"Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung". Interpretation von zwei Texten aus Franz Kafkas "Betrachtung"


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2015
46 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einordnung der Betrachtungs-Texte in Kafkas Gesamtwerk

2 Die beiden Bedeutungen des Begriffs ‚Betrachtung‘

3 Der Junggeselle als betrachtendes Ich

4 Die wissenschaftliche Vernachlässigung der Betrachtungs-Texte

5 Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten

6 Inhaltliche und formale Analyse des Textes Die Vorüberlaufenden

7 Schlussbemerkung zu den wenigen Interpretationen

8 Inhaltliche und formale Analyse des Textes Die Abweisung
8.1 Notwendige Vorbemerkung
8.2 Inhaltliche und formale Analyse des Textes Die Abweisung

9 Wie Kafka die Abweisung instrumentalisiert hat

10 Literaturverzeichnis

Franz Kafka, Die Vorüberlaufenden

Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazierengeht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar - denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond -, uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter-laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, dass die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, dass wir auch den zweiten nicht mehr sehn.1

Franz Kafka, Die Abweisung

Wenn ich einem schönen Mädchen begegne und sie bitte: „Sei so gut, komm mit mir“ und sie stumm vorübergeht, so meint sie damit:

„Du bist kein Herzog mit fliegendem Namen, kein breiter Amerikaner mit indianischem Wuchs, mit waagrecht ruhenden Augen, mit einer von der Luft der Rasen-plätze und der sie durchströmenden Flüsse massierten Haut, du hast keine Reisen gemacht zu den großen Seen und auf ihnen, die ich weiß nicht wo zu finden sind. Also ich bitte, warum soll ich, ein schönes Mädchen, mit dir gehn?“

„Du vergisst, dich trägt kein Automobil in langen Stößen schaukelnd durch die Gasse; ich sehe nicht die in ihre Kleider gepressten Herren deines Gefolges, die, Segenssprüche für dich murmelnd, in genauem Halbkreis hinter dir gehn; deine Brüste sind im Mieder gut geordnet, aber deine Schenkel und Hüften entschädigen sich für jene Enthaltsamkeit; du trägst ein Taffetkleid mit plissierten Falten, wie es im vorigen Herbste uns durchaus allen Freude machte, und doch lächelst du - diese Lebensgefahr auf dem Leibe - bisweilen.“

„Ja, wir haben beide recht, und, um uns dessen nicht unwiderleglich bewusst zu wer-den, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause gehn.“2

1 Einordnung der Betrachtungs-Texte in Kafkas Gesamtwerk

„Die Einteilung von Kafkas Werk in eine Frühphase (bis 1912), die Reifezeit (1912-1917/18) und eine Spätphase (1921-1924) deckt sich mit wichtigen Zäsuren im Leben des Dichters, besonders die Jahre 1912 (Kennenlernen von Felice Bauer, Hei-ratspläne) und 1917 (Ausbruch der Krankheit) können als wichtige Lebenswende-punkte gelten, die auch für die Werkphasen von Bedeutung sind.“3

Zu den Werken der Frühphase zählen Die Beschreibung eines Kampfes (1904/05), das Fragment Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande (1906/07) und „die achtzehn im Band Betrachtung (1913) zusammengefassten kleinen Prosaskizzen sowie einige verstreut publizierten (sic!) Stücke, […].“4 Über die Texte der Betrachtung schreibt Beicken, sie erhellten „den zwischenmenschlichen Bereich, Konflikte, Einsamkeiten, Abweisungen im Erotischen, gespensterhafte Visionen, verfremdete Alltagsrealität, die Existenzsorgen eines Kaufmanns, der sich geschäftlich ausgeliefert […] und als Mensch dem Übergriff feindlicher Mächte ausgesetzt fühlt […].“5

Beicken spricht bei den Betrachtungs-Texten von Prosaskizzen, Barbara Neymeyr räumt im Kafka-Handbuch (Metzler) ein, eine „präzise Gattungsbestimmung [sei] schwierig“, sie zählt einige der vom Autor im Tagebuch und in Briefen verwendeten Bezeichnungen für diese Texte auf: „Kleine Prosa“, „Stückchen“, „Sachen“, „meine kleinen Winkelzüge“. Neymeyr hält die Begriffe „Prosaminiaturen“, „Skizzen“ oder „Studien“ für „legitim“, weil sie die Distanz zu tradierten Werkbezeichnungen andeuteten, weil sie das Subjektive und Vorläufige und auch das Reflexive mit einschlössen.6

