Prominente Geheimdaten. Wann Datenschutz zum Medienskandal wird


Seminararbeit, 2014

21 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Datenschutz in den Medien und der Öffentlichkeit
1.1 Begriffsbestimmungen
1.2 Bisheriger Forschungsstand

2. Die Nachrichtenwerttheorie am Beispiel der NSA-Affäre
2.1 Nachrichtenfaktoren im NSA-Skandal
2.2 Erklärungsansatz für Interessensschwankungen

3. Skandalaspekte der NSA-Affäre
3.1 Definition und Charakteristika des „Skandals“
3.2 Phasen des Skandals

4. Chancen der Skandalisierung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Threema 2011 - 2013 2

Abbildung 2: Suchanfragen "NSA" Juli 2012 - Juli 2013

1. Datenschutz in den Medien und der Öffentlichkeit

"Sicherheit ist ein Supergrundrecht."

- Hans-Peter Friedrich, 2013

Mit diesem Ausspruch betonte der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich nach einer Sondersitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestags zum US- Überwachungsprogramm PRISM unmissverständlich seinen Standpunkt zum selbigen Thema (Bewarder & Jungholt, 2013, o.S.). Die Dramatik des Begriffs „Supergrundrecht“ kann beinahe als Metapher für den Medienskandal gesehen werden, der sich besonders seit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden im Juni 2013 um das Thema Datenschutz entwickelt hat. Der ehemalige National Security Agency (NSA) Mitarbeiter Snowden übermittelte zu diesem Zeitpunkt dem Guardian und der Washington Post geheime Dokumente über verschiedene Vorgänge in der amerikanischen Sicherheitsbehörde NSA, die tiefgreifend in die Privatsphäre vieler Menschen einschneiden und ihre Persönlichkeitsrechte verletzen. Abgegriffene Internet- Daten, abgehörte Telefonate, selbst das Handy der Kanzlerin scheint nicht mehr sicher. Als Motiv für die Datensammlung wird die frühzeitige Erkennung und somit Vereitlung von möglicherweise geplanten Terroranschlägen genannt. Das Dilemma Freiheit versus Sicherheit wird zur zentralen Fragestellung im Konflikt, der auch in den Medien ausgetragen wird. Durch den NSA-Skandal und die damit verbundene publizistische Aufarbeitung und öffentliche Diskussion hat das Thema Datensicherheit in Deutschland neue Dimensionen erreicht und wurde zum vieldiskutierten, sozialen Problem. Datenschutz existiert mittlerweile nicht mehr nur als abstraktes Gebilde in virtuellen, intransparenten Welten. Es finden immer mehr konkrete Themen, die im Zusammenhang mit Datenschutz stehen, ihren Weg in die deutsche Berichterstattung. Verschlüsselte Nachrichten dank „Threema“, die OpenSSL Sicherheitslücke „Heartbleed“, das „Recht auf Vergessen“ in der Google-Suche sowie bei Bing und viele weitere datenbezogene Problemstellungen werden von den Medien aufgegriffen und die Öffentlichkeit informiert. Man könnte bei einer solchen Themenvielfalt und Brisanz der Entwicklungen insbesondere im Fall des NSA-Skandals annehmen, Datenschutz sei in den Köpfen der Deutschen dauerhaft präsent. Vergleicht man jedoch verschiedene Google-Suchanfragen nach ihrer relativen Häufigkeit gemessen, so ergibt sich ein anderes Bild. Betrachtet man die Suchhäufigkeiten des Begriffs „Threema“, so lässt sich ein eindeutiger Höhepunkt ausmachen. Nach einem eruptionsartigen Ausbruch des öffentlichen Interesses flaut die Suche nach dem Messenger-Dienst dann jedoch wieder stark ab. Nicht nur bei Threema lässt sich diese Kurve beobachten. Auch andere, daten- sicherheitsrelevante Schlagwörter unterliegen diesen Schwankungen. Die relative Suchanfragen-Häufigkeit für bestimmte Zeit- perioden und Begriffe bei Google-Trends ist zwar kein exaktes wissenschaftliches Mess- der Schwankungen gibt trotzdem Anlass zu weiteren kommunikationswissen- schaftlichen Überlegungen: Wie begründet sich der starke Zuwachs des Interesses und was könnten die Gründe für die bald darauf einsetzende Gleichgültigkeit sein? Wann wird Datensicherheit schließlich zum Skandal und welche Aspekte spielen dafür eine wichtige Rolle? Die Forschungsfragen dieser Arbeit konzentrieren sich demnach auf die Faktoren, die Datenschutz für die Medien und somit für die Öffentlichkeit interessant werden lassen und unter welchen Aspekten dieses Thema schließlich zum Skandal wird. Um eine einheitliche Struktur und eine höhere Plastizität zu erzielen, werden sämtliche Überlegungen am Beispiel des NSA-Skandals illustriert. Schließlich wird versucht zu erörtern, ob und weshalb eine Skandalisierung des Datenmissbrauchs dem Datenschutz zum Vorteil gereichen könnte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Threema 2011 - 2013 instrument, doch die augenscheinliche Existenz

