Wilde Kinder. Ist der Mensch erziehungsbedürftig?


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff der Erziehung

3. Der Anlage-Umwelt-Konflikt

4. Wilde Kinder
4.1 Allgemeine Einführung und Merkmale
4.2 Fallbeispiele
4.2.1 Victor von Aveyron
4.2.2 Genie
4.2.3 Kaspar Hauser
4.2.4 Vergleich von Victor, Genie und Kaspar

5. Abschließende Überlegungen

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Was passiert, wenn ein Mensch von Geburt an isoliert von jeglicher menschlichen Umgebung, Gesellschaft und Erziehung lebt? Wird er sich genauso entwickeln wie Menschen, die eine Erziehung genießen durften? Wird sich in ihm eine Art Naturmensch zeigen? Welche physischen und psychischen Folgen hat dieser Mensch zu tragen? Kann er sprechen? Kann er sich genauso fortbewegen wie alle anderen Menschen auch? Wird er sich in die menschliche Gesellschaft eingliedern können? Und: Kann (und muss) er überhaupt noch erzogen werden? Diese spannenden Fragen beschäftigen die Wissenschaft bereits seit langer Zeit. Schon der ägyptische König Psammetich I. wollte beispielsweise herausfinden, ob Kinder „spontan, von sich aus eine Sprache entwickelten und welche das wäre“1, indem er sie unter Ziegen aufwachsen ließ. Glücklicherweise sind derartige Isolationsversuche in der heutigen Zeit aus ethischen Gründen nicht möglich, dennoch tauchen in der Geschichte immer wieder Fälle von sogenannten wilden Kindern auf, an denen man die fatalen Folgen eines Lebens ohne Kontakt zu Menschen, ohne Liebe und ohne Erziehung sehen kann.

Im Folgenden soll nun zunächst auf den Begriff der Erziehung und auf den Anlage-Umwelt-Konflikt eingegangen werden. Anschließend werden allgemeine Merkmale und Verhaltensweisen von wilden Kindern erläutert, um daraufhin die Fallbeispiele von Victor von Aveyron, Genie und Kaspar Hauser zu untersuchen und zu vergleichen. Basierend auf diesen theoretischen und exemplarischen Grundlagen wird dann abschließend auf die Frage eingegangen, ob der Mensch erziehungsbedürftig ist.

2. Zum Begriff der Erziehung

Bevor man der Frage nachgeht, ob der Mensch überhaupt erziehungsbedürftig ist, muss zunächt einmal geklärt werden: Was bedeutet Erziehung überhaupt? Der Begriff der Erziehung hat ein sehr weites Verständnis; es gibt unzählige Definitionen, welche versuchen, den Begriff zu präzisieren. Meiner Auffassung zufolge findet Erziehung statt in einem pädagogischen Verhältnis zwischen dem Erzieher, einer erwachsenen Person, welche schon ausreichend Erfahrungen mit der Umwelt gesammelt hat, und einem Zögling, welcher in der Regel jünger und noch relativ unerfahren ist. Somit stimme ich Immanuel Kant in der Aussage zu, dass nur eine Person, die selbst schon erzogen ist, dazu in der Lage ist, eine andere Person zu erziehen. Erziehung findet dabei nicht nur absichtsvoll und gewollt, sondern auch unbewusst und zufällig statt. Die Aufgabe des Erziehers ist es, dem Zögling sowohl Normen und Werte, als auch Gefahren und Grenzen aufzuzeigen. Der Erzieher hat meiner Meinung nach die Aufgabe, die Entwicklung des Zöglings – beispielsweise hinsichtlich der sprachlichen, motorischen oder kognitiven Fähigkeiten – sowie dessen Selbstständigkeit zu unterstützen und zu fördern. Für den Zögling ist er ein Begleiter auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit und in die soziale und kulturelle Welt. Ist nun aber nur die Erziehung der einzig wichtige Faktor bei der Entwicklung eines Menschen?

3. Der Anlage-Umwelt-Konflikt

Bei der uralten Kontroverse über den Einfluss von Anlage und Umwelt auf die Entwicklung des Menschen geht es darum, ob mehr die Anlagen, also unsere genetische Ausstattung, oder eher unsere Umwelt (und somit auch die menschliche Erziehung) eine Rolle bei unserer Entwicklung spielen.

Unter „Anlagen“ versteht man „die genetische Ausstattung eines Lebewesens, die bei der Befruchtung festgelegt wird.“2 Dagegen wird der Begriff „Umwelt“ definiert als „alle direkten und indirekten Einflüsse, denen ein Lebewesen von der Befruchtung der Eizelle (= Empfängnis) bis zu seinem Tode von außen her ausgesetzt ist.“3 Insbesondere die kulturelle und soziale Umwelt sind für die Entwicklung des Menschen von Bedeutung.

