Untersuchungen zu den lexikalischen Besonderheiten des Französischen in Belgien


Examensarbeit, 2002

97 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die Sprachensituation in Belgien
II.1. Die Sprachen und Dialekte heute
II.2. Historischer Überblick
II.3. Brüssel als Sonderfall

III. Der Terminus Belgizismus
III.1. Die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem belgischen Französisch
III.2. Definition
III.3. Frequenzbedingte Besonderheiten
III.4. Konnotation und Register

IV. Problematik der Kategorisierung von Belgizismen

V. Verbreitung
V.1. Auftreten in Belgien und im französischen Sprachgebrauch mit Bezug auf Belgien
V.1.1. Politik, Verwaltung und öffentliches Leben
V.1.2. Bildungswesen
V.1.3. Kulinarische Besonderheiten und Lebensmittel
V.1.4. Alltag
V.2. Auftreten in Frankreich und in anderen frankophonen Ländern
V.2.1. Frankreich
V.2.2. Schweiz
V.2.3. Luxemburg
V.2.4. Kanada
V.2.5. Ruanda und Zaïre

VI. Die Entstehung lexikalischer Besonderheiten in Belgien
VI.1. Archaismen
VI.2. Neologismen
VI.3. Romanischer Einfluss
VI.3.1. Belgoromanische Dialekte
VI.3.2. Latein
VI.3.3. Spanisch
VI.4. Germanischer Einfluss
VI.4.1. Deutsch
VI.4.2. Niederländisch
VI.4.3. Englisch

VII. Schlussbetrachtung

Literatur

I. Einleitung

Die Haltung der Franzosen gegenüber dem in Belgien gesprochenen Französisch war lange Zeit herablassend. Die so genannten histoires belges, eine Modeerscheinung wie etwa die Ostfriesenwitze in Deutschland, verbreiteten „kollektive Zerrbilder vom langsamen, Pommes frites essenden Belgier, der in jedem Satz une fois und allez sagt“.[1] Sprachliche Abweichungen von der Pariser Norm wurden, so scheint es, im benachbarten Belgien noch weniger toleriert als in anderen Gebieten der Frankophonie.

„Der Belgier“, schreibt Heinz Jürgen Wolf, „hat diese Haltung nicht nur zur Kenntnis, sondern sich auch zu Herzen genommen und vielfach einen Minderwertigkeitskomplex entwickelt“.[2] Die sprachliche Unsicherheit ging so weit, dass Anfang der siebziger Jahre ein Ratgeber mit dem Titel Chasse aux belgicismes, dessen erklärtes Ziel die Eliminierung sprachlicher Besonderheiten im belgischen Französisch war, die Bestsellerlisten anführte.[3]

Doch ist nach jahrhundertelang praktiziertem Sprachpurismus in den letzten Jahrzehnten das sprachliche Selbstbewusstsein großer Teile der Frankophonie gewachsen, und die zahlreichen Varietäten des Französischen außerhalb Frankreichs werden zunehmend anerkannt. In der Linguistik ersetzt eine deskriptive Herangehensweise nach und nach die präskriptive. Auch die Belgier haben begonnen, sich auf den Wert ihrer linguistischen Besonderheiten zu berufen.[4]

Historisch betrachtet handelt es sich bei dem Französischen Belgiens und dem Französischen Frankreichs um zwei nationale Varianten des nördlichen Galloromanischen. Die Besonderheiten des belgischen Französisch erklären sich zum einen durch die Geschichte, zum anderen durch die sprachliche Heterogenität Belgiens und seine geographische Lage zwischen romanischem und germanischem Sprachraum. Deshalb soll zunächst beleuchtet werden, wie es historisch zur Ausbildung der komplexen Sprachensituation kam und welche Sprachen und Dialekte die belgische Varietät geprägt haben.

Der Bereich der Lexik, auf den ich mich hier beschränke, weist im Vergleich zum Standardfranzösischen eindeutig die meisten Unterschiede auf. Als lexikalische Belgizismen sollen in dieser Arbeit Einzelwörter, Komposita, Syntagmen sowie vereinzelt auch Wendungen behandelt werden. Ich werde zeigen, dass die lexikalischen Besonderheiten sich nicht immer auf das belgische Staatsgebiet beschränken, weshalb sich der Terminus Belgizismus auf unterschiedliche Weise definieren lässt. Die Zahl der Belgizismen variiert je nach Definition und ist nicht endgültig festlegbar. Deshalb ist es auch nicht Ziel dieser Arbeit, alle existierenden belgischen Besonderheiten aufzuführen; dies können angesichts des ständig stattfindenden Sprachwandels selbst die umfangreicheren Belgizismensammlungen kaum leisten. Vielmehr geht es mir darum, die einzelnen Lexeme nach Verbreitung, Sachgebiet und Herkunft zu kategorisieren, um auf diese Weise aufzuzeigen, in welchen Bereichen besonders viele Abweichungen vom Standardfranzösischen vorkommen und wie sich dies erklärt. Die nähere Untersuchung einzelner Belgizismen schließlich soll verdeutlichen, warum die lange Zeit ausgeübte normative Kritik an den Besonderheiten des belgischen Französisch aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht gerechtfertigt ist.

Bei alldem bleibt zu berücksichtigen, dass auch das belgische Französisch – wie am Beispiel Brüssel noch aufgezeigt werden soll – keine homogene Sprache ist; jedoch würde eine zu große Differenzierung den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Allerdings werde ich vorwiegend solche Belgizismen anführen, die im ganzen französischsprachigen Teil Belgiens bekannt sind und sich nicht auf ein kleines Gebiet beschränken. Wo es nötig erscheint, soll zudem auf diatopische, diastratische und diaphasische Unterschiede im Gebrauch hingewiesen werden.

II. Die Sprachensituation in Belgien

II.1. Die Sprachen und Dialekte heute

Im Bundesstaat Belgien gibt es drei gleichberechtigte offizielle Sprachen, die nach dem Territorialitätsprinzip verbreitet sind. Französisch hat in der Wallonie alleinigen offiziellen Status, in Flandern ist ausschließlich das Niederländische Amtssprache, und Deutsch wird von einer kleinen Minderheit im Osten des Landes, etwa zwischen Eupen und Saint Vith, gesprochen. Die Hauptstadt Brüssel ist offiziell zweisprachig, erkennt also Französisch und Niederländisch als gleichrangige Amtssprachen an.

In Flandern lebten 1991 rund sechs Millionen und in der Wallonie knapp drei Millionen Menschen, darunter rund 67.000 Bewohner des deutschsprachigen Teils. Die Zahl der Hauptstadteinwohner belief sich im gleichen Jahr auf 960.000.[5] Nach Schätzungen Pölls lag die Zahl der frankophonen Belgier, die zum Großteil in der Wallonie und ansonsten in Brüssel leben, im Jahr 1998 bei etwa vier Millionen.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 1: Die sprachliche Gliederung Belgiens. Aus: Schmitt 1990a: 722.

