Gegenstand dieser Hausarbeit soll die Frage sein, inwieweit durch Begegnungen der Gattungen Märchen und Novelle in und durch Kellers 1856 publizierter Prosa "Spiegel, das Kätzchen" eine konzise künstlerische Umsetzung des poetischen Realismus zu folgern ist. Für dieses Vorhaben ist eine vorangestellte Klärung der Begriffe Märchen, Novelle des 19. Jahrhunderts und poetischer Realismus als Grundlage unabdingbar.
Die Motivation zu diesem Thema ergibt sich aus der augenfälligen Diskrepanz eines besonderen Stellenwerts des Märchens innerhalb des Zyklus "Die Leute von Seldwyla" sowie für Keller und eines merkwürdig geringen Niederschlags in der Literaturwissenschaft. Letzteres mag am befremdlich erscheinenden Widerspruch zwischen der schnell assoziierten Nähe der Gattung "Märchen" zur Romantik und Kellers programmatischen Anspruch eines poetischen Realismus liegen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffe
2.1 Märchen
2.2 Novelle des 19. Jahrhunderts
2.3 Poetischer Realismus
3 Gottfried Kellers poetischer Realismus aus Begegnungen von Märchen und Novelle in und durch Spiegel, das Kätzchen
3.1 Novellen: Die Leute von Seldwyla, Last und Muster
3.2 Märchen: Spiegel, das Kätzchen, diminuiertes Wesen hinter Funktion
3.3 Novelle im Märchen: Spiegel, Fiktionskünstler und -kunst
3.4 Märchen im Zyklus: Spiegel, schöpfend und reproduzierend
4 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit durch die Verbindung von Märchen und Novelle in Gottfried Kellers Erzählung "Spiegel, das Kätzchen" eine künstlerische Umsetzung des poetischen Realismus erfolgt. Ziel ist es, die strukturelle Verschränkung der Gattungen innerhalb des Zyklus "Die Leute von Seldwyla" zu analysieren und Kellers poetisches Programm der Wirklichkeitsdarstellung zu verorten.
- Poetischer Realismus im 19. Jahrhundert
- Gattungsgeschichte von Märchen und Novelle
- Analyse der Erzählstruktur in "Spiegel, das Kätzchen"
- Zusammenspiel von Rahmen- und Binnenerzählung
- Figur- und Motivkonstellationen im Seldwyla-Zyklus
Auszug aus dem Buch
Märchen: Spiegel, das Kätzchen, diminuiertes Wesen hinter Funktion
Schon im Titel der Kurzprosa, noch vor Nennung der Gattung, in die sie einzuordnen sein soll, wird eine Lese- und Interpretationsanleitung gegeben. Mit dem Diminutiv Kätzchen als Wertung steht offenbar nicht ein ausgewachsener Kater im Vordergrund, sondern der Spiegel, der nicht in der Verkleinerungsform und zuerst genannt wird. Somit dürfte Spiegel nicht bloße Figur, sondern vor allem Medium sein, das die Ausgangslage in seine Kehrseite überträgt, weniger konkretisieren als verallgemeinern. Die dadurch zu erwartende Struktur und das Schema des dem Titel Folgenden sind nach Kapitel 2.1 Merkmale des Märchens. Insofern könnte die im Paratext gegebene Gattungsbezeichnung stimmen.
Der kurze einleitende Rahmentext führt wie folgt auf das Märchen hin:
[…], so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwärts gebräuchlich, aber nirgends hört man es so oft wie dort, was vielleicht daher rühren mag, daß es in dieser Stadt eine alte Sage gibt über den Ursprung und die Bedeutung dieses Sprichworts.75
Verwundern lässt die Tatsache, dass das annoncierte Märchen zur ‚alte[n] Sage‘ wird, die „vorgeblich wahre Begebenheiten“76 an einem existenten Ort zu einer bestimmten Zeit wiedergibt.77 Hat Spiegel, das Kätzchen schon an seinem ersten Eckpfeiler, der den Anschluss an eine gegenständliche Wirklichkeit an- und aufgrund der Ankündigung einer zeitlichen Verlagerung des Geschehens weit in die Vergangenheit vorgibt, seine Gattung verlassen? Der Schein eines Überbietens der Wirklichkeitsnähe hegt jedoch vielmehr den Verdacht eines Unterbietens in Bezug auf das eigentliche Märchen, das von diesem Bemühen befreit sein könnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsziel, die künstlerische Umsetzung des poetischen Realismus durch die Gattungsbegegnung von Märchen und Novelle in Kellers Werk zu ergründen.
