Politische Erziehung bei Dewey und Rousseau

Eine Gegenüberstellung der politischen Dimensionen in den Erziehungstheorien Deweys und Rousseaus


Hausarbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rousseaus Philosophie und Pädagogik
2.1 Grundlagen für das Verständnis von Rousseaus Erziehungstheorie
2.2 Das Verhältnis von Pädagogik und Politik in Rousseaus Schriften

3. Deweys Philosophie und Pädagogik
3.1 Grundlagen für das Verständnis von Deweys Erziehungstheorie
3.2 Das Verhältnis von Pädagogik und Politik in Deweys Schriften

4. Vergleich der politisch-pädagogischen Ideen beider Autoren

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Bei der Bundestagswahl 2013 wurde mit insgesamt 71,5% Wahlbeteiligung die zweit niedrigste Wahlbeteiligung seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland erreicht (vgl. Vehrkamp 2013). Auch bei Kommunalwahlen, wie zum Beispiel in Bayern im Frühjahr 2014, wurden mit 70,8% in der stärksten Kommune, und gar 38% in der schwächsten Kommune, die Wahlbeteiligungen der Bundestagswahl noch unterboten (Ohne Autor 2014). Die Gründe für den deutlichen Rückgang der Stimmabgaben bei politischen Entscheidungen mögen vielfältig sein. Das Wetter, schlichte Wahlmüdigkeit oder auch Protest-Nichtwähler tragen sicherlich zur sinkenden Wahlbeteiligung bei. Nichtsdestotrotz proklamieren viele Politikwissenschaftler den inneren Legitimitätsverlust für die Demokratie. Der Grundgedanke der Demokratie, dass das Volk und damit jeder einzelnen Bürger der Souverän ist, geht somit verloren. Wenn wir nicht wählen, können wir auch nicht entscheiden, wer uns repräsentiert und damit indirekt unseren eigenen Willen durchzusetzen versucht. Aber wie können wir die Bürger wieder dazu bringen ihr Recht auf politische Mitgestaltung wahrzunehmen? So gingen bei der Bundestagswahl 1972 noch 91,1% der Wahlberechtigten zur Wahlurne (vgl. Vehrkamp 2013). Der oberste Gedanke der Demokratie, als wohlmöglich beste Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, liegt darin, dass die Souveränität beim Volk liegt und dieses Volk durch kollektive Prozeduren, wie Wahlen oder Bürgerentscheide, die politische Entscheidungsfähigkeit Inne hat. Woran mag es aber nun liegen, dass in den letzten Jahren in Deutschland viele der Bürger immer weniger diese politischen Entscheidungen treffen möchten und damit Verantwortung übernehmen, indem sie beispielsweise nicht wählen? Vermag es nicht auch an der Erziehung liegen, die den Bürgern bewusst macht, wie wichtig es ist, um das Funktionieren der Demokratie aufrecht zu erhalten, seine Aufgabe als Bürger einer Demokratie wahrzunehmen beziehungsweise sie überhaupt zu verstehen?

Über die richtige Erziehung, wie auch die richtige politische Erziehung, haben sich schon seit Jahrhunderten viele bekannte Philosophen Gedanken gemacht. So auch die beiden Philosophen John Dewey und Jean-Jacques Rousseau. Folgende Arbeit soll nun herausstellen, welchen Stellenwert diese beiden Theoretiker der politischen Erziehung in ihrer jeweiligen Erziehungstheorie zugeteilt haben.