1.1 Begriffsbestimmungen

Die Enthüllungen über die Daten-Spionage der NSA haben nicht nur in den Medien große Reaktionen ausgelöst. Auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens hat die Affäre Konsequenzen - sowohl strafrechtlicher als auch politischer Art. Die diplomatischen Beziehungen wurden belastet, es wurde ein Untersuchungsausschuss gegründet und die Bundesanwaltschaft ermittelt (Beuth, 2014, S. 3). Das Beispiel NSA-Skandal zeigt deutlich, wie viele Ebenen ein Datenskandal betreffen kann. Gerade wegen dieser Vielschichtigkeit des Themas und der Komplexität des Begriffs „Datenschutz“ ist es deshalb ratsam, den Terminus und seine Verwendung in dieser Arbeit zu definieren. Bis dato wurde die Bezeichnung nicht legaldefiniert, es existiert also auch im rechtlichen Sinne keine verbindliche Definition für „Datenschutz“ (Lewinski von, 2014, S. 3). Betrachtet man das Bundesdatenschutzgesetz (Stand: 2003), so wird hier von der „Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten“ (BDSG, §12) gesprochen. Hintergrund des Gesetzes ist die Schutzwürdigkeit der Persönlichkeitsrechte eines jeden Einzelnen beim Umgang mit seinen personenbezogenen Daten (BDSG, §11). Daraus lässt sich schließen, dass es sich bei dem Begriff „Datenschutz“ um einen individuell gefärbten Terminus handelt, der speziell Personen anspricht. Theoretisch schließt der Begriff noch weitere Dimensionen mit ein, beispielsweise den gewerblichen Datenschutz zwischen Unternehmen (Lewinski von, 2014, S. 11). Doch die landläufige Verwendung des Begriffs meint - wie auch mit den Gesetzesbeispielen illustriert - meist den Schutz des Individuums und seiner Daten (Lewinski von, 2014, S. 15). Nicht jeder Ebene kann im Rahmen dieser Arbeit ausreichend Erklärung und Interpretation gewidmet werden. Deshalb beschränken sich die Ausführungen in dieser Arbeit auf den Schutz persönlicher Daten.

1.2 Bisheriger Forschungsstand

Da die datenrechtlich fragwürdigen Vorgänge innerhalb der NSA im Jahr 2013 publik wurden, existieren bis dato keine themenrelevanten, verlässlichen Studien über beispielsweise den Stand der Datensicherheit nach dem Skandal, inhaltsanalytische Auswertungen der medialen Berichterstattung oder die Rezeption des Prozesses innerhalb der deutschen Bevölkerung sowie seiner Folgen. Aus diesem Grund stützt sich die vorliegende Arbeit auf allgemeine kommunikationstheoretische Modelle, die auf den Datenskandal heruntergebrochen werden und verzichtet zu diesem Zeitpunkt aus gegebenem Anlass auf aktuelle Referenzen und Studien zum Skandal. Herangezogen wird einerseits die Nachrichtenwerttheorie, um ein Verständnis für den Selektionsprozess bei der Nachrichtenauswahl zu schaffen und andererseits Theorien aus der Skandalforschung, mit deren Hilfe die besondere Hervorhebung bestimmter Teilaspekte des Themas erklärt werden sollen.

