Beziehungen zwischen Identitätskrise, Kommunikationsverlust und Statussymbolen. Ein Vergleich zwischen Max Frischs Skizze eines Unglücks und Otto Julius Bierbaums Prinz Kuckuck


Seminararbeit, 2004

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Max Frisch, Skizze eines Unglücks
2.1. Die gesellschaftliche Rolle Viktors
2.1.1 Analyse der Erzählsituation
2.1.2 Wahrnehmung der Figur Viktors
2.2. Die Pole Sicherheitsverlust, Kommunikationsprobleme und Macht- demonstration
2.2.1. Zeitstruktur und Raumordnung
2.2.2.Wechselwirkungen
2.3. Identitätssicherung durch Statussymbole
2.4. Reise-, Mantel- und Todesmotiv

3. Otto Julius Bierbaum, Prinz Kuckuck. Leben Taten Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings
3.1. Identitätsproblematik
3.2. Rhetorischer Unfall
3.3. Verklammerung von Figur und Maschine
3.4. Reise-, Mantel- und Todesmotiv

4. Zeitliche Dimension des Themas

5. Bibliographie

1. Hinführung

Diese Arbeit steh unter der Prämisse, die thematischen und strukturellen Ähnlichkeiten der Erzählung Skizze eines Unglücks aus Max Frischs Tagebuch 1966-71 und Otto Julius Bier-baums 1906/07 erschienenen Roman Prinz Kuckuck. Leben Taten Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings darzustellen. Abgegrenzt vom Gesamtroman Prinz Kuckuck werden hier besonders die Seiten 409 bis 444 betrachtet, da sonst der maximale Umfang dieser Arbeit nicht gewährleistet werden kann. Als Ausgangsthese gilt, dass in beiden Texten drei miteinander verschränkte Pole zu finden sind: Die Identitätsprobleme der beiden Figuren Viktor und Henry Felix´, die Fixierung auf und der Verlust der gesellschaftlichen Rolle, eine damit einhergehende Unsicherheit nebst kommunikativem Versagen, und letztendlich das Auto als Statussymbol und (vermeintliches) Mittel zur Rehabilitation.

Für beide Texte kennzeichnend ist die Auseinandersetzung mit der Diskrepanz zwischen eigener Identität und Rolle – inwiefern diese Rollen nun von außen auferlegt und zur Sicherung des Selbstverständnisses von den Protagonisten verinnerlicht, angenommen werden, und ob diese durch ihre Rollenannahme weitgehend identitätslos bleiben, soll geklärt werden. Des weiteren ergeben sich Motivähnlichkeiten, die aufgeführt werden sollen.

Die beiden Texte werden separat auf diese These geprüft werden, sowohl inhaltlich als auch formal. Die Analyse der Skizze eines Unglücks wird dabei ausführlicher behandelt werden, da dieser Text einerseits in der Forschung weit mehr beachtet wurde, andererseits durch seine Kompaktheit eine tiefergehende Analyse auf wenig Raum zulässt. Im Vergleich dazu werden die Ähnlichkeiten und Differenzen zu Prinz Kuckuck aufgezeigt werden, um im Anschluss vorzustellen, welche Aussagen sich über das Verständnis der Identitätsfindung und die Relation zwischen Mensch und Maschine trotz des zeitlichen Abstands von sechzig Jahren machen lassen.

2. Max Frisch, Skizze eines Unglücks

Diese diaristische Erzählung, 1972 erschienen, gehört zu einer Reihe von Erzählungen und Einträgen im literarischen Tagebuchs Max Frisch, Tagebuch 1966-1971. Obwohl es sich um einen kurzen, skizzenhaft gezeichneten Text handelt, zeigt eine genauere Betrachtung von Er-zählperspektive, Raum- und Zeitstruktur, dass dieser sorgfältig und vielschichtig aufgebaut ist.

Erzählt wird die Geschichte einer Urlaubsfahrt eines Akademikerpaars, während der die feste gesellschaftliche Rolle des Protagonisten Viktor aufgelöst wird. Die dadurch ausgelöste Unsicherheit verschränkt sich mit einer Kommunikationsstörung, letztendlich scheitert der Versuch Viktors, seine Rollenidentität wiederherzustellen. Das Auto dient als Mittel zur Demonstration seiner vermeintlichen Sicherheit, was im Tod seiner Partnerin Marlis endet.

