Zur Auflösung des Leib-Seele-Problems bei Hegel und Michael Wolff


Seminararbeit, 2015

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Leib-Seele-Problem: Grundsätzliches

2. Leib-Seele-Problem bei Hegel

3. Wolffs These der Auflösung bei Hegel

4. Vier Kategorien der Seele nach Hegel

5. Seele: materielles oder immaterielles Ding?

6. Frage nach der Gemeinschaft der Seele und des Körpers

7. Hegels Entwicklungstheorie des Geistes

8. Gefahren der Hegel’schen Bestimmungen

9. Kritische Würdigung

Literaturverzeichnis

1. Leib-Seele-Problem: Grundsätzliches

Einem philosophischen1 Problem kann auf drei Arten entgegentreten werden: entweder das Problem wird gelöst, es stellt sich als unlösbar heraus oder das Problem zeigt sich als trivial, sinnlos, vieldeutig oder in irgendeiner Weise ungültig oder uninteressant. Ist Letzteres der Fall, wird also das Problem als ungültig eingestuft, dann wird es nicht gelöst, sondern aufgelöst. In den rund letzten 400 Jahren, an denen es schon das Leib-Seele-Problem gibt, war Hegel einer der Ersten, der dieses Problem als ungültig ansah, dass es bei genauerem Hinsehen sich auflöst.

Gegenwärtig spricht man von mehreren Problemarten. Eine Art Grundsatzproblem ergibt sich aus materiellen und immateriellen (Seele/Geist) Sachverhalten, aus dem „ontologischen Dualismus“: es korrelieren zwei scheinbar entgegengesetzte Dinge oder Welten. Es werden hierbei drei Annahmen aufgestellt:

a. Seele/Geist oder mentale Phänomene sind von nicht-physischer Natur
b. Sie können auf die materielle Welt einwirken
c. in der materiellen Welt gelten aber physikalische, kausal geschlossene Erhaltungssätze

Würden die vorliegenden Annahmen als Widersprüche interpretiert werden, so wäre eine Aufteilung in Lösung und Auflösung sinnlos, da ein Widerspruch nicht als uninteressant abgetan werden kann. Laut Wolff ergeben sich drei Behandlungsarten des Problems:

a. Jede einzelne Annahme wird in Frage gestellt und somit zu neuen Teilproblemen gemacht. Zur Lösung wird eine Ja/Nein-Entscheidung notwendig.
b. Eine Problemfrage kann als unumgänglich und ihre Lösung gleichzeitig als unmöglich erklärt werden, sodass eine Antwort verweigert wird.
c. Eine Problemfrage kann als ungültig oder unzulässig erklärt werden, sodass weder Monismen oder Dualismen zur Beantwortung akzeptiert werden.

2. Leib-Seele-Problem bei Hegel

Für Hegel2 zerfällt im Paragraphen3 das Leib-Seele-Problem in zwei Fragen:

(F1) „Die Frage um die Immaterialität der Seele“
(F2) „Die Frage nach der Gemeinschaft der Seele und des Körpers“

Diese beiden Fragen können als Varianten des „ontologischen Dualismus“ verstanden werden. Auffällig ist, dass die kausale Geschlossenheit physischer Natur hier keinen Raum einnimmt. Zumindest im Paragraphen schweigt Hegel hierzu. Jedoch geht er doch in den Zusätzen darauf ein. Laut Hegel wird

„(…) übersehen, daß, wie die Ursache in der Wirkung, das Mittel im vollführten Zwecke sich aufhebt“4.

Folglich lautet Hegels vorgeschlagene scheinbar materialistische Lösung, dass die Ursache der Wirkung entspricht und beide sich gegenseitig aufheben. Es sollte betont werden, dass die Aufhebung in diesem Falle gegen ein materialistisches Prinzip gebraucht wird. Laut Wolff ist die Erhaltung von Ursachen in Wirkungen übertragbar auf (immaterielle) Gedanken. Wenn Gedanken Wirkungen von Ursachen wären, so könnten diese Ursachen keine materiellen Ursachen sein. Dieser Ausschnitt aus den Zusätzen zeigt, dass Hegel nicht einfach die Grundannahmen ignoriert, die zum Prinzip der kausalen Geschlossenheit führen. Er nimmt sie ernst, läßt sie jedoch unangetastet. Daraus folgert Wolff, dass Hegel das Prinzip der kausalen Geschlossenheit als Teil des Leib-Seele-Problems akzeptiert.

3. Wolffs These der Auflösung bei Hegel

Wolff ist der Meinung,5 dass Hegel die im letzten Kapitel gestellen beiden Fragen nicht lösen will, sondern auflösen. Folglich ist „die Immaterialität der Seele“ und die „Gemeinschaft der Seele und des Körpers“ nicht mit einer Ja/Nein-Entscheidung zu lösen. Der erste Satz des Paragraphen zur Verdeutlichung:

„Die Seele ist nicht nur für sich immateriell, sondern die allgemeine Immaterialität der Natur, deren einfaches ideelles Leben.“6

Hier zeigt sich Mehrdeutigkeit: die Seele als solche ist nicht alleinig und getrennt von der Natur immateriell, sie ist „allgemeine Immaterialität der Natur“, auch wenn nicht klar ist, was darunter zu verstehen ist. Weiter im Paragraphen heißt es:

„Sie ist die Substanz, die absolute Grundlage aller Besonderung und Vereinzelung des Geistes, so daß er in ihr allen Stoff seiner Bestimmung hat und sie die durchdringende, identische Idealität derselben bleibt. Aber in dieser noch abstrakten Bestimmung ist sie nur der Schlaf des Geistes; - der pass ive νοῦς des Aristoteles, welcher der Möglichkeit nach Alles ist.“