Wie Karte 1 veranschaulicht, zieht sich die Sprachgrenze zwischen dem flämischen Gebiet und der Wallonie von West nach Ost durch die Mitte des Landes und unterteilt es – vernachlässigt man den kleinen deutschsprachigen Teil – in zwei etwa gleich große Sprachzonen. Dabei trennt die Grenzlinie, die sich bereits im frühen Mittelalter herausgebildet und seitdem kaum verändert hat,[7] romanische und germanische Sprachwelt.

Im germanischen Teil findet sich das Niederländische in dialektaler Form und als Hochsprache (Allgemeen Beschaafd Nederlands, kurz ABM). In den Provinzen West- und Oost-Vlaanderen werden flämische, in Antwerpen und Brabant brabantische und in der Provinz Limburg limburgische Dialekte gesprochen.[8] Dies ist aus der folgenden Karte ersichtlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 2: Niederländische Dialekte in Belgien. Aus: Kramer 1984:114.

Weil den niederländischen Mundarten in Belgien lange Zeit eine sie überdachende Hochsprache fehlte – nach der Reformation wurde das Niederländische mit der Sprache der „Ketzer“ gleichgesetzt – haben sich die Dialekte viel besser erhalten als in den Niederlanden. Die Sprache aller sozialen Schichten ist dialektal geprägt, und im täglichen Leben spricht fast niemand die Normsprache. Letztere ist offiziellen Gelegenheiten vorbehalten, wird aber auch durch Rundfunk und Fernsehen propagiert. Nach Angaben Kramers differiert die in Belgien übliche ABN-Form von der Hochsprache der Niederlande ebenso stark wie das österreichische oder Schweizer Deutsch gegenüber dem Deutsch der Bundesrepublik.[9]

Im romanischen Teil Belgiens werden verschiedene Dialekte gesprochen, die genealogisch zu den aus dem älteren Latein hervorgegangenen galloromanischen Dialekten zählen.[10] Es handelt sich neben dem Wallonischen (wallon) um das Pikardische (picard, ebenfalls bezeichnet als rouchi) im Westen der Wallonie, das Lothringische (lorrain bzw. als Varietät das gaumais) im äußersten Süden sowie mit einem kleinen Teil im Südwesten das Champagnische (champenois). Das Wallonische selbst gliedert sich in die Kerndialekte namurois bzw. centre-wallon und liégeois bzw . est-wallon; die Dialekte w allo-picard und wallo-lorrain bilden Übergangszonen zum Pikardischen und Lothringischen.[11] Die geographische Verbreitung der belgoromanischen Dialekte illustriert die folgende Karte:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 3: Die dialektale Gliederung Walloniens. Aus: Germain/ Pierret 1990: 596.

Christian Schmitt weist darauf hin, dass die belgoromanischen Dialekte im Wesentlichen „nur noch auf dem Land eher von Männern als von Frauen und hier überwiegend bis fast ausschließlich von der älteren Generation“ gesprochen werden.[12] Obwohl die in Frankreich häufig zu beobachtende emotionale Ablehnung gegen den Dialekt in Belgien fehlt, gibt es keinen pikardischen, wallonischen, lothringischen oder gar champagnischen Unilinguismus. Das belgische Französisch, das Schmitt als eine Art „supradialektaler Koiné“ bezeichnet und das sich insgesamt nur wenig vom hexagonalen Französisch unterscheidet, hat sich über Schule und Medien ausgebreitet. Die Dialekte, die dem Französischen gegenüber durch einen ausgeprägten Konservativismus gekennzeichnet sind, bildeten zum belgischen Französisch Substrate, während das français universel „als eine Art überdachende supraregionale Norm“ fungiere. Die sprachliche Situation in der Wallonie und Brüssel ist laut Schmitt entscheidend geprägt worden durch „das Zusammentreffen (belgo-)romanischer Dialekte mit einem durch die sprachexterne Geschichte privilegierten galloromanischen Dialekt, dem Franzischen“.[13]

II.2. Historischer Überblick

Der Name Belgien, auf Niederländisch België, auf Französisch Belgique, geht zurück auf den Stammesnamen Belgae. So bezeichneten die Römer das Stammeskonglomerat in Nordgallien, dessen Siedlungsgebiet sie unter Caesar im Jahr 51 v. Chr. eroberten und als Provinz Gallia Belgica ins Römische Reich eingliederten. Die dortige Bevölkerung bestand vorwiegend aus Kelten, die allerdings nicht frei von germanischen Einflüssen waren.[14]

Die römische Herrschaft endete mit dem Vorstoß der Franken, die bereits gegen Mitte des 3. Jahrhunderts erstmals auf gallischem Boden einfielen. Ihrem König Chlodwig (481-511) und seinen Nachfolgern gelang es, fast ganz Gallien unter fränkische Herrschaft zu bringen.[15] Doch konzentrierte sich die fränkische Besiedlung auf den Norden des fränkischen Reiches, während im Südteil die galloromanische Bevölkerung dominierte. Diese Verhältnisse stehen am Anfang der Herausbildung einer germanisch-romanischen Sprachgrenze, die bereits im frühen Mittelalter festgelegt war und deren Verlauf bis heute keinen signifikanten Veränderungen mehr unterzogen wurde.[16]

Der Grund für die Entstehung dieser Grenze ist allerdings umstritten. Einer von G. Kurth formulierten These zufolge stellte ein dichter Wald, als dessen heutige Überreste die Forêt de Soignes und der Bois de la Cambre betrachtet werden können, ein unüberwindbares Hindernis für die Germanenstämme dar. Doch scheint erwiesen, dass der betreffende Wald in Wirklichkeit nicht parallel zur Sprachgrenze verlief, sondern diese vielmehr horizontal durchschnitt. Ein weiterer Erklärungsversuch ist der Verlauf des Limes Belgicus, einer zum Schutz der römischen Provinz errichteten Grenzlinie. Hier fehlt nach neueren Erkenntnissen die chronologische Koinzidenz: Offenbar war der Limes nicht mehr von den Römern besetzt, als im 4. Jahrhundert die Wanderbewegung der Franken einsetzte. Somit bleibt als wahrscheinlichste Erklärung ein demographisches Ungleichgewicht zwischen dem dünn besiedelten Norden, in dem die Franken bald eine Bevölkerungsmehrheit bildeten, und dem stärker besiedelten Süden, in dem sie zahlenmäßig in der galloromanischen Bevölkerung aufgingen.[17]

Mit dem Vertrag von Verdun wurde das Frankenreich 843 unter den Enkeln Karls des Großen aufgeteilt. Westflandern fiel an das Westfränkische Reich Karls des Kahlen, während die übrigen Gebiete der ehemaligen Provincia Belgica zunächst an das Mittelreich Lothars und bei der Aufteilung dieses Mittelreichs schließlich an Ostfranken übergingen.[18] Der zwischen Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen am 14. Februar gegen ihren Bruder Lothar geschlossene Vertrag, die so genannten „Straßburger Eide“, gilt als der älteste französische Text.[19] Mit ihm begann eine Entwicklung, im Zuge derer das (zunächst noch keineswegs homogene) Französische langsam das Lateinische als Literatur- und Amtssprache ersetzte.