Dabei gilt der 1712 in Genf geborene Jean-Jacques Rousseau ohne Frage, als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 18. Jahrhunderts und somit der Aufklärung. Mit Schriften zur Philosophie, Pädagogik und der Staatstheorie war er ein wichtiger Wegbereiter für die französische Revolution, aber auch für die gesamte Pädagogik und politische Theorie der folgenden Jahrhunderte. Rousseau wurde in eine angesehen Familien hineingeboren. Nachdem seine Mutter bei seiner eigenen Geburt starb, war es zuerst vor allem sein Vater, der ihn erzog. Im Alter von zehn Jahren verlässt sein Vater jedoch Genf, so dass Rousseau über Annecy und Turin 1741 nach Paris gelangt. In Annecy verfasste Rousseau bereits eine seiner ersten pädagogischen Schriften. In Paris verkehrte der junge Rousseau dann in gehobenen Kreisen und gewann erstes Interesse an politischen Themen. In den Jahren 1750 und 1754 verfasst Rousseau den 1. und 2. Diskurs. 1762 veröffentlicht er sowohl É mile oder von der Erziehung als auch den Contrat Social. Rousseaus Erziehungsroman É mile wird später als der Grundstein, einer von von der Philosophie beeinflussten Pädagogik, gelten (Bockow, 1984). Fortan ist die Pariser Gesellschaft von seinen kritischen Ideen verärgert, so dass er zurück in die Schweiz flieht. Mit Zwischenstationen am Bieler See und England kehrt er dennoch nach Paris zurück und heiratet Thérèse, mit der er schon während seiner ersten Zeit in Paris ein Kind bekam. Ingesamt waren die Beiden Eltern von fünf Kindern, die allesamt ins Waisenhaus geschickt wurden. 1778 stirbt Rousseau in Ermenoville (vgl. Hansmann 2011, S. 31).

Bockow meint, dass sich Rousseaus Erziehungstheorie, wie auch seine Philosophie auf seine eigenen Lebenserfahrungen berufen. Seine Kindheitserfahrungen, das gescheiterte Erziehen seiner eigenen fünf Kinder, die er ins Findelhaus gab, sollen dabei Ausgangspunkt für seine eigene Reflexion sein. “ Erziehung hat demnach einem Plan zu folgen und nicht wie die von Rousseau am eigenen Leibe erfahrene, ziellos und wahllos zu sein ” (vgl. Bockow 1984, S. 22). Ebenso wie Rousseau gehört auch der amerikanische Philosoph, Psychologe und Pädagoge John Dewey zu den bedeutendsten philosophischen Pädagogen seiner Zeit, jedoch rund 150 Jahre nach Rousseau. Mit seinem Werk Demokratie und Erziehung von 1916 hat er einen Großteil zur internationalen Reformpädagogik beigetragen. Er besuchte in seiner Heimatstadt Burlington in Vermont das College und lehrte dort später, sowohl an einer High-School als auch an einer Privatakademie. Danach zog es ihn zur Fortsetzung seiner Studien an die John Hopkins Universität. Hierbei vollzog seine philosophische Denkweise einen Wandel vom Idealismus zum Pragmatismus. Im Jahre 1894 erhielt Dewey einen Ruf für eine Professur nach Chicago. Noch im selben Jahr gründete er dort die Universitäsversuchsschule, in der viele seiner psychologische und pädagogischen Theorien auch in der Praxis testete. Die sogenannte Laboratory School wurde in den Folgejahren ausgebaut und bot mit ihrer praktischen Orientierung einen großen Kontrast zu den damalige Lehrmethoden. Im Jahr 1904 verlässt Dewey abrupt Chicago und geht bis zu seiner Emeritierung an die Columbia Universität in New York, hier werden auch seine bekanntesten Schriften neben Demokratie und Erziehung veröffentlicht: Human Nature and Conduct, 1922; Art as Experience, 1934; wie auch Logic 1938. Im Alter von 92 Jahren stirbt Dewey 1953 in New York (vgl. Bohnsack 1976).

In den folgenden Ausführungen werden nun die Philosophien und vor allem die politischen Dimensionen in den Erziehungstheorien von Rousseau und Dewey vorgestellt, wie auch verglichen. Es wird sich herausstellen, dass sich beide Theorien in ihren Kernaussagen bezüglich der Bedeutung von politischer Erziehung für die gesamte Erziehung kaum voneinander unterscheiden.

2. Rousseaus Philosophie und Pädagogik

2.1 Grundlagen für das Verständnis von Rousseaus Erziehungstheorie

Um Rousseaus Pädagogik und den Zusammenhang mit der politischen Dimension zu verstehen, bedarf es einiger Grundlagen seiner Philosophie zu klären.

