Bismarcks Leitgedanken in der Balkankrise. Das Kissinger Diktat vom 15.Juni 1877


Hausarbeit, 2010

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Quellenkritik
1.1. Quellenbeschreibung
1.2. Innere Kritik
a) Sprachliche Aufschlüsselung
b) Sachliche Aufschlüsselung

2. Quelleninterpretation
2.1. Inhaltsangabe
2.2. Einordnung in den historischen Kontext
a) Grundzüge des Britisch-Russischen Gegensatzes am Balkan
b) Europa ab 1871 und die Balkankrise 1875-1878
2.3. Zielsetzungen des Kissinger Diktats

3. Ergebnis und Ausblick

4.Auswahlbibliographie
a) Quellen
b) Literatur

5.Anhang: Die Quelle

1. Quellenkritik

1.1. Quellenbeschreibung

Die vorliegende Quelle vom 15.Juni 1877 ist eine Eingangsakte des Auswärtigen Amtes des Deutschen Reiches, diktiert vom damaligen deutschen Ministerpräsidenten und Außenminister Otto von Bismarck und geschrieben von seinem Sohn Herbert von Bismarck in Bad Kissingen, und liegt im dritten Band der Quellenedition „Neue Friedrichsruher Ausgabe“ von Ferdinand Schöningh aus dem Jahre 2008 vor. Das Schreiben ist adressiert an den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Bernhard Ernst von Bülow1 (1815-1879) und bezieht sich auf den Bericht Nr. 189 des Generals Hans Lothar von Schweinitz2 (1822-1901), dem deutschen Botschafter in Russland, an den ein Schreiben im Sinne der im Text enthaltenen Überlegungen gesandt werden soll. Bezogen auf eine vorangestellte Notiz des Sekretärs, kann das handschriftliche Original aufgrund fehlender Zeit zur Bereinigung eventueller Rechtschreibfehler bei der Übertragung in die gedruckte Form einzelne Modifikationen hervorgerufen haben. Die Quelle liegt in gedruckter Form vor3.

1.2. Innere Kritik

a) Sprachliche Aufschlüsselung

- „Alp“ (S.152, Z.25): „Ein beängstigender Traumzustand beim Einschlafen oder vor dem Erwachen. Der Träumende hat die Empfindung, als ob eine Last (…) auf ihm läge“4.
- „mundiren“ (S.152, Z.8): mundieren: „ins reine (lat. Mundum) schreiben“5.
– „Intimität“ (S.153, Z.3): Zustand der „Vertrautheit“ oder „Vertraulichkeit“6.
– „Gravitirung“ (S.153, Z.7): von „gravitiren“(lat.): „nach einem Punkt hinstreben“7.
– „Mentalreservation“ (S.153, Z.28): „geheimer Vorbehalt“: Voller Absicht gibt der Erklärende ein Versprechen ab, was nicht sein wahrer Wille ist und vor allen Dingen um den anderen zu täuschen8.
- „Passus“ (S.153, Z.38): „im literarischen Sinne (..) eine Stelle in einer Schrift“9.
- „Bojaren“ (S.154, Z.15): Bojaren waren Mitglieder der oberen Klasse, oft hohe Offiziere, Beamte, Großgrundbestitzer, fürstliche Dienstleute aber nicht mit erblichem Grundbesitz10.

