Margaretha lactans. Selbststilisierung zu einer Nachfolgerin Marias?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Maria lactans – die nährende Maria

3. Margaretha Ebner
3.1 Die Offenbarungen der Margaretha Ebner
3.2. Margaretha lactans – Margaretha Ebners Stillvisionen

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mystik ist nach der klassischen Definition von Thomas von Aquin und Bonaventura die cognitio Dei experimentalis, also die experimentelle Erkenntnis Gottes, welche sich durch die persönliche Erfahrbarkeit von den von der Kirche vermittelten Dogmen unterscheidet. Höchstes Ziel der Mystik sei die unio mystica, die „Vereinigung Gottes mit der Seele“[1], welche unter anderem durch Visionen, Auditionen, Stigmatisationen[2] und ekstatische Zustände hervorgerufen würde[3] Besonders Mystikerinnen hatten teilweise sehr sinnliche Visionen und andere Bewusstseinszustände, in denen sie die intensive körperliche Verschmelzung mit Gott oder dem Gottessohn Jesus Christus erlebten.

Die Mystikerin Margaretha Ebner[4] sah Jesus Christus als ihren Seelenbräutigam an, mit welchem sie durch ihre intensiv gelebte Leidensmystik die unio erreichen konnte.[5] Indem sie wie der Gottessohn litt, konnte sie an seinen Schmerzen der Kreuzigung teilhaben. „Die imitatio Christi bedeutete gekreuzigt werden – nicht bloß so tun, als ob, oder mitzuleiden, sondern mit dem Körper am Kreuz zu verschmelzen.“[6] Margaretha wünschte sich, von den zaichen […] des hailigen criuczes versehrt zu werden und daz mir ieglichs mit allem sinem liden und smertzn geben würd.[7] Margaretha ging in ihrem Kreuzeskult soweit, dass sie sich regelmäßig ein Kruzifix an den Körper drückte und dabei von lust und von der süezzen genade (O 88, 23) Gottes überkommen wurde. Doch nicht nur im Leiden äußerte sich die stark ausgeprägte Körperlichkeit Margarethas: Im Mittelteil ihrer Offenbarungen beschreibt sie sehr sinnliche Visionen, in welchen sie das Jesuskind fürsorglich behütet, mit ihm spricht, es liebkost und sogar stillt. Mit diesen Visionen reiht sich Margaretha in eine Reihe mittelalterlicher Mystikerinnen ein, welche die Gottesmutter Maria nachahmten, sei es durch eine Scheinschwangerschaft, die geistige Geburt Jesu Christi oder die Fürsorge für das Christuskind, die sich in Spielen, Sprechen, Liebkosen und Stillen äußern konnte.[8]

Heinrich von Nördlingen[9] – Margarethas guter Freund und Beichtvater – betitelt Margaretha Ebner in einem seiner Briefe an sie als maria lactans, die der gesamten Christenheit Gnaden bringen kann, indem sie diese an ihrer Brust stillt. Heinrich bezeichnet Margaretha als selige nachvolgerin[10] [11] Marias und wünscht sich von ihr: […] das du uns usz deinen mutterlichen vollen megdlichen brusten weiszlich und freintlich gesögen kanst.[12] Es bleibt jedoch zu fragen, ob sich Margaretha in ihren Texten auch selbst zur Gottesmutter stilisiert, die Jesus Christus als ihr eigenes Kind annimmt und zu einer maria lactans wird?

Um diese Frage hinreichend zu beantworten, soll zunächst der Bildtypus der maria lactans untersucht werden, um in einem zweiten Schritt einen Vergleich zwischen den Ausführungen Margarethas und Heinrichs von Nördlingen anstellen zu können. Primär werden Margarethas Offenbarungen als Quellengrundlage dienen. Der Fokus dieser Arbeit wird auf die inhaltliche Betrachtung Margarethas Mutterschafts- und vor allem Stillvisionen gelegt. Die an Margaretha gerichteten Briefe Heinrichs von Nördlingen wurden gemeinsam mit den Offenbarungen 1882 von Philipp Strauch editiert und können ebenso hilfreich sein, um Erkenntnisse über Margaretha zu gewinnen. Als Sekundärliteratur zu Margaretha Ebner und zu mittelalterlicher Frauenmystik im Allgemeinen dienen insbesondere die Forschungsergebnisse von Peter Dinzelbacher, Caroline Walker Bynum, Uta Sörmer – Caysa, Bruno Quast, Urban Federer und Johannes Janota.

