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Schlafwandelnd in den Ersten Weltkrieg? Die deutsche historiographische Kontroverse um Christopher Clarks Monographie "Die Schlafwandler"

Eine Rezeptionsanalyse

Titel: Schlafwandelnd in den Ersten Weltkrieg? Die deutsche historiographische Kontroverse um Christopher Clarks Monographie "Die Schlafwandler"

Bachelorarbeit , 2015 , 37 Seiten , Note: 2,0

Autor:in: Laura Baier (Autor:in)

Geschichte Deutschlands - Erster Weltkrieg, Weimarer Republik
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Er ist englischer Historiker australischer Herkunft. Er ist ausgewiesener Preußenkenner und populärer Autor zweier großer, „konsequent gegen die „Sonderweg“-These gerichteten […] und verständnisvollen“ Bücher über Preußens Aufstieg und Niedergang und Wilhelm II. Und er ist Moderator der Doku-Reihe „Deutschland-Saga“ im ZDF, in der er mit Fliege und einem roten VW-Käfer-Cabriolet durch Deutschlands Geschichte fährt. Es ist Christopher Clark, in Cambridge lehrender Geschichtsprofessor für Neuere Europäische Geschichte, der seit der Publikation „Die Schlafwandler“ 2012 in England und wenig später 2013 in Deutschland Bestsellerautor ist. Seine umfangreiche, 718seitige Monographie mit 112seitigen Anmerkungen, schrieb in Deutschland fünf Monate nach ihrer Publikation, pünktlich zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, ca. 170.000 verkaufte Exemplare in der 12. Auflage. Mittlerweile existiert sogar auf der Internetplattform youtube ein Buchtrailer zu den „Schlafwandlern“, in dem der Autor persönlich zu den Inhalten seines Buches Stellung nimmt. Die Verkaufs- und Auflagenzahlen sowie die mediale Präsenz in Deutschland sind Sinnbild für die starke Aufmerksamkeit durch Zeitungen und Fernsehen, die Öffentlichkeit und vielfaches Forschungsinteresse an dem neuen Bestseller, der eine Ursachengeschichte des Ersten Weltkriegs aus internationaler Perspektive für die Vorkriegsgeschichte von 1914 darlegt.Die Kriegsursachenforschung beschäftigt sich seit Beginn der Julikrise 1914 mit der entscheidenden Frage nach Ursachen, Verantwortung und Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Christopher Clark liefert nun mit den „Schlafwandlern“ eine diskussionswürdige Interpretation, in der ein „Hauch von Entlastung“ für die deutschen Verantwortlichen wehe, so der jüngst verstorbene Historiker Wehler. Diese Lesart stört vornehmlich jene Grundposition in der aktuellen, generational-historiographischen Debatte, die von einer deutschen Hauptverantwortlichkeit für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ausgeht. Dem gegenüber steht eine den clark´schen Thesen wohlgesonnene Position, vertreten durch Cora Stephan, Sönke Neitzel etc., die auf eine Neuverhandlung bzw. Ausklammerung der „Kriegsschuldfrage“ abzielt. Für sie gilt: „An das Selbstverständnis der Deutschen als schuldige Nation ist eine Mine gelegt.“ .

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursachen, Verantwortung, Haupt-Mit-Alleinschuld in der Kriegsursachenforschung

3. Clarks Hauptthesen in „Die Schlafwandler“

4. Die historiographische Rezeption der Schlafwandler in Deutschland

4.1 Die Schlafwandler als Auslöser einer generationalen Kontroverse mit zwei Grundpositionen

4.2 Der Clark-Effekt als Sinnbild von „schlafwandlerischem“ Erfolg?

4.3 Fischer und Lloyd George reloaded

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit analysiert die deutsche historiographische Kontroverse, die durch die Publikation von Christopher Clarks Monographie „Die Schlafwandler“ (2012/2013) ausgelöst wurde. Das primäre Ziel besteht darin, die Polarisierung innerhalb dieser Debatte zwischen 2012 und 2014 nachzuzeichnen und zu untersuchen, inwiefern die Diskussion eine Wiederaufnahme älterer Kontroversen, wie der Fischer-Kontroverse, darstellt.