Ritchie Robertson findet einschränkend: „Die Skizzen der Betrachtung hinterlassen eher den Eindruck von Stimmungsbildern als von Erzählungen.“7

Man kann aber der Gattungsproblematik aus dem Weg gehen, wenn man von kurzen Prosatexten bzw. -stücken spricht, bei denen das Narrative dominant ist (z.B. in der die Betrachtung einleitenden ‚Kindergeschichte‘ Kinder auf der Landstraße) oder das Reflexive überwiegt (z. B. in Die Bäume) oder erzählerische Elemente sich mit Reflexionen mischen.

„Schon während seines kurzen Gastspiels an der Assicurazioni Generali hatte Kafka sein8

Debüt als Schriftsteller in der Öffentlichkeit vollzogen. Die von Franz Blei (1871-1942) herausgegebene Zweimonatsschrift Hyperion druckte in ihrer ersten Ausgabe im März 1908 unter dem Titel Betrachtung acht kurze Prosastü > Barbara Neymeyr ergänzt die Ausführungen Ekkehard Harings im KHb, die acht „Prosaminiaturen“ seien unter dem Titel Betrachtung „mit römischen Ziffern, aber noch ohne Überschriften in der von Franz Blei und Carl Sternheim“9 edierten Zeitschrift erschienen. Gerhard Kurz betont, die 1908 im Hyperion veröffentlichten Prosatexte ohne Einzeltitel seien Kafkas „erste Publikation überhaupt.“10

Die Prager Tageszeitung Bohemia, in der ein von Kafka verfasster Nachruf auf den exklusiven Hyperion erscheint, „in welchem er [dessen] Bedeutung für randständige Autoren betont“11, druckt 1910 fünf Prosastücke Kafkas, nämlich diese Titel: Am Fenster (später: Zerstreutes Hinausschaun), In der Nacht (später: Die Vorüberlaufenden), Kleider, Der Fahrgast und als neuen Titel Zum Nachdenken für Herrenreiter.12

Ende Juni 1912 fährt Kafka mit Max Brod - es ist ihre letzte gemeinsame Reise - nach Weimar und in den Harz. Auf dem Hinweg machen sie Station in Leipzig und treffen dort den Verleger Ernst Rowohlt und seinen Kompagnon Ernst Wolff (er ist stiller Teilhaber). Man verständigt „sich über die Vorbereitung eines ersten Prosabandes, der kürzere Erzählungen enthalten soll.“13 Am Ende werden diesem Band 18 kurze Prosatexte angehören.

Ernst Rowohlt bringt dann gegen Ende des Jahres 1912 unter dem Titel Betrachtung die erste Buchveröffentlichung des jungen Autors Franz Kafka heraus. Neben den neun Texten von 1908 (Hyperion) und 1910 (Bohemia) enthält der in 800 unnummerierten Exemplaren erschienene Band neun weitere kurze Texte mit eigenen Überschriften: Kinder auf der Landstraße, Entlarvung eines Bauernfängers, Der plötzliche Spaziergang, Entschlüsse,

Der Ausflug ins Gebirge, Das Unglück des Junggesellen, Das Gassenfenster, Wunsch, Indianer zu werden und Unglücklichsein.

Der Band Betrachtung besteht somit „zur Hälfte aus unveröffentlichten, zur Hälfte aus veröffentlichten Stücken.“14 Überdies hat Kafka sich mit der Zusammenstellung der Texte schwergetan: Der Ausflug ins Gebirge, Kleider, Die Bäume und Kinder auf der Landstraße stammen aus den verschiedenen Fassungen der Beschreibung eines Kampfes; Raabe bemerkt treffend, man erkenne, „dass Kafka sein frühestes Werk wie einen Steinbruch abbaute.“15 „Kafkas Widmung <M. B. > in der Buchversion der Betrachtung gilt seinem Freund Max Brod, der ihm den Verlagskontakt vermittelt hatte.“16

