Lyrische Texte, in denen Worte durch Reime, Metrik, Stilfiguren und Semantik miteinander verknüpft sind, nennt man überstrukturiert. Sie können auf der Inhalts- sowie auf der Ausdrucksebene analysiert werden.
Das sprachliche Zeichen nach Ferdinand de Saussure ist arbiträr, d.h. nicht durch Lautmalerei entstanden, sondern willkürlich gewählt. Eine Umstellung der Buchstaben innerhalb eines Wortes ist nicht möglich, da ansonsten der Sinn verloren gehen würde. Demnach ist das sprachliche Zeichen linear.
Da die Beziehung von Signifikat und Signifikant durch Gesellschaft und Normen konventionalisiert ist, ist jede Bezeichnung an ihren Gegenstand gebunden und unveränderlich.
Die Bedeutung eines Gedichtes erschließt sich durch die Betrachtung der Äquivalenzen und Oppositionen. Analysiert man einen lyrischen Text auf der Ebene des Signifikats (Inhaltsebene), wird zunächst die Denotation, also die geläufigste Grundbedeutung eines Ausdrucks betrachtet. Jeder Ausdruck erzeugt beim Leser unterschiedliche Assoziationen, diese beruhen auf den subjektiven Erfahrungen und können positiv oder negativ konnotiert sein. In Gedichten wird mithilfe von Metaphern, Metonymien und Symbolen eine andere Bedeutung eines Ausdrucks generiert.
Inhaltsverzeichnis
I. Die lyrische Überstrukturierung nach Jürgen Link
II. Das Sonett
III. Paul Fleming: Bei einer Leichen
IV. Gedichtinterpretation
a. Daniel Bärholtz: Di Welt-Wollust
b. Johann Wolfgang Goethe: Das Sonett
c. Rainer Maria Rilke: Archaischer Torso Apollos
V. Gedichtvergleich
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die formale Gestaltung des Sonetts anhand dreier repräsentativer Beispiele aus verschiedenen Epochen. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie die Autoren die strengen Vorgaben dieser literarischen Gattung jeweils interpretieren, variieren oder kritisieren und wie die formale Überstrukturierung den inhaltlichen Ausdruck beeinflusst.
- Grundlagen der lyrischen Analyse nach Jürgen Link
- Strukturelle Analyse und Interpretation von Paul Flemings „Bei einer Leichen“
- Untersuchung der Sonett-Kritik und formalen Einhaltung bei Bärholtz, Goethe und Rilke
- Vergleichende Analyse der Gattungsmerkmale über verschiedene Epochen hinweg
Auszug aus dem Buch
Rainer Maria Rilke: Archaischer Torso Apollos
In dem Sonett Archaischer Torso Apollos von 1908 beschreibt Rilke seine Eindrücke bei der Betrachtung einer Skulptur im Pariser Louvre, die den Torso des Gottes Apollon abbildet. Rilkes Dinggedichte, in denen er eigene Erfahrungen zum Ausdruck brachte, sind dem Symbolismus zuzuordnen.
Das Gedicht ist eine eher freie Form des Sonetts, da Rilke nicht alle klassischen Merkmale einhält. Es besteht aus zwei Quartetten mit umarmenden Reimen und zwei Terzetten, die sich aus einem Paar- und einem Kreuzreim zusammensetzen. Das Metrum ist ein fünfhebiger Jambus mit männlicher Kadenz in den äußeren und weiblicher Kadenz in den inneren Versen des umarmenden Reims. Die variierenden Verslängen und der Enjambement von Vers zwei zu Vers drei sprechen ebenfalls dafür, dass es sich um eine moderne Form des Sonetts handelt.
Der Titel des Sonetts übernimmt eine wichtige Funktion, weil er das Thema und den Gegenstand der nachfolgenden Beschreibung nennt. Ohne diese Inscriptio könnte der Leser nur vermuten, worum es sich handelt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die lyrische Überstrukturierung nach Jürgen Link: Das Kapitel führt in die theoretischen Grundlagen der Analyse lyrischer Texte ein, insbesondere in die Ebenen des Signifikats und Signifikanten.
II. Das Sonett: Es werden die historischen Ursprünge sowie der formale Aufbau des Sonetts (Quartette und Terzette) erläutert.
III. Paul Fleming: Bei einer Leichen: Die Analyse untersucht, wie das Gedicht im Kontext des Dreißigjährigen Krieges barocke Motive wie Vergänglichkeit und Flüchtigkeit thematisiert.
IV. Gedichtinterpretation: Drei spezifische Sonette werden hinsichtlich ihrer formalen und inhaltlichen Merkmale einzeln analysiert.
V. Gedichtvergleich: Die drei besprochenen Werke werden gegenübergestellt, um die unterschiedliche Durchführung und Interpretation der festen Sonett-Form über die Epochen hinweg aufzuzeigen.
Schlüsselwörter
Sonett, Lyrik, Jürgen Link, Barock, Paul Fleming, Daniel Bärholtz, Johann Wolfgang Goethe, Rainer Maria Rilke, Überstrukturierung, Gedichtinterpretation, Versmaß, Metrik, Vergänglichkeit, Symbolismus, Dinggedicht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse und dem Vergleich der Sonett-Gattung im Verlauf verschiedener literarischer Epochen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die formale Struktur des Sonetts, die Epochen Barock und Impressionismus sowie die inhaltliche Auseinandersetzung der Autoren mit den starren Vorgaben der Gattung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie unterschiedliche Autoren die feste Form des Sonetts nutzen, unterlaufen oder modernisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, basierend auf den theoretischen Grundlagen der „lyrischen Überstrukturierung“ nach Jürgen Link.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Interpretation der Gedichte von Fleming, Bärholtz, Goethe und Rilke sowie deren anschließendem Vergleich.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sonett, Metrik, Epochenstil, Barock, Symbolismus und die Gegenüberstellung von Inhalt und Ausdrucksebene.
Inwiefern unterscheidet sich Rilkes Sonett von dem Bärholtz'?
Während Bärholtz ein klassisches barockes Sonett mit Alexandriner verfasst, nutzt Rilke eine deutlich freiere Form, die moderne Merkmale wie Enjambements und eine freiere Struktur aufweist.
Wie bewertet Goethe die Form des Sonetts in seinem Werk?
Goethe steht der strengen Form des Sonetts zwiespältig gegenüber und thematisiert seine Schwierigkeit mit dieser festen Gestaltung direkt in seinem Gedicht.
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- Valerie Till (Author), 2014, Daniel Bärholtz' "Di Welt-Wollust", Goethes "Das Sonett" und Rilkes "Archaischer Torso Apollos". Interpretationen und Gedichtvergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302179