Tabus und ihre Überschreitung in „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Eine Filmanalyse und Darstellung der geschichtlichen Hintergründe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
21 Seiten, Note: 11

Leseprobe

Inhalt

Einführung

Geschichte der RAF

Der Baader-Meinhof-Komplex
Inhaltszusammenfassung
Entstehung
Mitwirkende Personen

Rezensionen

Die Tabus

Fazit

Quellennachweise

Einführung

„Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden. Und natürlich kann geschossen werden.“ [1]

Mit diesen Worten von Ulrike Meinhof, Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion, begann der Terrorismus in Deutschland. Sie läuteten eine Zeit der Gewalt und des Umdenkens ein. Wir befinden uns in den späten 60er Jahren in Westdeutschland. Es herrscht Unmut bei den Studierenden, der sich in Form von Protesten wiederspiegelt. Die Verbrechen der Nationalsozialisten liegen rund 20 Jahre zurück und die Menschen freuen sich über Frieden und Wohlstand. Doch die jungen Menschen fordern eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die Elterngeneration. Gleichzeitig kritisierten sie die bigotte Moralvorstellung, die Haltung Deutschlands zum Vietnamkrieg, sowie die fehlende Verurteilung von Amtsträgern des Naziregimes, die teilweise immer noch in Amt und Würden waren. In dieser angespannten Situation gab es immer wieder verbale und körperliche Gewalt von Presse und Staatsdienern, die die Situation noch anfeuerten. Es bildete sich eine kleine Splittergruppe, die sich zunehmend radikalisierte und immer mehr Anhänger und Befürworter fand. Die Rote Armee Fraktion, auch kurz RAF, verstand sich als kommunistische, antiimperialistische Stadtguerilla. Sie wird in drei „Generationen“ unterteilt. Die erste Generation bestand unter anderem aus Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe und Holger Meins. Sie bauten die Gruppe auf und führten diverse Anschläge gegen Institutionen und Personen, die in ihren Augen Sinnbilder für die verhasste Politik waren. Die führenden Personen der zweiten Generation waren Brigitte Mohnhaupt, Peter-Jürgen Boock und Christian Klar. Sie versuchten primär die inhaftierten Mitglieder der ersten Generationen mit gewalttätigen Aktionen freizupressen. Die dritte Generation führte weiterhin Anschläge durch und raubte Banken aus. Doch erfuhr sie mittlerweile absolut keine Unterstützung mehr, so dass sie sich am 20. April 1998 auflöste.[2] Über die Mitglieder der dritten Generation ist vergleichsweise wenig bekannt.

Die RAF führte mehrere Sprengstoffattentate durch, überfiel dutzenden Banken, entführte Menschen und tötete 34 Personen. Des Weiteren verursachte sie erhebliche Sachschäden und verletzte viele Menschen teilweise sehr schwer. Sie war eine linksextremistische Terrorgruppe, die vor nichts und niemanden zurück schreckte und sich nötigenfalls den Weg freibombte oder -schoss. Anfänglich genoss sie direkte und indirekte Unterstützung von Teilen der Bevölkerung. Doch je radikaler sie wurde, desto mehr schwand diese.

Es ist verständlich, dass es viele Filme mit verschiedenen Erzählweisen über die RAF gibt. In dieser Hausarbeit werde ich mich mit dem Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ beschäftigen, der 2008 in den deutschen Kinos erschien. Ich habe diesen Film ausgewählt, da er derjenige war, der mein Interesse zur RAF überhaupt erst weckte. Die Beschäftigung mit diesem Film erfolgt unter dem Aspekt des Tabubruchs, also dem Brechen von ungeschriebenen gesellschaftlichen Gesetzen.[3] Um dies aber nachvollziehbar diskutieren zu können werde ich zunächst die RAF und ihren Verlauf beschreiben. Danach gehe ich näher auf den Film und die Rezensionen ein. Anschließend werde ich an drei Beispielen den möglichen Tabubruch diskutieren. In einem abschließenden Fazit werde ich argumentativ Stellung beziehen.

