Der Prosaschriftsteller Guo Moruo und seine Erzählung "Zhuangzi wandert nach Liang"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
21 Seiten, Note: 2,0
Elena Kassoukhina (Autor)

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Literaturhistorischer Hintergrund

2 Guo Moruo: Leben und Werk
2.1 Biografie
2.2 Guo Moruo als Prosaschriftsteller: die frühen satirischen Erzählungen
2.2.1 Satire

3 Die Erzählung Zhuangzi wandert nach Liang
3.1 Guo Moruo und Zhuangzi
3.2 Inhaltsangabe
3.3 Interpretation

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Guo Moruo ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der neueren chinesischen Geschichte. Er war nicht nur literarisch, sondern auch politisch sehr aktiv, wobei seine politische Tätigkeit nicht unumstritten ist. Die Tatsache, dass er sich - im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen - so lange auf dem politischen Parkett halten konnte, wirft heutzutage Fragen auf und bringt ihm von Seiten seiner Kritiker den Vorwurf des Opportunismus ein. Seinen literarischen Ruhm erlangte er in erster Linie als Dichter, am bekanntesten ist bis heute sein Lyrikband Nüshen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Bekannt ist er aber auch für weitere Gedichte, Theaterstücke und seine Forschungen im Bereich der chinesischen Geschichte und Philosophie. Seine Erzählungen, die für seine frühe literarische Phase charakteristisch sind, weisen einen geringeren Bekanntheitsgrad auf. In der Forschung fanden sie bisher weniger Beachtung als die erstgenannten Werke, jedoch sind sie für das Verständnis des Dichters und Politikers Guo Moruo unumgänglich, da sie innerhalb seiner Entwicklung den Umbruch seiner Weltanschauung zum Ausdruck bringen.

Die Zeit, in der die meisten Erzählungen von Guo Moruo entstanden sind, fällt in die Phase nach der 4. Mai Bewegung Wusi yundong [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und ist durch einen gesellschaftlichen Umbruch und grundlegende literarische Neuerungen gekennzeichnet. Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt auf den Erzählungen, die im Kontext der Zeit dieser Neuerung entstanden sind. Den Hauptteil dieser Arbeit bildet die Analyse einer dieser frühen Erzählungen Qiyuanshi you Liang [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (Zhuangzi wandert nach Liang).

Zum besseren Verständnis der behandelten Erzählung soll hier zunächst eine kurze Übersicht über den literaturhistorischen Hintergrund (Kapitel 1.1), Guo Moruos Biografie (Kapitel 2.1) und seine satirischen Erzählungen (Kapitel 2.2) gegeben werden. Da die Erzählung Qiyuanshi you Liang [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (Zhuangzi wandert nach Liang) eine kritische Auseinandersetzung mit der daoistischen Philosophie darstellt, soll in Kapitel 3.1 auf Guos Verständnis von Zhuangzi eingegangen werden.

Anschließend soll in Kapitel 3.2 der Inhalt und in Kapitel 3.3 die Interpretation der genannten Erzählung behandelt werden.

Die Erzählung Qiyuanshi you Liang [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (Zhuangzi wandert nach Liang) greift in satirischer Form das höchste daoistische Prinzip wuwei [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] an, so dass sich bereits in dieser frühen Erzählung Guo Moruos der beginnende Wandel in seiner Weltanschauung ablesen lässt.

