Produktion und Rezeption des Memes „Confession Bear“ als Ermächtigung zur Verhandlung gesellschaftlicher Normen


Hausarbeit, 2015

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Mekmale der Plattform „9GAG“ und des Memes „Confession Bear“
2.1 Analyse I: Memetisches Sprechen und das Thematisieren gesellschaftlicher Normen
2.2 Analyse II: Einbettung des Memes in die kommunikative Infrastruktur von 9GAG

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Meme Nachweise

1. Einleitung und Fragestellung

Mitte der 1990er Jahre etablierte sich das Internet als neues Medium und unterschied sich mit seiner dezentralen, interaktiven und multimedialen Kommunikationsstruktur radikal von Rundfunk, Fernsehen und Printmedien. Die globale Konnektivität übertraf in ihrer Reichweite die konventionellen Massenmedien; die Verschränkung mit den Technologien der Telekommunikation ermöglichte erstmals das Erleben einer digitalen Reziprozität.[1]

Medienwissenschaftler, Soziologen und Philosophen reagierten auf das technische Novum, indem sie die digitale Sphäre des Netzes in vielfältiger Weise mit Hoffnungen und Erwartungen hinsichtlich ihres gesellschaftstransformativen Potenzials befrachteten. Der Medienwissenschaftler Mark Poster fokussiert sich in seinem Aufsatz „Elektronische Identitäten und Demokratie“ von 1997 im Zuge dieses Diskurses auf die Möglichkeiten der virtuellen Selbstkonstitution über die neuartigen Kommunikationsformen des Netzes. Diesen Prozessen gesteht er, wenn auch mit der Zurückhaltung eines kritischen Theoretikers, die Macht zur gesellschaftlichen und politischen Neuordnung des Webs und der analogen Welt zu. Poster sieht in den anonymen Chatrooms („MOOs“) die Chance einer freien Identitätsbildung, die losgelöst von gesellschaftlichen Kategorien (Hautfarbe, Geschlecht, sozialer Status) mit textuellen und sprachlichen Mitteln eigenmächtig gestaltet wird. Merkmale, an die vormals politische oder gesellschaftliche Machtpositionen geknüpft waren, verlieren so im „MOO“ ihre Bedeutung.[2] Die Partizipation an nicht-hierarchischen Interaktionen, die Erfahrung des freien und anonymen Meinungsaustausches und die Akzeptanz der selbstkreierten Identität können die Nutzer, so Posters Argumentation, dahingehend transformieren, dass ihr neues Erleben des Selbst und des Sozialen auch in einem veränderten politischen Verhalten mündet. [3] Konkret bedeutet dies, dass das Internet und seine technischen Kommunikationsmöglichkeiten als ein Raum betrachtet werden, in dem gesellschaftliche und politische Kategorien als konstruiert und somit veränderlich wahrgenommen werden können. Ein solches Erleben kann, folgt man Posters Prämisse, in nie dagewesener Weise zu Diskussion, Partizipation, politischer und gesellschaftskritischer Selbstermächtigung ermutigen und so digital wie analog zu einem Korrektiv gegenüber gesellschaftlichen Machtverhältnissen werden.[4]

Gut zwanzig Jahre später steht der Entwurf, den Mark Poster skizzierte, einer komplexen, teilweise widersprüchlichen virtuellen Realität gegenüber. Statt kleiner dezentraler Teilnetzwerke (beispielsweise „MOOs“) bündeln große Globalplayer (an erster Stelle, gemessen an ökonomischem Erfolg und öffentlicher Beachtung: Facebook und Google) die Daten- und Kommunikationsströme des Netzes.[5] Informelle, themenbezogene und anonyme Kommunikationsplattformen, sind größtenteils transnationalen, sozialen Netzwerken gewichen, in denen Nutzer sich über ihre zivile Identität registrieren und identifizieren. Der Strukturwandel hin zum Web 2.0 und Social Media postuliert Vernetzung als gesellschaftliches und wirtschaftliches Paradigma der globalisierten Welt.[6] Aus der Perspektive der Nutzenden, eröffnen sich so ungleich vielfältigere Optionen der Interaktion, Kollaboration und Produktion, als es sie in den technisch voraussetzungsreicheren Betätigungsfeldern des frühen Webs gab.[7]

