"Marinas dreissigste Liebe" von Vladimir Sorokin. Tabus in der russischen Literatur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

17 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Inhaltsangabe

Vladimir Sorokin – Kurzbiographie

Das Tabu

Die Tabus
Tabu Nr. 1. – Sex, Sex, Sex
Tabu Nr. 2. – Der Missbrauch
Tabu Nr. 3. – Gleichgeschlechtliche Liebe

Fazit

Quellenübersicht
Literatur
Internetquellen

Einführung

Ich besuchte im Wintersemester 2013/14 das Seminar „Tabubrüche in der Literatur“. Ich hatte mich die letzten Semester viel mit Homosexualität und allgemein mit dem Umgang von Sexualität in Russland beschäftigt und hoffte, dass ich in diesem Seminar mein Wissen mit der Literatur verknüpfen konnte. Daraufhin empfahl Herr Graf mir und einer Kommilitonin das Buch „Marinas dreissigste Liebe” von Vladimir Sorokin aus dem Jahr 1995. Ich schlug voller Erwartung das Buch auf, las den Einband und dann stand dort:

Marina! Marina!! Marina!!! Du bist ja das mieseste Stück.

Das liederlichste, dreckigste lesbische Weibsbild von Moskau. Ein richtiges Mistvieh: klaut wie ein Rabe, säuft wie ein Loch, raucht wie ein Schlot, bedient Männer gegen Bares und verkehrt – kein Wunder! – in Dissidentenkreisen. Dabei bildschön. Knackfrisch, sagenhaft gebaut und mit samtner Pfirsischhaut.

Mit diesem Ausspruch tauchte ich voller Verwunderung in die Welt von Marina. Es war ein Hammerschlag auf jeder Seite. Entweder errötete ich aufgrund der Obszönitäten oder ich atmete heftig bei dem Missbrauch durch den Vater oder nickte über ihre politischen Ansichten oder lächelte und weinte über ihre Versuche die Liebe zu finden. So oder so ließ mich das Buch nicht mehr los. Es war und ist sehr dankbar. Denn einerseits fesselt es den Leser und andererseits bietet es ein großes Spektrum an Tabubrüchen, die man genauer betrachten kann.

Ich werde in dieser Hausarbeit eine kurze Wiedergabe des Inhaltes vornehmen und danach den Autor kurz vorstellen. Darauf folgend gehe ich auf den Begriff Tabu ein und stelle darauf basierend die Tabus dieses Romans genauer vor. Aufgrund der Vielzahl der Tabubrüche in diesem Werk werde ich nur drei genauer vorstellen. Anschließend werde ich mit Hilfe von Rezensionen mein Fazit ziehen.

Inhaltsangabe

Die Protagonistin des Werkes „Marinas dreissigste Liebe“, Marina Ivanova Alekseeva, ist dreißig Jahre alt und lebt in Moskau zu den Zeiten Breschnews. Sie verdient sich ihren Lebensunterhalt als Klavierlehrerin. Sie ist musikalisch begabt, konnte aber keine musikalische Karriere aufgrund eines gebrochenen kleinen Fingers starten.

Das Buch selbst wird nicht unterteilt, aber man kann inhaltliche Abschnitte klar erkennen. So behandelt der erste Teil vor allem die Vergangenheit von Marina. Dabei steht die Bildung ihrer Sexualität im Vordergrund. Sie beobachtete ihre Mutter beim Seitensprung mit einem Freund, ihre Jungfräulichkeit verlor sie durch ihren Vater und sie hat sehr viele sexuelle Kontakte mit unterschiedlichsten Männern und Frauen gehabt. Sie kann jedoch nur beim Sex mit Frauen einen Orgasmus bekommen. Dieser Abschnitt des Buches endet mit der Trennung von ihrer 29. Freundin. Gleichermaßen wird der Fokus von der Vergangenheit und ihrer Sexualität auf die Gegenwart und ihre Ansicht bezüglich ihrer Umgebung gelegt. Marina verkehrt nämlich in Dissidentenkreisen und hegt eine romantische Liebe zu einem Dissidenten, der ins Ausland fliehen musste. Gleichermaßen verspürt sie eine große Wut auf das Elend und damit verbunden auf die Sowjetunion. Außerdem hofft sie nun endlich ihre Liebe zu finden. Diese trifft sie in Form des Parteisekretärs Sergej Nikolaevič Rumjancev. Er ist der Auslöser, dass Marina ihr Leben dramatisch verändert. Sie wirft alles weg, dass sie mit ihrem alten Leben verbindet. Im dritten Teil des Buches geht Marina arbeiten und geht komplett im System auf. Sie spricht die gleiche Sprache, benimmt sich wie die Anderen und denkt auch wie die Anderen. Die alte Marina ist fast gänzlich verschwunden. Es bleibt offen, wer oder was die dreissigste Liebe von Marina ist. Es kann sowohl der Parteisekretär, als auch ihr erster richtiger Orgasmus von einem Mann und die Auflösung in das sowjetische System sein.