Auf dem Gebiet des heutigen Belgiens war es weniger das Wallonische als vielmehr der Einfluss der oberen Schichten, der die allmähliche Verbreitung des Französischen begünstigte. Bereits im 13. Jahrhundert wurde es trotz Zweisprachig-keit in der Verwaltung bei Adligen und Angehörigen des Hofes üblich, sich des Französischen zu bedienen:

Il était normal et courant à la cour de se servir de la langue qui se parlait sur une vaste étendue géographique, à laquelle l’importance de sa littérature, le prestige de l’université parisienne non moins que l’influence exercée par les grands mouvements internationaux organisés par les Français, tels que les Croisades, avaient donné une supériorité marquée.[20]

Vor allem während der burgundischen Periode (1384-1477), in der der heutige Benelux-Raum mehr oder weniger zu einem Staat gehörte und eine große kulturelle Blüte erlebte, gaben die Herzöge, obwohl sie die Zweisprachigkeit anerkannten, dem Französischen den Vorrang. „Das Burgunderreich“, schreibt Johannes Kramer, „markiert somit den Beginn der Verwendung des Französischen als Verwaltungs-sprache und überhaupt als Prestigesprache in den niederländischsprachigen Teilen des Landes“.[21]

Als Maria von Burgund 1477 Maximilian I. heiratete, wurde Burgund habsburgisch, ab 1516 unter Karl V. spanisch. Unter der spanischen Herrschaft war Französisch die Sprache der nach Madrid hin ausgerichteten Verwaltung, regionale Angelegenheiten wurden jedoch auf Flämisch verhandelt. Allerdings lernten viele Einwohner der flämischen Städte und Provinzen Französisch, was Baetens Beardsmore auf den Handel zurückführt; dieser habe als Verbindungsglied der großen Städte beider Sprachgebiete fungiert.[22]

Schon in der Regierungszeit Karls V. begann der Konflikt, den die Reformation mit sich brachte, zu schwelen. Zur Zeit von Karls Nachfolger Philipp II., dessen Herrschaft noch stärker als die seines Vaters durch eine antiprotestantische Religionspolitik geprägt war, war die Entfremdung zwischen dem Norden und dem Süden des früheren Burgunderreiches bereits besiegelt: Dem calvinistisch geprägten Norden stand das mehrheitlich katholisch gebliebene Flandern gegenüber. In der Genter Pazifikation schlossen sich die niederländischen Provinzen 1576 zum Kampf gegen die spanische Herrschaft zusammen; die Unabhängigkeit der nördlichen Niederlande wurde jedoch erst 1648 mit dem Westfälischen Frieden besiegelt. Im Süden hatte der Sieg der Spanier eine Auswanderungswelle erheblichen Ausmaßes zur Folge. Nahezu alle überzeugten Protestanten, darunter ein Großteil der Intelligenz, wanderten in den Norden ab. Dies trug dazu bei, dass im Süden das Flämische als Schriftsprache immer weniger gebraucht wurde und sich zunehmend zur Haus- und Familiensprache der Handwerker und Bauern entwickelte.[23]

Als 1713 die Friedensverträge von Utrecht dem spanischen Erbfolgekrieg ein Ende setzten, fielen die südlichen Niederlande an den österreichischen Zweig der Habsburger. Die österreichische Regierung war wie alle europäischen Höfe im 18. Jahrhundert frankophil eingestellt, so dass sich das Französische paradoxerweise gerade unter dem germanischen Regime in Brüssel und in der flämischen Region verwurzeln konnte. Ein Grund dafür war, dass die Sprache immer mehr Ausdruck von sozialem Prestige wurde. „Mitte des 18. Jahrhunderts“, schreibt Doris Panowitsch, „gab es [...] eine soziale Sprachgrenze, die den französischsprechenden Adel, die höhere Geistlichkeit und das hohe Bürgertum von der niederländischsprechenden Volksmenge trennte“.[24] Auch Baetens Beardsmore weist darauf hin, dass in dieser Zeit die Geringschätzung des Flämischen als Sprache der arbeitenden Masse sehr zu Ansehen und Verbreitung des Französischen beitrug.[25] Dennoch blieb die Mehrheit der Bevölkerung der Sprache ihrer Region treu.

Dies änderte sich, als Frankreich 1792 die belgischen Provinzen annektierte und Französisch als alleinige offizielle Sprache anerkannte. Die neue Politik, die auf regionale Besonderheiten keinerlei Rücksicht nahm, entsprach dem zentralistischen Gedanken eines vollständig auf die Hauptstadt Paris ausgerichteten Staates. Zwar proklamierten die Vereinigten Belgischen Staaten 1789 ihre Unabhängigkeit, doch wurden sie bereits fünf Jahre später erneut von Frankreich besetzt. Der Bauernkrieg von 1798 wurde blutig niedergeschlagen.[26]

Nach dem Zerfall des napoleonischen Kaiserreichs vereinte der Wiener Kongress 1815 die südlichen und die nördlichen Niederlande zu einem Staat.[27] König Wilhelm I. von Oranien betrieb eine Sprachpolitik, die der der französischen Besatzer diametral entgegengesetzt war: Das Niederländische sollte in ganz Belgien, also auch in Armee und Verwaltung, verbreitet werden. Das französisierte Bürgertum aber, für das 20 Jahre lang Französisch die einzige zulässige Sprache war, leistete erbitterten Widerstand. Auch zogen viele Flamen ihre eigene, auf den Dialekten Flandern und Brabants basierende Sprache der Sprache der „Ketzer“ aus dem Norden vor.[28]

Sprachliche und konfessionelle Differenzen zwischen Norden und Süden standen der wirklichen Einheit des neu gebildeten Reiches im Weg. Als eine Volkserhebung 1830 die Unabhängigkeit Belgiens erreichte, wurde der privilegierte Status des Französischen wiederhergestellt. Zwar gab es nach dem Grundgesetz Sprachfreiheit, doch sorgte der neue Machthaber Leopold von Sachsen-Coburg dafür, dass das Französische die einzige offiziell anerkannte Sprache im ganzen Königreich blieb. „Die Bejahung eines zweisprachigen Status“, glaubt Panowitsch, „wäre eine Gefahr für die belgische Einheit gewesen“.[29]

