Stellt der phänomenale Charakter von Wahrnehmungen und Empfindungen ein Problem für den Physikalismus dar?


Bachelorarbeit, 2014

44 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Idee des Physikalismus
2.1 Die klassische Identitätstheorie
2.2 Der klassische Funktionalismus
2.3 Physikalismus als Lösung für das Bewusstseinsproblem?

3 Probleme für den Physikalismus
3.1 Frank Jacksons Argument des unvollständigen Wissens
3.2 Konsequenzen für den Physikalismus

4 Michael Tyes Repräsentationalismus
4.1 Wahrnehmungen und Empfindungen als sensorische Repräsentation ...
4.2 Phänomenaler Charakter als Inhalt der sensorischen Repräsentation
4.3 Marys Wissen als feinkörnige Tatsache
4.4 Konsequenzen für das Argument des unvollständigen Wissens

5 Schlussbemerkung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Philosophie des Geistes - 1. Begriffsbestimmungen. Die Philosophie des Geistes (PhdG) - engl. <philosophy of mind> - umfaßt die philosophische Psychologie, die Philosophie der Psychologie sowie den Teil der Metaphysik, in dem es um die Frage nach der ontologischen Natur des Geistigen geht. Diese Frage wird traditionell unter dem Stichwort <Leib-Seele-Problem> diskutiert.1

Eine Grundsatzfrage in der Philosophie des Geistes ist die nach der onto- logischen Natur des Geistigen. Ist das, was mit dem Begriff „Geist“ be- zeichnet wird etwas, das zum Körperlichen gehört oder ist es grundsätz- lich verschieden und unabhängig von allem Körperlichen? Überzeugun- gen, Hoffnungen, Wünsche, Erinnerungen, Wahrnehmungen, Empfin- dungen, Gefühle, Emotionen, das alles sind Begriffe, die im Zusammen- hang mit der Frage nach der Natur des Geistigen eine Rolle spielen. Die Schwierigkeit ist, dass Gedanken, Wahrnehmungen oder Empfindungen nicht in dem Sinne greifbar sind wie beispielsweise Tische oder Stühle. Sie haben die Eigenschaft - das wird in diesem Zusammenhang gesagt - nicht räumlich zu sein2. Aus diesem Grund scheinen mentale Zustände, bzw. Phänomene auch bestimmte Eigenschaften zu besitzen, die nur schwer in Worte gefasst werden können. Auf Grundlage dieses Problems haben sich eine Vielzahl von philosophischen Theorien etabliert, die ver- suchen, die Eigenschaften und Merkmale des Mentalen, die grob auch unter dem Begriff „Bewusstsein“ zusammengefasst werden, zu erklären.

Eine dieser Theorien ist der Physikalismus, der generell bestreitet, dass es einen ontologischen Unterschied von Körper und Geist gibt3. Mentale Phänomene sind in dieser Hinsicht nichts anderes als physische Phäno- mene. Im Gegensatz dazu steht die Annahme, dass mentale Phänomene etwas Immaterielles darstellen. Der Vorteil ersterer Position ist es, dass die abstrakten Ausdrücke, die wir benutzen, um unsere mentalen Zustän- de zu beschreiben, auf physikalische Ausdrücke reduziert werden kön- nen. In diesem Sinne wäre Bewusstsein beispielsweise nichts anderes als ein Gehirnprozess. Um dieses Argument wird es im ersten Teil dieser Arbeit gehen. Dazu soll die Identitätstheorie nach Ullin Place als eine Möglichkeit zur Erklärung von mentalen Phänomenen analysiert werden. Dieser Theorie zufolge ist anzunehmen, dass alle Bewusstseinszustände identisch mit Gehirnzuständen sind und diese These nicht aus logischen Gründen zurückgewiesen werden kann. U. Place diskutiert diese Annah- me auf einer rein begrifflichen Ebene und es wird sich zeigen, dass sich aus seiner Annahme Probleme ergeben. Diese Probleme werden anhand von Hilary Putnams Theorie des Funktionalismus verdeutlicht. Diese Theorie soll auch als weitere Variante des Physikalismus zur Erklärung mentaler Zustände analysiert werden. Während die Identitätstheorie be- hauptet, dass alle mentalen Zustände identisch mit bestimmten Gehirnzu- ständen sind, geht der Funktionalismus einen anderen Weg: Mentale Zu- stände werden vollständig durch ihre kausale Funktion / Rolle innerhalb eines Systems charakterisiert.