Vladimir Sorokin – Kurzbiographie

Vladimir Sorokin wurde am 07. August 1955 in Bykowo bei Moskau geboren. Er studierte am Moskauer Gubkin-Institut der Erdgas- und Erdölindustrie und am Institut für Chemie. Nach seiner Ausbildung zum Ingenieur arbeitete er ein Jahr bei der Zeitschrift „Wechsel“ („Смена“). Er weigerte sich jedoch dem Komsomol beizutreten und wurde deswegen entlassen1 Der Komsomol war der Kommunistische Jugendverband der KPdSU.2 Er beschäftigte sich mit Buchgraphik, Malerei und Konzeptkunst. Die ersten Arbeiten von Sorokin erschienen in den 70er Jahren. Sein Debüt gab er mit einem Gedicht 1972 in der Zeitung “Für die Erdölindustrie” („За кадры нефтяников“). Während der Sowjetunion stand er dem Moskauer Kreis der Konzeptualisten nah und publizierte im Eigenverlag. Er veröffentlichte mehrere Erzählungen in diversen Zeitschriften.3

Vladimor Sorokin gilt als einer der drei Hauptvertreter der russischen Postmoderne und ist ein großer Kritiker der politischen Eliten in Russland.4 Dies geschieht mit Hilfe von Parodien des sozialistischen Realismus und extremen Darstellungen (Gewalt und Sex). Verständlich, dass sich bereits Formierungen gegen seine Werke gebildet haben. So initiierte die Jugendbewegung “Iduschtschije Wmeste” (Gemeinsamer Weg) mehrere Aktionen gegen die Arbeiten von Sorokin.5 Unter anderem musste sich Sorokin vor dem Gericht mit dem Vorwurf der Pornographie auseinandersetzen. Nachdem er in erster Instanz verlor, gewann er in zweiter Instanz gegen die Anklage.6 7 Auch die Versuche der Zensur wurden bereits früh von dem Kulturminister Michail Schwydkoi unterbunden.8 Die Jugendorganisation „Naschi“ ging noch einen Schritt weiter und verbrannte Sorokins Arbeiten öffentlich.9

Sorokin ist verheiratet und lebt mit seinen Zwillingstöchtern und seiner Frau in Moskau.10

Das Tabu

„Tabus garantieren, dass alles, was einer bestimmten Ordnung gefährlich werden könnte, nicht gedacht werden muss.“11

Nach Aussage von Herrn Brenner kann man demnach schlussfolgern, dass Tabus eine Schutzfunktion übernehmen. Für unsere modernen Gesellschaften übernehmen dies eigentlich Gesetze. Ein Tabu regelt, ordnet und schützt den Menschen und die Gesellschaft da, wenn kein Gesetz diesen Bereich berührt.

Siegmund Freud hingegen sagte, dass Tabuverbote jeder Begründung entbehren und unbekannter Herkunft seien. Für jenen, der unter ihnen lebt seien sie verständlich. Für den Außenstehenden jedoch nicht.12

Ich persönlich bevorzuge die Definition von Herrn Maletzke der sagt: „Jede Kultur kennt Tabus, also strikte Verbote, die man ungestraft verletzen darf: Gegenstände, die man nicht berührt; Orte, die man nicht betritt; Wörter, die man nicht ausspricht. Tabus variieren in hohem Maße von Kultur zu Kultur.13 Tabus sind für Maletzke somit kulturell und gesellschaftlich übernommene Regeln, die ein bestimmtes Verhalten gebieten oder verbieten. Sie sind ein Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft. Demnach kann man sie auch als soziale Normen betrachten, die selten thematisiert werden.

Die Tabus

Wendet man nun diese Definition auf den Roman „Marinas dreissigste Liebe“ an, ist es offensichtlich, dass Sorokin in diesem Buch Wörter und Themen verwendet, die definitiv ein Tabubruch sind. Es existieren in diesem Buch viele Tabubrüche. Ich werde jedoch nur drei vorstellen. Die nachfolgend behandelten Tabubrüche sind allesamt gesellschaftlicher Natur und weniger künstlerische Tabubrüche.

[...]


1 Vladimir Sorokin, Biography: http://www.srkn.ru/biography (aufgerufen am 07.03.2014)

2 Netstudien.de/Russland: http://www.netstudien.de/Russland/komsomol.htm#.UxmxFdza9d0 (aufgerufen am 07.03.2014)

3 Vladimir Sorokin, Biography: http://www.srkn.ru/biography (aufgerufen am 07.03.2014)

4 Internationales Literaturfestival Berlin: http://www.literaturfestival.com/festival/teilnehmer/autoren/2010/vladimir-sorokin (aufgerufen am 07.03.2014)

5 Spiegel Online: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/interview-mit-wladimir-sorokin-die-leute-sind-gekauft-a-208318.html (aufgerufen am 07.03.2014)

6 Spiegel Online: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/putin-jugend-klage-erste-niederlage-fuer-sorokin-a-211508.html (aufgerufen am 07.03.2014)

7 Spiegel Online: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/pornografie-vorwuerfe-schriftsteller-vladimir-sorokin-freigesprochen-a-246067.html (aufgerufen am 07.03.2014)

8 Spiegel Online: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/russland-regierung-distanziert-sich-von-literaturzensur-a-178263.html (aufgerufen am 07.03.2014)

9 der Standard: http://derstandard.at/1285199825521/Gorki-Preis-an-Vladimir-Sorokin (aufgerufen am 07.03.2014)

10 Vladimir Sorokin, Biography: http://www.srkn.ru/biography (aufgerufen am 07.03.2014)

11 Interview mit Xaver Brenner: http://www.xaverbrenner.de/assets/pdf/tabus0511biss.pdf (aufgerufen am 07.03.2014)

12 Freud, Siegmund (2012): Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main.

13 Maletzke, G. (1996): Interkulturelle Kommunikation: zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen. Westdeutscher Verlag. Opladen. S. 97.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
"Marinas dreissigste Liebe" von Vladimir Sorokin. Tabus in der russischen Literatur
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Slavistik)
Note
14
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V302188
ISBN (eBook)
9783668013612
ISBN (Buch)
9783668013629
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tabus, Literatur, Russisch, Sorokin, marinas dreißigste liebe
Arbeit zitieren
Christin Pinnecke (Autor), 2014, "Marinas dreissigste Liebe" von Vladimir Sorokin. Tabus in der russischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302188

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