Darf man in Deutschland Israel kritisieren?

Eine diskurstheoretische Betrachtung des vermeintlichen Tabus im deutschen Israel-Diskurs am Beispiel des Manifests der 25


Hausarbeit, 2015
35 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Darf man in Deutschland Israel kritisieren?

2. Diskurstheorie nach Foucault
2.1 Definitionen von Diskurs
2.2 Wirkungs- und Funktionsweise von Diskursen
2.2.1 Narrative Strukturen
2.2.2 Kontrollmechanismen der Diskurse: Ausschließungs- und Verknappungssysteme
2.3 Kritische Hinterfragung des diskursanalytischen Ansatzes

3. Fallbeispiel: Israelkritik im deutschen medialen Diskurs
3.1 Der diskursive Kontext: Das deutsch-israelische Verhältnis
3.1.1 Überblick der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel seit 1948/49
3.1.2 Das deutsch-israelische Verhältnis in der deutschen Gesellschaft
3.2 Deutschland und Israel im medialen Diskurs in Deutschland: Das Manifest der 25 als diskursives Ereignis
3.2.1 Narrativ I: Das Tabu deutscher Israel-Kritik – Konstruktive Kritik an Israel muss erlaubt sein
3.2.2 Narrativ II: Israel darf nicht kritisiert werden – Deutschland muss uneingeschränkt an der Seite Israels stehen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Darf man in Deutschland Israel kritisieren?

Der Nahostkonflikt ist noch immer die alles bestimmende Thematik in den öffentlichen Medien, wenn es um Israel, Palästina, Libanon oder Iran geht. Polarisierende Bilder und Artikel bestimmen dabei die Berichterstattung in den deutschen Medien. Eine immer wieder auf den Plan tretende Bemerkung im Zusammenhang mit kritischen, beziehungsweise kritikwürdigen Aktionen Israels im Nahostkonflikt ist der Hinweis darauf, dass man Israel als Deutscher beziehungsweise in der deutschen Öffentlichkeit nicht kritisieren dürfe. Falls man es doch tue, werde man umgehend mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert.

In der vorliegenden Arbeit soll mithilfe diskursanalytischer Elementen nach Michel Foucault zum einen ein Ausschnitt des Diskurses um die Darstellung und Sichtweise Israels in der deutschen Öffentlichkeit gegeben werden. Nach der Darstellung und Klärung der theoretisch relevanten Elemente der von Foucault angestoßenen Diskurstheorie werden neben der Darstellung des diskursiven Kontexts Positionen zur Israelkritik in deutschen Medien anhand diverser Akteure vorgestellt.

Auf ein Interview der ehemaligen israelischen Außenministerin Zipi Livni mit der ZEIT 2006, in der die „besonderen Beziehungen“ zwischen Deutschland und Israel beschrieben wurden, entspann sich eine groß angelegte Debatte um die grundsätzlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Als daraufhin 25 namhafte deutsche Akademiker in der Frankfurter Rundschau einen Beitrag mit dem Titel „Warum die ‚besonderen Beziehungen‘ zwischen Deutschland und Israel überdacht werden müssen. Das Manifest der 25“ veröffentlicht hatten, wurden weitreichende Debatten angestoßen. Deshalb wird das Manifest als Ausgangspunkt zum Gegenstand der Untersuchung herangezogen.

Dabei werden Argumentationen, welche in verschiedenen Narrativen Ausdruck finden, auf die Rolle des Holocaust und des Antisemitismus hin untersucht und die daraus folgende Beziehung zu Israel beziehungsweise zu den Palästinensern in den Fokus gestellt.

Bei der Auswahl der Akteure handelt es sich um in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten aus verschiedenen Lagern und verschiedener Herkunft, welche aufgrund ihrer gesellschaftlichen oder politischen Stellung und Funktion einen Einfluss auf die Konstituierung der öffentlichen Meinung in den deutschen Medien ausüben und so um die sogenannte Diskurshoheit kämpfen. Ergänzt werden diese Positionen unter Zuhilfenahme relevanter Kommentare, welche teils in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurden, teils aber auch unveröffentlichte Beiträge dazu.