Die flämischsprachige Bevölkerungsmehrheit musste sich fortan nicht nur vor Gericht und in der Schule einer Fremdsprache bedienen, sondern auch hinnehmen, dass französischsprachige Arbeitnehmer in den Behörden Flanderns bevorzugt eingestellt wurden. Als Folge dieser Sprachbarriere stellte sich soziale Frustration ein. Baetens Beardsmore erkennt: « La différence linguistique devint de plus en plus une différence sociale. C’était le peuple qui était resté fidèle au flamand, tandis qui les gens d’un rang social supérieur ne s’en servaient plus ».[30] Der soziale Druck trug in erheblichem Maße zur Französisierung bei. Die finanziell besser gestellten Schichten dienten der einfacheren Bevölkerung als sprachliches Vorbild. Vor allem Beamte und Angestellte zeigten sich für die um sich greifende Französisierung empfänglich, und eine gute Schulausbildung wurde bald mit französischsprachigem Unterricht verbunden.

Ein Gegengewicht bildete ab 1849 die Vlaamse Beweging, die die Aufmerk-samkeit der Flamen auf ihre gemeinsame Sprache, Geschichte und Religion lenkte, politisch jedoch kaum Einfluss gewann. Zwar erreichten die Flamen nach und nach, dass Niederländisch im Strafrecht, in der Verwaltung und im Unterricht zugelassen wurde, doch wurden diese Gesetze praktisch nicht gehandhabt und konnten deshalb die Französisierung keineswegs aufhalten.[31] Im Ersten Weltkrieg versuchte die deutsche Besatzungsmacht, die „stammverwandten“ Flamen im Kampf gegen die „welschen“ Wallonen auf ihre Seite zu bringen. Die Kollaboration mit den Deutschen, derer sich eine kleine Minderheit schuldig machte, führte nach dem Krieg zu einer regelrechten Hetze gegen alles Flämische.[32]

Als 1932 eine Sprachgrenze gezogen wurde, war der erste große Schritt zur Regionalisierung getan. Verwaltung und Unterricht in Flandern wurden einsprachig niederländisch. In den Brüsseler Gemeinden und den Gemeinden an der Sprachgrenze galt das Prinzip der liberté du père de famille, nach dem das Familienoberhaupt frei über die Wahl der Schulsprache für die Kinder entscheiden sollte.[33]

Die Tatsache, dass die Sprachgrenze nicht endgültig festgelegt war, sorgte in den Folgejahren für weiteren Unmut bei den Flamen. Vor allem die Brüsseler Randgemeinden wurden zunehmend frankophon. Mit der Sprachenzählung von 1947 sollte überall dort, wo mindestens 30 Prozent der Befragten der jeweils anderen Sprachgruppe angehörten, im öffentlichen Leben Zweisprachigkeit eingeführt werden. Da zu erwarten war, dass die Zählung durch die Propaganda für das Französische als Weltsprache und aufgrund des sozialen Drucks ungünstig für das Niederländische ausfallen würde, beteiligten sich mehr als dreihundert Gemeinden Nordbelgiens am Boykott. Im Juli 1961 wurde die Sprachenzählung ein für allemal abgeschafft.[34]

Mit der Abschaffung der Sprachenzählung war die endgültige Festlegung der Sprachgrenze im Jahr 1962 verbunden. Seit 1963 ist auch die Sprache der Gerichtsbarkeit eindeutig nach dem Territorialprinzip festgelegt. Mit Ausnahme von Brüssel, den deutschsprachigen Ostkantonen und einigen eng umschriebenen Gemeinden herrscht im flämischen und wallonischen Teil Belgiens nun strikte Einsprachigkeit.[35]

Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen ist damit jedoch noch immer nicht beigelegt. Vor allem der Brüsseler Raum bietet immer wieder neuen Zündstoff, weil sich in Randgemeinden, die zum niederländischsprachigen Gebiet gehören, immer mehr frankophone Einwohner niederlassen. Auch die Neuregelung der Grenze zwischen der frankophonen Provinz Lüttich und der niederländischsprachigen Provinz Limburg war heftig umstritten. Zwar konnten die Flamen den Übergang von sechs Gemeinden im Voerstreek an die Provinz Limburg durchsetzen, doch galten die Sympathien der dortigen Bevölkerung mehrheitlich dem Französischen. Das Resultat war eine Radikalisierung und starke Sprachpolarisierung im Voerstreek. Selbst im privaten Leben begannen „Franskiljons“ und „Flamingants“ einander aus dem Weg zu gehen.[36]

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen zur Sprachenfrage verstärkt ökonomische Probleme. Die Kohle- und die Stahlindustrie, wichtigste Standbeine der wallonischen Wirtschaft, steckten in ganz Europa in einer Strukturkrise. Immer mehr veraltete wallonische Betriebe mussten schließen, während die Wirtschaft in Flandern einen Aufschwung erlebte. „Unter diesen Umständen“, schreibt Johannes Kramer, „breitete sich unter der französischsprachigen Bevölkerung mehr und mehr die Vorstellung aus, von den niederländischsprachigen Mitbürgern in jeder Hinsicht majorisiert zu werden“.[37]

Heftige Auseinandersetzungen gab es auch um die traditionsreiche Universität Löwen, welche, obwohl sie in niederländischsprachigem Gebiet liegt, das Abhalten von Lehrveranstaltungen auf Französisch gestattete. Nach jahrelangen Streitigkeiten wurde 1970 eine administrative Teilung vorgenommen, die eine sukzessive Umsiedlung der französischen Abteilung nach Ottignies (Louvain-la-Neuve) beinhaltete. Dass der Bestand der Bibliotheken bei dieser Teilung nach geraden und ungeraden Inventarnummern getrennt wurde, ist ein Beispiel für die kuriosen Auswüchse, die der Sprachenstreit in Belgien mit sich gebracht hat.[38]

Der Streit um die Universität Löwen verstärkte den Wunsch nach Trennung zwischen Niederländisch- und Französischsprachigen im gesamten politischen Leben. 1970 schließlich machte eine Verfassungsreform aus Belgien einen halbföderalen Staat, bestehend aus vier Sprachgebieten (einsprachig französisch, einsprachig niederländisch, einsprachig deutsch und zweisprachig niederländisch-französisch), drei Kulturgemeinschaften (französisch, niederländisch und deutsch) sowie drei Regionen (Flandern, Wallonie und Brüssel). Sprachgebiete, Kulturgemeinschaften und Regionen sind also nicht miteinander identisch. Die Kompetenzen der Regionen wurden mit den Verfassungsrevisionen von 1980 und 1988, deren Ziel die Föderalisierung Belgiens war, erweitert. Seit Belgien 1993 zum Föderalstaat wurde, genießen die Regionen eine recht große Autonomie in wirtschaftlichen und sozialen Fragen sowie in Verwaltungsangelegenheiten. Die Kulturgemeinschaften dagegen entscheiden über Erziehung und Sprachgebrauch.[39]

