Das Verhältnis Täter-Opfer in Tadeusz Borowskis Erzählungen: "Bei uns in Auschwitz", "Bitte, die Herrschaften zum Gas" und "Ein Tag in Harmence"


Seminararbeit, 1995
21 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausschwitz und die Täter
2. 1 Die Rolle der Deutschen
2. 2 Hierarchisierung der Gefangenen

3. Opfer nicht gleich Opfer
3. 1 Gleiche unter Gleichen
3. 2 Verantwortung und Mittäterschaft
3. 3 Die Rolle des Autors

4. Dimensionen in Borowskis Schriften - Raum und Zeit

5. Schlußbetrachtung

6. Literaturhinweise

1. Einleitung

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es international zahlreiche Versuche das Thema Konzentrationslager literarisch aufzuarbeiten. Doch haben in der Regel die meisten Literaten eine zeitliche Distanz gesucht, die notwendig schien, um sich mit der Problematik des Krieges im Allgemeinen und der des Konzentrationslagers im Besonderen auseinanderzusetzen.

Anders in der polnischen Literatur, hier wurden schon Mitte der Vierziger Jahre vereinzelt Texte publiziert, die sich mit dem „Phänomen“ Konzentrationslager beschäftigen[1]. Mit den fünfziger und sechziger Jahren kam dann das Gros literarischer Veröffentlichungen zu den Greueltaten des Zweiten Weltkrieges.

Gute 35 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich in der polnischer Literatur eine Diskussion, die sich mit dem Thema „Konzentrationslager“ auf einer anderen Ebene auseinandersetzte: die kritische Betrachtung der Methoden der sowjetischen Führung unter der Herrschaft Stalins, die sogenannte „Säuberungen“, die durchaus mit den Taten der Deutschen in den Konzentrationslagern zu vergleichen waren. Da aber die politische Situation Polens in den achtziger Jahren dem sowjetischen System nahe stand, erschienen diese Werke als Untergrundliteratur ihrer Zeit.

In der Fülle der literarischen Texte, deren Problematik sich auf die Situation in den Konzentrationslagern bezieht, findet man aber nur wenige, die literarische Kunst vermitteln und zugleich als primär historische Quelle dienen. Eine Großzahl der Publikationen bezieht ihre Informationen aus zweiter Hand, aus Erzählungen von Häftlingen oder aus aktenkundigen Unterlagen. Nicht so bei Tadeusz Borowski. Seine kanonischen Texte gehören zu einer Gattung literarischer Werke, die Kunst und Geschichte vereinen.

Die Art und Weise, wie sich Borowski literarisch mit dem „Phänomen“ Konzentrationslager auseinandersetzt birgt eine Fülle von Themen. Dies würde den Umfang vorliegender Arbeit bei weitem sprengen. Aus diesem Grunde liegt es nahe ein Thema aus dieser Vielfalt zu wählen, das besonderen Charakter hat - die Darstellung der Beziehungen zwischen Opfer und Täter im Konzentrationslager Auschwitz.

Borowskis vermeintliche Zuordnung von Täter und Opfer schockiert, allein deswegen, weil sie, im klassischen Sinne, keine klare Grenzen zuweisen. Die Literatur über Auschwitz fängt also für Borowski dort an, wo sie für anderer Schriftsteller aufhört.

2. Auschwitz und die Täter

„Gdybym Ci powiedziaÄ wtedy, gdy taßczyli+my we dwoje w maÄym pokoiku o pomaraßczowym +wietle: sÄuchaj, masz milion ludzi albo dwa, albo trzy miliony, zabij ich tak, üeby nikt o tym nie wiedziaÄ, nawet oni, uwiöÜ kilkaset tysiöcy, zÄam ich solidarno+*, poszczuj czÄowieka na czÄowieka i ...- przecieü miaÄaby+ mnie za szalonego i kto wie, czy nie przerwaliby+my taßca. Ale pewnie tak bym nie powiedziaÄ, nawet gdybym znaÄ obÖz.“[2]

Borowskis Erzählungen über Ausschwitz demonstrieren mit aller Schärfe, daß Unmenschlichkeit und Grausamkeit in den Konzentrationslagern des Deutschen Reiches geherrscht haben. Auschwitz ist für ihn strategisch betrachtet, das Symbol einer Schlacht, in der eine gut organisierte Minderheit aus Deutschland hilflose und wehrlose Massen aus ganz Europa terrorisierte und mit Hilfe der Waffe „Gas“ vernichtete.[3] Er macht auch unmißverständlich klar, daß dies das Resultat eines Systems und die logische Folge der Maschinerie des Dritten Reiches unter besonderem Einfluß von Einheiten wie der SS und der nationalsozialistischen Propaganda sind.

