Der Nahostkonflikt ist noch immer die alles bestimmende Thematik in den öffentlichen Medien, wenn es um Israel, Palästina, Libanon oder Iran geht. Polarisierende Bilder und Artikel bestimmen dabei die Berichterstattung in den deutschen Medien. Eine immer wieder auf den Plan tretende Bemerkung im Zusammenhang mit kritischen, beziehungsweise kritikwürdigen Aktionen Israels im Nahostkonflikt ist der Hinweis darauf, dass man Israel als Deutscher beziehungsweise in der deutschen Öffentlichkeit nicht kritisieren dürfe. Falls man es doch tue, werde man umgehend mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert.
In der vorliegenden Arbeit soll mithilfe diskursanalytischer Elementen nach Michel Foucault zum einen ein Ausschnitt des Diskurses um die Darstellung und Sichtweise Israels in der deutschen Öffentlichkeit gegeben werden. Nach der Darstellung und Klärung der theoretisch relevanten Elemente der von Foucault angestoßenen Diskurstheorie werden neben der Darstellung des diskursiven Kontexts Positionen zur Israelkritik in deutschen Medien anhand diverser Akteure vorgestellt.
Dabei werden Argumentationen, welche in verschiedenen Narrativen Ausdruck finden, auf die Rolle des Holocaust und des Antisemitismus hin untersucht und die daraus folgende Beziehung zu Israel beziehungsweise zu den Palästinensern in den Fokus gestellt.
Bei der Auswahl der Akteure handelt es sich um in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten aus verschiedenen Lagern und verschiedener Herkunft, welche aufgrund ihrer gesellschaftlichen oder politischen Stellung und Funktion einen Einfluss auf die Konstituierung der öffentlichen Meinung in den deutschen Medien ausüben und so um die sogenannte Diskurshoheit kämpfen.
Die Diskurstheorie geht davon aus, dass hinter jeder Aussage ein bestimmtes Interesse in Form von Machtbeziehungen steht, das es zu ergründen gilt. Im Kontext der deutsch-israelischen Beziehungen und der gegenseitigen Kritikfähigkeit sind verschiedene Narrative von besonderer Bedeutung. Zumal können damit spezielle Bilder des entsprechenden Gegenübers konstruiert werden, in den Medien reproduziert und instrumentalisiert werden. Dabei lautet die Frage, welche Schranken und Tabus es wahrhaftig oder vermeintlich gibt, die den deutschen Israeldiskurs bestimmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Darf man in Deutschland Israel kritisieren?
2. Diskurstheorie nach Foucault
2.1 Definitionen von Diskurs
2.2 Wirkungs- und Funktionsweise von Diskursen
2.2.1 Narrative Strukturen
2.2.2 Kontrollmechanismen der Diskurse: Ausschließungs- und Verknappungssysteme
2.3 Kritische Hinterfragung des diskursanalytischen Ansatzes
3. Fallbeispiel: Israelkritik im deutschen medialen Diskurs
3.1 Der diskursive Kontext: Das deutsch-israelische Verhältnis
3.1.1 Überblick der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel seit 1948/49
3.1.2 Das deutsch-israelische Verhältnis in der deutschen Gesellschaft
3.2 Deutschland und Israel im medialen Diskurs in Deutschland: Das Manifest der 25 als diskursives Ereignis
3.2.1 Narrativ I: Das Tabu deutscher Israel-Kritik – Konstruktive Kritik an Israel muss erlaubt sein
3.2.2 Narrativ II: Israel darf nicht kritisiert werden – Deutschland muss uneingeschränkt an der Seite Israels stehen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht auf Basis der Diskurstheorie nach Michel Foucault, inwieweit in der deutschen Öffentlichkeit ein tatsächliches Tabu hinsichtlich der Kritik an der Politik des Staates Israel existiert. Anhand des sogenannten "Manifests der 25" wird analysiert, wie verschiedene Akteure Deutungsmacht ausüben und welche Narrativstrukturen den deutsch-israelischen Diskurs prägen.
