Erkenntnis und Bewusstsein. Richard Rortys "Antipoden" und der psychologische Nominalismus Wilfried Sellars


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. ERKENNTNIS
2.1 Klassische Ansicht
2.2 DieAntipoden
2.3 Rorty und die Hermeneutik
2.4 Sellars psychologischer Nominalismus
2.5 Das Mary-Gedankenexperiment

3. GEDANKEN UND ,UNMITTELBARE ERFAHRUNG1

4. SELLARS ,MYTH OF JONES1

5. FAZIT

6. LITERATURLISTE

1. Einleitung

Ein grower Streitpunkt in der Philosophie ist die Frage nach Erkenntnis.

Wie ist Erkenntnis moglich, wie entsteht sie und wann ist das, was wir als Wissen bezeichnen, uberhaupt richtig? Die Frage, die sich stellt ist, ob die Welt, so wie sie ist, fur uns uberhaupt erfahrbar ist. Mil anderen Worten: Gibt es eine Art Wirklichkeit jenseits dessen, was wir mit unseren Sinnen erfassen konnen und ist es uns moglich, Zugang zu dieser Wirklichkeit zu finden? Oder ist das, was oft auch einfach als ,physikalische Welt‘ bezeichnet wird, die einzige Wirklichkeit die es gibt? In diesem Zusammenhang ist die Frage nach der Plausibilitat von Wissen berechtigt, denn wenn das, was wir sehen, unabhangig davon ist, wie die Welt wirklich ist, wie konnen wir dann uberhaupt etwas wissen? Mit Kant soll die klassische Ansicht dieses Problems verdeutlicht werden, bevor mit Richard Rorty und seinem Gedankenexperiment der ,Antipoden‘ ein etwas modernerer Losungsansatz der Erkenntnisproblematik vorgestellt wird. In diesem Zusammenhang wird sich zeigen, dass Wissen in erster Linie abhangig von Sprache ist. Um dies zu untermauern, wird Wilfried Sellars psychologischer Nominalismus dienen, der sich sowohl an Rortys Idee der Hermeneutik als auch stark an Sellars ,Mythos des Gegebenen' halt. Rorty uberlasst die Frage ,,Was sind Gedanken?" der Hermeneutik und verabschiedet eine philosophische Erkenntnistheorie, wahrend Sellars versucht, auch dieses Problem zu losen.

Das Wissen uber die Dinge um uns herum zu begrunden ist bereits schwer, das Wissen uber unsere mentalen Leistungen wird jedoch noch schwerer. Begriffe wie ,Hoffnungen‘, ,Wunsche‘, ,Uberlegungen‘ und ,Vermutungen‘, die wir im Groben als Gedanken zusammenfassen, sind sehr ungenau, da man sie nicht, wie es in der Physik haufig der Fall ist, beobachten und somit empirisch herleiten kann. Es ist unmoglich, das ,Denken‘ von jemandem zu beobachten - und selbst die beschreibenden Aussagen uber unsere Gedanken decken sich nicht immer mit den Aussagen unserer Mitmenschen. Ein Konsens daruber, wie Gedanken sich fur den Einzelnen anfuhlen, ist aufgrund des subjektiven Charakters derselben kaum moglich. Wie kommen wir dazu, von Gedanken zu sprechen und warum sind sie so schwer zu beschreiben? Um diese Frage zu beleuchten, wird Sellars ,Mythos von Jones' mit dem Gedankenexperiment einer phylogenetischen Entstehung von Gedanken als eine Art ,innere Episode' herangezogen. Im Fazit werden die wichtigsten Punkte noch einmal aufgegriffen. Es soil gezeigt werden, dass Rortys Schlussfolgerung, wenn es um den Status von Gedanken geht, nicht die Endstation ist und das es Sellars gelingt, dieses Problem zu losen.

2. Erkenntnis

Seit der Stein nach der Suche einer fundamentalen Erklarung unserer Erkenntnis ins Rollen gebracht wurde, herrscht Uneinigkeit uber die Beantwortung der Frage, wie unser Erkennen moglich ist und wann wir uber die Dinge, die um uns herum passieren sicheres Wissen haben konnen. Monisten, Dualisten, Behavioristen, Materialisten, Funktionalisten sowie Psychologen bieten Theorien an, wie sie widerspruchlicher nicht sein konnten und niemand schafft es, den eindeutigen Beweis zu liefern, der uns sagt, was Gedanken denn nun eigentlich sind, wie sie entstehen und wie wir unsere Erkenntnis uber sie rechtfertigen konnen. In diesem Teil der Arbeit soll deutlich werden, wie schwer ist eine 'Gedankentheorie' zu beweisen und was die Schwierigkeiten bei dem Erwerb von Wissen sind. In diesem Zusammenhang stellt sich eine grundsatzliche Frage, um die es auch Richard Rorty geht: Ist es moglich, Erkenntnistheorie zu betreiben, die rein philosophisch ist oder kann es eine andere Wissenschaft aufter der Philosophie schaffen, dieses Problem zu losen? Ware dies der Fall, dann ware die Philosophie im Bereich der Erkenntnistheorie uberflussig.