Unter den mentalen Zuständen befinden sich aber auch Zustände, die ein besonderes Merkmal aufweisen. Sie haben nicht nur das Merkmal, nicht- räumlich zu sein, wie beispielsweise eine reine Überzeugung oder ein Gedanke. Diese zusätzliche Eigenschaft wird häufig als nur subjektiv er- fahrbar oder als phänomenaler Charakter eines mentalen Zustandes be- zeichnet4. Merkmale dieser Art sollen i.d.R. im Falle von Wahrnehmun- gen oder Empfindungen auftreten. Vielfach diskutiert wurden in diesem Zusammenhang das Wahrnehmen von Farben und das Empfinden von Schmerzen. Neben den physischen bzw. physiologischen Vorgängen des Sehens, die ablaufen, wenn auf dem Tisch eine rote Tomate wahrge- nommen wird, gibt es nach dieser Auffassung noch etwas weiteres, das als zusätzlicher spezifischer Charakter dieser Farbwahrnehmung be- zeichnet wird. Und neben einer Schmerzempfindung gibt es einen zusätz- lichen spezifischen Charakter dieser Schmerzempfindung. Der Einwand gegen den Physikalismus ist: Es gibt, neben den rein physischen, bzw. physiologischen Zuständen (die durchaus bestimmten mentalen Zustän- den entsprechen können) noch ein weiteres Ereignis. Dieses Ereignis wird in der Philosophie des Geistes als ph ä nomenaler Charakter von Wahrnehmungen und Empfindungen bezeichnet. Diesen phänomenalen Charakter, so der Einwand, kann der Physikalismus nicht erklären. Ein solcher Einwand wurde von Frank Cameron Jackson formuliert. Anhand der Überlegungen von U. T. Place und H. Putnam und dem Einwand von F. C. Jackson ergibt sich die für diese Arbeit relevante Frage, ob der phänomenale Charakter von Wahrnehmungen und Empfindungen ein Problem für den Physikalismus darstellt.

Zum Schluss wird mit der repräsentationalistischen Theorie des Geistes von Michael Tye eine Möglichkeit analysiert, Jacksons Einwand zu ent- kräften. Mit Tyes Position wird auch eine moderne Variante deutlich, wie der o.g. phänomenale Charakter adäquat erklärt werden kann. Auf dieser Grundlage soll die Frage nach dem Problem des phänomenalen Charak- ters von Wahrnehmungen und Empfindungen für den Physikalismus er- neut gestellt werden.

2 Die Idee des Physikalismus

Grundlegend gilt für den Physikalismus, dass alles was es in der Welt gibt, physischer Natur ist. Das heißt nicht nur, dass alle Dinge physischer Natur sind, sondern auch alle Eigenschaften und Ereignisse. Daraus ergibt sich, dass auch alle mentalen Zustände nichts anderes sind als be- stimmte physische Zustände5. Im besten Fall sollen physikalische Vor- gänge in dem Maße menschliches Bewusstsein erklären, wie es den Na- turwissenschaften gelingt, naturwissenschaftliche Phänomene als rein physikalische, bzw. naturwissenschaftliche Ereignisse zu erklären. Der Gedanke des Physikalismus, dass unsere mentalen Zustände auf physi- schem Wege realisiert werden, steht damit im Gegensatz zu der dualisti- schen Auffassung, dass Körper und Geist zwei ontologisch verschiedene Dinge darstellen6. Nach Auffassung des Physikalismus sind dagegen alle Entitäten, d.h. alle Objekte, Ereignisse, Sachverhalte, Relationen usw. physisch, also auch innerhalb einer physikalischen, bzw. naturwissen- schaftlichen Theorie erklärbar7. Aus dieser These haben sich viele Unter- positionen entwickelt, die sich im Detail zwar unterscheiden, jedoch die- selbe, oben dargestellte Grundannahme vertreten8. Unterschiedliche Aus- richtungen dieser Grundannahme werden unter dem Sammelbegriff „Physikalismus“ zusammengefasst, unterscheiden sich aber in der jewei- ligen Antwort auf die Frage, wie physikalische Zustände Bewusstsein explizit realisieren.

