Hartmann von Aues "Armer Heinrich". Darstellung der Lepra und der Heilmethoden vor dem historischen Hintergrund


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Infektionskrankheit Lepra

3. Lepra im Mittelalter - das Schicksal der Erkrankten
3.1 Die Untersuchung: ‚examen leprosorum‘
3.2 Leprosenhäuser
3.3 Mittelalterliche Behandlungsmethoden
3.3.1 Die hippokratische Humorallehre und Medizin im Mittelalter
3.3.2 Medikamente und Therapiemaßnahmen
3.3.2.1 Die Bluttherapie

4. Die Lepra im Armen Heinrich
4.1 Schilderung der Krankheit
4.2 Die Veränderung in Heinrichs Leben
4.3 Besuch in Salerno und Montpellier
4.3.1 Die Heilung: Das Blut einer Jungfrau

5. Fazit

1. Einleitung

Die Infektionskrankheit Lepra zählt zu den schwerwiegendsten Seuchen des Mittelalters und fand vor allem in den dicht besiedelten Städten mit mangelnder Hygiene die besten Möglichkeiten zu einer weit reichenden Verbreitung. Dennoch zählt Lepra zu den am wenigsten ansteckenden Krankheiten. Daher ist davon auszugehen, dass nicht alle Personen, an denen die mittelalterlichen Zeitgenossen das ‚mycobacterium leprae‘ vermuteten oder diagnostizierten, tatsächlich an Lepra erkrankt waren. Vermutlich hatten sie vielmehr andere Hauterkrankung, die mit entstellten Hautpartien oder Gliedmaßen einhergingen, zu erdulden.1

Die Hochzeit ihrer Verbreitung erfuhr die Lepra wahrscheinlich im 13. Jahrhundert. Die Bevölkerungszahlen erhöhten sich zu diesem Zeitpunkt maßgeblich, der Infektion bot sich demnach genug Nährboden. Innerhalb dieses Zeitraums kam es auch vermehrt zur Gründung von so genannten Leprosorien, in denen die Leprakranken außerhalb der Städte untergebracht und versorgt wurden.2 Historiker von heute vermuten, dass bereits im 12. Jahrhundert etwa 19.000 Leprosenhäuser in ganz Europa bestanden. Dabei ist immer noch nicht im vollen Umfang geklärt, wie die mittelalterlichen Zeitgenossen den Erkrankten begegneten.3 Der weit verbreitet Terminus ‚Aussatz‘ macht die gesellschaftlichen und sozialen Folgen der Infizierten deutlich: Von den Gesunden abgeschottet, fristeten sie ihr Leben von nun an - im besten Fall - in den Leprosorien oder zogen auf Almosen angewiesen als Bettler von Stadt zu Stadt.4 Es ist allerdings unklar, ob dieses Bild der ausgestoßenen Leprakranken tatsächlich auf der mittelalterlichen Vergangenheit beruht, oder erst im 19. Jahrhundert vorsätzlich mit den Vorstellungen des Mittelalters verbunden wurde, um die Zwangsisolierung von den zu dieser Zeit an Lepra Erkrankten durchzusetzen.5

Fest steht, dass die mittelalterlichen Behandlungsmethoden vielfältig sind und aus heutiger Sicht oft auch abenteuerlich wirken. Sie beruhten sowohl auf der hippokratischen Humorallehre als auch auf dem Glauben an Gott. Jedoch war die Lepra im Mittelalter nicht heilbar. Die vielfältigen medizinischen Pflegen und Therapien konnten maximal eine Linderung der Infektionsfolgen herbeiführen. Verbreitet war ebenso der Blutaberglaube, der auch in Hartmanns von Aue Erzählung Der arme Heinrich hineinspielt. Das Werk entstand vermutlich um 1190 und gibt sowohl einen Einblick in die sozialen Folgen der Lepra als auch in die Medizin des Mittelalters und den damit verbundenen Glauben in Gottes Kraft und sein Wirken.