2 Die beiden Bedeutungen des Begriffs ‚Betrachtung‘

Kafka hat nach Neymeyr auf dem „singularischen Titel Betrachtung“ bestanden.17 Gerhard Kurz behauptet: „Der Titel […] bestimmt die einzelnen Texte als Teile eines Betrachtungsaktes.“18 Das Verbum ‚betrachten‘ bedeutet „[längere Zeit] prüfend ansehen“. 19 Man kann jemanden neugierig, ungeniert, aus nächster Nähe, von oben bis unten, wohlgefällig, eingehend, bei Licht oder mit Aufmerksamkeit betrachten. Betrachtung meint damit ein Anschauen und zugleich eine Überlegung, eine Untersuchung des Geschauten.

Barbara Neymeyr sagt demzufolge treffend, der Begriff <Betrachtung > bedeute bei Kafka zweierlei, nämlich zum einen „die optische Wahrnehmung von Außenwelt“, zum anderen aber ziele er „auf abstrakte Reflexion oder kontemplative Verinnerlichung“. Sie begründet ihre Sicht mit zwei Textüberschriften: Zerstreutes Hinausschaun und Zum Nachdenken für Herrenreiter.20

Diese zwei Seiten des Betrachtens hebt auch Gerhard Kurz hervor, er schreibt, „Kafka [experimentiere] in diesen Texten geradezu mit Möglichkeiten des Erzählens: Kinder auf der Landstraße enthält eine narrativ-chronologisch entfaltete Handlung, ebenso Entlarvung eines Bauernfängers und Unglücklichsein. Andere Texte bestehen nur aus einem Monolog (Der Ausflug ins Gebirge), einem imaginierten szenischen Dialog (Die Abweisung) oder formulieren einen Wunsch, einen Vergleich (Wunsch, Indianer zu werden, Die Bäume), eine Überlegung (Der plötzliche Spaziergang z. B.).“21

„Viele Texte der Betrachtung“, sagt Kurz zusammenfassend, „exponieren die Situation eines anonymen „ich“ oder „man“ oder „wir“, das redet, sich erinnert, reflektiert, sich etwas vorstellt, sich fragt, vergleicht, Schlüsse zieht, Vermutungen anstellt.“22

Aus dieser summarischen Nennung der Tätigkeiten des/ der Protagonisten wird deutlich, dass die Texte angeschaute Augenblicke und Stimmungen der Außenwelt/ Wirklichkeit und die darauf beruhenden nachdenklichen Überlegungen festhalten.

Der Germanist Rüdiger Zymner (Bergische Universität Wuppertal) hat in dem Kafka- Handbuch des Metzler-Verlages den „systematischen und historischen Zusammenhang von Denkbild, Parabel und Aphorismus“ erläutert.23 In dem Abschnitt „Kafkas Denkbilder“24 kommt er zu dem Ergebnis, die Texte in dem Band Betrachtung (1912) seien Denkbilder, da „man von monologischer Gedankenrede sprechen“ könnte.25 Kennzeichnend für den reflektierenden Grundgestus ist für ihn z. B. eine texteröffnend formulierte Vermutung. Das Unglück eines Junggesellen beginnt nämlich so: „Es scheint so arg, Junggeselle zu bleiben, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, […], krank zu sein und …“26

Die Annahme, das Junggesellendasein bestehe aus lauter solchen unglücklichen (‚argen‘) Zuständen, belegt ein namenloses „man“ durch 11 mit ‚zu‘ erweiterte Infinitivgruppen.

In Kafkas erster Buchveröffentlichung (1912) finden sich allerdings auch Texte, die wie Kinder auf der Landstraße und Entlarvung eines Bauernfängers mehr „ausführliche Erzählungen als reflektierend oder auf Reflexion angelegte Denkbilder […] sind.“27 Vielleicht sollte man zu den weniger reflektierenden Prosastücken noch Unglücklichsein zählen, wo „als kleines Gespenst […] ein Kind aus dem ganz dunklen Korridor [fährt], in dem die Lampe noch nicht brannte, und […] auf den Fußspitzen stehn bleibt.“28