Im ersten Teil dieses Abschnitts wird die Frage gestellt, ob es logisch überhaupt möglich ist, die beiden Phänomene „Bewusstseinszustand“ und „Gehirnprozess“ als identisch zu bezeichnen. Kommen die beiden Ausdrücke tatsächlich dafür in Frage ein und dasselbe Ereignis zu be- schreiben? Oder wird mit den jeweiligen Ausdrücken etwas Unterschied- liches beschrieben? U.T. Place Überlegungen finden auf einer rein be- grifflichen Grundlage statt. Die Frage, um die es ihm geht ist, ob die bei- den Ausdrücke „Bewusstsein“ und „Gehirnprozess“9 grundsätzlich ver- schieden sind; ob ein Gleichsetzten dieser beiden Ausdrücke nicht bereits einen logischen Fehlschluss darstellt. Dazu soll Place, 1959 erschienener Beitrag „ Ist Bewusstsein ein Gehirnprozess10 engl. <Is Conscioussnes a Brain Process> dienen. Seine These ist, dass die Aussage „Bewusstsein ist ein Gehirnprozess“ nicht aus logischen Gründen zurückgewiesen wer- den kann. Anschließend wird jedoch das Problem der Multirealisierbar- keit zeigen, dass die These der Identitätstheorie überdacht werden muss.

Im zweiten Teil dieses Abschnitts soll eine weitere Position des Physika- lismus, die des Funktionalismus untersucht werden. Anhand der 1967 er- schienen Arbeit von Hilary Putnam „ Die Natur mentaler Zust ä nde11 engl. <The Nature of Mental States>, soll diese Position dazu beitragen, das Problem der Multirealisierbarkeit zu verdeutlichen. Außerdem soll sie als weitere Möglichkeit zur Erklärung mentaler Zustände analysiert werden.

2.1 Die klassische Identitätstheorie

Die klassische Identitätstheorie, durch U.T. Place mit seinem Aufsatz „ Is consciousness a brain process? “ 12 vertreten, beschäftigt sich mit der Frage, ob es grundsätzlich möglich ist, mit den Ausdrücken „Bewusst- sein“ und „Gehirnprozess“ ein und dasselbe Ereignis zu beschreiben, o- der ob diese beiden Ausdrücke zwei grundsätzlich verschiedene Ereig- nisse beschreiben. Place bemerkt, dass der moderne Physikalismus beha- vioristisch ist13. Das heißt, dass ein bestimmter Bewusstseinszustand durch Verhaltensdispositionen erklärt werden kann. Gedanken sind dem- nach grob gesagt das, was sprachlich mit ihnen zum Ausdruck gebracht wird: Jemandem, der sagt „Angela Merkel ist die Bundeskanzlerin von Deutschland“, kann die Überzeugung oder der Gedanke zugesprochen werden, dass er glaubt, dass die Bundeskanzlerin von Deutschland Ange- la Merkel ist. Und eine Schmerzempfindung wäre auf Grundlage des Behaviorismus das beobachtbare Verhalten, das durch eine Schmerzemp- findung verursacht wird: Von jemandem der am Boden liegt, sich krümmt und schreit, wird man sicher sagen können, dass er Schmerzen empfindet. Es ist tatsächlich kaum zu bestreiten, dass es zwischen menta- len Zuständen und dem beobachtbaren Verhalten einen engen Zusam- menhang gibt. Beeinflusst durch die Arbeiten Von Ryle und Wittgenstein sind kognitive Ausdrücke wie „wollen“, „glauben“ oder „hoffen“14 Aus- drücke, die auf der Basis von Verhaltensdispositionen angemessen analy- siert werden können15. Doch auch wenn „[…] eine Analyse auf der Basis von Verhaltensdispositionen […] grundsätzlich angemessen ist [bleibt] ein Restbestand nicht weiter analysierbarer Begriffe […]“16. Dieser Rest- bestand von nicht weiter analysierbaren Begriffen bereitet den empiri- schen Wissenschaften und der Philosophie des Geistes noch heute Prob- leme. Es handelt sich hierbei vor allem um diejenigen Bewusstseinszu- stände, die für den phänomenalen Charakter von Wahrnehmungen und Empfindungen verantwortlich sind. Place hält es zwar für möglich, dass eine behavioristische Erklärung für diesen Restbestand gefunden wird, geht aber davon aus, dass:

[…] Äußerungen über Schmerzen, und Stiche, darüber, wie Dinge aussehen, klingen und sich anfühlen, über Dinge, die man träumt oder vor seinem geistigen Auge vo- rüberziehen läßt, Äußerungen sind, die sich auf Ereignisse und Prozesse beziehen, die für das Individuum, dem sie zugeschrieben werden, in einem gewissen Sinne privat oder innerlich sind.17

Dass diese Ereignisse und Prozesse für das Individuum in einem gewis- sen Sinne privat oder innerlich sind bedeutet, dass sie nicht immer mit einem bestimmten Verhalten in Verbindung stehen müssen. Es ist durch- aus vorstellbar, dass jemand Schmerzen empfindet, ohne dass er auch nur das geringste Verhalten dafür zeigt. Doch auch wenn es sich um Ereig- nisse handelt, die nicht mit bestimmten Verhaltensdispositionen analy- siert werden können, handelt es sich, so Place, dennoch nicht um Ereig- nisse und Prozesse, die immateriell oder irreduzibel sind und damit auch nicht gegen die These sprechen, dass Bewusstsein ein Gehirnprozess ist18.