1.1 Literaturhistorischer Hintergrund

Nach dem Sturz der Qing-Dynastie wurde der Herrschaft der Monarchie ein Ende gesetzt und in China die Republik ausgerufen. Die Zeit war reif für eine weitere grundlegende Wandlung, für die sogenannte „Literarische Revolution“.[1] Über zwei Jahrtausende hatte in der chinesischen Literatur der Stil der klassischen guwen- Literatur [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] dominiert. Diese hob sich so stark von der gesprochenen Sprache ab, dass sie bereits beim lauten Vorlesen nicht mehr verstanden werden konnte. Die Sprache der sogenannten guwen -Literatur konnte man nur noch nach langjährigen mühsamen Studien beherrschen. Gleiches galt für die Inhalte der guwen -Literatur, die viele Zitate und historische Anspielungen beinhaltete und dem einfachen Volk daher weitgehend verschlossen blieb.[2] Zeitgleich existierte eine zweite literarische Strömung: die sogenannte baihua -Literatur [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten].[3] Zu ihr zählten vor allem Theaterstücke und Romane, die ein breiteres Publikum ansprachen. Die baihua -Literatur, die zum Teil auf mündliche Erzähltraditionen zurückblickte, war ursprünglich auf einem sprachlich-niedrigen Niveau verfasst. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte diese Strömung einen Aufschwung, und immer mehr Gelehrte verfassten ihre Werke in der Tradition der baihua -Literatur, allerdings auf einem höherem sprachlichen Niveau.[4]

Als Folge der Opiumkriege musste China seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von den europäischen Mächten und Japan eine Demütigung hinnehmen. Die Auseinandersetzung mit Europa und Japan machte deren Überlegenheit gegenüber China in vielen Bereichen des Lebens deutlich und löste eine Krise im Selbstverständnis der chinesischen Intellektuellen aus.[5] Diese Krise führte zu einer neuen Kulturbewegung, die sich gegen die veraltete, feudalistische Ideologie und auch gegen die erstarrte Literatur richtete, andere neue Werte rückten nun ins Zentrum des Interesses. Im Bestreben, sich gegen den Westen besser behaupten zu können, maß man nun dem Erlernen fremder Sprachen eine größere Bedeutung bei.[6] Es entstanden zahlreiche Übersetzungen nicht nur technischer und naturwissenschaftlicher Werke, sondern auch der bekanntesten westlichen Literaten, wodurch auch das Interesse an ausländische Literatur in China geweckt wurde.[7] Die zahlreichen Übersetzungen ausländischer Werke hinterließen in der baihua -Literatur erste inhaltliche Spuren: Einige der umgangssprachlichen Romane nahmen einen sozialkritischen Unterton an.[8] In einigen baihua -Werken wurde die gesellschaftliche Entwicklung, die von überkommenen konfuzianischen Ideen stark geprägt und von Korruption gezeichnet war,[9] mehrfach offen und direkt sowie auf ironisch-satirische Art angegriffen. Nach und nach verbreitete sich eine kritische Haltung unter den Gelehrten und man begann sich mit ausländischer Literaturtheorie zu befassen, was zu grundlegenden Neuerungen in der chinesischen Literatur führte. Diese umfassten nicht nur sprachliche und stilistische Aspekte, sondern waren auch inhaltlicher Natur.[10]

Politisch erlebte diese neue Geisteshaltung nach der Versailler Friedenskonferenz im Jahre 1919 ihren Durchbruch, als sich China trotz seiner Zugehörigkeit zu den Siegermächten als Halbkolonie von Japan sah. Spontane Proteste der Studenten in Beijing am 4. Mai 1919 führten bald überall zu Demonstrationen.[11] Diese Unruhen brachten als Folge die Einführung der Umgangssprache an den Grundschulen, die es selbst den Bauern ermöglichen sollte, Lesen und Schreiben zu lernen.[12]

Zudem fanden auch politische, soziale und philosophische Ideen aus dem Westen zunehmend mehr Gehör. Gezielte Kritik an alten Traditionen, an innerer und äußerer Unterdrückung war kein Tabu mehr. So versuchten romantisch, realistisch oder symbolistisch orientierte Schriftsteller unabhängig voneinander eine eigenständige moderne Literatur zu schaffen.[13] Da viele chinesischen Intellektuelle zum Studium nach Japan gingen, kam Japan eine besondere Vermittlerrolle zu, denn die zahlreichen Übersetzungen westlicher Werke ins Japanische ermöglichten den chinesischen Studenten oftmals einen raschen Zugang zu ausländischen Autoren.[14]