2. Maria lactans– die nährende Maria

Die Gottesmutter Maria ist die am häufigsten dargestellte Frau in der westlichen Welt. Sie ist die zentrale Figur der weiblichen Seite der christlichen Kultur und das Pendant zu Jesu Christi. Die Facetten marianischer Darstellungen sind vielfältig und reichen von der Verkündigungsszene, Maria lactans, der Anna Selbdritt, der Beweinung, der Pietà und dem Marientod bis hin zu ihrer Rolle bei der Kreuzigung. Die in der Kunst wohl am häufigsten dargestellte Ikonographie ist die der maria lactans. Das Bildmotiv der maria lactans, bei dem die Gottesmutter Maria das Jesuskind stillt, existiert bereits seit über 7000 Jahren und ist in der christlichen Tradition der Kirche bis heute Inbegriff der ausgeprägten Marienverehrung.[13] [14]

Als formales Vorbild der nährenden Maria gilt das Motiv der Isis, die den Horusknaben stillt. Es trat zuerst um 1450 vor Christus in Ägypten auf. Auch die hellenistische Kunst bediente sich dem Motiv der stillenden Gottesmutter als Sujet und kann als Vorlage der christlichen maria lactans gesehen werden.[15]

Um den Bildtypus der maria lactans beurteilen und vergleichen zu können, muss zunächst betrachtet werden, auf welche Weise Maria in der Bibel präsentiert wird. Im Neuen Testament wird zum Großteil die funktionale Rolle Marias für die Heilsgeschichte erwähnt. Sie bekam von Gott den Auftrag, Jesus Christus die menschliche Mutter zu sein, die ihn Mensch werden lässt und somit einen Teil Gottes zu den Menschen auf Erden bringt. Die Verfasser des Evangeliums nach Matthäus und Lukas stellen die informationsreichsten Quellen zu Maria dar.[16] Lukas berichtet ausführlich von Marias Empfängnis, bei welcher ihre jungfräuliche Geburt in den Vordergrund rückt. Gleich wie Matthäus berichtet er von dem Wirken des Heiligen Geistes, das Maria die Schwangerschaft beschert[17] und sie somit „über alle früheren heilsgeschichtlichen Gestalten hinaus“[18] hebt. Górecka fasst die verschiedenen Marienbilder, die in der Bibel dargestellt werden folgendermaßen zusammen:

„In der Bibel gib es die heilsgeschichtlich-historische, die Maria als leibliche Mutter Jesu Christi darstellt (Matthäus und Lukas), die spirituelle bzw. geistliche, worin die geistige Mutterschaft betont wird und Maria als Vorbild der Glaubenden (Markus) erscheinen läßt [sic!] und die symbolisch-repräsentative, die Maria als Mutter der Kirche (Johannes) schildert.“[19]

Die stillende Maria ist nach christlichem Glauben der Beweis für die menschliche Seite Christi und die irdische Mutterschaft Marias.[20] Maria stillt ihren Sohn, wie jedes irdische Kind gestillt wird und festigt so Jesu Christi Titel als „Gottessohn auf Erden“. Jesus Christus unterscheidet sich zunächst einmal nicht von anderen Kindern, womit eine direkte Identifizierung eines jeden Menschen mit dem Gottessohn entstehen kann. Außerdem steht das Stillen als intimster Akt zwischen Mutter und Kind für die starke, unerschütterliche Liebe zwischen Maria und dem Jesuskind, welche in dem Bildtypus der maria lactans anschaulich dargestellt wird. Bereits im Alten Testament wird die Brust der Mutter als Ort der Geborgenheit dargestellt: quoniam tu es qui extraxisti me de ventre spes mea ab uberibus matris meae[21] schlägt ein Psalm als Gebet vor. Górecka führt an, Marias Brüste wären ebenso „als Symbole von Mariens Weisheit, Barmherzigkeit und Liebe auf die Kirche bezogen.“[22] Der griechische Theologe und Kirchenschriftsteller Klemens von Alexandrien schrieb: „Die Jungfrau-Mutter Kirche ruft ihre Kinder zusammen, um sie zu nähren mit einer heiligen Milch […].“[23] Die Gottesmutter, die ihr Kind mit Muttermilch ernährt, wird gleichgesetzt mit der Institution Kirche, welche den Zweifelnden Zuversicht und Liebe „einflößt“.