3 Der Junggeselle als betrachtendes Ich

Alle Betrachtungen in der Betrachtung gehen von einem betrachtenden Ich aus, alle Betrachterfiguren - der Kaufmann, der Spaziergänger, der Fahrgast, der am Gassenfenster Stehende, der Unglückliche - sind figürliche Darstellungen eines Junggesellen. Sophie von Glinski betont: „Das Junggesellen-Ich ist nicht auf ein Autor-Subjekt zurückzuführen, es ist bestimmt als Funktion im Text.“29 Damit weist sie Deutungen zurück, die den Junggesellen als Personifikation des Dichters ansehen, wie es z. B. James Rolleston in Landschaften der Doppelgänger erklärt.30 Zugleich beurteilt sie dieses Junggesellen-Ich so: „Das Subjekt der Betrachtung ist ein Ich, das von einer exzentrischen, <weltfremden > Position aus seinen Blick auf die Welt richtet.“31 Übersetzt heißt das: sie hält das Ich für überspannt, verschroben und sich von der Gemeinschaft distanzierend.

Peter-André Alt hat in seiner Kafka-Biographie auch über die Protagonisten der Betrachtung geschrieben: „In der Mitte des Buches hatte Kafka seine Junggesellengeschichten untergebracht, die von <plötzlichen Spaziergängen >, nächtlichen Gedankenreisen und der Einsamkeit unverheirateter Männer handeln.“32 Den Junggesellen schreibt er eine Art Flaneur-Rolle zu und führt aus: „Die einsamen Spaziergänger der frühen Prosa sind unverheiratete junge Männer, die […] in der Rolle zermürbter Berufsmenschen auftreten, die am Abend nach ermüdendem Arbeitsalltag in den Gassen flanieren. Aus dem engen Zimmer, in dem sie hausen, treibt sie zumeist die Angst vor dem, was Ernst Bloch in den Spuren (1930) das <allzu Eigene > genannt hat. Wenn sich Kafkas Junggesellen dem Kraftstrom der Passanten preisgeben, so tun sie das auch, um ihrer nur auf sich selbst bezogenen Lebensform zu entgehen. Freilich unterliegen sie einer Täuschung: Die Begegnung mit der äußeren Wirklichkeit erfolgt allein im Wahrnehmungsmedium des Blicks, der das Fremde sofort wieder in die geschlossene Reflexionsordnung des einsamen Subjekts zurückspielt.“ Diese Betrachtungsweise berge aber das „Risiko eines gleitenden Realitätsverlustes.“33

Alt hat ein ganzes Kapitel den „Flaneure[n] und Voyeurs“34 gewidmet und weist auf Kafkas Tagebücher hin, die voll seien „von voyeuristischen Beschreibungen junger Mädchen, die er während eines Spaziergangs, im Caféhaus oder bei Lesungen und Vorträgen mit den Augen verfolgt hat.“ Auffallend dabei sei, dass „immer wieder […] Details der Haare, der Gesichtsform und Augenfarbe, Kleidungsstücke […] sowie Hüte beschrieben [werden].“ Alt nennt das eine „Leidenschaft für den Fetisch“ und spricht von einer „atomisierenden Wahrnehmung, die isolierte Reize einfängt und die Einheit der Person zerstört.“35 Alt kreiert sogar einen besonderen „Kafka-Blick[s]“, dessen Besonderheit bestehe „in seinem Sinn für Details, der die visuelle Szene atomisiert, indem er den Eindruck eines ganzen Menschen in Bruchstücke zerlegt.“36

Das geht so: In der vor 1908 geschriebenen Ich-Erzählung Der Fahrgast greift ein zugleich erzähltes und erzählendes, männliches Ich „auf der Plattform des elektrischen Wagens“ ein junges Mädchen vor dem Aussteigen derart mit Blicken ab - Alt sagt: „mit sezierender Genauigkeit“37 - dass der Ich-Erzähler sagen kann: „Sie erscheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet hätte.“ Diese „In-persona-Identität von erzählendem und erlebendem Ich“38 beginnt im ersten Satz und geht bis zum Ende des zweiten Absatzes, also von: „Ich stehe auf der Plattform …“ bis zu „Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel.“ Im dritten Absatz trennen sich die beiden (möglichen) Ichs, es spricht nur noch das erzählende Ich: „Ich fragte mich damals …“39 Nach Alt bleibt auch dieser Betrachter „letzthin ein einsamer Zuschauer, ohne dass ihn der Rhythmus der autonomen Lebenswirklichkeit erfassen kann.“40