b) Sachliche Aufschlüsselung

- „´le cauchemar des coalitions´“ (S.152, Z.24-25): Aus dem Französischen: Alptraum der Koalitionen. Meint die unsichere Position des Deutschen Reiches inmitten Europas nach 1871, in der oftmals die Gefahr eines Zwei- oder Mehrfrontenkrieges bestand. In der Kriegin-Sicht-Krise bezeichnete ein französischer Journalist Deutschlands Situation langfristig als vom „le cauchemar des coalitions“ betroffen11.
- „centralistische oder clerikale Elemente in Österreich“ (S.153, Z.16): gemeint sind Anhänger einer Revision des Prager Friedens 1866 zur Wiederherstellung des österreichischen Einflusses in Deutschland12, vorwiegend katholische Gegner des innenpolitischen Kulturkampfes im Deutschen Reich und des Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs 1867, der zur Herstellung des ungarischen Staates im Kaiserreich führte. Im Jahr 1877 war der Ungar Graf Julius Andrassy (1823-1890) österreichisch-ungarischer Außenminister13, so dass zu dieser Zeit der ungarische Einfluss auf die Außenpolitik der Doppelmonarchie sehr groß war14.
- „System des Doppelverschlusses“ (S.153, Z.24-25): Die Meerengen Dardanellen und Bosporus trennen das damals von Russland beanspruchte Schwarze Meer vom Mittelmeer. Großbritannien wollte Russland keinen Zugang zum Mittelmeer erlauben, um nicht seinen Seeweg durch den Suezkanal nach Indien gefährdet zu sehen. Bismarck erörtert wegen der russischen Expansion eine mittelfristige Lösung durch eine gemeinsame Inbesitznahme (Dardanellen an Großbritannien, Bosporus an Russland).
- „Pontusinteressen“ (S.153, Z.33): „Pontus“: „historische Landschaft an der kleinasiatischen Küste des Schwarzen Meeres“15. Steht im Diktat jedoch für den gesamten Raum Kleinasien/Bosporus/Schwarzes Meer. Bismarck sieht in dieser Region deutsche Interessen, die jedoch durch die Verstrickung der Großmächte eher indirekte als direkte sind16.
- „Schuwaloff“ (S.153, Z.39): Graf Peter Andrejewitsch Schuwalow (1827-1889) war russischer Diplomat und von 1874-1879 Botschafter in Großbritannien17.
- „tout le monde contre nous“ (S.153, Z.39): französisch: „die ganze Welt gegen uns“
- „Der Tscherkasski´sche Nadjel“ (S.153, Z.40-41): Wortkonstruktion aus a) „Tscherkasski“: gemeint ist Fürst Wladimir Alexandrowitsch Tscherkasski (1821-1878), russischer Offizier mit nationalrussischer Gesinnung. Er gehörte zum Organisationskomitee zur polnischen Bauernbefreiung 1861-64. Später mit panslawistischem Hintergrund und 1877 zum Zivilgouverneur der russisch besetzten Balkangebiete (Fürstentum Bulgarien) ernannt. Ihm oblag die Verwaltung18 19. b) „Nadjel“: Bodenanteil der Landarbeiter nach vorheriger Enteignung der Besitzer20. Die Wortkonstruktion kann man als Verbindung zwischen panslawistischer Expansion und kommunistischer Gesellschaftstransformation definieren. Der Panslawismus stand für einen „politischen, kulturellen Zusammenschluss“ aller Slawen. Bei den Slawen auf dem Balkan hat diese Ideologie mit Russland als Vorbild der Nationswerdung gedient, während die russische Führung den Panslawismus benutzt hat, um seine osteuropäische Hegemonie in Richtung Konstantinopel auszubauen21.

2. Quelleninterpretation

2.1. Inhaltsangabe

Das Schreiben beginnt mit einer kurzen Einweisung des Sekretärs an den Adressaten Staatssekretär Bülow, eine Anweisung an den General von Schweinitz, den Botschafter in Russland, auf der Basis der im Diktat enthaltenen Aussagen zu schicken. Weiterhin bittet der Schreiber um Nachsicht bezüglich der Lesbarkeit des Textes, da das Schreiben kurzfristig entworfen wurde und noch an jenem Tage abgeschickt werden sollte.

Das eigentliche Diktat gibt eine Einschätzung der europäischen Großmachtkonstellation während der Balkankrise Ende der 70er Jahre des 19.Jahrhunderts und Deutschlands Rolle in dieser ab. Bismarck betont, dass Deutschland sich um eine Konfliktbefriedigung zwischen Russland und Großbritannien bemühen sollte, um mit beiden gleichzeitig friedliche Beziehungen führen zu können. Diese Vermittlung könne eine territoriale Entschädigung beinhalten, zum Beispiel eine russische Zugehörigkeit des schwarzen Meeres und eine britische Herrschaft über Ägypten. Gleichzeitig sollen sie jedoch niemals so versöhnt werden, dass all ihre Differenzen ausgeräumt sind, so dass sie sich gegen Deutschland verbünden könnten.

