Der Ausdruck 'Büchse der Pandora' wird im Volksmund allgemein als der Ausdruck für herannahendes Unheil angesehen, doch wissen die Wenigsten, was Pandora repräsentiert und wofür ihr Name tatsächlich steht: „Die Fabel von Pandora ist mir von jeher nicht klar gewesen, ja ungereimt und verkehrt vorgekommen.“ Pandora symbolisiert das Urbild der Weiblichkeit. Der Mythos um ihre Person weist zum einen Parallelen zum biblischen Sündenfall auf und zum anderen wird die Weiblichkeit von Göttern zur Veranschaulichung ihrer Macht und für Durchsetzung ihrer Ziele instrumentalisiert.
In dieser Arbeit soll die Funktion Pandoras und die Bedeutungsverschiebung des Namens auf Grundlage des Mythos von Hesiod an den Beispielen des Doppeldramas 'Erdgeist' und 'Die Büchse der Pandora' von Frank Wedekind und des Filmdramas 'Pandora and the Flying Dutchman' von Albert Lewin erörtert werden. Die Basis hierfür stellt die Vergleichende Literaturwissenschaft dar, die eingangs erläutert werden wird. Ziel der Arbeit ist es, den Kern des Mythos herauszuarbeiten, historisch einzuordnen und Spezifikationen herauszustellen. Hierbei wird auch die mediale Komponente berücksichtigt, indem zunächst das Medium des Textes anhand von Hesiods Werk, im Anschluss der Text von Wedekind, welcher sowohl in den Medien Theater als auch Oper und Film adaptiert wurde, und letztlich das Medium des Films mit Lewins Werk betrachtet werden.
Als Grundlage für die Analyse soll zu Beginn der Begriff des Mythos definiert werden, wobei auf den Forschungsstand eingegangen wird, um die Auseinandersetzung mit dem antiken Pandorastoff von Hesiod vorzubereiten. Ferner wird zum einen die Vergleichende Literaturwissenschaft erläutert, um eine wissenschaftliche Basis zu schaffen und zum anderen die anthropologische Mythentheorie Blumenbergs, die als methodisches Fundament verwendet werden soll. Weiterhin werden die dominierenden Strömungen der literaturhistorischen Epochen der jeweiligen Künstler veranschaulicht, um dem Leser einen Einblick zu verschaffen, welchen Einflüssen diese unterlagen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Zugang
2.1 Komparatistik
2.2 Der Mythos
2.3 Anthropologische Mythentheorie (Hans Blumenberg)
2.4 Literatur-historische Epochen
2.4.1 Kulturmodell des archaischen Griechenlands (Hesiod)
2.4.2 Kulturmodell der Jahrhundertwende in Deutschland (Wedekind)
2.4.3 Kulturmodell des 20. Jahrhunderts in Amerika (Lewin)
2.5 Zwischenergebnis
3 Der Pandoramythos von Hesiod
4 Wedekinds Doppeldrama 'Erdgeist' und 'Die Büchse der Pandora'
4.1 Trivia
4.2 Hesiod und Wedekind
4.3 Mythisierung der Lulu durch Arbeit am Mythos
4.3.1 Namen als ein Stück des Seins und der Seele
4.3.2 Lebenskunst
4.3.3 Kind-Frau, Femme Fatale oder Monster?
4.4 Entmythisierung
4.5 Zwischenergebnis
5 Lewins 'Pandora and the Flying Dutchman'
5.1 Trivia
5.2 Hesiod und Lewin
5.3 Mythisierung der Pandora durch Arbeit am Mythos
5.3.1 Remotivation
5.3.2 Vanitas
5.3.3 Liebe im Mythos
5.4 Entmythisierung
5.5 Zwischenergebnis
7 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Funktion und Bedeutungsverschiebung der Pandorafigur sowie deren Adaption in Frank Wedekinds Doppeldrama 'Erdgeist' und 'Die Büchse der Pandora' sowie Albert Lewins Filmdrama 'Pandora and the Flying Dutchman'. Ziel ist es, den Kern des Mythos nach Hesiod historisch einzuordnen, die mediale Transformation der Figur zu analysieren und aufzuzeigen, wie die Autoren durch Arbeit am Mythos zeitgenössische Konzepte von Weiblichkeit und Existenz verhandeln.
- Komparatistische Analyse mythologischer Stoffe in Literatur und Film
- Die anthropologische Mythentheorie nach Hans Blumenberg als methodisches Fundament
- Untersuchung der Lulu-Figur bei Wedekind als Adaption der Pandora
- Analyse der Pandora-Figur bei Lewin und ihre Einbettung in den Zeitgeist
- Refunktionalisierung und Entmythisierung des Pandorastoffs in der Moderne
Auszug aus dem Buch
4.1 Trivia
Frank Wedekind ist der unbewußte Zurechtweiser naturalistischer Dinge. Er ist ein Genie der Verzerrung. Zugleich ein göttlicher Sauhirt. Alles wird bei diesem großen Leergebrannten ganz frei unter einen verrückenden Sehwinkel geschoben. Er ulkt über alles, auch über die Illusion in seinen Dramen. Er benutzt Sterben und Unglück recht gern als komische Quelle. Erst wer die Gefühle so überwunden hat, ist – in anderem Sinne – der wahre Naturalist; jedenfalls der am meisten Sachliche von allen.