Ausgehend von der Worterklärung zu ‚Voyeur‘ im Fremdwörterduden: „jmd., der durch [heimliches] Zuschauen bei sexuellen Handlungen anderer Lust empfindet“41 habe ich diese Sicht Alts nicht in meinen Unterricht eingebracht. So richtig die anderen Feststellungen Alts auch sind, besonders das „atomisierende[n]“ Betrachten „mit sezierender Genauigkeit“, halte ich einen den einsamen Ichs unterstellten Voyeurismus für nicht ganz zutreffend bzw. übertrieben. Im Übrigen schränkt Alt ja auch ein, von den 18 Texten der Betrachtung thematisierten nur acht Stücke dieses voyeuristische Betrachten.42

Gerhard Kurz weist auf Folgendes hin: „Wie aus Äußerungen Kafkas selbst hervorgeht, ist die Betrachtung als Erzählzyklus angelegt.“43 Barbara Neymeyr betont in diesem Zusammenhang, die Forschungsliteratur zur Betrachtung sei „‘auffallend schmal‘ (Kurz)“ bzw. die Anzahl der Arbeiten sei „‘gering‘ (von Glinski)“ und beklagt diese „Forschungslücke“.44

Es gibt natürlich einige Untersuchungen, was diese 18 Erzähltexte verbindet. Wolfgang Kittler z. B. sieht im Binder-Handbuch die Erzählsammlung als Einheit; er meint, einzelne Texte fügten sich zu Gruppen zusammen. Eine Konnexität sieht er beispielsweise zwischen den ersten drei Betrachtungs-Texten (Kinder auf der Landstraße, Entlarvung eines Bauernfängers, Der plötzliche Spaziergang) in der übereinstimmenden erzählten Zeit des Abends. Der innere Zusammenhang der Abendzeit ist zwar zutreffend, aber die Landstraßenkinder und der entlarvte Bauernfänger sind fast reine Erzähltexte, der Plötzliche Spaziergang hingegen ist eine rein „monologische[r] Gedankenrede“45 einer als „man“ auftretenden Erzählinstanz und besteht lediglich aus zwei überlangen Sätzen. Ich sehe daher in der Zeitgleichheit wenig Übereinstimmung. Kittler sagt natürlich richtig, den unglücklichen Junggesellen und den Kaufmann verbinde die Einsamkeit.46 Aber: „Einsamkeit durchzieht die Texte wie ein Leitmotiv“47, schreibt Susanne Kaul. Sie hätte auch sagen können: alle Texte. Barbara Neymeyr hat „thematische Elemente und Motive“ gesucht und einige leitmotivliche Wiederholungen herausgestellt, „die auf eine zyklische Komposition der Betrachtung verweisen (Kurz 1994, 53 f.).“ Sie meint aber: „Die Diskontinuität von Kafkas Frühwerk Betrachtung entspricht der zeitgenössischen Krise der Identität. Ähnlich wie bei der Multiplikation des Ich in der Beschreibung eines Kampfes scheint Kafka auch hier an Nietzsches These vom Ich als bloßer Fiktion und an Ernst Machs Diktum anzuschließen, das Ich sei <unrettbar > (Neymeyr, 14-21).“48

Die Klammerangabe am Zitatende verweist auf Neymeyrs 2004 erschienene Analyse der Beschreibung eines Kampfes, in der sie ausführlich darlegt, wie Kafka die moderne Krise der Identität in der Persönlichkeitsspaltung eines Ich-Erzählers inszeniert.49