Die These, dass Bewusstsein durch Gehirnzustände realisiert ist, findet allerdings deshalb wenig Zuspruch, weil angenommen wird, dass zwei verschiedene Ausdrücke mit unterschiedlicher Bedeutung keine adäquate Beschreibung über dasselbe Objekt oder denselben Sachverhalt abgeben können19. Zur Verdeutlichung führt Place die Unterscheidung von Aus- sagen mit definitorischem und kompositionalem „ist“ ein.20. Ersteres gilt für Aussagen der Art „Ein Quadrat ist ein gleichseitiges Viereck“ und gilt notwendigerweise: Etwas kann nicht Quadrat sein ohne ein gleichseitiges Viereck zu sein. Für Aussagen der letzteren Art wie „Sein Tisch ist eine alte Packkiste“ gilt kein solcher notwendiger Zusammenhang. Die Aus- drücke „Tisch“ und „Packkiste“ besitzen unterschiedliche Bedeutungen und sind nicht in dem Maße notwendig voneinander abhängig wie die Ausdrücke „Rechteck“ und „gleichseitiges Viereck“21. Die Aussage „Sein Tisch ist eine alte Packkiste“ enthält ein kompositionales „ ist “, da es zwei logisch unabhängige Begriffe beinhaltet, die auf dieselbe Entität verweisen.

Diejenigen die behaupten, die Aussage „Bewußtsein ist ein Gehirnprozess“ sei aus logischen Gründen unhaltbar, stützen sich, wie ich vermute, auf die verfehlte An- nahme, zwei Behauptungen oder Ausdrücke könnten keine adäquate Beschreibung des gleichen Objektes oder Sachverhaltes geben, wenn sie weitgehend unterschiedli- che Bedeutung haben.22

Wenn ausgeschlossen wird, dass zwei Ausdrücke mit unterschiedlicher Bedeutung dasselbe Objekt oder denselben Sachverhalt adäquat be- schreiben können, dann wird vielfach auch angenommen, dass mit den beiden Ausdrücken im Grunde auch zwei ganz unterschiedliche Dinge bezeichnet werden. Bei der Aussage „Bewusstsein ist ein Gehirnprozess“ handelt es sich schließlich um eine Aussage, in der es nicht nur um einen singulären Fall geht, sondern jeder Fall von Bewusstsein als Gehirnpro- zess bezeichnet wird23. Es muss daher angenommen werden, dass zwi- schen den beiden Begriffen ein notwendiges Verhältnis besteht. Genauso wie die Aussage „Rot ist eine Farbe“ voraussetzt, dass immer wenn et- was rot ist, dies auch eine Farbe ist, so muss im Falle „Bewusstsein ist ein Gehirnprozess“ vorausgesetzt werden, dass immer wenn etwas als Bewusstsein bezeichnet wird, dies auch ein Gehirnprozess ist24. In einem solchen Fall wird auf die logische Abhängigkeit von zwei Ausdrücken verwiesen. Etwas kann nicht ein gleichseitiges Rechteck sein, ohne ein Quadrat zu sein, oder etwas kann nicht Wasser sein, ohne H2O zu sein. Da es sich beim Bewusstsein - im Gegensatz zum Beispiel des Tisches und der Packkiste - nicht bloß um einen einzigen Fall handelt, in dem die beiden Ausdrücke dieselbe Entität, bzw. denselben Sachverhalt bezeich- nen, sondern es sich in jedem Fall des Bewusstseins um einen Gehirnzu- stand handelt, muss ein definitorisches „ist“ vorhanden sein und damit eine logische Abhängigkeit zwischen den Ausdrücken bestehen.