II.3. Brüssel als Sonderfall

In der Region Brüssel, die sich aus 19 selbständigen Gemeinden zusammensetzt, sind, wie bereits erwähnt, Französisch und Niederländisch gleichrangige Amtssprachen. Jedoch ist der zweisprachige Charakter der Hauptstadt nur ein offizieller, da es sich bei der Mehrheit der Einwohner um frankophone Sprecher handelt. Heinz Fuchs beziffert die Zahl der französischsprachigen Brüsseler in seiner 1988 erschienenen Dissertation auf 80 Prozent, Bernhard Pöll spricht zehn Jahre später bereits von 85 bis 90 Prozent.[40] Der Sprachgebrauch im Großraum Brüssel differiere, wie Kramer anmerkt, je nach Stadtviertel: In der großbürgerlichen „Oberstadt“ höre man so gut wie überhaupt kein Niederländisch, während Volkswohnviertel wie Anderlecht einen durchaus merklichen Anteil Niederländischsprachiger aufwiesen.[41]

Interessant ist, wie sich eine solche sprachliche Situation gerade auf flämischsprachigem Gebiet herausbilden konnte. Obwohl in der Hauptstadt, die lange Zeit einen stark flämischen Charakter hatte, ursprünglich Niederländisch gesprochen wurde, waren die Französischsprachigen hier schon vor 1830 zahlreicher vertreten als in anderen flämisch-brabantischen Städten.[42] Doch blieb die Brüsseler Bevölkerung bis zur Staatsgründung überwiegend flämisch. Erst als das Volk begann, aus Gründen der Anpassung an die privilegierten Schichten Französisch zu sprechen, begann die wahre Französisierung Brüssels. Nach einer von Baetens Beardsmore präsentierten statistischen Erhebung Aelvoets gab es 1830 in keiner der Brüsseler Gemeinden eine frankophone Mehrheit, während bei der Spracherhebung von 1947 in allen Gemeinden die Mehrheit der Sprecher angab, sich des Französischen zu bedienen.[43] Selbst wenn man berücksichtigt, dass diese letzte Sprachenzählung eher über das Sprachbewusstsein der Belgier als über ihr tatsächliches Sprachverhalten Auskunft gibt, ist erkennbar, mit welcher Geschwindigkeit die Französisierung Brüssels voranschritt.

Hierfür lassen sich mehrere Gründe anführen. Eine wichtige Rolle spielt die Zentralisierung und Französisierung des Regierungsapparates. Neben kulturellem und wirtschaftlichem Leben wurde auch die Verwaltung in der Hauptstadt vom Französischen beherrscht. Der bereits erwähnte Einfluss der höheren Gesellschaftsschichten war in Brüssel wie im Rest des Staates groß:

Tout ce qui se mit en contact avec les couches supérieures du pays fut obligé de parler français, de sorte qu’une connaissance du français devint une nécessité, même pour un commerçant ou une femme de chambre.[44]

Weil in Brüssel Französisch die einzige Sprache war, die die Tür zum beruflichen Erfolg öffnete, änderten auch viele flämische Zuwanderer ihre Sprachgewohnheiten. Zudem war laut Baetens Beardsmore das flämische Bildungswesen schlecht organisiert, so dass Kinder, deren Muttersprache Flämisch war, in Brüssel auf Französisch unterrichtet wurden.

Trotz des hohen Anteils frankophoner Brüsseler hat eine vollständige Französisierung der Hauptstadt nicht stattgefunden. Nach Ansicht Baetens Beardsmores wurde der Prozess durch die Gesetzgebung des 20. Jahrhunderts gebremst, welche von dem Bemühen zeuge, einen ausgewogenen Gebrauch beider Sprachen in Brüssel zu erreichen.[45] Zumindest in der Verwaltung scheint dies gelungen zu sein: Angestellte von Staat und Kommunen müssen heute durch Sprachtests nachweisen, dass sie Flämisch wie Französisch in ausreichendem Maße beherrschen.[46] Zudem dürften die zahlreichen Pendler, die täglich aus der flämischen Region nach Brüssel kommen, die Stellung des Niederländischen stützen.

So erstaunt es wenig, dass Straßen- und Hinweisschilder zweisprachig abgefasst sind, dass man in Krankenhäusern wie Geschäften beide Sprachen hört und bisweilen sogar mit „Bonjour-Goededag“ begrüßt wird.[47] Werbeplakate, schreibt Baetens Beardsmore im Jahre 1971, bildeten eine Ausnahme zum Prinzip der Zweisprachigkeit, da sie in acht von zehn Fällen auf Französisch abgefasst seien.[48] 1994 dagegen sind laut Doris Panowitsch bereits fast alle dieser Plakate zweisprachig.[49]

Überhaupt kommt Panowitsch zu dem Schluss, dass die Benutzung des Niederländischen in Brüssel zugenommen habe. Den Grund dafür sieht sie in der wachsenden wirtschaftlichen Stärke der Nordregion sowie in der großen Zahl der niederländischsprachigen Pendler, die die Stadt linguistisch beeinflussen.[50] Auf der Straße höre man allerdings weitaus mehr Französisch als Flämisch, beobachtet Baetens Beardsmore. Unbekannte beispielsweise würden generell auf Französisch angesprochen. « Il semble que le flamand reste la langue du foyer et des rapports entre les familiers, tandis que le français soit la langue des contacts avec les inconnus, des connaissances techniques et de la pensée plus abstraite ».[51]

Bei den zweisprachigen Brüsselern, die in der Regel Flamen sind, handelt es sich um eine Diglossiesituation: Die eine Sprache wird in eher formellen Situationen, die andere dagegen im privaten Bereich verwendet.[52] In Brüssel sprechen die Mehrzahl der zweisprachigen und viele der einsprachigen Flamen den brabantischen Dialekt, der sich deutlich von der niederländischen Hochsprache unterscheidet. Die Allgemeen Beschaafd Nederlands dagegen ist die Sprache der flämischen Intellektuellen, der flämischen Schulen und der zahlreichen flämischen Pendler.[53] Der ständige Kontakt des dialektalen und hochsprachlichen Niederländischen zum Französischen führt zu einer gegenseitigen Beeinflussung beider Sprachen.