Geschichte der RAF

Alles begann am 02. Juni 1967 mit der gewaltsamen Auflösung einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien vor der Deutschen Oper Berlin. Dies war der Höhepunkt der bereits seit geraumer Zeit herrschenden Studentenunruhen in den späten sechziger Jahren. Es gipfelte in der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras bei ebendieser Demonstration.[4] In nachträglichen Untersuchen stellte sich heraus, dass es keine Bedrohungssituation gab. Es konnte ihm dennoch nicht zweifelsfrei eine vorsätzliche Tötung bewiesen werden. Hinzu kamen die Vertuschungsversuche der Behörden mit der Freisprechung von Kurras.[5] [6] Im Mai 2010 stellte sich heraus das Karl-Heinz Kurras als Spion für die Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik gearbeitet hatte. Dies änderte jedoch nichts. Er wurde für seine Verbrechen nicht weiter belangt.[7]

Die Reaktionen der allgemeinen Presse waren vorwiegend studentenfeindlich. Die prominente Kolumnistin der politisch linksgerichteten Zeitschrift konkret, Ulrike Meinhof, unterstützte und verteidigte öffentlich die Proteste der Studierenden und kämpfte gegen die zunehmende Diskreditierung durch die Presse, insbesondere dem Axel Springer Verlag. Der Springer-Verlag stach nämlich mit einer besonders stark einseitigen und negativen Berichterstattung über die Studentenunruhen.[8] Es mehrten sich die Forderungen nach der Enteignung des Springer-Verlages, sowie die Zerstörung des Pressemonopols.[9]

Da wirkte das Attentat vom 11. April 1968 auf den Anführer der Studentenbewegung und Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), Rudi Dutschke, wie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.[10] Der Attentäter war Josef Bachmann aus rechtsradikalen Kreisen, der später nach seiner Verurteilung im Gefängnis Selbstmord beging.[11] Dutschke selbst überlebte das Attentat mit schweren Gehirnverletzungen.[12] Er starb aber 1979 an den Folgen seiner Hirnverletzung an einen epileptischen Anfall.[13] Infolge der monatelangen Agitation gegen Dutschke kam es zu Straßenschlachten und Anschlägen auf die Verlagshäuser des Springer-Konzerns.[14]

Zeitgleich verübten am 2. April 1968 Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser. Bereits zwei Tage später wurden sie verhaftet und am 14. Oktober zu jeweils drei Jahren Gefängnis verurteilt.[15] Nach Ablehnung der Revision gegen die Urteile tauchten Baader, Ensslin und Proll im November 1969 schließlich unter. Nur Proll stellte sich später. Baader und Ensslin gingen dauerhaft in den Untergrund und versteckten sich bei Ulrike Meinhof.[16] Bei einer Verkehrskontrolle im April 1970 wurde Andreas Baader verhaftet. Die Geburtsstunde der RAF wird häufig mit der Baader-Befreiung am 14. Mai 1970 gleichgesetzt. Sie war auch der Anlass, dass Ulrike Meinhof, die bis dahin nur als Lockvogel fungierte, in den Untergrund ging. Zwei Wochen später erschien die erste von mehreren politischen Erklärungen der RAF.[17]

Um ihren „Kampf gegen den Imperialismus und Faschismus“ zu finanzieren überfiel die Gruppe in den darauf folgenden 12 Monaten sieben Banken und erbeutete dabei knapp 700 000 DM. Die ersten Mitglieder wurden verhaftet und am 15. Juli 1971 wurde bei der bis zu diesem Zeitpunkt größten Fahndungsaktion das Mitglied Petra Schelm erschossen. Bei darauf folgenden Verhaftungen und Auseinandersetzungen starben sowohl Polizisten, als auch Terroristen. Es folgten fünf Sprengstoffanschläge auf eine Polizeidirektion, Quartiere der US-Armee, Einzelpersonen und dem Hochhaus des Springer-Verlages. Es starben bei diesen Anschlägen insgesamt vier Menschen und über 45 Menschen wurden teilweise schwer verletzt.