  • Die deutsche Rolle und Verantwortung bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges
  • Historiographische Debatten und deren medialer Diskurs
  • Clarks Thesen als Katalysator für ein neues Geschichtsbild
  • Die Wahrnehmung der Kriegsschuldfrage im 21. Jahrhundert
  • Der Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Forschung und öffentlicher Medienpräsenz

Auszug aus dem Buch

3. Clarks Hauptthesen in „Die Schlafwandler“

Der Impuls der „Schlafwandler“ von Christopher Clark aus dem englischsprachigen Ausland zeigt nun andere Ergebnisse auf und ist ähnlich Fischers Ideen Anlass zu einer deutschen historiographischen Debatte. Der so bezeichnete „Deutschlandversteher[-s]“ Clark stellt darin die Schuldfrage nicht mehr, mit der Begründung, es handle sich nicht um einen Agatha Christie-Thriller, „[…] an dessen Ende wir den Schuldigen im Wintergarten über einen Leichnam gebeugt auf frischer Tat ertappen.“ Weder im moralischen noch im rechtlichen Sinn will der Australier also die Rolle eines Richters übernehmen. Ferner kommt der „smarte Erzähler“ Clark, der in Deutschland spätestens seit der Publikation der „Schlafwandler“ kein Unbekannter mehr ist, zu dem Ergebnis, dass „Die Frage […] (nach der Schuld) bedeutungslos“ sei. Er geht sogar noch weiter und will keine Schuldreihenfolge der einzelnen Staaten festlegen, sondern eher die Frage nach dem „Wie?“ als nach dem „Warum?“ untersuchen, da erstere dazu auffordere „die Abfolge der Interaktionen näher zu untersuchen, die bestimmte Ergebnisse bewirkten“, anstatt „nach fernen und nach Kategorien geordneten Ursachen zu suchen […]“. Trotzdem sei die Frage nach der Verantwortung, der er sich am Schluss eingehend stellt, „nicht obsolet“.

Den Kriegsausbruch bezeichnet Clark als (europäische) „Tragödie“, ein Schicksalsdrama also, kein (deutsches) „Verbrechen“. Eine „Tatwaffe“, so der Autor weiter mit dem Schlagwort, das an eine kriminalistische Untersuchung à la Miss Marple erinnert, finde sich in den Händen jeden Akteurs der Vorkriegszeit. Er will sich stattdessen mit dem internationalen Geflecht von Ursachen beschäftigen. Im Titel wie auch am Ende der voluminösen Monographie wird darauf hingewiesen, es handle sich bei den „Protagonisten von 1914“, den „Schlafwandlern“, gewissermaßen um unsere Zeitgenossen aufgrund der Eurokrise.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung stellt Christopher Clark als Historiker vor und bettet sein Werk „Die Schlafwandler“ in den Kontext des 100. Jahrestags des Ersten Weltkriegs sowie der damit verbundenen intensiven medialen und fachwissenschaftlichen Debatte ein.

2. Ursachen, Verantwortung, Haupt-Mit-Alleinschuld in der Kriegsursachenforschung: Dieses Kapitel erläutert die terminologische Uneinheitlichkeit bei der Benennung des Kriegsausbruchs und setzt sich mit den Begriffen „Schuld“ und „Verantwortung“ innerhalb der historischen Forschung auseinander.

3. Clarks Hauptthesen in „Die Schlafwandler“: Hier werden die zentralen Thesen Clarks vorgestellt, insbesondere seine Abkehr von der klassischen Schuldfrage hin zu einer prozessorientierten Analyse internationaler Interaktionen.

4. Die historiographische Rezeption der Schlafwandler in Deutschland: Das Hauptkapitel analysiert die gespaltene Reaktion der deutschen Geschichtswissenschaft auf Clarks Werk, die von Bewunderung für seinen Stil bis zu scharfer Kritik an seiner Interpretation der deutschen Rolle reicht.