Die Diskurstheorie geht davon aus, dass hinter jeder Aussage ein bestimmtes Interesse in Form von Machtbeziehungen steht, das es zu ergründen gilt. Im Kontext der deutsch-israelischen Beziehungen und der gegenseitigen Kritikfähigkeit sind verschiedene Narrative von besonderer Bedeutung. Zumal können damit spezielle Bilder des entsprechenden Gegenübers konstruiert werden, in den Medien reproduziert und instrumentalisiert werden. Dabei lautet die Frage, welche Schranken und Tabus es wahrhaftig oder vermeintlich gibt, die den deutschen Israeldiskurs bestimmen.

2. Diskurstheorie nach Foucault

2.1 Definitionen von Diskurs

„Diskurs“ als Begriff findet in den verschiedensten Situationen und Kontexten Verwendung. Häufig wird Diskurs dabei als Synonym für Debatten im Allgemeinen benutzt, aber was genau unterscheidet nun den Begriff Diskurs davon bzw. was soll damit ausgesagt werden? Während öffentliche Gespräche über ein kontroverses Thema als Debatten bezeichnet werden, wird der Diskursbegriff wesentlich weiter gefasst.

Der in der Linguistik verwendete Diskursbegriff bezieht sich vornehmlich auf die konkrete Verwendung von Sprache, sprachliche Handlungen, Dialoge etc. Gegenstand dieser Art der Diskursanalyse ist die Erklärung „sprachlichen Handelns aus den zugrunde liegenden Zwecken“.1 Davon ausgehend wird in Form der Critical Discourse Analysis versucht, einzelne gesprochene wie auch geschriebene Texte in einen breiteren Kontext zu setzen, um so auch die Entstehung, Perzeption und Tragweite in der Gesellschaft einzubinden.2

Als philosophischer und normativ-kritischer Begriff beschreibt er nach Habermas einen „konsensorientierten Gedankenaustausch unter prinzipiell gleichgestellten Bürgern“ und begreift Diskurs als eine „möglichst herrschaftsfreie, rational argumentierende, öffentliche Debatte über bestimmte Gegenstände“.3 Demnach verfolgt er einen „rationalen und machtneutralen Diskursbegriff“.4 Foucault beschreibt Diskurs als Menge von Aussagen, die in einem gleichen kollektiven Wissenssystem angehören und auf dieses verweisen. Insgesamt nimmt Michel Foucault eine entscheidende Position in der Entwicklung der Diskurstheorie ein, auf den sich nahezu die gesamte Diskursforschung bezieht. Unter anderem Jäger und Link entwickeln den Begriff weiter und so versteht Jäger Diskurse als „geregelte, ansatzweise institutionalisierte Redeweisen, als Räume möglicher Aussagen, insofern sie an Handlungen gekoppelt sind und dadurch Machtwirkung ausüben.“5

Vielmehr behandelt die Diskursanalyse den „Kampf um die Deutungsmacht“, wobei nur ein bestimmter, abgesteckter Bereich gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion untersucht wird: „Die öffentlich zur Diskussion gestellten Bedeutungsangebote“.6

In Anlehnung an Foucault bezeichnet Link Diskurs als „ein institutionalisiertes Spezialwissen, einschließlich der entsprechenden ritualisierten Redeformen, Handlungsweisen und Machteffekte.“7

Allerdings sieht sich Foucault selbst oftmals Kritik ausgesetzt, da er seine Begrifflichkeiten nicht klar definierte und somit auch den Grundstein für eine zum Teil amorphe und vage Definition des Diskursbegriffes legte.8

Nach Foucault gibt es diverse sogenannte Formationsregeln, nach welchen man Diskurse einordnen und untersuchen kann. Dazu gehört gehören die sozialen wie auch institutionellen Gegebenheiten, in welche gewisse Aussagen eingeordnet werden können. Hier wird nach besonderen, spezifischen Merkmalen und Klassifizierungsmustern gefragt, welche für eine Gruppierung beziehungsweise auch Positionierung und Abgrenzung eines bestimmten Diskurses von anderen Diskursen oder auch einzelner Elemente benutzt werden (können).9