Falls eine solche Abhängigkeit nicht besteht, wird darauf verwiesen, dass es sich um zwei logisch unabhängige Ausdrücke handelt. Und wenn zwei Ausdrücke logisch unabhängig sind, wird geschlossen, dass mit ihnen zwei unabhängige Entitäten beschrieben werden25. Genau wie die Pack- kiste - die manchmal auch als Tisch bezeichnet wird - im Grunde etwas ganz anderes ist (nämlich eine Packkiste), so sind Bewusstseinszustände im Grunde etwas ganz anderes als Gehirnzustände. Die Möglichkeit, dass beide Merkmale (ein Tisch zu sein / eine Packkiste zu sein) eines Objektes (des Tisches) unabhängig voneinander auftreten können, führt zu der Annahme, dass mit ihnen Dinge beschrieben werden, die grund- sätzlich verschieden sind und deshalb Bewusstseinszustände grundsätz- lich keine Gehirnzustände sein können. Place dazu:

Weil diese Regel praktisch universell gültig ist, sind wir, wie ich vermute, norma- lerweise berechtigt, von der logischen Unabhängigkeit zweier Ausdrücke auf die on- tologische Unabhängigkeit der Sachverhalte zu schließen, auf die sich diese Ausdrü- cke beziehen. Dies würde [sowohl] die unstrittige Überzeugungskraft des Argu- ments erklären, demzufolge Bewusstsein und Gehirnprozesse unabhängige Entitäten sein müssen, weil die Ausdrücke, mit denen wir uns auf sie beziehen, logisch unab- hängig sind […].26

Place Standpunkt ist, dass der Rückschluss von der logischen Unabhän- gigkeit der Ausdrücke auf die ontologische Unabhängigkeit der Entitäten zwar grundsätzlich angemessen ist, es sich im Falle des Bewusstseins je- doch um einen seltenen Fall handelt, auf den die obige Regel nicht zu- trifft27. Um diesen Standpunkt zu verdeutlichen, führt Place das Beispiel der Wolke und der Menge kleiner Partikel im Schwebezustand ein28. Aus der Ferne betrachtet scheint es für einen Beobachter, als wäre eine Wolke nichts anderes als „[…] eine in der Atmosphäre schwebende, große, halb- transparente Masse mit einer wollähnlichen Oberfläche, deren Form sich kontinuierlich und kaleidoskopartig verändert“29. Aus der Nähe betrach- tet kann derselbe Beobachter aber ziemlich schnell feststellen, dass es sich in Wirklichkeit um eine „[…] Menge kleiner Partikel, üblicherweise aus Wassertropfen [handelt], die sich ständig in Bewegung befinden […]“30. Nach der zweiten Beobachtung kann der Beobachter sagen „Eine Wolke ist eine Menge kleiner Partikel im Schwebezustand und sonst nichts“. Obwohl diese Erkenntnis sogar durch eine wissenschaftliche Grundlage gestützt wird, kann dennoch problemlos der Ausdruck „Wol- ke“, ohne sich in einen Widerspruch mit dem Ausdruck „Menge kleiner Partikel im Schwebezustand“ zu verwickeln, verwendet werden31. Aus beiden Merkmalsbeobachtungen können ganz unterschiedliche Annah- men gestützt werden, die einander nicht widersprechen32. Der Grund da- für, so Place, ist vor allem, dass die Verfahren zur „[…] Präsenz der bei- den Typen von Merkmalen in dem fraglichen Objekt oder Sachverhalt […] wenn überhaupt, dann nur selten gleichzeitig durchgeführt werden können“33. Es lässt sich nicht im selben Moment feststellen, dass etwas eine Wolke ist und dass dasselbe Objekt eine Menge von Partikeln im Schwebezustand ist. Weil dies so ist, wird auch nicht in Frage gestellt, dass es sich, obwohl zwei verschiedene Ausdrücke ein und denselben Sachverhalt beschreiben, trotzdem um dasselbe Ereignis handelt34.Damit hat Place eine Aussage gefunden, die ein kompositionales „ist“ und zwei logisch unabhängige Ausdrücke enthält. Zusätzlich besteht zwischen den Entitäten, auf die sich die Ausdrücke beziehen, keine ontologische Un- abhängigkeit.