Neben diesem direkten Adstrateinfluss sei das Brüsseler Französisch selbst ein wichtiger sprachlicher Einfluss, schreibt Heinz Fuchs: „Seine geographische Lage, seine Bedeutung als nationales politisches und kulturelles Zentrum verleihen dem Brüsseler Französisch eine ungeheure Ausstrahlungskraft“, die „bis in die entferntesten Winkel der Gaume reicht“.[54] Hierbei gilt es zu beachten, dass das Brüsseler Französisch keineswegs mit dem Wallonischen gleichzusetzen ist, wie auch Baetens Beardsmore betont: « Car Bruxelles ne s’est point wallonisé au cours des âges, malgré la proximité du wallon ; au contraire la ville s’est francisée dans un cadre tout à fait flamand ».[55] Beim Wallonischen handelt es sich um einen Dialekt, der sich in direkter Linie aus dem Lateinischen entwickelt hat, während das Französische Brüssels eine von außen eingeführte Sprache ohne direkten Bezug zum Wallonischen oder zu den anderen belgoromanischen Dialekten ist. Dennoch haben die Kontakte zum Wallonischen vermutlich zur Verbreitung des Französischen in Brüssel beigetragen.[56]

Das Brüsseler Französisch gleiche sich, so Baetens Beardsmore, dem Standardfranzösischen immer mehr an:

À mesure que la population de l’agglomération s’est francisée, la langue est devenue plus conforme au français général, tandis que le nombre de personnes parlant de la façon particulière aux Bruxellois a proportionnellement diminué.[57]

Insgesamt ist es dennoch unmöglich, von einem homogenen Brüsseler Französisch zu sprechen. Denn, so formuliert Heinz Fuchs, „zwischen dem reinsten Normfranzösisch und einem französisch-niederländischen Mischidiom sind alle Abstufungen möglich“.[58]

III. Der Terminus Belgizismus

III.1. Die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem belgischen Französisch

Das Französische in Belgien ist bereits seit dem Mittelalter Thema von Veröffentlichungen. Wie Marion Spickenbom in ihrer 1996 erschienenen Dissertation zeigt, gab es bereits vor 1600 Gesprächshandbücher und flämisch-französische Wortlisten. Zu einer Zeit, da der Terminus Belgizismus noch gar nicht existierte, wiesen Sprachinteressierte aus Frankreich oder dem übrigen Ausland auf regionale Abweichungen von der Französischen Norm hin. „Bis 1940“, so Spickenbom, „sind diese [Veröffentlichungen] fast durchgehend normativ geprägt und zeichnen sich häufig durch geringe wissenschaftliche Genauigkeit aus“.[59]

Vom normativen Charakter der Publikationen zeugen Titel wie Flandricismes, wallonismes et expressions impropres dans le langage français. Ouvrage dans lequel on indique les fautes que commettent fréquemment les Belges en parlant l’idiome français ou en l’écrivant von Antoine-Fidèle Poyart. Dieses Werk, laut Piron die erste systematische Zusammenstellung von Belgizismen, steht am Anfang einer sprachpuristischen Entwicklung in Belgien.[60] Es folgen Veröffentlichungen wie Belgicismes ou les vices de langage et de prononciation les plus communs en Belgique (1857) des Abbé Joseph Benoit oder Les six cents expressions vicieuses belges (1891) von Galand. In vielen Werken finden sich Formeln wie « Ne dites pas... dites ». Es handelt sich um so genannte Antibarbari, die der regionalen Besonderheit eine standardsprachliche Formulierung gegenüberstellen.

André Goosse charakterisiert die Haltung, die aus solcherlei Werken spricht, wie folgt: « Pour les grammairiens de jadis, l’existence d’une norme impérieuse et rigide ne faisait pas de doute, et un belgicisme était tout simplement une faute de français commise en Belgique ».[61] Goosse selbst möchte daher in seinem Aufsatz Qu’est-ce qu’un belgicisme? von 1977 eine wertende Haltung vermeiden: « Le point de vue adopté est celui de l’observateur insensible, et non celui du juge ».[62] Insgesamt gewannen laut Marion Spickenbom nach 1940 die deskriptiven Arbeiten, die unter Berücksichtigung strenger wissenschaftlicher Kriterien erstellt wurden, an Einfluss.[63] Jacques Pohl bezeichnet die 1971 erschienene Studie von Baetens Beardsmore als erste vollständige, ausschließlich deskriptive Untersuchung zum belgischen Französisch,[64] Maurice Piron dagegen hält seine Veröffentlichung Les belgicismes lexicaux: essai d’un inventaire von 1973 für die erste nicht-normative Zusammenstellung von Belgizismen.[65]

In der Nachkriegszeit führen große belgische Tageszeitungen nach Pariser Vorbild die so genannten chroniques de langage ein, die grammatische oder lexikalische Fragen diskutieren. Ihnen kommt nach Meinung Spickenboms besondere Bedeutung zu, weil sie sich direkt an die belgischen Leser wenden, die zum Großteil von sprachwissenschaftlichen Veröffentlichungen keine Kenntnis nehmen dürften. Dadurch, dass die Chroniken Belgier auf ihre sprachlichen Besonderheiten aufmerksam machten, könnten sie gegebenenfalls deren Sprachverhalten direkt beeinflussen. Weil oft Fragen von Lesern behandelt würden, gäben die Chroniken zudem Aufschluss darüber, wie die Belgier ihr eigenes Sprachverhalten beurteilen.[66]

Albert Doppagne, einst Chronist der Brüsseler Zeitung Le Soir, ist 1971 Mitherausgeber der Chasse aux belgicismes, eines zum zehnten Jahrestag des Office du bon langage herausgegebenen Werkes von stark normativer Absicht. Ihr Ziel beschreiben die Herausgeber wie folgt: « Nous voulons aider à nos compatriotes à mieux s’exprimer, à s’intégrer parfaitement dans le français universel ».[67] Zu diesem Zweck strebte man eine Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen an und offerierte Kurse für Erwachsene. Auffällig ist die Schärfe, mit der die Besonderheiten des belgischen Französisch kritisiert werden. Neben Kriegsvokabular findet sich immer wieder eine medizinische Metaphorik, die suggeriert, dass es sich bei der Sprache der Belgier um eine Krankheit handele:

Nous avons à nous défendre contre des contaminations, contres des intrusions de mots et de tours étrangers, contre des régionalismes dialectaux. […] partout l’ennemi intérieur est là, le germanisme en Suisse, le flandricisme en Belgique. […] Toutes les parties du discours sont soumises à la contagion de cette maladie du pays.[68]

Nachdem sich die Chasse aux belgicismes mehrere Wochen lang auf Platz eins der belgischen Bestsellerlisten gehalten hat und rund 34.000 Exemplare verkauft worden sind,[69] erscheint 1974 das Nachfolgewerk Nouvelle chasse aux belgicismes. Darin zeigen sich die Herausgeber selbst erstaunt über ihren großen Erfolg, gehen aber auch auf die vielen ihnen entgegengebrachten Vorwürfe ein:

