Der Gegenstand der vorliegenden Untersuchung – die Vor- und Nachteile des monistischen und dualistischen Führungssystems in Unternehmen – ist ein ständig wiederkehrender Topos, seit der deutsche Gesetzgeber – kommend vom monistischen System – mit den Aktienrechtsreformen von 1861, 1870, 1884 und spätestens 1937 das dualistische Führungssystem im Aktienrecht festgeschrieben hat; diese Festsetzung hat der deutsche Gesetzgeber 1960 bestätigt, während in den umliegenden Staaten dieses strikte dualistische System nahezu unbekannt gewesen und gerade im angelsächsischem Raum immer wieder auf Ablehnung gestoßen ist. Im Laufe der Jahrzehnte ist sowohl in der rechtswissenschaftlichen als auch wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion die Überlegenheit des einen oder anderen Systems propagiert worden.
Die Untersuchung der Vor- und Nachteile beider Systeme berührt einen Kernbereich der Corporate Governance. Darunter ist – vereinfacht – die Funktionsweise der Leitungsorgane, ihr Zusammenwirken und die Überwachung ihres Verhaltens zu verstehen.1 Dabei bestehen Lücken zwischen schlecht informierten Aktionären als Auftraggebern („principal“) und den umfassend informierten Führungskräften als den Beauftragten („agent“) – das sog. principal-agent-problem. Diese Lücken müssen im Sinne einer guten Corporate Governance geschlossen werden. Im monistischen Sytem geschieht dies zunehmend über die sog. independent Non-Executive Directors, im dualistischen System über den Aufsichtsrat.
Die Diskussion um Vor- und Nachteile bzw. die Überlegenheit eines Systems flammte insbesondere immer wieder nach größeren Unternehmensskandalen auf – exemplarisch sind für den Anfang des 21. Jahrhunderts für Deutschland als Vertreter des Dualismus die Fälle Holzmann und Metallgesellschaft, für den Monismus die Skandale um Enron und die Barings Bank zu nennen – und ist nach der vergangenen Finanzkrise wieder hochaktuell. Es zeigt sich, dass beide Systeme im Einzelfall nicht frei von Missständen und Fehlern sind.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Ausgangspunkte
Trennung von Eigentum und Kontrolle
Konzeptionelle Ansätze
Pfadabhängigkeit (Path Dependence)
Einfluss der Europäischen Union
Länderbericht: dualistisches System
Historischer Abriss
Ausgestaltung des dualistischen Systems in Deutschland
Länderbericht: monistisches System
USA
Großbritannien
Vor- und Nachteile
Generelle Vor- und Nachteile beider Systeme
Monistisches System
Dualistisches System
Spezifische Betrachtungen
Minimierung der agency costs
„Managerialism”
Mitbestimmung
Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht rechtsvergleichend die Vor- und Nachteile des monistischen und dualistischen Führungssystems in börsennotierten Aktiengesellschaften, um unter Berücksichtigung historischer und ökonomischer Faktoren eine Einordnung der Corporate Governance vorzunehmen.
- Grundlagen der Corporate Governance und das Principal-Agent-Problem
- Rechtsvergleichende Analyse des dualistischen Systems (Deutschland)
- Analyse des monistischen Systems (USA und Großbritannien)
- Diskussion von Vor- und Nachteilen beider Systeme hinsichtlich Agency Costs, Managerialism und Mitbestimmung
- Konvergenz der Systeme in einer globalisierten Welt
Auszug aus dem Buch
I. USA
Die wissenschaftliche Diskussion verläuft in den USA schon seit langen in der Weise, dass die Superiorität des eigenen, monistischen, Systems herausgestellt wird. So schreibt z.B. Mark Roe In seinem vielbeachteten Aufsatz “Some Differences in Corporate Structure in Germany, Japan, and the United States”: “Morover, the foreign systems [Anmerkung des Autors: mithin also das dualistische Führungssystem in Deutschland und das keiretsu-System in Japan] begin with several obvious defects. […] Neither foreign system is likely to yield entrepreneurial leadership.”