4.1 Die Schlafwandler als Auslöser einer generationalen Kontroverse mit zwei Grundpositionen: Dieser Unterpunkt untersucht die ideologische Spaltung in Befürworter („Revisionisten“) und Kritiker des Werks.

4.2 Der Clark-Effekt als Sinnbild von „schlafwandlerischem“ Erfolg?: Hier wird der außergewöhnliche mediale und wirtschaftliche Erfolg des Buches in Deutschland analysiert.

4.3 Fischer und Lloyd George reloaded: Dieser Abschnitt thematisiert die Instrumentalisierung älterer Thesen, wie die von Fritz Fischer oder David Lloyd George, im aktuellen Streitgespräch.

5. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass die Debatte um „Die Schlafwandler“ weniger eine wissenschaftliche Revolution darstellt, als vielmehr einen modernen Kommunikationsraum über Erinnerungskultur und Identität.

6. Bibliographie: Das Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur.

Schlüsselwörter

Erster Weltkrieg, Christopher Clark, Die Schlafwandler, Kriegsschuldfrage, Historiographie, Deutschland, Julikrise, Fischer-Kontroverse, Rezeptionsanalyse, Erinnerungskultur, Deutsche Reich, Ursachenforschung, Medienhype, Revisionismus, Politische Kontroverse.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der Rezeption der Monographie „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark in der deutschen Geschichtswissenschaft und den Medien zwischen 2012 und 2014.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zentrale Themen sind die „Kriegsschuldfrage“, die historiographische Debatte über die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg und wie diese Debatte im Kontext aktueller politischer und gesellschaftlicher Ereignisse instrumentalisiert wird.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Ziel ist es, die Polarisierung und die verschiedenen Grundpositionen in der wissenschaftlichen und medialen Auseinandersetzung um Clarks Thesen zu identifizieren und zu analysieren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit geht deduktiv vom Allgemeinen zum Besonderen vor und nutzt eine Rezeptionsanalyse von Zeitungsartikeln, Rezensionen und Fachpublikationen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert die Debatte um die „Schlafwandler“ als Auslöser einer generationalen Kontroverse, den Erfolg des Autors in Deutschland sowie die Rückgriffe auf ältere Kontroversen wie die Fischer-Debatte.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Kriegsschuldfrage, Christopher Clark, „Die Schlafwandler“, Historiographie, Revisionismus, Erinnerungskultur und der Erste Weltkrieg.

Warum wird Christopher Clarks Werk als „irritierend“ bezeichnet?

Das Werk wird als irritierend wahrgenommen, da es einerseits beeindruckend recherchiert ist, andererseits aber in seiner Argumentation als kurzschlüssig oder in Bezug auf die deutsche Rolle als einseitig empfunden wird.

Wie bewertet die Autorin die Bedeutung des „Clark-Effekts“?

Die Autorin sieht im „Clark-Effekt“ einen vor allem durch mediale Mechanismen und die moralisierungsfähige Art von Clarks Thesen beförderten Erfolg, der stark mit aktuellen deutschen Befindlichkeiten korrespondiert.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Schlafwandelnd in den Ersten Weltkrieg? Die deutsche historiographische Kontroverse um Christopher Clarks Monographie "Die Schlafwandler"
Untertitel
Eine Rezeptionsanalyse
Hochschule
Universität Bremen  (Geschichtswissenschaft)
Note
2,0
Autor
Laura Baier (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2015
Seiten
37
Katalognummer
V302639
ISBN (eBook)
9783668011878
ISBN (Buch)
9783668011885
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christopher Clark; Erster Weltkrieg; Kriegsschuldfrage; Die Schlafwandler
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Laura Baier (Autor:in), 2015, Schlafwandelnd in den Ersten Weltkrieg? Die deutsche historiographische Kontroverse um Christopher Clarks Monographie "Die Schlafwandler", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302639
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Leseprobe aus  37  Seiten
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