2.1 Die gesellschaftliche Rolle Viktors

Die Abhängigkeit Viktors von seiner Rollenidentität und damit einhergehend seine Nicht-Identität außerhalb dieser Rolle ist die Grundproblematik der Skizze eines Unglücks.

Es handelt sich nicht nur um ein von der Figur Viktor entworfenes Selbstbildnis, denn dieses wird auch durch seine Umgebung und insbesondere seine Partnerin gefestigt und aufrechterhalten. Erstes Indiz dafür lässt sich durch Analyse der Erzählsituation finden:

2.1.1. Analyse der Erzählsituation

Erzählt wird die Skizze eines Unglücks durch die Retrospektive eines auktorialen Erzählers, der jedoch in viele Passagen zugunsten einer personalen Erzählperspektive zurücktritt. Über weite Strecken fokussiert sich der Text auf das Wahrnehmen Viktors, dieses geschieht mittels erlebter direkter und indirekter Rede, Gedankenwiedergabe und Gedankenrede[1], z. B.: „Vielleicht geht es heute besser. Er wird seinen Vorschlag, die Reise abzubrechen, nicht machen. Im grunde ist es lächerlich.“[2]. In geringerem Umfang lässt sich die Sichtweise Marlis` ausmachen: „Sie weiß, daß Viktor wartet. Sie findet, man habe Zeit. Warum geht er immer voraus, sodaß er dann warten muß? Sie kann nicht schneller.“ (228). Weiterhin gibt es Textstellen, die sich weder Viktor, Marlis noch der Perspektive des auktorialen Erzählers eindeutig zuordnen lassen. Claudia Mauelshagen spricht in Bezug auf das Zusammenspiel der Sichtweisen von einer „fragmentierten Perspektive“ und „polyphoner Gestaltung“[3].

2.1.2. Wahrnehmung der Figur Viktor

Anhand dieser Perspektiven lassen sich einzelne Stimmen ausmachen, die das Rollenverständ-nis Viktors darstellen. Erkennbar ist es schon als ironische Umkehrung in der Figurennamens-gebung: VIKTOR, der Sieger, impliziert einen selbstbewussten und zielstrebig wie zielsicher agierenden Charakter. Die Figur Viktor hingegen kann sich damit nicht identifizieren, denn er „haßt seinen Namen“ (232), weiß unterbewusst, dass er diesen Ansprüchen nicht genügen kann. Die Kurzform seines Namens, VIK, irritiert ihn jedoch ebenfalls, „besonders wenn die Leute am andern Tisch es hören“ (232) - eine öffentliche Degradierung seines Gesellschaftsstatus, besonders durch seine Partnerin, stimmt ebenfalls nicht mit dem von ihm aufrechterhaltenen Bild überein. Er ist zwiegespalten zwischen dem, was er sein sollte und will, und dem, was er nicht ist, nicht sein kann.

Die scheinbar neutral vom auktorialen Erzähler lose in den Text eingestreuten Fakten über seine Person werden von der sozialen Rolle Viktors überlagert[4]: „Er stammt aus Chur, Sohn eines Eisenbahners, Akademiker cum Laude, demnächst soll er Oberarzt werden“ (225), „er fährt einen Porsche“ (237), „Patienten schätzen ihn: seine Ruhe, seine Sicherheit, seine Zuversicht usw.“ (241) – das typische erfolgreiche Leben des Bildungsbürgertums. Die Diskrepanz zwischen Außen und Innen wird erst durch den Prozess der Verunsicherung deutlich.

Marlis Position trägt zur Festigung der Rollenerwartung bei. Auch sie macht sich von stereo-typischen Normen abhängig, hält Männer für von Natur aus klüger als Frauen; da sie als klug angesehen wird, lastet ein hoher Erwartungsdruck auf Viktor: „ Sie hält es für ein Zeichen ihrer Liebe, daß es sie kränkt, wenn er, Viktor, in Gesellschaft nicht klüger spricht als sie.“ (224), denn „[sie] will nicht die Überlegene sein, dass verträgt kein Mann, Viktor schon gar nicht; er ist Chirurg, also daran gewöhnt, dass die Leute ihm vertrauen müssen, und auch Marlis hat ihm damals vertraut“ (226). Der Rückfall ins Perfekt an dieser Stelle ist bezeichnend für die Machtverschiebung, die im Textverlauf stattfindet.