Im Juni und Juli 1972 wurden mehrere Terroristen verhaftet. Unter ihnen waren Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Holger Meins, Ulrike Meinhof und Brigitte Mohnhaupt. Damit war die komplette Riege der ersten Generation der RAF im Gefängnis. Zunächst in unterschiedlichen Gefängnissen inhaftiert, wurden sie alle später für ihren Prozess nach Stuttgart-Stammheim überführt.[18] Ab diesem Zeitpunkt änderte sich das Ziel vom „imperialistischen Kampf“ zur „Befreiung der politischen Gefangenen“. Die folgenden Ereignisse dienten demnach vorwiegend der Erpressung zur Freigabe der Inhaftierten. Während der Haft wurden mehrere Hungerstreiks gegen die Haftbedingungen durchgeführt. Holger Meins starb infolge eines solchen Hungerstreiks.[19] Zwei besonders schwerwiegende Ereignisse waren dabei die Geiselnahme von israelischen Sportlern durch palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München und die Geiselnahme von Menschen in der deutschen Botschaft in Stockholm. Zwei Botschaftsangehörige, sowie die israelischen Sportler wurden dabei ermordet. Aber auch einzelne Personen wurden zur Zielscheibe der RAF. So wurden der Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann, der Generalstaatsanwalt Siegfried Buback, sowie der Vorstandssprecher der Dresdner Bank Jürgen Ponto von den Mitgliedern der zweiten Generation der RAF ermordet.[20]

Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle aufgefunden. Die Mitglieder der RAF sprachen von einer Ermordung Meinhofs durch Staatsvertreter und stilisierten sie wie Holger Meins zu einer Ikone ihrer Bewegung.[21] Bei einer anschließenden Autopsie Meinhofs wurde bestätigt, dass ihr Tod Suizid durch Erhängen war.[22] Die Vorwürfe der RAF wurden demnach entkräftet, was jedoch seitens der RAF nicht anerkannt wurde.

Der Höhepunkt des „deutschen Herbst“ ist die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch RAF-Mitglieder und die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut durch ein palästinensisches Terroristenkommando im Auftrag der RAF. Die Lufthansa-Maschine wurde am 17. Oktober 1977 von der GSG9 auf dem Rollfeld des Flughafens in Mogadischu gestürmt und die Geiseln wurden gerettet.[23] In der Nacht vom 17. zum 18. Oktober begingen Baader, Ensslin und Raspe kollektiven Selbstmord. Dieses Ereignis wird auch als „Stammheimer Todesnacht“ bezeichnet.[24] Am nächsten Tag wurde Hanns Martin Schleyer erschossen im Kofferraum eines Autos in Mühlheim aufgefunden.[25]

Der Baader-Meinhof-Komplex

Über die RAF gibt es bereits mehrere Verfilmungen. Diese Hausarbeit befasst sich speziell den Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ aus dem Jahr 2008. Er basiert weitgehend auf dem gleichnamigen Sachbuch von Stefan Aust. Der Journalist Aust kannte Meinhof aus seiner damaligen Tätigkeit als Redakteur bei der konkret.[26]

[...]


[1] Meinhof, Ulrike: Vom Protest zum Widerstand. 1968.

[2] RAF-Auflösungserklärung. 1998. http://www.rafinfo.de/archiv/raf/raf-20-4-98.php (aufgerufen am 09.09.2013)

[3] Duden. http://www.duden.de/rechtschreibung/Tabu (aufgerufen am 09.09.2013)

[4] Eichinger, Katja (2008): Der Baader-Meinhof-Komplex. Das Buch zum Film. Hoffman und Campe Verlag. Hamburg. S. 295.

[5] Mager, Friedrich und Spinnarke, Ulrike (1967): Was wollen die Studenten? Fischer-Verlag. S. 112.

[6] Die Zeit, Sonderdruck aus Nr. 23/67, 9. Juni 1967.

