[...] Vor diesem Hintergrund werden in dieser Arbeit die Herausforderungen und Perspektiven der Euro-Mediterranen Partnerschaft untersucht, die mit dem Fortschreiten des Barcelona-Prozesses seit seiner Lancierung in einem Spannungsverhältnis zwischen Dominanz und Partnerschaft stehen. Die Partnerschaft bietet zwar eine nie da gewesene Chance, mit den südlichen und östlichen Nachbarn im Mittelmeer einen multilateralen Rahmen für politischen und kulturellen Dialog und wirtschaftliche Kooperation zu schaffen, birgt aber gleichzeitig unkalkulierbare Risiken für die Staaten und Gesellschaften im Süden. Zunächst wird im ersten Kapitel die geostrategische Bedeutung des Mittelmeers nicht nur als außenpolitischer Handlungsraum der EG/EU seit ihrer Gründung, sondern auch als Raum vitaler unterschiedlicher Interessen von konkurrierenden Mächten, der trotz des Zusammenbruchs des bipolaren Systems an Relevanz nicht verloren hat - wie es der Fall für andere Regionen in der Welt war - hervorgehoben. Danach wird die neue Mittelmeerpolitik als Reaktion der EU auf die veränderten Rahmenbedingungen auf regionaler und globaler Ebene untersucht. Dabei geht es vor allem um die neue Sicherheitslage im Süden, die nach dem Ausbruch von regionalen Konflikten und der Zunahme von auf Terror als politisches Mittel setzenden fundamentalistischen Bewegungen ein bedrohliches Ausmaß angenommen hat. Zu diesem Zweck wird zwischen vier Analyseebenen differenziert: dem Wandel im internationalen System, dem europäischen Integrationsprozess und den nationalen Interessen der Mitgliedstaaten. Ihnen gegenüber stehen die MDL, die sich ebenfalls zwangsweise einem sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Wandlungsprozess zu unterziehen haben. Die in diesem Zusammenhang untersuchten Bedingungsfaktoren sind deshalb von großer Bedeutung, weil sie die weitere Entwicklung der Mittelmeerpolitik erheblich beeinflussten und eine umfassende globale Strategie seitens der EU gegenüber den südlichen und östlichen Nachbarn im Mittelmeer unmittelbar hervorbrachten. Allerdings erwies sich die EU, die damals im Lauf des Integrationsprozesses selber an einer Reihe von strukturellen Probleme bezüglich der Prioritätensetzung ihrer Außenbeziehungen und der Dualität im EU-System gelitten hat, als unfähig, sich den Problemen der Mittelmeerregion zu widmen und dabei ihrem Ruf als internationaler Akteur in der Weltpolitik gerecht zu werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung S. 3
1.1 Fragestellung S. 5
1.2 Stand der Forschung S. 8
2. Mittelmeerpolitik: Vom kolonialen Erbe zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit S. 10
2.1 Das Mittelmeer als außenpolitischer Handlungsraum der „Zivilmacht“ Europa S. 10
2.2 Die geostrategische Bedeutung des Mittelmeerraums S. 13
3 Die Mittelmeerpolitik: Regionale und globale Herausforderungen S. 15
3.1 Wandel im internationalen System S. 15
3.2 Der europäische Integrationsprozess S. 16
3.3 Die Europäisierung der Mittelmeerpolitik S. 19
3.4 Die politischen und ökonomischen Entwicklungen in den MDL S. 21
3.4.1 Regionaler Zusammenschluss in Nordafrika S. 21
3.5 Die europäische Mittelmeerstrategie: Neue Orientierung S. 24
4. Die Euro-mediterrane Partnerschaft: Erfolgschancen und Hindernissen S. 25
4.1 Grundlage der zukünftigen Partnerschaft S. 25
4.2 Genese der Euro-Mediterranen Partnerschaft S. 28
4.3 Struktur und Konzeption des Barcelona-Prozesses S. 29
5. Herausforderungen und Perspektiven des Barcelona-Prozesses S. 32
5.1 Politische und Sicherheitspartnerschaft: Interessen und Zielkonflikte S. 33.
5.1.1 Demokratisierung oder Stabilisierung? S. 33
5.1.2 Der Nahostkonflikt: Hindernis für die EU-Mittelmeerpolitik S. 36
5.2 Wirtschafts- und Finanzpartnerschaft: Schaffung einer Zone gemeinsamen Wohlstandes? S. 41
5.2.1 Ökonomische Asymmetrie im Schatten des Freihandels S. 42
5.2.2 Die Islamische Herausforderung? S. 49.
5.2.3 Auswirkungen und Perspektiven einer Freihandelszone S. 54
5.3 Partnerschaft im kulturellen, sozialen und menschlichen Bereich S. 57.
5.3.1 Ziele und Instrumente
5.3.2 Zivilgesellschaft: Demokratisierung von unten? S. 61.
5.3.3 Partnerschaft zwischen Dialog und Feindbild S. 64.
6. Schlussbetrachtung S. 67.
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit analysiert die Herausforderungen und Perspektiven der Euro-Mediterranen Partnerschaft im Kontext des Barcelona-Prozesses, wobei sie das Spannungsverhältnis zwischen europäischer Dominanz und partnerschaftlicher Kooperation untersucht und fragt, ob diese Initiative geeignet ist, Stabilität und Wohlstand in der Region zu fördern.
- Geostrategische Bedeutung des Mittelmeerraums für die EU.
- Strukturelle Probleme der EU-Außenpolitik und der Integrationsprozess.
- Effektivität der Demokratisierungsbestrebungen und der Wirtschafts- und Finanzpartnerschaft.
- Rolle von Zivilgesellschaft und interkulturellem Dialog bei der Krisenbewältigung.
