Das Argument, Kolonien seien für die heimische Industrie wichtig als Absatzmärkte und Rohstoffquellen, ist schon so alt wie der koloniale Gedanke in Deutschland selbst. Was die Rohstoffquellen angeht, warb der Handelskapitän Joachim Nettelbeck schon im ausgehenden 18. Jahrhundert bei Preußens Königen Friedrich II. und Friedrich Wilhelm IV. für die Gründung von Plantagenkolonien: „Man wird sich aus meinem früheren Seeleben erinnern, das zu Anfange des Jahres 1773 unser Sklavenschiff, eines empfangenen Lecks wegen, genöthigt gewesen, in den Fluß Koromantin, zwischen Surinam und Berbice, einzulaufen, und wie damals dort eine ungemein fruchtbare, aber noch von keiner europäischen Macht in Besitz genommene Landschaft vorgefunden. Flugs wirbelte mir auch dieser letztere Umstand im Kopf herum, der preußische Patriotismus ward in mir lebendig und ich sann und sann, warum denn nicht mein König hier eben so gut, als England und Frankreich, seine Kolonien haben und Zucker, Kaffee und andere Kolonialwaren eben, wie Jene, anbauen lassen sollte?“
Am Ende des 19. Jahrhunderts erweiterte dann ein neuer, in Europa dringend benötigter Rohstoff die Palette der begehrten kolonialen Erzeugnisse: Baumwolle. Hatten bislang die „klassischen“ Rohstoffe wie Gewürze, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak im Blickfeld gestanden, so schob sich die Baumwolle durch die fortschreitende Industrialisierung immer mehr in den Vordergrund. Denn im Zuge der Mechanisierung des Textilgewerbes hatte sich Baumwollkleidung nach 1848 von einem Luxusgut zu einem Massenartikel gewandelt. Die einsetzende Massenproduktion in Fabriken sowie die steigende Nachfrage an Baumwollkleidung in Folge des Bevölkerungsanstiegs machten immer größere Baumwollimporte aus Übersee, die enorme Summen verschlangen, nötig. Die Tatsache, daß Deutschland wie auch alle anderen europäischen Industrienationen, aus klimatischen Gründen auf den Import von Baumwolle angewiesen waren, schien Friedrich Fabris Aussage, nach der Kolonien für Deutschland ein „unabweisbares Bedürfnis“ seien, zu bestätigen. Wie der „Vater der deutschen Kolonialbewegung“, sahen auch andere Kolonialpropagandisten wie Wilhelm Hübbe-Schleiden oder Ernst von Weber, noch von der Denkweise des Merkantilismus geprägt, die Bedeutung überseeischer Gebiete in dem Austausch-prozeß deutscher Exportgüter gegen koloniale Rohstoffe.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. DIE BAUMWOLLE - EIN ROHSTOFF VERÄNDERT DIE WELT
I.1. Die Baumwollproduzenten von 1800 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
I.2. Die deutsche Textilindustrie - Baumwollverbrauch und Beschäftigtenzahlen
II. „COTTON FAMINE“ - „DIE BAUMWOLL(HUNGERS)NOT
II.1. „Tributzahlungen“ an Amerika - Die „Baumwollnot“ in Deutschland
II.2. Kolonialer Baumwollanbau - Die Antwort auf die Baumwollfrage?
III. DAS KOLONIAL - WIRTSCHAFTLICHE KOMITEE
IV. DER BAUMWOLLANBAU IN DEUTSCH - OSTAFRIKA
IV.1. Die Phase von 1885 - 1902: Erste Pflanzungsversuche der DOAG und der Traum vom „Exportartikel Baumwolle“
IV.2. Die Phase von 1902 - 1910: Die Nutzbarmachung des Schutzgebietes
IV.2.1. Der Baumwollanbau durch das KWK - Zielsetzungen und Aktivitäten
IV.2.1.1. Die Organisationsstruktur und das wissenschaftliche Versuchswesen
IV.2.1.2. „Preisgarantien und Ginanlagen“ - Unterstützungsmaßnahmen für Einheimische und Siedler
IV.2.2. Das „cotton scheme“ und der Maji-Maji-Aufstand
IV.2.3. Reformen und Wirtschaftsansätze nach dem Maji-Maji-Aufstand
IV.2.3.1. Kolonial-Staatssekretär Dernburgs Reformpläne
IV.2.3.2. „Am Rufiji ist der Baumwollbau als Volkskultur eingeführt!“ - Die Eingeborenenkultur nach dem Maji-Maji-Aufstand
IV.2.3.3. Neue Wirtschaftsformen: Weiße Siedler und europäische Plantagen
Exkurs: Die „Otto-Pflanzung Kilossa“
IV.3. Die Phase von 1910 - 1914: „Den kolonialen Baumwollbau auf eine breitere Grundlage stellen.“
IV.3.1. Die Aufgaben der deutschen Kolonialverwaltung
IV.3.2. Die Arbeit des Kolonial - Wirtschaftlichen Komitees nach 1910
IV.4. Zwischenergebnis
V. DER BAUMWOLLANBAU IN WESTAFRIKA
V.1. Togo - Ein „deutsches Ägypten“?