Nous espérons avoir dissipé cette erreur grossière qui a fait dire que nous attaquions sans ménagement nos pauvres concitoyens, que nous voulions les minoriser, les paralyser … on a même été jusqu’à dire : les traumatiser![70]

Tatsächlich hat die lange Tradition des linguistischen Purismus in Belgien eine große sprachliche Verunsicherung hervorgerufen. Bernhard Pöll bezeichnet Belgien als „ein Musterbeispiel für die sprachlichen Minderwertigkeitskomplexe von Sprechern in peripheren Gebieten der Frankophonie“.[71] Dem entspricht die von Maurice Piron beschriebene insécurité linguistique, die sich aus einer zu starken Orientierung am hexagonalen Französisch ergibt: « le locuteur belge conscient se méfie du français qui lui vient spontanément à la bouche ou sous la plume ».[72]

Inzwischen allerdings dürfte der von Pöll erkannte Trend hin zur „vorsichtigen Valorisierung“[73] der eigenen sprachlichen Besonderheiten fortgeschritten sein. In einer dritten Publikation, bezeichnenderweise Belgicismes de bon aloi betitelt, räumt Albert Doppagne, im Jahr 1979 ein: « Tout n’est pas mauvais dans le français de Belgique ».[74]

Entsprechend verteidigt er die Verwendung bestimmter Belgizismen, etwa weil sie kürzer, treffender oder logischer als ihre standardfranzösischen Entsprechungen seien oder weil sie gar keine solchen Entsprechungen hätten. Pohl bezeichnet diese Sichtweise, nach der regionale Besonderheiten eine Bereichung für das zentrale Französisch sein können, als « normatif positif ».[75] Die Tendenz, die dem « normatif negatif » entgegengesetzt ist, werde durch die Forderung Maurice Pirons, den Belgizismus aubette ins français universel aufzunehmen, deutlich.[76]

Während die regionalen Varietäten des Französischen Gegenstand von immer zahlreicheren Veröffentlichungen werden, beginnen in den siebziger Jahren auch die großen französischen Wörterbücher, Besonderheiten des belgischen Französisch systematisch zu verzeichnen.[77] Hierin sieht Christian Schmitt „eine Anerkennung des Belgischen als einer Varietät innerhalb der vielgestaltigen Frankophonie“.[78] Bernhard Pöll spricht 1998 von einer Aufwertung der Regionalität in den letzten Jahren, geprägt durch Schlagwörter wie „plurizentrische Sprachkultur“ oder „Plurizentrismus“, die „die grundsätzliche Akzeptanz und Legitimität mehrerer Standardnormen innerhalb ein und derselben Sprachgemeinschaft“ bezeichnen.[79] Entscheidend für die Legitimierung regionaler Varietäten war laut Pöll die Erkenntnis, dass regionale Besonderheiten sich oft nicht auf ein kleines Gebiet beschränken, sondern unter Umständen „typisch sind für ein größeres Territorium oder staatsähnliches Gebilde“ wie die Wallonie. Im Hinblick darauf sei es treffender, von „nationalen Varietäten“ oder einem « français de Belgique » zu sprechen.[80] Da die Terminologie, wie sich hier andeutet, nicht immer leicht festzulegen ist, soll sie im folgenden Kapitel ausführlicher diskutiert werden.

III.2. Definition

Über die Erstdatierung des Terminus Belgizismus besteht in der Fachliteratur keine Einigkeit. Die Begriffe flandricisme und wallonisme treten laut Goosse erstmals im Jahr 1806 in Antoine Fidèle Poyarts Flandricismes, wallonismes et expressions impropres dans le langage français. Ouvrage dans lequel on indique les fautes que commettent fréquemment les Belges en parlant l’idiome français ou en l’écrivant auf.[81] In der zweiten Auflage dieses Werkes im Jahre 1811 soll laut Klein und Lenoble-Pinson erstmals der Begriff belgicisme verwendet worden sein.[82] Der gleichen Auffassung sind die Autoren des Grand Robert de la langue française, die sich auf Maurice Piron berufen.[83] Goosse selbst gibt jedoch an, dass der Terminus von 1857 datiere, als Belgicismes ou les vices de langage et de prononciation les plus communs en Belgique von Joseph Benoit veröffentlicht wurde. Für die Bedeutung des Terminus, stellt Marion Spickenbom fest, müsse die Frage des Erstbelegs nicht endgültig geklärt werden. In beiden Fällen seien mit belgicismes „die sprachlichen Besonderheiten der Bewohner des Gebietes zwischen den heutigen Niederlanden und Frankreich“ bezeichnet worden.[84]

Die negative Bewertung dieser sprachlichen Besonderheiten lässt sich, wie im vorangehenden Kapitel erläutert, bereits durch die Titel erkennen. Angesichts der weit verbreiteten normativen Sichtweisen im Bereich der Varietätenlinguistik verwundert es nicht, wenn der Begriff Belgizismus lange Zeit negativ konnotiert war. « Traditionnellement , le terme de belgicisme est employé avec une valeur péjorative », schreibt Maurice Piron. Er selbst bemühe sich bei der Erstellung seines Inventars lexikalischer Belgizismen daher um eine rein deskriptive Herangehens-weise: « Je prends, quant à moi, `belgicisme´ dans un sens purement linguistique ».[85]

Pirons Kriterium bei der Definition von Belgizismen ist dasselbe, welches Charles Bruneau seiner Auffassung des français régional zugrunde legt: « celui qui est connu de tout le monde (…) dans un espace considérable, comprenant souvent plusieurs départements, [et que] tout le monde croit être français ».[86] Hier zeigt sich, wie unklar die Trennlinie zwischen Regionalismen- und Belgizismenforschung lange Zeit war. „Dem belgischen Französisch“, erkennt Spickenbom, „wurde dabei der gleiche Platz zugewiesen wie den verschiedenen Arten des Regionalfranzösischen in Frankreich“.[87]

Wie problematisch eine solche Betrachtungsweise sein kann, hat vor allem Heinz Jürgen Wolf ausführlich erläutert.[88] Für ihn ist ein Regionalismus „ein Wort, das vom Sprecher (zu Unrecht) als der Normsprache zugehörig erachtet und dementsprechend verwendet wird“.[89] Für frankophone Gebiete habe als hochsprachliche Norm allein das Pariser Französisch Gültigkeit. Beim français régional könne es sich um die Normabweichungen eines Ortes oder auch einer Region handeln. Im ersten Fall liege der Regionalsprache ein parler beziehungsweise patois als Substrat zugrunde, im zweiten Fall ein Dialekt. Gehe man aber für ganz Belgien von einem gemeinsamen français régional aus, argumentiert Wolf, so entspräche dieser größerflächigen Regionalsprache kein homogenes Substrat mehr. Vielmehr stellten das Flämische und die Sprache der Migranten in Brüssel sowie im französischsprachigen Teil die belgoromanischen Dialekte Wallonisch, Pikardisch, Lothringisch und Champagnisch verschiedene Substrate dar, die genealogisch nicht zusammenhingen.