- Diskurstheoretische Grundlagen nach Foucault
- Analyse des "Manifests der 25" als diskursives Ereignis
- Untersuchung von Kontrollmechanismen und Tabuisierungen
- Darstellung gegensätzlicher Narrative im medialen Diskurs
- Reflektion der Rolle des Holocaust und sekundären Antisemitismus
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Narrative Strukturen
Wie Keller ausführt, können unter sogenannten narrativen Strukturen jegliche strukturierende „Momente von Aussagen und Diskursen bezeichnet werden, durch die verschiedene Deutungsmuster, Klassifikationen und Dimensionen der Phänomenstruktur (z.B. Akteure, Problemdefinitionen) zueinander in spezifischer Weise in Beziehung gesetzt werden“. Dabei wird nicht außer Acht gelassen, dass derartige Erzählweisen in vielen Bereichen vorherrschend sind und letztendlich die Geschichtsschreibung an sich stets ein von bestimmten Interessen getriebener Vorgang war und ist. In dieser Art und Weise können aus perspektivisch gefärbten Erfahrungen tatsächliche Zustände und Fakten werden, die eine Einteilung etwa in „Gut“ und „Böse“ vornehmen. Beispielhaft seien hier militärische Interventionen in fremden, souveränen Staaten genannt, welche aus Perspektive der Agierenden als Befreiungsaktion oder als Angriff vonseiten der jeweiligen Staaten und Bevölkerung gesehen werden können.
Durch die Konstruktionsweise und das ständige Wiederholen von gewissen Bausteinen wird letztendlich ein bestimmtes Wissen generiert, was wiederum einen Machteffekt herstellen kann. Folgt man den Ausführungen von Link und Jäger, so bilden kleinere und mittlere Erzählungen als ebenjene Bausteine eine Basis für ein bestimmtes Narrativ in einem Diskurs, das auf breitem Konsens angenommen und so ständig erneuert wird. Darauf Bezug nehmend werden in Kapitel 3.2 zwei für das deutsch-israelische Verhältnis relevante Erzählstrukturen nachgezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darf man in Deutschland Israel kritisieren?: Einführung in die Thematik der Israelkritik in deutschen Medien, Vorstellung des Manifests der 25 als Fallbeispiel sowie Erläuterung der diskursanalytischen Zielsetzung.
2. Diskurstheorie nach Foucault: Darlegung der theoretischen Grundlagen der Diskursanalyse nach Michel Foucault, inklusive Erläuterungen zu Wirkungsweisen, Narrativen und Kontrollmechanismen.
3. Fallbeispiel: Israelkritik im deutschen medialen Diskurs: Detaillierte Analyse des deutsch-israelischen Verhältnisses und der medialen Auseinandersetzung anhand der Narrative des Manifests der 25.
4. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage, wobei das vermeintliche Tabu der Israelkritik als machtpolitisches Instrument im Kampf um Deutungshoheit identifiziert wird.
Schlüsselwörter
Israelkritik, Diskurstheorie, Michel Foucault, Manifest der 25, deutsch-israelisches Verhältnis, Narrativ, Antisemitismus, Nahostkonflikt, Diskursanalyse, Deutungshoheit, Medien, Holocaust, Tabu, Politische Kommunikation, Machtbeziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das diskursive Spannungsfeld zwischen dem vermeintlichen Tabu, Israel in Deutschland zu kritisieren, und der tatsächlichen medialen Debattenkultur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Diskurstheorie, das deutsch-israelische Verhältnis, die Rolle der deutschen Vergangenheit in der Außenpolitik und mediale Argumentationsstrategien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diskursive Ereignisse wie das "Manifest der 25" genutzt werden, um im Diskurs um Israel sowohl Kritik zu formulieren als auch Machtpositionen zu festigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf der kritischen Diskursanalyse nach Michel Foucault, ergänzt um Ansätze von Jäger und Keller.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Kontext der deutsch-israelischen Beziehungen und dekonstruiert zwei zentrale Narrative, die entweder die Freiheit zur Kritik fordern oder diese aufgrund historischer Verantwortung strikt ablehnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Israelkritik, Diskurshoheit, Narrative, Antisemitismus und historische Verantwortung.
Welche Rolle spielt das "Manifest der 25" im Diskurs?
Das Manifest dient als diskursives Ereignis, das die Debatte über die "besonderen Beziehungen" zwischen Deutschland und Israel maßgeblich anstieß und polarisierte.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich des vermeintlichen Tabus?
Der Autor kommt zum Schluss, dass es kein explizites Verbot der Israelkritik gibt, sondern dass das Argument des "Tabus" als Vehikel im Machtstreit um die Deutungshoheit genutzt wird.
- Citation du texte
- Sebastian Voit (Auteur), 2015, Darf man in Deutschland Israel kritisieren?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301962