zum Kohlenkeller. Stößt sie in die dunkle Höhle, wirft die Tür zu und dreht den Schlüssel herum.

Ein leichtes Scheppern am Schloss. Langsam schiebt sich die Tür wieder auf.

Giovanna sieht, wie sich der Mann, der Karl heißt und den sie Opi nennt, vorsichtig durch den hellen Spalt zwängt. Sie schluchzt laut auf vor Erleichterung und klammert sich an ihm fest. Der Mann zieht ihren Kopf an seinen Leib, fängt an zu keuchen. Er hebt sie hoch, zieht ihr die Unterhosen aus, öffnet seinen Gürtel, schiebt seine Kleidung nach unten. Mit einem Arm presst er sie fest an sich, mit dem anderen greift er ihr von hinten zwischen die Beine, stößt mit dem Finger in sie hinein, drückt sie sich auf den Schoß.

Ein greller Schmerz. Nur kurz. Bis sie die Besinnung verliert.

(Ulrich, 2000, S. 1)

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Artikel, der mir vor einiger Zeit in die Hände gefallen ist, der mich schockierte, aber gleichzeitig auch faszinierte. Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Es handelt sich hierbei um eine Geschichte, in der sich alles um die kleine Giovanna dreht. Ihr wird schon im jüngsten Kindesalter immer wieder sehr viel Leid zugefügt. Um dieses Leid und die damit verbundenen Schmerzen abzuwenden, bilden sich nach und nach viele Persönlichkeiten in ihrem Innern. An ihrem fünfundvierzigsten Geburtstag sind es schließlich vierundvierzig verschiedene „Personen“, die abwechselnd ihren Körper besetzen (s.Anh.).

Ich habe mich nun über einen längeren Zeitraum mit dieser Thematik beschäftigt und bin so letztendlich zu meinem Studienarbeitsthema gelangt. Mich interessiert dabei besonders, wie es dazu kommt, dass sich die Seele „aufsplittet“ und andere Persönlichkeiten entstehen. Wie wird ein kleines Mädchen mit einer derartigen Erfahrung fertig und wie funktioniert dieser „Schutzmechanismus“ überhaupt? Zunächst allerdings werde ich erklären, was man denn unter einem Psychotrauma versteht, welche Ursachen und Auswirkungen es haben kann und zum Abschluss werde ich noch kurz auf Therapiemöglichkeiten eingehen.

2 Psychotrauma

Interpretationen des Begriffes Trauma gibt es in diversen Anwendungsbereichen, z.B. im medizinischen, biologischen und rechtlichen Kontext. In dieser Arbeit steht aber das psychische Trauma im Vordergrund, daher stammt auch der Begriff Psychotrauma.

2.1 Definition

Man stößt auf viele Beschreibungen und Erklärungen, wenn man sich näher mit dem Ausdruck Trauma befasst, deshalb liegt es Nahe, zum Ursprung des Begriffes zurück zu kehren.

Trauma wird aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet „Wunde“ oder auch „seelische Erschütterung“. Anfangs wurde dieser Ausdruck in der Fachsprache der Chirurgie verwendet und bezeichnet eine Verletzung des Körpers durch Fremdeinwirkung. Wenn wir jedoch im Alltag von einem Trauma sprechen, meinen wir nicht die körperliche, sondern eine psychische Verletzung (Peichl, 2007, S. 18, ff.). In dieser Interaktion versteht man unter Trauma laut Freud „ . . . ein Erlebnis, welches dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reizzuwachs bringt, dass die Erledigung oder Aufarbeitung der Selben in normal- gewohnter Weise missglückt, woraus dauernde Störungen im Energiebetrieb resultieren müssen“ (Freud, 1917, S. 284).

Heutzutage wird das Ausmaß der Gewalteinwirkung, die die Betroffenen während eines Traumas häufig erleben, in den Definitionen noch stärker in den Vordergrund gestellt, wie man anhand der Deklaration der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sehen kann. Hier wird Trauma beschrieben als „ . . . ein belastendes Ereignis oder eine Situation aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz- oder lang anhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verstörung hervorrufen würde“ (Weiß, 2003, S.17). Der Begriff Trauma muss allerdings noch differenziert werden, da man zwischen folgenden zwei Typen unterscheidet: Wenn man von einer Monotraumatisierung (Trauma Typ I) spricht, dann bezeichnet man damit eine einmalige und kurzfristige Sequenz beeindruckender Geschehnisse, wie z.B. ein Verkehrsunfall.

Wenn man allerdings von einer Polytraumatisierung spricht (Trauma Typ II), dann sind mehrere Traumatisierungen gemeint, die über einen längeren Zeitraum hinweg geschehen und sich wiederholen, wie das z.B. oft bei sexuellem Missbrauch der Fall ist.

Hier unterscheidet man nochmals zwischen multipler (mehrere voneinander unabhängige Ereignisse) -, sequentieller (über einen längeren Zeitraum immer wieder stattfindendes Ereignis) - und kumulativer (Anhäufung mehrerer Ereignisse) Traumatisierung.

Des Weiteren differenziert man zwischen primären und sekundären Traumata. Ein Trauma wird als primär bezeichnet, wenn der Leidtragende selbst eine direkte traumatisierende Situation erlebt. Von einem sekundären Trauma ist hingegen die Rede, wenn jemand eine Szene beobachtet, in der ein anderer der Leidtragende ist (Fischer & Schay, 2008, S 14, ff.).