Sie spricht aber, z. B. auf den Kaufmann bezogen, auch von dem „durch Einsamkeit verunsicherten Ich“50, sie sieht daher trotz der „formalen Heterogenität“ in den Texten der Betrachtung gleichwohl eine weitreichende inhaltliche „Homogenität“.51 Diese Gleichartigkeit bestehe zum einen in dem „spannungsvolle[n] Verhältnis des Individuums zu seinem sozialen Umfeld.“ Zum anderen: „Die jeweilige Perspektivfigur, die sich direkt als Ich artikuliert, sich in eine Wir-Gruppe einreiht oder hinter einem diffusen Man verschwindet, erscheint zumeist als einsames Wesen, unglücklich, haltlos, <vollständig unsicher > […], von Angst, Scham oder Reue gequält und von Sehnsucht nach Integration in eine Gemeinschaft erfüllt.“52 Mitunter deute, nach Neymeyr, schon die Überschrift diese „negative Befindlichkeit“ an, z. B. Das Unglück des Junggesellen oder Unglücklichsein. In Beschreibung eines Kampfes und in Betrachtung ringe oft „ein labiles Ich […] um Selbststabilisierung.“ In vielen Texten sieht sie daher die „Grundproblematik“ einer „labile[n] Identität.“53

4 Die wissenschaftliche Vernachlässigung der Betrachtungs-Texte

Dem Interpreten ist aufgefallen, wie unterschiedlich die wenigen wissenschaftlichen Analysen die Texte der Betrachtung beurteilen. Die von B. Neymeyr beklagte „Forschungslücke“ lässt sich zum Teil erklären durch den Umstand, dass Kafkas Frühwerk lange „im Schatten seiner späteren Werke stand.“ Aus der Sicht, erst das Urteil von 1912 „markiere seinen eigentlichen literarischen Durchbruch“54, ist das frühe Werk oft als minder künstlerisch angesehen worden, als unvollkommen und unreif. Eine solche Voreingenommenheit findet sich auch im Binder-Handbuch von 1979. Hier spricht James Rolleston den frühen Schriften einen ästhetischen Rang ab, er schreibt: „Kafka macht hier Versuche, experimentiert mit den Möglichkeiten der Sprache, und es ist sinnlos, solche Tätigkeit literarisch beurteilen zu wollen.“55 Ähnlich urteilt Ingeborg C. Henel: die vor dem Urteil liegenden Werke seien, „als Kunstwerke betrachtet, bloße Versuche und nicht einmal besonders geglückt“, sie bereiteten allerdings „sowohl in Thematik wie Form auf die folgenden Werke vor.“56

Andere Forscher haben anders geurteilt. Vor allem Gerhard Kurz versucht in seinem Sammelband von 1984, den Werken zwischen 1909 und 1912 den „Ruch des Vorläufigen zu nehmen.“57 Er sieht „viele Erzählmuster und Erzählmotive der späteren in den ersten Texten konstitutiv schon angelegt.“58 In der den Materialien vorangestellten Einleitung: Der junge Kafka im Kontext weist Kurz darauf hin, dass Kafka auch Gedichte geschrieben habe, was aber kaum bekannt sei. Er zitiert ein zehnzeiliges Gedicht aus einem Brief Kafkas an Hedwig Weiler vom 29.8.1907:

„In der abendlichen Sonne Und die Menschen gehn in Kleidern

sitzen wir gebeugten Rückens schwankend auf dem Kies spazieren

auf den Bänken in dem Grünen. unter diesem großen Himmel,

Unsre Arme hängen nieder, der von Hügeln in der Ferne

unsre Augen blinzeln traurig. sich zu fernen Hügeln breitet.“

Die zweite Strophe bildet das Motto für die erste Fassung der Beschreibung eines

Kampfes. In einer kurzen Deutung liest G. Kurz aus den ersten fünf Zeilen eine frühexpressionistische „Stimmung von Untergang, Trauer, Schwäche. Die auffallende Vokabel ‚blinzeln‘ diente schon Nietzsche in der Vorrede von Also sprach Zarathustra zur Charakterisierung von Lebensschwäche. Die zweite Strophe evoziert eine existentielle Situation des Menschen: Schwanken, Unsicherheit.“59 So arbeiten auch die meisten Veröffentlichungen zur Betrachtung pauschal den unsicheren, um Orientierung ringenden Protagonisten heraus, der sich über seine eigene Identität und über sein Verhältnis zur Außenwelt noch nicht ganz klar ist.