Der sogenannte pädagogische Pessimismus geht davon aus, dass die Anlagen der einzige Entwicklungsfaktor sind und „der Mensch […] überhaupt nicht erziehbar [sei]“4, sodass hier im Extremfall sogar von einer „Ohnmacht der Erziehung“5 gesprochen wird. Bei der menschlichen Entwicklung spielen lediglich endogene Faktoren eine Rolle. Die Gegenposition zum pädagogischen Pessimismus stellt der pädagogische Optimismus dar, welcher besagt, „dass der Mensch zunächst einem unbeschriebenen Blatt gleicht. Mit einer entsprechenden Umwelt könnte man aus ihm jedoch alles machen – die genetischen Grundlagen hätten keinen Einfluss.“6 Grundaussage des pädagogischen Optimismus ist somit, dass die Erziehung grenzenlose Erfolgsmöglichkeiten hat und ausschließlich exogene Faktoren an der Entwicklung des Menschen beteiligt sind; man spricht auch von einer „Allmacht der Erziehung“7. Trotz dieser beiden radikalen Gegenpositionen stimmen „[a]lle zeitgenössischen Forscher […] darin überein, dass sowohl Vererbung als auch die Umwelt an jedem Aspekt der Entwicklung beteiligt sind.“8

Das Zitat „Was du bist hängt von drei Faktoren ab: Was du geerbt hast, was deine Umgebung aus dir machte und was du in freier Wahl aus deiner Umgebung und deinem Erbe gemacht hast.“ von Aldous Huxley zeigt jedoch sehr gut, dass der Mensch nicht nur abhängig von Anlage und Umwelt ist, sondern zugleich ein selbstaktives Wesen, welches gezielt die eigene Entwicklung mitbestimmen kann.

Somit stellen Anlage, Umwelt und Selbststeuerung wichtige Faktoren für die Entwicklung des Menschen dar, welche miteinander in einem komplexen Wechselspiel stehen. Was passiert jedoch, wenn dieses Wechselspiel unterbrochen wird und seit Geburt an der Faktor Umwelt und infolgedessen auch jegliche menschliche Erziehung fehlt? Können die genetisch bedingten Anlagen diesen Mangel ausgleichen?

4. Wilde Kinder

4.1 Allgemeine Einführung und Merkmale

Kommen wir nochmals auf die eben gestellte Frage zurück: Können fehlende Umwelteinflüsse alleine durch die genetischen Anlagen ausgeglichen werden? Um diese Fragestellung beantworten zu können, wäre eine sogenannte Deprivationsstudie nötig. Das bedeutet, dass ein Kind bzw. ein Säugling keinerlei Umwelteinflüssen ausgesetzt wird, keine Erziehung erfährt und sich somit nur auf Basis seiner Anlagen entwickelt. Im schlimmsten Fall werden von Geburt an „fast alle Umwelteinflüsse außer der lebensnotwendigen Nahrung für eine mehr oder weniger umfangreiche Zeitspanne vorenthalten“9. Glücklicherweise dürfen beim Menschen solche Versuche aus ethischen Gründen nicht durchgeführt werden. Jedoch finden sich in der Geschichte immer wieder Fälle, „aus denen sich die schlimmen Folgen mangelnder oder unzureichender Erziehung [...] aufs neue ablesen lassen“10. Bei diesen Fällen handelt es sich um Kinder, „die außerhalb jeder menschlichen Gesellschaft entweder mit Tieren oder völlig isoliert [oder eingesperrt] und folglich ohne jede menschliche Erziehung aufgewachsen sind.“11 Aufgrund dieser Tatsache werden sie auch als „wilde Kinder“ oder „Wolfskinder“ bezeichnet.

Die meisten wilden Kinder weisen ähnliche Merkmale auf; die häufigsten Verhaltensweisen darunter sind folgende:

- kein aufrechter Gang
- keine (menschliche) Sprache
- Unempfindlichkeit gegen Kälte und Hitze
- aggressives Verhalten
- unausgeprägtes Sozialverhalten
- unfähig zu kauen
- stark ausgeprägte Sinnesorgane
- Furcht vor Menschen
- Unterernährung

Wachsen Kinder unter Tieren auf, zeigen sie zudem animalisches Verhalten: Sie geben tierische Laute von sich, essen gerne rohes Fleisch und haben scharfe Schneidezähne. Insgesamt sind wilde Kinder somit nicht nur in motorischen oder sprachlichen Bereichen, sondern auch in kognitiven, sozialen und emotionalen Komponenten in ihrer Entwicklung zurückgeblieben.