Danach spielt er auf ein von der französischen Presse geäußerten allgemeinen Merkmal der deutschen Position an. Diese Gefahr einer diplomatischen und politischen Einkreisung Deutschlands, entweder durch eine Dreierkoalition aus Frankreich, Großbritannien und ÖsterreichUngarn oder aus Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn, versucht Bismarck durch fünf Punkte während der Balkankrise zu lindern, da besonders bei einer französisch-russisch- österreichischen Verbindung zwei kooperative Mächte den Einfluss der dritten auf Deutschland erhöhen können. Dabei könnte die jeweilige dritte Macht Deutschland erpressen, um nicht den Anschluss an die Zweierkonstellation suchen zu müssen.

Russland und Österreich-Ungarn will Bismarck auf den Balkan fixieren und Russland dabei veranlassen, konfliktfreie Beziehungen mit Deutschland zu suchen, sodass die beiden östlichen Nachbarn nicht miteinander gegen Deutschland koalieren können. Zusätzlich fordert er eine Korrektur des schwierigen Verhältnisses zwischen Russland und Großbritannien im Sinne der am Anfang geäußerten Vorschläge, sodass Großbritannien wegen des Gewinns weiterer Macht im Mittelmeer durch Ägypten von Frankreich getrennt wird. Die Einkreisung könne somit besonders nur durch eine Isolierung Frankreichs und einem russisch-österreichischen Gegensatz verhindert werden. Im nächsten Abschnitt geht Bismarck noch einmal rückblickend auf die Schwierigkeit der Vereinigung russischer und britischer Interessen ein. Großbritannien könne seiner Ansicht nach keine Ausbreitung der russischen Hemisphäre dulden, Russland aber keine Stagnation. Deswegen schlägt er vor letzteres mit dem Bosporus und Großbritannien mit den Dardanellen zu entschädigen, so dass beiden Motiven gedient sei. Doch könne Großbritannien als Seemacht der Landmacht Russland bei einem Angriff auf die Dardanellen nichts entgegnen, aber letztlich sei eine lokale Verständigung beider durch Verhandlungen vor oder nach einem Krieg für Deutschland wichtiger als die Integrität des Osmanischen Reiches.

Am Ende des Diktats geht Bismarck auf die innenpolitische Situation in Russland ein. Zuerst glaubt er nicht an eine für die monarchischen Staaten gefährliche Verbindung eines kommunistischen Panslawismus auf dem Balkan und richtet sich gegen eine Anlehnung an Russland zur Bekämpfung der innerrussischen kommunistischen Tendenzen, welche seiner Meinung nach ohnehin austreten werden. Eine Erhebung würde eine Schwächung Russlands nach sich ziehen. Dabei sieht er eine Chance für Österreichs Integrität, wenn sich seine slawischen Untertaten in kommunistische und reaktionäre Befürworter spalten, da es dann letztere und die christlich-monarchischen Balkanregierungen beeinflussen könne. Zum Schluss sieht Bismarck zwar Anzeichen für eine Verbindung dieser Elemente, will aber keine deutsche Einmischung in dieser Angelegenheit.

2.2. Einordnung in den historischen Kontext

a) Grundzüge des Britisch-Russischen Gegensatzes am Balkan

Bismarcks Kernstellen im Kissinger Diktat, die fünf Punkte zur Vermeidung des ´cauchemar des coalitions´, werden von dem Verhältnis zwischen Russland und Großbritannien und seiner möglichen Verbesserung eingerahmt.

Um Deutschlands Position in der Großmachtpolitik seit der Reichsgründung am 18.1.1871 zu beleuchten, ist es notwendig auf den hauptsächlichen Hintergrund vieler wichtiger Verbindungen und Entscheidungen dieser Zeit einzugehen. Der Britisch-Russische Gegensatz war in der Mitte des 19.Jahrhunderts das „überragende Hauptmotiv aller diplomatischen Beziehungen“22 und führte beide Staaten an den äußersten Rand der Eskalation und auch darüber hinaus in Kriege. Zwar waren beide imperialistisch bestrebt, ihren Einfluss zu erweitern, doch gab es durchaus Unterschiede in den Beweggründen.

Großbritannien war seit 1832 eindeutig auf dem Weg zu einer parlamentarischen Demokratie, vertrat die Position des Freihandels um seiner wachsenden Industrie Exportmärkte zu verschaffen und war bestrebt seine Kolonien, besonders Indien, durch die Beherrschung der Meere mit einer überlegenden Flotte zu schützen.