2.1. Klassische Ansicht

Kant hat in seinem Werk ,,Kritik der Vernunft", in dem es um die Bedingungen von Erkenntnis geht, versucht, die Philosophie als Fundament aller Wissenschaften zu begrunden. Die Philosophie sollte dafur von anderen Wissenschaften abgetrennt und als Grundlage zum Verstandnis dieser dienen und naturlich ist es naheliegend zu fragen, ob die Zuverlassigkeit von Naturwissenschaften, ohne grundsatzliche Regeln der Interaktion von Verstand und Umwelt, uberhaupt noch gegeben ist. Wie konnen wir wissenschaftliche Theorien entwickeln, wenn die Frage, wie Erkenntnis uberhaupt moglich ist, noch nicht geklart ist? Dafur drehte Kant die Blickrichtung um: Er schaute nicht mehr auf die Realitat um sich zu fragen, wie der eigene Verstand diese richtig abbilden kann; stattdessen blickte er auf den Verstand und fragte sich dann, wie Erkenntnis a priori (vor aller Erfahrung) aussehen musste. Er kam zu dem Schluss, dass der Verstand nicht zur Erfahrungswelt gehort, die er dann erkennt, sondern dass der Verstand die Welt erst durch die Art hervorbringt, wie er sie selbst konstruiert. Der Verstand schreibt der empirischen Welt sozusagen vor, wie sie zu sein hat. Mit dieser konstruktivistischen Wende bringt Kant Verstand und Erfahrung in eine Einheit. Diese Einheit ist aber nicht in der Welt, sondern man bringt sie bereits mit. Das Erkennen der Welt ist jetzt nicht mehr von der Erfahrung mit der physikalischen Welt, sondern von den Bedingungen des Verstandes abhangig. Erkenntnis ware somit beschrankt auf die Moglichkeiten, die unserVerstand uns zur Verfugung stellt.

Doch eine Frage ist immer noch offen: Wie kann das Wissen, dass wir uber unseren Verstand haben, plausibel begrundet werden? Auch nach Kant ist dieses Problem noch nicht gelost, denn hinterfragt man, woher man uberhaupt wissen kann, dass das, was Kant uber den Verstand aussagt, auch nur im Ansatz richtig sein kann, kann uns kein empirischer Beweis geliefert werden. Auch wenn Kants Werke ein hohes Maft an philosophischer Feinheit besitzen und seine Ausfuhrungen hier nur angedeutet werden, ist seine Losung auch nur eine mogliche von vielen. Die Frage nach Erkenntnis steht, gerade im Bereich der Neurobiologie und dem Gehirn als Zentrum der Gedanken, in einem ganz neuen Licht.

Dass wir uberhaupt denken, stand fur die meisten Philosophen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts aufter Frage. Es ging eher darum zu klaren, wie unser Verstand durch die Auftenwelt beeinflusst wird bzw. umgekehrt. 1st der Verstand ein fertiges Produkt, ein Tablua rasa oder ein von der Auftenwelt unabhangiges, sich entwickelndes Gebilde? Heute stehen dagegen Begriffe wie Intentionalitat, phanomenales Bewusstsein, mentale Einstellungen bzw. Zustande oder Prapositionen auf dem Plan, wobei das Gehirn im Fokus der Analysen steht. Man will nur schwerlich annehmen, dass es, wie bei Descartes, einen immateriellen Stoff im Korper des Menschen gibt, der die Gedanken steuert oder verursacht und in wissenschaftlicher Hinsicht ist die Idee der Seele als Ursache fur den menschlichen Geist langst verworfen. Man ist eher geneigt, Gedanken als eine Art Funktion zu betrachten, die vom Gehirn gesteuert wird und unsere Erkenntnis daruber, was Gedanken sind, auch uber diesen Weg herzuleiten.

Erkenntnis ist also aufterst schwer zu rechtfertigen. Entweder sie ist abhangig von der Interaktion des Verstandes mit der Umwelt, ein unbeschriebenes Blatt, das von der Erfahrung beschrieben wird, ein Produkt dessen, was mein Verstand zulasst, oder ganzlich unabhangig von jedweder Erfahrung. Ob man es nun Geist, Gedanken, Verstand oder mentaler Zustand nennt, lauft auf dasselbe hinaus: Es gibt ein Vorkommnis in uns, das wir mit diesen Begriffen bezeichnen, aber nicht beweisen konnen und jegliches Wissen daruber scheint nahezu unmoglich.