Trotz der häufigen Fokussierung auf Viktor gelingt es nicht, Viktors Selbstverständnis eindeutig auszumachen. Grund dafür ist das `Selbstbewusstsein´, das er nicht nur nach Außen, sondern auch sich selbst vorspielt. Deutlich wird dieses an wenigen reflektierenden Passagen, in denen er Eigenkritik übt, seinen Zustand aber nicht auf die gesamte Dauer seines bisherigen Lebens ausweitet, sondern als temporär wertet. So stehen Aussagen wie „Er ist langweilig und er weiß es.“ im Kontrast zu „Früher, als er noch Humor hatte“. Viktors Identität ist also keineswegs gesichert. Weiteres Anzeichen dafür ist die im Text durch den auktorialen Erzähler wiederholte irritierende Wendung: „ Später meint er vielleicht“ (225). Dieses spricht nicht nur „von den prinzipiell vorstellbaren Möglichkeiten der Fiktion“[5], sondern deutet zudem darauf hin, dass Viktor keine eindeutige Position zuzuweisen ist, weil es ihm an berechenbarer Charakterfeste fehlt.

Kongruent zu den auftretenden Ängsten und Unsicherheiten arbeitet der Text mit knapper Sprache, sodass „in der Begrenzung der sprachlichen Möglichkeiten [...] die Begrenztheit der menschlichen Möglichkeiten nur ihren besonderen Ausdruck“[6] findet; weiterhin mit Auslass-ungszeichen und Leerzeilen, die die Bedrohung der Rolle bezeichnen: „[...]hinter der Rolle scheint nichts als Unsicherheit und Leere auf. Dabei markieren die Pünktchen jene Leere und das Unbestimmte an Selbst-gefühl und Ich-Identität, wenn die Rollensicherheit schwindet.“[7]

2.2. Die Pole Sicherheitsverlust, Kommunikationsprobleme und Machtdemonstration

Der Identitätsverlust steht in enger Verbindung mit zwei weiteren Gesichtspunkten, dem Sicherheitsverlust und damit einhergehenden Kommunikationsproblemen und Machtspielen.

Viktor spürt, dass seine Rolle auf dieser Reise bedroht ist, denn „In Basel ist alles anders.“ (230). Die Vorausdeutung dieses Sicherheitsverlustes findet sich am Morgen des Unglückstags, als er das „Badezimmer [...] abriegelt, obschon sie noch schläft.“ (221) und entschlossen ist, umzukehren. Marlis selber wird also zur imaginierten Bedrohung, Viktor ist nicht mehr der stärkere Pol, ihr Chirurg, dem sie meinte, denn nun beschneidet sie seine Rolle: „ Du bist nicht mehr mein Chirurg, Vik, daran mußt du dich gewöhnen.“ (229).

Das Verlassen ihrer gewohnten Umgebung führt zu einer Verschiebung des Machtpols: Marlis ist Romanistin, also sprachlich im Vorteil. Viktors Selbstvertrauen schwindet, er ist leicht zu kritisieren, sodass sich vielerlei Anlässe ergeben, ihn zu korrigieren, zu verunsichern. Dieses endet in einem Teufelskreis, in dessen Verlauf Viktor sich immer inferiorer fühlt. Marlis andauernde Frage „Bist du sicher?“ nimmt überhand, sodass Viktor letztendlich selbst dann verunsichert wird, wenn sie nichts sagt: „Er ist Chirurg, und es wäre komisch, wenn er´s nicht wüßte. Trotzdem wartet er darauf, daß sie sagt: Bist du sicher?“ (234).Die Konstruktion des Begriffes der Unsicherheit aus dessen genauem Gegenteil, der Sicherheit, deutet auf den plötz-lichen Sicherheitsverlust, dass aus einem ehemals positiven Gefühl also unversehens etwas Negatives entstanden ist.[8] Parallelen dazu weist die Zeitstruktur auf, die keine lineare oder chronologische Entwicklung erkennen lässt, sondern zwischen verschiedenen Ebenen wechselt.