Russlands Staatssystem kann eindeutig als konservativ angesehen werden. Wirtschaftlich schütze es seine schwache Industrie mit protektionistischen Mitteln, erhielt seine Devisen vor allen Dingen durch Agrarexporte. Des Kaisers absolutistische Regierungsführung war unter Nikolaus I und Alexander II darauf ausgerichtet durch Expansion strategisch wichtige Gebiete direkt an das Herrschaftsgebiet anzugliedern oder zumindest durch Vasallenstaaten zu verwalten. Seine Expansion gründete sich auf das Streben nach einem eisfreien Hafen und einem Mittelmeerzugang sowie auf den Schutz der christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich. Weiterhin hatte eine erfolgreiche Außenpolitik beruhigende Auswirkungen auf die innenpolitische Situation in Russland, auf die weiter unten noch eingegangen wird.

Konfrontationspunkte bestanden in Mittelasien, wo beide in Afghanistan und Persien, im Vorfeld von Indien, diplomatisch um Einfluss buhlten. Nach einer russisch-afghanischen Annäherung 1839 führte beispielsweise Großbritannien daraufhin bis 1842 einen erfolglosen Afghanistanfeldzug, konnte aber 1838 durch die Unterstützung der Eingeschlossenen die Belagerung von Herat durch 22 Dehio, Ludwig. Gleichgewicht der Hegemonie- Betrachtungen über ein Grundproblem der inneren Staatengeschichte.3.Auflage. Krefeld.o.J. S.171 die von Russland begünstige iranische Armee abwehren23. In Mittelasien gab es immer wieder Konflikte.

Den weitaus bedeutenderen Krisenherd bildete jedoch das Osmanische Reich, welches sich in der Zange Russlands am Kaukasus und Balkan befand. Das Osmanische Reich wurde von Großbritannien als eigener Absatzmarkt, Umschlagplatz für den Fernhandel und wegen der Sicherung des Suezkanals für die Anbindung an Indien strategisch als bedeutender Faktor gesehen24. Ein direkter Zugriff Russlands zum Mittelmeer oder sein starker Einfluss auf die osmanische Führung, Besitzer des Suezkanals, hätte den Seeweg behindern können. Somit stand Großbritannien für stärkende Reformen innerhalb der Türkei und traditionell für die Integrität des Osmanischen Reiches25 als Gegenpol zu Russland, welches anfangs jedoch seinen Einfluss vergrößerte. Durch den Frieden von Adrianopel am 14.9. 1829 konnte Russland durch die Annexion des Küstenstreifens südlich von Anapa den Druck im Kaukasus auf das Osmanische Reich erhöhen, das unabhängig gewordene Griechenland von diesem abtrennen26 und hatte ab 1859 den größten Teil des Kaukasus in seinem Besitz27. Die osmanische Frage wollte Russland mit seinem Eroberungskonzept ohne fremde Einmischung lösen. In den Mehmet Ali Krisen von 1833 und 1838 und im Ägyptisch-Türkischen Krieg 1838 bedrohte zusätzlich der nach Souveränität strebende ägyptische Pascha den Bestand des Osmanischen Reiches und es konnte so nur durch russischen Beistand 1833 und durch eine Kollektivgarantie der fünf europäischen Großmächte vom 13.7.1841 gesichert werden. Die russische Expansion hatte im Jahr 1853 den Anlass gefunden wieder offensiv zu werden. Nach gescheiterten Verhandlungen in Konstantinopel wegen der Benutzung der Heiligen Stätten in Palästina besetzte es im Juli die formell zum Osmanischen Reich gehörenden Donaufürstentümer und provozierte durch die Kriegserklärung an das Osmanische Reich den Eintritt Großbritanniens und Frankreichs. Im Pariser Frieden 30.3.1856 musste Russland die Neutralisierung des Schwarzen Meeres, die Schließung der türkischen Meerengen und den Verlust Bessarabiens und Kars hinnehmen28 und wurde für 15 Jahre in dieser Frage nicht mehr aktiv29. Die Revision des Pariser Friedens blieb jedoch immer Fixpunkt der russischen Außenpolitik ,wohingegen Großbritannien versuchte Russland durch kontinentale Partner in Schach zu halten.