Schwierig wird es allerdings im Falle des Bewusstseins deshalb, weil die Verfahren zur Verifikation der Merkmale für das Bewusstsein und für Gehirnprozesse, nicht auf die gleiche (visuelle) Art und Weise durchge- führt werden können wie im Beispiel der Wolke und den Partikeln im Schwebezustand. Die Behauptung, dass es sich bei beiden Beobachtun- gen (Wolke / Menge kleiner Partikel im Schwebezustand) um ein und dasselbe Ereignis handelt, ist schnell einzusehen. Im Falle des Bewusst- seins ist dies nicht so einfach zu sehen35. Place muss nun ein Beispiel finden, das Identität zwischen etwas behauptet „[…] dessen Auftreten mit den üblichen Beobachtungsmethoden nachgewiesen werden kann und etwas, dessen Auftreten mit besonderen wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen wird. Aus diesem Grund [wählt er] den Fall, in dem wir sagen, daß Blitze Bewegungen elektrischer Ladung sind“36.

Zu sehen, dass etwas ein Blitz ist, kann auf visuelle Art und Weise fest- gestellt werden. Dass es sich aber um eine elektrische Entladung in der Luft handelt, kann erst mithilfe spezieller Techniken und Messverfahren festgestellt werden.

Dieses Beispiel zeigt, dass zwei Aussagen, die logisch unabhängige Aus- drücke enthalten, sehr wohl denselben Sachverhalt adäquat erklären kön- nen. Die beiden Ausdrücke beschreiben keine ontologisch unabhängigen Ereignisse, sondern beziehen sich auf dasselbe Ereignis. Ein Blitz ist schließlich eine elektrische Entladung in der Luft.

[...]


1 Beckermann (1999), S. 1154.

2 ebd.

3 vgl. Stoljar (2002).

4 vgl. Beckermann (1999), S. 1155.

5 vgl. Beckermann (2000) S. 128..

6 Dieses Problem wird allgemein auch als das Leib/Seele Problem bezeichnet.

7 Die Forderung, dass es eine einheitliche Wissenschaftssprache geben müsse, geht besonders auf Rudolf Carnap zurück. Siehe dazu auch Carnap (1931; 1932).

8 An dieser Stelle gibt es sicher Ausnahmen, also Theorien, die sich physikalistisch nennen aber nicht-physische Ereignisse anerkennen. Hierzu zählt z.B. die Denkrichtung des nicht- reduktiven Physikalismus. Genaugenommen können solche Theorien nicht wirklich als phy- sikalistische Theorien bezeichnet werden. (vgl. bes. Beckermann (2000), S. 128.

9 Place geht davon aus dass - wenn Bewusstsein physikalisch umgesetzt ist - diese Umsetzung durch Gehirnzustände realisiert wird. Natürlich ist es naheliegend zu sagen dass, wenn ein Zusammenhang zwischen mentalen Zuständen und physikalischen Zuständen besteht, dieser Zusammenhang im Gehirn vorzufinden ist und nicht im Magen, in den Nieren oder in der Leber. vgl. dazu bes. Smart (1959), S. 125.

10 Place (1956).

11 Putnam (1967).

12 Place. (1956).

13 Drei Jahre bevor Place seine Arbeit veröffentlichte, erschien Wittgensteins Werk „“Philosophische Untersuchungen“ (Wittgenstein 1953), von denen Place Überlegungen natürlich geprägt wurden. vgl. Place (1956), S. 73.

14 Diese Zustände werden in der Philosophie des Geistes auch als propositionale Einstellungen verstanden.

15 vgl. Place (1956), S. 73. Zum Behaviorismus bes. Wittgenstein (1921; 1953) u. Ryle (1949).

16 Place (1956), S. 73.

17 Place (1956), S.74.

18 ebd.

19 vgl. Place (1956), S. 75f.

20 Place (1956), S. 74ff.

21 vgl. Place (1956), S. 75.

22 Place (1956), S. 75f.

23 vgl. Place (1956), S. 76.

24 ebd.

25 vgl. Place (1956), S. 77.

26 Place (1956), S. 76.

27 Place (1956), S. 77.

28 ebd.

29 ebd.

30 ebd.

31 ebd.

32 ebd.

33 ebd.

34 ebd.

35 vgl. Place (1956), S. 78.

36 ebd.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Stellt der phänomenale Charakter von Wahrnehmungen und Empfindungen ein Problem für den Physikalismus dar?
Hochschule
Universität Bielefeld  (Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie des Geistes
Note
1,8
Autor
Jahr
2014
Seiten
44
Katalognummer
V302544
ISBN (eBook)
9783668014145
ISBN (Buch)
9783668014152
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stellt, charakter, wahrnehmungen, empfindungen, problem, physikalismus
Arbeit zitieren
Dennis McLean (Autor:in), 2014, Stellt der phänomenale Charakter von Wahrnehmungen und Empfindungen ein Problem für den Physikalismus dar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302544

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