Dementsprechend spricht P.-A. Alt verallgemeinernd von einem „Panorama der dort [i. e. in der Betrachtung] versammelten Neurotiker“, später sieht er „Nachterfahrungen der einsamen Melancholiker, Junggesellen und Sonderlinge.“60 Ausführlich erklärt er: „Kafkas frühe Prosa verwandelt die soziale Umwelt ihrer Helden in labyrinthische Ordnungen, die dem Einzelnen die Orientierung rauben. Diese Grundsituation löst hektische Erklärungsversuche aus, in denen sich das Verlangen nach Beherrschung eines unübersichtlich gewordenen Lebens äußert. Kafkas Protagonisten treten der Wirklichkeit, […], mit einem nervös-angespannten Deutungswillen entgegen, ohne jedoch ihre Lage praktisch ändern zu können.“61 Den meines Wissens besten Überblick über alle Texte der Betrachtung bietet Barbara Neymeyr im Metzler-Handbuch.62 Eine exemplarische Textanalyse findet sich dort für Die Bäume, Der plötzliche Spaziergang, Entschlüsse, Die Vorüberlaufenden und Kinder auf der Landstraße. In ihrer 2004 publizierten Dissertation analysiert Sophie von Glinski die Beschreibung eines Kampfes, Kleider, Der Kaufmann, Der Fahrgast und Die Vorüberlaufenden. Dabei konzentriert sie sich allerdings auf „die spezifischen Verschränkungen von Traum und Realität, die das Phantastische in Kafkas Frühwerk sowie in seinen experimentellen Tagebuch-Skizzen kennzeichnet.“63

Aus einem Münsteraner Oberseminar ist ein Sammelband „mit dekonstruktivistischer Tendenz“64 von H.-J. Scheuer hervorgegangen; da dieses Buch leider vergriffen ist, kann ich zu der da vorgenommenen Deutung nicht Stellung nehmen. Nur so viel: Ich kenne einige dekonstruktivistische Interpretationen von Kafkas Die Bäume („Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee …“), „in diesem hermeneutischen Kontext“ sieht beispielsweise Hans-Thies Lehmann65 „auch in den Baumstämmen im Schnee […] eine Evokation schwarzer Buchstaben auf weißem Papier.“66 Kurz erwähnt an dieser Stelle, dass z. B. die Worte des nach Geschäftsschluss nach Hause gehenden Kaufmanns „Ich gehe dann wie auf Wellen, klappere mit den Fingern beider Hände“ (aus: Der Kaufmann) bei dieser Sicht auch „als Anspielung auf die Bedeutungsdimension literarischer Selbstbezüglichkeit“ gelesen wird, nämlich als eine „Anspielung auf das Wandeln von Jesus auf dem Meer (Johannes 6,19) und auf das Bedienen einer Schreibmaschine.“67 Ich habe in meinen Unterricht die Interpretation H.-J. Scheuers68 und seiner Mitinterpreten nicht eingebracht, weil ich ihre Sicht nicht teile.

[...]


[1] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 31 f.

[2] ebd., S. 33

[3] Editionen für den Literaturunterricht, hg. v. Dietrich Steinbach: Peter Beicken, Franz Kafka. Leben und Werk, Klett: Stuttgart 1986, S. 42

[4] ebd., S. 42

[5] ebd., S. 46

[6] Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. v. Manfred Engel / Bernd Auerochs, Metzler: Stutt-gart 2010, S. 114 (im Folgenden: KHb)

[7] Ritchie Robertson, Franz Kafka. Leben und Schreiben. Aus dem Englischen von Josef Billen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2009, S. 37

[8] KHb, S. 9

[9] KHb, S. 111

[10] Gerhard Kurz, Lichtblicke in eine unendliche Verwirrung. Zu Kafkas Betrachtung, in: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur, hg. v. Heinz Ludwig Arnold, Sonderband IV/06: Franz Kafka, R. Boorberg Ver-lag: München 2006, S. 49

[11] KHb, S. 10

[12] Kurz (2006), S. 49

[13] Peter-André Alt, Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie, Beck: München 2 2008, S. 247

[14] Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, hg. v. Paul Raabe, Fischer: Frankfurt/ M. 1970, S. 390

[15] ebd., S. 394

[16] KHb, S. 112

[17] KHb, S. 123

[18] Kurz (2006), S. 54

[19] Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 8 Bänden, hg. v. Günther Drosdowski u. a., hier: Bd. 1, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 21993, S. 509 f.