Diese Arbeit setzt sich unter Berücksichtigung des historischen Hintergrunds mit der Verserzählung Der arme Heinrich auseinander und gibt dabei zuerst einen kurzen Einblick in den Krankheitsverlauf der Lepra. Zum besseren Verständnis geht sie näher auf die Medizin des Mittelalters sowie das ‚examen leprosum‘ - auch genannt Lepraschau - ein und vergleicht diese Aspekte mit dem Werk Hartmanns. Welche medizinischen Vorstellungen der Krankheit und ihrer Behandlung greift der Autor auf und wie sind diese mit den tatsächlichen Vorgehensweisen mittelalterlicher Ärzte vereinbar? Mit welchen gesellschaftlichen Folgen hat Heinrich zu kämpfen und wie genau waren die Behandlungsmethoden, wenn im Mittelalter ein Mensch an Lepra erkrankt war? Dabei geht diese Arbeit auch näher auf den Blutaberglauben ein und wie Hartmann diesen in seinem Werk umsetzte. Am Ende soll aufgezeigt werden, ob und inwiefern die medizinische Betreuung in Der arme Heinric h mit den heute in der Forschung bekannten Fakten der Lepratherapie im Mittelalter übereinstimmt.

2. Die Infektionskrankheit Lepra

Heutzutage unterscheiden die Mediziner vier Formen der Lepra: Ist das Immunsystem des Infizierten stark genug, kann es ihn vor dem ‚mycobacterium leprae‘ schützen, ohne dass die bekannten Symptome auftreten. Bei einem schwachen Immunsystem jedoch kommt es zur tuberkuloiden Form der Lepra. Hierbei greift die Krankheit das Haut- und Nervengewebe an. Auffällige Hautflecken und die Bildung von Knoten auf der Haut sind die Folge. Wenn die Immunreaktion des Körpers jedoch gar nicht oder zu spät einsetzt, erkrankt die infizierte Person an der lepromatösen Lepra. Das Bakterium kann sich ungehindert im ganzen Körper ausbreiten. Zahlreiche Knoten im Gesicht, die im Laufe des Befalls miteinander verwachsen sowie der Verlust der Augenbrauen und das Einsinken der Nase bilden mit der Zeit das für die Krankheit typische ‚Löwengesicht‘. Knochen und Knorpel werden von der Lepra angegriffen und auf den Schleimhäuten in Nase und Hals entstehen Geschwüre. Schließlich dringt der Erreger in die Blutbahn ein und infiziert die inneren Organe. Die befallenen Hautpartien sind dabei taub und gefühllos, weshalb dem Erkrankten äußere Verletzungen verborgen bleiben und Geschwüre sich ungehindert bilden. Zuletzt kommt es zur Deformation von Händen und Füßen, der Zerstörung des Nervensystems und zur Erblindung.6

Sowohl der Verlauf der Krankheit nach ihrem Ausbruch als auch ihre Inkubationszeit sind extrem lang. Leprakranke Patienten können noch jahrelang unter ihren Gebrechen leiden. Zudem können bis zum Aufkommen der Krankheit Monate bis Jahre vergehen. Heute sind den Medizinern Inkubationszeiten von 20, 30 und sogar 40 Jahren bekannt.7

3. Lepra im Mittelalter - das Schicksal der Erkrankten

Wer an Lepra erkrankte, hatte den mittelalterlichen Vorstellungen zufolge die Strafe Gottes für ein sündhaftes Leben auf sich geladen. Der übermäßige Genuss von Alkohol und fetten Speisen sowie ungezügelte Triebhaftigkeit nahmen nach Meinung der Zeitgenossen unmittelbar Einfluss auf die Gesundheit und konnten demnach mit einer Infektion zusammenhängen.8