2. Die Nachrichtenwerttheorie am Beispiel der NSA-Affäre

Die Nachrichtenwerttheorie geht auf Walter Lippmann zurück, der im Jahr 1922 zehn Faktoren nannte, die ausschlaggebend für das Erscheinen einer Nachricht in den Medien sind. Vorhergesagt werden sollten dabei sowohl Auswahl, Platzierung als auch Umfang der Nachricht (Kepplinger, 2011, S. 77). Erweitert wurde Lippmanns Katalog nachrichtenwerter Elemente 1965 durch die norwegischen Friedensforscher Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge, die dem Kanon eine neue, zweigeteilte Struktur gaben und ihn um weitere Faktoren ergänzten. Um den NSA-Skandal nach Nachrichtenfaktoren aufzuschlüsseln, wird auf den erkenntnis-theoretischen Ansatz nach Winfried Schulz zurückgegriffen, den er 1976 in seiner Monographie „Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien“ formulierte. Dort benennt er Verbesserungen für die Auswahl der Faktoren nach den Friedensforschern und fordert eine theoretische Neuorientierung. Der wahrnehmungspsycholgische Ansatz von Galtung & Ruge reiche als Erklärung für die Selektion im Nachrichtenprozess laut Schulz nicht aus. Man müsse zusätzlich auch „soziale, politische, ökonomische und technische Faktoren“ (Schulz, 1990, S. 31) anerkennen. Schulz stützt sich in seiner Neuorientierung auf die von den Friedensforschern aufgestellten Nachrichtenfaktoren und systematisiert sowie reduziert den Katalog auf sechs Faktoren: Zeit, Nähe, Status, Dynamik, Valenz und Identifikation (S. 32-34). Zusätzlich unterscheidet Schulz zwischen Nachrichtenfaktoren an sich und ihrem zugewiesenen Nachrichtenwert. Die Faktoren alleine besäßen noch keinen Wert, erst der Journalist verleiht der Nachricht durch seine Auswahl, die anhand der Faktoren erfolgt, einen bestimmten Nachrichtenwert (Kepplinger, 2011, S. 61). Im Folgenden wird untersucht, inwieweit diese Faktoren beim NSA-Skandal ausgeprägt sind. Anschließend wird anhand der Analyse der Nachrichtenfaktoren versucht, eine Erklärung für die bei Google Trends festgestellten Interessensschwankungen zu finden.

2.1 Nachrichtenfaktoren im NSA-Skandal

Im folgenden Abschnitt befasst sich die Arbeit mit dem Teilaspekt der Forschungsfrage, welche Faktoren die NSA-Affäre als Medienthema interessant haben werden lassen und weshalb die Materie weiterhin konstant in den Medien diskutiert und reflektiert wird. Es wird wie beschrieben versucht, die Nachrichtenfaktoren nach Schulz (1976) im NSA- Skandal zu definieren und die Intensität ihrer Ausprägung zu beschreiben. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass diese Arbeit keinen Anspruch auf die Vollständigkeit der Faktorenanalyse erhebt, da sich die folgenden Ausführungen auf keine holistische Studie oder Forschung zum Themenkomplex berufen, sondern lediglich qualitative Einschätzungen und Überlegungen darstellen, die keine vollständige Auswertung aller Medienberichte abbilden.