V.2. Kamerun - Neuer Hoffnungsträger in Westafrika
VI. DER BAUMWOLLANBAU IN DEN ÜBRIGEN SCHUTZGEBIETEN
VI.1. Deutsch-Südwestafrika
VI.2. Die Südseebesitzungen
VI.3. Das Pachtgebiet Kiautschou
VII. EXKURS: MISSION UND BAUMWOLLANBAU
VIII. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des kolonialen Baumwollanbaus als Strategie zur Sicherung der Rohstoffversorgung der deutschen Industrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum steht die Analyse der Rolle des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees (KWK) und der damit verbundenen wirtschaftlichen sowie agrarpolitischen Maßnahmen, insbesondere in Deutsch-Ostafrika.
- Die historische Genese der „Baumwollnot“ und deren Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft.
- Die Organisationsstruktur und Zielsetzung des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees (KWK).
- Die vergleichende Analyse verschiedener Wirtschaftsformen im Baumwollanbau, wie Plantagenwirtschaft versus bäuerliche Produktion.
- Die Auswirkungen kolonialwirtschaftlicher Maßnahmen auf die einheimische Bevölkerung und der Zusammenhang mit Aufstandsbewegungen.
- Die Rolle der deutschen Kolonialverwaltung und die Reformansätze unter Staatssekretär Bernhard Dernburg.
Auszug aus dem Buch
Die Baumwolle - Ein Rohstoff verändert die Welt
Die Baumwolle ist in tropischen und subtropischen Gebieten zwischen 41° nördlicher Breite und 36° südlicher Breite heimisch. Angebaut wird die Pflanze im „cotton belt“, dem „Baumwollgürtel“ der sich über Nord- und Südamerika, Afrika und Asien erstreckt. Bei der Baumwolle handelt es sich um eine strauch- bzw. baumartige Pflanze mit drei- bis siebenlappigen Blättern und elfenbeinfarbenen, gelben bis purpurnen Blüten.
„Die Fruchtkapsel hat die Größe einer Walnuß und enthält in ihrem Innern eine große Anzahl mit mehr oder weniger langen Haaren bekleidete Samen . Reif springt die Kapsel auf und die Samenhaare, welche die Baumwolle darstellen, quellen in dichtem Knäuel hervor[...].“23
Der kostspieligste Teil der Baumwollkultur ist die Ernte, da die Samenkapseln über einen bestimmten Zeitraum verteilt reifen. Um die noch unreifen Kapseln bei der Ernte nicht zu beschädigen, mußte die Baumwolle im behandelten Zeitraum noch per Hand gepflückt werden. Dies führte in allen Gebieten des „cotton belt“, während der Erntemonate zu einem enormen Arbeiterbedarf. Die geerntete Baumwolle wurde dann in mechanischen oder mit Dampfkraft betriebenen Ginanlagen24 weiterverarbeitet, in einem zweiten Schritt zu Ballen25 gepreßt und auf dem Weltmarkt angeboten. Die „Abfallprodukte“ wie die Stengelrinde der Baumwolle dienten zur Papierherstellung. Die Samenkerne wurden oft zu Speiseöl verarbeitet oder als Saatgut für die nächste Aussaat verwendet.26
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die historische Bedeutung der Rohstoffquellen für die deutsche Industrie dargelegt und die Forschungsfrage zur Rolle des KWK bei der Sicherung der Baumwollversorgung formuliert.
I. DIE BAUMWOLLE - EIN ROHSTOFF VERÄNDERT DIE WELT: Dieses Kapitel erläutert die botanischen Grundlagen der Baumwollpflanze sowie die globale Entwicklung der Produktionsgebiete und den rasanten Anstieg des Verbrauchs in der deutschen Textilindustrie.