„Der Aussatz, der von Schlemmerei und Trunksucht herrührt, läßt rötliche Geschwülste […] entstehen [...]. Der durch die Leber verursachte Aussatz macht an der Haut und im Gewebe des Menschen bis auf die Knochen herab Risse und schwarzgefärbte Stellen. Aussatz aber als Folge der Wollust verursacht breitflächige Geschwüre, einer Baumrinde ähnlich, während unter ihnen die Gewebe rötlich gefärbt erscheinen.“9

Die Reaktionen auf Leprakranke waren angesichts der teilweise stark entstellten Körper entsprechend vielfältig: Entsetzen, Furcht oder auch Anfeindungen waren die Erkrankten ausgesetzt. Doch ihnen begegneten auch Mitgefühl und Wohltätigkeit.10 Denn obwohl nach der mittelalterlichen Auffassung die Erkrankten selbst Schuld an ihrer misslichen Lage hatten, betrachteten die Menschen im Mittelalter die Pflege der Leprakranken aufgrund ihres Glaubens an Christus als eine Tat christlicher Nächstenliebe, denn die Ausstoßung von Kranken aus der Gemeinschaft ließ sich nur schlecht mit den religiösen Vorstellungen vereinbaren.11 Verbreitet war auch das Bild einer harten Prüfung Gottes, der sich die Erkrankten zu unterziehen hatten. Demnach würden sie von Gott auf die Probe gestellt werden und hätten bei Bewährung am Ende ihres Leidens eine Läuterung erlangt. Folglich seien sie vor dem Fegefeuer verschont und erreichten nach ihrem Tod sogleich Eingang ins Himmelsreich.12

Doch bereits im Mittelalter war den Menschen bewusst, dass die Lepra übertragbar ist. Dies wirkte sich selbstverständlich tiefgreifend auf den Umgang mit der Krankheit und den Infizierten aus. So finden sich im 13. und 14. Kapitel des Buches Leviticus Instruktionen für den Umgang mit Lepraverdächtigen und -kranken. Hiernach sollten bedenkliche Hautstellen von Priestern begutachtet werden, wonach sie eine Diagnose stellen sollten, die entscheidend für die Zukunft des Betroffenen war. Bei der Diagnose ‚unrein‘ durften die Erkrankten auch an religiösen Handlungen, beispielsweise dem Gottesdienst, nicht länger teilnehmen, ehe die Krankheitssymptom verschwunden waren. „Solange der Befund auf ihn zutrifft, ist er unrein; er bleibt unrein und soll darum abgesondert wohnen; außerhalb des Lagers sei sein Aufenthalt“13.14

Trat die Lepra in einigen Gebieten übermäßig oft zu Tage, erwirkten die zuständigen Behörden häufig eine allgemeine Anzeigepflicht. Verdächtige Personen waren zu melden. Solche Anzeigen konnten selbstverständlich auch auf verunsicherten Menschen oder gar missgünstige Nachbarn zurückgehen, doch solchen Handlungen wurde entgegengesteuert, indem teilweise nur streng festgelegte Berufsgruppen - Pfarrer, Bader oder Ärzte - für die Meldungen zugelassen wurden. Wer als Verdächtig gemeldet worden war, bekam letztendlich den Befehl, sich zu einem examen leprosorum einzufinden.15

3.1 Die Untersuchung: ‚examen leprosorum‘

Die Zusammensetzung der Prüfer einer Lepraschau war abhängig von der Region und variierten auch mit der Zeit. So konnte das Gremium nur aus Geistlichen bestehen, beispielsweise in Trier, oder auch aus städtischen Wundärzten, wie im spätmittelalterlichen Frankfurt.16 Teilweise untersuchten somit Mediziner die Verdächtigen. Aber auch durch Eid verpflichtete Bewohner eines Leprosoriums, also an Lepra erkrankte Personen, konnten die Untersuchungen vornehmen. Indem das ‚examen leprosorum‘ nicht im Heimatort der Lepraverdächtigen stattfand und somit von einem ortsfremden Rat durchgeführt wurde, sollte gewährleistet werden, dass die Lepraschau ohne eine subjektive und parteiische Beurteilung verfälscht werden konnte.17