Hier scheint Hegel die Kant’sche Kritik an den vier Seelenprädikaten zu ignorieren, indem er alle Prädikate zur Bestimmung der Seele nutzt. Hegel kennt aber sehr wohl Kants Argumentation und wirft ebenso der Rationalen Psychologie entsprechende Fehlschlüsse vor:

„[…] auf die unwesentlichen, einzelnen empirischen Erscheinungen des Geistes gerichtete Betrachtungsweise ist auch die im geraden Gegenteil nur mit abstrakt allgemeinen Bestimmungen, mit dem vermeintlich erscheinungslosen Wesen, dem Ansich des Geistes sich beschäftigende sogenannte rationelle Psychologie oder Pneumatologie von der echt spekulativen Philosophie ausgeschlossen, da diese die Gegenstände weder aus der Vorstellung als gegebene aufnehmen, noch dieselben durch bloße Verstandeskategorien bestimmen darf, wie jene Psychologie tat, […]“7

Hier wird deutlich, dass der Versuch, den Geist „Ansich“ durch Kategorien zu bestimmen, von Hegel kritisiert wird. Die Ausdrucksweise „vermeintlich erscheinungslose[s] Wesen“ deutet auf die von Hegel kritisierte empirische Bestimmungsweise des Geistes durch das Subjekt hin. Durch die Beschränkungen des Subjekts (Identität, Relationalität, Subjektivität) verwandelt sich der Geist in ein Ding. Dadurch stünde der verdinglichte Geist in unzulässiger Wechselbeziehung zu anderen Dingen – was ehemalige metaphysische Vorstellungen verwirft. Von dieser Problemstellung wurde die Philosophie des Geistes von Kant „befreit“, so Hegels Auffassung, und somit von der unzulässigen Anwendung Ich-bezogener Kategorien. Hegel teilt Kants „Befreiungstaten“ in zwei Entdeckungen:

a. Das denkende Bewusstsein ist mit der Seele nicht identifizierbar, da es im Gegensatz zu ihr, so Wolff, „nichts mit dem Leben unmittelbar Gegebenes“ ist.
b. Das Ich – so wie die Seele – kann nicht durch Kategorien begriffen werden.

In Bezug auf den ersten Punkt soll später aufgezeigt werden, wie Hegels Verständnis von der Seele als Substanz an Kants Verständnis von der Seele als „Lebensprinzip“ anknüpft. Den zweiten Punkt scheint Hegel nur mit Vorbehalt zu akzeptieren, da er meint, bei Kant liege eine Fehlinterprtation vor. Nach Kants Auffassung dürfen Kategorien nicht auf das Ich bezogen werden, da es kein Erfahrungsgegenstand ist und somit als Objekt für uns nicht zugänglich. Würde das Ich über sich selbst denken und sich somit selbst zum Objekt machen, enstehe eine „Unbequemlichkeit“, ein „Zirkel“, und das Ich würde zur inhaltsleeren Vorstellung, zu einem „transzendentalen Subjekt der Gedanken“. Und davon können wir keinen Begriff haben. Hegel kritisiert hier, dass ein solches transzendentales Subjekt diesen „Zirkel“ – was ein „empirisches Faktum“ wäre – bedingt. Das wäre jedoch für Hegel eine unzulässige „Abstraktion“ von Erfahrung. Hegel ist folgender Meinung: „der Begriff eines Dinges, das nur als Subjekt existieren könne, noch gar keine objektive Realität bei sich führe“. „[Die] Erfahrung der beklagten Unbequemlichkeit ist selbst das empirische Faktum, worin die Unwahrheit jener Abstraktion sich ausspricht“.

Um es auf den Punkt zu bringen: Hegel setzt seinen Fokus bei den Kategorienfehlern anders als Kant. Hegel urteilt nicht über Kants Definition des „Ich“. Hegel urteilt über die Art von Kategorien, die Kant anwendet und die laut ihm zu „abstrakt“ sind, um die Subjektivität des Ich und das Problem des Zirkulären zu erfassen. Es werden komplexere (konkretere) Kategorien benötigt, welche Momente der Abstrakteren in sich enthalten.

Zentral ist zunächst Hegels folgender Gedanke: den Begriff des Geistes von Kategorien der Rationalen Psychologie und von Dingvorstellungen frei zu halten. Darüber hinaus wird klar, dass Seele und Geist unterschiedlich als Nicht-Dinge zu behandeln sind. Auch sind Kategorien nicht völlig unanwendbar auf Seele und Geist.

[...]


1 Vgl.: Wolff, Michael: S. 188ff.

2 Vgl.: Wolff, Michael: S. 191ff.

3 In der vorliegenden Arbeit steht „Paragraph“ – sofern keine andere Zahl genannt wird – für den Paragraphen § 389, G.W.F. Hegel (A).

4 G.W.F. Hegel (A), § 389, Zusatz, S. 49.

5 Vgl.: Wolff, Michael: S. 192ff.

6 G.W.F. Hegel (A), § 389, S. 43.

7 G.W.F. Hegel (A), § 378, Zusatz, S. 11.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zur Auflösung des Leib-Seele-Problems bei Hegel und Michael Wolff
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hegels Philosophie des subjektiven Geistes
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V301959
ISBN (eBook)
9783956876769
ISBN (Buch)
9783668005761
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auflösung, leib-seele-problems, hegel, michael, wolff
Arbeit zitieren
Tom Helman (Autor), 2015, Zur Auflösung des Leib-Seele-Problems bei Hegel und Michael Wolff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301959

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