[...]


[1] Pöll 1998: 55

[2] Wolf 1980: 192

[3] Aufgrund des großen Erfolges der 1971 erschienenen Chasse aux belgicismes gaben die Mitglieder des Office du bon langage drei Jahre später das Nachfolgewerk Nouvelle chasse aux belgicismes heraus.

[4] Fünf Jahre nach der Nouvelle chasse aux belgicismes verteidigte einer der Mitherausgeber, Albert Doppagne, in Belgicismes de bon aloi die Verwendung bestimmter Belgizismen, etwa aufgrund ihrer Kürze und Prägnanz.

[5] Vgl. Länderbericht Belgien 1993: 30.

[6] Vgl. Pöll 1998: 43.

[7] Vgl. Piron 1979: 201.

[8] Kramer (1984: 113ff.) verweist darauf, dass diese von ihm dargestellte Einteilung keineswegs unumstritten ist. Oft würden die Mundarten auch in südwestliche Dialekte (West-Vlaanderen), südlich-zentrale Dialekte (Oost-Vlaanderen, Antwerpen, Brabant) und südöstliche Dialekte (Limburg) eingeteilt.

[9] Vgl. Kramer 1984: 117f.

[10] Vgl. Schmitt 1990a: 717.

[11] Vgl. Pöll 1998: 46.

[12] Schmitt 1990a: 717f.

[13] Ebd., S. 718.

[14] Vgl. Kramer 1984: 59.

[15] Vgl. Geckeler/ Dietrich 1997: 169f.

[16] Vgl. Pöll 1998: 45.

[17] Thesen und Gegenargumente werden von Massion (1987: 8f.) und Baetens Beardsmore (1971: 26f.) ausführlich dargestellt.

[18] Vgl. Kramer 1984: 61.

[19] Vgl. Geckeler/ Dietrich 1997: 179.

[20] Baetens Beardsmore 1971: 29.

[21] Kramer 1984: 63.

[22] Vgl. Baetens Beardsmore 1971: 31.

[23] Vgl. Kramer 1984: 65ff.

[24] Panowitsch 1994: 5.

[25] Vgl. Baetens Beardsmore 1971: 34.

[26] Vgl. Pöll 1998: 46 und Kramer 1984: 73.

[27] Vgl. Panowitsch 1994: 5.

[28] Vgl. Kramer 1984: 76.

[29] Panowitsch 1994: 6.

[30] Baetens Beardsmore 1971: 39.

[31] Vgl. Panowitsch 1994: 6f.

[32] Vgl. Kramer 1984: 84 und Panowitsch 1994: 17.

[33] Vgl. Kramer 1984: 87.

[34] Ebd., S. 91ff.

[35] Ebd., S. 94f.

[36] Vgl. Kramer 1984: 96f.

[37] Ebd., S. 124.

[38] Vgl. ebd., S. 124f.

[39] Vgl. Länderbericht Belgien 1993: 30.

[40] Vgl. Fuchs 1988: 12 und Pöll 1998: 43.

[41] Vgl. Kramer 1984: 102.

[42] Vgl. Panowitsch 1994: 15.

[43] Vgl. Baetens Beardsmore 1971: 40.

[44] Ebd., S. 40.

[45] Ebd., S. 41.

[46] Vgl. Panowitsch 1994: 22.

[47] Vgl. Panowitsch 1994: 22.

[48] Vgl. Baetens Beardsmore 1971: 41.

[49] Vgl. Panowitsch 1994: 22.

[50] Vgl. ebd., S. 21.

[51] Baetens Beardsmore 1971: 50.

[52] Vgl. Panowitsch 1994: 30.

[53] Vgl. Baetens Beardsmore 1971: 51f.

[54] Fuchs 1988: 7,12.

[55] Baetens Beardsmore 1971: 27.

[56] Vgl. ebd., S. 28.

[57] Ebd., S. 325.

[58] Fuchs 1988: 13.

[59] Spickenbom 1996: 26.

[60] Vgl. Piron 1979: 215.

[61] Goosse 1977: 346.

[62] Goosse 1977: 345.

[63] Vgl. Spickenbom 1996: 34.

[64] Vgl. Pohl 1979: 25.

[65] Vgl. Piron 1973: 295.

[66] Vgl. Spickenbom 1996: 38.

[67] Hanse 1971: 9.

[68] Hanse 1971: 7, 21, 32.

[69] Vgl. Wolf 1980: 197.

[70] Hanse 1974: 43.

[71] Pöll 1998: 54.

[72] Piron 1979: 216.

[73] Pöll 1998: 55.

[74] Doppagne 1979: 9.

[75] Pohl 1979: 34f.

[76] Vgl. Piron 1987: 59ff. Auf die Bedeutung von aubette wird in Kapitel V.2.1.2. eingegangen.

[77] Vgl. Fuchs 1988: 315. Die Aufnahme von Belgizismen in französische Wörterbücher und Enzyklopädien seit Anfang dieses Jahrhunderts hat Marion Spickenbom in ihrer 1996 veröffentlichten Dissertation untersucht.

[78] Schmitt 1990: 721.

[79] Pöll 1998: 12.

[80] Ebd., S. 13.

[81] Vgl. Goosse 1977: 350.

[82] Vgl. Klein/ Lenoble-Pinson 1994: 187.

[83] Vgl. Spickenbom 1996: 17.

[84] Vgl. ebd.

[85] Piron 1978: 47.

[86] Charles Bruneau, 1961, Lexicologie et lexicographie françaises et romanes , S. 174 ; zitiert in Piron 1973: 295.

[87] Spickenbom 1996: 53.

[88] Vgl. Wolf 1980: 200ff.

[89] Ebd., S. 200.

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Untersuchungen zu den lexikalischen Besonderheiten des Französischen in Belgien
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanisches Seminar)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
97
Katalognummer
V30217
ISBN (eBook)
9783638315265
ISBN (Buch)
9783656073956
Dateigröße
1055 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Interessant für alle, die sich mit Varietätenlinguistik im Allgemeinen und dem Französischen in Belgien im Besonderen beschäftigen.
Schlagworte
Untersuchungen, Besonderheiten, Französischen, Belgien
Arbeit zitieren
Kristin Hammer (Autor), 2002, Untersuchungen zu den lexikalischen Besonderheiten des Französischen in Belgien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30217

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