b) Europa ab 1871 und die Balkankrise 1875-1878

Der Krimkrieg legte grundlegende Voraussetzungen für die neue Mächteverteilung ab 1871. Da Österreich, eigentlich mit Russland in der monarchisch-restaurativen Heiligen Allianz eingebettet, Russland im Krimkrieg wegen finanzieller Probleme und möglicher slawischer Aufstände nicht beistand, sondern sogar durch eine Teilmobilisierung seiner Armee an seinen östlichen Grenzen russische Kräfte band, um einen Beistand für die Eindämmung des Zarenreiches zu leisten, war die östliche Solidarität der beiden Kaiserreiche belastet30. Das neutrale Preußen band sich hingegen in der Konvention von Alvensleben vom 8.2.1863 wegen polnischer Unabhängigkeitsbestrebungen näher an das Russische Reich und konnte mit russischer, diplomatischer Schützenhilfe 1866 gegen Österreich und vier Jahre später gegen Frankreich vorgehen, um im Abschluss des Einigungsprozesses das deutsche Kaiserreich aus der Taufe zu heben. Großbritannien, ab 1864 ohnehin in der Phase des europäischen Desinteresses, sah in Deutschland einen potenziellen Ordnungsfaktor und Hemmnis der russischen Expansion31, Russland in der Eskalation von 1870/1871 eine Möglichkeit, Deutschland und Frankreich später gegenseitig auszuspielen und erklärte einseitig die Aufhebung der Neutralität des Schwarzen Meeres, die im Pariser Vertrag von 1856 verankert war32.

Die Etablierung der kleindeutschen Lösung am 18.1.1871 ohne Österreich inmitten Europas schuf eine völlig neue Situation. Österreich-Ungarn wurde endgültig auf den südosteuropäischen Raum begrenzt und konzentrierte sich wegen des Verlusts von Einfluss in Mitteleuropa auf den Balkan. Auf der anderen Seite war Frankreichs Prestige und Einfluss der wirtschaftlichen, militärischen und demographischen Stärke gewichen, welche sich in Zentraleuropa installiert hatte. Deutschlands Politik sollte fortan der Linie der ´Saturiertheit´ folgen, also der Bewahrung des Status quo außenpolitisch sowie im Innern, da der Aufstand der Pariser Kommune im Frühling 1871 revolutionäres Aufbegehren , erneut von Frankreich aus ausgehend, sichtbar machte. Aus Furcht vor der sozialen Gefahr und vor dem Rachedurst Frankreichs strebte Bismarck eine Koalition aus den Ostmächten Russland und Österreich-Ungarn, den alten Partnern in der Heiligen Allianz, an, um in monarchischer Solidarität zusammen gegen die mögliche Gesellschaftstransformation einzustehen und besonders Frankreich in Kontinentaleuropa zu isolieren33, aber trotzdem größtenteils ungebunden zu bleiben34. Unterstützung bei der Annahme der neuen Bedingungen und einer isoliert betrachteten Kolloboration zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich fand er beim neuen österreichisch-ungarischen Außenminister Andrassy, welcher, im November 1871 berufen, auf eine mitteleuropäische Koalition mit Einbindung Großbritanniens zur Eindämmung Russlands hinarbeitete, was Großbritannien aber ,unter dem liberalen Kabinett Gladstone, wegen seiner selbstgewählten Isolation verneinte und Deutschland keine französisch-russische Verbindung provozieren wollte. In der Petersburger Konvention vom 6.5.1873 verpflichteten sich Deutschland und Russland zum Beistand von 200.000 Soldaten beim Angriff eines anderen Staates, war jedoch nur gültig bei einem Anschluss Österreich-Ungarns, welches zwar nicht beitrat, aber einen unverbindlicheren Vorschlag unterbreitete, um durch die Annäherung an Russland dessen Expansionshunger zu beschwichtigen. Am 6.6.1873 war in der Schönbrunner Übereinkunft der Grundstein für das Dreikaiserabkommen gelegt, welches sich am 22.Oktober durch den Beitritt Deutschlands statuierte35 und für Verständigungspflicht unter den Kaiserreichen sowie für Friedenswillen eintrat . Beide Ostmächte erhofften sich deutsche Unterstützung in ihrer Balkanpolitk, welche Russland nun wieder expansiv, Österreich-Ungarn wegen seiner pluralistischen Bevölkerung und zunehmenden slawischen Struktur und den damit verbundenen seperatistischen Tendenzen bei der Gründung von unabhängigen Balkanstaaten eher den Status quo erhaltend betreiben wollten36.