In der mittelalterlichen Mystik war das Bild Mariens ein beliebter Typus der Nachahmung: „Maria nachzuleben, die das göttliche Kind getragen, geboren, gesäugt und liebkost hat, das wird in der affektiven Jesusmystik des Spätmittelalters zur zentralen Erlebnisform der unio mystica.“[24]

[...]


[1] P. Dinzelbacher 1993, Sp. 982.

[2] P. Dinzelbacher: Art. , Stigmatisation‘, Sp. 183: Stigmatisationen sind schmerzhafte, meist blutende Manifestationen der Wundmale Jesu am Körper, die häufig durch Selbstverletzung entstanden, seit dem 13. Jahrhundert bekannt sind und vermehrt bei Mystikerinnen als Zeichen exzeptioneller Gottesnähe auftraten.

[3] Vgl. P. Dinzelbacher 1993, Sp. 982.

[4] Im Folgenden auch „Margaretha“ genannt. In der Forschungsliteratur trifft man auf verschiedene Schreibweisen des Namens (Margaretha, Margareta, Margarete). Ich habe mich für die Schreibweise „Margaretha“ entschieden aufgrund von Strauchs Edition der Offenbarungen Margarethas und dem Briefwechsel mit Heinrich von Nördlingen.

[5] Vgl. J. Janota 2007, S. 282.

[6] C. Walker Bynum 1996.

[7] Strauch, Philipp ed., Maragretha Ebner und Heinrich von Nördlingen. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Mystik, Freiburg 1882, im Folgenden zitiert mit O (Seite, Vers); S. 19, V. 19-21.

[8] [8] Dazu: C. Walker Bynum 1997.

[9] P. Schmitt 1999, Sp. 2104: Heinrich von Nördlingen (+nach 1356) war ein Weltpriester und Propagator mystischen Gedankenguts; im Folgenden auch Heinrich genannt.

[10] Strauch, Philipp ed., Maragretha Ebner und Heinrich von Nördlingen. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Mystik, Freiburg 1882; Briefe Heinrichs von Nördlingen im Folgenden zitiert mit Briefnummer und Seite.

[11] Brief XXI, S. 204.

[12] Brief XLII, 25-27, ebd., S. 241.

[13] Vgl. F. Groiß 2010, S. 36 f.

[14] Vgl. H. Weber 2010, S. 9.

[15] Vgl. W. Beinert/ H. Petri 1997, S. 13.

[16] Vgl. ebd. S. 33.

[17] In Luk 1, 34 heißt es: „Ei Spiritus Sanctus superveniet in te et virtus Altissimi obumbrabit tibi ideoque et quod nascetur sanctum vocabitur Filius Die.“

[18] G. Söll 1987, S. 17.

[19] M. Górecka 1999, S. 41.

[20] Vgl. F. Groiß 2010, S. 42.

[21] Biblia Sacra Vulgata. Iuxta Vulgatam versionem, hg. von Robert Weber und Roger Gryson, Stuttgart 2007, Ps 22, 10.

[22] M. Górecka 1999, S. 412.

[23] Ebd.

[24] ebd. S. 401.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Margaretha lactans. Selbststilisierung zu einer Nachfolgerin Marias?
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V302535
ISBN (eBook)
9783668009448
ISBN (Buch)
9783668009455
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maria lactans, Stillende Gottesmutter, Margaretha Ebner, Nährende Maria, Gottesmutter
Arbeit zitieren
Katharina Müller (Autor), 2015, Margaretha lactans. Selbststilisierung zu einer Nachfolgerin Marias?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302535

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