2.2.1. Zeitstruktur und Raumordnung

Das fast durchgängig verwendete Präsens trägt zur Verwirrung hinsichtlich der Zeitstruktur bei. Einzige Ausnahme ist der Prolog, der das Geschehen und besonders die Schuldfrage vorweg-nimmt und so die Konzentration auf das Wie und Warum der Ereignisse ermöglicht, der Epilog und gelegentliche Rückblicke. Die Handlung umfasst die Dauer ihrer gemeinsamen Urlaubs-fahrt, ohne dass sich ein linearer Zeitverlauf zeigt. Wie schon die breiten Absätze und Auslassungszeichen andeuten, springt der Text zwischen mehreren Ebenen: Die Retrospektive, die eigentliche Rückblende, die von Prolog und Epilog umrahmt wird, einzelne Szenen innerhalb der Reise, und der Rückblick innerhalb dieser erlebten Erinnerung auf Beginn ihrer Reise bzw. Zwischenstationen. Eingefügt sind generelle Informationen des auktorialen Erzählers zu den Figuren. Die einzelnen Szenen sind nicht chronologisch angeordnet (und aufgrund des Präsens auch nicht anordbar), sondern überschneiden sich, werden oft erst Absätze weiter wieder aufgegriffen.[9] Dieses spiegelt die Sprunghaftigkeit und das Plötzliche des Sicherheitsverlustes wieder, genau wie die Raumstruktur der Handlung. Schauplatz ist der Weg durch Südfrankreich nach Spanien. Anstatt die Reise linear verlaufen zu lassen, werden immer wieder verschiedene Stationen beleuchtet, verweilt, gehetzt, der Vorschlag zur Umkehr gedacht, der Vorschlag zu einer erneuten Fahrt über Marseille ( der Schuhe wegen) gemacht, um letztendlich dann erst ab Aigues Mortes zielgerichtet zu werden. Die Unsicherheit des Protagonisten schlägt sich in dieser Ziellosigkeit nieder, denn er zweifelt daran, dass diese Reise sie überhaupt nach Spanien führen wird.Von einem festen Punkt, dem Beginn der Reise in Basel, führt sie auf ein nicht absehbares Ende zu.

[...]


[1] Claudia Mauelshagen, „Das Weiße zwischen den Worten“, S.78.

[2] Max Frisch, Skizze eines Unglücks. Tagebuch 1966-71, S.226-27.Alle weiteren Zitate beziehen sich auf diesen Text und werden durch Angabe der Seitenzahl im laufenden Text gekennzeichnet.

[3] Vgl. Claudia Mauelshagen, S.78-80.

[4] Claudia Mauelshagen, S.69.

[5] Claudia Mauelshagen, S.82.

[6] Johannes Anderegg, Das Sichtbare und das Unsichtbare, S.379.

[7] Claudia Mauelshagen, S. 84.

[8] Elsbeth Pulver, Mut zur Unsicherheit, S. 31.

[9] Vgl. Claudia Mauelshagen, S. 70-73.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Beziehungen zwischen Identitätskrise, Kommunikationsverlust und Statussymbolen. Ein Vergleich zwischen Max Frischs Skizze eines Unglücks und Otto Julius Bierbaums Prinz Kuckuck
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Literatur und Unfall
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V30227
ISBN (eBook)
9783638315333
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehungen, Identitätskrise, Kommunikationsverlust, Statussymbolen, Vergleich, Frischs, Skizze, Unglücks, Otto, Julius, Bierbaums, Prinz, Kuckuck, Proseminar, Literatur, Unfall
Arbeit zitieren
Meike Kohl (Autor), 2004, Beziehungen zwischen Identitätskrise, Kommunikationsverlust und Statussymbolen. Ein Vergleich zwischen Max Frischs Skizze eines Unglücks und Otto Julius Bierbaums Prinz Kuckuck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30227

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