In den Werken É mile und im 2. Diskurs behandelt Rousseau seine Vorstellung des Naturzustandes. Sein Menschenbild leitet er aus der Zeit ab, zu der die Menschen noch nicht von der Gesellschaft verdorben wurden, er sieht den Menschen daher als ein prinzipiell gutes Wesen an. In seiner Einleitung des É mile stellt er genau dieses Verderben der Menschen, durch das Leben in einer Gesellschaft, dar: “ Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen ” (Rousseau 1963, S. 107). Rousseaus Naturzustand ist durch zwei Hauptaspekte charakterisiert: Selbstliebe und Mitleid. Diese beiden Aspekte dienen gemeinsam zur Erhaltung des Individuums, wie auch der gesamten Gattung (vgl. Bolle 2002, S. 73). Was den Menschen dabei vom Tier unterscheidet, sind nur zwei Dinge: Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier in der Lage frei zu handeln und sich selbst zu vervollkommen, also sich zu verändern. Damit ist für den Menschen die Veränderung vom Natur- zum Gesellschaftszustand möglich und bedeutet damit einen Prozess des Erwerbs der Vernunft, der Tugend und der Moralität. Daher müssen Freiheit und auch Bildung, die insbesondere die Entwicklung von eben dieser Tugend und Moral zum Ziel hat, stets erhalten werden (ebd. S. 78).

Ebenso ist es notwendig Rousseaus Freiheitsprinzip nachvollziehen zu können. Wie oben bereits erwähnt, begründet Rousseau Freiheit anthropologisch. Er unterscheidet dabei zwischen natürlicher und bürgerlicher Freiheit. Die natürliche Freiheit entspricht dabei der Freiheit im Naturzustand, sie ist unvollkommen und das Verhältnis der Menschen zueinander ist dabei absolut ungeregelt. Beim Übergang in die Gesellschaft verliert der Mensch diese natürliche Freiheit. Die bürgerliche Freiheit, kann wiederum in sittliche und politische Freiheit unterteilt werden. Verlässt der Mensch den Naturzustand, bedarf es Gesetze unter die sich die sittlichen Individuen freiwillig stellen. So sollen die Bürger also einen Gesellschaftsvertrag vereinbaren, welcher ein friedliches Zusammenleben ermöglicht und durch den alle gleich und frei werden. Diese politische Freiheit sei in Rousseaus Idee einer Republik gegeben (vgl. Koch 1996, S. 141-148).

2.2 Das Verhältnis von Pädagogik und Politik in Rousseaus Schriften

Rousseaus Erziehungsroman É mile gilt als eine der wertvollsten pädagogischen Schriften nach Platons Republik und gleichzeitig als Grundstein, einer von Philosophie geprägten Idee, von Erziehung. Am Beispiel des Jungen Émile handelt Rousseau in fünf Büchern ab, wie ein Junge von Kindheit an von einem privaten Erzieher, fern von der Gesellschaft, erzogen wird. Dies kann jedoch eher als Fiktion, denn als Realität verstanden werden. Das Ziel, welches mit der Erziehung erreicht werden soll, ist einerseits den Jungen zu befähigen in der Zivilisation zu überleben und andererseits den Gesellschaftsvertrag zu schließen. É mile ist sowohl Grundlagentext für eine progressive Erziehung, als auch eine Suche nach demokratischem Bewusstsein. É mile stellt eine der wichtigsten Schriften Rousseaus dar, da er hier die Gesamtheit aller Bereiche des menschlichen Daseins in einem Werk zusammenfassen konnte (Koch 1996, S. 141). Wetzel versteht É mile als eine “ naturrechtlich begründete Erziehungskonzeption [Rousseaus], die versucht die Ontogenese mit der Bildungsgenese zu verknüpfen, indem er gegen den Zwang der gesellschaftlichen Institutionen und für die freiheitsermöglichende Natur Partei ergriff, sich für eine Erziehung zum naturgem äß vernunftsfähigen Menschen und gegen den entfremdeten Staatsbürger entschied ” ( vgl. Wetzel 1991, S. 176).