Es ist dabei in den USA zu beachten, dass es kein einheitliches Gesellschaftsrecht gibt. Als Musterbeispiel für die Ausgestaltung des Board kann dabei jedoch das Gesellschaftsrecht des Bundesstaates Delaware gelten. Der Delaware Code bestimmt zum Board folgendes: „The business and affairs of every corporation organized under this chapter shall be managed by or under the direction of a Board of directors, except as may be otherwise provided in this chapter or in its certificate of incorporation.”
Eine wesentliche Rolle für die Organisation der Boards stellen dabei – neben dem einzelstaatlichen Recht, den Gesellschaftsstatuten – staatliche Regulation Agencies, vor allem die Securities and Exchange Commission (SEC), dar.
Mit den „Principles on Corporate Governance“ von 1985 hat das American Law Institute (ALI) erstmals einen Versuch der Vereinheitlichung gestartet. Laut den Entwürfen ist die Wahl von non-executive Directors sowie die Berufung dieser Directors in die Ausschüsse die wichtigsten Mittel um sicherzustellen, dass das Unternehmen den shareholder value – welches den Entwürfen zufolge primärer Zweck der Unternehmensleitung sein soll – dient.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Der Abschnitt führt in die Thematik der Corporate Governance ein und erläutert die Relevanz der Untersuchung beider Führungssysteme im Kontext internationaler Finanzkrisen.
Ausgangspunkte: Dieses Kapitel behandelt die Trennung von Eigentum und Kontrolle, konzeptionelle Ansätze zur Corporate Governance sowie den Einfluss von Pfadabhängigkeiten und der Europäischen Union.
Länderbericht: dualistisches System: Es wird die historische Entwicklung und die spezifische Ausgestaltung des dualistischen Systems in Deutschland erläutert.
Länderbericht: monistisches System: Der Text analysiert die Struktur des monistischen Boards in den USA und Großbritannien.
Vor- und Nachteile: In diesem Hauptteil werden die generellen und spezifischen Vor- und Nachteile (insb. Agency Costs, Managerialism, Mitbestimmung) beider Systeme einander gegenübergestellt.
Konklusion: Das Schlusskapitel fasst die Konvergenz der Systeme zusammen und resümiert, dass keine eindeutige Überlegenheit eines Systems empirisch belegbar ist.
Schlüsselwörter
Corporate Governance, Dualistisches System, Monistisches System, Principal-Agent-Problem, Aktiengesellschaft, Aufsichtsrat, Board of Directors, Agency Costs, Mitbestimmung, Pfadabhängigkeit, Shareholder Value, Stakeholder Value, Unternehmensführung, Rechtsvergleichung, Konvergenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem dualistischen und dem monistischen Führungssystem von Unternehmen und bewertet deren jeweilige Vor- und Nachteile.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Corporate Governance-Strukturen in Deutschland, den USA und Großbritannien, die Rolle von Kontrollorganen sowie die Auswirkungen der Mitbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Funktionalität der verschiedenen Unternehmensverfassungen zu erlangen, statt nur abstrakt nach der Überlegenheit eines Systems zu fragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den rechtsvergleichenden Ansatz, um die Systeme losgelöst von nationalen dogmatischen Verkrustungen unter dem Aspekt der Funktionalität zu betrachten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Länderberichte zu den beiden Systemen sowie eine detaillierte Analyse spezifischer Problemfelder wie Agency Costs, Managerialism und Mitbestimmung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Corporate Governance, dualistisches bzw. monistisches System, Agency Costs, Board of Directors und Aufsichtsrat.
Inwieweit spielt die Pfadabhängigkeit für die Systeme eine Rolle?
Die Arbeit zeigt auf, dass Traditionen, Historie und das kulturelle Umfeld (z.B. Bankensysteme) die jeweilige Ausprägung des Gesellschaftsrechts stark beeinflusst haben.
Führt die Globalisierung zu einer Angleichung der Systeme?
Ja, die Arbeit stellt eine Konvergenz der Systeme fest, bei der dualistische Elemente in monistische Strukturen (und umgekehrt) übernommen werden, um die Effizienz zu steigern.
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- Fabian Reischauer (Author), 2011, Rechtsvergleichende Untersuchung der Vor- und Nachteile des monistischen und dualistischen Führungssystems, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302649