Borowskis Schriften zeigen aber auch, und dies ist ein wesentliches Element seines literarischen Schaffens, daß aus einer anderen Perspektive betrachtet, die strikte Einteilung in die Deutschen als Täter und die Gefangenen als Opfer aufgehoben werden kann. Täter findet man bei Borowski auch innerhalb der Gruppe der Gefangen.

Die andere Dimension, die hier geschaffen wird, läßt Raum und Zeit der Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges unter ganz anderen Voraussetzungen erscheinen. Die literarischen Figuren der Werke wie „Bei uns in Ausschwitz“ oder „Bitte, die Herrschaften zum Gas!“ gewinnen beim Leser Sympathie oder Antipathie nicht anhand der Rollenverteilung „deutsch“ und „nichtdeutsch“, sondern anhand der Dramaturgie des Lagerlebens.

2.1 Die Rolle der Deutschen

Im Wesentlichen unterscheidet Borowski in seinen Schriften zum Thema Ausschwitz einen globalen und einen individuellen Aspekt des „deutsch-seins“. Einerseits spricht er von einer ganzen Nation, vom Deutschen Reich des Nationalsozialismus als eine Einheit und andererseits beschreibt er einzelne Figuren, deutsche Frauen wie Männer, die im Konzentrationslager Ausschwitz eine bestimmte Funktion ausüben.

Global betrachtet, sieht Borowski im „deutschen Wesen“ eine Ausbeutung der menschlichen Kraft, eine Anhäufung von Kriegsbeuten und nicht zuletzt die Vernichtung ethnischer Kulturen durch die Konzentrationslager. „CiaÄo wykorzystali, jak siö da: wytatuowali na nim numer, üeby zaoszczödzi* obroüy, dali tyle snu w nocy, üeby czÄowiek mÖgÄ pracowa*, i tyle czasu w dzieß, aby zjadÄ. I jedzenia tyle, üeby bezproduktywnie nie zdechÄ. [...] Jak umrzesz-wyrwä ci zÄote zöby, juü poprzednio zapisane w ksiögi obozu.“[4]

Zugleich klagt er deutsche Firmen an, die sich am „Auschwitzgeschäft“ bereichern und dadurch die ökonomische Komponente des totalen Kriegs erfüllen. „Pracujemy w fabrykach i kopalniach. Dokonujemy olbrzymiej pracy, z ktÖrej kto+ ciägnie niesÄychany zysk. [...] Dziwne sä dzieje tutejszej firmy Lenz. [...] Jak wszystkie firmy niemieckie, powiöksza kapitaÄ zakÄadowy. ZrobiÄ na O+wiöcimiu olbrzymi interes i spokojnie czeka koßca wojny.“[5]

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, unterscheidet sich Borowski nicht unbedingt von der „traditionellen Berichterstattung“ über die Rolle der Deutschen im Zweiten Weltkrieg und in den Konzentrationslagern. Sie sind es , die den Krieg angefangen und totalitär geführt haben. Für ihre Vernichtungsstrategie haben sie alle menschlichen, materiellen und moralischen Reserven ausgenutzt, die modernste Technologien ihrer Zeit wie auch wirtschaftliche, psychologische und ideologische Mittel zur Massenvernichtung eingesetzt - sie sind die Täter.

In erster Linie aber lernt der Leser Borowskis Schriften die literarischen Figuren mit dem Kennzeichen „Deutsche“ als Individuen kennen. Sie unterscheiden sich, besitzen Namen und charakteristische Eigenschaften. So macht Borowski die Deutschen zu einfachen Beamten oder Aufsehern, die ihre Arbeit verrichten. “Z boku stoi mÄody gÄadko wygolony pan, esman z notatnikiem w röku; kaüde auto to kreska [...] Pan jest zrÖwnowaüony i dokÄadny.“[6] Dieser Deutsche erfüllt nicht die Kriterien eines typischen Täters, er hat nichts dämonisches in sich und ist auch kein Todesengel, er erfüllt als loyaler Bürger seine Pflicht und ist ein Mensch wie du und ich, der seine Arbeit tut.[7]

[...]