2 Guo Moruo: Leben und Werk

2.1 Biografie

Guo Moruo war einer der bedeutendsten Literaten Chinas, der die mit der 4. Mai-Bewegung begonnene neue Zeit in der chinesischen Literatur maßgeblich mitgeprägt hat. Guo Moruo (auch Kuo Mo-jo) 郭沫若, eigentlich Guo Kaizhen, wurde 1892 in der Provinz Sichuan geboren. Aus wohlhabenden Verhältnissen stammend kam er in den Genuss einer hervorragenden klassischen Ausbildung.[15] Von 1914 bis 1923 ging er zum Studium nach Japan,[16] wo er nicht nur Medizin studierte, sondern auch Zugang zur westlichen Literatur und Philosophie erhielt und Fremdsprachen wie Deutsch, Englisch und Latein erlernte. Dadurch angeregt begann er mit den Übersetzungen von Goethe, Nietzsche, Turgenjew, Tolstoi u.a.[17] Seine Übersetzungen nahmen zusammen mit anderen westlichen Texten entscheidenden Einfluss auf die Weiterentwicklung der chinesischen Literatur. In Japan lernte er 1916 die Japanerin Satō Tomiko kennen, die ihn zu seinen ersten eigenen Gedichten inspirierte und mit der er 20 Jahre lang sein Leben teilte.[18] Sein Lyrikverständnis wurde durch die Lektüre der Gedichte des Poeten und Schriftstellers Rabindranath Tagore, die in einem freien Stil verfasst waren, maßgeblich geprägt.[19] So unterscheiden sich seine frühen Gedichte stark von der traditionellen chinesischen Dichtkunst. Im Gegensatz zu dieser waren seine Gedichte in freien Versen und in der Umgangssprache verfasst. Die formale Neuerung bestand in der Struktur des Gedichtes, im Wortschatz und im Ausdruck der Individualität.[20]

Seine ersten Gedichte veröffentlichte er 1918.[21] 1919 schrieb Guo Moruo unter dem Einfluss von Whitman als Protest der chinesischen Studenten gegen die japanische Unterdrückung Chinas sein Poem Feitu song [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (Loblied auf die Banditen), das seinen rebellischen Geist zum Ausdruck brachte.[22] 1921 wurde sein berühmtester Lyrikband Nüshen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten](Die Göttinnen) in Shanghai veröffentlicht, was seinen Durchbruch als Lyriker in der literarischen Szene Chinas bedeutete.[23] Seine Gedichte brachten ihm ersten literarischen Ruhm und Anerkennung unter den Intellektuellen ein und bereicherten die chinesische Literatur um eine neue moderne literarische Form.

Noch in Japan begann Guo, sich für die Ideen des Marxismus zu interessieren. Vor seiner Rückkehr nach Shanghai übersetzte er 1924 die Sammlung des japanischen Marxisten Kawakami Hajime Social organization and social revolution. Dieses Buch übte großen Einfluss auf Guo Moruos weitere Entwicklung aus und gab seiner Wandlung zum Marxisten, die sich zwischen 1918 und 1924 vollzog den entscheidenden Anstoß.[24] 1924 kehrte er mit seiner Familie nach Shanghai zurück und widmete sich ganz der Literatur. In der Zeit von 1923 bis 1925 folgte die Veröffentlichung seiner zweiten Gedichtsammlung Xing kong [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten](Sternenhimmel) sowie mehrerer historischer Dramen und Erzählungen.[25] Während seiner Tätigkeit in der literarischen Gesellschaft Chuangzao she [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten](Schöpfung), die er zusammen mit Yu Dafu und anderen Gesinnungsgenossen 1921 gründete, und die eine der ersten und bedeutendsten Literaturgesellschaften Chinas war, publizierte er seine zahlreichen Gedichte und Übersetzungen und setzte er sich mit der marxistischen Literaturkritik auseinander.[26] 1926 verfasste er sein literaturkritisches Werk Geming yu wenxue [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (Revolution und Literatur).[27] Er verstand die Literatur nun nicht mehr als eine ästhetische Form der Gedanken, sondern als Instrument für gesellschaftliche Veränderung.[28] Nach ersten Kontakten mit Mitgliedern der kommunistischen Partei 1925[29] nahm er 1926 als Propagandaleiter der politischen Abteilung am Nordfeldzug der GMD teil.[30] Nach der Niederlage der Kommunisten floh er 1928 wieder nach Japan.[31] Die Zeit im Exil widmete er Untersuchungen zur archaischen Gesellschaft Chinas, daraus entstand 1930 das Werk Zhongguo gudai shehui yanjiu [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], die erste historisch-marxistische Analyse der antiken chinesischen Gesellschaft, außerdem schrieb er autobiografische Texte.[32] 1937, nach dem Ausbruch des sino-japanischen Krieges, verließ er fluchtartig seine Familie und kehrte nach China zurück, wo er im politischen Büro der Militärregierung für Kriegspropaganda zuständig war.[33] Bis zur Gründung der VR China schrieb er historische Dramen, deren bekanntestes Qu Yuan [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] von 1942 ist, und untersuchte die klassische Philosophie des alten Chinas.[34] Nach der Gründung der VR China erhielt er 1949 den Posten des Vizepremierministers und des Vorsitzenden des Kultur- und Erziehungsrates der VR China. Kurze Zeit später wurde er zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften und zum Vorsitzenden des Chinesischen Schriftstellerverbandes ernannt. 1958 trat er der KP bei. In der Kommunistischen Partei nahm er eine besondere Stellung ein, er wusste jede Situation richtig einzuschätzen und in jeder Lage richtig zu handeln. Seine literarischen Werke dieser Phase trugen einen propagandistischen Charakter, er verfasste nunmehr politische Gebrauchslyrik. Guo Moruo starb 1978 in Peking.[35]