4.2 Fallbeispiele

In den vergangenen Jahrhunderten sind kaum mehr als fünfzig Fälle von wilden Kindern verzeichnet worden. Viele Fälle haben sich als Lüge oder Gerücht entpuppt, andere dagegen sind nur sehr spärlich dokumentiert. Im Folgenden sollen nun die drei wilden Kinder Victor von Aveyron, Genie und Kaspar Hauser vorgestellt werden, da diese Fälle äußerst gut dokumentiert sind.

4.2.1 Victor von Aveyron

Einer der bekanntesten Fälle von Wolfskindern stellt Victor von Aveyron dar, auch bekannt unter dem Namen „Le Sauvage de l´Aveyron“ (auf Deutsch: „Der Wilde von Aveyron“). Im Jahre 1797 sichteten Bauern in einem Wald in Südfrankreich einen nackten Jungen und nahmen ihn fest. Der Junge konnte sich aber aus der Gefangenschaft befreien und entkommen. Einige Zeit später wurde er nochmals entdeckt und an eine Witwe übergeben, jedoch gelang ihm erneut die Flucht. Am 8. Januar 1800 tauchte der etwa zwölf bis fünfzehn Jahre alte Junge namens Victor dann – von Hunger getrieben – im Ort Aveyron auf und wurde kurz darauf dem Professor Pierre-Joseph Bonnaterre in Rodez übergeben, welcher Studien über das wilde Kind durchführte. Viele Wissenschaftler witterten in Victor eine einmalige Chance. „Jetzt, hofften viele, muß sich zeigen, wie der Mensch im Naturzustand beschaffen ist, der Mensch minus alle Zivilisation; jetzt muß sich auch zeigen, was gründliche Erziehung alles aus einem Menschen machen kann.“12

Victor zeigte die „üblichen“ Merkmale von wilden Kindern, beispielsweise konnte er nicht sprechen, dafür stieß er unartikulierte Schreie aus. Zudem war er sehr misstrauisch. „Besonders argwöhnisch verhielt er sich gegenüber Kindern. […] Boshaftigkeit und Mutwilligkeit waren ihm fremd. Aber er zeigte auch keine Gefühle der Dankbarkeit, des Mitleids oder der Scham.“13 Überdies verrichtete er anfangs seine Notdurft überall, wo immer er gerade zugegen war. „Was seinen Verstand anging, so attestierte ihm Professor Bonnaterre, daß es dem Jungen keineswegs völlig an Intelligenz, Denkvermögen und Vernunft mangele.“14 Dagegen war Philippe Pinel, Psychiater und Leiter der Irrenanstalt Bicêtre, der Ansicht, dass Victor schwachsinnig sei und somit „ein hoffnungsloser Fall“15, bei dem Erziehung nichts bewirken könne. Ab Dezember des Jahres 1800 wurde Victor an den Arzt und Taubstummenlehrer Jean Marc Gaspard Itard in Paris übergeben, welcher sich um die Erziehung Victors kümmern sollte. Itard „hatte die feste Überzeugung, daß diese Form sozial erzeugter Idiotie heilbar und der Wilde erziehbar sei.“16 17 Ihm zufolge ist somit der zurückgebliebene Entwicklungsstand von Victor einzig und allein auf sein isoliertes Aufwachsen zurückzuführen. Itard versuchte vor allem, die Sprache Victors zu fördern, ihm Regeln beizubringen und ihn in die Gemeinschaft einzugliedern.

[...]


1 Zimmer 1989, S. 26.

2 Altenthan 2008, S. 56.

3 Ebd.

4 März 1980, S. 12.

5 Ebd., S. 13.

6 Heppner 2013, S. 3.

7 März 1980, S. 68.

8 Berk 2005, S. 92.

9 Lohaus / Vierhaus 2013, S. 53.

10 März 1978, S. 171.

11 Malson / Itard / Mannoni 1972, S. 2.

12 Zimmer 1989, S. 29.

13 Koch 1997, S. 17.

14 Ebd., S. 17 f.

15 Ebd., S. 19.

16 Ebd., S. 24.

17 Vgl. ebd., S. 11 ff.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Wilde Kinder. Ist der Mensch erziehungsbedürftig?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Bildung und Erziehung im Bereich der frühen Kindheit
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V302006
ISBN (eBook)
9783668006423
ISBN (Buch)
9783668006430
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erziehungsbedürftig, Wilde Kinder, Genie, Victor von Aveyron, Kaspar Hauser, Anlage, Umwelt
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Wilde Kinder. Ist der Mensch erziehungsbedürftig?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302006

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wilde Kinder. Ist der Mensch erziehungsbedürftig?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden