„So ist also die Erziehung durch Musik darum die vorzüglichste, weil Rhythmus und Harmonie am tiefsten ins Innere der Seele eindringen und ihr Anstand und Anmut verleihen.“ (Sokrates)
Die menschliche Stimme entsteht durch den Schall, der durch die Stimmlippen erzeugt und in Mund-, Rachen- und Nasenhöhlen moduliert wird. Der Mensch nutzt sie zur Übermittlung von Informationen in Form von Sprache und anderen Lauten wie Lachen, Weinen oder Schreien. Dabei drückt sie Wesentliches über den aktuellen Gemütszustand einer Person aus. Außerdem kann die Stimme wie ein Musikinstrument zur Erzeugung von Tönen, Klängen und Melodien eingesetzt werden. Die Singstimme wird jedoch nur von wenigen Menschen regelmäßig genutzt und trainiert, viele von ihnen sind der Meinung, nicht singen zu können. Umso wichtiger ist es, bereits Kindern ihre Singstimme bewusst zu machen und ihnen zu zeigen, wie man sie korrekt nutzt. „Jeder Mensch kann singen, ebenso wie er sprechen kann, denn das Singen gehört zu seinen natürlichen Veranlagungen“ (Fuchs 2010, S. 48). Kindern soll die Möglichkeit geboten werden, den Bezug zur eigenen Stimme zu finden und sich mit ihrem Körper auszudrücken.
Stimmbildung und Atemschulung finden heute an Grundschulen kaum statt. Wenn Lieder gesungen werden, dann passiert dies nicht selten ohne vorherige Einsing- oder Stimmbildungsübungen. Die Freude am Singen wird spätestens dann getrübt, wenn die Stimme durch mangelnde Technik nach kurzer Zeit bereits ermüdet oder gar Halsschmerzen oder Verspannungen auftreten (vgl. Göstl 1996, S. 49). Aufgrund des Mangels an ausgebildeten Musiklehrern wird das Fach häufig von sogenannten „Neigungslehrern“ unterrichtet, denen fachliche Hintergründe fehlen und die nicht in der Lage sind, Stimmdefizite zu erkennen. Das Feststellen von Stimmfehlern und der Umgang mit diesen Defiziten bedarf einer eigenen Gesangsausbildung oder einer langjährigen Erfahrung im Umgang mit Kinderstimmen. Außerdem sind Kinder selbst vor allem daran interessiert Lieder zu singen. Ihnen fehlt die Motivation für den Aufwand, den sie betreiben müssen, um klangliche Verbesserungen zu erreichen (vgl. ebd.). Denn anders als beim Instrumentalspiel sind Erfolge hier nicht so offensichtlich zu erkennen. Singen kann aus Kindersicht jeder, das Spielen des Klaviers muss erst erlernt werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Kinderstimme
2.1 Entwicklung und Physiologie des Stimmapparates
2.2 Besonderheiten
2.3 Umfang
2.4 Stimmfehler
3. Stimmbildung mit Kindern
3.1 Haltung und Atmung
3.2 Resonanzräume
3.3 Artikulation und Lockerheit
3.4 Vokalbildung und Vokalausgleich
3.5 Registertraining
4. Wirkung des Singens auf das Kind
4.1 Persönlichkeit, soziale Kompetenzen und weitere Wirkungen
4.2 Empirische Studien
5. Stimmbildung und Liederarbeitung im Unterricht
5.1 Rolle der Lehrkraft
5.2 Liedauswahl
5.3 Einsingen
5.4 Methoden Liederarbeitung
6. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Stimmbildung und Singen in der Grundschule unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung und soziale Kompetenzen von Kindern. Dabei wird beleuchtet, wie eine physiologisch korrekte Stimmführung durch fundierte pädagogische Anleitung nicht nur die musikalische Entwicklung fördert, sondern auch als wirkungsvolles Medium für ganzheitliche Bildung dient.
- Grundlagen der physiologischen Entwicklung und Besonderheiten der Kinderstimme
- Stimmbildnerische Methoden zur Förderung von Haltung, Atmung und Artikulation
- Wirkung des Singens auf das Sozialverhalten und die psychosomatische Gesundheit
- Empirische Nachweise über den Einfluss musikalischer Bildung auf schulische Leistungen
- Praktische Strategien zur Liederarbeitung und Stimmführung im Unterricht
Auszug aus dem Buch
3.1 Haltung und Atmung
90 % aller Stimm- und Atemfehler basieren auf Atemstörungen, diesem Teilgebiet sollte also besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden (vgl. Nitsche 2001, S. 35). Eine gründliche Ausatmung bewirkt einen Atemhunger und die Einatmung wird so auf natürliche Art und Weise ausgelöst. „Eine kurze Pause nach der Einatmung kann das Zwingende des Vorgangs verstärken“ (Nitsche 2001, S. 29). Lässt man Kinder auf stimmlose Konsonanten (f, s) ausatmen, so erleben sie den darauf folgenden unvermeidbaren Einatmungsimpuls bewusst. Diese Übung kann von Zeit zu Zeit wiederholt werden, um den Ablauf des natürlichen Einatmungsvorgangs zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Die Einatmungsmuskulatur, bestehend aus Zwerchfell und Zwischenrippenmuskeln, tritt dabei in Kraft und wird trainiert.
Um bei nicht „atemsicheren“ Kindern einen wohlgeformten Gesangston zu erzeugen, ist es hilfreich, erst auszuatmen, ehe man zu singen beginnt. Dazu kann der Anfangston des geplanten Liedes angesummt werden und so lange ausgehalten werden, bis die völlige Ausatmung gesichert ist. Bewusste Einatmung ohne vorbereitete Ausatmung ist nur mithilfe des Schnupperns möglich. „Die kurzen, vom Zwerchfell bewirkten Züge des Schnupperatems dienen zugleich der Bewusstmachung der Zwerchfellmuskulatur“ (Nitsche 2001, S. 31). Nach der vollzogenen Einatmung möchten sich Zwerchfell und Zwischenrippenmuskeln wieder entspannen, der Körper möchte die Atemluft möglichst schnell wieder hinaus befördern. Doch das hätte den „Sturz“ des Tons zur Folge. Die Einatmungsmuskulatur muss „in Aktion bleiben, bis der Ton verklungen ist“ (ebd.). Als äußerliche Hilfe kann dazu der gehobene Brustkorb dienen, dabei ist genau darauf zu achten, dass die Schultern nicht angehoben werden. Die Ausatmungsluft möchte durch den Mund entweichen. Als Übung wird der Mund geschlossen, damit die Luft nur durch die Nase hinausgehen kann. Das gleichzeitige Summen auf m, n, ng oder Vokalisieren auf e und i hilft, die Ausatmungsluft schwingen zu lassen, ohne dass sie sich schnell verbraucht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verdeutlicht die Notwendigkeit von Stimmbildung im Grundschulalter und erläutert die Bedeutung der menschlichen Stimme als Musikinstrument.
2. Die Kinderstimme: Dieses Kapitel behandelt die physiologischen Grundlagen, die Entwicklung der Singfähigkeit sowie auftretende Stimmfehler und deren Ursachen.
3. Stimmbildung mit Kindern: Es werden konkrete stimmbildnerische Techniken vorgestellt, die von der Haltung und Atmung bis hin zum Registertraining reichen.
4. Wirkung des Singens auf das Kind: Dieser Abschnitt analysiert den Einfluss des Singens auf die Persönlichkeitsentwicklung, soziale Kompetenzen und präsentiert relevante empirische Studien.
5. Stimmbildung und Liederarbeitung im Unterricht: Hier werden die Rolle der Lehrkraft, Kriterien der Liedauswahl sowie methodische Ansätze für die praktische Unterrichtsarbeit erörtert.
6. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und unterstreicht die Rolle des Musikunterrichts bei der Förderung der kindlichen Gesamtentwicklung.
Schlüsselwörter
Stimmbildung, Kinderstimme, Singen, Grundschule, Atemtechnik, Stimmphysiologie, Persönlichkeitsentwicklung, Sozialkompetenz, Registertraining, Vokalbildung, Musikerziehung, Lieddidaktik, Atemstörung, Resonanzräume, musikalische Förderung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Stimmbildung und Singen als Mittel zur Förderung der kindlichen Persönlichkeit und sozialer Kompetenzen im Grundschulalter.
Welches ist das zentrale Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch eine fundierte, methodisch geleitete Stimmbildung die Singfähigkeit von Kindern bewahrt und gestärkt werden kann, um gleichzeitig positive Transfereffekte auf Körper, Geist und Sozialverhalten zu erzielen.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die zentralen Felder sind die Physiologie der Kinderstimme, die methodischen Grundlagen der Stimmbildungsarbeit, die psychosomatischen Wirkungen des Singens sowie die praktische Gestaltung des Musikunterrichts.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der Analyse bestehender empirischer Schulversuche zur Wirkung erweiterter Musikerziehung auf die Schülerentwicklung.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Stimmbildung (Atmung, Resonanz, Register), die Erläuterung der Wirkungsweise von Musik auf Kinder sowie praxisorientierte Ansätze für Lehrkräfte in der Grundschule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Stimmbildung, soziale Kompetenz, Persönlichkeitsentwicklung, musikalische Bildung und Atemtechnik definiert.
Wie gehen Lehrkräfte am besten mit der "Mutation" bei Jungen um?
Die Arbeit empfiehlt, Jungen während des Stimmwechsels nicht zum Schweigen zu zwingen, sondern sie unter Berücksichtigung ihrer individuellen stimmlichen Belastbarkeit weiterhin behutsam in den Gesangsprozess einzubinden.
Welche Bedeutung hat das "Einsingen" für den Grundschulunterricht?
Das Einsingen dient nicht nur der stimmlichen Vorbereitung und Korrektur von Fehlern, sondern fungiert auch als psychisches Ankommen und Mittel zur Stärkung des Klassenzusammenhalts.
Warum wird von "Neigungslehrern" abgeraten, ohne Vorkenntnisse zu singen?
Ohne fachliche Ausbildung oder Erfahrung in der Kinderstimmbildung besteht die Gefahr, dass Stimmdefizite nicht erkannt oder durch falsches Repertoire (zu tiefe Lagen) sogar manifestiert werden, was die kindliche Stimme schädigen kann.
- Arbeit zitieren
- Eva Zilles (Autor:in), 2015, Stimmbildung und Singen in der Grundschule unter dem Aspekt der Wirkung auf die Persönlichkeit und auf soziale Kompetenzen von Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301661