[1] Neben Borowskis Schriften gab es auch Werke von Seweryna Szmaglewska „Dymy nad Birkenau“, die nur kurze Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges publiziert worden sind. Des weiteren: Wanda PÖÄtawska, Pola Gojawiczyßska, Gustaw Morcinek, MichaÄ Rusinek, Jerzy Andrzejewski, Wanda Dobaczewska, Krystyna Zywulska, Zofia Kossak, Maria Zaröbißska-Broniewska, Tadeusz RÖüewicz. Vgl.: WÖjcik, WÄodzimierz: Opowiadania Tadeusza Borowskiego,1972, S. 27-28

[2] Borowski, Tadeusz: U nas w Auschwitzu, 1982,S. 86. „Hätte ich Dir gesagt, damals, als wir beide in meiner kleiner Kammer tanzten, unter der orangenfarbenen Lampe, nimm eine Million Menschen, nimm zwei Millionen Menschen oder drei Millionen und töte sie, aber so, daß niemand etwas davon erfährt, selbst die Getöteten nicht, nimm einige hunderttausend Menschen gefangen, brich ihr Solidaritätsgefühl, hetze einen Menschen auf den anderen Menschen und Du hättest mich glatt für verrückt erklärt und wahrscheinlich sogar aufgehört, mit mir zu tanzen. Ich hätte es natürlich niemals gesagt, auch dann nicht, wenn ich damals schon ein Lager gekannt hätte.“ Die deutsche Fassung, die dieser Arbeit zugrunde liegt, orientiert sich an der Übersetzung von Vera Cerny, München 1987. Im Fließtext dieser Arbeit werden die Titel der Erzählungen Borowskis in der deutschen Version wiedergegeben.

[3] Drewnowski, Tadeusz: Ucieczka z kamiennego +wiata. O Tadeuszu Borowskim, 1992, S. 190

[4] Borowski, Tadeusz: U nas w Auschwitzu, in: Wspomnienia.Wiersze.Opowiadania,1982, S. 99. Sämtliche Erzählungen Borowskis, die in dieser Arbeit verwendet werden, sind in dieser Publikation erschienen. Im folgenden wird nur noch die Titel der jeweiligen Erzählung genannt.

„Das Fleisch haben sie bis zum äußersten ausgenutzt: eine Nummer eintätowiert, um das Hundehalsband zu sparen; nachts geben sie soviel Schlaf, daß der Mensch tagsüber arbeiten kann; tagsüber soviel Zeit, daß er essen kann. Und soviel Essen, daß er nicht unproduktiv verrecken kann. [...] Stirbst du, reißen sie dir die goldenen Zähne heraus, die sie schon vorher im Lagerbuch eingetragen hatten.“

[5] Ebda., S. 100. „Wir arbeiten in Fabriken und Gruben. Wir schuften, und jemand heimst den riesigen Gewinn ein. [...] Denke nur an die Firma Lenz: [...] Wie die meisten deutschen Firmen hat auch sie ihr Stammkapital angehoben. Auschwitz war ihr bestes Geschäft, jetzt wartet sie ruhig das Kriegsende ab.“

[6] Borowski, Tadeusz: Proszö paßstwa do gazu, 1982, S. 150. „Neben ihnen steht ein ss-Mann. Er ist jung und glattrasiert, hält ein Notizbuch in der Hand, macht für jeden Lastwagen einen Strich. [...] Der junge Herr arbeitet ohne Hast, bedächtig und gründlich.“

[7] Vgl.: Drewnowski, Tadeusz, 1992, S. 201

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis Täter-Opfer in Tadeusz Borowskis Erzählungen: "Bei uns in Auschwitz", "Bitte, die Herrschaften zum Gas" und "Ein Tag in Harmence"
Hochschule
Universität zu Köln  (Slavisches Institut)
Veranstaltung
Seminar: Auschwitz in der polnischen Literatur - Borowski und Andrzejewski
Note
2
Autor
Jahr
1995
Seiten
21
Katalognummer
V30266
ISBN (eBook)
9783638315616
ISBN (Buch)
9783638748551
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Täter-Opfer, Tadeusz, Borowskis, Erzählungen, Auschwitz, Bitte, Herrschaften, Harmence, Seminar, Literatur, Borowski, Andrzejewski
Arbeit zitieren
Teresa Wanczura (Autor), 1995, Das Verhältnis Täter-Opfer in Tadeusz Borowskis Erzählungen: "Bei uns in Auschwitz", "Bitte, die Herrschaften zum Gas" und "Ein Tag in Harmence", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30266

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