Vorher jedoch brachte ein journalistisches Intermezzo das Mächtesystem durcheinander. Bismarck, durch das französische Militärorganisationsgesetz vom 12.3.1875, was im Kriegsfall eine Erhöhung der Infanterie um circa 144000 Mann bedeutete, baldige feindliche Angriffe befürchtend, versuchte durch einen Artikel in der konservativen Zeitung „Post“ vom 8. April Frankreich öffentlich als Kriegstreiber hinzustellen37, um es zur Aufgabe des Projektes zu zwingen. Der „Ist der Krieg in Sicht“-Artikel sowie die belgische Antwortnote vom 15.4.1875, welche ein gefordertes belgisches Vorgehen gegen klerikale Kulturkampfgegner ablehnte und den Eindruck der deutschen Einmischung in andere Staaten verstärkte, evozierten hingegen ausländische Befürchtungen bezüglich eines deutschen Präventivkriegs, welcher von einigen deutschen Diplomaten und Offizieren auch gefordert wurde. Belgien spielte hierbei als Durchmarschgebiet und kurzzeitig als geheimes deutsches Kompensationsangebot an Frankreich eine Rolle. Die Krise konnte im Mai in Berlin bereinigt werden mit den Resultaten, dass der französische Großmachtstatus garantiert wurde, Großbritannien unter Disraeli aus der ´splendid isolation´ herausging und das bedeutende Verhältnis zwischen deutschem Kanzler und dem russischen Kanzler und Außenminister Alexander

[...]


1 Großer Brockhaus-Handbuch des Wissens in 20 Bänden. Band 3. 15.Auflage.1928

2 Rothfels, Hans. Die Denkwürdigkeiten des Generals von Schweinitz. Band 2. W.v.Schweinitz (Hrsg.). R.Hobbing Verlag.Berlin.1927.S.6

3 Neue Friedrichsruher Ausgabe. Otto von Bismarck-Gesammelte Werke. Abteilung III: 1871-1898. Band 3. Konrad Canis, Lothar Gall (Hrsg.). Ferdinand Schöningh. Paderborn/München/Wien/Zürich. 2008. S.152-154

4 Meyers Großes Konversationslexikon, Band 1. 6. Auflage. Biographisches Institut Leipzig/Wien 1906. S.360

5 Meyers Großes Konversationslexikon. Band 14. 6. Auflage. Biographisches Institut Leipzig/Wien 1906. S.255

6 Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Band 12. Lexikonverlag. Biographisches Institut Mannheim/Wien/Zürich 1978. S. 672

7 Meyers Großes Konversationslexikon. Band 8. 6. Auflage. Biographisches Institut Leipzig/Wien 1906. S.256

8 Meyers Großes Konversationslexikon. Band 13. 6. Auflage. Biographisches Institut Leipzig/Wien 1906. S.619

9 Meyers Großes Konversationslexikon. Band 15. 6. Auflage. Biographisches Institut Leipzig/Wien 1906. S.489

10 Der Große Brockhaus- Handbuch des Wissens in 20 Bänden. Band 3. 15.Auflage.Brockhaus Leipzig 1929. S.123

11 Gall, Lothar. Bismarck- Der weiße Revolutionär. Ullstein Verlag GmbH. Frankfurt/M/Berlin/Wien. 1980. S.516-517

12 Wolter, Heinz. Bismarcks Außenpolitik 1871-1881. In: Schriften des Zentralinstituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Band 71.Akademieverlag. Berlin. 1983. S.151-152

13 Schmidt, Rainer F.. Graf Julius Andrassy- Vom Revolutionär zum Außenminister. In: Biographische Reihe. Band 148/149. Prof.Dr. Detlef Junker (Hrsg.).Musterschmidtverlag. Göttingen/Zürich. 1955. S. 50-79

14 Gall, Lothar. Bismarck- Der weiße Revolutionär. Ullstein Verlag GmbH. Frankfurt/M/Berlin/Wien. 1980. S.503-506

15 Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Band 19. Lexikonverlag. Biographisches Institut Mannheim/Wien/Zürich 1978. S. 91