Frank Wedekind, welcher den Menschen als Triebwesen sieht, das durch seine Umwelt geschaffen wurde, spiegelt in seiner Auffassung die Prinzipien des Naturalismus wider, jedoch sind seine Werke gespickt von Symbolen und dichterischer Verklärung, aber auch Motiven der Sinnlichkeit und der Freiheit, wodurch er sowohl dem Symbolismus, dem Realismus als auch dem Impressionismus zugeordnet werden kann. Eine klare Abgrenzung zu einer dieser Strömungen fällt bei Wedekind schwer. Dennoch war er in jedem Fall antibürgerlich eingestellt, weshalb er Sachverhalte zumeist sehr überspitzt und teilweise anstößig darstellte, womit er als Wegbereiter des Expressionismus gilt.
Der Künstler schuf mit seinen Werken einen ästhetischen Umbruch des Theaters, der durch surrealistische und bizarre Elemente charakterisiert wird und brachte dadurch einen vollkommen neuen ambivalenten Typus des Dramas hervor, indem er nicht den kulturellen Verfall zum Primärobjekt seiner Werke machte, sondern die Kunst per se, wobei er dennoch unterschwellig Gesellschaftskritik übte, da er sich von einer Welt mit aussterbenden moralischen Idealen umgeben sah.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, die Funktion und den Wandel der Pandorafigur anhand der Werke von Hesiod, Wedekind und Lewin zu untersuchen.
2 Theoretischer Zugang: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Grundlagen der Komparatistik, definiert den Begriff des Mythos und stellt die anthropologische Mythentheorie von Hans Blumenberg sowie die literarhistorischen Kulturmodelle vor.
3 Der Pandoramythos von Hesiod: Hier wird der ursprüngliche Pandoramythos nach Hesiod dargelegt, der als Referenzpunkt für die späteren Adaptionen dient.
4 Wedekinds Doppeldrama 'Erdgeist' und 'Die Büchse der Pandora': Das Kapitel analysiert Wedekinds Lulu-Figur im Kontext von Naturalismus und Symbolismus und zeigt die Parallelen sowie die bewusste Entmythisierung im Vergleich zur antiken Vorlage auf.
5 Lewins 'Pandora and the Flying Dutchman': Die Untersuchung widmet sich Lewins Film und analysiert die Figur der Pandora Reynolds als moderne, surrealistisch geprägte Adaption sowie die Rolle der Liebe als zentrales Motiv.
7 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass beide Künstler den Pandoramythos nutzen, um zeitgenössische Existenzfragen zu verhandeln, ihn dabei jedoch durch Vermenschlichung und Entmythisierung auflösen.
Schlüsselwörter
Pandora, Mythos, Hans Blumenberg, Frank Wedekind, Albert Lewin, Lulu, Komparatistik, Literaturtheorie, Mythentheorie, Entmythisierung, Weiblichkeit, Adaption, Symbolismus, Naturalismus, Existenzgrundlage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der vergleichenden Analyse der Pandoradarstellung in der Literatur und im Film. Dabei wird untersucht, wie sich der antike Mythos über die Jahrhunderte gewandelt hat und in modernen Werken neu interpretiert wird.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Mittelpunkt stehen die Komparatistik, die anthropologische Mythentheorie von Hans Blumenberg, das Motiv der Femme Fatale sowie die Darstellung weiblicher Identität in verschiedenen literarischen und filmischen Epochen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Kern des antiken Mythos bei Hesiod herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie Wedekind und Lewin diesen Stoff refunktionalisiert und entmythisiert haben, um auf die Bedürfnisse ihrer jeweiligen Zeit zu reagieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt die Methoden der Vergleichenden Literaturwissenschaft, führt literaturtheoretische Analysen von Dramen durch und verwendet Sequenzenprotokolle zur medienwissenschaftlichen Untersuchung von Filmen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Analyse von Hesiods Originalmythos sowie die tiefgehende Untersuchung der Lulu-Werke von Wedekind und des Films 'Pandora and the Flying Dutchman' von Albert Lewin.
Welche Schlüsselbegriffe sind für das Verständnis wichtig?
Zentrale Begriffe sind die 'Arbeit am Mythos', Lebensangst, Lebenskunst, der Absolutismus der Wirklichkeit, das Pierrot-Kostüm und der Begriff der Entmythisierung.
Welche Bedeutung hat das Pierrot-Kostüm bei Wedekind?
Das Pierrot-Kostüm fungiert als zentrales Symbol für die Konstruktion der Lulu-Figur durch die Männer. Es verdeutlicht ihre Ambivalenz zwischen unschuldigem Kind und verführerischer Femme Fatale sowie ihre Rolle als Kunstobjekt.
Wie unterscheidet sich Lewins Pandora von der antiken Vorlage?
Lewins Pandora ist eine moderne Frau der 1950er Jahre, die kein Interesse an Mythen hat. Lewin löst den Mythos durch das Motiv der 'wahren Liebe' auf, welche als reale Erfahrung und nicht als göttliches Instrument inszeniert wird.
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- Maria Hanstein (Author), 2014, Arbeit am Mythos. Eine komparatistische Analyse von Pandoradarstellungen in Literatur und Film (Wedekind, Lewin), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302118