Im zweiten Schritt wird nach dem agierenden Akteur gesucht, der in einem bestimmten Kontext eine Aussage macht. Hier wird vor allem nach seiner Beschaffenheit, u.a. auch nach seiner gesellschaftlichen Stellung gefragt. Wer verfügt über die Möglichkeiten und Ressourcen, um sich zu einem bestimmten Thema äußern und positionieren zu können? Mit Ressourcen sind hier einmal die persönliche Stellung in Staat, Gesellschaft und Medien, also auch (vermeintliches) (Fach-)Wissen zum jeweils relevanten Thema gemeint. Aber auch das Verhältnis des agierenden Subjekts zum Diskursgegenstand spielt hier eine Rolle.10

Die bloße Existenz von bestimmten Aussagen, warum und weshalb sie genau an dieser bestimmten Stelle gemacht worden sind, das ist Foucaults grundlegendes Motiv der Analyse. Deshalb geht es bei einer Diskursanalyse nach Foucault auch nicht um das, was eigentlich mit einer bestimmten Aussage gemeint ist, sondern um das, was tatsächlich gesagt wurde.11

Die verschiedenen diskursanalytischen Ansätze beobachten im Allgemeinen Praktiken in verschiedenen gesellschaftlichen Strukturen wie Symbol- und Sprachgebrauch und gehen davon aus, dass diverse Phänomene, bzw. deren Bedeutungszuschreibung sozial konstruiert sind. Damit einhergehend werde demnach auch Realität durch diese Form von Wissen festgesetzt. Letztlich als einer der für die wissenschaftliche Auseinandersetzung wichtigste Punkt, ist der, dass Kommunikation bestimmten Regeln folgt, welche analysiert werden können.12

2.2 Wirkungs- und Funktionsweise von Diskursen

Diskurse spiegeln nach Jäger bezugnehmend auf Foucault nicht einfach die gesellschaftliche Wirklichkeit wider, sondern führen gewissermaßen eine Art ‚Eigenleben‘.13 Indem Diskurse als „Anordnung von Denkkategorien und Wissensschemata“ konstruiert werden,14 beschreiben sie die Rahmenbedingungen, unter welchen durch eine bestimmte Einflussnahme in die diskursive Formation Eingriffe vorgenommen werden. Durch diese Einflussnahme werden sie auch als „‚institutionalisierte, geregelte Redeweisen [gesehen], insofern sie an Handlungen gekoppelt sind und also Machtwirkungen ausüben‘“.15

Diskurse strukturieren Aussagen nach bestimmten Ordnungsprinzipien, normativen Regeln und institutionalisierten Typen. Ferner geht es Foucault um das tatsächlich Gesagte vielmehr als nur um das Lesen zwischen den Zeilen.16

„Wie kommt es, dass eine bestimmte Aussage erschienen ist und keine andere an ihrer Stelle?“17

Allerdings kann nach Foucault auch davon ausgegangen werden, dass in einer Gesellschaft potentiell gefährliche Tendenzen von Diskursen durch diverse Mechanismen kanalisiert und auch Machteffekten entsprechend gegliedert werden, insbesondere geht es dabei um die allgemeine präventive Beschränkung von allem, was gesagt werden könnte.18

Um ein derartiges Machtverhältnis herzustellen und die Diskurshoheit erreichen zu können, muss der Diskurs, bzw. die zugehörigen Aussagen gewissermaßen aggregiert und kanalisiert werden. Dazu werden Schranken und Verbote gebraucht, nach Foucault ‘scher Theorie gibt es dabei drei Mechanismen. Neben externen Ausschließungs- und internen Kontrollmechanismen gibt es hierfür noch die sogenannte Verknappung der sprechenden Akteure.19 Diese Mechanismen werden weiter unten noch ausgeführt.