II. „COTTON FAMINE“ - „DIE BAUMWOLL(HUNGERS)NOT: Hier wird der historische Kontext der „Baumwollnot“ durch den amerikanischen Bürgerkrieg und die spätere Abhängigkeit vom amerikanischen Monopol analysiert.
III. DAS KOLONIAL - WIRTSCHAFTLICHE KOMITEE: Das Kapitel beleuchtet die Entstehung, Organisation und die zentralen Aufgaben des KWK als steuernde Kraft des kolonialen Baumwollanbaus.
IV. DER BAUMWLLANBAU IN DEUTSCH - OSTAFRIKA: Die verschiedenen Phasen der agrarwirtschaftlichen Erschließung in Deutsch-Ostafrika, von den Anfängen bis zur Institutionalisierung unter Dernburg, werden detailliert untersucht.
V. DER BAUMWOLLANBAU IN WESTAFRIKA: Hier werden die Versuche und spezifischen Herausforderungen des Baumwollanbaus in den Kolonien Togo und Kamerun dargestellt.
VI. DER BAUMWOLLANBAU IN DEN ÜBRIGEN SCHUTZGEBIETEN: Dieses Kapitel fasst die gescheiterten oder unbedeutenden Versuche in Deutsch-Südwestafrika, den Südseebesitzungen und Kiautschou zusammen.
VII. EXKURS: MISSION UND BAUMWOLLANBAU: Es wird das Zusammenspiel von religiösen Missionsgesellschaften und kolonialen Wirtschaftsinteressen bei der Erziehung zur landwirtschaftlichen Produktion hinterfragt.
VIII. SCHLUSSBETRACHTUNG: Das Fazit bewertet den Erfolg der kolonialen Baumwollpolitik hinsichtlich der Ziele der deutschen Industrie und setzt diese in den Kontext der internationalen Entwicklung nach 1914.
Schlüsselwörter
Baumwolle, Kolonialwirtschaft, Kolonial-Wirtschaftliches Komitee, Baumwollnot, Rohstoffversorgung, Deutsch-Ostafrika, Togo, Kamerun, Plantagenwirtschaft, Eingeborenenkultur, Maji-Maji-Aufstand, Bernhard Dernburg, Textilindustrie, Imperialismus, Landwirtschaftliche Versuchsanstalten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bemühungen des Deutschen Reiches und privater Organisationen, die Abhängigkeit von ausländischer Baumwolle durch den Aufbau eigener Anbaugebiete in den deutschen Kolonien zu verringern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Organisation durch das KWK, den agrartechnischen Methoden, der Einbindung der einheimischen Bevölkerung als Produzenten und den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen der Kolonialzeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, inwieweit das Ziel, die deutsche Textilindustrie als „Rohstoffbasis“ autark zu machen, durch diese kolonialwirtschaftlichen Anstrengungen erreicht wurde und welche Motive (wirtschaftlich vs. national) dabei dominierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung zeitgenössischer Quellen, insbesondere der Berichte des KWK, der Kolonialpresse und offizieller Denkschriften, basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Entwicklungen in den unterschiedlichen Kolonien (insbesondere DOA, Togo und Kamerun) detailliert analysiert, wobei auf die verschiedenen Phasen, Akteure und die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung eingegangen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kolonialwirtschaft, Baumwollanbau, Rohstoffsicherung, Wirtschaftsimperialismus und das KWK charakterisieren.
Welche Rolle spielte das "cotton scheme" in Deutsch-Ostafrika?
Das "cotton scheme" bezeichnete ein staatlich verordnetes System kommunaler Baumwollfelder, das auf administrativen Druck und Zwangsarbeit setzte, um Baumwolle als "Volkskultur" zu etablieren, was maßgeblich zum Maji-Maji-Aufstand beitrug.
Inwiefern beeinflusste Bernhard Dernburg den kolonialen Baumwollbau?
Dernburg initiierte durch seine Reformpläne eine aktivere Rolle des Reiches und eine Professionalisierung des Versuchswesens, wobei er das Ziel verfolgte, Investitionen der Industrie zu fördern und durch eine Kooperation zwischen RKA und KWK die Effizienz zu steigern.
- Quote paper
- Tobias Döpker (Author), 1999, Die Versorgung der deutschen Industrie mit Rohstoffen aus den eigenen Kolonien - Am Beispiel der Baumwolle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30183