Der Faktor „Zeit“ beinhaltet nach Schulz zwei Dimensionen: zum einen die Dauer eines Konflikts und zum anderen seine Thematisierung in den Medien (Schulz, 1976, S. 32). Beim NSA-Skandal handelt es sich um ein Langzeitereignis, dessen Verlauf sich nun bereits über mehr als ein Jahr erstreckt (Betrachtungspunkt: 2014) und dessen gesamte Dauer noch nicht absehbar ist. Erste Berichte über abgehörte Telefonate und gespeicherte Telefondaten erschienen Anfang Juni 2013 (Köhr, 2013). Bis heute tauchen immer neue Informationen auf, wie z.B. zuletzt die vermutete Zusammenarbeit zwischen NSA und BND (Mascolo, 2014, o.S.). Zeitlich nicht klar abgrenzbare Vorfälle besitzen laut Schulz eine geringe Intensität und werden bei der Nachrichtenauswahl eher vernachlässigt (Schulz, 1976, S. 40). Fraglich ist nun, ob man trotzdem von einer zeitlichen Begrenzung der Ereignisse sprechen könnte, da die Facetten des NSA- Skandals puzzleartig aufgedeckt werden und somit in sich Abgeschlossenheit bieten. Die Affäre insgesamt wäre somit zwar mit offenem Ende, die im Zusammenhang behandelten Themen allerdings wiederum in sich geschlossene Komplexe. Aus diesem Grund verfügt die Affäre trotzdem über einen Zeit-Aspekt mit hoher Intensität. Gleichzeitig ist das Thema langfristig in den Medien eingeführt worden, da es nachhaltig behandelt, durch Hintergrundberichte ausführlich recherchiert und in aufwendigen Diagrammen und Timelines aufbereitet wird. Dadurch wird auch dem Faktor „Thematisierung“ eine hohe Intensität zugesprochen. Aus diesem Grund spricht der Nachrichtenfaktor „Zeit“ im NSA-Prozess für das Erscheinen in einem Medium. Doch nicht nur zeitliche Aspekte spielen in der Kommunikation eine große Rolle. Auch der Ort des Geschehens stellt auf vielen Ebenen einen wichtigen Nachrichtenfaktor dar. Schulz formulierte ein Bündel aus vier Nachrichtenfaktoren, die sich allesamt mit der Nähe eines Ereignisses befassen - sowohl räumlich, politisch, kulturell als auch gesamtheitlich gesehen ihre Relevanz (1976, S. 33). Die räumliche Ebene beschreibt, wie nah sich das stattfindende Ereignis zu den Rezipienten befindet - in Deutschland, im Schengenraum, in Europa oder auf einem anderen Kontinent (S. 41). Die lokale Nähe beim NSA-Konflikt ist schwer zu beurteilen. Es ist zwar eindeutig zuordenbar, dass es sich um einen Konflikt mit den USA handelt. Daraus müsste man folgern, dass die Intensität des Faktors eher gering ist. Doch die Herkunft der Daten liegt unter anderem in Deutschland und betrifft somit theoretisch jeden Bundesbürger. Aus diesem Grund wird die räumliche Nähe ebenfalls als Faktor mit hoher Intensität eingeordnet. Auch die politische Nähe zu den USA ist relevant, da die Vereinigten Staaten einen wichtigen Bündnis- und Handelspartner darstellen. Kulturelle Nähe definiert Schulz unter anderem anhand der Sprache und der Religion. Sowohl Deutschland als auch Nordamerika sind monotheistisch geprägt, besitzen zwar nicht denselben sprachlichen Hintergrund, aber stehen sich dennoch oberflächlich kulturell nahe (Gupta, Hanges, Dorfman, 2002, S. 11-15). Der Faktor Nähe kann somit insgesamt als relevant für die Auswahl im Nachrichtenprozess angesehen werden. Die allgemeine Relevanz des Ereignisses ist durch seinen großen Betroffenenkreis und die Ausmaße ebenfalls unstrittig. Die Auswirkungen der Affäre sind darüber hinaus dauerhaft, da ihre Aufdeckung langwierige Diskussionen und Konsequenzen fordert. Den Ereignissen wird ebenfalls ein hoher Wert in der Berichterstattung zugewiesen, da sie ein statusträchtiges Thema behandeln. Die Verwicklung von ranghohen Personen und Institutionen ist laut Schulz ebenfalls ein wichtiger Faktor bei der Nachrichtenauswahl (1976, S. 33). Seit die Ausspähung des Kanzlerhandys öffentlich wurde, kann auch in diesem Punkt von einer hohen Intensität gesprochen werden. Durch die Übertragung des Konflikts auf ein prominentes Gesicht - in diesem Fall Angela Merkel - erhöhte sich der Nachrichtenwert nochmals. Die Berichterstattung drehte sich nun nicht mehr nur um die Empörung und Wut des kleinen Bürgers - das Thema wurde vielmehr zur Staatsaffäre erhoben (Müller-Neuhof, Tretbar, Ziedler, Marschall, 2013, o.S.). Neben der politischen Dimension birgt der Skandal auch im wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, militärischen und technischen Bereich ein hohes Konfliktpotenzial und macht das Thema somit auf vielen Ebenen interessant. Insgesamt wird dem Faktor Status auf Grund der Prominenz der Betroffenen und der Vielschichtigkeit der Angelegenheit eine hohe Intensität zugesprochen. Zusätzlich zu den bereits genannten Faktoren trumpft der Skandal mit einem weiteren Punkt auf, der beim Selektionsprozess der Nachrichten ausschlaggebend ist: Überraschung (Schulz, 1976, Seite 33). Das Ereignis trat unerwartet ein, was sich ebenfalls wieder an den Google-Suchanfragen der Vergangenheit ablesen lässt. War der Suchbegriff „NSA“ im Jahr 2012 noch mäßig interessant, so erfuhr er ab den ersten Berichten im Juni 2013 einen enormen Aufschwung. Zahlenmäßig exakt lässt sich diese Entwicklung mit Hilfe von Google Trends nicht ausdrücken, da keine Skala und weder relative noch absolute Häufigkeiten gegeben sind. Es lässt sich demnach nur grafisch feststellen, dass es wohl eine Steigerung des Interesses gegeben haben musste. Durch sein unerwartetes Aufkommen und den damit einhergehenden Überraschungseffekt ge- wann das Thema schnell an Dynamik. Laut Schulz (1976) ist dies ein weiterer wichtiger Faktor für den Wert einer Nachricht. Dazu zählt auch die Struktur eines Ereignisses. Vorteilhaft für die Berichterstattung sind einfache, in sich geschlossene Themenkomplexe, die sich gut aufbereiten lassen und demnach angenehm zu rezipieren sind (S. 33). Dieser Faktor begünstigt den NSA-Prozess für die Nachrichtenauswahl nicht, da es sich hierbei um eine komplexe Problemstellung handelt, die vielen Interessen gerecht werden muss und offene Fragen hinterlässt, die nicht schnell und abschließend durch die Presse geklärt werden können. Wie beschaffen sich die Geheimdienste die Daten? Wer ist konkret betroffen? Welche Konsequenzen werden folgen? Fragen solcherlei Art abschließend klären zu können, ist weder von Anfang an noch umfassend möglich und erschwert somit eine Berichterstattung mit gründlicher Hintergrundinformation (dpa, 2013, o.S.). In diesem Punkt verliert die Thematik folglich trotz des Überraschungseffekts an Dynamik. Auch die Valenz der NSA-Affäre, die auf den Faktoren Konflikt, Kriminalität, Schaden und Erfolg beruht, ist insgesamt nur mäßig intensiv ausgeprägt. Die Tätigkeiten der Sicherheitsbehörde werden in vielen Medien als Verbrechen wahrgenommen. So erklärt beispielsweise auch die New York Times: „It’s time to call the N.S.A.’s mass surveillance programs what they are: criminal.” (Granick & Sprigman, 2013, o.S.). Trotzdem handelt es sich in diesem Fall um kein akutes Verbrechen, das heißt es herrscht keine lebensbedrohliche Situation, doch eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten liegt vor. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten allerdings vor allem extreme Situationen als interessant (Schulz, 1990, S. 34), wie zum Beispiel extreme Gewalt oder ein hohes Konfliktpotenzial.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Suchanfragen "NSA" Juli 2012 - Juli 2013