2.2. Die Antipoden

Am Anfang seines Buches ,,Der Spiegel der Natur - eine Kritik der Philosophie"[1] stellt Richard Rorty die Antipoden vor. Ein Gedankenbeispiel, um zu zeigen, dass wir, wenn wir von mentalen Zustanden[2] sprechen, von nichts anderem sprechen als von Gehirnzustanden. Wenn beispielsweise ein Antipode sagt, er habe Schmerzen, sagt er nur ,,meine C-Fasern sind gereizt". Wenn er eine rote Farbe sieht, sagt er ,,Ich befinde mich im Zustand C293“. Sie benutzen ausschlieftlich die Begriffe fur ihre aktuellen Gehirnzustande, die sie exakt benennen konnen, um das auszudrucken, was wir als Gedanken bezeichnen. Die Antipoden haben nie gelernt, unsere Begriffe wie Gedanken oder Schmerzen, geschweige denn den Begriff des mentalen Zustandes zu verwenden. Anstatt wie wir von unklaren Begriffen wie Schmerzen, Gefuhlen oder Gedanken zu sprechen, sprechen sie von ihren Gehirnzustanden. Naturlich wird deutlich, dass es sich hier letztlich nur um ein sprachliches Problem handelt und es fur ein und dasselbe Phanomen lediglich zwei unterschiedliche Beschreibungsmoglichkeiten gibt. Ware es uns, aufgrund der ausgefeilten Neurotechnik moglich, so zu sein, wie Rortys Antipoden, dann ware die Diskussion um die Frage ,,Was sind Gedanken?", wahrlich uberflussig.

Rorty versucht immer wieder zu betonen, dass die Philosophie bei der Frage, was ist Erkenntnis und wann ist sie im Zusammenhang von mentalen Leistungen gerechtfertigt, keine Erklarung liefern kann und es scheint auch einfach naheliegend - gerade wenn es um die wissenschaftliche Seriositat geht - zu sagen, dass unsere mentalen Fahigkeiten irgendwo unserem Gehirn entspringen bzw. vom Gehirn verursacht werden. Schlagt man Rortys Weg ein, dann wird man die Methodik der Philosophie tatsachlich ablegen mussen, denn keine philosophische Theorie des Geistes hat sich bisher bewiesenermaften bewahrheitet. Man kann schlieftlich nur annehmen, dass es einen immateriellen Stoff, eine Seele oder ein a priori gegebenen Apparat an Verstandesmoglichkeiten gibt, der unser Denken verursacht - beweisen kann man diesjedoch nicht.

Was deutlich werden soll ist, dass die Diskussion uber unsere mentalen Leistungen, im Falle der Antipoden, uberflussig geworden ist. Das, was man fruher nicht mithilfe einer Wissenschaft empirisch erklaren konnte, wurde schon immer mit unklaren bis hin zu haarstraubenden Theorien erklart. So wurden fruher Damonen, Hexen oder Zauberei fur Phanomene wie Blitze, Donner, Asteroiden oder andere Himmelserscheinungen verantwortlich gemacht, die man heutzutage leicht mit den Naturwissenschaften erklaren kann. Nun, wo wir die Neurobiologie zur Verfugung haben, um unser Gehirn fur die Dinge verantwortlich zu machen, die wir fruher nicht erklaren konnten, ist eine philosophische Diskussion uber mentale Leistungen nicht mehr notwendig. Kehrt man nun zu der Frage zuruck, wie wir unser Denken begrunden konnen, klingt die Moglichkeit, es mit Aktivitaten im Gehirn zu versuchen, wissenschaftlich vielversprechend.

Doch was ist mit dem Moment, in dem man so etwas wie Schmerzen oder Farbwahrnehmungen hat? Einerseits wird man einen Gehirnzustand oder eine C-Faser Reizung feststellen konnen, andererseits bleibt aber immer noch ein Gedanke wie z.B. ,,lch glaube, das sind die schlimmsten C- Faserreizungen die ich je hatte und ich hoffe, dass sie bald aufhoren werden.". Auch bei einer Farbwahrnehmung konnte ein Gedanke in der Form ,,lch glaube das ist das schonste Rot das ich bisher gesehen habe, ich wunschte alle Menschen konnen das so sehen wie ich." auftreten. Ein solcher Gedanke konnte unzahlige weitere Einstellungen und Zustande beinhalten, die keineswegs so einfach mit einer eindeutigen Gehirnaktivitat identifiziert werden konnen - ein Problem, das naturlich auch Rorty erkannt hat[3].

[...]


[1] Rorty, Richard (1981): Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt a.M..

[2] Mentaler Zustand soil in diesem Zusammenhang als ein denkender oder fuhlender Zustand betrachtet werden.

[3] Rorty, Richard (1981): Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt a.M.,S.263.

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Details

Titel
Erkenntnis und Bewusstsein. Richard Rortys "Antipoden" und der psychologische Nominalismus Wilfried Sellars
Hochschule
Universität Bielefeld  (Philosophie)
Veranstaltung
Der Geist der Tiere
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V302555
ISBN (eBook)
9783668009516
ISBN (Buch)
9783668009523
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erkenntnis, bewusstsein, richard, rortys, antipoden, nominalismus, wilfried, sellars
Arbeit zitieren
Dennis McLean (Autor), 2012, Erkenntnis und Bewusstsein. Richard Rortys "Antipoden" und der psychologische Nominalismus Wilfried Sellars, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302555

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