2.2 Traumatisierende Erlebnisse

„Allen traumatisierenden Situationen ist gemeinsam, dass sie zunächst gewissermaßen aus dem Nichts heraus und unerwartet passieren.“

- Regina Thierbach, 2005

Es ist vollkommen irrelevant, ob man ein primäres oder sekundäres Trauma durchlebt, das Weltbild wird im Anschluss zerstört sein. Doch welche Erlebnisse können so eine „seelische Wunde“ hervorrufen?

Es gibt viele Ereignisse, die zu einem Psychotrauma führen können. Sexuelle und körperliche Gewalt sind eine Möglichkeit, Vernachlässigung und emotionale Gewalt eine andere. Weitere Komponenten sind ausserdem Verkehrsunfälle, Fehlgeburten, Abtreibungen, Entführungen, Überfälle, Geiselnahmen. Folter, Krieg usw.

Ebenso ist es denkbar ein Trauma zu erleiden, wenn eine geliebte Person stirbt (Langsdorff, 1996, S. 14, ff.).

Ein anderer, nicht von Menschen verursachter Auslöser ist z.B. eine Naturkatastrophe.

Sämtliche Traumata werden von starken Gefühlen der Angst, Hilflosigkeit, Kontrollverlust und nicht selten auch Todesängsten begleitet (Anders, 1999, S. 8, ff.).

Wie ausgeprägt die Traumatisierung im weiteren Verlauf sein wird, hängt in der Regel von der individuellen Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen ab, dennoch ist niemand davor gewappnet, da sich ein traumatisches Erlebnis häufig ohne Vorwarnung ereignet.

Im Schnitt macht jeder Zweite im Laufe seines Lebens eine Erfahrung mit potentiell traumatisierender Wirkung. In der Regel ziehen von Menschen ausgelöste Traumata schwerwiegendere Folgen nach sich als von Naturereignissen verursachte (Thierbach, 2005, S. 19, ff.).

2.3 Reaktion auf ein traumatisches Ereignis

„Psychisches Trauma ist das Leid der Ohnmächtigen. Das Trauma entsteht in dem Augenblick, wo das Opfer von einer überwältigenden Macht hilflos gemacht wird"

- Judith Hermann, 1993

Ein Trauma ist nicht unbedingt eine Prämisse für drastische Folgen, es hängt immer von der Art der Erfahrung, dem Alter, der sozialen Integrität und dem Grad der Vorbelastung ab, in welchem Umfang psychische Schwierigkeiten folgen. Nicht das traumatische Ereignis an sich, sondern die Verarbeitung und die Bedeutung, die der Betroffene dem Geschehenen beimisst, bestimmen die Ausprägung einer möglichen Erkrankung. Deshalb erlebt auch nicht jeder nach einem potentiellen traumatischen Erlebnis ein Trauma mit anschließend verheerenden Krankheitsfolgen.

Außerdem ist es ein Klischee, dass Auswirkungen unmittelbar nach dem Geschehenen zum Vorschein kommen, oft treten diese nämlich erst Wochen oder manchmal sogar Jahre später auf, wie beispielsweise die Schicksale vieler Opfer des Holocaust bestätigen.

Um sich vor einem Trauma zu schützen, hat der Körper eine komplexe Schutzreaktion entwickelt, mit deren Hilfe ein Überleben der menschlichen Psyche ermöglicht werden soll (Thierbach, 2005, S. 23, f.).

Die Traumaforscherin Huber meinte in diesem Zusammenhang: „Damit ein belastendes Ereignis zu einem Trauma für einen Menschen wird, muss eine Dynamik in Gang kommen, die sein Gehirn buchstäblich in die Klemme bringt“. (2005, S. 53)

Genau dieser Vorgang wird in der folgenden Abbildung beschrieben. Des Weiteren geht daraus hervor, wie der Körper versucht, sich vor eben dieser Klemme zu schützen. Um diesen komplizierten Mechanismus besser zu begreifen, folgt noch ein Beispiel, das Thierbach zur Vereinfachung konzipiert hat.

Grundsätzlich hat das menschliche Gehirn keine Probleme damit, massive Belastungen zu verarbeiten. In Stresssituationen werden Hormone ausgeschüttet, die die natürlichen Reflexe des Individuums in Gefahrensituationen unterstützen.

Diese natürlichen Reize werden als „fight-or-flight-Reaktion“ bezeichnet (vgl. Huber, 2005, S. 53, ff.) und das bedeutet, entweder zu kämpfen (fight) oder vor einer bedrohlichen Lage zu flüchten (flight). Wenn sowohl Kampf als auch Flucht nicht möglich sein sollte, es also kein Entrinnen gibt, kontert der Körper mit der so genannten „freeze-Reaktion“. Er bekämpft die Angst durch körpereigene Endorphine, woraufhin eine Lähmung und ein Entfremden vom Geschehen resultiert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Psychotrauma. Auswirkungen am Beispiel der dissoziativen Identitätsstörung
Hochschule
SRH Fachhochschule Heidelberg
Veranstaltung
Einführung Wissenschaftliches Arbeiten
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V301646
ISBN (eBook)
9783956872471
ISBN (Buch)
9783668003668
Dateigröße
820 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychotrauma, auswirkungen, beispiel, identitätsstörung
Arbeit zitieren
Iwana Janson (Autor), 2009, Das Psychotrauma. Auswirkungen am Beispiel der dissoziativen Identitätsstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301646

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