Dieses Potenzial bietet die Spannung zwischen den USA und Deutschland zweifelsfrei, doch es tritt keine offene Aggression zu Tage. Auch das Ausmaß des Schadens ist schwer zu beurteilen, da weder das abgefangene Datenvolumen bekannt ist noch wie damit umgegangen wird (Jarvis, 2013, o.S.). Aus diesem Grund ist ebenfalls der Schaden schlecht einzuschätzen, der durch die Spionage angerichtet wurde. Diplomatischer Art ist er offensichtlich, doch welcher Informationen man genau beraubt wurde und was das zur Konsequenz hat, ist schwer zu beurteilen. Die Vagheit der Ereignisse hemmt ihre Aufnahme in den Nachrichtenkanal, da es schwerfällt, neue Informationen auf bestimmte Fragen zu erhalten. Auch der Erfolgsfaktor hinsichtlich der Aufdeckung und Verurteilung der Taten hält sich gering, was wiederum nicht hilfreich im Selektionsprozess ist. Als letzten Faktor, der den Wert einer Nachricht bestimmen kann, nennt Schulz Identifikation (1990, S. 34). Zum einen umfasst der Begriff dabei eine ethnozentrale Perspektive, also die Betroffenheit einer bestimmten Volksgruppe, und zum anderen die Personalisierung eines Ereignisses. Von der Betroffenheit einer einzelnen, zusammengehörigen Volksgruppe kann nicht gesprochen werden. Fraglich ist in diesem Zusammenhang auch, inwiefern dieser Faktor variiert werden sollte. Big Data und der Umgang damit werden national verschieden gehandhabt, doch die Produktion und die Eigentumsfragen dieser Datenmengen betreffen jeden Digitalnutzer global und gleichermaßen. Ein weiterer wichtiger Punkt in der Diskussion um den Nachrichtenwert der NSA-Affäre stellt die Personalisierung des Skandals dar: „Edward Snowden is a hero“ (Rushkoff, 2013, o.S.) beziehungsweise „Edward Snowden Is No Hero” (Toobin, 2013, o.S.). Die Berichterstattung spaltet sich in ihrer Meinung über den Whistleblower. Dienten Snowdens Enthüllungen der Gerechtigkeit und machen ihn zum Held oder wiegt der Geheimnisverrat schwerer und macht ihn somit zum Verräter oder gar Verbrecher? Man versucht Snowden in den Medien als Person zu beschreiben und seinen Hintergrund zu beleuchten, um seine Motive besser erklären zu können. Er wird in manchen Berichten als „schüchterner Teenager und Computerliebhaber“ (Bykowicz & Giroux, 2013, o.S.) beschrieben. Das eben genannte Beispiel zeigt exemplarisch, wie der NSA-Skandal durch Snowden personalisiert wurde und somit länger das Interesse der Rezipienten fesseln konnte. Man versucht vielerorts, ein Bild des David zu zeichnen, der den Mut aufbrachte, sich gegen den Goliath NSA aufzulehnen und seine eigenen Belange im Namen der Freiheit zurückzustellen (Schulz-Ojala, 2013, S. 1). „Der Spion, den man liebte“ (Hurst, 2013, o.S.) wird in vielen Tageszeitungen wie die Hauptperson eines Thrillers behandelt. Dem Nachrichtenfaktor „Personalisierung“ kann also eine sehr hohe Intensität zugesprochen werden. Betrachtet man die Intensität der Faktoren insgesamt, so lässt sich feststellen, dass die Mehrheit mäßig bis stark ausgeprägt ist und deswegen ein mehr oder minder konstant vorhandener Nachrichtenfluss über die Spionage-Affäre vorhanden sein müsste. Besonders die langfristige Einführung des Themas in vielen Redaktionen (erkennbar an Timelines und Newstickern) lässt auf eine Permanenz des Themas schließen.