Diskurse verbreiten und bestimmen vermeintliches Wissen, aber erst die Rezeption und Reproduktion bestimmter Aussagen, welche sich über einen längeren Zeitraum hinweg wiederholen, lässt „tatsächliches“ Wissen bzw. feste Bewusstseinselemente entstehen. Insofern stellen Diskurse eine gewisse Regulierungsinstanz dar, die das Bewusstsein oder das Wissen einer begrenzten Anzahl von Subjekten an einem begrenzten Rahmen beeinflussen können.20

Aufgabe der Diskursanalyse oder vielmehr noch der kritischen Diskursanalyse ist die Klärung und Entwirrung des mannigfaltigen „Diskursgewuchere“ beziehungsweise der verschiedenen Diskursstränge. Diskursanalyse beinhaltet aber auch eine Wirkungsanalyse, d.h. eine genaue Betrachtungsweise der Folgen gewisser Aussagen und Handlungsweisen.21

„Aussagen als Bestandteile von Diskursen bezeichnen homogene Inhalte, dabei beschreiben sie gewissermaßen den „inhaltlich gemeinsamen Nenner“, also eine Art Quintessenz von Sätzen und Texten.“22

Jäger bezeichnet eine „Gruppe von Menschen relativ gleicher Bedeutungszuweisung zur Wirklichkeit“ als Kultur, die wiederum als Diskursgemeinschaft betrachtet werden kann. Nach Foucault haben derartige Diskursgesellschaften die Bewahrung und Reproduktion von einem bestimmten begrenzten Wissen in einem begrenzten Raum zur Aufgabe. Kulturen, die aus verschiedenen Diskursgemeinschaften bestehen, werden von Gruppen, die durch „die Anerkennung und Befolgung relativ homogener Aussagensysteme (Doktrinen, Ideologien, Diskurspositionen, etc.) zusammengehalten.“23

„Der einzelne Text wirkt minimal und kaum spür- und erst recht schlecht nachweisbar; demgegenüber erzielt der Diskurs mit seiner fortdauernden Rekurrenz von Inhalten, Symbolen und Strategien nachhaltige Wirkung, indem er im Laufe der Zeit zur Herausbildung und Verfestigung von ‚Wissen‘ führt.“24

Gewissermaßen bleiben von bestimmten Aussagen, Texten und Reden nur besondere Elemente, die wiederum durch das ständige Wiederholen und Wiederaufgreifen in neuen Kontexten ihren vermeintlichen Wahrheitsgehalt durch sich selbst beschreiben.

Diskursive Ereignisse sind Ereignisse, die in den öffentlichen Medien eine besondere Aufmerksamkeit finden und so auch den gesamten zugehörigen Diskurs entscheidend beeinflussen können. Durch die Untersuchung und Herausarbeitung diskursiver Ereignisse ist es möglich, den Diskurs in seinen bestimmten diskursiven Kontext zu setzen und dabei auch den Bezug zu älteren bereits bestehenden Diskurssträngen herzustellen.25

Diskursebenen werden nach Jäger als soziale Orte beschrieben „von denen aus jeweils gesprochen oder geschrieben wird“.26 Die verschiedenen Ebenen wirken dabei auch aufeinander ein, greifen stark ineinander und reproduzieren gewisse Tendenzen aus und in sogenannten Leitmedien. Verschiedene Diskursebenen setzen sich hier aus Wissenschaft, Politik, Medien, Literatur und Alltag etc.) zusammen. Ferner kann noch zwischen Spezialdiskursen aus dem Bereich der Wissenschaften und Interdiskursen, die sich etwa aus politischen und journalistischen Diskursen zusammensetzen.27

Als Diskurspositionen werden spezifische politische Positionierungen bezeichnet, von der aus ein Subjekt agiert. Dabei wird die Einbindung und Verstrickung des Subjekts in die verschiedenen vorherrschenden Diskurse unter die Lupe genommen, aus der man ebenfalls Rückschlüsse auf die weltanschauliche Positionierung ziehen kann. Dabei sind dies keine Momentaufnahmen, sondern die Betrachtung und das Analysetool setzt sich aus dem bekannten Werdegang zusammen.28

2.2.1 Narrative Strukturen

Wie Keller ausführt, können unter sogenannten narrativen Strukturen jegliche strukturierende „Momente von Aussagen und Diskursen bezeichnet werden, durch die verschiedene Deutungsmuster, Klassifikationen und Dimensionen der Phänomenstruktur (z.B. Akteure, Problemdefinitionen) zueinander in spezifischer Weise in Beziehung gesetzt werden“.29 Dabei wird nicht außer Acht gelassen, dass derartige Erzählweisen in vielen Bereichen vorherrschend sind und letztendlich die Geschichtsschreibung an sich stets ein von bestimmten Interessen getriebener Vorgang war und ist. In dieser Art und Weise können aus perspektivisch gefärbten Erfahrungen tatsächliche Zustände und Fakten werden, die eine Einteilung etwa in „Gut“ und „Böse“ vornehmen. Beispielhaft seien hier militärische Interventionen in fremden, souveränen Staaten genannt, welche aus Perspektive der Agierenden als Befreiungsaktion oder als Angriff vonseiten der jeweiligen Staaten und Bevölkerung gesehen werden können.