Auszug aus dem Buch
Die geostrategische Bedeutung des Mittelmeerraums
Auf den Mittelmeerraum sind die Großmächte keineswegs erst mit dem Ausbruch des kalten Kriegs aufmerksam geworden. Schon 1902 vertrat der amerikanische Admiral Alfred Mahan die Einsicht, dass ein konflikthafter Zustand in den Subregionen des Mittelmeers nur vermieden werden könne, wenn die ganze Region in den Herrschaftsbereich einer dominierenden Macht einbezogen werde. Während des Kalten Kriegs aber gewann diese Ansicht an Bedeutung. Mit dem Aufbau der US-Luftwaffenstützpunkte im Maghreb und der Sicherung der Südflanke durch die Nato-Stützpunkte gelang es der westlichen Allianz, ihre Dominanz gegenüber der Sowjetunion geltend zu machen. Dabei spielte nicht nur die Containment-Politik eine Rolle, sondern auch die soliden Handelsbeziehungen (coopération privilégiée) der südlichen und östlichen Länder des Mittelmeers mit der EG haben die Dominanz der USA in der Region begünstigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet die historische Verflechtung Europas mit dem Mittelmeerraum und skizziert den Übergang von einer kolonialen Vergangenheit hin zu neuen Herausforderungen durch den Islamismus und wirtschaftliche Asymmetrien.
2. Mittelmeerpolitik: Vom kolonialen Erbe zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit: Dieses Kapitel untersucht die Entwicklung der frühen Mittelmeerpolitik der EG als Instrument außenpolitischer Einflussnahme und deren theoretische Fundierung als „Zivilmacht“.
3 Die Mittelmeerpolitik: Regionale und globale Herausforderungen: Der Fokus liegt auf dem Wandel im internationalen System nach dem Kalten Krieg und den daraus resultierenden sicherheitspolitischen und ökonomischen Anforderungen an die EU.
4. Die Euro-mediterrane Partnerschaft: Erfolgschancen und Hindernissen: Hier wird die Genese des Barcelona-Prozesses und die strukturelle Konzeption der Partnerschaft als multilaterales Rahmenwerk analysiert.
5. Herausforderungen und Perspektiven des Barcelona-Prozesses: Dieses zentrale Kapitel behandelt detailliert die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Säulen der Partnerschaft sowie die damit verbundenen Zielkonflikte, insbesondere im Hinblick auf den Nahostkonflikt und die Demokratisierungsbestrebungen.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit bewertet kritisch die Implementierung des Barcelona-Prozesses und die Diskrepanz zwischen den hehren Zielen der EU und den realpolitischen Ergebnissen.
Schlüsselwörter
Barcelona-Prozess, Euro-Mediterrane Partnerschaft, Mittelmeerpolitik, Europäische Union, MDL, Sicherheitspolitik, Freihandelszone, Demokratisierung, Islamismus, Zivilgesellschaft, Nahostkonflikt, Zivilmacht, wirtschaftliche Asymmetrie, Migration, Krisenmanagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die europäische Mittelmeerpolitik und den im Jahr 1995 ins Leben gerufenen Barcelona-Prozess. Sie analysiert, wie die EU versucht, durch ein multilaterales Partnerschaftsmodell Stabilität und wirtschaftlichen Wohlstand im südlichen und östlichen Mittelmeerraum zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die sicherheitspolitische Architektur, die wirtschaftliche Integration durch eine Freihandelszone, die Demokratisierungsanstrengungen der EU sowie die Rolle des interkulturellen Dialogs angesichts zunehmender gesellschaftlicher Spannungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der partnerschaftlichen Rhetorik der EU und der tatsächlichen Implementierung ihrer Mittelmeerstrategie aufzudecken, insbesondere im Spannungsfeld zwischen Dominanz und einer echten Zusammenarbeit mit den Mittelmeerdrittländern (MDL).
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine politikwissenschaftliche Analyse durch, die auf der Auswertung von offiziellen EU-Dokumenten, internationalen Verträgen sowie einer umfassenden Literaturrecherche zu den euro-mediterranen Beziehungen und sicherheitspolitischen Diskursen basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil werden die politische und Sicherheitspartnerschaft, die Herausforderungen der Wirtschafts- und Finanzpartnerschaft, der Umgang mit dem Islamismus sowie die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure als Instrumente für Demokratisierungsprozesse untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Barcelona-Prozess, Zivilmacht Europa, Freihandelszone, Demokratisierungsdefizite, Sicherheitsrisiken im Mittelmeer und das Konzept der Euro-Mediterranen Partnerschaft.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Nahostkonflikts für die Partnerschaft?
Der Autor konstatiert, dass der festgefahrene Nahostkonflikt ein zentrales Hindernis für die EU-Mittelmeerpolitik darstellt, da er die sicherheitspolitische Zusammenarbeit lähmt und die EU-Initiativen durch die unterschiedlichen Interessen der Konfliktparteien und der USA oft überlagert werden.
Warum ist laut der Arbeit die Einbeziehung der Zivilgesellschaft in den MDL so schwierig?
Die Arbeit führt aus, dass Versuche einer „Demokratisierung von unten“ an den autokratischen Machtstrukturen der MDL sowie an dem Misstrauen gegenüber westlicher Einflussnahme scheitern, weshalb diese Programme oft politisch wirkungslos bleiben oder umstrukturiert werden müssen.
- Quote paper
- MA Youssef Fargane (Author), 2004, Die Mittelmeerpolitik der Europäischen Union und die Euro-Mediterrane Partnerschaft: Herausforderungen und Perspektiven des Barcelona-Prozesses seit November 1995, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30287