Die Feststellung, dass diese Prozesse dabei nicht nur von ökonomischer, sondern auch von sicherheitspolitischer Relevanz sind, prägte ab Mitte 2013, anlässlich der Aufdeckung der Spähaktivitäten des NSA, den öffentlichen Diskurs über das Internet. Der Journalist Sascha Lobo reagiert in seinem vielbeachteten Artikel „Abschied von der Utopie. Die digitale Kränkung“[8] auf die Enthüllungen Edwards Snowdens und die damit einhergehende Notwendigkeit zur Veränderung des publizistisch und wissenschaftlich kultivierten Internetnarrativs. Das staatliche Ausspähen persönlicher und intimer Daten stellt, so Lobo, eine andauernde Verletzung bestehender Grundrechte dar. Unter diesen Voraussetzungen wird die Unterscheidung zwischen öffentlichen und privaten Sphären des Netzes obsolet. Die Totalüberwachung verunmöglicht jedes Verständnis des Internets als unbedenklicher Erfahrungsraum sozialer Vernetzung und Selbstentfaltung, so die Schlussfolgerung Lobos. [9]

Die hier angeführten Tendenzen vermitteln einen widersprüchlichen Eindruck. Technisch und infrastrukturell bietet das Internet nie dagewesene Möglichkeiten der digitalen Selbstartikulation, Kommunikation und sozialen Vernetzung. Demgegenüber steht das Wissen um die flächendeckende Überwachung aller virtuellen Handlungen. Doch trotz der grundlegend veränderten Voraussetzung der Internetnutzung werden die Räume der Interaktion, Kollaboration und kreativen Produktion weiterhin ausgiebig genutzt. Auf Facebook, Blogs und Unterhaltungs- und Popkulturplattformen wie 9GAG, reddit und 4chan werden vielfältige multimediale Inhalte und Selbstbekenntnisse erstellt, geteilt und diskutiert. Viele dieser Beiträge sind, in Bezug auf ihre Produktion und Rezeption, nicht allein im Rahmen der konventionellen Kommunikationskategorien (Schrift, Bild oder Ton, beziehungsweise in ihrer Verschränkung: Film) beziehungsweise ihrer Rezeptionsmodi zu fassen. Es handelt sich um sogenannte Internetmemes, „[…] eine Gruppe digitaler Einheiten, die gemeinsam Eigenschaften im Inhalt, in der Form und/ oder der Haltung aufweisen, die […] in bewusster Auseinandersetzung mit anderen Memen erzeugt und von vielen Usern im Internet verbreitet, imitiert und/ oder transformiert wurden.“[10] Memes können beispielsweise bearbeitete Fotos, Comics, Collagen oder selbst produzierte Videos sein. Sie transportieren Botschaften und Haltungen die sich, via Web 2.0-Strukturen, schnell mit großer Reichweite verbreiten können und Produzenten zu einer kreativen und individuellen, themenbezogenen Stellungnahme ermächtigen; je nach spezifischer Beschaffenheit des Memes kann diese Stellungnahme anonym sein.[11] Die Tatsache, dass die memetischen Inhalte häufig politische, soziale oder kulturelle Normen und Realitäten verhandeln, macht sie zu einem neuartigen Modus der gesellschaftskritischen Artikulation.

Im Folgenden überprüfe ich an einem spezifischen Internetmeme, in welchem Verhältnis die Form des memetischen Sprechens, im Kontext der Web 2.0-Strukturen, zur Internetutopie Mark Posters steht. Inwiefern kann die Produktion und Rezeption von Memes dazu ermächtigen gesellschaftliche Normen zu verhandeln? Und lässt sich aus diesen Betrachtungen ein neues, optimistisches Internetnarrativ bilden?

Ich werde dazu den „Confession Bear“, ein Meme aus der sogenannten Kategorie der „Stock Character Macros“[12] analysieren. Bei dieser Art des memetischen Ausdrucks fungiert ein Protagonist (Tier, Mensch, fiktive Charakter) als Symbol einer dominanten Eigenschaft oder sozialen Situation (zum Beispiel Pech, Scham, Doppelmoral etc.).[13] Hierbei bleibt die wahre Identität des Nutzers unbekannt und der Produzent expliziert sich lediglich durch das individuelle Ausfüllen der vorgesehenen Textzeilen. Diese Spezifik der Stock Character Macros bietet im Speziellen Raum für die Mitteilung überaus privater und intimer Gedanken und Alltagserlebnisse. Die Analyse erfolgt in zwei Teilen; zum einen betrachte ich wie mittels des Memes „gesprochen“ wird und inwiefern dabei gesellschaftlichen Normen thematisiert werden, zum anderen analysiere ich wie das Meme in die kommunikative Infrastruktur der Unterhaltungs-Plattform 9GAG eingebettet ist, sprich: welche Art von Kommentaren und Reaktionen sich aus memetischen Beiträgen ergeben. Dabei konzentriere ich mich zuerst ganz auf die Betrachtung des „Confession Bears“; im Anschluss werde ich die Ergebnisse der Analysen, mit Hinblick auf meine Forschungsfrage, auch in Bezug auf die kommunikative Voraussetzungen des Web 2.0s und das Internetnarrativ von Poster interpretieren.

Für ein besseres Verständnis der Inhalte werde ich eingangs die Plattform und das Meme in Grundzügen darstellen. Im Rahmen meiner Analyse beschränke mich auf die Betrachtung einiger besonders repräsentativer Varianten des „Confession Bears“. Die Erforschung des Memes wird dabei größtenteils explorativ sein. Als memetisch gilt ein Inhalt, wenn er auf eine bestimmte Weise vervielfältigt und abgewandelt wird; die Inhalte der Internetmemes sind jedoch höchst unterschiedlich, ebenso wie ihre sozialen Funktionen. Damit sind Memes in Hinblick auf ihre spezifische Thematik nicht durch eine vorgefertigte Theorie zu erfassen. Bei der Definition allgemeiner Meme-Charakteristika beziehe ich mich auf Limor Shifmans, die in ihrer Arbeit „Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“ eine breite Bestandsaufnahme über vielfältige memetische Phänomene präsentiert. Die Informationen über Verbreitung und Aufkommen des Confession Bears habe ich der professionell betriebenen Meme-Enzyklopädie „Know Your Meme“ entnommen. Die Plattform gilt als bedeutendstes und größtes Archiv bekannter Internetphänomene.

2. Mekmale der Plattform „9GAG“ und des Memes „Confession Bear“

„9GAG“ ist eine englischsprachige Unterhaltungsplattform die 2008 von Ray Chan gegründet wurde. Die meisten Inhalte setzen sich in humorvoller Weise mit popkulturellen Phänomenen und dem Alltagserleben der Mitglieder auseinander; häufig mit memetischen Kreationenen (größtenteils „Stock Character Macros“).[14] Registrierte Nutzer können Bilder, GIF-Animationen und Videos hochladen, bewerten und kommentieren. Memetische Inhalte können jedoch nicht direkt auf 9GAG sondern nur auf speziellen Konfiguratoren-Websites erstellt werden. Laut einer Statistik der Medien-News-Website „AllThingsD“ gilt 9GAG im Jahr 2012 mit zirka 67 Millionen Besucher pro Monat (Stand: März 2012), noch vor den vergleichbaren Plattformen „reddit“ und „4chan“ als meistbesuchtes Onlineportal, auf dem Memes geteilt und kommentiert werden.[15] Die Facebookseite von 9GAG hat 24.331.149 „Gefällt-Mir“-Angaben (Stand: 2. Juni 2015. [16] Im Gegensatz dazu verzeichnet „reddit“ nur 715.943 „Likes“[17] ). Die Selbstbeschreibung der Seite betont den Aspekt der sozialen Vernetzung mittels gemeinsamer humoristischer Bezugspunkte: „9GAG is your best source of happiness. Share anything you find interesting, get real responses from people all over the world, and discover what makes you laugh.“[18]

Der „Confession Bear“ ist ein scheinbar traurig dreinblickender Malaienbär, der sich über einen Baumstamm lehnt und den Betrachter direkt anschaut. Das Meme wurde 2012 auf der Plattform „reddit“ erstmals hochgeladen. Sein Erfinder benennt in einer angefügten Erklärung die Funktion des Bärens: “I have a lot of weird stuff that I’d like to be able to confess to reddit so i can get it off my chest, so I made Confession Bear.” In den darauffolgenden Tagen erhielt die erste Variante des Memes („I ABSOLUTELY LOVE THE SMELL OF MY OWN BALLS“), laut Meme-Verzeichnis „knowyourmeme.com“ zirka 13.000 positive Bewertungen und 1.100 Kommentare. Danach wurden vielfältige weitere Versionen des „Confession Bears“ auch auf anderen vergleichbaren Plattformen hochgeladen.[19] Auf 9GAG gibt es 200 Ergebnisse zum Suchbegriff „Confession Bear“ (Stand: 2. Juni 2015). Die Tatsache, dass der Bear trotz seines dreijährigen Bestehens und einigen vergleichbaren Konkurrenzmemes (zum Beispiel „Confession Kid“) auf der gegenwärtig meistbeachteten Unterhaltungsplattform des Netzes in ausgeprägter Form präsent ist, macht ihn zu einem überaus erfolgreichen memetischen Inhalt. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass die spezielle Thematik des Confession Bears viele Nutzer anspricht und so, in verschiedener Weise, zu einer Stellungnahme oder memetischen Nachahmung anregt – damit wird der Bär aus medienwissenschaftlicher Sicht zu einem interessanten Internetphänomen.

2.1 Analyse I: Memetisches Sprechen und das Thematisieren gesellschaftlicher Normen

Das Meme „Confession Bear“ soll ermöglichen kontroverse Meinungen, absurde, peinliche Erlebnisse oder tabuisierte Handlungen auszudrücken. Im Folgenden geht es darum, wie genau über das Meme „gesprochen“ wird und inwiefern sich der memetisch Nachahmende mit seiner Version des Bears zu gesellschaftlichen Normen ins Verhältnis setzt, beziehungsweise diese verhandelbar machen kann.

Die meisten Versionen des „Confession Bear“ erzählen vom Scheitern im sozialen Leben; mit Ausfüllen der „Schablone“ misst der Memeproduzent sein Handeln oder seine Meinung selbst an impliziten gesellschaftlichen Regeln und Normen.[20] Das Bild des Bären ist durch die Idee des Erfinders und die Vielzahl an kreativen Nachahmungen, die das Meme viral verbreiteten, so codiert worden, dass Mitglieder entsprechender Plattformen oder Jugend- und Geekkulturen in ihm eine vorgefertigte Schablone des Sprechens oder „Beichtens“ erkennen. Dem artikulierten Gefühl von Scham oder Schuld entspricht symbolisch der scheinbar traurige Blick des Bären. Wer also der Plattform-Community mittels Bear „I’VE BEEN ON CHRISTMAS VACATION TWO WEEKS – AND I’VE SHOWERED TWICE, AND ONLY CHANGED CLOTHES THREE TIMES TO GO OUT“[21] mitteilt, offenbart nicht nur die eigenen Standards der Körperhygiene, sondern benennt damit gleichzeitig die gesellschaftliche Übereinkunft darüber, dass öfter als einmal in der Woche geduscht werden sollte. Dass das eigene Verhalten als abweichend, sogar beschämend wahrgenommen wird, ist durch die Verwendung der Meme-Schablone bereits expliziert. Der Inhalt wird dabei immer zweigeteilt aufbereitet: das obere Textfeld schildert einen neutralen Tatbestand, der untere Teil des Gesagten beinhaltet eine unerwartete Wendung, die nur im Kontext des zuerst Gesagten zur Pointe wird. Das Beschämende, Merkwürdige wird erst vor dem Hintergrund der Norm zum unnatürlichen Abweichen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Inhalte des Confession Bear-Memes fast immer eine Diskrepanz zwischen gesellschaftlich Erwünschtem und der individuellen Realität des Einzelnen darstellen. Thematisiert werden dabei nahezu alle Teilbereiche des Sozialen, zum Bespiel Beziehungen (romantischer, freundschaftlicher und familiärer Art), Sexualität, Geschlechterrollen und die Anforderungen des Berufslebens oder verschiedener Bildungsinstitutionen. Einige Beiträge schildern darüber hinaus Absurdes oder Merkwürdiges, das in Situationen erlebt wurde, in denen sich die verschiedenen sozialen Bereiche unvorhergesehen kreuzten und auf kein vorgefertigtes Handlungsmuster zurückgegriffen werden konnte (zum Beispiel: „I WAS ONCE STANDING IN THE SHOWER AFTER TURNING OFF THE WATER - MY FEMALE COUSIN THEN CAME IN TO TAKE A SHIT, AND I JUST STOOD BEHIND THE CURTAIN AND WAITED IT OUT TRYING TO STAY QUIET“).[22] Andere Varianten des Memes widersprechen ganz allgemein dem Imperativ geordneter Rationalität. („I STARTED TO WRITE WITH MY LEFT HAND – IN CASE I LOSE MY RIGHT HAND“[23] ).