Während der Untersuchung inspizierte die Kommission als charakteristisch geltende Kennzeichen der Lepra, diese galten als ‚sichere‘ beziehungsweise ‚unsichere‘ Merkmale. Ein bekanntes waren beispielsweise die gefühllosen Hautflecken.18 Während der Lepraschau inspizierte das Gremium somit die Haut aber auch Hände, Füße und die Gelenke. Doch vor allem das Gesicht eines Verdächtigen wurde gewissenhaft untersucht, da das bereits in Kapitel 2 erwähnte ‚Löwengesicht‘ als sicheres Indiz galt. Es kam zur Überprüfung der Nase, ob Geschwulste in den Nasengängen vorhanden waren oder ob sie eingesunken war beziehungsweise dieser Vorgang bereits eingesetzt hatte. Hatte die Lepra den Kehlkopf und die Stimmlippen angegriffen, konnte hierüber eine Singprobe Aufschluss geben.

[...]


1 Vgl.: Mary Dobson: Seuchen, die die Welt veränderten. Von Cholera bis Sars, Hamburg 2009, S. 20-27.

2 Vgl.: Kay Peter Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter, Darmstadt 2005, S. 121.

3 Vgl.: Dobson: Seuchen, die die Welt veränderten, S. 20-27.

4 Vgl.: Ulrich Knefelkamp, Kristian Bosselmann-Cyran (Hgg.): Grenze und Grenzüberschreitung im Mittelalter. 11. Symposium des Mediävistenverbandes vom 14. bis 17. März 2005 in Frankfurt an der Oder, Berlin 2007, S. 408.

5 Vgl.: Dobson: Seuchen, die die Welt veränderten, S. 20-27.

6 Vgl.: Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie, S. 119f.

7 Vgl.: Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie, S. 120 (Anm. 5).

8 Vgl.: Hannah Lesshafft: Krankheits- und Therapiekonzepte der Lepra im mittelalterlichen Deutschland. In: Die Klapper 14 (2006), S. 11.

9 Hildegard von Bingen: Heilkunde. Das Buch von dem Grund und Wesen und der Heilung der Krankheiten, hg. von Heinrich Schipperges, Salzburg 1957, S. 243.

10 Vgl.: Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie, S. 120.

11 Vgl.: Lesshafft: Krankheits- und Therapiekonzepte der Lepra im mittelalterlichen Deutschland, S. 12.

12 Vgl.: Knefelkamp, Bosselmann-Cyran (Hgg.): Grenze und Grenzüberschreitung im Mittelalter, S. 411.

13 Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie, S. 120 (Anm. 12).

14 Vgl.: Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie, S. 120.

15 Vgl.: Knefelkamp, Bosselmann-Cyran (Hgg.): Grenze und Grenzüberschreitung im Mittelalter, S. 403.

16 Vgl.: Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie, S. 132 (Anm. 63).

17 Vgl.: Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie, S. 132.

18 Vgl.: Ebd., S. 133.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Hartmann von Aues "Armer Heinrich". Darstellung der Lepra und der Heilmethoden vor dem historischen Hintergrund
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Medizinisches Wissen in deutschen Texten des Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V301748
ISBN (eBook)
9783956874765
ISBN (Buch)
9783668005204
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Infektionskrankheit, Lepra, MIttelalter, Heilmethoden, Krankheit, Therapie, Leprosenhäuser, examen leprosorum, Heinrich, Armer Heinrich, Blut, Jungfrau, Blutaberglaube, Hartmann von Aue
Arbeit zitieren
Rebecca Schwarz (Autor), 2012, Hartmann von Aues "Armer Heinrich". Darstellung der Lepra und der Heilmethoden vor dem historischen Hintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301748

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