Durch die Konstruktionsweise und das ständige Wiederholen von gewissen Bausteinen wird letztendlich ein bestimmtes Wissen generiert, was wiederum einen Machteffekt herstellen kann. Folgt man den Ausführungen von Link und Jäger, so bilden kleinere und mittlere Erzählungen als ebenjene Bausteine eine Basis für ein bestimmtes Narrativ in einem Diskurs, das auf breitem Konsens angenommen und so ständig erneuert wird.30 Darauf Bezug nehmend werden in Kapitel 3.2 zwei für das deutsch-israelische Verhältnis relevante Erzählstrukturen nachgezeichnet.

Im Zuge einer kritischen Diskursanalyse werden alle Aussagen aufgegriffen, alles „Sagbare einer qualitativen Bandbreite“ und darüber hinaus alle Aussagen, welche nach Foucault in einem bestimmten zeitlichen Rahmen unter bestimmten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nach bestimmten Regeln und Argumentationsmustern geäußert worden sind. Ferner werden u.a. auch die hier angesprochenen Verknappungs- oder Eingrenzungsstrategien untersucht.31

Als grundlegender Ansatz für die vorliegende Arbeit ist laut Keller vor allem eine Gruppenbildung verschiedener Akteure, die bezugnehmend auf eine „gemeinsame Grunderzählung“ ein bestimmtes Bild entwerfen, dies reproduzieren und damit eine diskursive Machtposition einnehmen.

„Kollektive Akteure aus unterschiedlichen Kontexten (z.B. aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft) koalieren bei der Auseinandersetzung um öffentliche Problemdefinitionen durch die Benutzung einer gemeinsamen Grunderzählung, in der spezifische Vorstellungen von kausaler und politischer Verantwortung, Problemdringlichkeit, Problemlösung, Opfern und Schuldigen formuliert werden. Probleme lassen sich (ent)dramatisieren, versachlichen, moralisieren, politisieren oder ästhetisieren. Akteure werden aufgewertet, ignoriert oder denunziert. Angesprochen sind damit Deutungs- oder Argumentationseffekte, die etwa innerhalb politischer Diskurse in der Regel intendiert, wenn auch nicht unbedingt vollständig kontrolliert sind.“32

Darauf aufbauend können weitere Kommentare und Nebendiskurse entstehen, die sich wiederum auf Elemente der Grunderzählung rückbeziehen. In narrativen Strukturen lassen sich durch verschiedene Praktiken wie Verwendung von Deutungselementen, durch Aktualisierungen und Veränderungen Diskurse zu einer zusammenhängenden Geschichte verbinden. Dadurch werden bestimmte Narrative erst konstruiert und somit für eine Zuhörerschaft ansprechend gefunden.33

„Durch den Rückgriff auf eine story line können Akteure diskursive Kategorien sehr heterogener Herkunft in einem mehr oder weniger kohärenten Zusammenhang aktualisieren. Dadurch entsteht der für öffentliche Diskurse typische Hybridcharakter.“34

Da zum Zwecke dieser Arbeit vornehmlich die Interessen der jeweiligen agierenden Subjekte im Vordergrund stehen, sind die verschiedenen Narrative interessant, welche konstitutiv für die verschiedenen Lager im deutsch-israelischen Diskurs in Deutschland sind.