[7] Spiegel Online: Schüsse auf Studenten: Berliner Polizei vertuschte Hintergründe des Ohnesorg-Todes. IN: Spiegel Online, 22.01.2012. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/schuesse-auf-studenten-berliner-polizei-vertuschte-hintergruende-des-ohnesorg-todes-a-810583.html (aufgerufen am 09.09.2013)

[8] Eichinger, Katja (2008): Der Baader-Meinhof-Komplex. Das Buch zum Film. Hoffman und Campe Verlag. Hamburg. S. 295.

[9] Spiegel Online: Die Erklärung der Vierzehn. IN: Die Zeit, 19.04.1968. http://www.zeit.de/1968/16/die-erklaerung-der-vierzehn/seite-2 (aufgerufen am 09.09.2013)

[10] Eichinger, Katja (2008): Der Baader-Meinhof-Komplex. Das Buch zum Film. Hoffman und Campe Verlag. Hamburg. S. 295.

[11] Mohr, Reinhard: „Enthüllung über Dutschke-Attentäter: Schrecken aus dem braunen Sumpf“. IN: Der Spiegel, 6.12.2009. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/enthuellung-ueber-dutschke-attentaeter-schrecken-aus-dem-braunen-sumpf-a-665421.html (aufgerufen am 09.09.2013)

[12] Dutschke-Klotz, Gretchen (1996): ‘‘Rudi Dutschke. Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Eine Biographie.’’ Kiepenheuer und Witsch. Köln. S. 197ff.

[13] Muntermann, Natalie: Rudi Dutschke. IN: Planet Wissen, 01.06.2008. http://www.planet-wissen.de/politik_geschichte/deutsche_politik/studentenbewegung/portraet_rudi_dutschke.jsp (aufgerufen am 09.09.2013)

[14] Eichinger, Katja (2008): Der Baader-Meinhof-Komplex. Das Buch zum Film. Hoffman und Campe Verlag. Hamburg. S. 295.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Hoffmann, Martin (Hrsg.) (1997): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF. ID-Verlag, Berlin. S. 24ff.

[18] Eichinger, Katja (2008): Der Baader-Meinhof-Komplex. Das Buch zum Film. Hoffman und Campe Verlag. Hamburg. S. 298.

[19] Ebd.. S. 299.

[20] Ebd. S. 299 – 300.

[21] Ebd. S. 299 – 300.

[22] Bakker Schut, Pieter H. (1986): Stammheim. Der Prozeß gegen die Rote Armee Fraktion. Kiel. S. 397.

[23] Eichinger, Katja (2008): Der Baader-Meinhof-Komplex. Das Buch zum Film. Hoffman und Campe Verlag. Hamburg. S. 300 – 301.

[24] Sontheimer, Michael (2012): Offensive des Ensslin-Bruders: Das Rätsel der Stammheimer Todesnacht. IN: Spiegel, 19.10.2012. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/raf-in-stammheim-bruder-will-tod-von-gudrun-ensslin-1977-klaeren-a-862180.html (aufgerufen am 09.09.2013)

[25] Eichinger, Katja (2008): Der Baader-Meinhof-Komplex. Das Buch zum Film. Hoffman und Campe Verlag. Hamburg. S. 301.

[26] Amend, Christoph und DiLorenzo, Giovanni: „Ich hatte den schönsten Job der Welt“. IN: Die Zeit Nr. 38/2008, 11.09.2008. http://www.zeit.de/2008/38/Aust-Interview-38/komplettansicht (aufgerufen am 09.09.2013)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Tabus und ihre Überschreitung in „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Eine Filmanalyse und Darstellung der geschichtlichen Hintergründe
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Geschichte)
Note
11
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V302192
ISBN (eBook)
9783668012929
ISBN (Buch)
9783668012936
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
RAF, Geschichte, Geschichtsdidaktik, Baader-Meinhof-Komplex, Tabus
Arbeit zitieren
Christin Pinnecke (Autor), 2013, Tabus und ihre Überschreitung in „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Eine Filmanalyse und Darstellung der geschichtlichen Hintergründe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302192

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Tabus und ihre Überschreitung in „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Eine Filmanalyse und Darstellung der geschichtlichen Hintergründe


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden