Aristoteles' Konzeption eines guten Lebens

Ob und inwiefern ist das theoretische Leben auch das lustvollste?


Essay, 2014

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Lebensformen

3 Glück als Ziel des guten Lebens

4 Das theoretische Leben (bios theoretikos) als das lustvollste

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Lexika/Wörterbücher

1 Einleitung

Im Laufe der Geschichte haben sich viele Menschen mit der Frage beschäftigt, was ein gutes und glückliches Leben ausmacht und auch heute ist dieses Thema sehr aktuell und umstritten. Es gibt zahlreiche verschiedene Ansichten, ein gutes und glückliches Leben zu führen. Pragmatiker machen es bspw. abhängig von Wohlhabenheit und äußeren materiellen Glücksgütern, während Hedonisten der individuelle Lustgewinn und die innere Seelenruhe sehr wichtig sind.

Eins haben jedoch alle Ansichten gemeinsam, nämlich das Streben nach Erfüllung, Befriedigung und dessen Inbegriff des Glücks.

Im Folgenden möchte ich mich im Hinblick auf dieses Thema mit Aristoteles (384-321 v.Chr.) beschäftigen. Es soll untersucht werden, welche Ansicht er von einem guten Leben vertrat und welche Lebensform nach ihm die glückstauglichste ist. Die Rolle der Lust soll in diesem Zusammenhang kritisch geprüft werden, um abschließend feststellen zu können, ob und inwiefern seine glückstauglichste Lebensform auch die lustvollste ist.

Beziehen werde ich mich insbesondere auf das 10. Buch, Kapitel 6/7 der Nikomachischen Ethik (322 v. Chr.) und das 1. Buch, Kapitel 1/2 aus seiner Metaphysik.

2 Lebensformen

Aristoteles unterscheidet im 1. Buch seiner Nikomachischen Ethik hervorstehende verschiedene Lebensformen (bioi), von denen die ersten drei vorangestellten als glücksuntauglich gelten. Das Genussleben (bios apolaustikos), in dem man von seinen jeweiligen Bedürfnissen und Interessen abhängig ist; das am Reichtum orientierte Leben (bios chrematistes), in dem Geld als Mittel zum Zweck dient und das politische Leben (bios politikos 1) mit dem Ziel der Ehre, in dem man sich von anderen abhängig macht. Als glückstauglich bleiben zwei Lebensformen übrig: Ein Leben der sittlich-politischen Tugenden (bios politikos 2) und eines der wissenschaftlich-philosophischen Tugenden (bios theoretikos). (Vgl. 6.2.2., S. 57/58)

Die Frage, die sich hier stellt, besteht darin, wovon Aristoteles abhängig macht, ob eine Lebensform glückstauglich ist oder nicht. Dies soll im Folgenden geklärt werden.

3 Glück als Ziel des guten Lebens

Laut Aristoteles ist bei einem glücklichen Leben die Tätigkeit und die Handlung selbst das Ziel. Bei Bauarbeiten ist das Ziel bspw. die Fertigstellung eines Hauses, während es beim Kitharaspielen kein weiteres Ziel gibt. (Vgl. 6.3.3, S. 252)

Die ersten drei genannten Lebensformen können somit keine glückstaugliche Lebensform darstellen, weil sie nicht um ihrer selbst willen agieren, sondern als Mittel zum Zweck oder in Abhängigkeit von anderen dienen. Glückseligkeit wird in eine Tätigkeit gesetzt, dh. dass die Tätigkeit selbst begehrenswert ist und glücklich macht (=antarcia, Selbstgenügsamkeit). Um bei dem o.g. Beispiel zu bleiben, kann man veranschaulicht darlegen, dass die Glückseligkeit in das Kitharaspielen gesetzt wird und sie sich somit selbstgenügsam ist.

Es geht bei einer glücklichen Lebensform also nicht darum, dass man ein Ziel erreicht, sondern in der Ausübung der Tätigkeit selbst steckt das zu erreichende Ziel. Aristoteles lehnt individuelle Bedürfnisse in diesem Zusammenhang ab. Eine Befriedigung individueller Bedürfnisse ist im Zusammenhang mit einer glücklichen Lebensführung nicht relevant, sondern es geht um ein glückliches Leben im Ganzen. Der Begriff der Tugend ist hier von zentraler Bedeutung ein, da es sich bei den Tätigkeiten um tugendhafte Tätigkeiten handelt, die nichts mit individuellen Lustbedürfnissen zu tun haben. Tugendhafte Handlungen meiden Extreme und sind darauf bedacht, nicht nur dem eigenen Wesen, sondern auch den Mitmenschen zu entsprechen. Jede Handlung setzt eine gewisse Antriebskraft oder auch Lust voraus. „Vorausgesetzt ist, daß man sich von den naturwüchsigen Antriebskräften in ihrer Unmittelbarkeit distanziert, sich in ein Verhältnis zu ihnen setzt und kraft dieses Selbstverhältnisses nur solche Einzelziele verfolgt, die sowohl untereinander als auch mit denen der Mitmenschen einen inneren Zusammenhang bilden. Eine derartige Ordnung ist aber nicht angeboren, sondern wird durch Einüben gelernt: Besonnen wird man durch besonnenes, gerecht durch gerechtes Handeln.“ (Vgl. 6.3.2, S. 58) Das heißt, dass mit einer guten glücklichen Lebensführung in keinster Weise das individuelle egoistische Glück gemeint ist, sondern dass ein glückliches Leben in einem tugendhaften Leben verwirklicht wird.

Nach Aristoteles sind somit die Lebensformen der sittlich-politischen (bios politikos 2) und der wissenschaftlich-philosophischen Tugend (bios theoretikos) glückselig, weil das Glück nicht erst im Lohn der ausgeübten tugendhaften Tätigkeit liegt, sondern in dem von der Tugend geprägten Leben selbst. […] Dieses Glück ist insofern das Wünschenswerteste, als ihm nichts mehr hinzugefügt werden könnte.“ (Vgl. 6.3.2, S. 57)

4 Das theoretische Leben (bios theoretikos) als das lustvollste

Im Kontext der Analyse des guten Lebens wurde festgestellt, dass bios politikos 2 und bios theoretikos zu einer glückseligen Lebensform zählen. Aristoteles plädiert nunmehr für die theoretische Lebensform als die beste und glückseligste. Im Folgenden soll diese Ansicht untersucht werden, um anschließend beurteilen zu können, ob man bei der theoretischen Lebensform auch von der genussvollsten sprechen kann. Hierzu werde ich mich auf das 1. Buch, Kapitel 1/2 der Metaphysik beziehen. Im 1. Kapitel hebt Aristoteles die Bedeutsamkeit der theoretischen Künste hervor, in dem er ihnen am meisten Weisheit zuspricht und im 2. Kapitel geht er genauer auf den Weisheitsbegriff ein und erläutert deren Entstehung.

Im 1. Kapitel weist Aristoteles zunächst einmal daraufhin, dass alle Menschen von Natur aus nach Wissen streben. Grund hierfür ist die Freude an den Sinneswahrnehmungen. Aus den Sinneswahrnehmungen ergeben sich Erinnerungen und aus diesen entsteht letztendlich die Erfahrung. Wissenschaft und Kunst entstehen aus gesammelten Erfahrungen. Demzufolge sind Wissenschaftler und Künstler weiser als Erfahrene, weil sie etwas nicht nur wahrnehmen und erkennen, sondern auch hinterfragen. Hieraus lässt sich also schlussfolgern, dass theoretischen Künsten und Wissenschaften mehr Weisheit zugesprochen wird als praktischen. Als Beispiel nennt Aristoteles hierfür Handwerker, die in der Praxis aufgrund der gesammelten Erfahrung, bestens ausgebildet sind, aber die sich prinzipiell nicht für das „Theoretische“ interessieren. Somit wird ihnen weniger Weisheit zugesprochen als Theoretikern, weil diese hinterfragen und somit erklären können, warum etwas wie ist.

Das 2. Kapitel beginnt mit der Beschreibung eines Weisen, in dem er ihm verschiedene Merkmale zuordnet. Er soll bspw. so viel Wissen wie möglich besitzen; Schwieriges erkennen und verstehen können; sehr genau und in der Lage sein, Ursachen lehren zu können. Anschließend erklärt er, dass dem Weisen eine Wissenschaft zugesprochen wird, die am meisten das Allgemeine zum Gegenstand hat. Bedeutend ist, dass die Wissenschaft nicht um eines Nutzens willen nach Wissen forscht, sondern einzig um seiner selbst willen. Bei dieser allgemeinsten Wissenschaft spricht Aristoteles von der Philosophie. Beim Philosophieren geht es nämlich um die Erkenntnis (eidenai) und nicht um einen Nutzen. Da die theoretische Lebensweise dem Verhaltensmuster der Götter am ehesten entspreche, sei dies die vollkommenste Form der Tätigkeit. Die Götter gelten als glücklichste Wesen und verkörpern die uneingeschränkte Glückseligkeit, der die Menschen so nah wie möglich zu kommen versuchen. Demzufolge gilt die menschliche Fähigkeit, die in der theoretischen Lebensform gebraucht wird, als die, die am nächsten an etwas Göttliches herankommt. Wenn Aristoteles von der theoretischen Lebensform als die glückseligste spricht, schließt diese die Lust als ein Gut mit ein und man kann durchaus sagen, dass sie somit auch die lustvollste Lebensform darstellt. Es ist wichtig, dass man hier jedoch von einem glückseligen und lustvollen Leben im Ganzen und den individuellen Lüsten unterscheidet.

5 Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Aristoteles hinreichend hergeleitet hat, weshalb die wissenschaftlich-philosophische Lebensform (bios theoretikos) als die glückseligste gilt. In der Ausübung der philosophischen Wissenschaft strebt der Mensch um seiner selbst willen, nicht um eines Nutzen wegen. Die theoretische Philosophie hinterfragt und erlangt somit Weisheit, wodurch sie andere belehren und für andere nützlich sein kann. Die Glückseligkeit ist in allen Lebensformen das Ziel und Ende alles menschlichen Tuns. Der Unterschied zwischen der theoretischen Lebensform und anderen Lebensformen besteht jedoch darin, dass die Glückseligkeit in dem Ausleben der wissenschaftlich-philosophischen Lebensform selbst liegt und nicht erst erreicht werden muss. Es ist deutlich geworden, dass es sich hierbei nicht um individuelle Lust-Bedürfnisse handelt, die in der Ausübung der Tätigkeit befriedigt werden sollen. Vielmehr geht es um das Leben im Ganzen, das Glückseligkeit für das Individuum und seine Mitmenschen mit sich bringt. Tugendhafte Handlungen schließen eine Selbstregulation der Bedürfnisse mit ein, was bedeutet, dass der glückseligste Mensch kein verschwenderisches Leben führt, sondern ein harmonisches und gleichmäßiges Leben, in dem man Extreme meidet.

[...]

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Details

Titel
Aristoteles' Konzeption eines guten Lebens
Untertitel
Ob und inwiefern ist das theoretische Leben auch das lustvollste?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Einführung Philosophie im Unterricht
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
7
Katalognummer
V302677
ISBN (eBook)
9783668008397
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, gutes und glückliches Leben
Arbeit zitieren
Jessica Krüger (Autor), 2014, Aristoteles' Konzeption eines guten Lebens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302677

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