Als Träger von Wissen konstituieren Narrative über Diskurse zum einen Macht und stellen zum anderen auch selbst einen entscheidenden Machtfaktor dar, der sowohl neue Diskurse anstoßen, als auch Machtverhältnisse in und zwischen Gesellschaften oder Einflusssphären der jeweiligen Akteure bestimmen kann.35

In Gesellschaften sind sogenannte „kulturelle Stereotypen“36 in Form von Kollektivsymbolen in großer Anzahl verbreitet. Dadurch stellen sie einen großen Vorrat an bereits bestehenden Bildern dar, welche für die Ausgestaltung eines Gesamtbildes der gesellschaftlichen und politischen Realität entscheidend sind. Als Vermittler derartiger Symbole und Weltanschauungen spielen die Medien eine wichtige Rolle.37

Die sogenannte Kollektivsymbolik stellt hierbei ein diskurstragendes Element dar, das in allerlei Narrativen zu finden ist. Nach Jäger (2007) erzeugen Kollektivsymbole durch Vereinheitlichung komplexer Sachverhalte mehrheitlich ein emotional oder auch rational gefärbtes Wissen, das dadurch spezifisch gedeutet werden kann. Ein entscheidender Aspekt kommt dem hinzu, falls Kollektivsymbole innerhalb eines bestimmten Systems von Ordnungen ihre Wirkung entfalten. In diesem Fall werden daraus spezifische Handlungsforderungen impliziert.38 Besonders zum Vorschein treten derartige Argumentationsmuster im Zusammenhang mit Konfliktdiskursen, beispielsweise wenn zur Aktion gegen Israel unter der Begründung von „völkerrechtswidrigem Verhalten“ aufgerufen wird.

Dabei determinieren Einzelpersonen nicht den Diskurs, sondern, da jeder zu jedem Zeitpunkt, ausgehend von einer gewissen „erlernten Diskursposition“ aus handelt, findet eine fließende Entwicklung statt. Jäger bezeichnete deshalb Diskurse auch als „Flüsse von sozialen Wissensvorräten durch die Zeit“.39 Der Diskurs ist demnach die „Resultante all der vielen Bemühungen der Menschen, in einer Gesellschaft zu existieren und sich durchzusetzen.“40

[...]


1 Landwehr 2008, S. 61.

2 Landwehr 2008, S. 61.

3 Jäger 2012, S. 25.

4 Jäger 2012, S. 25.

5 Jäger 2012, S. 26.

6 Quenzel 2005, S. 42.

7 Keller 2011, S. 151.

8 Siehe hierzu Landwehr 2008, S. 65f.

9 Landwehr 2008, S. 68f.

10 Landwehr 2008, S. 68f.

11 Landwehr 2008, S. 70.

12 Keller 2011, S. 173.

13 Jäger 2012, S. 33.

14 Landwehr 2008, S. 62.

15 Keller 2011, S. 151.

16 Foucault 1972, S. 35ff.

17 Foucault 1972, S. 42.

18 Foucault 1974, S. 11.

19 Landwehr 2008, S. 73.

20 Jäger 2007, S. 22f.

21 Jäger 2007, S. 32.

22 Jäger 2007, S. 26.

23 Jäger 2007, S. 25ff.

24 Jäger 2012, S. 52.

25 Jäger 2007, S. 27.

26 Jäger 2007, S. 28f.

27 Jäger 2007, S. 28f.

28 Jäger 2007, S. 28f.

29 Keller 2011, S. 248f.

30 Jäger 2007, S. 33.

31 Jäger 2007, S. 34f.

32 Keller 2011, S. 249.

33 Keller 2011, S. 249.

34 Keller 2011, S. 249f.

35 Jäger 2012, S. 38

36 Jäger 2007, S. 36.

37 Jäger 2007, S. 36.

38 Jäger 2007, S. 39f.

39 Siehe Keller 2011, S. 151.

40 Jäger 2012, S. 37.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Darf man in Deutschland Israel kritisieren?
Untertitel
Eine diskurstheoretische Betrachtung des vermeintlichen Tabus im deutschen Israel-Diskurs am Beispiel des Manifests der 25
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Politik und Zeitgeschichte des Nahen Ostens)
Veranstaltung
Umstrittene Geschichte - Ausgewählte Kontroversen der Historiographie des Nahostkonflikts
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
35
Katalognummer
V301962
ISBN (eBook)
9783956876844
ISBN (Buch)
9783668005785
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darf, deutschland, israel, eine, betrachtung, tabus, israel-diskurs, beispiel, manifests
Arbeit zitieren
Sebastian Voit (Autor), 2015, Darf man in Deutschland Israel kritisieren?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301962

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