In allen Fällen offenbart der Produzent der memetischen Variante etwas, das ihn, sollte das Gebeichtete mit seiner realweltlichen Identität in Verbindung gebracht werden, gesellschaftlich diskreditieren oder exkludieren kann. Möglich wird dies durch die Maske des „Confession Bears“, die dem Nutzer erlaubt dabei, anonym zu bleiben. Inwiefern es sich hierbei im technischen Sinne um Anonymität handelt, ist schwer zu bestimmen. Ist der jeweilige 9GAG-Account über ein Facebook- oder Googlekonto (die in der Regel recht eindeutigen Rückschluss auf die Identität einer Person zulassen) registriert, sind die Beiträge des Nutzers über sein Profil ersichtlich. Wer sich mit einer Email-Adresse ohne Identitätsmerkmale anmeldet, bleibt in der Community jedoch höchstwahrscheinlich unerkannt. Auf kommunikationstheoretischer Ebene kann das Erstellen einer „Confession Bear“-Variante jedenfalls als anonymer Sprechakt bezeichnet werden. Diese Situation ermöglicht mit dem Unaussprechlichen, Privaten in eine Art Gemeinschaft oder Öffentlichkeit zu treten.[24] Der Verfasser der Beichte hat in diesem Modus des Sprechens die Möglichkeit, sich mit dem Peinlichen und geheim Gehaltenen in eine Bedeutungsgruppe einzureihen. Im Sinne einer visuellen und thematischen Assoziation verbindet sich der einzelne Memeproduzent mit den anderen Beichtenden. In dieser Gruppe wird das ursprünglich Abweichende zum Normierenden, das alle memetischen Varianten eint. Gleiches gilt für den bloßen Rezipienten des Memes. Er kann, sofern ihn die Aussagen via Confession Bear, in irgendeiner Form, ansprechen, auch ohne eigenen Beitrag, an der imaginierten Gruppe der Abweichenden und gesellschaftlich Scheiternden teilhaben. In technischer Hinsicht ist es durch einfach zu bedienende Konfiguratoren sehr leicht selbst eine eigene memetische Variation zu erstellen; das Weiterverbreiten des Memes ist durch die vielfältigen Implementationsfunktionen auf Facebook und besagten Unterhaltungsplattformen ebenfalls unkompliziert. So besteht, vor allem im Fall der „Stock Character Macros“, die Möglichkeit mit einfachsten Mitteln ein spezielles Meme und seine Aussagen zu einem viralen Internetphänomen zu machen. Gerade memetischen Inhalten wie der „Confession Bear“, die ermöglichen anonym und damit risikolos über Tabus und das Nichterfüllen gesellschaftlicher Normen zu sprechen, kann somit ein subversives, gesellschaftskritisches Potenzial innewohnen. Im Falle des Bears besteht dieses Potenzial nicht nur aus der reinen Codierung des Memes, also der Schaffung einer Sprechfunktion für sonst nicht Aussprechbares, sondern auch durch das Aufzeigen der dem Meme inhärenten Dialektik von Norm und Abweichung bzw. ihre gegenseitige Bedingtheit.