[20] KHb, S. 113

[21] Kurz (2006), S. 51

[22] Kurz (2006), S. 52

[23] KHb, S. 450-456

[24] KHb, S. 452-456

[25] KHb, S. 455

[26] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 28

[27] KHb, S. 455

[28] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 35

[29] Sophie von Glinski, Imaginationsprozesse. Verfahren phantastischen Erzählens in Kafkas Frühwerk, de Gruyter: Berlin- New York 2004, S. 166 f.

[30] James Rolleston, Betrachtung: Landschaften der Doppelgänger, in: Gerhard Kurz, Der junge Kafka. Materialien, Suhrkamp: Frankfurt/ M. 1984, S. 185 (Suhrkamp-Taschenbuch Bd. 2035)

[31] von Glinski, S. 89

[32] Alt, S. 248

[33] Alt, S. 251

[34] Alt, S. 249

[35] Alt, S. 250

[36] Alt, S. 251

[37] Alt, S. 252

[38] Franz K. Stanzel, Typische Formen des Romans, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 101981,S. 35 (Kleine Vandenhoeck-Reihe Bd. 1187)

[39] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 31 f.

[40] Alt, S. 249

[41] Der Duden in zwölf Bänden, Bd. 5: Fremdwörterbuch, hg. v. der Dudenredaktion, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig- Wien-Zürich 82005, S. 1087

[42] Alt, S. 251 f.

[43] Kurz (2006), S. 53

[44] KHb, S. 115

[45] KHb, S. 455

[46] Kafka-Handbuch in zwei Bänden, hg. v. Hartmut Binder u. a., Bd. 2: Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 209 f.

[47] Einführungen Germanistik, hg. v. Gunther E. Grimm und Klaus-Michael Bogdal: Susanne Kaul, Ein-führung in das Werk Franz Kafkas, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, S. 37

[48] KHb, S. 112

[49] Barbara Neymeyr, Konstruktion des Phantastischen. Die Krise der Identität in Kafkas Beschreibung eines Kampfes, Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2004

[50] KHb, S. 113

[51] KHb, S. 116

[52] KHb, S. 116

[53] KHb, S. 116 f.

[54] KHb, S. 115

[55] Binder 2, S. 242

[56] Binder 2, S. 221

[57] Gerhard Kurz, Der junge Kafka. Materialien, Suhrkamp: Frankfurt/ M. 1984, S. 7 (Suhrkamp-Ta-schenbuch Bd. 2035)

[58] Kurz (1984), S. 8

[59] Kurz (1984), S. 35

[60] Alt, S. 255 f.

[61] Alt, S. 258

[62] KHb, S. 111-126

[63] KHb, S. 116

[64] KHb, S. 116

[65] Hans-Thies Lehmann, Der buchstäbliche Körper. Zur Selbstinszenierung der Literatur bei Franz Kafka, in: Kurz (1984), S. 213-241

[66] Kurz (2006), S. 63

[67] Kurz (2006), S. 63

[68] Hans-Jürgen Scheuer, Justus v. Hartlieb, Christina Salmen, Georg Höfner (Hg.), Kafkas Betrach-tung. Lektüren, Peter Lang Verlag: Frankfurt/ M. 2003

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Details

Titel
"Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung". Interpretation von zwei Texten aus Franz Kafkas "Betrachtung"
Autor
Jahr
2015
Seiten
46
Katalognummer
V301861
ISBN (eBook)
9783956875489
ISBN (Buch)
9783668005471
Dateigröße
838 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ich biete eine ausführliche Interpretation mit Sekundärliteratur. Aufgrund der Erprobung in Leistungskursen der gymnasialen Oberstufe ist mein Aufsatz geeignet für Oberschüler (Abiturniveau) und Studenten. Ich behandle die Einordnung der Texte in Kafkas Gesamtwerk, die Erzählform und das Erzählverhalten (nach Jochen Vogt und Jürgen H. Petersen). Schwerpunkt bei jedem Versuch einer Interpretation ist eine gründliche, inhaltliche und formale Analyse des Textes unter besonderer Beachtung der syntaktischen Kohärenz.
Schlagworte
vorüberlaufenden, abweisung, interpretation, texten, franz, kafkas, betrachtung
Arbeit zitieren
Gerd Berner (Autor), 2015, "Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung". Interpretation von zwei Texten aus Franz Kafkas "Betrachtung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301861

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