2.2 Erklärungsansatz für Interessensschwankungen

Laut Galtung & Ruge (1965) prädestiniert die Kombination von bestimmten Ereignismerkmalen, wie beispielsweise Negativität und Personalisierung, zusätzlich die Auswahl einer bestimmten Nachricht im journalistischen Selektionsprozess. Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang auch explizit von Skandalen (Galtung & Ruge, 1965, Seite 71). In der NSA-Affäre ist die genannte Kombination sehr ausgeprägt und spielt daher eine große Rolle für den Verlauf der Berichterstattung. Von der theoretischen Warte der Nachrichtenfaktoren aus, sollte der NSA-Skandal demnach als durchgehend berichtenswert eingestuft werden. Der Faktor „Überraschung“ verliert zwar zunehmend an Bedeutung, doch das Gros der anderen Faktoren bleibt konstant erhalten. Wie lässt sich nun aber das gesunkene Interesse der Rezipienten erklären, das im NSA-Fall zu Tage tritt? Weshalb existiert eine Diskrepanz zwischen den Selektionskriterien der Journalisten und letztendlich dem, was von den Lesern laut Google Trends (nicht) gesucht wird? Ein möglicher Grund liegt in der Ambivalenz des Themas an sich: die Tragweite des Skandals ist unstrittig, aber das genaue Ausmaß unbekannt. Es besteht zudem kein eindeutig erkennbarer Rückbezug zum Individuum. Welche Folgen hat der Skandal? Welche Daten werden gescannt? Ist man persönlich betroffen? Essentielle Fragen können nicht beantwortet werden und lassen das Thema wiederum uninteressant für den Einzelnen werden (Schulz, 1976, S. 118). Ein weiterer Kritikpunkt an der Nachrichtenwerttheorie im NSA-Zusammenhang besteht in der Gleichbehandlung von Normalgeschehen und Ausnahmesituationen. Es scheint, als ob auch die Selektionskriterien unverändert blieben.

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Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Prominente Geheimdaten. Wann Datenschutz zum Medienskandal wird
Hochschule
Universität Augsburg  (Institut für Medien, Wissen und Kommunikation)
Note
1,0
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V302330
ISBN (eBook)
9783668307636
ISBN (Buch)
9783668307643
Dateigröße
833 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
snowden, nsa, geheimdienste, whistleblower, threema, datenschutz, skandal, geheim, skandalforschung, mediendiskurs, datensicherheit, privatsphäre, medien, prism, überwachung, national security agency, sicherheit, data, security
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Prominente Geheimdaten. Wann Datenschutz zum Medienskandal wird, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302330

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