[...]


[1] Vgl. Kubin 2005, 11f, 19.

[2] Vgl. Kubin 2004, 14ff.

[3] Vgl. Kubin 2005, 4f.

[4] Vgl. Doleželová-Velingerová 1977, 25.

[5] Vgl. Spence 2008, 339ff.

[6] Vgl. Doleželová-Velingerová 1977, 33.

[7] Vgl. Spence 2008, 382.

[8] Vgl. McDougall 1977, 40ff.

[9] Vgl. Xiao Qian 1947, 367ff.

[10] Vgl. Monschein / Ptak 1985, 124.

[11] Vgl. ebd., 126.

[12] Vgl. Kubin 2005, 77ff.

[13] Vgl. Goldman 1977, 8ff.

[14] Vgl. Doleželová-Velingerová 1977, 20f.

[15] Vgl. Roy 1971, 12f.

[16] Vgl. Klöpsch / Müller 2004, 111.

[17] Vgl. Yuan 1979, 4.

[18] Vgl. Roy 1971, 63ff.

[19] Vgl. ebd., 65-68.

[20] Vgl. Kubin 2005, 49, 51; vgl. Huang Houxing 1995, 155.

[21] Vgl. Klöpsch / Müller 2004, 111.

[22] Vgl. Roy 1971, 80.

[23] Vgl. ebd., 111.

[24] Vgl. ebd., 133.

[25] Vgl. Klöpsch / Müller 2004, 112.

[26] Vgl. Doleželová-Velingerová 1964, 62-67.

[27] Vgl. Monschein / Ptak 1985, 135.

[28] Vgl. Roy 1971, 160.

[29] Vgl. Roy 1971, 171.

[30] Vgl. Hsia 1961, 101f.

[31] Vgl. Klöpsch / Müller 2004, 112.

[32] Vgl. Lin Ganquan 1993, 149f.

[33] Vgl. Klöpsch / Müller 2004, 112.

[34] Vgl. Doleželová-Velingerová 1964, 46f.

[35] Vgl. Klöpsch / Müller 2004, 113.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Prosaschriftsteller Guo Moruo und seine Erzählung "Zhuangzi wandert nach Liang"
Hochschule
Universität zu Köln  (Ostasiatisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Guo Moruo als Literat, Historiker und Politiker
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V301866
ISBN (eBook)
9783668034341
ISBN (Buch)
9783668034358
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sinologie, China, chinesische Literatur, chinesische Geschichte, Guo Moruo, chinesische Politiker
Arbeit zitieren
Elena Kassoukhina (Autor), 2009, Der Prosaschriftsteller Guo Moruo und seine Erzählung "Zhuangzi wandert nach Liang", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301866

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