16 Gall, Lothar. Bismarck- Der weiße Revolutionär. Ullstein Verlag GmbH. Frankfurt/M/Berlin/Wien. 1980. S.512-514

17 Der Große Brockhaus- Handbuch des Wissens in 20 Bänden. Band 17. 15.Auflage.Brockhaus Leipzig 1929

18 Meyers Großes Konversationslexikon. Band 15. 4. Auflage. Biographisches Institut Leipzig/Wien 1885-1892. S.883

19 Wolter, Heinz. Bismarcks Außenpolitik 1871-1881. S.246

20 Schwarz, Salomon. Bevölkerungsbewegung und Arbeitslosigkeit in Russland. In: Utopie Kreativ. Förderverein „Konkrete Utopien e.V.“(Hrsg.). Heft 99. 1999. S.43

21 Meyers Großes Konversationslexikon. Band 18. 4. Auflage. Biographisches Institut Leipzig/Wien 1885-1892. S.148

22 Dehio, Ludwig. Gleichgewicht der Hegemonie- Betrachtungen über ein Grundproblem der inneren Staatengeschichte.3.Auflage. Krefeld.o.J. S.171

23 Krautheim, Hans-Jobst. Öffentliche Meinung und imperiale Politik- Das britische Russlandbild 1815-1854. In:Osteuropastudien der Hochschulen in Hessen. Zentrum für kontinentale Agrar-und Wirschaftsordnung der JustusLiebig Universität (Hrsg.).Dunker/Humboldt. Berlin.1977. S.98ff

24 Krautheim, Hans-Jobst. Öffentliche Meinung und imperiale Politik- Das britische Russlandbild 1815-1854. S.143/163

25 Hösch, Edgar. Geschichte der Balkanländer-Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. 2.Auflage. C.H.Beck.München. 1993. S.114

26 Hösch, Edgar. Geschichte des Balkans. In: Beck´sche Reihe. C.H.Beck Verlag München. 2004. S.57-61

27 Krautheim, Hans-Jobst. Öffentliche Meinung und imperiale Politik- Das britische Russlandbild 1815-1854. S.73-78

28 Hösch, Edgar. Geschichte der Balkanländer-Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. S.119ff

29 Wentker, Hermann. Deutschland und Russland in der britischen Kontinentalpolitik seit 1815. In: Prinz-Albert Studien. Adolf M. Birke, Hermann Wentker (Hrsg.). Band 11. K.G.Saur Verlag. München. S.39

30 Schmidt, Rainer F.. Graf Julius Andrassy- Vom Revolutionär zum Außenminister. S. 24-25

31 Wentker, Hermann. Deutschland und Russland in der britischen Kontinentalpolitik seit 1815. S. 34-37, 40-47

32 Wolter, Heinz. Bismarcks Außenpolitik 1871-1881. S.78

33 Gall, Lothar. Bismarck- Der weiße Revolutionär. Ullstein Verlag GmbH. Frankfurt/M/Berlin/Wien. 1980. S.493-502

34 Hillgruber, Andreas. Otto von Bismarck-Gründer der europäischen Großmacht Deutsches Reich. Prof.Dr. Günther Franz (Hrsg.). Musterschmidtverlag. Göttingen. Zürich/Frankfurt/M. 1978. S.71ff

35 Schmidt, Rainer F.. Graf Julius Andrassy- Vom Revolutionär zum Außenminister. S. 50-88

36 Wolter, Heinz. Bismarcks Außenpolitik 1871-1881. S.79-80

37 Gall, Lothar. Bismarck- Der weiße Revolutionär. Ullstein Verlag GmbH. Frankfurt/M/Berlin/Wien. 1980. S.510

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Bismarcks Leitgedanken in der Balkankrise. Das Kissinger Diktat vom 15.Juni 1877
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V302258
ISBN (eBook)
9783668001022
Dateigröße
6249 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bismarcks, leitgedanken, balkankrise, kissinger, diktat, juni
Arbeit zitieren
Jakob Dannenberg (Autor), 2010, Bismarcks Leitgedanken in der Balkankrise. Das Kissinger Diktat vom 15.Juni 1877, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302258

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