Inwiefern aber äußert sich der politische Gedanke in Rousseaus Erziehungstheorie? Rousseau verfolgt eindeutig die Idee, dass schon mit der Erziehung die Grundlage geschaffen werden muss, einen Bürger heranwachsen zu lassen, welcher in der Lage ist, seine Idee vom Gesellschaftsvertrag umzusetzen und daraufhin frei in der rousseauschen Republik leben kann.

“ Du mein Lehrer, hast mich frei gemacht, indem du mich gelehrt hast, mich der Notwendigkeit zu fügen ” (Rousseau 2012, S. 938). Dieses bekannte Zitat aus É mile verdeutlicht, wie wichtig der Begriff Freiheit auch für die Pädagogik Rousseaus ist. Seiner Ansicht nach war die damalige Gesellschaft verdorben und hinderte den Menschen daran frei zu sein. Sein oberstes Ziel ist daher die Menschen durch Erziehung frei zu machen. Bekanntlich unterteilt er die bürgerliche Freiheit in sittliche und politische. Letztere sei jedoch noch kein Bildungsthema, da diese nicht von der Erziehung, sondern von der politischen Verfassung der Gesellschaft abhänge. Da es die ideale Republik für Rousseau zu seinen Lebzeiten noch nicht gab, reiche es noch aus die Bürger zur sittlichen Freiheit zu erziehen und sie durch Erziehung einzig einen kritischen Maßstab entwickeln sollen, mit dem sie die politischen Verhältnisse beurteilen können. Ziel seiner Erziehung ist also moralische Freiheit und ein politisches Bewusstsein im Bürger zu verankern. Dabei sind eben die Fähigkeiten des Menschen frei zu handeln und auch seine Fähigkeit für die Vervollkommung von Wichtigkeit. Denn durch eigenes Handeln kann der Mensch seine Freiheit perfektionieren (vgl. Koch 1996, S. 146-147).

Erst im fünften Buch des É mile geht Rousseau genauer auf die politische Bildung ein und vollzieht eine Wendung von abstrakten Ideen, die er in den Büchern zuvor beschreibt, zu konkreten: Émile erhält einen Kompaktkurs in den Prinzipien des Gesellschaftsvertrages. Nur ein Vertrag, in dem der Einzelne freier ist, als im Zustand der Natur und in dem das Volk selbst der Souverän ist, ist Grundlage einer bürgerlichen Gesellschaft. Durch Reisen in verschiedene Länder Europas soll Émile einen Einblick in andere Staatsformen erlangen und dadurch ein besseres politisches Bewusstsein besitzen. Die gesamte Erziehung hat also die politische Urteilsfähigkeit so weit zu fördern, dass letztlich der Gesellschaftsvertrag vollzogen werden kann (vgl. Wetzel 1999, S.173 ff.) In 2.1 wurde bereits erwähnt, dass ein Ziel der Bildung, Tugend und Moral im Menschen zu entwickeln, sei. Tugend beruhe auf der Herrschaft über sich selbst, welche im Gesellschaftsvertrag gegeben ist. Zusätzlich wird durch Tugend auch noch aus scheinbarer Freiheit die wirkliche Freiheit (vgl. Koch 1996, S. 163). Mit der politischen Bildung und der Umsetzung des Gesellschaftsvertrages ist also Rousseaus Ziel, der Erziehung zur Freiheit und Tugend, erreicht.

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Details

Titel
Politische Erziehung bei Dewey und Rousseau
Untertitel
Eine Gegenüberstellung der politischen Dimensionen in den Erziehungstheorien Deweys und Rousseaus
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V301937
ISBN (eBook)
9783956876486
ISBN (Buch)
9783668005686
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rousseau, Dewey, Philosophie, Pädagogik, Demokratie, Erziehung, John Dewey
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Politische Erziehung bei Dewey und Rousseau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301937

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