[...]


[1] Münker, Stefan (1997): „Vorwort“ in Münker, Stefan; Roesler, Alexander (Hrsg.): Mythos Internet. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag (edition suhrkamp SV) S. 11 ff.

[2] Poster, Mark (1997): „Elektronische Identitäten und Demokratie“ in Münker, Stefan; Roesler, Alexander (Hrsg.): Mythos Internet. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag (edition suhrkamp SV) S.

[3] Vgl. ebd. S. 152 ff.

[4] Anmerkung: Poster ist sich des utopischen Charakters seiner Argumentation bewusst. Er skizziert lediglich die Konturen dessen, was möglich sein könnte, als zukunftsweisende Vision.

[5] Gerlitz, Carolin (2011): „Die Like Economy. Digitaler Raum, Daten und Wertschöpfung“ In: Leistert, Oliver; Röhle, Theo (Hrsg.): Generation Facebook. Über das Leben im Social Net. Bielefeld: transcript Verlag. S. 101 f.

[6] Vgl. eb.

[7] Vgl. O’Reilly, Tim (2005): Was ist Web 2.0? Entwurfsmuster und Geschäftsmodell für die nächste Software Generation. URL: http://www.oreilly.de/artikel/web20_trans.html (Zuletzt aufgerufen: 10.06.2015). S. 2 ff.

[8] Vgl. Lobo, Sascha (2014): „Abschied von der Utopie. Die digitale Kränkung des Menschen“ URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/abschied-von-der-utopie-die-digitale-kraenkung-des-menschen-12747258.html. S. 2 ff.

[9] Vgl. ebd.

[10] Shifman, Limor (2014): Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter. Erstausgabe. Berlin: Suhrkamp Verlag. (edition suhrkamp SV) S. 44.

[11] Vgl. ebd. S. 23 f.

[12] Ebd. S. 107.

[13] Vgl. Ebd. S. 108.

[14] http://allthingsd.com/20120412/meet-9gag-the-community-comedy-site-thats-growing-like-crazy/ (Zuletzt aufgerufen am 10.06.2015).

[15] http://www.alexa.com/siteinfo/9gag.com (Zuletzt aufgerufen am 10.06.2015).

[16] https://www.facebook.com/9gag/likes (Zuletzt aufgerufen am 10.06.2015).

[17] https://www.facebook.com/reddit?fref=ts (Zuletzt aufgerufen am 04.06.2015).

[18] https://www.facebook.com/9gag (Zuletzt aufgerufen am 10.06.2015).

[19] http://knowyourmeme.com/memes/confession-bear (Zuletzt aufgerufen am 09.06.2015).

[20] Shifman, Limor (2014) S. 110.

[21] CB 8.

[22] CB 12.

[23] CB 11.

[24] Anmerkung: Ob sich das Bedürfnis nach dieser Form der anonymen Selbstdarstellung tatsächlich aus dem Gefühl von Entfremdung und Scham, und damit verbunden dem Wunsch nach Vergebung oder Verständnis, konstituiert ist unklar. Ebenso können die Posts bloße Mittel zum Erlangen medialer Aufmerksamkeit sein.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Produktion und Rezeption des Memes „Confession Bear“ als Ermächtigung zur Verhandlung gesellschaftlicher Normen
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Netzwerke: Technik, Geschichte, Epistemologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V302704
ISBN (eBook)
9783668008625
ISBN (Buch)
9783668008632
Dateigröße
974 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Meme, Internetutopie, Confession Bear, 9GAG, Plattform, Gesellschaftskritik, Internetmeme, Shifman, reddit, Mark Poster
Arbeit zitieren
Sandra Mühlbach (Autor), 2015, Produktion und Rezeption des Memes „Confession Bear“ als Ermächtigung zur Verhandlung gesellschaftlicher Normen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302704

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