2 Begriffe: Dieses Kapitel erläutert die literaturwissenschaftlichen Grundlagen der Gattungen Märchen und Novelle sowie das ästhetische Programm des poetischen Realismus für die Zwecke der Arbeit.
3 Gottfried Kellers poetischer Realismus aus Begegnungen von Märchen und Novelle in und durch Spiegel, das Kätzchen: Das Hauptkapitel untersucht die strukturellen Wechselwirkungen zwischen Rahmen- und Binnenerzählung sowie die Funktion von Figuren und Motiven bei der Konstruktion einer realistischen Fiktion.
3.1 Novellen: Die Leute von Seldwyla, Last und Muster: Dieser Abschnitt analysiert die Seldwyla-Novellen hinsichtlich ihrer erzählerischen Gemeinsamkeiten und ihrer Gattungscharakteristik.
3.2 Märchen: Spiegel, das Kätzchen, diminuiertes Wesen hinter Funktion: Es wird untersucht, wie das Märchen "Spiegel, das Kätzchen" Wirklichkeitsbezug und phantastische Elemente miteinander verbindet.
3.3 Novelle im Märchen: Spiegel, Fiktionskünstler und -kunst: Hier wird die Binnenerzählung analysiert und aufgezeigt, wie der Erzähler Spiegel das Vexierspiel zwischen Realität und Imagination nutzt.
3.4 Märchen im Zyklus: Spiegel, schöpfend und reproduzierend: Dieses Kapitel verknüpft die Einzelergebnisse mit dem zyklischen Gesamtcharakter der Seldwyla-Novellen.
4 Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert die Bedeutung der Gattungsverschränkung für Kellers poetischen Realismus und deutet weitere Forschungspotenziale an.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Poetischer Realismus, Die Leute von Seldwyla, Spiegel das Kätzchen, Märchen, Novelle, Literaturgeschichte, Gattungsbegegnung, Erzählstruktur, Wirklichkeitsdarstellung, Fiktion, Seldwyla, Rahmenerzählung, Literarizität, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Kellers Werk "Spiegel, das Kätzchen" im Kontext des Seldwyla-Zyklus, um aufzuzeigen, wie durch die Kombination von Märchen und Novelle Kellers Verständnis des poetischen Realismus künstlerisch umgesetzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Gattungsmerkmale von Märchen und Novelle, die Theorie des poetischen Realismus sowie die erzähltechnische Verschränkung von Realität und Phantastik.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit die Begegnung der Gattungen Märchen und Novelle in Kellers Prosa eine konzise künstlerische Umsetzung seines Programms des poetischen Realismus darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textnahe literaturwissenschaftliche Analyse, die den erzählerischen Aufbau, die Figurenkonstellation und das Zusammenspiel von Rahmen- und Binnenerzählung untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Seldwyla-Novellen, die spezifische Untersuchung des Märchens "Spiegel, das Kätzchen" sowie die Erörterung des zyklischen Charakters dieser Erzählungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Poetischer Realismus, Seldwyla, Gattungsbegegnung, Erzählstruktur und die Verschränkung von Faktischem und Fiktivem.
Warum spielt die Figur "Spiegel" eine so zentrale Rolle?
Spiegel fungiert als Medium, das zwischen den Existenzformen der Realität und des Märchenhaften changiert und somit als Katalysator für die poetische Darstellung dient.
Welche Funktion hat die Binnenerzählung innerhalb des Märchens?
Die Binnenerzählung erweitert den Gestaltungsraum, indem sie eine realistische Liebesgeschichte in Mailand mit der Rahmenerzählung verknüpft und so das "Märchenhafte" in eine allgemeinere Wirklichkeit einbettet.
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- Frank Tichy (Author), 2015, Poetischer Realismus von Gottfried Keller. Begegnungen von Märchen und Novelle in "Spiegel, das Kätzchen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302500